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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

In der jüngst verflossenen mondlosen Nacht war in Katharina das Mitgefühl für Heliodora erloschen. Sie hatte diese mit ihrer Zofe und einem alten, taubstummen Stallsklaven heimlich zu einer der Wahrsagerinnen begleitet, von denen es in Memphis noch ebensoviel gab wie Zauberer, Alchemisten und Scheidekünstler, und der jungen Frau war verkündet worden, daß ihre Lebenslinie zum höchsten Glück aufsteige und daß alle, auch die kühnsten Wünsche ihres Herzens Gewährung finden würden.

Mit diesen Wünschen war das Bachstelzchen nur zu wohl vertraut, und die Wahrscheinlichkeit, daß sie der Erfüllung entgegenreiften, hatte ihre Mißgunst entflammt und sie auch Heliodora hassen gelehrt.

Diese war in einfachen, aber kostbaren Gewändern zu der Zauberin gekommen. Ihren Peplos hatte an der Schulter statt der goldenen Spange ein Knopf zusammengehalten, der, gemäß ihrer Liebhaberei für schöne Juwelen, aus einem Sapphir von ungewöhnlicher Größe bestand, und dieser war der Wahrsagerin sogleich ins Auge gefallen und hatte sie gelehrt, daß sie mit einer großen und reichen Frau zu thun habe. Die einfach gekleidete Katharina hatte sie für eine Gesellschafterin oder ärmere Freundin der vornehmen Dame gehalten, und ihr darum nur die Ueberwindung einiger Hindernisse und endlich ein glückliches Leben an der Seite eines nicht ganz jungen Gatten, sowie reichen Kindersegen verheißen.

Das Geschäft dieses Weibes mußte einträglich sein; denn das Innere ihres Hauses stach sehr zu seinem Vorteil von dem der elenden Hütten ab, die es im ärmlichsten und verrufensten Viertel der Stadt rings umgaben. Von außen unterschied es sich wenig von seinen Nachbarn, ja, es wurde geflissentlich vernachlässigt, um die Behörden, welche Zauberei und die Uebung magischer Künste mit dem Tode bedrohten, zu täuschen; doch die Ausstattung des kleinen, unbedachten Säulensaales, in welchem sie ihre Beschwörungen und Wahrsagereien vorzunehmen pflegte, hatte nicht geringe Mittel erfordert. An seinen Wänden hingen Tapeten mit magischen Figuren, die Säulen waren mit erstaunen- und schaudererregenden Gebilden bemalt, auf kleinen Altären rauchten über Kohlenbecken Tiegel und Kessel von verschiedener Größe; Becher, Flaschen, Krüge, ein Rad, in dem ein Wendehalsvogel auf und nieder hüpfte, Wachsfiguren und unter ihnen Männer- und Frauenbilder mit Nadeln im Herzen, ein Käfig mit Fledermäusen und Gläser voller Spinnen, Fröschen, Blutegeln, Käfern, Skorpionen, Tausendfüßen und anderem widrigem Getier standen auf Postamenten umher, und an einer der Längsseiten des Saales zog sich eine kurze Seilerbahn hin, deren man sich zur Ausführung eines thrazischen Zaubers bediente. Wohlriechende und scharfe Dünste erfüllten den Raum, und von einem Vorhang her, der die Musikanten den Blicken entzog, ließ sich der eintönige Gesang mehrerer Kinderstimmen, Schellengeläute und dumpfer Trommelschlag hören.

Die Zauberin Medea paßte, obgleich sie die Mitte der vierziger Jahre kaum überschritten, recht wohl in diesen an befremdlichen, Widerwillen, Furcht und Betäubung erweckenden Dingen überreichen Raum; denn ihr Gesicht war bleich und seine ungewöhnliche Länge wurde noch gesteigert durch den hochaufgekämmten, kohlschwarzen Lockenbusch inmitten des Scheitels.

