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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Nachdem sich das Thor der hohen Gefängnismauer hinter den Frauen geschlossen, ging Frau Johanna am Arm ihrer Tochter durch die immer noch heißen nächtlich stillen Straßen, und ihnen folgten Rustem und das Kind.

Des Riesen gutes Herz hing an Maria, und oft fuhr er sich mit der großen Hand über die Augen, während sie ihm erklärte, was das Schauspiel, dem er auf dem Markte mit beigewohnt, bedeutet habe und welch ein furchtbares Ende Paula bedrohe.

Bisweilen unterbrach er sie mit wunderlichen Naturlauten, die seinem Kummer und Zorn Ausdruck gaben; denn er blickte zu seiner schönen Pflegerin auf wie zu einem höheren Wesen, und Mandane hatte oft bemerkt, daß sie nie vergessen dürften, was die vornehme Jungfrau für sie gethan.

»Wenn ich,« brach Rustem endlich los und erhob die gewaltige Faust, »wenn ich so könnte, sie sollten . . .« und die Kleine schaute dabei klug und bittend zu ihm auf und rief eifrig:

»Du könntest, Rustem, Du könntest!«

»Ich?« fragte der Perser verwundert und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ja, Du, Rustem; gerade Du; 's ist da im Gefängnis etwas verabredet worden, und wenn Du nur ein wenig guten Willen hättest, uns dabei zu helfen . . .«

»Guten Willen,« lachte der wackere Gesell und schlug sich auf die Brust. Dann fuhr er in dem ihm eigenen, sonderbaren gebrochenen Griechisch, das aber recht wohl verständlich war, fort: »Haut und Haar setz' ich ein für die Jungfrau. Nur 'raus mit der Sprache!«

Da umklammerte das Kind den Arm des großen Menschen mit beiden Händen, zog ihn an sich und sagte: »Wir wußten ja, daß Du ein dankbares Herz hast. Aber siehst Du,« hier unterbrach sie sich selbst und fragte in völlig verändertem Ton: »Glaubst Du an einen Gott? Oder warte . . . Weißt Du, was ein heiliger Eid ist? Kannst Du auf etwas schwören? Ja, ja,« und nun richtete sie sich so hoch auf, wie es anging, und fuhr feierlich fort: »Schwöre mir bei Deiner Braut Mandane, und so wahr Du glaubst, daß sie Dich lieb hat . . .«

»Aber, Seelchen . . .«

»Schwöre mir bei ihr, daß Du das, was nun kommt, keinem Menschen verraten willst, auch nicht der Mutter Johanna und Pul, und auch Deiner Mandane nur, wenn es nicht anders geht und nachdem sie Dir heilig versprochen . . .«

»Was denn? Mir wird schon ganz bange; was soll ich beschwören?«

»Das nicht zu verraten, was ich Dir jetzt anvertrauen werde.«

»Nun ja, ja, kleine Herrin, das kann ich versprechen.«

Da atmete Maria mit einem langgedehnten »Ah!« tief auf und eröffnete ihm, daß dem Feldherrn Amr ein zuverlässiger Bote entgegengesandt werden müsse, um Paula beizeiten zu retten, und dann folgte die Frage, ob er den Weg über die Berge von Babylon nach dem alten Berenike kenne, und als er erwiderte, den habe er eben zurückgelegt, und er sei der nächste ans Meer, wenn man nach Dschidda und Medina wolle, wiederholte sie ihr befriedigtes »Ah!«, ergriff seine Hand und fuhr, indem sie mit seinen großen Fingern spielte, schmeichlerisch bittend und doch dringend fort: »Und nun, guter, bester Rustem, nun gibt es nur einen einzigen zuverlässigen Boten in Memphis; aber der, siehst Du, der hat eine Braut, und darum möcht' er lieber heiraten und mit ihr fort in die Heimat, als uns helfen, der unglücklichen Paula das Leben retten.«

»Der Lump!« brummte der Perser.

