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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Zweiundvierzigstes Kapitel.

In der engen, glühend heißen Gefängniszelle, welche die beiden Frauen beherbergte, verlebte Paula eine entsetzliche Nacht. Sie fand keinen Schlaf, und wenn es ihr doch einmal gelang, die Augen zu schließen, ward sie durch das Geschrei und Kettengerassel der Gefangenen in den großen Kerkerräumen und die harten Schritte eines Leidensgenossen gestört, der noch ruheloser als sie über ihr auf und nieder wanderte.

Armer Unglücksgefährte!

Trieb ihn marternde Gewissenspein hin und her oder war er unschuldig wie sie, und ließen ihn nur Sehnsucht, Sorge, Liebe den Schlaf nicht finden?

Er war kein gemeiner Verbrecher; denn für solche gab es in diesem Teile des Hauses keinen Raum, und um Mitternacht, nachdem der Lärm in den großen Sträflingssälen plötzlich verstummt war, ließ sich von seiner Zelle her leiser Lautenklang vernehmen, und so konnte nur ein Meister das Saitenspiel schlagen.

Der Fremde ging sie nichts an, doch für seine tönende Gabe war sie ihm verpflichtet; denn sie lenkte ihr Sinnen und Denken ab von dem eigenen Ich, und mit wachsender Teilnahme lauschte sie auf sein Spiel.

Froh des Vorwandes, das heiße, harte Lager zu verlassen, sprang sie auf und stellte sich an das mit Eisenstäben verschlossene einzige Fenster der Zelle. Da verstummte die Musik, und es entspann sich ein Gespräch zwischen dem Gefängniswärter und ihrem Leidensgefährten.

Was war das für eine Stimme?

Täuschte sie sich oder hörte sie recht?

Das Herz stand ihr still, während sie weiter lauschte, und jetzt, jetzt mußte jeder Zweifel verstummen: Orion und kein anderer war es, der da über ihr sprach!

Nun nannte auch der Gefangenwärter seinen Namen, nun sprach er von ihrem verstorbenen Oheim, und jetzt wurde wie auf ein Zeichen leiser geredet. Sie hörte das Flüstern, unterschied aber nicht mehr den Inhalt. Endlich vernahm sie laute Abschiedsworte, die Thür der Zelle über ihr fiel ins Schloß, und der Schritt des Gefangenen näherte sich dem Fenster.

Da preßte sie das Gesicht an die warmen eisernen Stäbe, richtete es aufwärts, horchte in die Nacht hinaus und rief, als nichts sich regte, erst leiser, dann lauter: »Orion, Orion!«

Und von oben her scholl gleich darauf ihr Name zurück.

Da begrüßte sie ihn und begann zu fragen, wie und seit wann er hieher gekommen; er aber unterbrach sie schon bei den ersten Worten mit einem entschiedenen »Still!« dem sogleich ein kurzes »Gib Acht!« folgte.

Erwartungsvoll lauschte sie durch die Gitterstäbe hinaus, und die Minuten vereinten sich in langsamem Schneckengang zu einer vollen halben Stunde, bis endlich das laute: »Jetzt!« ertönte, worauf sie gewartet.

Wenige Augenblicke später hielt sie eine Briefrolle in der Hand, die an einer mit einem Stück Holz belasteten Lautensaite zu ihr niedergeschwebt war.

Es gab weder Licht noch Feuer in ihrer Zelle, und die Finsternis gestattete ihr nicht, zu lesen. So rief sie nur in die Höhe: »Dunkel!« und gleich darauf nach seinem Beispiel: »Gib Acht!« Sobald sie dann die beiden schönsten Rosen, die Pulcheria ihr gebracht, an die Saite befestigt, schwebten sie auf ihr frohes »Jetzt!« in die Höhe.

Mit einigen leisen, von Sehnsucht und Leidenschaft übervollen Accorden sprach er seinen Dank aus; dann ward es still; denn der Gefangenwärter hatte ihm vorhin verboten, bei Nacht zu singen oder zu spielen, und er durfte die Gunst dieses Mannes nicht verscherzen.

