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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Sechsundvierzigstes Kapitel.

Während Rustem, dem Maria das Gold des Juweliers anvertraut hatte, die Vorbereitungen zur Reise mit der Umsicht des geübten Karawanenführers traf und Maria und ihre Erzieherin die Perserin Mandane trösteten und ihr vorstellten, daß Rustems Reise bestimmt sei, Paula das Leben zu retten, fand im Gerichtssaal eine neue Sitzung statt.

Diesmal war Orion der Angeklagte. Kaum hatte er sich in die Pläne und Listen zu vertiefen begonnen, deren er für seine Arbeit bedurfte, als man ihn vor die Schranken berief.

Die Zusammensetzung des Gerichtshofs war dieselbe wie gestern.

Zu den Zeugen waren außer Paula der neue Bischof Johannes, sowie auch der Juwelier Gamaliel gekommen, welcher, bald nachdem ihn Maria verlassen, einen Ruf vor Gericht erhalten.

Der Ankläger beschuldigte den Sohn des Mukaukas, einen kostbaren Smaragd, der von seinem Vater der Kirche vermacht worden sei, trotz der Mahnung des Patriarchen unterschlagen zu haben.

Orion übernahm seine Verteidigung selbst, wiederholte alles, was er dem Kirchenfürsten gegenüber im Arbeitszimmer seines Vaters zu seiner Rechtfertigung vorgebracht hatte, und erklärte darauf, dieser widrigen Sache dadurch ein schnelles Ende machen zu wollen, daß er den Stein herausgebe und ihn den Richtern zur Verfügung stelle.

Damit übergab er Paulas Smaragd dem Kadhi, und dieser händigte ihn dem Bischof ein. Doch Johannes zeigte sich noch nicht befriedigt, sondern verlas das schriftliche Zeugnis der Witwe Susanna, welche zugegen gewesen war, wie der verstorbene Mukaukas Georg im Beisein seines Sohnes sämtliche in dem persischen Teppich enthaltenen Juwelen als sein Geschenk an die Kirche bezeichnet hatte. Orion sei also einer Hinterziehung verdächtig, und es werde schwer halten, festzustellen, ob der schöne Stein dort auf dem Tische derjenige sei, auf welchen die Kirche Anspruch besitze.

Das alles ward mit großer Lebhaftigkeit vorgebracht und trug den Stempel feindseliger Gesinnung.

Gehorsam und Ueberzeugung zwangen den eifrigen Prälaten zu diesem Verhalten; denn dieselbe Taubenpost, durch welche der Patriarch ihn zum Bischof ernannt hatte, forderte ihn auf, die Bestrafung Orions durchzusetzen, der ein Dorn sei im Fleische der jakobitischen Kirche, ein räudiges Schaf, das die gesunden anzustecken drohe. Wenn der Jüngling einen Smaragd ausliefern werde, so sei genau zu prüfen, ob es der rechte oder ein untergeschobener Stein sei.

Daraufhin hatte der Bischof seinem Mißtrauen Ausdruck gegeben, und wenn dies auch unter den arabischen Richtern ein unwilliges Gemurmel hervorrief, ging der Kadhi doch auf den Argwohn des Prälaten ein, indem er erklärte, daß gestern Abend ein Brief seines Oheims, des Kaufherrn Haschim, aus Dschidda bei ihm eingelaufen sei, in dem auch des Smaragds Erwähnung geschehe. Sein Sohn habe den Stein ohne sein Wissen vor seinem Aufbruch nach Aegypten gewogen, und hier sei die genaue Angabe des Gewichtes. Der Juwelier Gamaliel sei mit der Wage hieher beschieden worden und möge sie zur Beruhigung des Bischofs in Thätigkeit setzen.

Ungesäumt ging der Jude ans Werk, und der alte Horus Apollon, der sich auf diese Dinge aufs genaueste verstand, rückte ihm dabei ganz nahe, um jede seiner Bewegungen argwöhnisch zu überwachen.

