Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Der Rentmeister Nilus hatte seinen Auftrag wohl besorgt, und Rufinus mußte zugeben, daß Orion das Seine gethan und die Vorbereitung für dies Unternehmen so umsichtig und opferwillig getroffen habe, daß seine persönliche Mitwirkung entbehrlich erschien.

Unter diesen Umständen konnte er dem Jüngling kaum verdenken, daß er seine Kraft den byzantinischen Freunden zur Verfügung stellte, aber sein Ausbleiben beunruhigte und erregte ihn dennoch, weniger um seiner selbst und der guten Sache als um Paulas willen, deren Neigung zu Orion weder seiner Gattin noch ihm hatte verborgen bleiben können.

Frau Johanna ging des jungen Mannes Ausbleiben noch näher als ihm, ja sie hätte ihren Mann nun am liebsten ganz von dem Abenteuer zurückgehalten, dessen Gefahren sie jetzt in ihrem ängstlichen Gemüte verzehnfacht sah. Aber sie wußte, daß sie eher den Nil zum Rückwärtsfließen als ihn von der Zusage hätte abwendig machen können, die er der Aebtissin gegeben, und so zwang sie sich, wenigstens äußerlich gefaßt zu bleiben.

In Paulas Gegenwart erklärte Rufinus Orions Ausbleiben für gerechtfertigt und hob rühmend hervor, wie freigebig er für das Nilboot und das Seeschiff gesorgt, und wie gute Ersatzmänner er gestellt habe.

Pulcheria freute sich des Unternehmens ihres Vaters, und am liebsten wäre sie mitgefahren und hätte ihm geholfen, ihre teuren Nonnen zu retten. Der Werftmeister war nicht nur mit seinen Söhnen, sondern noch mit drei anderen griechischen Glaubens- und Handwerksgenossen erschienen, welche bei dem niedrigen Wasserstande, der eine starke Einschränkung der Schiffahrt bedingte, arbeitslos waren und sich gern an einem so guten Werke beteiligten, das außerdem Gewinn zu bringen verhieß, da Orion den alten Meister reichlich mit Geld versehen hatte.

Mit der nach Sonnenuntergang eingetretenen Kühlung hatte sich Paulas Zustand gebessert.

Sie wußte freilich nicht, was sie von Orions Ausbleiben zu halten habe. Bald ängstigte, bald freute es sie aber auch; denn es entzog ihn großen Gefahren. Sie hatte ihn in den ersten Tagen nach seiner Heimkehr aus Konstantinopel die Güte und Gastlichkeit des Senatorenpaars rühmen und den Mukaukas, dem seine Erinnerungen an die Hauptstadt teuer gewesen, ihm beipflichten hören. Es mußte ihm lieb sein, gerade diesen Freunden Beistand zu leisten, und Nilus, der ihr verehrungsvoll zugethan war, hatte Orions Grüße an sie mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Morgen kam er vielleicht, und je öfter sie sich sein Wort, er habe freundliches Zutrauen noch nie betrogen, wiederholte, desto lebhafter drängte es sie, dem Rat der Aebtissin entgegen, alle Bedenken schwinden zu lassen, dem Zuge ihres Herzens zu folgen und vertrauungsvoll und beseligt jetzt schon die Seine zu werden.

Der abnehmende Mond war noch nicht aufgegangen, und die Nacht finster, als der Aufbruch der Nonnen begann.

Das große Nilboot konnte bei dem flachen Stande des Stroms nur in ziemlicher Entfernung vom Ufer des Klostergartens landen, und die Schwestern, die sich als ägyptische Bäurinnen verkleidet hatten, mußten einzeln an Bord geschafft werden. Als letzte wollte man die Aebtissin durch das seichte Uferwasser tragen, und der alte Werkmeister hatte sich ausbedungen, ihr diesen Dienst zu erweisen. Frau Johanna, Pulcheria, die Amme, und auch die eifrig orthodoxe griechische Erzieherin Eudoxia umstanden sie, während sie Paula den letzten Kuß bot und ihr zuflüsterte: »Gott segne Dich, Kind! Er bleibt nun bei Dir, und so wird es Dir doppelt not thun, an Dein Versprechen zu denken,« und als Paula ihr leise erwiderte: »Ich schulde ihm zuerst freundliches Zutrauen,« entgegnete die Aebtissin: »Und Dir selbst Festigkeit und Vorsicht.«

Rufinus blieb als letzter zurück, und seine Gattin und Tochter hielten ihn umschlungen.

»Nimm Dir an dem armen Kinde ein Muster!« rief der Greis seiner Gattin zu, während er sie zärtlich an sich zog. »So wahr der Mensch das Maß aller Dinge, Altchen, so gewiß muß es mir diesmal wohlergehen, wenn die ewige Liebe da oben nicht schlummert. Auf Wiedersehen, Du Beste der Guten, und wenn Deinem närrischen Manne etwas Uebles begegnet, so sag Dir nur immer, daß er sich's zuzog, um ein Viertelhundert unschuldiger Menschen vor dem Schlimmsten zu schützen. In jedem Fall bleib' ich auf dem Weg, den ich mir wählte. Aber warum ist mein Philippus nicht zum Abschiednehmen gekommen?«

Da weinte Frau Johanna bitterlich auf: »Das, auch das ist so traurig! Wie kommt es nur, daß er sich uns so entfremdet, und gerade jetzt? Ach, Mann, wenn Du mich lieb hast, nimmst Du den Gibbus mit auf die Reise!«

