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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Achtunddreißigstes Kapitel.

So wenig wie das persische Liebespärchen, ließ sich der schwarze Wekil Obada von der Hitze des Tages beeinträchtigen. Er betrachtete die Statthalterei als sein Eigentum, und was er darin fand, erweckte in ihm großes Interesse, und nicht nur das der Habsucht; denn zunächst kam es ihm darauf an, hier Dokumente zu finden, welche sein Einschreiten gegen Orion und die Beschlagnahme seines Besitzes in Medina rechtfertigen konnten.

Dort waren große Dinge im Werke, und wenn die Verschwörung gegen den Chalifen Omar glückte, so hatte er nur noch wenig zu fürchten und durfte um so sicherer auf Billigung der neuen Machthaber hoffen, je höher die Summen, welche er bald nach Medina senden konnte, auch die größten überboten, welche sein Vorgesetzter jemals in den heimischen Schatz geschickt hatte.

Mit der Neugier und Begehrlichkeit eines Kindes schritt er von Raum zu Raum, betastete er alles, prüfte er die Weichheit der Polster, blickte er in Schriftrollen, die er nicht verstand, warf er sie bald wieder von sich, roch er im Zimmer der Verstorbenen an den Essenzen und Arzneien, deren sie sich bedient hatte, fletschte er vor Vergnügen die Zähne, wie er in ihrer Truhe wertvollen Schmuck und gemünztes Gold fand, steckte er sich den schönsten Diamantring an die ohnehin überladenen Finger und durchsuchte er zuletzt mit dem größten Eifer die Räume, welche Orion bewohnt hatte.

Sein Dolmetsch, der griechisch zu lesen verstand, mußte ihm dabei jedes vorhandene Schriftstück übersetzen, wenn es nicht Verse enthielt. Während des Zuhörens klimperte und riß er mit völlig unkundiger Hand in den Saiten der Leier des Jünglings umher, goß er von dem wohlriechenden Salböl des feinen jungen Herrn auf seine Hand und betupfte damit den Bart. Vor dem blanken Silberspiegel Orions hörte er nicht auf, Gesichter zu schneiden.

Zu seinem Verdruß wollte sich unter den hundert Sachen und Sächelchen, die hier umherstanden, nichts Verdächtiges finden, bis er, da er sich zum Aufbruch anschickte, in einem Korbe neben dem Schreibtisch einige fortgeworfene Schreibtäfelchen bemerkte. Sogleich wies er den Dolmetsch darauf hin, und so wenig Lesbares auf dem Diptychon stand, so wichtig erschien es dem Schwarzen; denn es lautete also:

»Orion, Sohn des Georg – an Paula, die Tochter des Thomas!

»Du hast schon vernommen, daß es mir unmöglich geworden ist, an der Rettung der Nonnen teilzunehmen. Verkenne mich darum nicht! Dein schöner und nur zu gerechtfertigter Wunsch, Deinen Glaubensgenossen Hilfe zu bringen, hätte genügt . . .«

Von hier an waren die in Wachs gegrabenen Zeichen geflissentlich verwischt und kaum ein einziges mehr zu entziffern, ja, es folgten den erhaltenen nur noch so wenige Linien, daß man glauben mußte, dieser Brief sei nie zu Ende geführt worden, und so verhielt es sich in der That.

Wenn er dem Wekil auch nichts Belastendes gegen Orion in die Hand gab, so ließ sich solches doch an ihn knüpfen; denn die Tochter des Thomas hatte sicher teil gehabt an dem Unternehmen, welches so vielen wackeren Muslimen das Leben gekostet, und durch den Wechsler in Fostat wußte der Schwarze, daß sie in nächster Verbindung mit dem Sohne des Mukaukas stand und ihm die Verwaltung ihres Vermögens anvertraut hatte. Beide mußten als Verbündete hingestellt werden, und als »Mitwisser« ward Orion jedenfalls durch das Schreiben bezeichnet.

