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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Einunddreißigstes Kapitel.

Während Orion über den Strom nach Fostat ritt, versagte ihm die Freudigkeit, die ihn noch vor kurzem beseelt. Hätte Paula ihm nicht wenigstens einen Bruchteil der Stunde, die sie dem Kinde geschenkt, widmen können und müssen? Mit einem freundlichen Händedruck beim Willkommen und einem dankbaren Blick war er abgespeist worden. Wäre sie ihm nicht freudig entgegengeflogen, wenn die Liebe, deren sie ihn gestern versichert, ihr Herz so innig und heiß durchglühte wie seins? War die stolze Seele dieser Jungfrau, welche seine Mutter kalt und unnahbar nannte, nicht fähig zu heißer, sich selbst vergebender Hingabe? Gab es kein Mittel, das heilige Feuer, das in ihm entflammt war, in ihr zu erwecken? Mancherlei Zweifel und das bittere Gefühl der Enttäuschung quälten ihn, und eine Fülle von Bedenken drang nun auf ihn ein, die ihm wohl fern geblieben wären, wenn er sie wiedergesehen, ihr frohes: »Ich liebe dich!« vernommen und die Lippen von dem ersten Kuß der Geliebten geweiht gefühlt hätte.

Herabgestimmt, ja verdrossen trat er in das Haus des Feldherrn. Abgewiesene Bittsteller begegneten ihm im Vorsaal, und mit einem bittern Lächeln sagte er sich, daß er soeben in ähnlicher Weise unverrichteter Sache heimgeschickt worden sei, heimgeschickt – und von wem?!

Er ließ sich melden, und seine Stimmung hob sich ein wenig, als er sofort vorgelassen und an vielen Wartenden vorbei in das Empfangszimmer des Feldherrn geführt wurde.

Dieser begrüßte ihn mit väterlicher Herzlichkeit, und als er hörte, daß Orion mit dem Patriarchen hart aneinander geraten sei, fuhr er auf und rief mit ausgestreckten Händen:

»Ergreif die Rechte hier, Freund, tritt über zum Islam, und mit der Linken mach' ich Dich im Namen meines Herrn, des Chalifen, trotz Deiner Jugend zum Nachfolger Deines Vaters. Fort mit den Bedenken! Schlag ein; rasch, schnell! Es ist mir peinlich, Aegypten zu verlassen und Memphis ohne Statthalter zu wissen.«

Da erglühte Orion über und über. Seines Vaters Nachfolger! Er, der neue Mukaukas! Wie das seinen Ehrgeiz kitzelte, welche Bahnen der Thätigkeit dies für ihn aufthat! Es flimmerte ihm vor den Augen und trieb ihn auf den gütigen Gönner zu, dessen Rechte sich ihm noch immer entgegenstreckte; doch plötzlich zeigte ihm seine rege Einbildungskraft das Bild des Erlösers, mit dem er in der Kirche einen stummen Bund geschlossen, wie er trauernd sein mildes Antlitz von ihm abwandte. Da wußte er wieder, was er sich gelobt, da war alles vergessen, was Paula ihm angethan hatte, da ergriff er zwar die Hand des Feldherrn, doch nur um sie an die Lippen zu ziehen und ihm aus vollen. Herzen zu danken; dann aber bat er ihn mit warmer, liebenswürdiger Dringlichkeit, ihm nicht zu grollen, wenn er fest bleibe und bei dem Glauben seiner Ahnen und seines Vaters verharre. Und der Feldherr zürnte ihm nicht; doch hastig und fern von der freudigen Herzlichkeit, mit der er ihm entgegengekommen, mahnte ihn Amr, vor dem Patriarchen auf der Hut zu sein, gegen den er ihn, so lang er dabei verharre, Christ zu bleiben, nicht zu schützen vermöge.

Als Orion ihm sodann mitteilte, daß er auf kurze Zeit zu verreisen gedenke und auch komme, um sich zu verabschieden, fuhr der Feldherr unwillig auf.

Auch er, sagte er, müsse fort, und zwar schon übermorgen, nach Medina.

»Da ich Dich,« rief er, »so jung für den hohen Posten Deines Vaters ins Auge faßte, war ich auch besorgt, eine Aufgabe für Dich zu finden, bei deren Lösung Du zeigen könnest, daß ich Dir nicht zu viel zugetraut. Nun bestehst Du auf Deinen. Willen, ich aber kann unmöglich einem Christen in Deinen Jahren die wichtige Statthalterei von Memphis anvertrauen; mit dem jungen Muslim hätten wir's eben gewagt! Aber ich will Dir die Aufgabe, die Dir einmal zugedacht war, auch jetzt nicht entziehen. Gelingt Dir die Lösung, so wird es gut für Dich selbst sein, und ich denke sie dann zu Gunsten der ganzen Provinz zu verwerten; denn was führt mich jetzt von hier fort, wo meine Anwesenheit bei hundert neuen, unvollendeten Schöpfungen so nötig wäre, als die Sorge für das Wohl dieses Landes, wo ich doch nur ein Fremdling bin, während Du es lieben mußt als Deine eigene und Deines Geschlechtes Heimat? Ich gehe nach Medina, weil der Chalif in dem Briefe dort mir vorwirft, ich schicke aus einem so reichen Lande wie Aegypten zu geringe Summen in den Schatz. Und doch wandert kein Dinar von euren Steuern in meinen eigenen Beutel! Dafür halt' ich hundertundfünfzigtausend Arbeiter auf den Beinen, um die Kanäle und Wasserbauten neu herzustellen, die meine Vorgänger, die byzantinischen Blutsauger, so schmählich vernachlässigt haben und in Verfall geraten ließen, dafür bau' und schaff' ich und streue Saat für die Zukunft. Das kostet Geld! Das verschlingt den Löwenpart dessen, was einkommt. Nicht nur um mich von Vorwürfen zu reinigen, sondern um Omar zu bestimmen, mir auch in Zukunft zu gestatten, keine Raubwirtschaft zu treiben, sondern das wahre Wohl der Provinz im Auge zu behalten, mach' ich mich auf den Weg. Ich thu' es ungern aus tausend Gründen, und Du, junger Mann, solltest, wenn Dir Dein Vaterland wert ist . . . Hast Du es lieb und wünschest Du ihm das Beste?«

»Aus voller Seele!« rief der Jüngling.

