Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
Schließen

Navigation:

Achtundvierzigstes Kapitel.

Paula wußte jetzt, was sie bedrohte. Der Bischof Johannes war es, der es ihr mitgeteilt hatte, wenn auch schonend und mit der Versicherung, immer noch fest an der Hoffnung zu halten, die Ausführung des sündhaften heidnischen Gräuels verhindern zu können; doch auch ohne den Prälaten würde die Verurteilte erfahren haben, was ihr bevorstand; denn zahlreiche Volkshaufen sammelten sich täglich vor dem Gefängnis, und über seine hohe Mauer drang lautes Geschrei, das »die Nilbraut« zu sehen verlangte.

Oft galten ihr lebhafte Heilsrufe; hatten sich indessen die Unsinnigen vergeblich heiser geschrieen, so schmähten sie sie schändlich. Der Ruf: »Die Nilbraut!« kam von früh bis spät nicht zum Schweigen, und der Kerkermeister war froh, daß der Bischof es ihm abgenommen, Paula zu erklären, was das verhängnisvolle Wort bedeute, nach dessen Sinn sie sich schon wiederholentlich bei ihm erkundigt. Anfänglich hatte diese neue furchtbare Gefahr sie tief erschreckt und erschüttert, doch um ruhig und, ging es an, heiter vor dem kranken Vater zu erscheinen, bot sie alles auf, um festzuhalten an der Hoffnung des Bischofs. Und dies glückte ihr einigermaßen, so lang es Tag war, doch bei Nacht überfiel sie marternde Angst, und ihre Einbildungskraft zeigte ihr sich selbst, wie sie, von rasenden Volkshaufen umgeben, an den Strom geschleppt und vor tausend Augen in das nasse Grab geschleudert wurde. Da half kein Gebet, kein Sträuben und Ringen, keiner der zärtlichen Liebesgrüße, die ihr so oft von Orion zukamen, kein Lied, das er in den kurzen Mußestunden, die er sich gönnte, der Geängstigten zusang, kein Trostwort des Bischofs, kein Besuch lieber Freunde.

Diesen führte der Wärter ihr zu, so oft es nur anging, und unter diejenigen, welche den Weg zu ihr fanden, gehörten auch der Senator Justinus und seine Gattin Martina.

Zu ihrem Glücke hatten diese, sobald die Badesklaven der Witwe Susanna sich niedergelegt und ihnen die Aeußerung des Arztes, er halte ihr Leiden für den Anfang der Seuche, zu Ohren gekommen war, das Haus ihrer Gastfreundin verlassen und sich wieder in der Herberge des Sostratus einquartiert, doch ihr aus der Sklaverei befreiter Neffe Narses war bei der Mutter Katharinas verblieben.

Eigentlich hatte er ihnen mit Heliodora folgen sollen, doch als diese beiden eben zum Aufbruch bereit gewesen, hatte die Seuche schon Frau Susanna ergriffen, und die Obrigkeit jeden Austritt aus ihrem Haus untersagt.

Heliodora allein wär' es vielleicht geglückt, in die Stadt zu entkommen, doch sie wollte den unglücklichen Schwager um keinen Preis verlassen; denn nur in ihrer Gegenwart fühlte er sich wohler, nur von ihr ließ er sich pflegen, und er verschmähte Speis' und Trank, wenn sie es nicht war, die sie ihm reichte. Dazu war der früher so rüstige Reiteroffizier in seinem Siechtum ihrem verstorbenen Gatten so rührend ähnlich geworden, wußte sie, daß Narses sie schon vor jenem geliebt und ihr nur um des Bruders willen seine Neigung verschwiegen. Ihr pflegsamer Sinn fand Befriedigung, und die Sorge um den halb vernichteten und doch nicht völlig verlorenen jungen Mann, der Wunsch, ihn dem Leben zurückzugewinnen, hielt sie Tag und Nacht aus den Füßen und ließ ihr alles andere nebensächlich und nichtig erscheinen. Ihr Dasein hatte wieder einen Inhalt, ihr Streben ein erreichbares Ziel gewonnen, und sie widmete sich ihm mit Leib und Seele.

Ihr Oheim hatte ihr anvertraut, eine ernste Leidenschaft fessele Orion an Paula.

