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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Einundvierzigstes Kapitel.

Am Nachmittag ritt der Wekil Obada nach Memphis in das Gefängnis der Stadt. Er erwartete den Bischof zu finden, doch empfing ihn dort statt seiner die Nachricht, Plotinus sei an der Seuche gestorben.

Das war ein hämischer Streich des Schicksals; denn mit dem Bischof ging die Kunde zu Grabe, wer ihm den zu Gunsten der Nonnen ersonnenen Rettungsplan verraten.

Aber nein!

Der Patriarch besaß gewiß Kenntnis von allem.

Doch was half das fürs erste?

Er hatte keine Zeit zu verlieren, und vor drei Wochen war Benjamin schwerlich zurückzuerwarten.

Obada war Paulas Vater vor Damaskus im Felde begegnet, und es hatte ihn oft gewurmt, daß man des Namens dieses Kriegshelden auch unter den Muslimen rühmlich gedachte. Sein neidisches Herz gönnte auch nicht dem Größten die reine, von Feind und Freund anerkannte Ehre, und er glaubte nicht an sie und hielt denjenigen, welcher ihrer genoß, für einen vorsichtigen Gleisner.

Wie gegen den Vater, so hegte er auch Abneigung gegen die Tochter, ohne sie je gesehen zu haben. Orions Schicksal war in seinem Innern besiegelt, und vor seinem Ende sollte ihm noch durch die Hinrichtung seiner Geliebten wehgethan werden, mochte sie ihre Schuld ableugnen oder offen bekennen. Vielleicht gelang es ihm, dies zu bewirken, und so ließ er Paula ungesäumt in das Versammlungszimmer der Richter führen; doch sein Vorhaben mißglückte völlig, obgleich er ihr durch den Dolmetsch die größte Milde, wenn sie offen sein werde, und im entgegengesetzten Fall einen qualvollen Tod in Aussicht stellte.

So hatte er sich die Gefangene freilich nicht gedacht, und die stolze Ruhe, mit der sie jede Beschuldigung zurückwies, übte eine seltsame Wirkung auf den früheren Sklaven.

Anfänglich unterstützte er den Dolmetscher, indem er sie mit gebrochenen griechischen Worten anschrie oder sie mit furchtbaren Blicken, deren Macht er gegen seine Untergebenen oft erprobt hatte, einzuschüchtern versuchte, doch ohne den geringsten Erfolg; und nun ließ er ihr erklären, er besitze ein Dokument, welches ihre Schuld außer Frage stelle, aber auch dies erschütterte ihre Ruhe nicht, und sie verlangte nur, es zu sehen. Da ließ er ihr sagen, sie werde es zeitig genug kennen lernen, und begleitete die Erklärung des Dolmetsch mit drohenden Gesten.

Es waren ihm unter seinem Volke kluge und einflußreiche Frauen begegnet. Tapfere Weiber hatte er mit in die Schlacht ziehen und noch wilder, todesmutiger und blutgieriger als die männlichen Krieger die Gefahren des Glaubensstreites teilen sehen, doch das waren lauter Gattinnen und Mütter gewesen, und wo er sie den stillen Kreis des Hauses, aus dem ein Mädchen niemals heraustreten durfte, hatte durchbrechen sehen, waren sie von leidenschaftlichen Regungen, von glühender Parteinahme für Gatten und Kind, Familie oder Stamm beherrscht gewesen. Im ganzen hielten sich die Weiber seines Volkes bescheiden zurück, und keine durchbrach die Sitte, über die nicht stürmische Triebe die Herrschaft gewonnen. Aber diese Jungfrau: wie ein Feldherr, wie das Haupt eines Stammes stand sie da in unerschütterlicher Ruhe. Es lag etwas in ihrem Verhalten, das ihm Scheu einflößte und zugleich das Verlangen, sie seine Uebermacht fühlen zu lassen und ihren Stolz zu brechen, aufs äußerste reizte. Wie er alle Führer der muslimischen Kriegsmacht, so überragte sie an Wuchs alle Frauen seines Volkes, und von der neugierigen Regung, sich mit ihr zu messen, getrieben, trat er nahe an sie heran und zog mit der Hand von seinem braunen Halse aus eine Linie durch die Luft, welche ihren Scheitel berührte, und als sie dabei zurückwich, entging ihm die Fülle des Abscheus nicht, mit der dies geschah. Da stieg ihm das Blut zu Kopfe, und während er dem Dolmetsch befahl, ihr mitzuteilen, daß sie auf keine Schonung zu rechnen habe, weihte er sie in seinem Innern einem grausamen Tode.