Mit dem Briefe Orions in der Hand legte Paula sich nieder, und als sie das Nahen des Schlummers fühlte, schob sie das Röllchen unter ihr Kopfkissen und schlief bald darauf ein. Als beide nach Sonnenaufgang erwachten, hatten sie von einander geträumt und begrüßten freudig den Tag.

Wie war Orion außer sich geraten, da sich die Kerkerthür hinter ihm geschlossen. Er hätte die Eisenstäbe aus dem Mauerwerk reißen und die Thür eintreten oder sprengen mögen, und es gibt auch kein schmählicheres, empörenderes Gefühl für den Mann, als sich wie eine schädliche Bestie ausgeschlossen zu sehen von der Welt, zu der er gehört und deren er bedarf, um zu empfangen, was ihm das Leben lebenswert macht, um Aufnahme für das Gute zu finden, das er leisten und geben kann.

Der Kerker war ihnen gestern wie ein Vorgemach der Hölle erschienen, sie hatten sich beide der Verzweiflung nahe gefühlt, und wie andere Empfindungen beseelten sie heute! Von einem Schicksalsschlag nach dem andern war Orion heimgesucht worden, wie bangen und bekümmerten Herzens hatte Paula seiner Heimkehr entgegen gesehen, und wie ruhig war heute ihre Seele, trotz der Todesgefahr, in der sie schwebte.

Die Legende erzählt von der heiligen Cäcilie, die mitten aus dem Hochzeitsreigen zur Folter geführt ward, daß sie, während sie die Qualen des Martyriums erlitt, vor ihrem innern Ohr tief beseligt himmlische Musik und süßen Orgelklang vernommen habe; und wie Unzähligen ergeht es doch ähnlich! In äußerster Not und Gefahr finden sie höheres Glück als mitten im Glanz, der Pracht und den Freuden des rauschenden Lebens; denn das, was wir Glückseligkeit nennen, kehrt, unbekümmert um ihren Aufenthaltsort und ihre äußere Lage, bei denen ein, für die sich das als erreichbar darstellt, wonach ihre Seele die tiefste Sehnsucht hegt.

Was diese beiden lange nicht gewesen: tief innerlich beglückt, sie wurden es im Kerker. Paula mit seinem Briefe vor Augen, den er schon im Hause des Kadhi zu schreiben begonnen und in dem er ihr sein ganzes Herz erschloß. Orion, im Besitz ihrer Rosen, an denen er Blick und Herz weidete, und die vor ihm lagen, während er die folgenden Verse dichtete, die ihr der gefällige Kerkermeister gern überbrachte.

Sie lauteten also:

»Sieh, da die schaurige Nacht des Kerkers dumpf mich umfangen
Und mir die Sonne versank schwarz in ein ewiges Grab,

Zog ich die Rose empor, und aus ihrem purpurnen Kelche
Strahlte ein köstliches Licht, hell wie der sonnigste Tag!

Liebe, so heißt das Gestirn, das hell aus den duftigen Blättern
Aufging, wie Phöbus' Gespann vortrat aus wogendem Meer.

Gleicht nicht der sonnige Glanz des liebeglühenden Herzens
Auch Jenem leuchtenden Wurm, der sich in Rosen versteckt?

Als uns der Tag noch umfing, da frei wir geatmet im Lichte,
Strahlte die Sonne so hell, schien uns sein Glanz zu gering;

Aber seitdem uns die Nacht, die bedrohliche, finster umschattet,
Hebt uns sein freundliches Licht, stärkend den sinkenden Mut.

Und wie dem nächtigen Schoß der Erde Saaten entkeimen,
Oder die Seele sich schwingt aufwärts aus finsterem Grab,

Also seh' ich entzückt aus des Kerkers düsterem Schachte,
Schöner als Rosen am Hag, Rosen der Liebe erblühn.«

Und wann war Paula wohl tiefer beglückt gewesen als in der Stunde, da sie diesen Gruß des Geliebten, diese schlichte Kerkerblume zum erstenmale genoß?