»Wohl denn, so solltest Du jetzt, wenn es irgend thunlich ist, still zu Hause bleiben und Dich mit ganzer Kraft der Aufgabe widmen, die ich Dir stelle. Ich hasse den Aufschub. Nicht lange hin und her reiten und die Pferde ermüden, sondern gerade hinein in den Feind, ist mein Grundsatz, nicht nur im Felde. Beherzige die Lehre! Du wirst keine Zeit zu verlieren haben; denn ich verlange nichts Leichtes. Du sollst, gestützt auf Deine Kenntnis dieses Landes, seiner Bewohner, sowie mit Hilfe der Aufzeichnungen und Listen in den Archiven eures alten Statthalterhauses, von denen mir Dein Vater erzählte, eine neue Bezirkseinteilung auszuarbeiten versuchen, und zwar mit Rücksicht auf die Steuerlast der einzelnen Distrikte. Die alte Art der Abgabenerhebung taugt nicht, wir empfinden es täglich; Du wirst weiten Spielraum für Verbesserungen jeder Art finden. Stürze das Vorhandene um, wenn Du es für notwendig erachtest. Auch andere haben sich an der Distriktseinteilung und dem neuen Modus der Steuererhebung versucht. Der beste Entwurf erhält den Vorzug, und Du scheinst mir der Mann, den Preis zu erwerben und damit ein weites und schönes Wirkungsfeld für die Zukunft. Ist es nicht nur die Langeweile und der Hunger nach den Vergnügungen der Großstadt, an die Du gewöhnt bist, die Dich aus eurem traurigen Memphis fortlocken . . .«

»Nein, Herr,« versicherte Orion. »Was ich vorhabe, kommt nicht einmal mir selbst zu gute, und hätte ich mich nicht fest gebunden, ich stürzte mich schon morgen mit Leib und Seele in diese herrliche Arbeit. Daß Du eine gute Lösung so wichtiger Fragen von mir erwartest, ist das schönste Geschenk, das ich jemals erhalten. Schon um mich Deines Zutrauens würdig zu machen, kehr' ich so schnell als möglich zurück und soll alles aufgeboten werden, was ich etwa an Geist und Scharfsinn, an Ausdauer und Vaterlandsliebe besitze. Ich bin ein fleißiger Schüler gewesen, und Schande über mich, wenn das, was ich als Jüngling war, den Mann verhinderte, den Knaben zu überbieten.«

»Schön, schön,« entgegnete der Feldherr und hielt Orion die Hand hin. »Thu Dein Bestes, und Du sollst reiche Gelegenheit erhalten, Deine Kraft zu bewähren. Beherzige meine Warnung vor dem Patriarchen und dem schwarzen Wekil. Ich habe hier leider niemand, der seine Stelle ausfüllen könnte, außer dem wackern Kadhi Othman, aber der ist kein Krieger und auf seinem Platz unentbehrlich. Geh' dem Obada aus dem Wege, komm bald zurück, und der Barmherzige sei mit Dir . . .«

Als Orion bei der Heimkehr die Schiffbrücke hinter sich hatte, sah er ein geschmücktes Nilboot, wie es jetzt nur noch selten hier landete, im Hafen vor Anker liegen, und auf der Nilstraße begegneten ihm zwei Sänften, denen Lasttiere und Diener folgten. Das alles hatte einen glänzenden, vornehmen Anstrich, und zu anderer Zeit hätt' es seine Neugier gereizt; heut aber legte er sich nur flüchtig die Frage vor, wer die Ankömmlinge sein möchten, und sann dann weiter der Aufgabe nach, die ihm Amr gestellt. Aus tiefstem Herzensgrunde verwünschte er die Stunde, in der er sich gebunden und für Fremde einzutreten verpflichtet; denn er, der nach so langem Müßiggang darnach lechzte, seine Kraft zu erproben, der sich plötzlich und wie durch ein Wunder auf den Weg berufen sah, den er sich selbst vorgezeichnet, fühlte sich nun behindert und abgezogen von einer Aufgabe, die er trefflich zu lösen hoffte, mit der er seinem Vaterlande dienen konnte, und die ihn anzog wie mit hundert Magneten.

Nachdem seinem Testamente am folgenden Morgen rechtliche Giltigkeit verliehen worden war, berief er den Rentmeister zu einer Unterredung unter vier Augen. Er hatte sich gesagt, daß wenigstens einer in seinem Hause, und dieser eine konnte nur Nilus sein, Kenntnis von dem geplanten Unternehmen haben müsse.

So bat ihn denn der Rentmeister, ihm in das Impluvium seiner Privatwohnung zu folgen, und diese Einladung war von mehreren anwesenden Schreibern vernommen worden; doch ließen sie sich dadurch nicht in ihrer Arbeit stören; nur der jüngste von allen, ein hübscher, sechzehnjähriger Bursch, mit gebräuntem ägyptischem Gesicht und klugen, lebhaften kohlschwarzen Augen, der jedem Wort des Rentmeisters und seines Herrn aufmerksam gefolgt war, erhob sich, sobald die beiden die Schreibstube verlassen, geräuschlos aus seiner hockenden Stellung und schlüpfte unbemerkt in den Vorsaal. Von dort aus eilte er die leiterartige Stiege hinan, welche auf den Taubenschlag führte, dessen Besorgung ihm oblag, schwang sich aus der hohen Wohnung der geflügelten Boten schnell auf das Dach des unteren Stockwerks und kroch auf dem Leibe bis zu dem großen leeren Rechteck, durch welches das oben offene Impluvium Licht und Luft empfing. Mit einer raschen Handbewegung schob er das Segel ein wenig zurück, welches dies um Mittag beschattete, und lauschte mit aller Spannung auf das Gespräch, welches sich unter ihm entspann.