Das war ein schmerzlicher Schlag gewesen, doch die Damascenerin hatte sie gezwungen, zu ihr aufzuschauen, und es that ihrem verletzten Selbstbewußtsein wohl, den geliebten Jüngling an keine Geringere zu verlieren.

Wenn sich die Sehnsucht nach ihm in mancher stillen Stunde dennoch mächtiger regte, empfand sie es wie ein Unrecht, wie eine Verkürzung, die sie ihrem Pflegling zufügte.

Was Katharina anging, so war Heliodora außer ihrer Mutter der vorzüglichste Gegenstand ihrer Sorge. Die leiseste Klage dieser beiden ängstigte sie grausam, und wenn Susanna sich ermattet von der Hitze auf den Diwan warf oder die junge Frau nach einer bei ihrem Kranken durchwachten Nacht über die alten Kopfschmerzen klagte, wurde das Mädchen bleich, fühlte es quälendes Herzklopfen, sah es die eine wie die andere von der Seuche ergriffen, mit glühendem Haupt und den schrecklichen, verhängnisvollen Flecken auf Stirn und Wange vor dem inneren Auge, und sobald dergleichen Aengste der jungen Missethäterin von fern nahten, fühlte sie jedesmal den unseligen Druck an der Stelle des Kopfes, auf der die fieberheiße Hand des kranken Bischofs gelegen.

Die Gattin des Senators hatte seit Paulas Verhaftung ihr Verhalten gegen das Bachstelzchen so sehr geändert, daß sie Katharina wie ein wandelnder Vorwurf erschienen war und sie das würdige Paar ihr Haus nicht ungern hatte verlassen sehen. Aber kaum waren sie fort, als sich an ihrer Stelle das schwerste Unglück bei ihr zu Gast lud.

Der mit der Heizung des Bades betraute Sklave hatte einen Teil der verpesteten Kleider, die man ihm zum Verbrennen übergeben, beiseite geschafft, und sein Sohn ihm dabei geholfen, und ihre Amme, die Mutter ihres Milchbruders Anubis, war gleich nach ihrer Heimkehr von der Zauberin und dem Bischof in persönliche Berührung mit ihr gekommen. Diese drei hatte die Seuche zuerst ergriffen. Sie waren in die Krankenzelte gebracht worden, und zwar der ältere Heizer und die Amme als Leichen.

Aber hatte man mit ihnen auch die furchtbare Plage aus dem Hause geschafft? Wenn nicht, dann kamen diejenigen an die Reihe, welche sie selbst dem Unhold in die Arme gestoßen: erst Heliodora und dann die Mutter. Eigentlich hätte sie diesen vorangehen müssen, und wenn die Seuche die anderen ergriff, und der Tod stieß sie selbst ins Grab, so erwies er ihr damit eine Gnade.

Sie war noch so jung, und doch haßte sie das Leben, das ihr nichts mehr gewährte als Demütigung, Enttäuschung und Pfeilschüsse, die ihr Herz aus dem Kerker her bis ins Innerste trafen, und grausame Todesangst, die nie zur Ruhe kam, weder bei Tag noch bei Nacht.

Als der Arzt kam, um die kranken Sklaven in die Wüstenzelte zu schaffen, erzählte er beiläufig, die Richter hätten die Tochter des Thomas zum Tode verurteilt, und das Volk, sowie der Senat seien trotz des Widerspruchs des neuen Bischofs entschlossen, sie einer alten Sitte gemäß als Opfer in den Strom zu schleudern. Das Schicksal Orions werde sich erst morgen entscheiden, doch vor den jakobitischen Richtern gereiche es ihm zum schwersten Nachteil, daß er sich die Melchitin zur Gemahlin erkoren.

Da mußte sich Katharina an den Lehnstuhl der Mutter stützen, um nicht in die Kniee zu sinken, und mit glühenden Wangen fragte sie den Arzt aus, bis er die Geduld verlor und sie unwillig über solch ein Uebermaß an weibischer Neugier verließ.