Bleich und auf das Schlimmste gefaßt, kehrte Paula in den dürftigen Raum zurück, den sie mit ihrer alten Betta bewohnte.

Ihr Eintritt in das Gefängnis war schrecklich gewesen; denn der Wächter hatte Mine gemacht, sie in einen der Räume zu führen, welche männliche und weibliche Verbrecher in großer Zahl beherbergten, und aus denen ihnen Kettengerassel und ein wildes Durcheinander von rohen Stimmen entgegengeklungen war; doch der Dolmetscher und der Führer der Sicherheitswächter hatten sich ihrer angenommen, und zwar auf Geheiß Frau Martinas, von der ihnen ein reiches Geschenk in Aussicht gestellt worden war, falls sie ihr morgen die Mitteilung brächten, daß Paula ein gutes Unterkommen im Kerker gefunden.

Auch die Schwiegermutter des Gefangenwärters hatte sie in Schutz genommen. Sie war die Wirtin aus der Herberge des Nesptah und hatte in der Gefangenen die schöne Jungfrau wiedererkannt, welche nach der Wasserfahrt mit Orion bei ihr eingekehrt war und die sie für seine Braut gehalten. Zufällig war sie bei der Wärtersfrau, ihrer Tochter, zu Besuch und veranlaßte auch sie, sich gefällig gegen Paula zu erweisen. So erhielt sie mit ihrer Betta eine eigene Zelle, und dem Wärter sagten ihre Goldstücke zu.

Dieser Mann that hinfort sein Bestes, um ihr Los zu erleichtern, und heute morgen war es sogar Pulcheria gestattet worden, sie zu besuchen und ihr die letzten, noch nicht verdorrten Rosen aus ihrem Garten zu bringen.

Auch die Witwe Susanna hatte ihr ihrem Vorsatz gemäß Speisen und Früchte gesandt, doch diese waren dem Gefängniswärter überlassen und der Bote bedeutet worden, daß sie mit allem versorgt sei und dergleichen in Zukunft nicht mehr bedürfe.

Im Gefühl ihrer Unschuld hatte sie ihrem Schicksal ruhig entgegengesehen und auf die viel gerühmte Gerechtigkeit der arabischen Richter gebaut. Aber nicht diese, sondern Orions Feind, der schwarze Unhold, schien ihr Los entscheiden zu sollen, und nun sank sie, niedergedrückt von dem Gefühl, ohnmächtig und hilflos der Willkür eines gewissenlosen Schurken preisgegeben zu sein, in sich selbst zusammen und hörte kaum auf die ermutigenden Worte der Amme.

Sie fürchtete sich nicht vor dem Tod; aber zu sterben, ohne den Vater wiedergesehen, ohne Orion gesagt und gezeigt zu haben, daß sie sein, ganz sein sei und bleibe, das war des Harten und Unerträglichen zu viel.

Während sie der Verzweiflung nahe die Hände rang, trabte derjenige, welcher das Glück, die Ruhe und Habe so vieler Mitmenschen vernichtet hatte, auf dem edelsten Roß aus dem Stalle Orions mit dem festen Vorsatze die trotzige Gefangene seine Macht fühlen zu lassen, durch die Straßen von Memphis.

Auf dem großen Marktplatz im Ta-ânchviertel mußte er seinen Hengst zu einer ruhigeren Gangart zwingen; denn es hatte sich dort vor der Kurie, dem Rathause der Stadt, eine unübersehbare Menschenmenge angesammelt, und der Wekil brach sich rücksichtslos Bahn durch dieselbe: er wußte, was sie begehrte, und achtete ihrer nicht. Das arme Gesinde scharte sich dort schon seit einiger Zeit täglich zusammen, und verlangte von den Buleuten Hilfe in seiner schrecklichen Not. Wenn gestern Kirchgang und Prozession erfolglos geblieben, bestürmten sie heute die Kurie. Aber konnte denn der Senat den Nil wachsen lassen, der Seuche Einhalt thun oder die Datteln hindern, von den Palmen zu fallen? Sollte er helfen, da der Himmel seinen Beistand versagte?