Der Bischof Plotinus von Memphis, auf dessen Veranlassung die Verfolger ausgesandt worden waren, sollte ergänzen, was die Jungfrau verschwieg. Er war gleich nach der Anzeige des geplanten Streiches dem Patriarchen nachgereist und erst gestern früh von Oberägypten zurückgekehrt. Hier in Memphis hatte er dem Wekil zwei Klagen des Kirchenfürsten gegen Orion übersandt. Die eine betraf die Flucht der Nonnen, die andere die Unterschlagung eines kostbaren Smaragds, welcher der Kirche zukam, und beide hatten dem Schwarzen den Mut gegeben, den Besitz des Jünglings mit Beschlag zu belegen, zumal die bittere Form der Anklage des Patriarchen ihn lehrte, daß er in Benjamin einen Bundesgenossen besitze.

Paula mußte in Gewahrsam gebracht werden, und er zweifelte nicht, daß ihre Aussagen Orion in irgend einer Weise belasten würden. Am liebsten hätte er sie gleich verhört, doch gab es heute anderes für ihn zu thun.

Die längste Zeit nahm die Untersuchung des Rentamts in Anspruch. Diese wurde unter Führung seines Vorstehers Nilus unternommen. Alles, was der Beamte als Verschreibungen, Besitzinstrumente, Kauf- und Pachtkontrakte, Grundbücher und dergleichen bezeichnete, sowie die großen vorhandenen Summen in Gold und Silber wurden sogleich auf Ochsenwagen und Kamele geladen und unter sicherem Geleit über den Strom geführt. Die Akten und Dokumente aus früherer Zeit, das Familienarchiv und was damit zusammenhing, ließ der Schwarze dagegen unberührt. Ein unermüdlicher Mann war er gewiß; denn obgleich diese Arbeiten den ganzen Tag in Anspruch nahmen, gönnte er sich keine Erholung, ja er ließ sich nicht einmal einen Imbiß oder einen erfrischenden Trunk reichen. Je weiter der Tag vorschritt, desto häufiger fragte er nach dem Bischof, und zwar in immer ungeduldigerer, gereizterer Weise. Zu dem Patriarchen hätte er sich begeben müssen, aber wer war Plotin? Empfindlich wie alle Emporkömmlinge, sah er sein Ausbleiben für einen Akt persönlicher Nichtachtung an.

Doch der Hirt der Gemeinde von Memphis war kein hochmütiger Prälat, sondern ein bescheidener, frommer Mann. Sein Vorgesetzter, der Patriarch, hatte ihn in Oberägypten mit wichtigen Botschaften an den Feldherrn Amr oder dessen Vertreter betraut, und doch ließ er den Wekil vergeblich auf sich warten und sandte ihm auch keine Botschaft; wohl aber schickte seine alte Haushälterin am Nachmittag den Akoluthen, der ihm persönliche Dienste leistete, zu Philippus. Ihr sonst so rüstiger und wacher Herr hatte sich gestern wenige Stunden nach seiner Heimkehr bei hellem Tage niedergelegt und war nicht wieder aufgestanden. Glühend und dürstend schien er weder recht zu wissen, wo er sich befand, noch was ihn umgab.

Plotinus hatte immer behauptet, Gebet sei die beste Medizin für den Christen; als jedoch sein armer Körper erschreckend heiß geworden war, hatte die Haushälterin zum Arzt geschickt, doch war der Bote mit der Nachricht zurückgekommen, Philippus befinde sich auf Reisen.

Und so verhielt es sich in der That. Ein Brief des alten Haschim hatte ihn veranlaßt, Memphis zu verlassen. Der verunglückte Sohn des Kaufherrn wollte nicht genesen. Innere Organe schienen verletzt zu sein und sein Leben zu gefährden. Mit inniger Bitte beschwor nun der geängstigte Vater den Arzt, zu dem er das größte Vertrauen gefaßt hatte, nach Dschidda zu kommen, den Kranken zu untersuchen und seine Rettung in die Hand zu nehmen. Außerdem ließ er den Karawanenführer Rustem auffordern, sobald es seine Gesundheit erlaube, wieder zu ihm zu stoßen.

Dies Schreiben, das mit Grüßen an Paula schloß, deren Vater er mit allem Eifer aufsuchen lasse, hatte Philippus tief erregt.

Wie konnte er Memphis in dieser Zeit der Seuche und Not verlassen?