Mit fiebernden Pulsen hingen Orion und Paula, scharf gespannt alle übrigen Anwesenden an den Händen und Lippen des Juweliers, welcher der ersten Wägung bald eine zweite folgen ließ. Die dritte unternahm der Greis mit scharfem Blick, doch leise bebenden Fingern, und alle drei lieferten das gleiche Ergebnis: dieser Stein war um einige Durrakörner schwerer als derjenige, welchen der Sohn des Kaufherrn gewogen, und dennoch erklärte der Juwelier, daß sich unter allen Smaragden der Welt kein reinerer, tadelloserer und schönerer befinde.

Erleichtert atmete Orion auf, und unter den Richtern erhob sich die Frage, ob der junge Araber sich einer Ungenauigkeit schuldig gemacht habe oder ob hier in der That eine Vertauschung vor sich gegangen. Doch daran war schwer zu denken; denn sie hätte ja dem Angeklagten zum Nachteil, der Kirche zum Vorteil gereicht.

Der billig denkende Bischof sagte sich nun, das Mißtrauen des Kirchenfürsten gehe in diesem Falle doch wohl zu weit, und öffnete in dieser Angelegenheit nicht wieder die Lippen.

Der Wekil Obada hatte sich während dieser ganzen Verhandlung Schweigen auferlegt, doch der herausfordernde, siegesgewisse Blick, mit dem er bald Paula, bald Orion maß, stellte das Schlimmste in Aussicht.

Nachdem der Ankläger den Jüngling auch der Teilnahme an der vielbesprochenen blutigen Flucht beschuldigt, beteuerte dieser seine Unschuld und hob hervor, daß er sich während des verhängnisvollen Kampfes zwischen den Arabern und den Beschützern der Nonnen in Gesellschaft des Feldherrn Amr befunden habe, wie dieser bestätigen werde. Durch eine unerhörte That der Willkür sei er auf einen bloßen falschen Verdacht hin seines Besitzes und der Freiheit beraubt worden, und er hoffe zunächst auf einen gerechten Spruch der Richter, dann aber auch auf Schutz und Genugtuung von seiten seines Herrn, des Chalifen.

Dabei blickte er mit flammenden Augen auf den Wekil, doch der Schwarze wußte auch jetzt die Ruhe zu bewahren, und dies steigerte die Besorgnis derer, die es wohl mit dem Jünglinge meinten.

Obada, dies ging aus allem hervor, mußte überzeugt sein, seinem Opfer die Schlinge sicher um den Hals geworfen zu haben, und bald zeigte sich auch, was ihn dazu bestimmte; denn nachdem Orion seine Verteidigung kaum geschlossen, erhob er sich und überreichte dem Kadhi mit einem hämischen Grinsen das Täfelchen, welches der Alte ihm gestern überlassen, nannte es ein an die Damascenerin gerichtetes Schreiben und ersuchte den Kadhi, Kenntnis davon zu nehmen. Die Hitze habe zwar manches im Wachs auf der Tafel verwischt, doch die meisten Buchstaben seien immer noch erkennbar. Der würdige Horus Apollon habe sie schon entziffert und sich bereit erklärt, den Richtern vorzulesen, was der Angeklagte, den die eigene Rede ja als weiße Taube hinstelle, in seiner Unschuld und Wahrhaftigkeit für seine schöne Braut niedergeschrieben.

Dabei winkte er dem Greise und unterstützte ihn, als er sich mühsam erhob; doch der Kadhi ersuchte ihn, zu warten, ließ sich durch den Dolmetscher von dem Inhalt des Briefes unterrichten und wandte sich, nachdem dieser mit vieler Mühe seine Pflicht erfüllt, nicht an den Greis, sondern an Obada und fragte ihn, woher dies Schriftstück stamme.