Da lachte Maria laut auf: »Ja, der Lump!« und fuhr munter fort: »Aber Du schimpfst Dich ja selbst, dummer Rustem! Du, Du bist der Bote, den ich meine, der einzige treue und zuverlässige weit und breit. Du, Du sollst dem Feldherrn entgegen . . .«

»Ich?« fragte der Karawanenführer erschreckt und blieb stehen; doch Maria zog ihn vorwärts und sagte:

»Nur weiter, sonst merken die da vorn noch etwas; Du, ja, Du sollst . . .«

»Aber, Kind, Kind,« unterbrach der Perser sie kläglich; »ich muß ja zu meinem Herrn zurück, und ich, siehst Du, alles, was recht ist . . .«

»Du willst nur nicht fort von Deinem Mädchen, und wenn auch die freundliche Jungfrau, die Tag und Nacht bei euch gewacht hat, deswegen dem Tode verfällt, dem gräßlichsten, grausamsten von allen. Der andere, den niemand gesund gepflegt hat, ja, für den bist Du schnell mit dem ›Lump‹ bei der Hand aber Du . . .«

»Ruhe doch! Hör mich doch, kleine Herrin!« unterbrach sie Rustem wieder und entzog ihr die Hand. »Ich wollt' ja noch warten, und die Mandane müßt' sich schon fügen, aber eines taugt nicht für alle. Reiten und Waren führen, den Kamelknecht in Zucht halten, ein Lager aufschlagen, das kann ich, doch mit großen Herren verkehren, mit Bitten und Wünschen einem Mann wie dem Feldherrn unter die Augen gehen, siehst Du, Seelchen – und gält' es, den eigenen Vater retten – das wäre . . .«

»Aber wird denn das von Dir gefordert?« fragte die Kleine. »Stumm wie ein Fisch kannst Du bleiben; das Reden ist die Sache Deines Begleiters.«

»So soll noch ein anderer . . . Aber, großer Masdak! – So laßt es mit dem doch genug sein!«

»Mußt Du mich denn immerfort unterbrechen?« fiel das Kind ihm ins Wort. »Erst hören und dann Einwände machen! Der zweite Bote also, das ist gar kein Bote, sondern nur eine Botin, und die – thu die Ohren nur auf – die bin ich, ich hier, und wenn Du noch einmal stehen bleibst, so denk' ich, Du willst mich verraten. Kurz und gut, und so gewiß ich wünsche, Paula zu retten, so bestimmt reite ich dem Feldherrn entgegen; und wenn Du Dich weigerst, mich zu begleiten, so geh' ich allein und versuche, ob nicht der buckelige Gibbus . . 

So lange hatte Rustem bedurft, um sich dieser ungeheuren Ueberraschung gegenüber zurecht zu finden; nun aber rief er: »Du – Du . . . Und bis Berenike, und gar über die Berge . . .«

»Ja, über die Berge,« sprach sie ihm nach, »und, muß es sein, auch durch die Wolken.«

»Aber so etwas gibt es ja gar nicht, das ist ja noch gar nicht dagewesen auf Erden!« klagte der Perser. »Ein Mädchen, so ein kleines Fräulein, als Bote, ganz allein mit solchem ungeschlachten Kerl, wie ich bin. Nein, nein, nein!«

»Und noch hundertmal nein und wieder nein,« fuhr das Kind fröhlich fort. »Das Fräulein bleibt nämlich zu Hause, und Dich begleitet ein Bub', den Du Marius nennen wirst, nicht Maria.«

»Ein Bub'! Ich dachte doch . . . Man wird ja ganz irre!«

»Ein Bub', der ein Mädchen ist und ein Junge in einer Person,« lachte Maria. »Doch Du willst alles deutlich: Als Knabe verkleidet werd' ich Dich begleiten, und morgen, wenn wir aufbrechen, gib acht, da hältst Du mich für meinen eigenen Bruder.«