»Ja, Herr, nimm mich mit,« unterbrach sie der buckelige Gärtner. »Bis wir zurück sind, steigt wohl der Nil, und inzwischen können die Blumen auch ohne meine Hilfe verdorren. Ich habe heut Nacht geträumt, Du hättest mir eine Rose von dem Höcker da hinten gebrochen. Sie saß mitten drauf wie der Knopf auf dem Deckel des Topfes. Das hat was zu bedeuten, und läßt Du mich daheim, was wird aus der Rose, das heißt, was kannst Du dann Gutes durch mich erfahren?«

»So trage denn meinetwegen Dein wunderliches Beet mit auf das Schiff,« lachte der Alte. »Bist Du nun zufrieden, Johanna?«

Damit zog er sie und Pulcheria noch einmal an sich, und wie ihm dabei eine Thräne aus der Gattin Auge auf die Hand fiel, raunte er ihr ins Ohr: »Du bist die Rose meines Lebens gewesen, und ohne sie kein wonniges Eden, kein Paradies.«

Das große Nilboot stach in die tiefere Strömung des Flusses, und bald entzog es das Dunkel den Augen der zurückbleibenden Frauen.

Das Geläut der Klosterglocken tönte den Flüchtlingen nach; Pulcheria und Paula waren es, die sie in Schwingung versetzten.

Kein Lüftchen regte sich, selbst das kleine Segel der stromabwärts fahrenden Nilschiffe konnte nicht aufgesetzt werden, aber die Matrosen zogen die Ruder mit aller Kraft, und so glitt das Schiff weiter und weiter gen Norden. Der kundige Führer stand mit der Stange an der Spitze des Bootes, um den Grund zu sondiren, sein geschickter Bruder am Steuer. – Die Lenkung war bei dem flachen Stande des Wassers schwierig, und auch der beste Kenner des Stroms konnte leicht von unerwarteten Untiefen, von neu angeschwemmten Schlammmassen, aufgehalten werden. Als der Mond kaum aufgegangen war, saß denn auch das Schiff wenige Stadien unterhalb Fostat fest, und die Matrosen mußten ins Wasser steigen, um es unter lautem Gesang, der durch ihre gesonderten Willen und Kräfte gleichsam in eins verschmolz, los zu stemmen und wieder flott zu machen. Mehrmals erfolgte ein solcher Aufenthalt, bis sie nach Letopolis gelangten, wo es bei der Spaltung des Nils, womöglich ungesehen, an den Zollwächtern vorbei zu kommen galt. Und gegen alle Erwartung blieb das große Fahrzeug in den Nebeln, welche vor Sonnenaufgang aus den Wogen aufstiegen, unbemerkt, und Kapitän und Mannschaft schrieben, als sie in den Phatmetischen Nilarm eintrieben, neu ermutigt dies Gelingen der Fürbitte der frommen Schwestern zu.

Im hellen Tageslicht waren die Untiefen leichter zu umgehen, doch wie schmal war die sonst in diesem Monat übervolle Wasserader! Die Papyrusdickichte am Saum des Flußbettes standen zum Teil auf trockenem Boden, und ihr strotzendes Grün hatte sich in strohiges Gelb verwandelt. Der lockere Schlamm des Ufers war zu einer steinigen Masse verhärtet, und über ihn hin fegte der leichte Westwind, der sich erhob und das Segel aufzuspannen gestattete, weißlichen Staub. An vielen Stellen war das Erdreich geborsten, und seine schwärzliche Fläche durchzogen tiefe Spalten, die nach Tränkung begierig wie durstige Rachen himmelwärts gähnten. Die Schöpfräder standen auf trockenem Boden abseits vom Strome, der sich von ihnen zurückgezogen, und die Aecker, welche noch vor kurzem von ihnen begossen worden waren, sahen aus wie die Tennen, auf denen man sonst die Frucht ausdrosch, die sie getragen. Um Dörfer und Palmengruppen schwebte ein von gelbem, heißem Licht durchzuckter qualmiger Dunst, und die Wanderer auf den hohen Dämmen am Ufer zogen gesenkten Hauptes und mit schleppenden Füßen durch den tiefen Staub des Weges.

Die Sonne brannte mit erbarmungsloser Glut vom wolkenlosen Himmel auf Erde und Strom und die fliehenden Nonnen nieder, welche die weißen Kopftücher über sich ausgebreitet hatten und in dumpfer Willenlosigkeit ihr weiteres Schicksal erwarteten.

Der Thonkrug mit Nilwasser wanderte von einer zur andern; doch je mehr sie tranken, desto höher steigerte sich das Mißbehagen und das Verlangen nach neuer Erfrischung. In der Essenszeit kehrten die Schüsseln kaum berührt in die kleine Kajüte zurück. Die Aebtissin und Rufinus suchten ihnen Trost zuzusprechen, doch am Nachmittag wurde auch die Greisin von Schwäche übermannt, und in der kleinen, dumpfen Kajüte, in die sie sich zurückzog, war es noch weniger erträglich als auf dem Deck.

So verlief ein langer, qualvoller Tag, der heißeste, dessen sich die Matrosen erinnerten, und diesen brachte er das geringste Leid, obgleich sie mit wunderbarer Ausdauer von früh bis spät die Ruder zogen.