Die alte Betta konnte sich nicht satt hören an diesem Gedicht, und sie weinte vor Freude, nicht über seinen Inhalt, sondern über die wundervolle Veränderung ihres Lieblings, die es bewirkte.

Ein glückstrahlendes Mädchen, wie damals am Libanon, war sie nun wieder, und als Paula vor die im Gerichtssaal versammelten Richter trat, blickten diese sie verwundert an; denn mit so freudig glänzenden Augen hatte sich noch kein auf Tod und Leben angeklagtes Weib den Schranken genähert.

Und doch stand es schlimm um ihre Sache, und dem gerechten und milden Kadhi, der selbst liebe Töchter besaß, zog sich das Herz zusammen gegenüber der falschen Zuversicht, welche die Seele dieser herrlichen Jungfrau so augenscheinlich erfüllte.

Ja, es stand schlimm um ihre Sache; denn es lag ein vernichtendes Beweisstück gegen sie vor, und die Zusammensetzung des Gerichtshofs, welche streng nach dem Gesetz erfolgt war, mußte ungünstig für sie erscheinen.

Ihre Sache wurde vor ebensovielen Aegyptern wie Arabern verhandelt. Die letzteren waren zugezogen worden, weil unter ihrer Mitwirkung Muslimen ums Leben gekommen, und als Bewohnerin von Memphis und Christin gehörte sie zur Gerichtsbarkeit der ersteren.

Der Kadhi leitete die Verhandlung, und die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß die jakobitischen Beisitzer den Gerichtssaal mit dem Todesurteil in den Falten des Gewandes betraten, sobald der Angeklagte dem melchitischen Bekenntnis angehörte.

Was sie gegen dies schöne Geschöpf besonders einnahm, wußte er nicht, doch es war leicht zu erkennen, daß sie der Damascenerin feindlich gesinnt waren, und wenn sie das »Schuldig« über sie aussprachen und auch nur zwei Araber ihnen beipflichteten, war es um die Jungfrau geschehen.

Und was wollte der weißgekleidete Greis auf der Zeugenbank, der alte, gelehrte Horus Apollon, mit der Aussage, die er zu machen wünschte? Die Blicke, mit denen er die Damascenerin maß, ließen nichts Gutes für sie erwarten.

Und es war so drückend, so unerträglich heiß in dem Saale! Jeder fühlte sich belastet, und trotz der Wichtigkeit dieser Verhandlung, geriet sie doch manchmal ins Stocken und wurde darauf öfter mit unziemlicher Hast fortgesetzt.

Die Angeklagte selbst erschien zum Glück völlig frisch und unbeeinträchtigt von der Glut dieses Tages. So wenig es sie gekostet hatte, bei dem Verhör durch den rohen Schwarzen auf ihrer Behauptung zu bestehen, an der Flucht der Nonnen keinen Teil zu haben, so schwer wurde es ihr, den wohlwollenden Fragen des Kadhi Othman gegenüber; doch es blieb ihr keine Wahl, und es gelang ihr, zu beweisen, daß sie, während die arabischen Krieger zwischen Athribis und Dumiat ums Leben gekommen waren, Memphis und das Haus des Rufinus nicht verlassen.

Der Kadhi suchte diesen Umstand sogleich zu ihren Gunsten zu verwerten, und der Wekil Obada, der viel mit seinem greisen Nachbar auf der Zeugenbank zu flüstern hatte, ließ ihn gelassen reden; doch sobald er geschlossen, erhob er sich und legte den Brief, welchen er in Orions Zimmer gefunden, vor den Richtern nieder.