Und Frau Johanna und ihre Tochter!

Von der andern Seite zog es ihn um Paulas willen fort, nur fort in die Ferne, und wie gern hätte er das Seine gethan, um dem wackeren Greise den Sohn zu erhalten!

Trotz alledem wär' er geblieben, wenn sich nicht sein alter Freund ganz unerwartet auf Haschims Seite gestellt und ihn beschworen hätte, die Reise zu unternehmen. Ueber die Frauen im Hause des Rufinus zu wachen sei seine Pflicht und sein Wille. Philipps Gehilfe könne ihn bei vielen Kranken vertreten, und die anderen würden auch ohne ihn sterben; habe er doch selbst versichert, daß sich kein Mittel recht gegen die Seuche bewähre. Ferner sei er, Philipp, ja noch vorhin der Meinung gewesen, die verlorene Ruhe in Paulas Nähe nicht wiederfinden zu können. Nun biete sich die günstigste Gelegenheit, in unauffälliger Weise die Flucht zu ergreifen, und zu gleicher Zeit, ein echtes Werk der Barmherzigkeit zu verrichten.

Und Philipp hatte nachgegeben und wenige Stunden später mit sehr gemischten Empfindungen die Reise angetreten.

Der alte Horus Apollon that gar wenig für das Behagen seiner eigenen Person, doch in einer Hinsicht sorgte er gut für sich selbst. Das Gehen ward ihm schwer, und da er in der Dämmerstunde freie Luft zu atmen und später die Sternwarte bisweilen zu besuchen liebte, hielt er sich stets einen Esel von der besten und edelsten Art. Für solch ein Tier hohe Preise zu zahlen, scheute er sich nicht, wenn es nur ganz seinen Wünschen entsprach, das heißt stark, zuverlässig, fromm und hellfarbig war.

Sein Vater und Großvater, die Isispriester, hatten stets weiße Esel geritten, und darum that er es gleichfalls.

In den letzten glühenden Wochen war er selten ins Freie gekommen, und auch heute wartete er die dem Sonnenuntergang vorangehende Stunde ab, um sein Versprechen zu halten.

In schneeweißes Linnen gekleidet, mit neuen Sandalen an den Füßen, frisch rasirt, in der Väter Weise durch eine schön geordnete, lange Perrücke, sowie durch einen Schirm vor dem Brand der scheidenden Sonne geschützt, bestieg er, überzeugt, für seinen äußeren Menschen das Mögliche geleistet zu haben, den schönen weißen Esel, und sein Aethiopier trabte zu Fuß hinter ihm her.

Es war noch hell, als er vor dem Hause des Rufinus anhielt.

So schnell hatte ihm das alte Herz lange nicht geschlagen. »Als ging es auf die Brautschau,« sagte er sich selbst mit leisem Spott. Nun, es galt ja auch, ein Bündnis für den Rest des Lebens zu schließen! »Wenigstens die Neugier,« warf er sich weiter vor, »sollte man mit den Haaren und Zähnen verlieren!« Aber sie war doch noch vorhanden, und er konnte sich nicht verhehlen, daß er auf das Aussehen des Weibes gespannt war, das er, ohne es je gesehen zu haben, haßte, weil es eines Präfekten und Patricius Tochter war und seinen Philipp unglücklich machte.

Während er abstieg, führte ein junges, zierliches Mädchen eine ältere Frau in kostbarer, doch einfacher Kleidung in den Garten. Das mußte das Bachstelzchen und Orions byzantinische Gastfreundin sein.

Wie schlecht sich das traf!

So viele Weiber auf einmal!

Ihre Gegenwart konnte ihn, den dem Verkehr mit Frauen entwöhnten, einsamen Forscher, nur hindern und stören. Doch, was half's? So übel schienen die Ankömmlinge dabei gar nicht zu sein!

Das Bachstelzchen war ein wundernettes, kleines Mäuschen, auch ohne seine Millionen viel zu schade für den verruchten Statthaltersohn. Die Matrone, die hatte ein angenehmes, gutes Gesicht, ganz wie es Philippus beschrieben. Aber, und das verdarb alles, in dieser Gesellschaft durfte er des Todes des armen Rufinus, und darum auch seines Vorhabens nicht erwähnen, und so hatte er also um nichts und wieder nichts so viel Staub geschluckt und solche Hitze erduldet. Morgen mußte das alles schmählicherweise zum zweitenmal genossen werden!