»Ihr eigener Bruder! Solch ein Köpfchen! Da wird ja alles Unmögliche möglich,« lächelte Rustem und blickte dabei wohlgefällig auf die Kleine; doch plötzlich stellte sich ihm wieder die Ungeheuerlichkeit ihres Verlangens vor die Seele, und außer sich rief er: »Aber mein Herr, mein Herr! Es geht, nein, es geht nicht!«

»Gerade um seinetwillen leistest Du uns den Dienst,« entgegnete Maria zuversichtlich. »Er ist Paulas Freund und Beschützer, und wenn er hört, was Du für sie gethan, wird er Dich loben; läßt Du uns aber im Stich, so weiß ich gewiß . . .«

»Nun?«

»Daß er sagt: ›Ich hätte den Rustem für klüger und gutherziger gehalten.‹«

»Das, meinst Du, würde er sagen?«

»So wahr dort unser Haus steht! Wir haben gar keine Zeit mehr zum Streiten, und es bleibt dabei: wir reisen zusammen. Morgen früh find' ich Dich im Garten. Deiner Mandane sagst Du, ein wichtiges Geschäft rufe Dich fort.«

»Und Frau Johanna?« fragte der Perser, und seine Stimme klang nachdenklich und besorgt, als er fortfuhr: »Daß Du sie nicht fragst und ins Vertrauen ziehst, Kind, das will mir am wenigsten gefallen.«

»Aber sie wird alles erfahren, nur nicht sogleich,« versetzte Maria, »und wenn sie übermorgen zu hören bekommt, zu welchem Zweck ich sie verlassen und daß Du mich begleitest, so wird sie uns loben und segnen; sie thut es, so wahr ich hoffe, daß der liebe Gott uns beisteht auf unserer Reise.«

Diese Worte, denen man anhörte, daß sie aus tiefstem Herzensgrund kamen, brachen den letzten Widerstand des Masdakiten – zu rechter Zeit; denn ihre Wanderung war zu Ende, und beiden kam es vor, als hätten sie den weiten Weg mit wenigen Schritten durchmessen.

Sie waren an lärmenden und streitenden Bürgergruppen hart vorübergekommen, und mancher Leichenzug hatte vor ihren Augen an der Seuche Verstorbene bei Fackelschein zu Grabe geleitet, doch dies alles war ihnen entgangen.

Erst bei der Gartenthür bemerkten sie wieder, was um sie her vorging.

Dort fanden sie den Gärtner Gibbus und die gesamte Dienerschaft, welche mit Besorgnis der spät heimkehrenden Frauen harrte. Auch die Griechin Eudoxia erwartete sie bangen Herzens.

Im Hause wurden sie von Horus Apollon empfangen, doch Frau Johanna und Pulcheria erwiderten seinen Gruß nur mit einer kühlen Verbeugung, und Maria wandte ihm geflissentlich den Rücken. Da zuckte der Greis mißmutig und bedauerlich die Achseln, und auf seinem Zimmer murmelte er vor sich hin:

»Dies Weib! Selbst die guten Tage, auf die ich für den Rest des Lebens hoffte, es wird sie verderben!« Die Witwe und ihre Tochter sprachen in ihrem Schlafgemach noch lange über Maria. Sie hatte ihnen mit solcher Hingabe und Zärtlichkeit gute Nacht gewünscht, als stehe ihr jetzt schon die Trennung fürs Leben bevor. Armes Kind! Es ahnte, einem wie traurigen Schicksal es der Bischof und vielleicht die eigene Mutter erlesen!

Aber Maria sah nicht aus, als ginge sie dem Unglück entgegen; Eudoxia, die bei ihr schlief, freute sich vielmehr ihres fröhlichen Wesens, nur nahm es sie wunder, daß die Kleine, welche sonst einzuschlafen pflegte, sobald sie das Köpfchen in die Kissen gedrückt, heute so lange wach blieb. Unwillkürlich folgte die alternde Griechin, welche, von mancherlei kleinen Leiden geplagt, immer erst spät zur Ruhe kam, jeder Bewegung des Kindes.

Doch was war das?

Zwischen Mitternacht und Morgen sprang Maria plötzlich vom Lager, warf das Kleid um und begab sich mit dem Nachtlicht ins Nebenzimmer.