Am Schluß des ersten Besuches der Frauen, von dem sie überrascht worden war und bei dem manches auf der Zauberbühne gefehlt hatte, was sich heute als besonders wirksam erwies, hatte sie Heliodora veranlaßt, in drei Tagen wiederzukehren, und die junge Frau war dieser Einladung gefolgt und zu rechter Zeit in Katharinas Begleitung erschienen.

Man konnte Aegypten, das Land der Zauberei und magischen Künste, doch nicht verlassen, ohne diese auf die Probe gestellt zu haben. Das fand auch Frau Martina, wenn sie auch für sich selbst dergleichen nicht liebte. Sie war mit ihrem Lose zufrieden, und standen Veränderungen zu ihrem Nachteile bevor, so wollte sie sich von einer guten Wahrsagerin nicht im voraus ängstigen lassen; von einer schlechten betrogen zu werden, bot noch geringeren Reiz. Himmelhohes Glück konnte sie nicht mehr gebrauchen, es hätte sie nur in ihrer Ruhe gestört. Aber das junge Volk, vor dem lag das Leben noch offen, und wenn es in die Zukunft blicken wollte, war sie die letzte, es ihm zu verdenken.

Die junge Witwe und das Mädchen betraten die Schwelle der Zauberin in einiger Erregung, und Katharina war diesmal die unruhigere von beiden; denn am Nachmittag hatte sie Philippus das Haus des Rufinus verlassen und bald darauf arabische Beamte eintreten sehen. Vor Sonnenuntergang war Paula mit verweinten Augen im Garten erschienen, und wie sich ein wenig später Pul mit ihrer Mutter zu ihr gesellt hatte, war die Damascenerin Frau Johanna um den Hals gefallen und hatte so bitterlich geweint, daß auch diese und ihre Tochter, »die ja mit Thränen leicht bei der Hand war«, sich hatten hinreißen lassen, mit ihr zu schluchzen. Da war etwas Wichtiges vorgefallen, doch als sie hinübergegangen war, um Näheres zu hören, hatte die alte Betta, die ihr überhaupt gram war, sie sehr kurz, ja unhöflich abgewiesen.

Auf der Straße war ihr und Heliodora dann etwas sehr Peinliches begegnet, denn der Wagen der Frau Neforis, welcher sie an der Grenze der Totenstadt absetzen sollte, war unterwegs von einer arabischen Reiterschar aufgehalten worden, und sie hatten sich von ihrem Anführer ausfragen lassen müssen.

So betraten sie denn diesmal das Haus der »Lockenmedea«, wie die Leute die Zauberin nannten, bang klopfenden Herzens, doch sie wurden mit so unterwürfiger Höflichkeit empfangen, daß sie sich schnell beruhigten und auch die äußerst furchtsame Heliodora bald wieder leichter zu atmen begann.

Die Wahrsagerin wußte jetzt auch, wer Katharina war, und zollte der einzigen Tochter der reichen Witwe Susanna mehr Beachtung.

Die schmale Sichel des neuen Mondes stand heute am Himmel, und dieser Umstand, versicherte Medea, gestattete ihr, klarer zu sehen als in der Zeit des Punanegers, wie sie die mondlose Nacht nannte. Ihr inneres Auge sei bei dem ersten Besuch unter Einwirkung feindlicher Mächte von typhonischem Dunkel befallen gewesen. Gleich nach dem Aufbruch der Frauen habe sie es empfunden, doch heute sehe sie um so klarer. Ihr inneres Auge sei blank wie ein Silberspiegel, sie habe es durch dreitägiges Fasten gereinigt, und es könne ihr – »Helfet, ihr Horuskinder, helfet, Hapi und ihr anderen heiligen Drei!« – kein Stäubchen entgehen.

