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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Vierzigstes Kapitel.

Die Statthalterei, der Stolz und die Zierde von Memphis, der große, reiche Sitz des ältesten, vornehmsten Geschlechtes des Landes, das letzte Haus, aus dem eine lange Reihe von ägyptischen Männern hervorgegangen war, welche auch die Griechen würdig befunden, den Kaiser zu vertreten und die höchsten weltlichen Würden zu bekleiden, die Hochburg einheimischen Lebens lag in Asche, und wie der Waldriese, den der Sturm zu Fall bringt, viel niedriges Gewächs bei seinem Sturze zerknickt und umbringt, so zerstörte der Brand der Statthalterei einige hundert kleinere Häuser.

Von dem morschen Schiff Memphis hatte diese Nacht Mast und Steuer und außer ihnen viele Planken gerissen. Wie ein Wunder mußte es erscheinen, daß nicht das ganze in Asche hinsank, und nächst dem Willen Gottes hatte man dies dem schwarzen Brandstifter selbst und seinen Arabern zu danken.

Mit kühler und kluger Berechnung war diese Frevelthat begonnen und zu Ende geführt worden. Während der Durchsuchung des weitläufigen Gebäudes hatte Obada für seinen Zweck günstige Stellen ausgesucht, und zwei Stunden nach Sonnenuntergang mit eigener Hand, heimlich und von niemand bemerkt, Feuer auf Feuer entzündet. In Fostat waren die Truppen, deren er sich später zu bedienen wünschte, unter den Waffen gehalten worden, und als dann erst im Rentamt und gleich darauf an drei anderen Stellen der Statthalterei das Feuer ausbrach, wurden sie herangezogen und aufs umsichtigste verwandt.

Was dieser alte Sitz eines reichen Geschlechts an besonders wertvollen Kostbarkeiten geborgen, selbst die große Zahl der edlen Rosse in den Ställen, war in Sicherheit gebracht worden, die Besitztitel über Ländereien, Sklaven und dergleichen lagen wohlgeborgen in Fostat, aber die Flammen verzehrten dennoch eine Fülle von unschätzbaren, nie wieder herzustellenden Dingen. Edle Kunstwerke, Schriften und Bücher, die nur noch hier aufbewahrt worden waren, alte, herrliche Pflanzen und Bäume aus allen Zonen, Geräte und Webereien, welche das Entzücken der Kenner gewesen, gingen in Massen zu Grunde. Aber das alles beklagte der Brandstifter nicht; denn damit sank die Möglichkeit in Asche, ihm nachzuweisen, was und wie viel ihm mit dem Untergang der Statthalterei in die Hände gefallen.

Mochte man ihn im schlimmsten Falle wegen seines kühnen Vorgehens des Amtes entsetzen! Von allen Städten, die er auf den Eroberungszügen des Islam berührt, hatte ihn keine so angesprochen wie Damaskus, und er besaß nun die Mittel, dort die zweite Hälfte des Lebens in üppigem Wohlsein zu genießen.

Es mußte ihm alles daran liegen, außer der Statthalterei so wenig wie möglich von den Flammen vernichten zu lassen; denn eine wie geschickte Handhabe gegen ihn hätte es seinen Feinden geboten, wenn das alte, berühmte Memphis durch seine Schuld völlig zu Grunde gegangen wäre? Und er war der Mann, mit dem furchtbaren Element den Kampf aufzunehmen.

Und in der That fiel kein anderes Haus der Nilstraße dem Feuer zum Opfer, wohl aber hatte die von leichtem Südwinde bewegte Luft brennende Stoffe nach Nordwesten getragen, und von ihnen waren einige Häuser im Armenviertel, am Saume der Wüste, entzündet worden. Dorthin mußte sich nun die Hauptmacht der Löschenden und Rettenden wenden, und hier wie der Statthalterei gegenüber handelte er nach dem Grundsatz, aufzugeben, was nicht sicher bewahrt werden konnte.