Endlich folgte den furchtbaren Nachmittagsstunden der Abend; da, als sich vor Sonnenuntergang ein kühleres Lüftchen erhob und die perlenden Stirnen erfrischte, erwachten die Gequälten und Niedergedrückten zu neuem Leben. Die gegenwärtige aufdringliche Pein hatte sie so beherrscht, daß sie weder Furcht noch Hoffnung empfunden und unfähig gewesen waren, überhaupt an etwas Zukünftiges zu denken; jetzt begannen sie sich des großen Vorsprungs zu freuen, den sie vor den Verfolgern gewonnen. Die Abendmahlzeit mundete den Hungernden, die Aebtissin befreundete sich mit dem wackern Werftmeister und begann mit Rufinus ein eingehendes Gespräch über Paula und Orion. Der Greisin Wunsch, den Jüngling eine Probezeit bestehen zu lassen, wollte dem alten Herrn nicht gefallen. An der Seite einer solchen Geliebten werde er ohnehin der wackere Gesell bleiben, für den er ihn trotz seines Ausbleibens halte.

Der buckelige Gärtner brachte mit seinen Spässen die jüngeren Nonnen zum Lachen, und nach der Mahlzeit vereinigten sich diese zu gemeinsamem Gebet.

Auch die Ruderer hatten neue Kraft und neues Leben gewonnen, und es war gut, daß nur wenige unter den griechischen Nonnen Aegyptisch verstanden; denn der Spaßmacher unter den Matrosen stimmte einen Lobgesang auf die Schönheit der Herzliebsten an, der nicht für Frauenohren gemacht war.

Plaudernd gedachten die Schwestern der Zurückgelassenen, und manche sprach hoffnungsvoll von dem Wiedersehen, das sie in der Heimat erwarte, doch eine ältere Nonne untersagte ihnen dies; denn es sei sündhaft, Gottes Gnade gleichsam vorweg zu nehmen und da, wo man seiner Hilfe noch so nötig bedurfte, zu reden, als habe er sie schon in seiner Barmherzigkeit geleistet. Sie sollten sich ängstigen und beten; denn sie wisse aus Erfahrung, daß sich ein drohendes Unheil nur zum Bessern wende, nachdem man sich recht davor gefürchtet.

Darauf fing eine andere zu berechnen an, ob die Verfolger sie zu Fuß oder zu Roß noch einholen könnten, und da sich dies als sehr möglich erwies, schlugen die Herzen wieder bang und beklommen. Doch bald ging der Mond auf, und was sich am Saum des Nilarmes erhob und sich in seiner glatten Fläche spiegelte, gewann wieder bestimmtere Formen und verlor dadurch seine Schrecken.

Je weiter sie fuhren, desto dichter erschien das Papyrusdickicht am Ufer. Tausende von Vögeln nisteten darin, aber sie schliefen alle, und wie greifbar lagerte tiefes schweigendes Dunkel über der Landschaft.

Das Spiegelbild des Mondes schwamm wie ein Riesenlotos unter kleineren, duftenden Lotosblumen, die es an schimmernder Weiße noch überbot, auf dem dunklen Wasser, hinter sich ließ das Schiff eine leuchtende Furche zurück, und nach jedem Ruderschlag glänzte es im Flusse auf, und in glitzernden Tropfen spiegelte sich das gebrochene Licht. In den zarten Büscheln an der Spitze der schlanken Papyrusstauden spielte der Glanz des Gestirns der Nacht, Duftschleier wie von zartem violettem Silberbrokat umwoben die Bäume, und von einem Wipfel zum andern zogen mit lautlosem, gleichmäßigem Flügelschlag tagscheue Eulen.

Der Zauber der Mondnacht ergriff auch die Seelen der Nonnen. Ihr Gespräch kam ins Stocken; doch da Schwester Martha, die junge Nachtigall des Klosters, einen frommen Gesang anstimmte, folgten ungerufen die anderen. Der Matrosen Scherzlieder verstummten, und sanft, wie das wandernde Mondlicht, umschwebten das still fortgleitende Schiff die Psalmen und Hymnen der jungfräulichen, den Schutz des Höchsten anrufenden Schwestern. Stundenlang und, indes der Komet am Himmel stand, mit besonderem Eifer, ergaben sie sich der beruhigenden, seelenstärkenden Freude des Singens; doch nach und nach verloren die Stimmen an Kraft, und leise, träumerisch, müde zog mit dem stillen Laufe des Stroms ihr friedvolles Lied dem Meer entgegen. – Jede sah in den Schoß, richtete das Auge schwärmerisch gen Himmel oder auf das schillernde Wasser und die Lotosblumen auf seiner Fläche.

Niemand achtete des Ufers, auch nicht die Männer, welche der sanfte Gesang in Schlummer oder Traum gewiegt hatte. Der Blick der Schiffslenker war auf das Bett des Stroms gerichtet, und doch leuchtete es, als der Morgen nicht fern war, bisweilen wie zuckende Blitze hinter dem Schilfdickicht des östlichen Ufers auf; doch knackte und rasselte es von Zeit zu Zeit im Rohre.

War ein Schakal in die dicht wuchernde Pflanzenmasse gebrochen, um das Nest eines Wasservogels zu überfallen, brach sich eine Hyäne Bahn durch das Dickicht?