»O ihr Schönen, ihr Schönen!« fuhr sie begeistert fort. »Hunderte von großen Frauen haben meine Kunst erprobt, doch so viel Schicksalsgunst wie über den euren sah ich noch nie über zwei Häuptern vereinigt. Hört ihr, wie es in den Glückskesseln brodelt? Da heben sich die Deckel. Unerhört, unerhört!«

Dabei streckte sie wie beschwörend die Hand nach den beiden Gefässen aus und rief feierlich:

»Ueberfülle des Glücks, Ueberschwang, Ueberschwang, brechender Speicher, Zefa–u, Metramao . . . Kehre zurück zur rechten Fläche, rechten Höhe, rechten Tiefe, dem rechten Maß! Deine Elle Meï – Abmesser, Abwäger, brauch sie, Techuti, brauch sie, doppelter Ibis!«

Dann hieß sie beide sich auf zierlichen Stühlen den Kesseln gegenüber niederlassen, band um den Ringfinger einer jeden den »anubischen Faden«, bat sich flüsternd und unter leise beschwörenden Worten von der Witwe und der Jungfrau ein Haar aus, und nachdem sie beide in je einen Kessel gelegt hatte, rief sie mit leidenschaftlichem Eifer und als hänge von der kleinsten Versäumnis das Wohl und Weh ihrer Besucherinnen ab:

»Die Finger mit den anubischen Fäden auf die Stelle des Herzens gedrückt, die Augen auf den Kessel geheftet und den Dampf, der aufsteigt zu den Geistern der Höhe, des Lichtes, zu den Großen in der Höhe!«

Die Frauen folgten klopfenden Herzens dem Gebot der Zauberin, und diese schwang sich plötzlich mit wirbelnder Schnelligkeit auf den Zehen um sich selbst, und dabei wallte der Lockenbusch auf ihrem Scheitel aufwärts, und der Zauberstab in ihrer weitausgestreckten Rechten beschrieb einen weiten und schönen Kreis. Wie von einem jähen Schreck ergriffen, hemmte sie dann plötzlich die Drehung, und im selben Augenblick erloschen die Lampen, und nichts erleuchtete den Saal als die Sterne des Himmels und die glimmenden Kohlen unter den Kesseln. Die dumpfe Musik verhallte; doch ein neuer kräftiger Duft drang durch den Vorhang in den Saal.

Da warf sich Medea auf die Kniee, streckte die Arme dem Himmel entgegen, warf den Kopf mit einem nur für sie ausführbaren schnellen Ruck so weit zurück, daß ihr ganzes Antlitz dem Firmament über ihm zugewandt war und ihr Blick, gerade aufwärts schauend, die Sterne berührte. In dieser furchtbaren Stellung sang sie dem Scheitel der blauen Himmelskuppel zu ihren Häupten Beschwörung auf Beschwörung mit heller, sehnsuchtsvoll rufender Stimme entgegen.

Ihre Brust ward dabei weit herausgedrängt, ihr Lockenbusch ragte nicht mehr aufwärts, sondern den Frauen entgegen, jeden Augenblick, dachten diese, müsse das zum Firmament aufflehende Weib, vom Zudrang des Blutes überwältigt, rücklings zu Boden stürzen, doch sie sang und sang, und ihre weißen Zähne blitzten dabei dem Sternenlicht entgegen, das senkrecht auf sie niederschoß, und in die Fülle der dämonischen Namen und magischen Worte, die sie in die Höhe sang und trillerte, scholl von dem Vorhang her ein beängstigendes, jammervolles, doppeltes Röcheln und Seufzen und Klagen: das eine wie aus der beengten Brust eines von schwerem Leid ergriffenen Mannes, das andere wie das leise, halb erstickte Gewimmer eines gequälten Kindes. Und jetzt wurde das letztere lauter, und auf ägyptisch erscholl es: »Wasser, ein Schlückchen Wasser!«

Da fuhr das Weib aus seiner schrecklichen Stellung empor und rief: »Die Klage der Beraubten und Armen, denen genommen ward, um den Ueberreichen zu geben, der Notschrei derer, die das Schicksal plünderte, um euch mit Gaben, genug für Hunderte, zu beschenken.«