Ja, »die Andere« war nun vor aller Welt seine Braut; doch sie war es nur, um zu sterben! Wie ein heißer Strom durchwogte es sie bei diesem Gedanken, und sie hätte laut auflachen und jedem um den Hals fallen mögen. Gräßliche, böse Schadenfreude war es, was sie ergriff, aber auch sie bot Wonne, köstliche Wonne; eine Höllenblume war sie, doch mit glänzenden Blättern und berauschendem Duft. Aber ihre Farben blendeten, und vor dem Duft empfand sie bald Abscheu. Banges Entsetzen vor sich selbst überkam sie, und doch hätte sie immer wieder aufjauchzen mögen, wenn es ihr durch den Sinn schoß: »Die Andere muß sterben!«

Die Mutter fürchtete, ihre Tochter werde gleichfalls erkranken; denn ihre Augen glühten so seltsam, sie war so unruhig und krampfhaft erregt.

Seitdem Heliodora die markerschütternde Kunde von Orions und Paulas Verlobung mit unbegreiflicher, wenn auch schmerzlicher Ruhe hingenommen, war sie für das heißblütige Mädchen nur noch ein schwächliches, keiner Beobachtung würdiges Nichts.

Und um ihretwillen hatte sie etwas begangen, das einem Mordversuche so gleich sah wie eine Natter der andern, hatte sie das Leben der eigenen Mutter gefährdet! Es war zum Verzweifeln, um sich selbst mit Ruten zu schlagen.

Als ihr Frau Susanna am Abend den Nachtkuß bot, klagte sie über einen leichten Schmerz im Halse und ihre Lippen, die angeschwollen seien, wenn sie nicht irre.

Da hielt Katharina sie zurück, fragte sie mit bebender Stimme aus, näherte das Licht ihrem Munde und suchte mit angehaltenem Atem auf ihrem Antlitz, ihrem Halse und ihren Armen nach den furchtbaren Flecken. Doch sie konnte keine entdecken, und Frau Susanna lächelte über ihre Aengstlichkeit und nannte sie ihr gutes, sorgsames Kind und warnte sie, sich zu sehr zu fürchten, weil dies die Seuche anlocken solle.

In der Nacht fand das Mädchen keinen Schlummer. Die Schadenfreude war verflogen, und lauter schmerzliche Gedanken und beängstigende Bilder bedrängten sie wachend und noch unabweisbarer im Halbschlaf.

Als es dämmerte, wurde ihre Angst um die Mutter so mächtig, daß sie aufsprang und sich zu ihr begab, doch sie schlief so fest, daß sie ihr Kind nicht einmal kommen hörte. Beruhigt zog sich Katharina wieder zurück; aber am Morgen traf das Gefürchtete ein – Frau Susanna konnte sich nicht mehr vom Lager erheben, fieberte, und über den Lippen, denselben Lippen, mit denen auch sie ihre verpesteten Locken geküßt, zeigten sich zwischen Mund und Nase tatsächlich und unleugbar die ersten schrecklichen Flecken.

Der Arzt erschien und erteilte Gewißheit

Die Villa wurde abgesperrt.

Der Heilkünstler und Frau Susanna, die noch bei voller Besinnung war, wünschten, drangen darauf, befahlen, daß Katharina in das Gärtnerhaus übersiedle, sie aber weigerte sich mit eisernem Trotz und erklärte, lieber zu sterben als sich von der Mutter zu trennen.

Außer sich, warf sie sich über die Kranke, um den roten Fleck an ihrem Munde zu küssen und der Seuche von ihm aus den Weg in das eigene Blut zu bahnen, doch der Arzt zog sie unwillig zurück, und die Leidende schalt sie mit feuchten Augen, aus denen ihr innige Liebe entgegenglänzte.

Von nun an durfte sie die Pflege der Mutter leiten. Zwei Nonnen unterstützten sie dabei und erklärten nicht nur der Leidenden, sondern auch einander hinter dem Rücken der reichen Witwe, eine gleich hingebende, liebevolle Tochter sei ihnen noch nicht begegnet. Auch dem Bischof Johannes, der sich nicht scheute, in die Häuser der Verseuchten zu treten und ihnen Trost zuzusprechen, rühmten sie das Verhalten Katharinas, und er, der in dem Bachstelzchen bis dahin nur ein flinkes, munteres Kind gesehen, begegnete ihr mit Achtung, ging mit ihr wie mit einer Erwachsenen in Gespräche ein und beantwortete eingehend und ernst ihre Fragen, die sich größtenteils auf Paula bezogen.