Er war unleugbar von der Hand des Statthaltersohnes, richtete sich an Paula, und der Schlußsatz: »Verdamme mich darum nicht; Dein schöner und nur zu gerechtfertigter Wunsch, Deinen Glaubensgenossen Hilfe zu bringen, hätte genügt,« verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck auf die Richter zu machen; Paula aber entgegnete auf die Frage des Kadhi, wie sie sich zu diesem Schreiben verhalte, der Wahrheit gemäß, es sei ihr völlig fremd, doch wolle sie nicht leugnen, den Schwestern im Cäcilienkloster, ihren Glaubensgenossinnen, stets das Beste gewünscht und gehofft zu haben, es möge ihnen gelingen, ihr gutes Recht gegen die Anfeindungen des Patriarchen zu behaupten.

Auch der verstorbene Mukaukas und der jakobitische Rat der Stadt hätten diese ihre Gesinnung geteilt und die Araber den Frieden der frommen Krankenpflegerinnen niemals gestört.

Die Ruhe und Kürze, mit denen sie diese Aussagen machte, wirkten günstig, besonders auf die muslimischen Richter, und der Kadhi begann für Paula zu hoffen und befahl, Orion zu rufen, der am besten in der Lage sei, über die Bedeutung des von ihm geschriebenen, doch nicht abgesandten Briefes Auskunft zu erteilen.

Da erschien der Jüngling, und obgleich er und Paula sich Gewalt anthaten, an dieser Stätte die schickliche Ruhe zu bewahren, sah ihnen doch jeder die lebhafte Erregung an, welche dies Wiedersehen in ihnen hervorrief.

Horus Apollon verwandte kein Auge von Orion, den er hier zum erstenmal sah, und seine Züge gewannen dabei ein immer finstereres, bedrohlicheres Ansehen.

Der Jüngling bekannte, den Brief geschrieben zu haben, doch bezog er ihn wie Paula nur auf die Gefahr, welche den Nonnen von seiten des Patriarchen schon lange gedroht hatte. Den Beistand, den er in diesem Schreiben der Tochter des Thomas versage, würde er ihr zu Gunsten der Schwestern später und zu gelegener Zeit gern und eifrig geleistet haben, und zwar mit Hilfe des Statthalters Amr, der, wie er selbst bestätigen werde, seines Vaters Ansichten über das gute Recht der Nonnen teile.

Da murmelte der Alte auf der Zeugenbank laut genug, um von den Richtern verstanden zu werden: »Geschickt, sehr geschickt!« und der Schwarze neben ihm lachte laut auf und rief:

»Das heiß' ich sein Leben schlau verlängern! Laßt euch warnen, ihr Herren! Diese beiden spielen gemeinsames Spiel und sind eng mit einander verbunden. Den Beweis dafür hab' ich in Händen: das Vermögen der Tochter des Thomas legte dieser da an, als wär's schon sein eigen, und ferner . . .«

Hier unterbrach ihn Paula. Sie wußte nicht, was der übelgesinnte Mann vorbringen werde, doch etwas Verletzendes war es gewiß. Und da stand Orion ihr gegenüber, gerade so, wie sie ihn in Stunden zärtlicher Rückerinnerung vor dem inneren Auge zu sehen pflegte, und sie fühlte, wie sein Blick entzückt auf ihr ruhte.

Hier sich ihm offen nähern, ihm sagen, was sie mitten in diesem Kampfe um Leben und Tod empfand, das schien unmöglich, und wie nun der Wekil vor den Richtern zu entschleiern begann, was sie und den Geliebten allein anging, da drängte sie alles, was in ihr war, ihm zuvorzukommen und dem Freunde in dieser verhängnisvollen Stunde das zu gewähren, was sie ihm einmal kleinmütig versagt.