Dieser Bursch war Anubis, der Milchbruder des Bachstelzchens, und er schien seiner geliebten Herrin in der Kunst des Horchens nicht nachzustehen; denn aufmerksamer als er konnte niemand die Ohren spitzen. Er wußte auch, wofür er sich auf dem Dache den glühenden Pfeilen der unbarmherzigen afrikanischen Sommersonne aussetzte, hatte ihm doch Katharina, seine angebetete Gespielin, die Gebieterin auch seines jungen, leidenschaftlichen Herzens, einen süßen Kuß versprochen, wenn er Näheres über die gefahrvolle Reise Orions auskundschafte. Anubis hatte ihr selbst gestern Abend mitgeteilt, was in dem Vorsaal des Rentamts von ihm erlauscht worden war; aber diese allgemeinen Hindeutungen waren dem Bachstelzchen ungenügend erschienen. Es mußte klar sehen, mußte genau wissen, was da im Werke sei, und sie irrte sich nicht, wenn sie voraussetzte, daß gerade derjenige Lohn, welchen sie dem Knaben versprochen, ihn anspornen werde, auch das Unmögliche zu leisten.

So schnell zum Ziel zu kommen, hatte der junge Bursche nicht erwartet, wie kühn er auch zu hoffen verstand; denn kaum war es ihm gelungen, das Segel zurückzuschieben, als Orion begann, dem Rentmeister alles zu eröffnen, was er zu thun beabsichtigte.

Nachdem jener seinen Bericht geschlossen, wartete der Knabe die Antwort des Nilus nicht ab, sondern kroch, wie berauscht von seinem glücklichen Erfolge und der Aussicht auf einen Lohn, welcher für ihn die ganze Seligkeit des Himmels in sich schloß, nach dem Taubenschlage hin. Aber er konnte auf dem Wege, den er gekommen, nicht wieder zurück; denn war er wieder im Vorsaal und ein älterer Beamter begegnete ihm dort, so wurde er wieder an die Schreibstube gebannt. – So schlüpfte er denn zu der Brüstung des Daches, welche dem Fischerhafen zugewandt war, schwang sich über sie hinaus und erfaßte eine Gosse, um sich an ihr hinuntergleiten zu lassen; doch sie war leider sehr alt – es regnet so gar selten in Memphis – und kaum folgte der Körper des Knaben den Händen, als das morsche Blech klirrend auseinander flog. Mit den Trümmern der Gosse stürzte der verwegene Bursche vier Mannshöhen tief zu Boden, von dem Pflaster her erscholl ein dumpfer, mit kreischendem Geschrei vermischter heftiger Schlag, und kurz darauf war es im ganzen Rentamt bekannt, daß der arme, flinke Tauben-Anubis bei der Versorgung seiner Pfleglinge vom Dache gefallen sei und das Bein gebrochen habe.

Die beiden Männer im Impluvium sollten von diesem Unfall erst später Kunde erhalten; denn es war Befehl erteilt worden, sie nicht in ihrem Gespräch zu stören.

Nilus hatte den Eröffnungen seines jungen Herrn mit wachsendem Erstaunen, Unwillen und Schrecken zugehört, und als Orion geendet, war er mit der ganzen Beredsamkeit eines treuen, für das Heil der Seele und des Leibes eines geliebten Menschen besorgten Herzens in ihn gedrungen, von diesem Wagnis abzustehen, woraus ihm nichts erwachsen könne als Mißbilligung, Schaden und Verfolgung. Nilus war Jakobit mit ganzem Herzen und der Gedanke, sein junger Herr stehe im Begriff, für melchitische Nonnen das Aeußerste zu wagen und den Zorn, ja den Fluch des Patriarchen auf sich zu laden, erschien ihm unerträglich.

Des treuen Beamten Warnungen und flehentliche Bitten ließen Orion nicht unberührt; aber er beharrte auf seinem Entschluß und stellte Nilus vor, daß er Rufinus sein Wort verpfändet und darum nicht mehr zurücktreten könne, obgleich er schon selbst die Freude an dem geplanten Unternehmen verloren. Den alten, braven Mann allein in die Gefahr ziehen zu lassen, widerstrebe ihm, ja sei ihm unmöglich.

Aufrichtige Herzensbesorgnis macht findig, und kaum hatte Orion ausgeredet, als Nilus ihm mit einem Vorschlag entgegenkam, welcher wohl geeignet schien, des Jünglings letzte Bedenken zu zerstreuen. Der griechische Werftvorsteher Melampus war ein eifriger Melchit, wenn er sich auch nicht mehr öffentlich zu seinem Glauben bekennen durfte. Er und seine beiden Söhne, zwei starke und frische Schiffszimmerleute, hatten ihre kecke Unternehmungslust vielfach bewährt, und Nilus zweifelte nicht, daß sie sich mehr als gern an einem Unternehmen beteiligen würden, das die Rettung so vieler frommen Glaubensgenossinnen bezweckte. Sie sollten an Orions Stelle treten und konnten den alten Herrn weit wirksamer unterstützen als er.

Dem Jüngling sagte dieser Vorschlag insofern zu, als er sich von den wackern Handwerkern, die er recht wohl kannte, gute Hilfe versprach, und so wollte er sie zwar mitnehmen, doch darum nicht von der eigenen Mitwirkung lassen.

Dem zäh bei seinen Mahnungen verharrenden Nilus mußte er endlich Schweigen gebieten. Dennoch begab er sich mit dem bekümmerten Manne auf die Werft, und der alte Meister, ein gutherziger Riese, zeigte sich freudig bereit, für die Rettung der Nonnen einzutreten, als sei »jede einzelne seine eigene Mutter«. Den Jungen werde es ein Fest sein, an solchem Streiche teilzunehmen, und er irrte nicht; denn nachdem man sie ins Vertrauen gezogen, schwang der eine begeistert das Beil, und der andere schlug so froh mit der schwieligen Faust in die Linke, als sollt' es zum Tanz gehen.