So hatte das Stadthaupt die um Hilfe Schreienden von dem Altan der Kurie aus schon zehnmal gefragt, und immer war die Menge in den Ruf ausgebrochen: »Ja, ja, ihr müßt es, es ist eure Pflicht! Ihr nehmt uns die Steuern, ihr seid bestellt, für uns zu sorgen!«

Gestern schon waren die Unsinnigen nicht mehr zu halten gewesen und hatten mit Steinen nach dem Rathaus geworfen, heute aber, nach dem furchtbaren Brande und dem Tode des Bischofs, waren sie in unerhörter Menge erschienen, wütender, verzweifelnder denn je, und die Buleuten saßen bebend auf ihren alten vergilbten Elfenbeinstühlen, den Resten erloschenen Glanzes, welche es den Sitzen der römischen Senatoren gleichthun sollten, und schauten sich an und zuckten die Achseln und ließen sich das Schreiben des Kadhi vorlesen, welches soeben eingetroffen war und ihnen, den Christen, gemäß dem zum Beschluß erhobenen Vorschlag des Obada, befahl, der Gemeinde durch öffentlichen Ausruf und Anschlag bekannt zu machen, daß jeder Bürger, dem das Feuer in der vergangenen Nacht das Haus zerstört hatte, drüben in Fostat unentgeltlich Grund, Boden und Baumaterial erhalten solle, um sich ein neues zu bauen, falls er hinüberzuziehen und den Islam anzunehmen bereit sei.

Dieser schmähliche Vorschlag mußte veröffentlicht werden, da half kein Berathen und Sträuben.

Aber was konnte von ihrer Seite für die klagende Menge geschehen?

Die Seuche raffte das unglückliche Volk hin; das Gemüse, die Hälfte seiner Nahrung in dieser Jahreszeit, war verdorrt, sein sonst so süßer, erfrischender Trunk vergiftet, die Datteln, seine Zukost, reiften heran, um mit Ekel fortgeworfen zu werden. Und dabei der Komet am Himmel, keine Hoffnung auf Ernte auch nur eines Halmes in künftigen Monden. Der Bischof tot, das Vertrauen auf den Beistand der Kirche geschwunden, Gottes Gnade wie erloschen, verloren gegangen in dem den Ungläubigen verfallenen Lande. Und sie, auf deren Hilfe man baute, arme, schwache Menschen, ratlose Räte, stündlich bedroht, den von der Seuche ergriffenen Genossen nachzufolgen, welche dort von den leeren Stühlen aus noch jüngst das große Wort geführt hatten.

Gestern war jeder überzeugt gewesen, die Not und das Elend habe den Gipfel erreicht, und in der verflossenen Nacht hatte es sich für so viele verdoppelt.

Ihr eigenes Selbstvertrauen war erschöpft, doch es gab noch einen Weisen in der Stadt, der vielleicht neue Wege eröffnen, auf neue Mittel hinweisen konnte, das Volk vor Verzweiflung zu retten.

Da flogen wieder Steine durch die offene Decke, und die Buleuten sprangen von den Elfenbeinstühlen und suchten Schutz hinter Marmorsäulen und Pfeilern. Wilder Lärm drang vom Markte her zu den geängstigten Vätern der Stadt, und an das schwere Thor der Kurie schlugen Fäuste und Stöcke. Zum Glück war es mit Bronze beschlagen und mit schweren Eisenriegeln geschlossen, aber jeden Augenblick konnte es aufgesprengt werden, und dann erstürmte der rasende Haufen die Versammlungshalle.

Aber was war das?

Auf einen Augenblick verstummte das Gebrüll und Gejohle, und dann nahm es eine andere, mildere Gestalt an.

Statt der wilden Flüche und Verwünschungen von vorhin erscholl nun ein »Heil! Heil!« nach dem andern, und dazwischen rief es: »Rette, hilf, gib Deinen Rat!« – »Hoch der Weise!« – »Deine Zauberkunst, Vater!« – »Du kennst das Geheime, kennst die Weisheit der Alten!« – »Rette, rette; zeige den Geldsäcken und Betrügern in der Kurie, wie man uns hilft!«

Da wagte es das Stadthaupt, seinen sichern Platz hinter der Bildsäule des Kaisers Trajan zu verlassen, der einzigen, der die Geistlichkeit Schonung gewährt hatte, und an der Letter, auf der die Hängelampen angezündet wurden, zu dem hohen Fenster hinanzusteigen und hinunter zu lugen.