Dies Blitzen, dies Knacken, und jetzt dumpfe Schläge auf verhärtetes Erdreich, das alles folgte dem Boot durch die Nacht wie ein Unheil bringender, glitzernder und tönender Schatten. Plötzlich schrak der Schiffsführer zusammen und schaute nach Osten.

Was war das?

Wohl weidete eine Rinderherde auf den Aeckern jenseits des Schilfes, vielleicht wetzten zwei Stiere das Horn gegen einander. Der Fluß stand so tief, seine Ufer waren so hoch, daß sich nicht wahrnehmen ließ, was dort vorging. Aber jetzt rief eine hohe Stimme ihn an, und der buckelige Gärtner raunte ihm zu:

»Dorthin, dorthin . . . da blitzt es wieder, und . . . ich will die eigene Nase fressen, wenn das nicht . . . da wieder . . . Barmherziger Gott, ich irre mich nicht; es ist Pferdegetrappel! Und da . . . das war Rossegewieher. Ich kenn' es . . . da graut es im Osten. Bei allen Heiligen, wir werden verfolgt!«

Der Schiffsführer schaute mit Anspannung aller Sinne gen Morgen, und nachdem er eine Zeit lang geschwiegen, sagte er ein entschiedenes »Ja«.

»So stellt der Vogler dem Wachtelschwarm ein Netz,« seufzte der Gärtner; doch der andere verwies ihn mit einer unwilligen Bewegung zur Ruhe und hielt aufmerksam Umschau. Dann befahl er dem Buckeligen, Rufinus und die Werftleute zu wecken und die Nonnen in die Kajüte zu führen.

»Sie werden sich da befinden wie die eingelegten Datteln, die man in Schachteln nach Rom schickt,« murmelte der Gärtner vor sich hin, während er Rufinus aufsuchte. »Arme Seelen, ihre Heilige mag sie vor dem Ersticken behüten, und ich, meiner Treu, wenn Frau Johanna nicht solch ein braves Herz auf zwei Beinen wäre, und ich hätte ihr nicht geschworen, bei dem Herrn auszuhalten, ich spränge jetzt ins Wasser und genöss' eine Zeit lang die Gastfreundschaft der Flamingos und Störche im Schilfe. Man muß sich herablassen können!«

Während er dann seine Aufträge ausrichtete, besprach sich der Schiffsführer mit seinem Bruder am Steuer. Eine Brücke gab es nicht in der Nähe, und das war gut. Waren die Reiter da drüben Verfolger, so mußten sie durch das Wasser, um sie zu erreichen, und kaum drei Stadien stromabwärts erweiterte sich der Fluß und rann durch eine sumpfige Strecke. Das einzige tiefe Fahrwasser befand sich an seiner westlichen Seite, und Berittene, welche dahin gelangen wollten, setzten sich der Gefahr aus, im Schlamm zu versinken. Gelang es dem Schiff, bis dahin zu kommen, so war viel gewonnen.

Mutig und auf ernste Dinge gefaßt munterte der Schiffer die Matrosen auf, alle Kraft zusammenzunehmen, und bald trieb das Schiff hart am westlichen Ufer des Flusses hin und war von seinem andern Rande durch eine schlammige Strecke getrennt.

Nun begann es zu tagen, und der Himmel färbte sich mit so blutigem Rot, als wolle er voraus verkünden, daß dieser Morgen bestimmt sei, grausamen Streit und klaffende Wunden zu sehen.

Bachstelzchens Saat begann zu keimen. Der Wekil hatte auf Veranlassung des Bischofs den Nonnen eine Reiterschar nachgesandt mit dem Befehl, die Flüchtlinge nach Memphis zurückzuführen und ihre Begleiter gefangen zu nehmen. Da das Boot unbemerkt an den Steuerwächtern vorbeigekommen war, hatte die Macht der Araber sich teilen müssen, um auch die anderen Nilarme abzusuchen. Dem Phatmetischen waren zwölf Reiter gefolgt, und so viel genügten nach aller Voraussicht, um zwei Dutzend Weiber und eine Handvoll Matrosen, die es kaum versuchen würden, sich zur Wehr zu setzen, gefangen zu nehmen. Von der Anwesenheit des Werkmeisters und der Seinen hatte der Wekil keine Kunde erhalten.

Die Verfolger waren um Mittag des vergangenen Tages aufgebrochen und zwei Stunden vor Anbruch des Tages des Schiffes ansichtig geworden. Aber ihr Anführer hielt es für gut, den Ueberfall erst im hellen Sonnenlicht zu unternehmen, damit ihm niemand entrinne. Er wie seine Leute waren Araber und wohl mit der Richtung des Nilarms, dem sie zu folgen hatten, nicht aber genau mit seinen Eigentümlichkeiten vertraut.

Sobald auch der Morgenstern untergegangen war, verrichteten die Muslimen das Frühgebet und brachen dann aus dem Papyrusdickicht hervor.