Voller Bewunderung vor der Seelengröße der Tochter des Thomas erzählte der Prälat dem Mädchen, wie sie, um den Geliebten zu retten, ein Vergehen auf sich genommen, das sie jeden Anrechts auf Gnade beraube. Die Damascenerin sei nur eine Melchitin, aber aus Liebe eines andern Schuld so freudig auf sich nehmen, wenn irgend etwas, so heiße das in der Nachfolge Christi wandeln.

Da zuckte Katharina die Achseln, wie um zu sagen: »Und das findest Du groß? Wäre das Gleiche nicht etwa auch mir ein Leichtes?«

Und der Priester nahm es wahr und ermahnte sie in freundlichem Ton, sich vor geistigem Hochmut zu hüten, obgleich sie sich ja das Recht erworben, sich auch das Schwerste zuzutrauen, und nicht aufhöre, ein Beispiel kindlicher und christlicher Liebe zu geben.

Damit entfernte er sich, und Katharina, die jedes Lob über ihr Verhalten gegen die Mutter, die ihre Schuld auf das Sterbebett geworfen, wie ein Hohn aufbrachte und quälte, kam es wiederum vor, als habe sie einen würdigen Menschen betrogen, doch den Vorwurf geistigen Hochmuts, den verdiente sie nicht; denn in diesem stillen Zimmer, auf dessen Schwelle der Tod stand, wiederholte sie sich wieder und wieder alles Furchtbare, das sie begangen, sagte sie sich unaufhörlich, daß sie von allen Sünderinnen die größte, die verruchteste sei.

Oft drängte es sie, sich einer andern Seele anzuvertrauen, ein befreundetes Auge ihre innere Not sehen und teilen zu lassen.

Dem Bischof, dem ehrwürdigsten Priester, welchen sie kannte, hätte sie besonders gern alles bekannt und sich eine Buße, je schwerer desto willkommener, von ihm auferlegen lassen, doch die Scham vor dem Begangenen hielt sie davon zurück und bestimmter, zwingender noch etwas anderes. Der Geistliche, das wußte sie, würde von ihr verlangen, mit dem alten Leben zu brechen, die alten Gefühle und Wünsche mit der Wurzel aus der Seele zu reißen und ein neues Dasein zu beginnen, und dazu war die Zeit noch nicht gekommen: ihre Liebe war ihr noch Lebensbedingung, der Haß ihr noch zu teuer. Hatte Paula, »die Andere«, ihr furchtbares Schicksal ereilt, hatte sie, Katharina, mit den alten Empfindungen im Herzen, sich daran geweidet, war es ihr gelungen, Orion zu zeigen, daß ihre Liebe zu ihm nicht weniger groß und stark und opferwillig gewesen als die der Tochter des Thomas, hatte sie ihn, wie auch immer, und es sollte und mußte geschehen, anzuerkennen gezwungen, daß er sie schmählich verkannt und an ihr gesündigt, dann, dann erst wollte sie Frieden machen mit sich selbst, der Kirche und ihrem Heiland und, mußte es sein, den Schleier nehmen und den Rest ihres jungen Lebens als Büßerin in einem Kloster oder einer einsamen Felsenhöhle vertrauern.

Aber jetzt, nachdem Paula, seine Braut, dies Große für ihn gethan, ungesehen, unbemerkt, unbeachtet, vielleicht vergessen von ihm, ein Ende machen mit ihrer Liebe, sich in sich selbst und aus seinem Gesichtskreis zurückziehen, das ging über menschliches Vermögen. Lieber zu Grunde gehen an Leib und Seele und ewiger Verdammnis, dem Satan und der Hölle verfallen, an die sie glaubte wie an das eigene Dasein.