Mit diesen Worten, die sie in griechischer Sprache salbungsvoll gesprochen, wandte sie sich dem Vorhang zu und rief ihm nun wieder auf ägyptisch feierlich entgegen: »Gebet dem Dürstenden zutrinken; die Glücklichen gönnen ihm von ihrem Ueberfluß einen Tropfen. Gebet dem klagenden Kinderdämon den weißen Trank, damit er ausgleiche und lösche. Erklinge, Musik, übertöne die Klage der jammernden Geister!«

Dann wandte sie sich Heliodoras Kessel zu und sagte ernst und als folge sie einem höheren Gebot: »Sieben Goldstücke, um das Werk zu vollenden,« und während die junge Frau den Beutel zog und die Zauberin die Lampen anzündete und die Münzen in die kochende Flüssigkeit warf, sang sie unaufhörlich: »Reines, glänzendes Gold, Sonnenlicht, in den Bergen geborgen. Heilige Sieben, Schaschef schaschef! Heilige Sieben! Vermählt euch! Schmelzt ineinander!«

Darauf goß sie eine dampfende Flüssigkeit, so schwarz wie Tinte, aus dem Kessel auf eine flache Schüssel, rief Heliodora an ihre Seite und erklärte ihr, was ihr Auge aus dem blanken Spiegel erblickte.

Es war lauter Schönes, es erteilte lauter herzerfreuende Antworten auf die Fragen der Witwe. Und was die Zauberin sagte, mußte das Vertrauen auf ihre magischen Kräfte bestärken; denn sie beschrieb Orion so genau, als sähe sie ihn in dem Tintenspiegel vor sich, und zwar mit einem älteren Herrn auf Reisen. Aber da trat schon die Heimkehr auf die blanke Fläche, da sah sie Heliodora an der Brust des Geliebten, und nun – welch ein Gemälde: nicht der Bischof von Memphis, nein, ein Fremder legte ihre und seine Hand in einem großen, herrlichen Dom vor dem Altar ineinander und segnete ihr Bündnis.

Katharina, die der Gesang Medeas und was ihm gefolgt war mit Bangigkeit und leisem Grauen erfüllt hatte, folgte jedem Wort der Zauberin mit ängstlicher Spannung: was sie sagte, wie sie Orion beschrieb, das war wunderbarer als alles, was sie je für möglich gehalten. Und der Dom, in dem das liebende Paar getraut werden sollte, das war die Sophienkirche zu Konstantinopel, von der sie vieles vernommen.

Das Herz schnürte sich ihr zu, aber so eifrig sie auch den Worten Medeas folgte, hörte ihr scharfes Ohr dennoch fortwährend das traurige Röcheln und Klagen hinter dem Vorhang, und das ängstigte sie und beklemmte ihr den Atem, und ihrer Seele bemächtigte sich ein tiefes, marterndes Unglücksgefühl. Dem winselnden Kindergeiste da hinten, von dessen Glück ihr ein Teil zugekommen sein sollte, hatte sie, gerade sie, gewiß nichts geraubt, denn wer war wohl elender als sie? Nur die schöne, schmachtende junge Frau dort hatte das Schicksal mit Gaben, genug für unzählige andere, so verschwenderisch überschüttet. O, wenn sie ihr eine nach der andern hätte fortreißen können, von dem großen Rubin an, den sie heute trug, bis zu der Liebe Orions!

Bleich und aufgeregt folgte sie dem Ruf der Zauberin, nachdem auch sie sieben Goldstücke geopfert. Am liebsten hätte sie eine mörderische Verwünschung von ihr gekauft und die Glückliche dort damit zerschmettert.

