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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Dreißigstes Kapitel.

Der Arzt Philippus eilte nach seinem Gespräch mit Orion durch die Stadt und achtete dabei so wenig der ihm begegnenden Leute und der Prozessionen, die mit lautem Gesang ihm entgegenkamen, um den Himmel zu bestimmen, den Nil endlich steigen zu lassen, daß er an mehr als einen Vorübergehenden stieß und mancher und manche ihm scheltende Worte nachrief. In einige Häuser trat er ein, und weder die Kranken noch die Angehörigen derselben erkannten in dem barschen, hastigen Manne den Arzt und Freund wieder, der sonst den Leidenden so teilnehmend und mit so herzbelebender Wärme begegnete, die Kinder in die Lust schwang, ihnen einen Kuß gab oder sie heiter neckte. Heute konnte er auch Erwachsenen Scheu und Bangigkeit einflößen. Die liebe Pflicht war ihm zum erstenmal eine widrige Last; der Leidende erschien ihm wie ein Quälgeist, der sich mit den anderen gegen seine Ruhe verschwor. Was widerfuhr ihm denn Liebes von den Menschen, daß er sich um ihretwillen das Behagen des Daseins und den Schlaf der Nächte rauben ließ?

Rufinus hatte recht!

In dieser Zeit lebte der eine nur, um den anderen wehe zu thun, mit je eisernerer Stirn man Selbstsucht übte und nicht nach rechts und links blickte, desto weiter konnte man es bringen! Narr, der er war, sich von fremdem Leid die Ruhe stören, sich selbst im wissenschaftlichen Fortschreiten hemmen zu lassen!

Von solch bitteren Gefühlen bestürmt, betrat er ein sauberes kleines Haus am Hafen, wo ein braver Schiffssteuermann, von Weib und Kind umgeben, im Sterben lag, und dort ward er plötzlich wieder der Alte, dort bot er alles auf, was er an Wissen und warmer Herzlichkeit besaß, und verließ es blutenden Herzens und mit ausgeleertem Beutel; doch sobald er wieder ins Freie gelangt war, kehrte die vorige Stimmung mit verdoppelter Bitterkeit zurück. Da lag es ja auf der Hand: selbst mit dem festen Entschlusse, sich nicht mehr für andere zu opfern, mußte er es dennoch thun! Dieser Trieb war stärker als er! Wie ein Säufer das Trinken, konnte er das mit den Leidenden Leiden, das sein Bestes Säen, um nichts dafür zu ernten, nicht lassen! Er war dazu gemacht, ausgebeutet zu werden; es war sein Schicksal!

Gesenkten Hauptes trat er wiederum in den Arbeitssaal seines alten Freundes, der gerade wie gestern hinter seinen Rollen und drei Lampen vor dem Arbeitstische saß, unter dem ein Sklave, seines Winks gewärtig, schnarchte.

Mit dem schönen griechischen Gruß: »Freue Dich!«, der heute klang wie ein: »Magst Du ersticken!«, warf er das Obergewand von sich, und auf des Greises Gegengruß und seinen besorgten Ruf: »Wie Du aussiehst, Philipp!« versetzte er grimmig: »Wie em Mensch, der Fußtritte verdient statt des Willkommens; wie ein Einfaltspinsel, der sich wieder eine Nase hat drehen lassen; wie ein Hund, der dem Rüpel, der ihn zu schanden gehauen, die Hand leckt!« Damit warf er sich nieder auf das Lager und erzählte Horus Apollon, was ihm mit Orion begegnet. »Und das Tollste dabei ist,« schloß er, »daß der Mensch mir beinahe gefallen hat, daß er mir wirklich auf dem Wege zu sein scheint, ein ordentlicher Kerl zu werden, daß ich nicht mehr nötig hätte, ihn bei dem bloßen Gedanken, er könne die Hand nach Paula ausstrecken, in den nächsten Kalkofen zu werfen. Aber –« und dabei erhob er sich hastig, »wenn ich ihm auch helfe, das arme Kind von der hirnverbrannten alten Vettel fortschaffen, Marias Arzt will ich, kann ich nicht bleiben. Es laufen genug Quacksalber in diesem Leichnam von einem Nest umher, und unter denen mag sie sich einen wählen. Ich – ich . . .«

»Du wirst die Kleine weiter behandeln!« fiel ihm Horus Apollon gelassen ins Wort.