Ihr Anführer legte die Hände als Sprachrohr um den Mund und rief hinüber, das Boot möge anhalten. Er komme im Auftrage des Statthalters und habe Befehl, es nach Fostat zurückzuführen. Und die Fliehenden schienen ihm in der That Gehorsam leisten zu wollen; denn das Schiff hielt still. Der Kapitän hatte in dem Sprecher den Vorsteher der Sicherheitswächter von Fostat, einen strengen Mann, wieder erkannt, und erst jetzt wurde ihm klar, in welch ein todbringendes Unternehmen er sich eingelassen hatte. Gewohnt, sich den Befehlen der Obrigkeit zu fügen, ihre Beamten wohl zu hintergehen, aber ihnen so wenig zu trotzen wie der Schickung selbst, erklärte er, Widerstand sei Wahnsinn, und es bleibe ihnen nichts übrig, als sich zu unterwerfen.

Aber Rufinus widersprach ihm lebhaft und stellte ihm vor, daß ihn die gleiche Strafe erwarte, möge er nun die Waffen strecken oder sich wehren, und der alte Werkmeister rief eifrig:

»Wir haben Dein Boot gebaut, und ich kenn' Dich, Setnau; Du wirst nicht zum Judas an uns werden, und wirst Du es dennoch, so fließt hier auf dem Deck Christenblut, bevor wir den Ungläubigen die Zähne weisen.«

Da schlug sich der Schiffsführer mit dem ganzen Ungestüm seines südlichen Blutes Brust und Stirn, schalt sich einen betrogenen und verlorenen Mann und beklagte sein armes Weib und seine Kinder; doch Rufinus machte seinem Toben ein Ende. Er hatte mit der Aebtissin geredet und stellte dem unglücklichen Mann eindringlich vor, daß er von den Ungläubigen in keinem Falle Gnade zu erwarten, wohl aber leicht auf christlichem Boden für sich und die Seinen ein gutes und sicheres Fortkommen finden werde. Die Aebtissin gebe ihm das Versprechen, ihn und seine Familie mit auf das Seeschiff zu nehmen und sie ans Land zu setzen, wo er begehre.

Da dachte Setnau seines Bruders in Cypern; doch es galt für ihn, sein Haus und seinen Garten in Dumiat, wo gerade jetzt an fünfzig Palmenbäumen die Früchte reiften, galt, sein neues, gutes Nilboot aufgeben, das ihn und die Seinen ernährte, und wie er dies dem Greise entgegenhielt, rannen ihm bittere Thränen über die braunen Wangen. Aber Rufinus erklärte, daß er, wenn es die Nonnen zu retten gelinge, auf Entschädigung Anspruch habe. Er möge dann selbst den Wert seiner Habe veranschlagen, und man werde ihm den Verlust aus dem Klosterschatze in der schweren Kiste an Bord nicht nur ersetzen, sondern ihm außerdem ein schönes Schmerzensgeld zahlen.

Da wechselte Setnau mit seinem Bruder, der ein lediger Mann war, einen vielsagenden Blick, und nachdem ihm zugestanden worden, daß auch dieser mit auf das Seeschiff dürfe, schlug er in die Rechte des Alten. Dann schüttelte er sich, als habe er etwas abzuthun, was ihn beenge, stieß das Lederkäppchen auf dem geschorenen Kopf keck zur Seite, richtete sich in seiner stattlichen Länge auf und rief dem Araber, der ihm und anderen Aegyptern ohnehin mehr als einmal mit verletzendem Hochmut begegnet war, höhnisch zu, wenn er etwas von ihm begehre, so möge er sich's holen.

Die Geduld der Muslimen war längst erschöpft, und nach dieser Herausforderung winkte der Anführer den Seinen und sprengte ihnen voran in das Wasser; doch bald sanken die vordersten Pferde so tief in den Schlamm, daß sich ein weiteres Vordringen als unthunlich erwies und das Zeichen zur Umkehr gegeben werden mußte. Dabei überschlug sich ein widerspenstiges Roß, und sein Reiter erstickte im Schlamm.

Da sahen die Verteidiger des Schiffes ihre Gegner mit lebhaften Gesten Rat halten, und der Schiffsführer sprach die Befürchtung aus, daß sie von der Fortnahme des Bootes abstehen, nach Dumiat reiten und ihnen dort, vereint mit der arabischen Besatzung des Ortes, die Flucht abschneiden würden. Aber er hatte nicht mit dem kriegerischen Trotz dieser Männer gerechnet, welche in zwanzig Schlachten ganz andere Hindernisse überwunden. Das Boot sollte erobert, seine Insassen mußten gefangen genommen und abgestraft werden.

Vom Schiff aus sah man nun sechs Reiter und unter ihnen den Befehlshaber von den Pferden steigen, sie ankoppeln und dann mit den Schlachtbeilen drei stattliche Palmen fällen, während die fünf anderen gen Süden trabten. Diese sollten gewiß den Sumpf umgehen und an einer günstigeren Stelle den Fluß überschreiten, um das Schiff von Westen her anzugreifen, während die fünf anderen sich ihm von Morgen her auf den Palmenstämmen zu nähern hatten.

Am rechten, östlichen Ufer des Stromarms, wo die abgesessenen Araber das Floß herstellten, lag festes Ackerland, durch welches die Straße nach Dumiat führte, auf dem andern, in dessen Nähe das Schiff lag, dehnte sich der Sumpf weithin aus. Ein unabsehbares Dickicht von Papyrus, Schilf und Rohr, das der Sonnenbrand und die Dürre dieses Jahres zu gelbem Stroh vertrocknet hatten, bedeckte hier den an den meisten Stellen ausgetrockneten und verhärteten Moorgrund, und als sich von Nordosten her ein kräftiger Morgenwind erhob, kam der Schiffsführer auf einen glücklichen Einfall. Durch diese vergilbten und versengten Pflanzenmassen hatten sich die gegen sie ausgesandten Fünf Bahn zu brechen. Legte man jenseits eines Seitenkanals, der sein Umsichgreifen nach Norden verhinderte, Feuer in das strohige Dickicht, so trieb es der Wind den Reitern entgegen, und wohl ihnen, wenn es sie nicht erstickte oder in den Fluß zu springen zwang, in dem sie, wenn die Flammen sie bei der sumpfigen Stelle erreichten, rettungslos zu Grunde gehen mußten.