Jetzt begann die rabenschwarze Flüssigkeit in die Schüssel zu fließen, und ein scharf riechender Dampf erhob sich daraus; die Zauberin aber blies ihn beiseite, und sobald sich das dunkle Naß ein wenig gekühlt hatte und die Spiegelfläche sich blank und ungetrübt zeigte, fragte Medea das Mädchen, was es zuerst zu erfahren begehre. Doch die Antwort ward Katharina vom Mund abgeschnitten: ein schreckliches Dröhnen und Poltern erschütterte plötzlich das Haus, und mit einem lauten, gellenden Aufschrei ließ die Zauberin die Schüssel fallen, und ihr Inhalt spritzte aus, und warme, widrige Tropfen hefteten sich an das Gewand und die Arme des Mädchens. Ein furchtbarer, jäher Schreck erschütterte ihr ganzes Wesen, und Heliodora, welche sich selbst kaum zu halten vermochte, mußte sie stützen; denn sie taumelte und drohte niederzusinken.

Die Zauberin war verschwunden; doch es rasten nun ein halberwachsener Knabe, ein junger Mann und ein lang aufgeschossenes, dürftig gekleidetes ägyptisches Mädchen durch den Raum. Bald hierhin, bald dorthin eilend, warfen sie, was von Geräten umherstand, in eine Oeffnung im Estrich, von der sie die Klappe weggezogen, gossen sie Wasser auf die Kohlen, verlöschten die Lampen und trieben dabei die Frauen mit gemeinen, heftigen Worten in eine Ecke des Saales. Dann erklommen die Burschen behend wie die Katzen die offene Decke und schwangen sich ins Freie.

Nun scholl ein gellender Pfiff durch das Haus, und um weniges später stürzte die Zauberin in den Saal, faßte die Schultern der beiden zitternden Frauen und rief ihnen zu: »Um Christi willen, übet Erbarmen! Es handelt sich um mein Leben. Auf Zauberei steht der Tod. Ich habe mein Bestes für euch gethan. Ihr seid – hört ihr, was ihr sagen sollt? – ihr seid aus Barmherzigkeit gekommen, um die Kranken zu pflegen.«

Damit schob sie beide durch den Vorhang, hinter dem sich noch immer Klagelaute erhoben, in ein dumpfes, niedriges Zimmer, und das große, hagere Mädchen schlenderte ihnen nach.

Da ruhten auf armseligen Lagerstätten ein alter, fröstelnder Mann mit dunklen Flecken auf der nackten Brust und dem Antlitz und ein fünfjähriges Kind, dessen hochgerötete Wangen in heftigem Fieber glühten.

Heliodora meinte in der verpesteten, schwülen Hitze dieses Raums ersticken zu müssen, und Katharina klammerte sich bebend an sie; doch die Zauberin riß sie auseinander und rief: »Jede an ein Bett, – Du zu dem Kind, Du zu dem Alten!«

Willenlos folgten beide dem vor Angst röchelnden Weibe. Das Bachstelzchen, das sich noch nie um einen Kranken bekümmert, fühlte sich von Ekel ergriffen und wandte die Augen von dem Leidenden ab, die junge Frau, welche viele, viele Nächte an dem Schmerzenslager eines geliebten Menschen gewacht und, gutherzig, wie sie war, ihren leidenden Sklaven oft mit eigener Hand Hilfe geleistet hatte, blickte dem Kinde mitleidig in das hübsche, glühende Gesicht und wischte ihm mit dem Tuche den Schweiß von der perlenden Stirn.

Katharina zuckte bei diesem Anblick zusammen, doch schon wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas Neuem in Anspruch genommen; denn von der andern Seite des Hauses her ließ sich Waffengeklirr hören, die Thür wurde gewaltsam aufgestoßen, und in das Zimmer trat der Arzt Philippus. Den Sicherheitswächtern, die ihn begleiteten, befahl er, draußen zu warten. Er kam im Auftrag der Buleuten, denen zu Ohren gekommen war, daß sich von der Seuche befallene Kranke in dem Hause der Lockenmedea befänden und daß sie dennoch fortfahre, Besuche zu empfangen.