Die ersten, denen er begegnete, waren ein hübsches, junges Paar. der Masdakit und Mandane. Keine Frage, sie mußten es sein, und so trat er denn auf sie zu, teilte Rustem den Wunsch seines Herrn mit und bot ihm in Philipps Namen an, ihm das Reisegeld vorzustrecken; doch der Karawanenführer schlug auf den Aermel, der ein hübsches Sümmchen in Goldstücken barg, und rief heiter:

»Alles vorhanden, auch für zwei Wanderer nach Osten! Meine Braut, wenn Du gestattest; die Zeit ist da, Täubchen! Fort geht's, fort in die Heimat!«

Das alles rief die tiefe Stimme des großen Gesellen so glückselig, so übersprudelnd heiter, und das schöne Mädchen schaute dabei so froh, so verliebt und herzensdankbar zu ihm auf, daß dem Greise ganz vergnügt zu Mute wurde, und er, der in jeder Erscheinung eine Vorbedeutung erblickte, diese Begegnung für ein gutes Omen bei seinem Eintritt in das Haus ansah, welches vielleicht seine Heimat werden sollte.

Und schön wie sein Besuch begonnen, ging er zunächst weiter; denn die Witwe des Rufinus und ihre Tochter empfingen ihn überaus freundlich. Pulcheria rückte ihm gleich den Lehnsessel des Vaters hin und schob ihm ein Kissen hinter den Rücken, und das ging so still, so natürlich und liebreich vor sich, daß es seine alte Seele erwärmte, und er sich sagte, es heiße beinahe zu viel des Guten genießen, wenn einem täglich und stündlich dergleichen geboten werde.

Das Mädchen bekam auch etwas Freundliches, Spaßhaftes über seine Sorgfalt von ihm zu hören, und die Matrone aus Konstantinopel ging gleich auf den Scherz ein. Sie hatte ihn auf seinem schönen Esel bemerkt, lobte das Tier und wollte nicht glauben, daß er selbst die Achtzig schon überschritten. Seine Mitteilung, Philippus sei verreist, erregte Bedauern bei allen; ihn aber freute es, wahrzunehmen, daß Pulcheria bei dieser Nachricht zusammenschrak und sich darauf befangen zurückzog.

Was hatte dies Mädchen für ein liebes, reines, gutes und dabei hübsches Gesicht! Es sollte und mußte sein Töchterchen werden, und mitten im Gespräch mit den anderen, den kleinen Spässen Katharinas, den freundlichen Fragen der Matrone und Frau Johannas sah er vor dem geistigen Auge seinen Philipp – liebe Geschöpf da hinten als Mann und Frau, und bei und mit ihnen niedliche kleine Kinder, die um ihn herumspielten.

Zu trösten und mit zu klagen war er gekommen, und nun ward ihm hier eine so fröhliche Stunde zu teil, wie er sie lang nicht genossen.

Er war mit den anderen im Viridarium empfangen worden, das jetzt durch mehrere Lampen hell erleuchtet wurde, und gelegentlich schaute er auf die Thüren, die sich nach diesem Mittelraum des Hauses öffneten, und legte sich dabei zurecht, welche Bestimmung die verschiedenen Räume später erhalten sollten.

Da ließen sich hinter ihm leichte Schritte hören, die Matrone erhob sich, das Bachstelzchen eilte einer Eintretenden entgegen, und gleich darauf erschien, auch für ihn sichtbar, die hohe Gestalt einer in Trauergewänder gekleideten Jungfrau. Mit vornehmer Würde begrüßte sie die Matrone, warf Pulcheria und Frau Johanna einen Blick des herzlichen, mitleidigen Einverständnisses zu, und wie diese ihr des Greises Namen nannte, trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand, eine marmorweiße, kühle, schlanke, echte Patriciushand.