»Ans dem Pult der Damascenerin,« versetzte der Schwarze. »Mein alter Freund dort hat es darin entdeckt.«

Dabei wies er auf Horus Apollon, und dieser bestätigte seine Aussage durch einen beistimmenden Wink.

Nun erhob sich der Kadhi, schritt auf die Jungfrau zu, der das Blut vor Entrüstung aus den Wangen gewichen, wies ihr das Täfelchen und fragte sie, ob sie es als das ihre anerkenne, und Paula erwiderte, nachdem sie sich von seinem Zustand genau überzeugt, mit einem Blick auf den Alten, aus dem ihm Verachtung und Abscheu entgegenflammten:

»Ja, Herr, es ist das meine. Dieser unwürdige Greis nahm es mit ruchloser Hinterlist aus meinen Schriften.«

Einen Augenblick stockte ihr die Stimme, dann aber wandte sie sich den Richtern zu und rief:

»Wenn unter euch einer ist, dem Hilflosigkeit und Unschuld heilig und Arglist und Tücke verhaßt sind, so begibt er sich zu der Gattin des Rufinus, über deren Schwelle dieser da wie der Marder in den Taubenschlag geschlichen, aus keinem andern Grunde geschlichen ist, als um gastliche Güte mit Füßen zu treten, ihr Haus zu durchstöbern und zu entwenden, was ihm nützen kann zu seinen bübischen Zwecken, und warnt die verlassene Frau vor dem verräterischen Auskundschafter und Diebe!«

Da hob der Alte schnaufend und keines Wortes mächtig den dürren Arm, die christlichen Richter flüsterten einander gar verschiedene Meinungen zu, der Jude Gamaliel aber schob den runden Körper auf der Zeugenbank hin und her, pochte sich lebhaft und unablässig mit den Fingerspitzen an die Brust und suchte bald Paulas, bald Orions Augen auf sich zu ziehen, um anzudeuten, daß er der Mann sei, die Frau des Rufinus zu warnen. Doch ein Faustschlag des Wekil, der seine Schulter unerwartet traf, brachte ihn zur Ruhe, und während er sich leise wimmernd die schmerzende Stelle rieb und es nicht wagte, den mächtigen Mann wegen seiner Gewaltthat zurechtweisen zu lassen, übergab der Kadhi dem Greis die Tafel und forderte ihn auf, den Brief zu verlesen.

Doch die furchtbare Anklage, welche diesem von der verhaßten Patriciustochter ins Gesicht geschleudert worden war und seiner Uebersiedlung in das Haus des Rufinus Beweggründe unterschob, die ihr in Wirklichkeit fern gelegen, hatten ihn so tief erregt und empört, daß ihm seine alte, ohnehin schwer atmende Lunge den Dienst versagte.

Ein neues Unrecht war ihm von diesem Weibe zugefügt worden; denn die freundlichste Absicht hatte ihn zu den Frauen geführt, und nur ein Zufall ihm das Täfelchen in die Hand gespielt. Dennoch mußte der Witwe des Rufinus die Beschuldigung, er sei als Spion in ihr Haus gedrungen, heute noch zu Ohren kommen, und dann war es wohl auf immer aus mit den köstlichen letzten Tagen, von denen er geträumt, und sogar sein Philipp konnte im stande sein, mit ihm zu brechen.

Alles, alles durch die Schuld dieses Weibes!

Er fand keine Worte, doch wie er sich auf die Zeugenbank zurücksinken ließ, traf Paula ein Blick, so gesättigt von Haß, so übervoll von Gift und Groll, daß sie leise zusammenschauderte und sich sagte, dieser Mann sei bereit, selbst unterzugehen, um ihr den Untergang zu bereiten.