So fiel ein ganzes Stadtviertel den Flammen zum Opfer, hunderte von dürftigen Familien verloren Hab und Gut, und dennoch wurde er, dessen ruchlose Habsucht so viele ins Elend gestürzt, gefeiert und bewundert; denn er war bald am Strome, bald am Saume der Wüste, immer da, wo die Gefahr den Gipfel erstieg, wo man die Gegenwart des Führers am nötigsten brauchte. Hier sah man ihn mitten im Feuer, dort mit eigener Hand die Axt schwingen, bald zu Pferde die Linie abreiten, auf der dürres Gras umzugraben und mit Wasser zu tränken war, bald zu Fuß den Schlauch der erbärmlichen Spritzen richten oder einen Balken, der über die gezogene Grenze hinausgefallen, mit herkulischer Kraft in die Flammen zurückschleudern. Seine schrille Stimme überschrie, seine Riesengestalt überragte alles, an seinem schwarzen Gesicht mit den funkelnden Augen und Zähnen hing jeder Blick, und sein Beispiel riß die Araber mit fort. Sein Kommandoruf machte aus der Brandstätte ein Schlachtfeld, todesmutig und bereit, die Kräfte anzuspannen und zu gebrauchen bis aufs Aeußerste, leisteten die Muslimen, gut geführt, und mit dem Namen ihres Gottes und Propheten auf den Lippen, das Unerhörte.

Auch die Aegypter thaten ihr Bestes, aber den Leistungen dieser Männer gegenüber fühlten sie sich ohnmächtig, empfanden sie es kaum mehr als Schande, von ihnen überwältigt worden zu sein.

Weit, weithin ward der Feuerschein gesehen, und auch derjenige, dessen reiches Erbe die Flammen verzehrten, wurde zwischen Mitternacht und Morgen am fernen westlichen Horizont eines rötlichen Schimmers gewahr, dessen Ursprung er sich nicht erklären konnte.

Eine halbe Stunde war er ihm entgegengeritten, als sein Reisezug bei dem vorletzten der an der Kaiserstraße zwischen Kolzum und BabylonDie griechische Festung, an die das von Amr gegründete Fostat und das spätere Kairo sich schloß. gelegenen Stationshäuser Halt machte.

Eine stattliche Schaar von Bewaffneten stieg zugleich mit ihm von den Pferden, doch Orion hatte sie nicht zu seinem Schutze berufen, er war vielmehr von ihnen angehalten worden und wurde nun als ihr Gefangener nach Fostat geführt.

Den Wagen, dessen er sich früher bedient, hatte er verlassen und statt seiner ein Dromedar besteigen müssen; zwei bis an die Zähne bewaffnete Reiter waren ihm stets an der Seite geblieben.

Seine Gefährten ließ man unbehelligt in ihrem Fuhrwerk. Vor dem Stationshause stieg der Senator Justinus aus und forderte seinen Begleiter, einen bleichen, in sich zusammengesunkenen Mann auf, das Gleiche zu thun, doch dieser blieb mit einem müden Kopfschütteln sitzen, und als der Alte ihn liebreich fragte: »Hast Du Schmerzen, Narses?«, antwortete dieser herb und heiser: »Ueberall!« und drückte sich in die Rückenkissen des Fuhrwerks. Auch die Erfrischungen, welche des Senators Diener und Dolmetscher ihm brachten, schlug er aus. Er schien in völlige Gleichgiltigkeit verfallen und nichts zu begehren als Ruhe.

Es war der Neffe des Justinus.

Dieser hatte mit Orions Beistand und nachdem er von dem Feldherrn Amr mit Schutz- und Empfehlungsbriefen versehen worden war, sein Ziel erreicht und Narses losgekauft, nachdem der Aermste erst an der neuen, dem alten Pharaonenkanal folgenden Wasserstraße, die der Chalif Omar herstellen ließ, um Getreide auf dem schnellsten Wege aus Aegypten nach Arabien zu befördern, und dann im felsigen Hafen von Aila Zwangsarbeiten verrichtet.

Am glühenden Ufer des Roten Meeres hatte Narses im furchtbaren Sonnenbrand dieser Breiten Steine zu schleppen gehabt, und mehrere Tage waren vergangen, bevor es seinem Oheim gelungen war, seine Spur zu entdecken. Ach, und wie fand Justinus ihn endlich!

Schon eine Woche vor ihrer Ankunft hatte der frühere Reiteroffizier in dem elenden Krankenschuppen der Arbeiter gelegen, und sein Rücken trug noch die Spuren der Hiebe, womit der Vogt den Erschöpften und Leidenden zur Anspannung der versagenden Kräfte gezwungen. Aus dem schmucken Krieger war ein an Leib und Seele gebrochener, in Tiefsinn verfallener Siecher geworden.