Sobald nun die scharfen Augen des Steuermanns von der Spitze des Mastes aus die Araber den Fluß an einer Furt weiter im Süden überschreiten sahen, wurde das Feuer an verschiedenen Stellen gelegt, und schnell und wild prasselte es auf. Der Morgenwind jagte es gen Mittag, und mit ihm grauweißlichen Qualm, den die Strahlen der steigenden Sonne wie Lichtströme durchwogten. Wie gelbe und rote flüchtige Rieseneidechsen krochen, jagten und wanden sich die Flammen über den trockenen Boden hin, schossen hier auf, sanken dort nieder. Glanzlos in der Helle des Tages, verschlangen sie gefräßig, was sie erreichten, und weißlicher Aschenstaub bezeichnete den Weg, den sie gezogen. Ihr Odem steigerte die Glut des vorschreitenden Tages, und wenn auch der Rauch, vom Winde gefegt, nach Süden jagte, so erreichten einzelne Wölkchen doch auch das Boot und beengten die Brust der Nonnen und ihrer Beschützer.

Ein großes Nilschiff kam von Dumiat her und sah die schmale Wasserstraße von dem andern versperrt. Sein Führer war ein Verwandter des Setnau, und als dieser ihm zurief, daß es sich hier um einen Kampf mit arabischen Räubern handle, folgte dieser seinem Rat, wandte sein Fahrzeug mit großer Mühe und ging bei dem nächsten Flecken vor Anker, um andere von Norden kommende Boote zu warnen, nicht mit in dies gefahrvolle Abenteuer verstrickt zu werden. Was von Süden her herantrieb, hielten fürs erste Rauch und Feuer zurück.

Die sechs Krieger auf dem Ostufer nahmen mit Wut und Entsetzen die wachsende Feuersbrunst wahr; doch schon hatten sie die Palmenstämme aneinander gebunden und schickten sich an, mit ihrer Hilfe den frechen Widerspenstigen die verdiente Züchtigung zukommen zu lassen. Aber diese waren nicht müßig geblieben. Jeder Mann an Bord führte Waffen, und einer der Werftleute war mit einem Matrosen ausgesandt worden, um sich durch das Dickicht zu schleichen, weiter nach Norden hin über den Fluß zu setzen und, wenn die Araber zum Angriffe schritten, ihre Pferde niederzumachen oder, sollte einer auf der einzigen nach Dumiat führenden Straße dorthin zu gelangen versuchen, ihn vom Pferde zu reißen.

Jetzt hingen die sechs an dem leicht zusammengefügten Floß, worauf ihre Köcher und Bogen lagen. Sie stießen es vor sich her, und es hielt sie über dem flachen Wasser, während ihre Füße den Sumpfboden nur leicht berührten. Alle waren echte Krieger, echte Söhne der Wüste und ihres Volkes, Leute, als habe die Natur, da sie sie schuf, an ihr Meisterwerk unter den geflügelten Wesen, den Adler, gedacht. Scharfsichtig, fest und doch feinknochig, frei von jeder überflüssigen Fleischfaser an den nervigen Gliedern, mit braunen, keck und entschieden geschnittenen Gesichtern, an denen nicht nur die gebogene Nase an den König der Vögel erinnerte, besaßen sie auch den Mut und die blutige Streitlust und Raubgier des Adlers.

Eines jeden hagerer, sehniger linker Arm krampfte sich an das Floß, und mit dem runden Schild an der Rechten fingen sie, sobald sie sich dem Boote bis auf Schußweite näherten, die Pfeile auf, welche von dort her gegen sie einschwirrten. Zornig knirschten ihre weißen Zähne, und ihren scharfen Falkenaugen entging nicht das Kleinste, was vor ihnen lag. Sie wären zum Angriff geschritten, auch wenn das Schiff statt von einigen zwanzig Matrosen und Handwerkern, von fünfzig ägyptischen Soldaten verteidigt worden wäre.

Das mutige Herz fühlte sich von dem Panzerhemde, der findige, schnell denkende Kopf von dem ehernen Helme geschützt, und mit Verachtung und Freude bemerkten sie den matten Anprall der Pfeile an ihren ehernen Schilden. Tod zu bringen war der Wunsch ihrer Seele, den Tod zu erleiden schreckte sie nicht; denn aus dem geöffneten Paradiese sah ihre glühende Einbildungskraft üppige Weiber, die ihnen mit weit geöffneten Armen und vollen Pokalen Gewährung jedes Wunsches verhießen.