Und dort sah er einen Greis in schimmernden Linnengewändern auf einem schönen weißen Esel durch die Menge reiten, welche ihm ehrerbietig Platz machte. Ihm voran schritten die Liktoren der Stadt mit ihren Fasces, an denen zum Zeichen ihrer friedlichen Sendung Palmenzweige befestigt waren, und der spähende Mann bemerkte auch, daß dem Alten außer dem Treiber seines Reittieres ein Sklave folgte, der mehrere Schriftrollen trug, und diese belebten seine Hoffnung; denn sie sahen sehr alt und vergilbt aus und enthielten darum gewiß eine Fülle von Weisheit, ja vielleicht sogar magische Formeln und wirksame Zauber.

Mit einem lauten »Er kommt!« stieg das Stadthaupt die Leiter hinunter, und bald ging auch die Thür, der Eisenriegel klirrte, und aufatmend nahm man wahr, daß niemand mit dem Greise in die Kurie gedrungen.

Als Horus Apollon den Sitzungssaal betrat, fand er die Buleuten in so würdevoller Haltung auf ihren Elfenbeinstühlen, als hätten sie das Rathalten nie unterbrochen; aber auf einen Wink ihres Vorsitzenden erhoben sie sich alle vor dem Greise, und er erwiderte ihren Gruß gemessen und wie eine ihm gebührende Ehre. Er ließ sich's auch gefallen, daß ihm das Stadthaupt seinen höheren Stuhl einräumte und neben ihm auf einem gewöhnlichen Platz nahm.

Bald war die Verhandlung eröffnet, und sie wurde von der Menge nicht gestört, wenn es auch von dem Marktplatze her unaufhörlich wie brausender Wogenschlag und das Gesumme von tausend Bienenschwärmen in den Saal scholl.

Bescheiden versicherte der Greis, daß er in seiner Einfalt, wo so weise Männer keine Hilfe zu schaffen wüßten, von vornherein verzweifle, solche zu finden; er sei nur erfahren in der Art und dem Wissen der Väter, und was diese in ähnlichen Fällen zu thun für zweckmäßig gehalten, das mitzuteilen und zur Nachahmung zu empfehlen, sei er gekommen.

Ein beifälliges Gemurmel begleitete seine leise, aber fließende Rede, und als dann das Stadthaupt zuerst auf die Wurzel alles Uebels, das Ausbleiben der Nilschwelle, hinwies, unterbrach ihn der Greis und ersuchte, diejenigen Uebelstände zuerst ins Auge zu fassen, gegen die es angehe, mit eigener Kraft Abhilfe zu schaffen.

Die Seuche verheere die Stadt, und er sei eben an dem vom Feuer zerstörten Viertel vorbeigekommen und habe dort an fünfzig Kranke ohne Pflege und im Elend verkommend beisammen gefunden. Hier könne etwas geschehen, hier zeige sich ein Mittel, der aufgebrachten Menge zu beweisen, daß ihre Berater und Leiter die Hände nicht in den Schoß legten.

Da schlug ein Rat vor, ihnen das Cäcilienkloster oder das unbenutzte und verfallende Odeum einzuräumen, doch Horus Apollon widersprach ihm und setzte klar auseinander, daß solcher Seuchenherd inmitten der Stadt die gesunden Bürger gefährde. Das sei auch die Ansicht seines Freundes Philippus, und der habe das Verfahren der Alten gleichfalls als das allein richtige gepriesen.

Und wohin verlegten die Väter nicht nur ihre Wohlthätigkeitsanstalten, sondern auch die größten, weite Räume beanspruchenden Tempelanlagen und Begräbnisstätten? Immer in die Wüste, außerhalb der Stadt. Auf den Riesensphinx bei den Pyramiden habe der große Arrian selbst die Verse geschrieben:

»Götter schufen dereinst die weithin prangenden Formen,
Weislich sparend des Felds Weizen erzeugende Flur.«

Dies Sparen des Fruchtlandes hätten die Neueren vergessen, sie verstünden es aber auch nicht mehr, die Wüste zu benützen. Die Toten und Verpesteten dürften die Lebenden nicht gefährden, und darum müßten sie außerhalb der Stadt, auf dem Wüstenboden der Nekropole, untergebracht werden.

»Aber wir können sie nicht in der Sonnenglut liegen lassen!« rief das Stadthaupt.