Einen glückseligen Befreiten hatte Justinus Martina zuzuführen gehofft, und nun brachte er ihr diese dem Untergang erlesenen Menschentrümmer!

Und doch war der Senator froh, wenigstens diese gerettet zu haben. Der Anblick des Leidenden rührte ihn, und je weniger Narses ihm gewährte und von ihm annahm, desto dankbarer empfand es Justinus, wenn der Wiedergefundene auch nur das kleinste Zeichen regerer Teilnahme gab.

Orion war auf dieser Fahrt zu Land und zu Wasser und zuletzt als sorgsamer Mitpfleger des Leidenden dem alten Herrn sehr nahe getreten und hatte auf die Gefahr hin, seine Mißbilligung herauszufordern, dem Senator gestanden, weswegen er Memphis verlassen.

Unaufhörlich empfand er, daß alles, was gut und groß in ihm war, Paula gehörte, daß ihre Liebe ihn hob und stärkte, daß von ihr abfallen, sich selbst aufgeben heiße. Die Tändelei mit Heliodora konnte ihn nur von den hohen Lebenszielen ablenken, die er sich vorgesteckt hatte.

Diese Ziele behielt er unverwandt im Auge, und mit geistigem Heißhunger sehnte er sich nach ruhigen Tagen, in denen er das, was er sich in der Kirche vorgenommen, ausführen und die Aufgabe lösen konnte, welche ihm der Feldherr gestellt.

Das Bewußtsein, der Erbe eines ungeheuren Besitzes zu sein, freute ihn jetzt nicht, ja er mußte sich sagen, daß er ohne diese Ueberfülle des Reichtums ein ganz anderer geworden wäre, und mehr als einmal wandelte ihn die Lust an, was er besaß, hinter sich zu werfen, frei und frank in die Welt hinauszustürmen und sich mit eigener Kraft Seelenbefriedigung und die Achtung der Besten zu erringen.

Der Senator hatte seine Bekenntnisse hingenommen, wie er eben mußte. War die Tochter des Thomas so, wie Orion sie schilderte, dann gab es freilich für sein liebes Vögelchen wenig zu hoffen. Mit zwei Lieblingen durften er und seine Martina zwar heimziehen, aber an ihnen, den Alten, sollte es dabei sein, die Jungen aufzurichten, nicht umgekehrt, wie sich's gehörte.

Trotz alledem hatte Orion sein Herz immer mehr gewonnen; denn jeden Tag, jede Stunde, war ihm etwas Erfreuliches, Neues an ihm aufgefallen, hatte er Größeres in ihm gefunden, als er erwartet.

In dem weiten Hof des Stationshauses brannten Fackeln, und unter einem von Pfählen getragenen, mit Palmenzweigen bedeckten Viereck in seiner Mitte standen Bänke für die rastenden Gäste.

Hier traf er wieder mit Orion zusammen und konnte mit ihm reden.

Die Häscher hatten in seiner Nähe Platz genommen, und verloren ihn nicht aus den Augen, während sie ihr getrocknetes Hammelfleisch, ihr Brot, ihre Zwiebeln und Datteln verzehrten.

Auch des Senators Diener brachte einen Imbiß aus dem Wagen, und als Justinus und sein junger Freund ihm eben zuzusprechen begannen, trat eine lange Männergestalt in den Hof und an die Bänke. Es war der Arzt Philippus, der hier auf dem Weg nach Dschidda rasten wollte.

Schon draußen hatte er erfahren, wen er als Gefangenen hier finden werde, und die Araber, denen der Arzt bekannt war, gestatteten ihm, sich zu den beiden zu gesellen, doch sie rückten ihnen näher, und ihr Führer verstand griechisch.

Philippus war Orion nichts weniger als freundlich gesinnt, doch er wußte, welchen Gefahren der Jüngling entgegen sah, einen wie schweren Verlust er erlitten, und sein Gewissen gebot ihm, ihm alles zu gewähren, was ihm im Verhör über das Unternehmen, dem Rufinus zum Opfer gefallen, dienlich sein konnte.

Er war der Ueberbringer trauriger Nachrichten, die auch die Araber mit anhören durften.