Ihr scharfes Ohr verstand das leise Kommandogeflüster ihres Führers, und als sie die Wand des Schiffes erreicht hatten, klammerte sich der eine an das offene Fenster der Kajüte, windesschnell schwang sich der Führer auf seine Schulter, und von dort aus auf das Deck des Schiffes, nachdem er den Matrosen, der ein Beil gegen ihn schwang, mit der Lanze durchbohrt. Ein zweiter Araber folgte ihm auf dem Fuß, zwei blanke krumme Säbel blitzten in der Sonne, die schrillen Kehllaute des wütenden muslimischen Schlachtgeschreis durchschmetterten die Luft, und als erstes Opfer ihrer grimmigen Streitlust fiel der Schiffsherr mit einer weit klaffenden Wunde in Stirn und Antlitz rücklings zu Boden; aber wenige Augenblicke später sauste eine schwere Segelstange auf das Haupt des Anführers der Muslimen und brachte ihn zu Falle. Der Steuermann, des Getroffenen Bruder, hatte sie mit der Wut des Rächers geschwungen.

Ein furchtbares Geschrei, in welches sich das Zetern und Gewimmer der Nonnen mischte, erfüllte das Schiff. Der zweite Muslim verbreitete mit dem Mut und der Kraft der Verzweiflung den Tod um sich her, und noch dreien seiner Genossen gelang es, das Boot zu erklimmen; den letzten stießen die Angegriffenen ins Wasser. Von den Werftleuten waren schon zwei, von den Matrosen fünf gefallen. Rufinus hatte sich neben dem Schiffsführer niedergelassen, der blutend, aber vielleicht doch noch der Rettung fähig, um Hilfe wimmerte, und legte Leinenstreifen um die klaffenden, schweren Wunden dieses Mannes, welcher vorhin besorgt von Weib und Kind gesprochen, und den er den Seinen erhalten wollte. Da sauste ein Säbelhieb auf ihn selbst nieder und aus seinem Hinterkopf und Rücken ergoß sich ein voller, dunkler Blutstrom. Doch auch seinen Mörder ereilte die Rache: der alte Werftmeister fällte ihn mit seiner wuchtigen Axt.

Am östlichen Ufer des Stroms machten die ausgesandten Boten die Pferde der Araber nieder, um zu verhindern, daß ein Entkommender nach Fostat zurückkehre oder weiter nach Dumiat reite und das Geschehene verrate.

An Bord des Schiffes ward es stiller und stiller. Alle fünf Araber lagen am Boden, und den Verwundeten unter ihnen machten die wütenden Matrosen erbarmungslos den Garaus.

Ein Matrose, der sich auf den Mastbaum geflüchtet, hatte bemerkt, wie die fünf anderen Reiter, um sich vor dem Feuer zu retten, auf dem Gebiet der sumpfigen Strecke in den Strom gesprengt und in den Wellen verschwunden waren. So hatte von den Muslimen nicht einmal jener eine das Leben gerettet, welchen Schicksal und Dichtung als Verkünder der Schreckensbotschaft aufzusparen lieben.

Nach und nach wagten die Nonnen wieder das Deck zu betreten. Die in der Pflege von Verwundeten und Kranken Geübten scharten sich um die Verletzten, öffneten die Arzneikästen, und während unter Leitung des Steuermanns die Fahrt fortgesetzt wurde, hatten sie alle Hände voll zu thun, und im Eifer der Arbeit trugen sie leichter die Hitze des Tages.

Die Leichen der fünf Muslimen und acht Christen, unter denen sich zwei der griechischen Werftleute befanden, wurden in der Nähe eines Dorfes, getrennt von einander am Ufer hingelegt, und die Aebtissin gab dem einen ein Täfelchen in die Hand, worauf sie die Worte geschrieben: »Acht Christen, die in der Notwehr als Beschützer frommer Verfolgter tapfer kämpfend den Tod gefunden. Betet für sie und bestattet sie, sowie auch diejenigen, welche ihnen, gehorsam der Pflicht und ihrem Gebieter, das Leben genommen.«

Nachdem Rufinus, dessen Haupt im Schoß des Gärtners ruhte, der ihn mit dem Schirm der Aebtissin vor dem Sonnenbrand schützte, die Besinnung zurück gewonnen und sich umgeschaut hatte, sagte er mit einem Blick auf den Schiffsführer, der neben ihm lag, leise vor sich hin: »Ich hatte ja auch ein Weib und ein liebes Kind zu Hause, und dennoch . . . Wie weh das doch thut! Man darf sich schon quälen, um dergleichen zu lindern. Das einzig wirklich Reale hienieden, ja das einzige ist nicht die Lust, das ist der Schmerz, der gemeine körperliche Schmerz, und wenn es da drinnen zum Ueberfluß auch noch beißt und brennt . . . Wasser, ein Schlückchen Wasser . . . Wie gut könnt' ich's jetzt haben bei meiner Johanna, in unserem schattigen Hause . . . Aber dennoch, dennoch . . . helfen, retten, gleichviel, wer der Hilfe bedarf . . . Einen Schluck . . . Wein und Wasser, wenn es angeht, ehrwürdige Frau!«

Die Aebtissin hatte, was er begehrte, zur Hand, führte ihm den Becher zum Munde, sagte ihm viel dankende, herzliche und tröstende Worte und fragte ihn, was sie, wenn sie entkommen würden, für ihn und die Seinen thun könne.