Ja, schön, wunderbar schön war dies Weib! Ein gleiches erinnerte er sich kaum gesehen zu haben. Wahrlich ein tadelloses Meisterwerk des Schöpfers, ganz angethan, um wie eine unnahbare Göttin die Anbetung gehorsamer Verehrer herauszufordern; doch auf die seine mußte sie schon verzichten; denn in diesen Marmorzügen, deren Blässe das schwarze Gewand noch hervorhob, lag nichts, was ihn anzog. Aus diesen stolzen Augen drang kein erwärmendes Licht, in diesem herrlich gewölbten Busen konnte kein freundliches, liebreiches Herz schlagen. Bei ihrem Händedruck hatte ihn gefröstelt, und ihr Erscheinen schien ihm wie lähmend und erkältend auf die Anwesenden zu wirken.

Und so verhielt es sich in der That.

Paula war gerufen worden, um die Senatorsfrau und Katharina zu begrüßen. Jene, dachte sie, führe doch nur die Neugier zu ihr, und was mit Heliodora zusammenhing, stieß sie von vornherein ab. Zu dem Bachstelzchen hatte sie das Vertrauen verloren; denn vorgestern war der Akoluth, welcher im persönlichen Dienst des Bischofs von Memphis stand und dessen Kind Rufinus von einem Fußleiden geheilt hatte, bei Frau Johanna gewesen, um sie vor Katharina zu warnen, die seinem Herrn vor einigen Wochen ein wichtiges Geheimnis verraten, das sich auf ihren Gatten bezogen und Plotinus veranlaßt habe, sich sogleich nach Fostat zu begeben. Es war ja schwer, einer »Freundin« dergleichen zuzutrauen, aber diejenige, welche, wie sie selbst gestand, so gern in den Nachbargarten hinüberlauschte, und keine andere konnte dem Bischof mitgeteilt haben, was für die Nonnen ins Werk gesetzt worden war. Die bestimmten Mitteilungen des Akoluthen verboten, daran zu zweifeln.

Paulas Seele war nicht geneigt, Schlimmes von den Nächsten zu denken, doch unter solchen Umständen gewann es ihre offene, keiner Unwahrheit fähige Natur nicht über sich, der Kleinen anders als kühl zu begegnen, und mit je dringlicherer Zärtlichkeit Katharina sich an sie drängte, desto frostiger wies Paula sie zurück.

Dies alles sah der Greis, und die Art und Weise, in der die Damascenerin sich hier zeigte, hielt er für ihr ureigenes Wesen; den Patriciushochmut, die selbstsüchtige Herzenskühle und den kränkenden, zügellosen Stolz der verhaßten, nur durch Geburt edlen Sippen sah er in ihr verkörpert, in Fleisch und Blut stand es da vor ihm. Wie ihre gesamte Gattung, so haßte er dies Musterbild derselben, und sein Groll verzehnfachte sich, wenn er bedachte, was diese kalte Sirene seinem Herzenssohne zugefügt hatte, was sie ihm selbst noch anthun konnte, wenn sein Lieblingsplan durch sie unausführbar wurde; denn lieber wäre er in seinen letzten Tagen vereinsamt und selbst von Philipp getrennt geblieben, als daß er mit dieser da Tisch, Haus und Leben geteilt hätte, die dort wiederum die herzlich gemeinten Liebkosungen der niedlichen, kindlich harmlosen, kleinen Katharina mit empörender, eisiger Selbstüberhebung zurückwies. Der Bissen wäre ihm bei ihrem Anblick während der Mahlzeit im Munde gequollen; ihre hochfahrende Sprache auch nur im Nebenzimmer zu hören, hätte ihm die Lust an der Arbeit, der Druck ihrer kalten Hand beim Gutenachtgruß den Schlaf verdorben.

Auch jetzt ward ihm ihre Gegenwart bald unerträglich; sie kam ihm wie eine Herausforderung, eine Beleidigung vor, und wenn er je den Wunsch gehegt hatte, sie aus seinem und seines Lieblings Weg zu entfernen oder, mußte es sein, gewaltsam zu stoßen, so beherrschte er ihn jetzt.

Aufgebracht und verdrossen verabschiedete er sich von den anderen und würdigte Paula geflissentlich keines Blickes, wie sie, nachdem er sich erhoben, auf ihn zutrat, um freundlich mit ihm zu plaudern und ihm zu zeigen, wie hoch sie seinen Pflegesohn halte.