Ueber die Beschlagnahme der Statthalterei geriet Orion zwar in Empörung, doch meinte er, daß der Feldherr Amr sie wieder rückgängig machen werde; dagegen ward er von der Kunde, die Mutter sei dem Vater gefolgt, um so gewaltiger erschüttert, und wie die Araber den starken Mann schluchzen sahen und erfuhren, was ihn betroffen, zogen sie sich achtungsvoll zurück; denn der Schmerz des Sohnes über den Tod der eigenen Mutter war ihnen heilig. Sie betrachten denjenigen, dem sein Teuerstes gestorben, wie von der Hand des Höchsten getroffen und von seiner Berührung geheiligt, und mit frommer Scheu zollen sie ihm jegliche Rücksicht.

Orion hatte das Verschwinden der Muslimen nicht bemerkt, doch Philippus benützte es sogleich, um ihn mit fliegenden Worten von allem zu unterrichten, was sich auf der Flucht der Nonnen ereignet.

Von dem Brand der Statthalterei und Paulas Verhaftung besaß er selbst noch keine Kunde, dem Senator konnte er dagegen mitteilen, wo er die Seinen zu suchen habe.

Als der Führer ihn auf die Straße rief, besaß Orion Kenntnis von allem Geschehenen.

Gesenkten Hauptes, in tiefe, schmerzliche Gedanken versunken, ritt er mit den anderen weiter.

Die Statthalterei – ob die Araber sie ihm vorenthielten, ob nicht, was kam darauf an; doch die Mutter, die Mutter! Alles, alles, was sie ihm von Kind an gewesen, trat ihm nun in den Sinn, und über den Kummer um diesen Verlust vergaß er der drohenden Gefahr, des Kerkers, der ihn erwartete, und des schmählichen Eingriffes in seine Rechte; ja selbst das Bild der Geliebten wich vor dem der teuren Verstorbenen zurück. Vielleicht sollte es ihm nicht einmal vergönnt sein, die Mutter selbst zu bestatten.

Durch dürres, felsiges Wüstenland führte der Weg, und je weiter man kam, desto heller wurde der wunderbare Feuerschein vor ihnen, bis es hinter den Reisenden zu tagen begann, und das glühende Rot der Morgenröte das andere im Westen verlöschte.

Wieder begann ein brennend heißer Tag, und als die Felsen an Orions Seite noch lange Schatten auf die staubige Wüstenstraße warfen, kamen ihm einige arabische Reiter von Fostat her entgegen und riefen seine Begleiter an, um ihnen das Neueste zu berichten. Es mußte etwas Großes sein; doch der Jüngling verstand nicht, was sie sagten; schlimme Botschaften erreichen indessen nur zu schnell ihr Ziel, und während die Reiter noch mit den anderen sprachen, trabte der Dolmetscher zu ihm heran und rief ihm zu, die Statthalterei sei heruntergebrannt, und halb Memphis stehe in Flammen.

Dann kamen andere Wanderer zu Roß und auf Dromedaren, kamen Wagen, Kamelzüge mit Korn und ägyptischen Handelsgütern ihnen entgegen, und jeder rief Orions Reisezug an, und teilte mit, was sich in Memphis ereignet, und hoffte der erste zu sein, von dem es die Heranziehenden erfuhren.

Wie häufig bekam Orion das Gleiche zu hören, und so oft ein Wanderer mit seinem »Habt ihr vernommen?« anhob und nach Westen wies, begann die Wunde, welche ihm die erste Botschaft geschlagen, neu zu bluten.

Was lag für ihn alles unter der Asche da drüben? Wie viel Unersetzliches hatten die Flammen zerstört!

Was er sich auf dieser Fahrt in stillen Stunden gewünscht, zum Teil hatte es sich jetzt schon erfüllt! Die Last des großen Besitzes, die an seinen Fersen gehangen und ihn gehindert, sich frei zu bewegen, wo war sie? Aber er fühlte sich noch nicht wie befreit, sah den Weg noch nicht vor sich offen, sondern beklagte still das versunkene Haus seiner Väter, die verlorene Heimat, und ein quälendes Gefühl der Unsicherheit überfiel ihn. Keinen Vater, keine Mutter, kein Elternhaus mehr! Jahrelang hatte er schon ganz auf eigenen Füßen gestanden, und doch kam er sich vor wie ein Schiffer, dessen Boot das Steuer verloren.