Von dorther fiel bald ein hellerer Schein in den Schlafraum. Sie mußte die Lampe angezündet haben und als Eudoxia später die Thür des Wohnzimmers gehen hörte, erhob sie sich und trat leise über die Schwelle.

Jetzt kehrte Maria zurück, und trug die neuen Kleider eines Knaben in der Hand, die nämlichen, welche Pulcheria und die Erzieherin selbst vor kurzem als Sonntagsstaat für den lahmen Gärtnerburschen hergestellt hatten. Lächelnd versuchte die Kleine das blaue Röckchen an, und nachdem sie die Kleider in die Truhe geworfen, setzte sie sich an den Tisch, um zu schreiben. Uebrigens schien Maria sich eine schwere Aufgabe gestellt zu haben; denn bald blickte sie auf den Papyrus und rieb sich dabei die Stirn, bald schaute sie nachdenklich in die Höhe. Schon hatte sie einige Sätze vollendet, als sie plötzlich aufsprang, Eudoxias Namen vor sich hin rief und sich darauf dem Schlafzimmer näherte.

Da trat die Griechin ihr entgegen, und nun stürzte Maria sich ihr an die Brust, und bevor die Erzieherin eine Frage zu stellen vermochte, eröffnete sie ihr, daß sie berufen worden sei, etwas Großes, Wichtiges zur Ausführung zu bringen. Eben habe sie vorgehabt, sie zu wecken, sie zu ihrer Vertrauten zu machen, ihren Rat zu erbitten.

Wie liebenswürdig, wie aufrichtig das alles klang, und wie war sie bei dem feurigen Eifer, der sie beseelte, so reizend befangen.

Der Pädagogin wurde das Herz weit, die scheltenden Worte erstarben ihr auf den Lippen, und es war ihr zum erstenmal, als sei dies elternlose Kind ihr eigenes, als fiele sein Wohl und Wehe mit dem ihren zusammen, als sei sie, die ein Leben lang nur an sich selbst und an das eigene Beste gedacht und die Erziehung Marias bis dahin als Gegenleistung für Sold und Unterhalt betrachtet hatte, als sei sie im stande, für dies Kind sich selbst und ihr letztes zu opfern.

Und wie nun die Kleine ihr die Arme um den Hals schlang und sie anflehte, sie nicht zu verraten, sondern ihr vielmehr bei ihrem guten Werk zu helfen, das ja nichts Geringeres bezwecke, als Paula und Orion, die gefährdeten Unglücklichen, zu retten, begannen ihre trockenen Augen feucht zu glänzen, und sie küßte die glühenden Wangen Marias von neuem und sagte ihr, daß sie ihr liebes, liebes Töchterchen sei.

Das stärkte dieser den Mut, und mit pathetischer Würde, die auf den Lippen der Erzieherin ein Lächeln erweckte, nahm sie die Bibel Eudoxias vom Pulte, und legte sie auf den Tisch und sagte, indem ihr flehender Blick das Auge der Griechin suchte: »Schwöre mir – nein, Du mußt ganz ernst bleiben; denn etwas Wichtigeres kann es nicht geben – schwöre mir, keiner Seele zu verraten, auch nicht der Mutter Johanna, was ich Dir anvertrauen möchte.«

Das versprach Eudoxia, doch einen Eid wollte sie nicht leisten. »Ja, ja, nein, nein,« sei nach dem Gebote des Herrn der beste Schwur eines Christen; aber Maria klammerte sich an sie, streichelte ihr die hageren Wangen und versicherte endlich, nicht reden zu können, wenn Eudoxia ihr den Willen nicht thue, und dieser süßen Schmeichelei konnte die Griechin in dieser Stunde nicht widerstehen und duldete es, daß Maria über ihre, der so viel Aelteren, Hand verfügte und sie auf die Bibel legte, und als dies einmal geschehen, that Eudoxia ihr auch weiter den Willen und leistete mit lebhaftem Kopfschütteln und wie gezwungen den Eid, den ihr Zögling ihr vorschrieb.