Ungesäumt bestieg Orion mit allen Dreien ein Boot und ließ sich in das Haus des Rufinus rudern, um sie mit ihm bekannt zu machen, und sie gefielen dem Alten vortrefflich.

Orion blieb bei ihm zurück. Er hatte ihm gestern zugesagt, das Frühstück mit ihm zu teilen, und dies stand bereit. Paula war schon eine Stunde im Kloster und mußte, wie Frau Johanna versicherte, jeden Augenblick wiederkehren. Darum ließ man sich ohne sie nieder, die Schüsseln wurden aufgetragen, das Mahl näherte sich dem Ende, und sie war noch immer nicht zurück. Orion, dem es anfänglich gelungen war, seinen Mißmut zu verbergen, wurde jetzt so von ihm beherrscht, daß seine Wirte Mühe hatten, ihm durch Fragen und Wiederfragen kurze und zerstreute Antworten zu entlocken.

Auch Rufinus wurde besorgt, doch als er eben aufstand, um nach Paula zu sehen, sah Pulcheria, die am Fenster stand, sie kommen und eilte mit einem freudigen. »Da ist sie!« hinaus.

Aber wieder verging Minute auf Minute, aus der Viertel- wurde eine halbe Stunde, und Orion harrte noch immer vergeblich der Jungfrau. Die freudige Erwartung hatte sich in ihm längst in Ungeduld, die Ungeduld in das Gefühl der gekränkten Würde und dieses in Ingrimm und bittern Groll verwandelt, als endlich Pulcheria statt ihrer in das Speisezimmer trat und ihn in Paulas Auftrag ersuchte, in den Garten zu kommen.

Ueberlange war sie im Kloster zurückgehalten worden. Wie der Rauch, den der Zeidler in den Bienenkorb ziehen läßt, hatte die Schreckenspost die stillen, frommen Schwestern aus der gewohnten Ruhe aufgeschreckt und sie durcheinander getrieben. Heute galt es, das Wertvollste zusammenzupacken, und obgleich Orion erklärt hatte, daß nur eine geringe Anzahl von Kisten und Säcken in dem Boot Platz finden könne, schleppte diese ihr Betpult, jene ein großes Heiligenbild, eine dritte einen kupfernen Fischkessel und eine vierte, fünfte und sechste gar den großen Schrein mit den Gebeinen des Märtyrers Ammonius herbei, welchen die Priesterkirche den Ruf besonderer Heiligkeit verdankte. Um diesem Zuviel zu steuern, hatte die Aebtissin ihre ganze Thatkraft und Würde aufbieten müssen, und manche mit einem teuren, aber zu umfangreichen Besitztum abgewiesene Schwester war weinend mit ihrem Schatz von dannen gezogen.

Die Oberin der Nonnen war erst im stande gewesen, sich Paula ganz zu widmen, nachdem das Mitzuführende überblickt werden konnte. Dann hatte sie die Jungfrau in ihr mit gediegener und kostbarer Schlichtheit ausgestattetes Wohnzimmer geführt und sie dort mit warmer Teilnahme das Herz vor sich ausschütten lassen.

Wer diesen beiden so zusammen begegnet wäre, hätte leicht denken können, es habe sich hier die beunruhigte Tochter Rat suchend an das Herz der Mutter geflüchtet; denn die greise Aebtissin konnte in ihrer Jugend recht wohl der Tochter des Thomas geglichen haben, nur hatte sich die vornehme und doch anmutige Haltung der Jungfrau bei der Matrone in majestätische, herablassende Würde verwandelt, und ihrem trotzig geschlossenen Munde sah man nicht mehr an, daß er einst die anmutige Zier ihres Antlitzes gewesen.

Während sie den Bekenntnissen des Mädchens folgte, wechselte der Ausdruck ihrer ruhigen Augen, welche nur, wenn Glaubenseifer sich ihrer Seele bemächtigte, fanatisch glühten, nicht selten, und sie bekam auch sehr Verschiedenartiges zu hören; denn Paula betrachtete diese Unterredung wie eine Beichte und verschwieg der mütterlichen und zugleich priesterlichen Freundin nichts von allem, was in ihrem äußeren Dasein, in ihrem Geist und Herzen vorgegangen war, seitdem sie das Haus des Mukaukas betreten. Keine Falte ihrer Seele ließ sie unenthüllt, nichts beschönigte oder verbarg sie, und als sie des Geliebten kraftvolles Ringen, des Lebens ganzen Ernst zu erfassen, schilderte, rissen Liebe und Begeisterung sie hin, sein durch einen kurzen, aber tiefen Schatten verdunkeltes Bild in um so hellerem Glanz leuchten zu lassen.

Nachdem Paula endlich ihre Beichte beendet, war die Aebtissin lange stumm geblieben; dann aber hatte sie das Mädchen an sich gezogen, und es liebreich gefragt:

»Und nun? Nicht wahr, nun drängt und treibt es da drinnen, der Leidenschaft, die sich Deiner in so befremdlicher Weise bemächtigt, den Lauf zu lassen, in die weit geöffneten Arme des geliebten Mannes zu fliegen, Dich ihm hinzugeben und zu sagen: ›Da hast Du mich, ich bin Dein! Rufe dem Priester, daß er uns segne!‹ – Ist es so, sehe ich recht?«

Da hatte Paula ihr tief errötend zugenickt, die Greisin aber ihr Haupt an die Brust genommen und nachdenklich erwidert: »Ich sah ihn sein Viergespann an mir vorüberführen, und dachte dabei an manches berühmte Bildwerk griechischer Heiden. Schönheit, Geburt, Besitz, ja auch Geist und Gaben, alles, was ihm das Herz einer Paula gewinnen könnte, ist sein, und sie – ich seh' es – überläßt es ihm gern.«