»Um es zu erleben, daß mir das Herz täglich mit Nesseln gepeitscht wird?« fuhr der Arzt auf und näherte sich mit heftigen Gesten dem Greise. »Glaubst Du, ich hätte Lust, der Liebsten des Statthalterburschen täglich zu begegnen, mir oft zweimal des Tages den Widerhaken in der blutigen Wunde herumdrehen zu lassen?«

»Ich erwarte eine ganz andere Wirkung von diesen häufigen Besuchen,« sagte der andere. »Du wirst Dich gewöhnen, Paula als das anzusehen, was sie seit gestern nur noch für Dich sein kann: ein hübsches Mädchen, wie es deren Tausende gibt in Aegypten, die Braut eines andern.«

»Ja, wenn dies Herz ein Jagdhund wäre, der sich legt, wenn man ›Kusch‹ ruft!« lachte Philippus höhnisch auf. »Es bleibt dabei, ich muß fort, fort aus Memphis oder meinetwegen auch von dieser erbärmlichen Erde! Ich, und in ihrer Nähe die Ruhe – o meine schöne verlorene Ruhe! – wiedergewinnen?!«

»Und warum sollte Dir das nicht glücken? Für jeden ist jedes Ding nur das, wofür er es ansieht. Hör mir nur zu! Ich hatte eine Arbeit über den alten und neuen Kalender vollendet, und mein Lehrer forderte mich auf, darüber im Museum – wenn die heutige Silbenstecherschule in Alexandria noch diesen Namen verdient – einen Vortrag zu halten, aber ich mochte nicht darauf eingehen, weil ich wußte, daß mich die Anwesenheit von so vielen gelehrten Zuhörern verlegen machen werde. Da riet mir der Meister, mir einzubilden, mein Auditorium sei nicht aus Menschen, sondern aus lauter Kohlköpfen zusammengesetzt. Das leuchtete mir ein; ich befolgte den Rat und so kam ich über die Befangenheit fort, und wie Oel floß mein Vortrag.«

»Eine gute Geschichte,« entgegnen Philippus, »doch seh' ich nicht ein . . .«

»Du sollst Dir, will sie besagen,« unterbrach ihn der Alte, »aus der allerholdseligsten Geliebten wenn auch keinen Kohlkopf, so doch in Gedanken ein Dutzendwesen machen, womit Dein Herz nichts mehr zu thun hat. Biet' einige Willenskraft auf, und es wird Dir gelingen.«

»Wenn das Herz eine Zahl und die Leidenschaft Kalendermacherei wäre!« rief der Arzt. »Du bist ein weiser Mann, und Deine Schriftrollen und Tafeln haben Dich wie Wälle und Mauern vor der Leidenschaft geschützt!«

»Wer weiß!« versetzte der andere. »Jedenfalls würde diese es nie über mich vermocht haben – um eines Weibes willen, das meine Neigung verschmäht, meinem Freunde und Vater die wenigen Tage, die ihm noch unter der Sonne zu wandeln vergönnt ist, grausam zu vergällen. Willst Du mir geloben, nichts mehr von Flucht aus Memphis und dergleichen zu faseln?«

»Lehre mich erst meine Widerstandskraft messen.«

»Willst Du sie wenigstens zu üben versuchen?«

»Ja, Dir zu liebe.«

»Versprichst Du mir, das arme kleine Mädchen, das ich gern mag, trotz seiner Herkunft, weiter zu behandeln?«