So unterbrach sie denn froh bewegt und mit glänzenden Augen den Schwarzen, und rief: »Halt ein! Du verschwendest Worte und Mühe. Was Du arglistig zu beweisen suchst, das bekenne ich selbst stolz und freudig. Hört es denn alle: der Sohn des Mukaukas Georg ist mein Verlobter.«

Dabei suchte ihr Blick den des Orion, und sie fand ihn, und wieder feierten beide mitten in der höchsten Gefahr einen Augenblick des reinsten, tiefsten Glücks, und Paulas Augen schimmerten feucht vor dankbarer Rührung, als Orion ausrief:

»Was die höchste Seligkeit meines Lebens ausmacht, habt ihr aus ihrem eigenen Munde vernommen. Die edle Tochter des Thomas ist meine Braut!«

Da ging ein Murmeln durch die Reihen der jakobitischen Richter. Mancher hatte bis dahin, niedergedrückt von der Hitze, vor sich hingeträumt und den Kopf auf die Brust sinken lassen; nun aber waren sie plötzlich alle so wach und lebendig, als habe ein kalter Wasserstrahl sie getroffen, und einer rief:

»Dein Vater, junger Mann, Du hast ihn hurtig vergessen! Was hätte er wohl gesagt über dies Dein blutschänderisches Bündnis mit der Melchitin, der Tochter derer, die zwei Deiner Brüder zu Märtyrern machten? O, wenn der Verstorbene . . .«

»Er hat unsern Bund auf dem Sterbebette gesegnet,« fiel ihm Orion ins Wort.

»Hat er?« fragte ein anderer Jakobit mit schneidendem Hohn. »So ist der Patriarch im Rechte gewesen, da er seiner Leiche die Begleitung des Klerus versagte. Wird man alt, um Zeuge solchen Frevels zu werden?«

Wie Heimchengezirp verklangen diese Worte vor den Ohren der tief beglückten Beiden; sie fühlten, sie bedachten nur, was diese seligen Augenblicke ihnen gewährt, und ahnten nicht, daß Paulas frohe Zusage ihr das Todesurteil sprach.

Der Zorn der Jakobiten beschleunigte von nun an den Gang der Verhandlung.

Beredt hob der Ankläger unter den Arabern hervor, wie vielen Muslimen die Rettung der Nonnen das Leben gekostet, und er verlas nochmals den Brief Orions. Sein christlicher Amtsbruder suchte zu beweisen, daß sich dies Schreiben nur auf die so listig ins Werk gesetzte Flucht der Schwestern beziehen könne, und nun trat etwas Neues, Unerwartetes ein, das tief einschnitt in die Verhandlung: der Greis fiel dem Kadhi ins Wort, um eine Aussage zu machen.

Da erhob sich Paulas Zuversicht, welche die letzten Reden zu erschüttern begonnen; denn sie durfte ja sicher sein, daß der bewährte Freund und Pflegevater ihres treuen Philipp für sie eintreten werde.

Doch was war das?

Mit einem Blick, dessen wilde Feindseligkeit ihr ins innerste Herz drang, maß der Alte ihre hohe Gestalt und sagte dann langsam:

»Am Morgen, welcher der Flucht der Nonnen folgte, ist die Angeklagte im Cäcilienkloster gewesen und hat dort die Glocke geschlagen. Wenn Du kannst, stolze Tochter eines Präfekten, so widersprich mir; doch laß Dir im voraus sagen, daß Du in diesem Falle mich zwingst, zu neuen Anklagen zu schreiten.«

Da sah das Mädchen, von Entsetzen ergriffen, die Witwe des Rufinus und Pulcheria im Geiste neben sich auf der Armsünderbank vor den Richtern, und sie fühlte, daß sie durch Widerspruch die Freunde mit sich ins Verderben stürzen werde, und so bestätigte sie denn mit bebenden Lippen die Aussage des Greises.

»Und aus welchem Grunde schlugst Du die Glocke?« fragte der Kadhi.