Und wiederum hatte ihr das Mädchen zugenickt, und die Greisin war mit einem leisen Seufzer und als sei es ihr mühsam gelungen, sich mit etwas Unabwendbarem abzufinden, fortgefahren: »So war' denn jede Warnung vergebens. – Er ist allerdings nicht unseres Glaubens, er . . .«

»Aber wie er ihn achtet,« rief Paula, »das zeigt er, indem er für Dich, für die Deinen Freiheit und Leben aufs Spiel setzt.«

»Sage: für die Geliebte,« entgegnen die Aebtissin. »Doch lassen wir das aus dem Spiel, so sehr es mich auch schmerzt, mir die Tochter des Thomas als Gemahlin eines Jakobiten zu denken. – Du wirst ihn nicht lassen, und der Vater der Liebe führt oft treue Liebe auf wunderbaren Wegen zum Besten, auch wenn es in die Irre und durch Schluchten und Abgründe geht.«

Da war Paula ihr um den Hals gefallen, um sie dankbar zu küssen; doch die Aebtissin hatte das beglückte Mädchen nur kurze Zeit gewähren lassen, und sie dann an ihre Seite gezogen. Mit Paulas Rechten in beiden Händen war sie dann in den Ton ruhiger Darlegung übergegangen. Sie und die Ihren, hatte sie begonnen, seien Orion große Erkenntlichkeit schuldig. Ihr heißester Wunsch sei, daß Paula als Gattin das schönste Erdenglück gewinne; doch, da sie Rat zu erteilen berufen, dürfe sie sich nicht blenden vor den Gefahren, welche eben dies Glück zu beeinträchtigen drohten. Hinter ihr, der Aebtissin, liege eine lange und vielgliederige Erfahrungsreihe, und diese habe ihr hundert junge Männer gezeigt, die als schwere Sünder von Vater und Mutter, der Kirche und allen Guten verloren gegeben worden seien, und von diesen habe mancher seinen Tag von Damaskus gesehen. Ein Wendepunkt sei für sie eingetreten, und aus den verlorenen Söhnen seien treffliche, fromme Männer geworden.

Paula war ihr bei diesen Worten mit freudig strahlenden Augen näher gerückt, sie aber hatte das Haupt ab weisend geschüttelt, und ihr Blick immer andächtiger und schwärmerischer geleuchtet, während sie mit tiefem Ernst fortgefahren war:

»Indessen, mein Kind, an allen diesen hatte sich die Gnade wirksam erwiesen, hatte sich das Wunder vollzogen, das wir Wiedergeburt nennen. Sie waren dieselben geblieben am Fleisch und in den Grundzügen der Sinnesart, aber ihr Verhältnis zur Welt und zum Leben war ein ganz neues geworden. Was ihnen früher wünschenswert erschienen war, das konnten sie jetzt hassen, das Bedeutende war für sie nichtig, das Nichtige bedeutend geworden; hatten sie früher alles auf die eigenen Wünsche bezogen, so bezogen sie es jetzt auf Gott und seinen Willen. Die alten Triebe waren dieselben geblieben; doch sie ließen sich in Schranken halten durch die nie schlummernde Erkenntnis, daß sie nicht zur Freude führten, sondern ins ewige Verderben. Diese Wiedergeborenen lernten die Welt verachten, und statt in den Staub, war ihr Blick aufwärts und gen Himmel gerichtet. Wer von ihnen strauchelte, den zwang sein gesamtes neues Wesen, das Gleichgewicht wiederzufinden, bevor er völlig zu Boden sank. – Aber Orion? Doch Dein Geliebter? Seine Schuld seh' ich ihn überspringen, und von einem würdigeren weltlichen Lebensgang hofft er eine neue Vereinigung mit Gott. Nicht nur seine Sinnesart ist die alte geblieben, sondern auch sein Verhältnis zum Leben, zu den Gütern, die es den Weltkindern bietet. Fleischliche Liebe treibt ihn an, nach Hohem und Großem zu streben, mit ernstem Willen sucht er es zu erreichen, doch über jeden Stein, den der Teufel ihm in den Weg wirft, kann und wird er fallen, und sich schwer wieder aufrichten; denn das Unglück hat ihn nicht zur Wiedergeburt geführt, und zu neuem Leben in Gott. Gerade seinesgleichen sah ich unzähligemale in die Sünde zurücksinken, der sie entronnen, und bevor wir einem Mann, der sich einmal, wenn auch nur einmal, so weit von den Wegen Gottes entfernte und an dem sich die Gnade noch nicht wirksam erwiesen, völlig vertrauen, thut es gut, seinen Gang und seine Handlungsweise länger als kurze Tage im Auge zu behalten. Fühlst Du Dich auch gedrungen, festzuhalten an der Neigung Deines Herzens, so eile doch nicht eher in des Geliebten geöffnete Arme, so gib ihm nicht eher die reinen Heiligtümer des Leibes und der Seele hin, werde nicht eher die Seine, als bis er sich völlig bewährt hat.«

»Aber ich glaube an ihn!« rief Paula unter strömenden Thränen.

»Du glaubst, weil Du liebst!« erwiderte die Aebtissin.