Darauf warf sich die Erzieherin wie erschöpft und erschreckt über die eigene Schwäche auf den Diwan, und die Kleine benützte ihren Sieg, und kauerte sich sogleich zu ihren Füßen nieder und erzählte ihr alles, was sie von Paula und den Gefahren wußte, die sie und Orion bedrohten; und dabei war sie, die längst bemerkt hatte, in wie großer Gunst der Jüngling bei der Griechin stand, listig genug, die Gefahr, in der dieser schwebte, lebhaft hervorzuheben.

Bis dahin hatte Eudoxia nicht aufgehört, ihr die Locken zu streicheln und allem, was sie sagte, beizupflichten; doch als sie hörte, Maria habe im Sinn, den Botendienst selbst zu übernehmen, fuhr sie entsetzt in die Höhe und erklärte bestimmt, solchem Wagnis, solcher unseligen Thorheit nie und nimmer beizupflichten.

Nun aber führte Maria alles ins Feld, was ihr an Ueberredungs- und Schmeichelkünsten zu Gebot stand. Es war kein anderer passender Abgesandter zu finden, und es handelte sich doch um Orions, um Paulas Leben.

War denn solch ein Ritt über die Berge etwas so Großes?

Wie gut verstand sie ihr Tier zu lenken, wie wenig litt sie unter der Hitze! War sie nicht mehr als einmal von Memphis auf die Güter im Seeland geritten? Und der treue Rustem, der war doch bei ihr, und auf der Straße über die Berge, der sichersten im Lande, gab es Stationen mit Unterkunft für die Fremden. Und fanden sie den Feldherrn, so wußte sie über alles besser Auskunft zu erteilen als irgend eine andere Menschenseele auf Erden.

Aber die Griechin ließ sich nicht erweichen, wenn sie auch zugab, Marias Vorhaben sei so unsinnig nicht, wie es ihr anfänglich erschienen.

Da unterbrach sie die Kleine, und diesmal erinnerte sie Eudoxia noch einmal an ihren Schwur und machte sie dann zur Vertrauten der Gefahr, welcher sie, Maria, sich selbst durch ihren Botenritt zu entziehen hoffte.

Und nun erzählte sie der Griechin von ihrer Begegnung mit dem Prälaten, und wie auch Frau Johanna für sie und ihre Zukunft besorgt sei. Ach, das Leben hinter Mauern, hinter Schloß und Riegel erschien ihr so furchtbar, und sie wußte ihr Grauen davor, ihre Liebe zur Freiheit und für frisches, rüstiges, thätiges Leben unter Menschen und Freunden, und ihre Hoffnung, daß der Feldherr Amr, wenn sie sich unter seinen Schutz stelle, sie vor dem allem bewahren werde, so lebhaft, so warm, so rührend zu schildern, daß der Widerstand der Griechin hinschmolz, und das alternde Mädchen mit den Händen vor den in Thränen schwimmenden Augen ausrief:

»Es ist gräßlich, es ist unerhört, doch vielleicht ist es dennoch das Beste. Reite dem Feldherrn entgegen, reite nur, reite!«

Und als das warme, liebe, daseinsfrohe junge Geschöpf darauf an ihrem Halse hing, freute sie sich ihrer Schwachheit; denn diese schöne, frische, lebensvolle Menschenblume sollte nicht in Zwang und Gefangenschaft verkümmern, sollte glücklich bleiben und glücklich machen, sollte, ihr und allen Guten zur Freude, sich zu voller, schöner Blüte entfalten.

Und Eudoxia kannte die Witwe und wußte, daß sie sie verstehen lernen werde, wenn sie dem Kinde beistand, freilich unter übler Fährnis, sich vor der schwersten Gefahr zu retten, die einer Menschenseele drohen kann, der Gefahr, in stetem Widerstreit mit sich selbst etwas anderes sein zu müssen als das, wozu sie durch Begabung und Neigung bestimmt ist.