Pulcheria begleitete ihn in den Garten, und er versprach ihr, morgen oder übermorgen wiederzukommen, doch dann müsse sie Sorge tragen, daß er sie und ihre Mutter allein finde; denn er habe keine Lust, sich von dem Hochmut und Dünkel der Damascenerin zum zweitenmal »unter die Nase stoßen« zu lassen.

Pulcherias Versuch, die Freundin zu verteidigen wies er verdrossen zurück und trabte mit Verwünschungen auf den alten Lippen nach Hause.

Indessen hatte sich Frau Martina in ihrer vertraulichen, gemütvollen Weise Paula genähert. Sie war früher einmal ihren Eltern in Konstantinopel begegnet und erzählte von ihnen mit herzlicher Wärme. Das brach denn auch bei der Jungfrau das Eis, und als Frau Martina Orions, ihres »großen Sesostris«, und der allgemeinen Achtung und Beliebtheit, die er in Konstantinopel genossen, und seines Unglücks anerkennend und teilnehmend gedachte, sagte ihr die ältere Frau so sehr zu, daß sie jeden Rückhalt schwinden ließ und das Gespräch zwischen den neuen Bekannten eine immer lebhaftere, eingehendere und erfreulichere Gestalt annahm.

Beim Aufbruch empfanden beide, daß sie durch weiteren Verkehr miteinander nur gewinnen könnten, und als Paula während des Abschieds herausgerufen wurde und den Empfangsraum mit dem warmen, nur an Frau Martina gerichteten Abschied: »Auf Wiedersehen; doch an mir, der jüngeren, ist es natürlich, Dich aufzusuchen!« verlassen hatte, rief die Matrone:

»Welch ein Geschöpf! Wahrhaftig, die würdige Tochter eines herrlichen Vaters! Und die Mutter! O Frau Johanna! Ein lieblicheres Wesen hat diese garstige Erde selten geschmückt! Sie mußte so früh hingehen; sie war eben nur zu blühen bestimmt!« Dann wandte sie sich an Katharina und fuhr, indem sie ihr freundlich drohte, fort: »Wie falsch habt ihr bösen Zungen mir doch dies Mädchen beschrieben! Man spricht sonst von silbernen Kernen in goldener Schale, aber bei der sind beide von Gold. Ich kenne meine Menschen! Und ihr, ihr beide . . . himmlischer Vater . . . ich weiß schon, was euch armen Kätzchen die hellen Augen getrübt hat! Wie jedes zu sehen wünscht, sieht es am Ende. Ich wette, Du, Frau Johanna, teilst meine Ansicht: diese schöne Paula ist ein durch und durch edles Geschöpf! Ja, ein ›edles‹! Das ist ein pathetisches Wort, und, lieber Gott, wie oft kann man's brauchen? Es ist mir sonst nicht geläufig, doch für die da weiß ich kein anderes, und für sie ist's nicht schade!«

»Gewiß nicht!« versetzte die Gefragte aus voller Ueberzeugung; Frau Martina aber seufzte vor sich hin und dachte: »Arme Heliodora! Offen gestanden: Mein ›großer Sesostris‹ und Paula, die wären das richtige Paar. Doch, um Gottes willen, was macht man dann mit dem armen, verliebten, unglückseligen Weibchen?!«

Das zog durch ihren schnellen Geist, während Katharina sich zu rechtfertigen versuchte und beteuerte, daß sie ja Paulas große Eigenschaften anerkannt habe, aber stolz könne sie sein, so fürchterlich stolz! Sie habe vorhin der Frau Martina selbst ein Pröbchen davon zu kosten gegeben.