»Und weil er es verdient.«

»Seit wie lange?«

»Und war er denn nicht ein herrlicher Mann vor seinem Fehltritt?«

»Das ist auch mancher Mörder gewesen. Ein Augenblick stößt die meisten Verbrecher aus der Gesellschaft.«

»Die trägt ihn noch immer auf Händen.«

»Als den Sohn des Mukaukas.«

»Und weil ihm sein Wesen alle Herzen gewinnt.«

»Auch das des Höchsten?«

»O Mutter, Mutter, warum missest Du ihn mit dem Maß Deiner dem Himmel geweihten Seele! Wie wenige Auserwählte werden doch der Gnade teilhaftig, von der Du sprichst!«

»Wer gesündigt wie er, der muß darnach ringen.«

»Er thut es, Mutter, in seiner Weise.«

»Die falsch ist, falsch für ihn, der solches verbrochen. Alles, wonach er strebt, sind weltliche Güter.«

»Nein, nein. Er steht fest im Glauben an Gott und den Heiland. Er ist kein Leugner.«

»Und glaubt sich dennoch der Buße entschlagen zu dürfen?«

»Vergibt der Herr wahrer Reue nicht alles? Und er hat bereut, und wie schwer, wie furchtbar hat er gelitten!«

»Sage lieber: die Streiche empfunden, die sein Frevel ihm zugezogen. Es kommen noch mehr, und wie wird er sie tragen? Die Versuchung lauert auf allen Wegen, und wie wird er ihr entrinnen? Als warnende Mutter bin ich Dir zuzurufen verpflichtet: Halt Deine und seine Leidenschaft noch im Zaume, fahre fort, zu prüfen, und gewähr' ihm nicht eher auch nur das Kleinste, Du Jungfrau, bis daß er . . .«

»Und bis wann, bis wann soll ich auf dieser unwürdigen Wacht stehen?« schluchzte Paula. »Ist das Liebe, die nicht vertraut, die nicht bereit ist, auch des Wankenden Dasein zu teilen?«

»Ja, Kind, ja,« unterbrach sie die Greisin. »Alles dulden, alles ertragen, ist die Pflicht wahrer Liebe und auch der Deinen; doch die unlösbarsten aller Bande sollst Du Dich und ihn erst dann umschlingen lassen, wenn aus dem wankenden ein sicher schreitender Wanderer geworden. Folge jedem seiner Schritte, steh ihm mit treuer Sorge zur Seite, verzweifle nicht an ihm, wenn er sich anders zeigt, als Du hoffst, suche Du, fromme Seele, suche Du ihn der Gnade würdig zu machen, aber gib ihm nicht übereilt, nicht jetzt schon das Jawort.«

Auch dieser letzten Mahnung fügte sich Paula nicht willig, doch die Aebtissin erfüllte das, was Orion begangen, mit großem Mißtrauen. Ein so schwerer Sünder, den der Fluch des Vaters getroffen, hätte nach ihrer Ueberzeugung, um Gnade flehend und nach Wiedergeburt ringend, sich von der Welt abwenden müssen, statt an der Seite eines so bevorzugten, so innig von ihr geliebten Wesens, wie Paula, Wonnen zu suchen, die sie nur dem tadellosesten ihrer Glaubensgenossen gönnte. O wie gern hätte sie, die nach einer stürmischen Jugend mitten in der Welt erst im Kloster Seelenruhe und wahres Glück gefunden, das herrliche Kind der Freundin als reine Braut Christi an ihrer Seite und vielleicht als ihre Nachfolgerin im Amt der Aebtissin gesehen! Die großen Schmerzen, welche treuloser Männer Ruchlosigkeit ihr selbst bereitet, hatte sie ihrem Liebling ersparen wollen, und so war sie keinen Zoll breit von dem Inhalt ihres Rates abgewichen, und nicht müde geworden, der Jungfrau eifrig und doch liebreich die Notwendigkeit vorzustellen, sich ihm zu fügen. Endlich hatte Paula mit dem Versprechen Abschied von ihr genommen, nicht früher ein festes Verlöbnis mit Orion einzugehen, als bis er aus Dumiat zurückgekehrt sein und die Freundin ihr brieflich mitgeteilt haben werde, welches Urteil sie sich auf der bevorstehenden Flucht über ihn gebildet.

So viel Thränen, wie bei dieser Unterredung, hatte die starkherzige Jungfrau seit der verhängnisvollen Messe von Abyla, wo sie Vater und Bruder verloren, nicht vergossen, und mit verweintem Angesicht und heftig schmerzendem Kopf war sie durch den Sonnenbrand des glühend heißen Mittags in das Haus des Rufinus und zu ihrer alten Betta zurückgekehrt. Diese war in sie gedrungen, sich niederzulegen, und als sie damit kein Gehör fand, hatte sie sie wenigstens überredet, sich das Haupt mit Wasser, so frisch sich's bei solcher Hitze beschaffen ließ, zu kühlen und sich das Haar von ihrer geschickten Hand recht vorsichtig neu ordnen zu lassen; denn das sei schon der verstorbenen Mutter bestes Mittel gegen Kopfweh gewesen.

Als Paula dem Geliebten endlich an einer schattigen Stelle des Gartens gegenüberstand, schauten sich beide befangen und befremdet an. Er blickte bleich und verstimmt auf sie hin, und ihre vom Weinen geröteten Augen und die zusammengezogene Stirn, unter der der Schmerz hämmerte und bohrte, trugen nicht dazu bei, seine Stimmung zu heben. Es war an ihr, sich zu entschuldigen, und als er seinem Gruß die Anrede nicht sogleich folgen ließ, sagte sie denn auch mit leiser, inniger Bitte:

»Verzeih, daß ich so spät komme. Wie lange hast Du doch warten müssen! Aber der Abschied von meiner besten Freundin und zweiten Mutter brachte so tiefe Erregung mit sich und ist so unsagbar traurig gewesen! Ich wußte nicht, wohin vor Kopfweh, als ich zurückkam, und jetzt . . . Wie so ganz anders hab' ich Dir heute früh zu begegnen gehofft!«

»Schon gestern blieb Dir keine Zeit für mich übrig,« entgegnete er finster, »und heute – Du warst dabei, wie Rufinus mich einlud – heute! – Ich bin nicht anspruchsvoll, und Dir gegenüber, mein Gott, wie dürft' ich es sein? Aber galt es heute nicht auch von mir Abschied zu nehmen, vielleicht auf immer? Warum mußte der Freundin so viel Zeit und Kraft bewilligt werden, daß ein so spärlicher Rest übrig bleibt für den Freund? Das heißt unbillig verteilen.«