Vor ihm lag der Kerker und der Abschluß der großen Tragödie, als deren Held er sich selbst ansehen durfte. Wie das Haus des Tantalus hatte das Schicksal das seine dem Verderben erlesen. Es war in Asche versunken, und da lagen schon die Opfer: Zwei Brüder, Vater, Mutter und in weiterer Ferne Rufinus.

Doch wo war die Schuld?

Seine Ahnen hatten sie nicht begangen, nur die seine konnte es sein, die das Verderben herabzog; aber gab es denn noch das alte Verhängnis, das unerbittliche, eiserne Schicksal der Alten? Hatte er nicht bereut, gelitten, sich mit seinem Erlöser versöhnt, sich bereit gemacht zum Kampf gegen das Schwerste? Vielleicht war er der Held des Trauerspieles, doch dann wollte er zeigen, daß nicht mehr die blinde Notwendigkeit, sondern das, was der Mensch aus sich selbst macht, das, was er im Bunde mit dem Höchsten erstrebt, das Geschick eines Lebens bestimmt. Mußte er unterliegen, so sollt' es nur nach wackerer Gegenwehr geschehen. Ohne Furcht wollte er ankämpfen gegen alles, was ihm feindlich widerstrebte, wollte er vorwärts dringen auf dem Weg, den er sich vorgezeichnet, und nun hob sich ihm wieder das Herz, und es war ihm, als sähe er am Himmel als leitenden Stern das Beispiel des Vaters, in dessen Sinne es zu leben galt oder zu sterben. Und richtete er den Blick auf die Erde, so gab es auch dort noch etwas, was es ihm wert erscheinen ließ, die Not des Daseins zu tragen und den schwersten Kampf auszufechten: Paula und ihre Liebe!

Je mehr er sich Fostat näherte, desto höher und sehnsuchtsvoller schlug ihm das Herz.

Ja es mußte ihm vergönnt sein, die Geliebte wiederzusehen, sie in die Arme zu schließen vor seinem Ende!

Es war ihm, als hätte das, was er in diesen Stunden gelitten, alles fortgeräumt und beseitigt, was sie noch von einander trennte. Er fühlte, daß er nun die Kraft besitze, ihrer würdig zu bleiben; ja wäre Heliodora ihm wieder begegnet, er hätte ihr nun sicher und gewiß nicht mehr gewährt als einer freundlichen Schwester.

Seine Begleiter führten ihn in das Haus des Kadhi, doch dieser befand sich im Diwan, in der Ratsversammlung, welche sein Feind, der schwarze Schurke Obada, zusammenberufen.

Dieser hatte sich nach den Anstrengungen der letzten Nacht nur wenige Stunden Ruhe gegönnt und dann dem Rat beiwohnen müssen, und in seiner Mitte sollte er erfahren, daß er so vielen Feinden zu widerstehen hatte, wie dieser Mitglieder umfaßte.

Sein schärfster Gegner war der dem Gerichts- und Verwaltungsweg vorgesetzte Kadhi Othman, und der Vorsteher der Landesbesteuerung, Chalid. Beide hielten mit ihrer Meinung nicht zurück, und wer dieser Versammlung beigewohnt hätte, wäre wohl nie auf die Vermutung gekommen, daß die meisten Mitglieder derselben in ihrer Jugend während der Tage des Friedens als schlichte Hirten Schafe auf den Bergen gehütet, Karawanen durch die Wüste begleitet oder kleinen Handelsgeschäften vorgestanden hatten. Im Streit des einen Stammes gegen den andern war ihnen allen Gelegenheit geboten worden, sich im Waffenhandwerk zu üben und den Mut zu stählen, doch wer hatte sie gelehrt, das Wort so sorgfältig zu wählen, und es mit Gesten zu begleiten, deren natürliche Anmut jedem griechischen Rhetor Ehre gemacht haben würde? Nur wenn der gereizte Sprecher »donnerte und blitzte«, verlor er zwar, fortgerissen von heißblütiger Leidenschaft, das schöne Maß, doch wie gewaltig wirkten dann Stimme, Auge und Handbewegung! Und nie, auch nicht im höchsten Affekt, verging man sich hier gegen die Reinheit der Sprache. – Diesen Rednern, von denen die wenigsten lesen und schreiben konnten, standen auch die wirkungsvollsten Verse ihrer Dichter zu Gebote, von denen tausende ihr Gedächtnis schmückten.