»So lang ich es aushalte, täglich mit derjenigen zu verkehren – Du weißt ja . . .«

»Das soll ein Wort sein. Komm jetzt und laß uns ein paar Abschnitte weiter übersetzen.«

Bis spät blieben die Freunde bei der Arbeit zusammen, und als der Greis allein war, dachte er: »So lang er dem Kind nützen kann, geht er nicht fort, und bis dahin hab' ich wohl der verdammten Sirene die Grube gegraben.«

Orion hatte in der Frühe des nächsten Morgens alle Hände voll zu thun. Bevor es noch hell war, fertigte er zwei sichere Boten nach Dumiat ab und übergab beiden einen Brief mit dem Auftrag, ein Segelschiff für die Fliehenden bereit zu halten. Der eine sollte drei Stunden später aufbrechen als der andere, damit es dem Unternehmen nicht schade, wenn einem ein Unfall begegnete.

Sein erster Ausgang führte ihn an den Hafen, und es gelang ihm dort, bald ein gutes und geräumiges Nilboot aus Dumiat zu mieten, dessen Führer, ein zuverlässiger und geschickter Mann, ihm versprach, ihre Abmachung geheim zu halten und sich von morgen Nachmittag an zu seiner Verfügung zu halten.

Nachdem er unterwegs mit sich zu Rat gegangen, begab er sich sodann auf das Rentamt und setzte dort mit Hilfe des Nilus ein Testament auf, welches am andern Morgen vor Notar und Zeugen rechtskräftig gemacht werden sollte. Seine Mutter, die kleine Maria und Paula setzte er zu Haupterben ein. Als Legate vermachte er den Kranken und Waisenhäusern des Landes, sowie der Kirche, damit sie für das Heil seiner Seele beten lasse, eine beträchtliche Summe, eine andere »dem gerechtesten unter den Richtern des Hauses«, dem Rentmeister Nilus. Auch die Griechin Eudoxia, die Erzieherin Marias, wurde bedacht, und endlich verordnete er die Freilassung sämtlicher Haussklaven und vermachte ihnen, damit sie nicht Not litten, als gemeinsam zu bearbeitenden Besitz eine seiner größten Herrschaften in Oberägypten. Den treuen Dienern und Freigelassenen der Familie vergrößerte er die reichlichen Zuwendungen, welche ihnen schon sein Vater gemacht.

Diese Arbeit nahm mehrere Stunden in Anspruch, und Nilus, der in die rechten Formen goß und niederschrieb, was er ihm diktirte, that es tief bewegt und er staunt über die Umsicht und Güte des Jünglings, den er, seitdem er ihn den Richterstuhl hatte entweihen sehen, für einen verlorenen Menschen gehalten.

Aus der Verordnung Orions, das Testament sei zu eröffnen, falls er vier Wochen nach der Ausstellung desselben von einer Reise, die er morgen anzutreten gedenke, noch nicht zurückgekehrt sei, ersah der treue Beamte, daß der letzte Sproß des Hauses, in dessen Dienst er ergraut war, sich großen Gefahren auszusetzen gedenke, doch wagte er in seiner Bescheidenheit keine Frage, und sein Herr zog ihn nicht ins Vertrauen.

Als beide Männer den Vorsaal betraten, stand dort der Rechnungsschreiber Anubis, der Milchbruder und Freund der kleinen Katharina, doch Nilus achtete seiner nicht, und während er Orion mit feuchtem Auge die zum Abschied gebotene Hand küßte, und dieser ihm verhieß, ihm morgen Abend vor dem Aufbruch noch einmal Lebewohl zu sagen, öffnete ihm der junge Anubis, der sich achtungsvoll, doch mit offenen Ohren beiseite gehalten, dienstbeflissen die schwere mit Eisen beschlagene Thür.