»Wie sollt' ich es leugnen?« bat sie traurig. »Ja, ganz gewiß, Du hast recht, doch ich konnte gestern Abend das Kind, während es seinen schweren Kummer bei mir ausweinte, nicht sogleich verlassen, und wenn Du wüßtest, wie ich erschrocken war und wie weh mir das Herz that, als mir statt Deiner Dein Brief . . .«

»Ich mußte zu dem Feldherrn hinüber,« unterbrach sie Orion. »Dies Abenteuer zwingt mich, vieles hinter mir zu lassen, und ich bin nicht mehr der losgebundene Freiste der Freien von früher. Während dieses schrecklichen Frühstücks habe ich wie auf Nadeln gesessen. Aber lassen wir es dabei bewenden! Mit vollem, hoffnungsfreudigem Herzen kam ich hieher; und nun? Siehst Du, Paula, dies Unternehmen reißt mehr für mich entzwei, setzt mich in eine verhängnisvollere Lage, bürdet mir weit mehr auf, als Du denken und wissen kannst – ich erklär' es Dir später – und um es zu ertragen, um den frischen Mut und die Freudigkeit, deren ich bedarf, zu bewahren, muß ich des einen sicher sein, wofür ich ganz andere Gefahren und Mühen wie ein fröhliches Spiel auf mich nehmen würde, muß ich wissen . . .«

»Mußt Du wissen,« fiel sie ihm ins Wort, »ob sich mein Herz voll und ganz Deiner Liebe erschlossen . . .«

»Ob ich,« rief er mit wachsendem Feuer, »trotz all des schweren Leides, das diese arme Seele bedrückt, glücklicher sein darf als die Seligen im Himmel. O Paula, einziges, angebetetes Mädchen, darf ich . . .«

»Du darfst,« versetzte sie laut und innig. »Ich liebe Dich, Orion, werde nie und nie mehr aufhören, Dich aus ganzer Seele zu lieben.«

Da stürzte er ihr näher, faßte wie außer sich ihre beiden Hände zusammen, riß sie, nicht achtend des nahen Hauses, woraus zwanzig Augen ihm zuschauen konnten, an die Lippen und bedeckte sie mit glühenden Küssen, bis sie sie ihm entzog und ihm flehentlich zurief:

»Nicht so, nein, bitte, nicht so und nicht jetzt.«

»Jetzt, gerade jetzt, oder wann sonst?« fragte er stürmisch. »Aber hier, dieser Garten, Du hast recht, hier ist nicht der Platz für zwei selige Menschenkinder, die sich eben gefunden. Komm mit, geh mir voran in das Haus, such' uns dort eine Stelle, wo wir ungesehen, unbelauscht, allein mit uns selbst und unserem Glück . . .«

»Nein, nein, nein!« fiel sie ihm hastig ins Wort und fuhr mit der Hand über die schmerzende Stirn. »Komm mit auf die Bank unter der Sykomore; es ist dort ganz schattig, und da sage mir alles, da sollst Du auch noch einmal hören, wie gewaltig mich die Liebe erfaßt hat.«

Enttäuscht und befremdet schaute er sie an, sie aber wandte sich der Sykomore zu, ließ sich unter ihr nieder, und er folgte ihr langsam.

Freundlich winkte sie ihm, sich neben ihr niederzulassen, er aber blieb vor ihr stehen und sagte traurig und dumpf:

»Immer dasselbe, immer die gleiche Ruhe und Kälte . . . Ist das das Rechte, Paula? Ist das die gewaltige Liebe, von der Du sprichst? Soll das die Antwort sein, auf den Sehnsuchtsruf eines leidenschaftlich glühenden Herzens? Ist das alles, was Liebe der Liebe gewährt, was die Braut dem Bräutigam schuldet, der auf dem Sprung steht, sie zu verlassen?«

Da schaute sie ihn tief beängstigt an und sagte mit rührend inniger Bitte:

»O Orion, Orion, hast Du denn nicht gehört, siehst, fühlst Du denn nicht, wie sehr ich Dich liebe! Du mußt es empfinden, und thust Du es, so begnüge Dich, ich beschwöre Dich, Du einzig Geliebter, so begnüge Dich jetzt noch damit, daß dies Herz Dir gehört, daß Deine, ja Deine Paula – da ist sie, ich, ich bin es – an nichts denken, für nichts sorgen, beten und flehen will als für Dich, ja für Dich, jetzt mein ein und mein alles.«

»Nun, so komm, so komm mit mir,« rief er stürmisch, »und gewähre dem Verlobten, was ihm gebührt!«

»Nein, nein, nicht Verlobter, noch nicht!« rief es flehend aus ihrer tief geängstigten Seele. »Auch in meinen Adern fließt warmes, sehnsüchtiges Blut, auch mich verlangt es, in Deine Arme zu eilen und mein Haupt an das Deine zu schmiegen, aber Deine Braut – jetzt, heute schon, darf ich's, kann ich's nicht werden!«

»Und warum? Laß mich's wissen, warum nicht!« rief er aufgebracht und preßte die geballte Faust an die Brust. »Warum willst Du nicht meine Braut sein, wenn es wahr ist, daß Du mich liebst? Wozu ersinnst Du diese neue, gräßliche Folter?«