Und so pflegte sie die Mutter weiter, sah sie, wie sich die roten Flecken über den ganzen Körper der Kranken verbreiteten und das Fieber, das sie schüttelte, an Heftigkeit zunahm von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, hörte sie mit Entsetzen und schrecklicher Lust, vor der ihr graute, und an der sie sich doch weidete, von den Vorbereitungen für das Opfer der Nilbraut, ließ sie sich durch den Bischof von Paula, ihrem sterbenden Vater und Orion erzählen, zitterte sie für die kleine Maria, die aus dem Nachbargarten verschwunden, bis sie erfuhr, daß sie das Weite gesucht, um dem Kloster zu entrinnen, vernahm sie tagtäglich, daß Heliodora, die mit ihrem Pflegling in das Gärtnerhaus übergesiedelt, noch von der Seuche verschont sei, flehte sie in dem Gebete, das sie auch jetzt noch weder abends noch morgens gen Himmel zu senden versäumte, den lieben Gott und ihre Heilige an, die junge Frau zu retten, sie selbst nicht zur Muttermörderin zu machen und ihr zu vergeben, daß durch ihren Verrat der ehrwürdige Rufinus, dem sie ja gut gewesen, und mit ihm so viele unschuldige Menschen ums Leben gekommen.

So vergingen für sie gräßliche, martervolle Tage und Nächte, und die Gefangenen, die Katharinas Schuld in den Kerker gebannt, waren glücklicher als sie, trotz des Furchtbaren, das sie bedrohte.

Das Schicksal der Geliebten quälte Orion wie hundert brennende Wunden. Unabwendbar nahte Paulas gräßliches Ende, an das nur zu denken das Gehirn sich sträubte.

Uebermorgen, der Wächter, der Senator Justinus, der Bischof hatten es ihm anvertraut, stand die Hochzeit seiner Verlobten bevor. Uebermorgen wollten sie die Braut mit nichtswürdigen Spötterhänden zu einem verruchten, fluchwürdigen Possenspiel schmücken, bekränzen und sie vermählen, nicht mit ihm, dem Bräutigam, den sie liebte, sondern mit dem Nilstrom, dem fühllosen, todbringenden Elemente.

Wie ein Wahnsinniger rannte er oft durch die Zelle, zerriß er die Saiten, wenn er beim Lautenspiel Erleichterung suchte; aber dann ertönte aus dem Nebengemach eine nüchterne, wohlmeinende Stimme, die des Rentmeisters Nilus, der ihn mahnte, die Hoffnung nicht sinken zu lassen, Gott zu vertrauen, seine Pflicht und Aufgabe nicht zu vergessen. Und dann sammelte er sich, raffte sich gewaltsam auf und stürzte sich wieder in die Arbeit.

Ob es Tag, ob es Nacht war, galt ihm gleich. Für Oel und Lampen hatte der Senator gesorgt. Wenn die Müdigkeit ihn übermannte, überließ er sich auf dem harten Lager nicht länger, als die Menschennatur dringend bedarf, kurzem Schlummer, aber sobald er ihn abgeschüttelt, versenkte er sich wieder in die Pläne und Listen, führte er die Feder, dachte, zeichnete, rechnete, erwog er, und sobald Zweifel in ihm aufstiegen und er dem eigenen Urteil und Gedächtnis nicht traute, schlug er an die Wand des Nebengemachs, und der kluge, erfahrene Freund war stets bereit, ihm nach bestem Wissen und Ermessen Hilfe zu leisten. Der Senator fuhr für ihn nach Arsinoë, um ihm Notizen über das Seeland aus dem dortigen Archiv zu verschaffen, und so schritt die Arbeit fort, näherte sie sich dem Abschluß, kräftigte und hob sie seinen sinkenden Mut, spendete sie ihm die Freude des Gelingens, ließ sie ihn manchmal auf Stunden vergessen, was wohl geeignet erschien, auch den Mutigsten in Verzweiflung zu stürzen.

So oft der Wärter, der Senator, dessen wackere Gattin Martina, Frau Johanna oder auch die Griechin Eudoxia, der jene zweimal das Glück gegönnt, sie zu begleiten, ihn besuchten, gab er ihnen eine schriftliche oder mündliche Mitteilung, wie weit die Lösung seiner Aufgabe vorwärts geschritten, für Paula mit, und es gewährte ihr Trost und innige Freude, ihm auf seinem Arbeitspfade zu folgen. Auch manches Zeichen der Liebe, Achtung, Bewunderung richtete die Gefangene auf, wenn ihr starkes Herz zu verzagen drohte.

Ach, sie quälte nicht allein das Grauen vor dem gräßlichen Tode!