Mit einem schmerzenden Seufzer empfand Eudoxia, was sie selbst, von einem grausamen Schicksal genötigt, in Unfreiheit und Unlust, aus einem warmblütigen, großsinnigen jungen Wesen geworden, und sie, die engherzige Pädagogin, gab dem wunderlichen und kühnen Verlangen eines Kindes nach, das größere Frauenseelen belächelt, verurteilt, abgewiesen haben würden.

Nachdem es Tag geworden, verrichtete Eudoxia selbst, was sie sonst der Zofe überlassen: sie ordnete Maria das Haar, und dabei sprach sie mit ihr und hörte ihr zu, als sei in dieser Nacht aus dem Kinde eine Jungfrau geworden.

Dann begleitete sie die Schülerin in den Garten, und wo es nur anging, blieb sie an ihrer Seite.

Frau Johanna und Pulcheria wunderten sich beim Frühmahl über ihr eigentümliches Verhalten, doch es mißfiel ihnen nicht, zumal auch Maria vor Glückseligkeit strahlte.

Ohne Widerrede ließ die Witwe das Mädchen in die Stadt, um dort den geheimnisvollen Auftrag für seinen Oheim auszurichten. Rustem begleitete es ja, und was dies Kind so fröhlich machte, konnte sicher nur recht und erlaubt sein. Orions Karten und Tabellen waren ihm zeitig in den Kerker geschickt worden, und bevor die Kleine mit ihrem großen Begleiter aufbrach, kehrte Gibbus mit dem Briefe des gefangenen Jünglings an den Feldherrn zurück.

Unterwegs wurde verabredet, Maria solle beim Einbruch der Nacht in der Herberge des Nesptah zu Rustem stoßen. In dieser Zeit des Futtermangels und Sterbens waren Reittiere jeder Art samt ihren Pflegern und Führern in Ueberfluß zu haben, und der Perser, der mit diesen Dingen vertraut war, hielt es für das Beste, nur schnelle Dromedare zu erwerben, und ein leichtes Zelt für die »kleine Herrin« mit sich zu führen.

Bei der Wohnung des Juweliers Gamaliel hieß Maria ihn warten, und der heitere Goldschmied empfing sie mit ungeheuchelter Freude.

Was war aus dem Hause des großen Mukaukas geworden. Feuer hatte diesen Wohnsitz der Gerechtigkeit vernichtet wie die ägyptischen Städte, denen der Prophet das gleiche Schicksal vor tausend Jahren verkündet.

Gamaliel wußte, in wie großer Gefahr Orion schwebte und was die edle Jungfrau bedrohte, die ihm einmal die kostbarste aller Gemmen geschenkt und ihm dann einen Teil ihres Vermögens anvertraut hatte.

Wenigstens ein Mitglied des Hauses seines verstorbenen Gönners wohlbehalten vor sich zu sehen, hob ihm das Herz. Eine teilnehmende Frage nach der andern richtete er an Maria, und seine Frau wollte ihr von ihren guten Aprikosentörtchen bringen, sie aber bat Gamaliel, ihr sogleich eine geheime Unterredung zu bewilligen; und nun führte sie der Juwelier in seine kleine Werkstatt und bat sie, gutes Zutrauen zu haben; denn was die Enkelin des Mukaukas Georg auch immer von ihm begehre, das sei im voraus gewährt.

Da löste sie verlegen und errötend Orions Ring aus der Umhüllung, reichte ihn dem Juden und bat ihn, ihr dafür zu geben, was recht sei.