Doch der Dolmetscher begann schon Orions Brief zu verlesen und ihn den Arabern zu übersetzen, und während er stammelnd und mit der Versicherung, kein Buchstabe sei deutlich zu erkennen, seine Pflicht erfüllte, erlangte sie die volle Sammlung zurück, und kurz bevor der Hermeneut seine Arbeit vollendet, flog es wie Sonnenschein über ihre reinen Züge. Ein schöner, großer, erfreulicher Gedanke mußte in ihrem Haupte aufgeblitzt sein, und man sah ihr an, daß es ihr gelungen, ihn festzuhalten und sich an ihm zu weiden.

Orion, der ihr gegenüber saß, bemerkte es wohl, doch er verstand noch nicht, was ihr flehender Blick ihm zu sagen hatte, was sie von ihm verlangte, als sie die Hand auf die Brust drückte und ihm dabei so dringlich bittend ins Auge schaute, daß es ihm tief ins Herz drang.

Jetzt schwieg der Dolmetsch, und was er gelesen, hatte tief auf die Richter gewirkt.

Aus den wohlwollenden Zügen des Kahdi sprach ernste Besorgnis, und der Inhalt des Briefes schien wohl geeignet, solche zu erwecken. Sein Wortlaut war dieser:

»Nachdem ich lange vergeblich auf Dich gewartet, muß ich mich endlich zum Aufbruch entschließen, und wie vieles hatte ich Dir doch noch zu sagen. Ein schriftliches Lebewohl . . .«

Hier waren einige Zeilen verwischt, dann aber folgte der verhängnisvolle, lesbare Schluß:

»Wie anders hatte ich gewähnt, diesen Tag zu beschließen, der zum größten Teil den Vorbereitungen für die Flucht der Nonnen geweiht war, und es ist mir eine Freude gewesen, für die guten, unschuldigen und ungerecht verfolgten Schwestern das Meine zu thun. Ihnen wollen wir das Beste wünschen, uns beiden aber auf morgen ein ungestörteres Wiedersehen und einen Abschied, der Erinnerungen in uns zurückläßt, an denen wir lange zehren können. Wie es unter den Aegyptern derjenige war, den wir beide betrauern, ist es unter den Arabern der herrliche Feldherr Amr . . .«

Hier schloß der Brief, und an seinem Ende fehlten nicht volle drei Zeilen.

Nachdem der Kadhi das Täfelchen kurze Zeit in der Hand gewogen, schlug er den gesenkten Blick wieder zu der in großer Spannung harrenden Versammlung auf und begann:

»Wenn auch der Angeklagte nicht zu denen gehörte, welche meuterisch gegen unsere bewaffnete Macht die Hände erhoben, so geht doch unanfechtbar aus dem Verlesenen hervor, daß er nicht nur um die Flucht der Nonnen gewußt, sondern ihr auch eifrig Vorschub geleistet. – Wann hast Du dies Schreiben empfangen, edle Jungfrau?«

Da preßte Paula die Hände fest zusammen und entgegnete mit leicht gesenktem Haupt und zu Boden gerichtetem Blick:

»Wann ich es empfangen? Niemals; denn der Brief ist von mir selbst. Ich hab' ihn geschrieben.«

»Du?« fragte der Kadhi erstaunt.

»Von mir ward er an Orion gerichtet,« erwiderte Paula.

»Von Dir an ihn? Doch wie kommt er dann in Dein Pult?«

»Auf sehr einfache Weise,« erklärte sie, immer noch mit gesenktem Blick. »Nachdem ich den Brief an meinen Bräutigam gerichtet, warf ich ihn zu den anderen Täfelchen, sobald er unnötig geworden; denn er erschien selbst, und ich brauchte ihn nicht lesen zu lassen, was man besser mündlich bespricht.«

Dabei flog ein eigentümliches Lächeln um ihre Lippen, ein lautes Gemurmel ging durch den Saal, Orion blickte in wachsender Verwirrung bald auf das Mädchen, bald auf den Kadhi; der Schwarze aber sprang auf, schlug auf den Tisch, daß es dröhnte, und schrie:

»Nichtswürdige Ränke! Wer von euch läßt sich hier von elender Weiberlist foppen?«

Horus Apollon, der die Ruhe wieder erlangt, kicherte ihm heiser und schadenfroh ins Antlitz, die Richter schauten einander verlegen an, doch als der Schwarze weiter zu wettern fortfuhr, unterbrach ihn der Kadhi und erteilte Orion das Wort, der mit heiß glühenden Wangen ihn schon zum zweitenmal angerufen und nun, der Sprache kaum mächtig, hervorstieß:

»Nein, nein, Othman; nein, nein, ihr Herren, glaubet ihr nicht. Nicht sie . . . ich, ich habe den Brief . . .«

Aber Paula fiel ihm ins Wort:

»Er? Fühlt ihr's denn nicht: Er will mich nur retten und nimmt darum meine Schuld auf sich! Aus Edelmut, aus Liebe thut er's. Glaubt, glaubet ihm nicht! Laßt euch nicht von ihm hintergehen!«

»Ich? Nein, sie, gerade sie,« hob Orion wiederum an, doch bevor er fortfahren konnte, rief ihm Paula mit leuchtenden Blicken zu, das sei eine schlechte Liebe, die sich selbst aus falschem Edelmut mutwillig opfere. Und als sie dabei wiederum die Hand mit flehender Bitte auf die Brust drückte, schwieg er plötzlich still und warf sich, indem er tief ergriffen gen Himmel schaute, auf die Bank der Angeklagten zurück.

Und nun jubelte Paula: »Er hat sich eines Bessern besonnen und läßt ab von dem thörichten Versuch, meine Schuld auf sich zu nehmen. Du siehst es, Othman, ihr seht es alle, würdige Herren. Was ich für die armen Schwestern gethan, laßt es mich büßen!«

»Dein Wille geschehe,« kreischte der Alte, und der Schwarze rief:

»Ein höllisches Lügengespinnst, ein Betrug ohnegleichen! Aber trotz des Schildes, das ein Weib Dir vorhält, komme ich Dir doch an den Hals, verräterischer Bube! Ist es glaublich, ihr Richter, daß man einen vollendeten Brief wochenlang, nachdem er geschrieben, bei dem Schreiber findet und nicht bei dem, an den er gerichtet?«

Da zuckte der Kadhi die Achseln und entgegnete mit ruhiger Würde:

»Besinne Dich, Obada, daß wir diese Jungfrau auf Grund eines Briefes verurteilt, den wir nicht bei demjenigen gefunden, an den er gerichtet, sondern bei seinem Schreiber. Dieser Urkunde gegenüber erhoben sich bei Dir keine Bedenken. Es ziemt sich für den Richter, mit gleichem Maß zu messen, Obada.«

Diese in lehrhaftem Tone gesprochenen Worte und das Zutreffende derselben erregten den Beifall der Araber, und der Juwelier konnte sich nicht enthalten, ein lautes »Vortrefflich!« zu rufen; indessen rutschte er, nachdem es ihm entfahren, blitzschnell aus der Schlagweite des Schwarzen, und dieser hatte ihn kaum verstanden; denn in zornigen Worten und ohne sich von dem Kadhi unterbrechen zu lassen, legte er dar, wie schmählich es für Männer und Richter sei, sich von einem Weibe hinters Licht führen, sich von dem Possenspiel verliebter Narren das Herz erweichen zu lassen, wie notwendig es jedem Muslim scheinen müsse, die Sicherheit des Daseins zu wahren, den Urheber einer blutigen Meuterei gegen die Stützen seiner Macht streng zu züchtigen.