Der Vater, den wiederzufinden sie für das höchste Glück ihres Lebens erachtet, siechte unter ihren pflegenden Händen rettungslos dahin. Die arme, verwundete Lunge versagte den Dienst. Nur mit Mühe und Schmerz konnte er noch wenige Tropfen Wein und einige Bissen verschlucken, und sein klarer Geist hatte sich in den letzten Tagen wie verschleiert. Vielleicht zu seinem Glück, sagte sie sich selbst, trösteten sie die Freunde.

Auch er hatte den Ruf: »Heil der Nilbraut!« »Heraus mit der Nilbraut!« »Nieder mit der Nilbraut.« vernommen, aber wenngleich er seine Bedeutung nicht ahnte, beschäftigte er ihn doch in den letzten Tagen fortwährend, und das furchtbare, eigentümlich klingende Wort schien ihm sonderlich zu gefallen; denn zu Paulas Pein murmelte er es gern bald zärtlich, bald nachdenklich vor sich hin.

Oft dachte die Jungfrau daran, ihrem Leben ein Ende zu machen, bevor das Schreckliche geschah, bevor sie sich einem ganzen Volke zur Schau stellen, sich von ihm angaffen ließ und ihm ein ergötzliches, aufregendes, grauen- und mitleiderweckendes Schauspiel bot.

Aber durfte sie es auch?

Durfte sie dem Höchsten vorgreifen, auf den sie hoffte, in dessen Hand sie sich gab in tausend stummen, brünstigen Gebeten?

Nein!

Bis zum letzten Augenblick wollte sie vertrauen und hoffen, und wunderbar, so oft sie an der Grenze des Widerstandsvermögens angelangt war und nun ganz gewiß nicht weiter zu können und unterliegen zu müssen wähnte, trat ihr etwas entgegen, woran sie sich neu aufrichten konnte, das ihr Trost oder Ermutigung brachte; denn dann kam eine Botschaft von Orion, trat Frau Johanna oder Pulcheria bei ihr ein, ließ sie der Bischof um eine Unterredung ersuchen, fand der Vater die Besinnung wieder und sprach schöne, herzerhebende Worte. Oft auch meldete der Wärter das Senatorenpaar an, dessen gesunder, heiterer Sinn immer das Rechte für sie zu treffen verstand. Besonders Frau Martina wußte mit mütterlichem Feingefühl auf alles einzugehen, was sie bewegte, und einmal zeigte sie ihr auch einen Brief Heliodoras, in dem sie der Matrone mitteilte, wie schön sich ihr Herz bei der Pflege ihres lieben Kranken beruhige und wie dankbar sie fühle, daß ihre Mühe und Sorge belohnt werde; denn Narses sei schon ein ganz anderer Mensch geworden, und sie kenne keine höhere Aufgabe, als diesen Unglücklichen wieder mit dem Leben auszusöhnen, ja es ihm lieb zu machen. Sie denke an Orion nur noch wie an ein liebes Lied, das sie einmal in einer freundlichen Stunde vernommen.

So ging auch den Gefangenen die Zeit dahin, bis sie nur noch zwei Nächte von dem Serapistage trennten, an dem die furchtbare Hochzeit gefeiert werden sollte.

Da, es war gegen Abend, ließ sich der Bischof bei Paula melden. Er hielt es für seine Pflicht, ihr mitzuteilen, daß die Vollstreckung des Urteils auf übermorgen angesetzt worden sei. Er werde an Glaube und Hoffnung festhalten bis ans Ende, doch sei seine Macht über die verführten, irregeleiteten Gemüter wie gebrochen. In jedem Falle werde er, wenn sich das Schreckliche vollziehe, an ihrer Seite bleiben, um sie durch die Würde seines Gewandes zu schützen. Er komme schon heute, um ihr Zeit zu gewähren, in jeder Hinsicht ihre Vorbereitungen zu treffen. Für ihren edlen Vater zu sorgen, bis seine letzte Stunde nahe, werde ihm eine Freude und teure Pflicht sein.

Aber so sicher sie auch längst auf das Aeußerste gefaßt war, traf sie diese Nachricht doch wie ein Blitzstrahl. Was ihr bevorstand, erschien so ungeheuerlich und ohne Beispiel, daß es nie und nimmermehr möglich gewesen wäre, ihm gefaßt und gelassen entgegenzusehen.