»Weil mich die Weisheit gelehrt hat,« versetzte sie mit hochwogendem Busen schnell und leise, als fürchte sie sich, die eigenen Worte zu hören, »weil sie mich lehrte, die Zeit dazu sei noch nicht da. Ach, Orion, Du hast nicht gelernt, das Verlangen, die Wünsche zu zügeln, die in Dir brennen, Du hast nur zu schnell vergessen, was hinter Dir, hinter uns liegt, welchen Berg es zu überschreiten gab, bis wir dahin gelangt sind, uns zu finden, bis ich – ja, Geliebter, es muß gesagt sein – bis ich nur vermochte, Dir nicht mit Groll und Haß ins Antlitz zu schauen. Eine wunderbare, geheimnisvolle Fügung hat es gewollt, und auch Du hast redlich das Deine gethan, daß das alles ganz anders geworden, daß, was weiß war, nun schwarz ist, daß sich der erkältende Nordsturm in einen heißen Südwind verwandelt. So wird wohl Gift zu Arznei und Fluch zum Segen! Aus leidenschaftlichem Haß ist in diesem thörichten Herzen ebenso gewaltige Liebe entsprungen. Aber Deine Braut, Dein Weib kann ich jetzt noch nicht werden. Nenn' es Zagheit, nenn' es eigensüchtiges Bedenken, nenn' es, wie Du willst. Ich heiß' es ›Weisheit‹ und lob' es, obgleich es die armen Augen da tausend bittere Thränen gekostet, bevor Herz und Geist sich entschlossen, sich der warnenden Stimme zu fügen. Und Du, halte Dich fest an dem einen: keinem andern als Dir wird dies Herz je gehören, was auch geschehe – Dein ist meine ganze Seele! – Deine Braut will ich erst werden, wenn ich mit ebenso freudigem Vertrauen wie heißer Liebe Dir zurufen darf: ›Du bist Sieger geblieben, nimm mich hin, ich bin Dein!‹ Dann sollst Du fühlen und bekennen, daß Paulas Liebe nicht kühler, nicht schwächer ist . . . O Gott, Gott, Orion, lerne, lerne mich verstehen! Du mußt es lernen, um meinet-, um deinetwillen mußt Du's! Mein Kopf, gütiger Himmel, mein Kopf!«

Dabei senkte sie das Haupt und preßte die Hände auf die glühende Stirn, er aber legte ihr bleich und fröstelnd die Rechte auf die Schulter und sagte mit gepreßter, des Wohllautes beraubter, trockener Stimme:

»Die Esoteriker verlangen Prüfungen von ihrem Jünger, bevor sie ihm Einlaß in das Mysterium gewähren. Wir sind ja in Aegypten, und doch nimmt sich dergleichen sonderbar aus, wenn es angewandt wird auf die Liebe. Doch das alles kommt nicht aus Dir. Was Du Weisheit nennst, ist die Stimme der Klosterfrau von da drüben.«

»Die Stimme der Besonnenheit,« versetzte Paula leise. »Das Verlangen des Herzens hatte sie laut überschrieen, und ich dank' es der Freundin . . .«

»Was dankst Du ihr?« rief der Jüngling aufgebracht bis ins Tiefste. »Verwünschen solltest Du sie für diesen nichtswürdigen Dienst, wie ich es hier thue. Kennt sie mich etwa? Hat sie je ein Wort aus diesem Munde vernommen? Wüßte die Afterweise, die überkluge Nonnendespotin, wie es hier drinnen beschaffen, sie hätte Dir anders geraten! Mit Vertrauen und Liebe hat man mich schon als Kind zu der schwersten Leistung gebracht. Was ich auch gefehlt, freundliches Zutrauen verletzte ich niemals. Und was Dich, Du Weise und Besonnene, angeht, so hätte ich, geliebt und beseligt, nur auf Deinen Beifall bedacht, voller Stolz und Glück auch den letzten Deiner Zweifel überwunden zu haben, für Dich Sonne und Sterne vom Himmel gerissen und jeder Versuchung ins Antlitz gelacht. – Aber so – so! Statt mich zu heben, erniedrigt ihr mich, stellt ihr mich vor mir selbst an den Pranger! Eins mit Dir, wär' ich Dir vorausgeflogen in die lichten Regionen, wo die Vollkommenheit thront, aber so – so? Welch ein Geschäft, Deine kühle Liebe durch gute Thaten wie mit Oelbaumscheiten zum Flammenschlagen zu bringen! Welch ein Geschäft für einen Mann, sich vor der Geliebten einer Prüfung zu unterziehen! Widerwärtige, beleidigende Folter, die ich nicht ertrage, gegen die sich alles hier drinnen auflehnt, von der Du ablassen wirst und mußt, wenn es wahr ist, daß Du mich liebst!«

»Ich liebe Dich, lieb' Dich!« rief sie außer sich und umklammerte seine Hände. »Vielleicht hast Du recht. Ich . . . Gott, was soll ich thun? – Fordere nur jetzt kein Ja oder Nein! Auch den ärmsten Gedanken kann ich nicht fassen! Du siehst, siehst, wie ich leide!«

»Ich seh' es,« entgegnete er und schaute mitleidig auf die Blässe und das schmerzliche Zucken auf ihrer Stirn, »und da es denn sein muß: auf heute Abend! Suche jetzt Ruhe und pfleg' Dich – doch dann . . .«

»Dann, während der Fahrt, auf der Flucht,« rief Paula, »wiederholst Du der Aebtissin, was Du mir eben gesagt hast. Sie ist eine herrliche Frau, und sie lernt Dich lieben und verstehen, ich weiß es. Auch das Wort gibt sie Dir sicher zurück . . .«

»Welches Wort?«

»Das ich ihr gab, nicht eher die Deine zu werden . . .«

»Als bis ich die Esoterikerprüfung bestanden?« rief Orion und zuckte unwillig die Achseln. »Geh jetzt zur Ruhe, geh! Was die schönste Stunde unseres Lebens hätte sein sollen, das hat eine Fremde zu einer widrigen, unseligen gemacht. Du bist Deiner, ich meiner nicht sicher. Was wir hier, was wir jetzt noch reden, für Dich wie für mich erwächst daraus nichts Gutes. Geh zur Ruh', verschlaf Deinen Schmerz; und ich – ich will zu vergessen versuchen, will . . . Wenn Du wüßtest, wie es hier drinnen aussieht! Jetzt lebe wohl, und auf ein freundlicheres, und – was ich kaum mich zu sagen getraue – ein beglückenderes Wiederbegegnen!«

Damit wandte er ihr schnell den Rücken, sie aber rief ihm klagend nach: »Orion, vergiß es nicht, Orion, Du weißt, daß ich Dich liebe!«

Doch er hörte sie nicht mehr und eilte gesenkten Hauptes, ohne in das Haus des Rufinus zurückzukehren, auf die Straße.

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