Und seine beredten, stürmischen Worte blieben nicht ohne Wirkung, doch den Christen, die der Melchitin alles Ueble gönnten, geschah mit ihrem Untergang Genüge, und sie hätten dem Sohn des allverehrten Mukaukas Georg diese That, selbst wenn er sie wirklich begangen, gern vergeben, und nachdem man festgestellt, daß es unmöglich sei, zu unterscheiden, von welcher Hand die Schrift auf dem Täfelchen stamme, und noch viel hin und her geredet worden war, begann die eigentliche Beratung.

Es dauerte lange, bis sich die Richter zu einigen vermochten, und während dieser Zeit saß Orion bald da, als hätte man ihn bereits zu einem qualvollen Tode verurteilt, bald tauchte er seinen Blick in den der Geliebten und preßte die Hand aufs Herz, als wollt' er verhüten, daß es ihm springe.

Er verstand sie völlig, und ihre Größe erhob ihn. Wohl gewann er es über sich, ihre Gabe anzunehmen, und doch war er fest entschlossen, ihr, mußte sie sterben, nachzufolgen in den Tod. Das »non dolet« der Arria, das sie dem geliebten Paetus zugerufen, als sie sich den Dolch ins Herz stieß, um ihm voranzugehen in den Tod, scholl ihm fortwährend an das innere Ohr; doch er sagte sich auch, daß Paula vielleicht Gnade finden und daß er dann frei sein und ein ganzes Leben vor sich haben werde, um ihr zu danken.

Endlich, endlich verkündete der Kadhi den Spruch der Richter: es war unmöglich, Orion schuldig des Todes zu finden, und ebensowenig konnte man sich entschließen, jeden Glauben an seine Schuld abzuweisen. So erklärte sich denn der Gerichtshof für unfähig, hier das Urteil zu sprechen, und übertrug dies auf den Chalifen oder seinen Vertreter in Aegypten, den Feldherrn Amr. Er selbst verordnete nur, den Angeklagten in strenger Haft zu halten, damit er der strafenden Gerechtigkeit zur Hand sei, falls das endgiltige Urteil auf »schuldig« laute.

Als der Kadhi verkündete, was dem Chalifen oder seinem Vertreter zustehen solle, rief der Wekil:

»Ich, ich bin der Vertreter des Omar!« Doch ein einstimmiges, abweisendes Gemurmel der Richter wies seine Ansprüche zurück, und auf den Vorschlag des Kadhi ward unter ihnen beschlossen, durch Verdoppelung der Kerkerwachen den Jüngling vor jedem eigenmächtigen Eingriff des Wekils zu schützen, gegen den sich schon schwere Anklagen auf dem Wege nach Medina befanden.

Außer sich vor Wut verließ der Schwarze, neue Anschläge gegen die Damascenerin schmiedend der Greis den Gerichtssaal.

Als Paula in ihre Zelle zurückkehrte, glaubte die alte Betta, ihre Begnadigung sei erfolgt; denn wie froh, wie stolz, wie gehoben trat sie bei ihr ein! Die schwerste Gefahr war abgewandt von dem Geliebten, und sie und ihre Liebe waren es, die ihn gerettet.

Sie selbst gab sich verloren; doch was das Schicksal auch über sie verhängte, vor ihm lag das Leben offen, ihm war vergönnt, seine herrliche Kraft zu bewähren, und daß er es thun werde, thun in ihrem Sinne, des war sie sicher.

Noch hatte sie ihren Bericht über das Urteil der Richter nicht beendet, als ihr der Wärter den Besuch des Kadhi meldete.

Bald darauf trat dieser bei ihr ein, und nachdem sie ihm ihren Dank ausgesprochen und er ihr freundlich versichert hatte, daß er sich schäme, die Schande, vielleicht ein hintergangener Richter zu sein, wie eine Gunst des Schicksals zu tragen, brachte er das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines Besuches.

In dem Briefe, den er gestern Abend von seinem Oheim Haschim erhalten, so begann er, sei auch viel von ihr die Rede gewesen. Sie habe das Herz des alten Kaufherrn gewonnen, und die Erkundigungen, welche dieser nach ihrem Vater eingezogen . . .