In der festen Zuversicht, der freundliche Mann werde ihr ungesäumt Goldstück auf Goldstück hinzählen, schaute sie ihn mit den hellen Augen fragend an; er aber nahm ihr den Ring nicht einmal aus der Hand, berührte ihn nur mit einem flüchtigen Blicke und sagte dann ernst:

»Nein, mein Mädchen; mit Kindern machen wir keine Geschäfte.«

»Aber ich brauche das Geld, Gamaliel,« rief sie dringend. »Ich muß es haben!«

»Muß?« versetzte er lächelnd. »Das ist freilich ein Nagel, der durch das Holz geht; aber stößt er auf Eisen, so krümmt er sich manchmal. Nicht als ob ich hart wär'! Aber ›Geld! Geld! Geld!‹ Von welchem Geld sprichst Du denn eigentlich, Mädchen? Brauchst Du das meine für Brot oder für Kuchen, was wahrscheinlicher aussieht, so mach' ich die Augen zu und greife getrost in den Beutel; doch irr' ich mich nicht, so bist Du bei dem Griechen Rufinus, bei dem es an nichts fehlt, gut untergekommen, und ich habe selbst ein hübsches Stück Geld in Verwahrung, das Dein Großvater mir vor zwei Jahren auf Zins gab mit dem Vermerk, es sei eine Erbschaft, die Dir zugekommen sei von Deiner Patin, und auf Deinen Namen lautet die Quittung; so sieht denn Deine Not dem Dinge, das andere Wohlstand nennen, recht ähnlich.«

»Not, Not! Ich habe ja keine,« unterbrach ihn Maria. »Aber das Geld brauch' ich dennoch, und wenn ich selbst welches besitze und Du hast es vielleicht dort im Kasten, so gib mir davon, was ich brauche.«

»Was Du brauchst?« lachte der Juwelier. »Ja, das geht nicht so schnell, mein Mädchen. Bis dergleichen zu stande kommt, bedarf man in Aegypten viel Zeit und Papyrus und Tinte, eine große Behörde, sechzehn Zeugen, einen Kyrios . . .«

»Nun, so kaufe den Ring! Du bist so ein freundlicher Mann, Gamaliel. Thu mir den Gefallen! Daß ich Kuchen naschen will, glaubst Du ja selbst nicht.«

»Nein, aber das weiche Herzchen treibt es wohl in dieser schweren Zeit, in der so viele hungern, zu irgend einer andern Thorheit.«

»Gewiß nicht! Kaufe den Ring! Und thust Du mir den Gefallen . . .«

»So ist der Gamaliel ein Schuft und Schwachkopf in einer Person. Erinnerst Du Dich noch des grünen Smaragds? Den kaufte ich auch, und eine schöne Geschichte hat es gegeben. 's ist nichts mit dem Ringe, mein Mädchen.«

Da zog Maria die Hand zurück, und die Enttäuschung und der Kummer, die aus ihren großen, feuchten Augen sprachen, waren so rührend und schmerzlich, daß der Jude sich selbst unterbrach und ernst und herzlich fortfuhr:

»Ich möchte ja lieber den eigenen alten Kopf zum Amboß hergeben, als Dir weh thun, liebes Kind, und, Adonai, ich sage auch gar nicht – warum sollt' ich's denn sagen – daß Du in jedem Fall ohne Geld von dem Gamaliel fortgehen sollst! Er hat's ja, und wenn er auch gern nimmt, so gibt er doch auch nicht ungern, wo es am Platz ist. Den Ring kann ich freilich nicht kaufen, doch nur nicht verzagt und mir recht aufmerksam ins Gesicht geschaut, kleines Fräulein. 's ist viel verlangt, und ich habe weit schönere Dinge auf Lager, doch wenn Du darin etwas findest, was Dir Zutrauen einflößt, dann heraus mit der Sprache, und dann sage dem Manne, auf den auch Dein Großvater ein kleines Stückchen gehalten, ins Ohr: ›So viel brauch' ich, und dazu‹ – wie hast Du gesagt? – ›dazu muß ich es haben!‹«

Und Maria fand in dem munteren, vollen Gesicht des Juden etwas, das ihr Vertrauen einflößte, und in ihrem kindlichen Glauben an der Unverbrüchlichkeit des Eides ließ sie den dritten Menschen, und diesmal das Mitglied einer dritten Glaubensgenossenschaft, schwören, nichts zu verraten, und wunderte sich, daß es auch hier mit der Eidesabnahme, in der sie schon förmliche Uebung besaß, so leicht ging. – Auch erwachsene Leute erkaufen sich ja so gern mit einem billigen Schwur eines andern teures Geheimnis. Und nachdem sie sich so der Verschwiegenheit des Israeliten versichert, vertraute sie ihm an, daß sie in Orions Auftrag dem Feldherrn einen Boten entgegen zu schicken habe, damit er ihn und Paula rechtzeitig vom Tode errette.