Da unterbrach sie Pulcheria, um mit allem Eifer für die Freundin einzutreten; doch auch sie kam nicht weit; denn im Vorsaal erhoben sich laute Männerstimmen, und plötzlich stürzte die Amme Perpetua mit verstörtem Gesicht herein und rief, ohne der Fremden zu achten:

»O, o Frau Johanna! Dies neue, entsetzliche Unglück! Da sind die arabischen Teufel wiedergekommen, und mit ihnen der Dolmetscher und Schreiber. Und man hat sie geschickt – barmherziger Heiland, ist es denn möglich? – und sie bringen einen Haftbefehl, und mein armes Kind soll mit ihnen fort, fort ins Gefängnis, durch die ganze Stadt, zu Fuß ins Gefängnis!«

Schluchzend schlug die treue Alte die Hände vors Antlitz, und ein furchtbarer Schreck bemächtigte sich aller.

Frau Johanna verließ stumm und bleich das Viridarium, und die Matrone rief:

»Ein ganz gräßliches, nichtswürdiges Land! Mein Gott, jetzt vergreifen sie sich sogar an uns Frauen . . . Kinder, Kinder – einen Stuhl her! Mir wird ganz übel! – Ins Gefängnis! Dies herrliche, einzige Geschöpf über die Straße geschleppt, ins Gefängnis! Wenn der Haftbefehl da ist, dann – dann muß sie hinein in den Kerker, davor kann kein Engel sie retten. Aber sie durch die Stadt zerren lassen, diese edle, wundervolle Jungfrau, als wär' sie eine erbärmliche Diebin, das, nein, das ist unerträglich! Was ein Weib für das andere thun kann, das wenigstens soll nicht unterbleiben, so lang ich noch da bin und auf zwei festen Beinen stehe! Katharina, Kind, begreifst Du denn nicht? Was stehst Du noch da und glotzest mich an, als wär' ich ein gefiederter Affe? Wozu fressen eure dicken Pferde den Hafer? Nun, noch nicht verstanden? Gleich, gleich springst Du hinüber und läßt den großen, geschlossenen Wagen, in dem man mich abgeholt hat, anspannen und in den Garten einfahren! Jetzt geht ihr endlich ein Licht auf! Und nun die Füßchen unter die Arme!«

Damit klatschte sie in die Hände, als wollte sie Hühner vom Gartenbeet treiben, und das Bachstelzchen mußte folgen.

Dann suchte sie nach ihrem Beutel, und als sie ihn fand, rief sie zuversichtlich:

»Gottlob. Jetzt kann ich mit den ungläubigen Schurken reden! Die Sprache« – und dabei ließ sie das Gold klingen – »verstehen alle! Komm, Frauchen, wo stecken die Strolche?«

Und der Matrone Allerweltssprache übte die gewünschte Wirkung; denn der Führer der Sicherheitswächter ließ sich unter Mitwirkung des Dolmetschers bestimmen, Paula zu Wagen ins Gefängnis zu führen, das Versprechen zu leisten, ihr dort gute Unterkunft zu verschaffen, und der alten Betta, welche unter heißen Thränen darauf bestand, zu gestatten, der Gefangenen in den Kerker zu folgen.

Paula behauptete bei dieser entsetzlichen Ueberraschung Würde und Fassung.

Erst als es galt, von Pulcheria und Maria, die sich außer sich an sie klammerte, und ihr mit Betta in den Kerker zu folgen begehrte, Abschied zu nehmen, konnte sie den Thränen nicht wehren.

Der Schreiber hatte ihr mitgeteilt, daß sie von dem Bischof Plotinus angeklagt worden sei, die Rettung und Flucht der Nonnen ins Werk gesetzt zu haben, und Frau Johanna fühlte, wie die Kniee ihr wankten, als Paula ihr leise ins Ohr raunte:

»Hütet euch vor Katharina! Nur sie kann uns verraten haben, doch wenn sie auch angegeben, was Rufinus für die Schwestern gethan, wir müssen es leugnen, fest und bestimmt. Fürchte nichts! Durch mich werden sie nicht das Geringste erfahren.« Dann fuhr sie mit erhobener Stimme fort: »Ich brauche euch nicht zu bitten, mich lieb zu behalten. Dank euch beiden, heißen, unsäglichen Dank für alles . . . Du, Pul« – und dabei zog sie, während Maria, fest an sie geschmiegt, das Köpfchen in ihr Gewand vergrub und bitterlich weinte, die Tochter zugleich mit der Mutter an sich – »Du, Pul, und Du, Frau Johanna, ihr habt eine elende Verlassene zu der Euren und glücklich gemacht, bis das Schicksal uns alle zusammen . . . Ihr wißt, ach, ihr wißt ja! – Und was ihr mir geschenkt, das schenkt jetzt meiner Maria! Und nun noch eins! Ach, da drängt der Dolmetsch schon wieder! Nur ein paar kurze Augenblicke Geduld! Wenn der Bote zurückkommt, und er bringt Nachricht von meinem Vater oder – Gott, Gott! – ihn selbst, dann laßt es mich wissen oder – gütiger Himmel! – führet ihn zu mir! Und bin ich nicht mehr, wenn er kommt, dann sagt ihm, ihn wiederzufinden, wiederzusehen, sei der heißeste Wunsch meines Lebens gewesen. Und dann« – diese Worte flüsterte sie Frau Johanna leise ins Ohr – »dann bitte den Vater, er solle Orion lieben wie seinen leiblichen Sohn. Und beiden sage Du, ich hätte sie geliebt bis ans Ende, so heiß, so unaussprechlich und innig.« Darauf rief sie laut und küßte dabei jeder einzelnen Augen und Lippen: »Ich lieb' euch und behalte euch lieb, Dich, Frau Johanna, Dich, meine Pul, und Dich, Maria, mein süßes, einziges Herz!«

Da eilte ihr auch das Bachstelzchen mit ausgebreiteten Armen entgegen, doch Frau Johanna wies sie mit einer bedeutungsvollen Handbewegung zurück, und die innig Vereinigten schlossen sich zum letztenmal so eng zusammen, als seien sie eins, und als dürfe nichts Störendes, Fremdes ihnen nahen.

Dennoch versuchte Katharina noch einmal, sich Paula zu nähern, doch Frau Martina, deren feuchte Augen an den vier Abschiednehmenden hingen, hielt sie an der Schulter zurück und raunte ihr zu:

»Störe sie nicht, Mädchen! Solche Herzen ziehen schon von selbst an sich, wonach sie's verlangt. Ich Alte möchte wohl wert sein, daß sie mich riefen!«

Da mahnte der Dolmetscher mit aller Strenge zum Scheiden; die drei Frauen ließen einander los, doch das Kind hielt sich fest an Paula geschmiegt, auch als sie auf die Matrone zutrat und sie aus freiem Antrieb umarmte.

Und Frau Martina nahm ihr Haupt zwischen die Hände, küßte sie innig und rief, ihrer Stimme kaum mächtig:

»Gott schütze und behüte Dich, Kind! Ich danke ihm, daß er mich mit Dir zusammenführte! So lauter und herzensrein wie ihr bleibt man nicht in der Residenz, doch als Freunde unserer Freunde, da halten wir Stich, wenigstens ich und mein Senator! Wenn Gott mir Gelegenheit dazu gibt, dann sollst Du's erfahren. Alleinstehen brauchst Du nie, nie in der Welt, so lange der Justinus und sein Weib noch da sind. Das behalte, Kind; denn es ist ernst und ehrlich gemeint.«

Damit küßte sie Paula noch einmal, und wie diese ins Freie trat, um den Wagen zu besteigen, und auch die Griechin Eudoxia und Mandane, die sich bescheiden und still weinend zurückgehalten, einen Abschiedskuß gegeben und endlich dem buckeligen Gärtner und dem Masdakiten, denen dabei die Thränen an den Wangen herunterliefen, die Hand gereicht hatte, vertrat ihr Katharina den Weg, klammerte sich, tief verletzt und erregt, an ihren Arm und rief dringend:

»Und für mich, für mich hast Du gar nichts?«

Da befreite sich Paula von ihren Händen und flüsterte ihr zu:

»Dank für den Wagen. Du weißt, er bringt mich in den Kerker, und ich fürchte, Dein Verrat ist es, der mich dorthin führt. Irr' ich mich, so verzeih mir, wo nicht, so wird Deine Strafe kaum leichter sein als mein Schicksal. Du bist noch jung, Katharina, versuch es, besser zu werden.«

Damit bestieg sie mit der alten Betta das Fuhrwerk und sah nur noch, wie Maria schluchzend in Frau Johannas Arme stürzte.

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