»Und ebensowenig,« fügte ein anderer hinzu, »im Handumdrehen ein Haus für sie errichten.«

Da versetzte Horus Apollon:

»Wer möchte so töricht sein, das eine oder das andere zu verlangen! Aber Linnen und Pfähle gibt es im Ueberfluß zu Memphis. Laßt sogleich große Zelte in der Nekropole aufschlagen, und unter ihrem Schutz wird auf Kosten und unter Fürsorge der Stadt alles verpflegt, was der Seuche verfällt. Ernennt drei oder vier unter euch zur Vollstreckung dieses Auftrages, und in wenigen Stunden ist Unterkunft für die obdachlosen Kranken geschaffen. Wie viele Matrosen und Schiffsbauer sonnen sich arbeitslos am Ufer! Heran mit ihnen, und in einer Stunde ans Werk!«

Dieser Vorschlag fand Anklang, und ein Leinwandfabrikant unter den Buleuten rief:

»Ich liefere, was not thut!« Doch ein anderer, welcher Handel mit dem gleichen Stoffe trieb und diese berühmte ägyptische Ware weithin versandte, fiel ihm ins Wort und verlangte für sich und sein Haus den Auftrag, weil er billiger verkaufen könne. Und dieser Streit hätte die Sitzung bis an ihr Ende und vielleicht auch die des folgenden Tages ausgefüllt, wenn der Vorschlag des Horus Apollon, die Lieferung zwischen beide zu verteilen, nicht schnell angenommen worden wäre.

Das Volk begrüßte die Verkündigung des Beschlusses, Krankenzelte in der Wüste zu errichten, mit einem tausendstimmigen Beifallsgeschrei. Die gewählten Beauftragten gingen sogleich an die Arbeit, und in der Nacht konnten die Obdachlosen unter dem ersten großen Siechenzelt untergebracht werden.

In ähnlicher Weise löste der Greis noch einige andere wichtige Fragen, indem er dabei immer auf die Alten Bezug nahm.

Zuletzt ergriff er zu der Hauptsache das Wort, und er that es mit Vorsicht und großem Geschick.

Alle Ereignisse der letzten Zeit, sagte er, wiesen darauf hin, daß der Himmel dem unglücklichen Lande seiner Väter zürne. Als ein Zeichen seines Grolles habe er den Kometen gesandt, dies schreckliche Gestirn, das mit jedem Tag zunehme an drohendem Glanz.

Den Nil zum Steigen zu bringen, stehe in keines Menschen Macht; doch die Alten hätten – und nun lauschten die Buleuten mit verhaltenem Atem – die Alten hätten in näherem Verhältnis zu den geheimnisvollen, das Leben der Natur leitenden Mächten gestanden als die heutigen Menschen, gleichviel ob Laien oder Priester. Damals sei jeder Diener des Höchsten zugleich ein Naturkundiger und Forscher gewesen, und wenn weiland ein Unglück, wie das dieses Jahres, Aegypten heimgesucht habe, sei ein Opfer gebracht worden, ein schweres Opfer, wogegen sich die Menschlichkeit und auch alles, was in ihm selbst sei, sträube, doch dies Opfer habe nie seine Wirkung verfehlt, nie und niemals; hier seien die Belege, und dabei wies er auf die Schriftrollen in seinem Schoß; die Versammelten aber regten sich unruhig auf den Stühlen, und erst rief das Stadthaupt, dann riefen und fragten die anderen Buleuten einer nach dem andern:

»Das Opfer?«

»Was brachten sie dar?«

»Was ist's mit dem Opfer?«

»Das laßt mich bis auf ein andermal verschweigen,« bat der Greis. »Was könnt' es auch helfen, es heute schon zu verkündigen? Erst gilt es zu finden, was den Göttern genehm ist.«

»Was ist es?« – »Rede, Herr!« – »Spanne uns nicht auf die Folter!« stürmte es von allen Seiten auf ihn ein; doch der Greis blieb unerbittlich, versprach, den Rat selbst zusammenzuberufen, sobald es an der Zeit sei, und forderte das Stadthaupt auf, vom Altan aus zu verkünden, Horus Apollon kenne ein Opfer, das den Nil bewegen werde, endlich zu wachsen. Sobald es gefunden sei, werde man das Volk um seine Einwilligung bitten. Zur Zeit der Alten habe es nie zu wirken verfehlt, und so möge Mann, Weib und Kind getrost nach Hause gehen und geduldig und mit neuer, wohlbegründeter Hoffnung der Zukunft entgegenschauen.