Da unterbrach ihn das Mädchen: »O, Herr, Herr . . . Sollte sich endlich der Wunsch, das Gebet meines Lebens erfüllen?«

»Dein Vater, der edle Thomas, vor dem sich auch der Muslim verneigt,« entgegnete Othman, »man hat ihn . . .« Und nun berichtete er, der Held von Damaskus habe sich in der That auf den Sinai zurückgezogen und dort als Klausner gelebt. Aber sie dürfe sich keiner vorzeitigen Freude hingeben; denn krank, verzehrt von einem Siechthum, das von seiner verwundeten Lunge ausgehe, beinahe sterbend, hätten ihn die Boten gefunden. Seine Tage seien gezählt . . .

»Und ich, ich gefangen!« stöhnte das Mädchen. »Festgehalten, unfähig, der Möglichkeit beraubt, ihm in die Arme zu eilen!«

Da mahnte er sie von neuem zur Ruhe und erzählte in seiner milden, gelassenen Art weiter, schon vorgestern sei ein nabbatäischer Mann zu ihm gekommen und habe ihn als den Vorsteher des Gerichtswesens in Aegypten gefragt, ob ein alter Gegner der Muslimen, ein Feldhauptmann, der im Dienste des Kaisers und Kreuzes gegen den Chalifen und Halbmond gefochten, krank, wund, gebrochen den ägyptischen Boden betreten dürfe, ohne sich in Gefahr zu begeben, von den arabischen Behörden verhaftet zu werden, und als er, Othman, vernommen, dieser Mann sei Thomas, der Held von Damaskus, habe er ihm freudig und, wie er wisse, im Sinne seines Herrn, des Chalifen, Freiheit und Leben gesichert.

Und heute in der Frühe sei ihr Vater in Fostat angelangt, und er habe ihn in seinem Hause als Gast aufgenommen. Ja, Thomas stehe am Rande des Grabes, doch beseele und erhalte ihn der Wunsch, seine Tochter, von der er fälschlich erfahren, sie sei bei dem Gemetzel von Abyla ums Leben gekommen, die er schon beweint und betrauert, noch einmal wiederzusehen. Diesen Wunsch eines Sterbenden zu erfüllen, sei seine Pflicht, und er habe dem Gefängniswärter befohlen, das Zimmer, welches an ihre Zelle grenze, für ihn einzurichten mit dem Gerät, das aus seinem Haus unterwegs sei. Die Thür, welche ihr Gemach mit dem seinen verbinde, solle geöffnet werden.

»Und ich werde ihn wieder sehen, ihn wieder haben, mit ihm leben, ihm die Augen zudrücken, vielleicht mit ihm sterben!« rief Paula und ergriff des gütigen Mannes Hand und küßte sie dankbar.

Dem Muslim wurden die Augen feucht, und er bat sie, nicht ihm, sondern dem allbarmherzigen, einigen Gotte zu danken, und bevor die Sonne unterging, ruhte das Haupt der zum Tode verurteilten Tochter an der Brust des wunden, seinem irdischen Ende nahen Helden, dessen ungeschwächter Geist und warmes Herz noch voll und ganz wie sein liebes, einziges Kind die Wonne des Wiedersehens empfanden.

Und neues, unbeschreibliches Glück kehrte für Paula ein in die düsteren Mauern des Kerkers, und noch an demselben Tage empfing Orion durch den Wärter einen Brief, der ihm die Grüße des Vaters seiner Braut überbrachte, und als er die innigen Segenswünsche las, die er enthielt, war es ihm, als nehme eine unsichtbare Hand den Fluch, mit dem ihn der eigene Vater belastet, auf immer von ihm. Eine wunderbare, freudige Ruhe, Arbeitskraft und Lust überkam ihn, und er ließ Geist und Feder nicht ruhen, bis der Morgen graute.

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