»Um denen zu nützen,« entgegnete Paula, »die meine Glaubensgenossen sind, und die ich liebe.«

»Als Urheberin eines hochverräterischen, von Blut triefenden Unternehmens,« rief der Wekil, »und zu keinem andern Zweck, als um uns, die Beherrscher dieses Landes, zu täuschen.«

Doch der Kadhi verwies ihn zur Ruhe und gab ihrem jakobitischen Sachwalter das Wort. Dieser hatte in der Frühe mit ihr gesprochen und trat in ägyptischer Weise mit einer Verteidigungsschrift für sie ein; doch dies matte Machwerk übte keinerlei Wirkung, und so sehr der Kadhi sich auch bemühte, alles hervorzuheben, was zu ihrer Rechtfertigung dienen konnte, wurde dennoch das Schuldig über sie gesprochen.

Aber konnte ihr Vergehen mit dem Tode bestraft werden?

Es stand fest, daß sie bei der Rettung der Nonnen die Hand mit im Spiel gehabt, doch nicht weniger sicher ließ sich erweisen, daß sie während des Kampfes auf dem Nilarm fern von den Schwestern und ihren Verteidigern gewesen. Und sie war ja ein Weib, und wie verzeihlich erschien es, daß ein frommes Mädchen geliebten Glaubensgenossinnen half, der Verfolgung zu entgehen.

Der Kadhi Othman hob dies alles mit beredten Worten hervor, und wies den Wekil streng und ernst zur Ruhe, wenn er von der Zeugenbank aus für die Todesstrafe zu sprechen versuchte, und des milden Richters menschenfreundliche Beredsamkeit gewann die Herzen der meisten Muslimen.

Paulas Persönlichkeit wirkte mächtig auf sie ein und nicht weniger der Umstand, daß ihr tapferster und edelster Feind der Vater der Angeklagten gewesen.

Als es endlich zur Abstimmung kam, geschah das Unerhörte, daß alle Glaubensgenossen der Angeklagten, daß sämtliche jakobitische Christen ihren Tod forderten, während von den Ungläubigen auf dem Richterstuhl nur einer diesem strengen Strafmaße beipflichtete.

Das Urteil war gesprochen, und als der Wekil Obada an Orion, der bleich und seiner selbst kaum mächtig in seine Zelle zurückgeführt wurde, vorbeikam, rief er ihm spöttisch in gebrochenem Griechisch zu: »Morgen kommt die Reihe an Dich, Sohn des Mukaukas!«

Da schwebte Orion die Antwort auf den Lippen. »Auch an Dich kommt sie, Sohn eines Sklaven!«

Doch Paula stand ihm gegenüber, und um ihren Feind nicht noch mehr zu reizen, gelang ihm jetzt, was ihm vorher nie geglückt sein würde: ohne ihm ein Wort zu entgegnen, ließ er den Wekil und Horus Apollon an sich vorüber.

Sobald sich die Thür hinter den beiden geschlossen, nickte der Kadhi Orion beifällig zu und sagte: »Recht und weise gehandelt, mein Freund! Der Adler soll nicht vergessen, daß es frommt, die Schwingen im Käfig anders zu regen als zwischen Wüste und Himmel.«

Dabei winkte er den Wärtern, ihn fortzuführen, und hielt sich zurück, als der Jüngling seiner Braut mit Auge und Hand den Abschiedsgruß zuwinkte.

Endlich schritt der Kadhi auf Paula zu, deren heldenmütige Ruhe bei der Verkündigung des Todesurteils seine Bewunderung erregt hatte, und sagte: »Das Gericht hat gegen Dich entschieden, edle Jungfrau, aber über seinem Spruche steht die Gnade unseres Herrn, des Chalifen, und die des barmherzigen Gottes. Richte Du Dein Gebet an ihn, an jenen will ich mit einigen Freunden mich wenden.«

Bescheiden wehrte er ihren Dank ab, und als man auch sie abgeführt hatte, rief er den Freunden, die seiner warteten, in der bilderreichen Sprache seines Volkes zu: »Das Herz thut mir weh! Solches Urteil aussprechen drückt nieder wie Zentnergewichte; doch einen Obada zum Glaubensgenossen haben und ihm gehorchen – der Erdball trägt sich nicht schwerer!«

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