Heute ward hier über die inneren Angelegenheiten eines alten Kulturlandes verhandelt, das den kriegerischen Wüstensöhnen noch vor wenigen Jahren fremd gewesen war, und wie hatten die vier Bauordner, der Vorsteher der Märkte, der der Bewässerung des Landes und der der Mühlen, ihre Aufgabe begriffen! Diese frischen, unabgenützten Geister waren fähig, das Schwerste zu erfassen und es kräftig, fein und glücklich weiter zu bilden.

Und in der That, schon die Söhne dieser durch keine Schule gegangenen Väter waren berufen und im stande, herabgekommenen Großstaaten reichen Glanz zu verleihen, die entschlafene Wissenschaft der von ihnen niedergeworfenen Nationen zu neuem Leben zu erwecken! In dieser Versammlung zeigte alles Geist, Leben, Feuer, und der frühere Sklave Obada hatte es wahrlich nicht leicht, unter so beschaffenen Sprößlingen angesehener freier Stämme seine Stellung zu behaupten.

Offen und ohne Scheu sprach sich der Kadhi Othman gegen seine Handlungsweise aus, und erklärte, auch im Namen der anderen Mitglieder des Diwan, jede Verantwortlichkeit für das Geschehene ablehnen und es dem Wekil zuweisen zu müssen; der aber verlangte nichts Besseres, sprach mit so flammender Beredsamkeit, sein Vorschlag, die durch das Feuer obdachlosen Memphiten nach Fostat zu ziehen, war so annehmbar, und endlich hatte die letzte Nacht seine großen Eigenschaften in so helles Licht gestellt, daß man das Einschreiten gegen ihn verschob und die Antwort auf die gegen ihn gerichtete Anklage aus Medina abzuwarten beschloß. Auch die mächtige Disziplin befahl, sich ihm zu fügen, und mancher, der in der Schlacht dem Tode wie einer geliebten Braut entgegengeeilt war, fürchtete den gewaltigen Emporkömmling, der vor dem Entsetzlichsten nicht zurückschrak.

Obada hatte einen Sieg erkämpft. Niemand war im stande, ihn des Raubes auch nur einer Drachme zu überführen, und dennoch hatte er schwer zu ertragende Worte anhören müssen, und von allen Seiten war ihm die Ehrfurcht vorenthalten worden, die ihm als Stellvertreter des Statthalters gebührte.

Unwillig aufs höchste, blieb er als letzter im Sitzungssaal zurück, und niemand, selbst nicht sein Unterbefehlshaber blieb bei ihm, um ihm über die Kraft und Schönheit seiner Rede ein schmeichelhaftes Wort zu sagen, während diese Verwünschten den Amr bei ähnlichen Anlassen wie die Bienen umschwärmten und ihm bis in sein Haus folgten wie wedelnde Hunde. Nicht seiner Schuld, sondern der Abneigung, welche seine Geburt in den hochmütigen Freigeborenen erweckte, schrieb er die Mißachtung und Gegnerschaft zu, die er erfuhr, und doch übersah er sie alle, fühlte er sich jedem einzelnen überlegen, und wenn der Streich in Medina glückte, dann wollte er sich seine Opfer auswählen unter ihnen, dann . . .

Diesem Rachegedanken wurde von einem über und über mit Staub bedeckten Boten ein Ende gemacht, und der brachte Gutes: Orion war erwischt und in das Haus des Kadhi geführt worden.

»Warum nicht zu mir?« herrschte Obada den Soldaten an. »Wer vertritt hier den Statthalter? Othman oder ich? In mein Haus mit dem Gefangenen!«

Damit begab er sich ungesäumt in seine Wohnung, doch statt des Eingebrachten erschien ein Beamter des Kadhi, welcher ihm im Namen seines Herrn bedeutete, der Chalif habe Othman zum obersten Richter in Aegypten bestellt, diese Angelegenheit sei die seine, und wenn Obada die Gefangenen zu sehen wünsche, möge er sich zu ihm oder später in das Stadtgefängnis von Memphis begeben, wohin er Orion führen lassen werde.

Da eilte er wütend in das nahe Haus seines Feindes, doch dieser setzte seiner stürmischen Heftigkeit die Ruhe des besonnenen und gerechten Mannes entgegen. Er stand erst in der Mitte der vierziger Jahre, aber schon begann sein weicher schwarzer Bart zu ergrauen. Sein edles braunes Gesicht trug den Stempel einer vornehmen, hohen Gesinnung, und aus seinen Augen sprach ein scharfer und doch ruhiger Geist. Etwas Stilles, Abgeklärtes lag in der ganzen Erscheinung dieses Mannes, der schwere Lebensschicksale mit Würde getragen und sich die Aufgabe gestellt hatte, sie anderen, soweit es in seiner Macht lag, zu ersparen.