Der Goldschmied hörte ihr aufmerksam zu, und bevor sie noch völlig geschlossen, machte er sich an dem eisernen, in den Boden eingemauerten Kasten zu schaffen und unterbrach sie mit der Frage: »Wie viel?«

Da nannte sie die von Nilus bezeichnete Summe, und kaum war ihr Bericht zu Ende, als der Jude, der den Griff, mit dem er die Kasse öffnete, sogar vor seinem Weibe geheim hielt, ihr zurief:

»Nun schau doch einmal zum Fenster hinaus, Du Wunder von einem Abgesandten und Gelderheber, und wenn Du drunten im Hofe nichts siehst, so denke Dir, da stünde einer, der wie der alte Gamaliel aussieht, und der kriegte Dich am Kopfe und gäbe Dir einen tüchtigen Kuß. Und stelle Dir auch vor, er dächte dazu ganz still bei sich: ›Gott im Himmel, wenn mein Töchterchen, das Ruthchen, doch würde wie die kleine Maria, das Großkind des gerechten Mukaukas!‹«

Dabei sprang der dicke, lebhafte Mann, der sich auf die Kniee niedergelassen, keuchend in die Höhe, ließ den Deckel der Truhe offen, eilte auf das Kind zu, welches längst zum Fenster hinaus sah, drückte ihm von hinten her einen Kuß aus die Locken und lachte dabei: »Das, kleines Gelderheberchen, das soll mein Zins sein. Aber weiter hinausgeschaut, bis ich Dich wieder rufe!«

Behend eilte er sodann mit den kurzen Beinen zu der Kasse zurück, wischte sich die Augen, entnahm ihr einen kleinen Beutel mit Gold, dessen Inhalt die geforderte Summe um ein weniges überbot, schloß die Truhe wieder zu, blickte dabei mit einem Gemisch von Mißtrauen und herzlichem Wohlgefallen auf Maria und rief sie endlich zu sich heran.

Darauf schüttete er den Beutel vor ihr aus, zählte die Summe, welche sie gefordert, ab, steckte die übrig gebliebenen Goldstücke zu sich, reichte dem Kinde den Beutel und ersuchte es dann, während er das Zimmer verließ, mit einem listigen Schmunzeln, seinen »Vorschuß« in das Säckchen zurückzuzahlen und auf ihn zu warten.

Als er wieder kam, war sie mit der Arbeit fertig und bemerkte schüchtern: »Es fehlt doch wohl ein Goldstück.«

Da schlug er sich mit beiden Händen vor die Brust, schaute gen Himmel und rief: »Gott, welch ein Mädchen! Da ist der Solidus, Kind; laß Dir sagen von einem erfahrenen Mann! Was Du unternimmst, das wird glücken. Du weißt, was Du thust, und wenn Du einmal groß bist und einer wird kommen, um Dich zu freien, der wird auf einen Markt gehen, der gut ist. Und nun noch Deine Unterschrift hieher. Zwar mündig bist Du nicht, und der Zettel – Gott verhüte das Schlimmste – ist wohl nicht viel mehr wert, als eben ein Zettel, die Tinte mit inbegriffen, doch es ist wegen der Ordnung.«

Nun griff Maria zur Feder, und während sie zuerst überflog, was Gamaliel geschrieben, rief dieser in einem neuen Ausbruch warmer Begeisterung:

»Ein Mädchen, ein Kind! Und es liest, es prüft, es überzeugt sich, bevor es die Unterschrift leistet! Gott segne Dich, Kind! Und da kommen die Törtchen, und Du wirst sie kosten, bevor Du . . . Gott, gerechter! Ein Kind, und solche wichtige Sachen!«

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