Eine Zeit lang mußte sie sich, ihrer selbst nicht mächtig, an ihre treue Betta klammern, und nur nach und nach fühlte sie sich im stande, dem Bischof Rede zu stehen und ihm zu danken.

Doch Johannes beklagte sein Unvermögen, sich ihre Erkenntlichkeit voll zu verdienen; denn die Antwort des Patriarchen auf seine Anklage gegen diejenigen, welche das Volk durch eine heidnische Missethat zu retten verhießen, dies Schreiben, worauf er die beste Hoffnung für sie gesetzt hatte, sei anders ausgefallen, als er erwartet. Zwar verdamme der Patriarch das ruchlose Opfer, doch geschehe es in einer Weise, der die Kraft mangle, die Irregeleiteten zu erschrecken und zu entmutigen. Dennoch wolle er versuchen, welche Wirkung dies Schreiben auf das Volk üben werde, und eine Anzahl von Kopisten habe den Auftrag erhalten, es in dieser Nacht zu vervielfältigen. Morgen würden die Abschriften an den Senat verteilt, auf dem Markt und an die öffentlichen Gebäude angeschlagen und unter die Menge verteilt werden, doch er fürchte, dies alles werde wirkungslos bleiben.

»So hilf mir denn, mich auf den Tod vorbereiten,« bat Paula dumpf. »Du bist kein Priester meiner Kirche, Johannes, doch auch sie hat keinen würdigeren Diener. Wenn Du mir im Namen Deines Heilands vergibst, so wird mir auch der meine vergeben. Zwar sehen wir ihn mit verschiedenen Augen an, doch unser Erlöser, er bleibt darum dennoch derselbe.«

Da regte sich in dem strengen Jakobiten der Widerspruch, aber er wußte ihn in dieser Stunde zu unterdrücken und erwiderte nur:

»Sprich, meine Tochter, ich höre!«

Und nun eröffnete sie ihm ihr Inneres, als sei er ein Seelenhirt ihres eigenen Glaubens, und die Augen wurden ihm feucht bei dieser Beichte eines reinen, liebeerfüllten, das Beste und Höchste erstrebenden Herzens, und er verhieß ihr die Gnade des Erlösers, und nachdem er »Amen« gesagt und sie gesegnet, blickte er eine Zeit lang zu Boden und rief dann endlich: »Folge mir, Kind!«

»Wohin?« fragte sie erschreckt; denn sie glaubte, ihre letzte Stunde sei jetzt schon gekommen, und er schicke sich an, sie auf den Richtplatz oder in ihr feuchtes, ewig strömendes Grab zu führen; er aber antwortete lächelnd:

»Nein, Kind! Heute möchte ich nur die freundliche Aufgabe erfüllen, eure Verlobung vor dem Höchsten zu segnen, wenn Du mir gelobst, Deinen Bräutigam dem Glauben seiner Väter nicht zu entfremden; denn was gibt der Mann nicht preis, den die Liebe zum Weibe ergriffen! Du versprichst es? Wohl, so führe ich Dich zu Deinem Orion.«

Damit pochte er an die Thür der Zelle, und als der Wärter sie öffnete, flüsterte er ihm einen Befehl zu, und sie folgte ihm stumm und mit glühenden Wangen, und wenige Augenblicke später lag sie an der Brust des Geliebten, und zum ersten-, vielleicht zum letztenmal für das ganze Leben fanden seine Lippen die ihren.

Kurze Zeit ließ der Prälat sie beisammen, und nachdem er sie beide und ihr Verlöbnis gesegnet, führte er sie wieder in die Zelle zurück; dort aber fand sie kaum Zeit, ihm aus der Fülle des überströmenden Herzens zu danken; denn ein Sicherheitswächter berief ihn in das Haus der Witwe Susanna; ihre letzte Stunde war nah', wenn nicht schon gekommen.

Unverzüglich folgte Johannes dem Boten, Paula aber blickte ihm tief atmend nach. Dann warf sie sich an die Brust der Amme und rief:

»Nun komme, was mag! Nichts kann uns mehr trennen, auch nicht der Tod!«

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.