»Behalte sie lieb,« versetzte er leise. »Die Pul will jetzt gewiß erst recht ins Kloster. Aber sie darf nicht fort von der Mutter, von ihr: Johanna, Johanna . . .«

Mehrmals wiederholte er diesen Namen, als ob sein Wohlklang seinem Ohr und Herzen schmeichle. Dann schüttelte er sich wiederholentlich und murmele: »Brrr! Kalte Schauer wieder und wieder . . . das taugt nichts . . . Der Hieb in den Rücken, der, der . . . Am Kopf, da thut es wohl weher, aber der andere . . . Schlimm, daß es links traf . . . Nein, gut, es ist gut so; denn hätt' er – säß' er da rechts, so . . . so könnt' ich nicht schreiben, und ich will, ich muß . . . bevor es zu spät ist. Ein Täfelchen und einen Stift! Gleich, gleich . . . Und wenn ich geschrieben, würdige Frau, dann verschließest Du das Täfelchen fest, recht fest. Du versprichst mir's! Nur der darf es lesen, für den es bestimmt ist . . . Du, Gibbus! Hörst Du, mein Gibbus? Es ist für Philippus, den Arzt Philippus, dem bringst Du's! Der Traum mit der Rose auf Deinem Höcker . . . Aus dem Elend hier unten – deut' ich ihn recht? – erwachsen Friede und Freude da oben. Also zu Philippus! Und dann: in Dumiat wohnt mein alter Schulfreund, der Arzt Christodor. Zu dem schaffst Du meine Leiche, Gibbus; Du hörst doch? Er soll sie in einen Kasten mit Sand thun, so erhält sich das Fleisch, und sie in Alexandria neben meiner Mutter bestatten. Da kann sie Johanna und das Kind . . . da können sie mich besuchen. Ich hinterlasse nicht viel. Was das alles kostet . . .«

»Das ist meine, ist des Klosters Sache!« rief die Aebtissin.

»So schlimm steht es doch nicht,« lächelte der Alte. »Was mich angeht, das zahl' ich; das Eure gehört ja den Armen, würdige Frau. Du findest in dem Täschchen hier mehr, als Du brauchen wirst, Gibbus. Aber nun . . . rasch . . . schnell . . . die Tafel!«

Als er eine solche und den Stift in der Hand hielt, dachte er erst eine Zeit lang nach und schrieb dann mit zitternden Fingern und dem Aufgebot aller Kräfte.

Wie groß sein Schmerz war, sah man seinem zusammengezogenen Munde und wehen Blicken an; doch er ließ sich nicht hindern, so oft ihn auch der Gärtner und die Aebtissin baten, den Stift aus der Hand zu legen. Endlich atmete er erleichtert auf, schloß die Doppeltafel, reichte sie der Aebtissin und sagte:

»So . . . Gut verschließen! An den Arzt Philippus. Nur in seine eigene Hand; Du hörst es, Gibbus!«

Hier schwanden ihm die Sinne; doch nachdem man ihm Stirn und Wunden neu gekühlt hatte, kam er wieder zu sich und murmelte leise:

»Ich hab' von Johanna und dem armen Kinde geträumt. Sie brachten mir eine komische Maske. Was das wohl bedeutet? Daß ich mein Leben lang ein Narr war, weil ich über anderer Leid mich und die Meinen vergaß? Nein, nein, nein! So wahr der Mensch das Maß aller Dinge, – wenn das wäre, dann, dann wäre Narrheit das Wahre und Rechte. – Ich, ich . . . mein Wille, das Ziel, dem mein Leben geweiht war . . .«

Hier stockte er, dann aber richtete er sich plötzlich höher auf, schaute mit leuchtenden Augen nach oben und rief laut und freudig:

»O Du, mein barmherziger Heiland! Ja, ja, ja! Jetzt seh' ich's . . . Dank, Dank! . . . Was ich erstrebt, wofür ich gelebt, dafür, Du mein Erlöser, der Du die Liebe selbst bist, dafür läßt Du – o, wie das freundlich ist, o wie das gut thut! – dafür läßt Du mich sterben.«

Wieder schwand ihm die Besinnung, sein Haupt begann heißer zu glühen, seine Brust zu röcheln, und von seinen trockenen Lippen, welche pflegsame Frauenhände oft befeuchteten, tönten nur noch die Namen derer, die er am meisten liebte, und unter ihnen auch Paulas.

In der fünften Nachmittagsstunde fiel er in des Buckeligen Schoß zurück und hatte ausgelitten. Ueber seine Züge breitete sich ein freundliches Lächeln, und das stille Antlitz des viel gewanderten Mannes glich im Tode dem eines Kindes.

Dem Gärtner war es, als sei ihm der leibliche Vater gestorben, und seine schnelle Zunge blieb stumm, bis er mit den geretteten Schwestern in Dumiat eintraf und dem letzten Befehl seines Herrn gehorchte.

Das Seeschiff der Nonnen nahm auch den verwundeten Bootführer Setnau, sein Weib, seine Kinder, seinen Bruder, den Steuermann, und die überlebenden Werftleute an Bord.

Zur selben Stunde, da Rufinus die Augen schloß, erschien die Sicherheitswache von Memphis unter Führung des Bischofs Plotinus und legte im Namen des Patriarchen Benjamin und der jakobitischen Kirche Beschlag auf das melchitische Cäcilienkloster und den Besitz der krankenpflegenden Schwestern. Am folgenden Morgen brach der Bischof nach Oberägypten auf, um dem Kirchenfürsten Bericht zu erstatten.

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.