Auch an den Kadhi waren die Klagen des Patriarchen gelangt, auch er war willens, die Niedermetzlung seiner Glaubensgenossen schwer zu ahnden, doch die Strafe sollte nur die Schuldigen treffen, und es wäre ihm leid gewesen, Orion als solchen zu erkennen; denn er hatte seinen Vater als braven Mann und gerechten Richter hochgeschätzt und manchen guten Rat von dem erfahrenen Aegypter erhalten.

Der Auftritt, welcher nun zwischen ihm und dem aufs äußerste gereizten Wekil stattfand, war selbst für die Beamten, welche ihm beiwohnten, peinlich, und Orion, der im Nebenzimmer das wütende Poltern Obadas hörte, konnte daraus entnehmen, mit wie großer Feindseligkeit ihn sein schwarzer Gegner verfolgte.

Doch wie die See selbst nach den heftigsten Stürmen zu leisem Wellenschlag zurückebbt, so gewann auch dieser Streit einen ruhigeren Ausgang. Der Kadhi hatte dem Wekil vorgehalten, wie unerhört es sei, und ein wie schmähliches Licht es auf die Gerechtigkeit der Muslimen werfe, auf einen bloßen Verdacht hin das angesehenste Haus des Landes, dessen Haupte die Sache des Islam noch dazu Großes verdanke, seiner Güter zu berauben, und Obada hatte darauf erwidert, daß bestimmte Anklagen des Leiters der Kirche eben dieses Landes vorlägen, daß nichts geraubt, sondern nur mit Beschlag belegt und in Sicherheit gebracht worden sei. Was Allah durch sein Feuer vernichtet, dafür könne kein Mensch die Verantwortung tragen. Von bloßem Verdacht sei hier keine Rede; er selbst besitze ein Dokument, welches schriftlich erhärte, daß die Geliebte Orions die Anstifterin der Frevelthat gewesen, welche zwölf Glaubensgenossen das Leben gekostet. – Das Mädchen, von dem er rede, sei gestern verhaftet worden. Er werde es nachher vernehmen, trotz aller Kadhis der Welt; denn wenn er, Othman, eine beliebige Zahl von Muslimen durch Christenhunde ungestraft hinschlachten lassen wolle, er, Obada, könne nicht darüber hinwegsehen, und wenn er es thäte, würden morgen die tausend ägyptischen Kanalarbeiter die drei Muslimen, welche sie bewachten, mit den Grabscheiten erschlagen.

Darauf versicherte der Kadhi, er sei nicht weniger begierig als Obada, die Thäter zu bestrafen, aber erst müsse festgestellt werden, wer sie gewesen, und das nach dem Gesetze, gerecht und ohne Menschenfurcht und blinden Haß, von Rechts wegen und mit aller Vorsicht. Schuldige freisprechen gehe ihm als Richter ebensosehr gegen das Gewissen, als Unschuldige strafen, und so solle die Untersuchung denn ruhig vorwärts schreiten. Wenn er, Obada, die Geliebte Orions zu vernehmen wünsche, so habe er, der Kadhi, nichts dagegen; die eigentlichen Verhandlungen zu leiten und den Sitzungen der Richter vorzustehen sei dagegen seine Sache, und die lasse er sich selbst von dem Chalifen nicht nehmen, so lange ihn dieser für würdig erachte, sein Amt zu bekleiden.

Damit mußte sich Obada, wenn auch unwillig, einverstanden erklären, und als der Wekil Orion zu sehen wünschte, wurde er gerufen. Da beschaute ihn der schwarze Riese wie einen Sklaven, den man zu kaufen begehrt, von oben bis unten, und während der Kadhi auf die Thür zutrat und ihn nicht zu sehen vermochte, konnte Obada einem knabenhaften Triebe nicht widerstehen, und strich sich mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Gefangenen so hart und rasch mit dem Zeigefinger über den braunschwarzen Hals, als trenne er ihn vom Rumpfe. Dann wandte er dem Jüngling verächtlich den Rücken.

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