Und diese Verkündigung, in welche das Stadthaupt das Lob der Weisheit des Greises Horus Apollon verflocht, übte eine mächtige Wirkung. Wie neu belebt jubelte die Menge auf. Ein »Heil! Heil!« folgte dem andern, und diese Rufe galten nicht nur dem Rettung verheißenden Alten, sondern diesmal auch den Buleuten, den vorsorglichen Vätern der Stadt, und diesen fiel damit eine Zentnerlast von der Seele.

Was der Alte da vorhatte, war gewiß nicht fromm und gut christlich, aber hatte sich denn die Macht der Kirche wirksam erwiesen? Und nachdem diese gescheitert, waren sie schon selbst auf Mittel verfallen, welche die Priester verdammten. Magie und Zauberei, das waren echt ägyptische Künste, und wo der Glaube nicht fruchtete, traten sie, trat der Aberglaube in sein Recht, und wenn man die Lockenmedea hatte überfallen und gefangen nehmen lassen, war es nicht nur geschehen, um dem Gesetz zu genügen, sondern vielmehr, um ihre geheime Wissenschaft für das allgemeine Wohl unbemerkt in Anspruch zu nehmen. Bei solcher Not war kein Mittel zu schlecht, und wenn der Greis auch selbst Grauen vor dem seinen empfand, ihrer Zustimmung war er gewiß, wenn es nur die erhoffte Wirkung übte. War die Not erst beseitigt, so ließ sich die begangene Schuld schon sühnen, und der liebe Gott war so barmherzig!

Der Bischof hatte sonst auch Sitz und Stimme unter den Buleuten, und nun ersparte ihnen das Schicksal selbst, seinem Widerspruch zu begegnen.

Wie Horus Apollon auf den Markt trat, wurde er mit lautem Beifall und so dankbar begrüßt, als sei es ihm schon gelungen, Volk und Land zu erretten.

Was hatte er da unternommen!

Mochte das, was er ins Werk zu setzen gedachte, glücken oder fehlschlagen, in Memphis konnte er nicht bleiben; denn es war dort in jedem Falle um seine Ruhe geschehen. Aber das schreckte ihn nicht; denn für die Frauen war es gewiß heilsam, wenn er sie aus der gefährlichen Nähe der arabischen Hauptstadt entfernte, und der Entschluß, mit ihnen zusammen zu ziehen, stand in ihm fest. Auch für seinen Philipp konnte es nur gut sein, in andern Boden verpflanzt zu werden.

Im Hause des Rufinus erfuhr er, welches Geschick Paula betroffen.

Einstweilen stand sie ihm nicht mehr im Wege, doch wenn man sie morgen oder übermorgen oder in einem Monat freiließ, war sie ihm so hinderlich wie je. Der Anschlag auf sie mußte also dennoch durchgeführt werden! Seine Absonderlichkeit reizte ihn, und welch eine Genugthuung, wenn es ihm glückte, die ägyptischen Christen zu der heidnischen That zu bewegen, die er ihnen zumuten wollte!

Wurde Paula von den Arabern zum Tode verurteilt, so konnte das der Ausführung seines Unternehmens nur förderlich sein, und es galt jetzt, sich mit dem schwarzen Wekil in Verbindung setzen; denn von seiner Zustimmung hing alles ab.

Frau Johanna und Pulcheria fanden ihn so aufgeräumt und freundlich wie nie vorher; der Vorschlag, mit seinem Philipp ihr Hausgenosse zu werden, wurde auch von der kleinen Maria mit lebhafter Freude begrüßt, und die Frauen führten ihn schon heute durch das ganze Haus und stützten ihn dabei gar sorglich und liebreich.

Was er da zu sehen bekam, gefiel ihm über die Maßen. So zierlich und sauber konnte es eben nur da aussehen, wo Frauenaugen alles leiteten und überwachten. Des Rufinus Zimmer zu ebener Erde sollten die seinen werden, die entsprechenden Räume auf der andern Seite des Hauses für Philipp eingerichtet werden. Das Speisezimmer, der weite Vorsaal und das Viridarium blieben Gemeingut, und für die Frauen und Gäste bot das obere Stockwerk Raum genug.

Der Einzug konnte erfolgen, sobald er ein gewisses Etwas sichergestellt hatte. Es mußte etwas recht Erfreuliches sein; denn wie der Alte davon sprach, bewegten sich seine tief eingezogenen Lippen vergnüglich hin und her, und dabei schienen seine blitzenden Augen der Pulcheria zu sagen: »Auch für Dich, liebes Kind, hab' ich etwas Gutes im Sinne.«

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