Man hatte ihr lange das Handwerk zu legen beschlossen, und heut war die Anzeige gekommen, daß sie am Abend vornehmen Besuch erwarte. Die Beamten sollten sie auf frischer That ertappen, der Arzt feststellen, ob ihr Haus zu den verseuchten gehöre, und in jedem Falle wünschte der Senat die Zauberin im Gefängnis und zu seiner Verfügung zu wissen, wenn man auch Philippus von diesem Verlangen nichts mitgeteilt hatte.

Gerade diese Gäste hier zu finden, hatte der Eingetretene am wenigsten erwartet. Mit einem mißbilligenden Kopfschütteln blickte er sie an, unterbrach die schnell fließende Versicherung der Zauberin, diese edlen Damen seien gekommen, um aus christlicher Barmherzigkeit den armen Leidenden Trost und Hilfe zu bringen, mit einem barschen: »Das findet sich alles!« und führte die unfreiwilligen Krankenpflegerinnen ungesäumt ins Freie.

Dort stellte er ihnen vor, in wie furchtbare Gefahr sie ihr Leichtsinn gestürzt habe, und gebot ihnen mit äußerster Entschiedenheit, sich sogleich nach Hause zu begeben und sich dort trotz der späten Stunde ein Bad bereiten zu lassen und die Kleider zu wechseln.

Mit bebenden Knieen erreichten sie den Wagen, und noch bevor sich dieser in Bewegung setzte, brach Heliodora in bittere Thränen aus, während Katharina sich trotzig in das Polster zurückwarf und mit einem Blick auf die gebrochene Gefährtin dachte: »Der Anfang des ungeheuren Glückes, das ihr prophezeit ward! Gut, wenn es so fortgeht!«

Und es war, als hätten dem Bachstelzchen freundliche Dämonen diesen Wunsch vernommen; denn wie der Wagen an dem Wächterhäuschen vorüber in den ersten Hof der Statthalterei einfahren wollte, ward er von fremden Bewaffneten mit braunen, kriegerischen Gesichtern angehalten, und minutenlang hatte er hier zu warten, bis ein arabischer Befehlshaber erschien und Auskunft verlangte, wer sie seien und was sie begehrten.

Zitternd antworteten sie, und nun ward ihnen eröffnet, es sei soeben von seiten der arabischen Regierung Beschlag auf die Statthalterei gelegt worden. Orion sei schwerer Verbrechen beschuldigt, und seine Gäste hätten morgen das Haus zu verlassen. Katharina, die der Dolmetscher kannte, wurde gestattet, Heliodora zu der Senatorsfrau zu begleiten, sich des Wagens zur Heimfahrt zu bedienen und, wenn es ihr Wunsch sei, die Byzantinerin mit sich nach Hause zu nehmen; denn in der Statthalterei werde es in den nächsten Tagen kriegerisch hergehen.

Nun pflogen die beiden Rat miteinander. Das Bachstelzchen drang darauf, daß Heliodora sie sogleich zu ihrer Mutter begleite; denn sie hielt sich und die Gefährtin für verpestet, und wie sollte diese in dem von Soldaten besetzten Gebäude zu einem Bade gelangen? Bei Frau Martina konnte und durfte die junge Frau in diesem Zustande nicht bleiben. Morgen sollte auch die Matrone zu Katharina ziehen. Ihre Mutter, sagte sie, werde sich über so liebe Gäste besonders freuen.

Willenlos ließ die Witwe alles mit sich geschehen, und nachdem Frau Martina gern eingewilligt hatte, der Einladung ihres »rettenden Engels« zu folgen, führte der Wagen die beiden in das Haus der Witwe Susanna.

Diese war längst zu Bett gegangen und fest überzeugt, daß ihr Töchterchen in ihrem hübschen Gemache schlummere und träume.

Katharina ließ sie nicht wecken, und der Baderaum lag so weit entfernt von dem Zimmer Susannas, daß sie ruhig fortschlief, während ihn ihr Kind und ihr neuer Gast benützten.

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