Erschöpft und hungrig fragte Orion nach seiner Mutter, und da er hörte, daß sie sich niedergelegt habe, begab er sich in den Speisesaal, um einen Imbiß zu nehmen. Obgleich die Frühstücksstunde erst eben gekommen, sah man es der Griechin Eudoxia doch an, daß sie ihn mit Ungeduld erwarte. Eine große Neuigkeit drückte ihr das Herz ab, und während Orion noch die Schwelle überschritt und sie begrüßte, rief sie ihm zu:

»Weißt Du schon? Hast Du vernommen?«

Dann begann sie, ermuntert durch seine kurze Verneinung, schnell zu erzählen, daß Frau Neforis auf Verlangen des Arztes, der vorhin dagewesen, sich entschlossen habe, sie mit ihrer Enkelin fort, in bessere Luft, zu einem Freunde des Philippus zu schicken, und zwar schon heut oder spätestens morgen.

Orion fuhr bei dieser Mitteilung unwillig auf. Er hatte nicht erwartet, daß der Arzt so früh kommen werde, und nun war dennoch eben das durch ihn veranlaßt worden, was seit gestern Abend nicht mehr rätlich erschien.

»Höchst unangenehm!« murmelte er vor sich hin, während der Sklave ihm ein gebratenes Huhn und Spargel auftrug.

»Nicht wahr? Und vielleicht sollen wir gar aufs Land!« entgegnete sie mit einem schmachtenden Blick und zog einen der langen Spargel durch die Zähne.

Bei diesem Anblick und diesen Worten war es Orion, als gönne er der alten Närrin nicht das gute Gericht, und seine Stimme klang nicht sonderlich freundlich, als er erwiderte, Stadt oder Land blieben sich vollkommen gleich; es handle sich allein darum, was das Beste sei für die Kleine.

Bei seiner Bemerkung, daß er morgen Abend verreise, schrie Eudoxia auf, ließ einen ganzen Spargel in den Schoß fallen und rief kläglich: »O dann, dann ist alles vorbei!«

Er aber fuhr ihr verweisend in die Rede: »Dann fängt vielmehr Deine Pflicht, Dich dem Kind voll und ganz zu widmen, erst recht an. Du weißt, daß Maria jetzt der eigenen Großmutter störend erscheint. Schenk ihr Liebe, wie Du ja schon zu thun begonnen, sei ihr wie eine Mutter, und wenn Du mir wirklich gewogen bist, so zeige es dadurch. Was mich betrifft, so wirst Du mich dankbar finden und nicht nur mit Worten. Geh morgen aufs Rentamt; Nilus wird Dir das einzige geben, womit ich mich jetzt erkenntlich beweisen kann. Setze nur getrost Deine beste Kraft an die Pflege des Kindes; für Dein Alter zu sorgen war ich bedacht.«

Mitten unter den überschwenglichen Danksagungen der Griechin erhob er sich und begab sich zu seiner Mutter. Sie ruhte noch immer; aber er ließ sich diesmal dennoch anmelden, und sie empfing ihn gern, ja sie hatte seinen Besuch schon erwartet.

In ihrem vor dem Sonnenbrand geschützten Schlafzimmer ruhte sie in halb liegender Stellung auf einem Diwan und eröffnete dem Sohn ihren Entschluß, dem Rat des Arztes zu folgen und das Kind einem seiner Freunde anzuvertrauen. Das alles hatte schläfrig und gelassen geklungen, sobald Orion ihr aber widersprach und sie bat, die Kleine in der Statthalterei zu behalten, wurde sie lebhaft, und mit dem Rufe: »Das wünschest Du? Das kannst Du fordern?« maß sie ihn empört mit den Augen. Dann fuhr sie klagend fort: »Es verkehrt sich jetzt eben alles. Das Alter vergißt nicht, aber die Jugend hat ein kurzes Gedächtnis. Du hast schon längst andere Dinge im Kopf, aber ich, ich denke noch daran, wer ihm, wer meinem Verstorbenen im Angesicht des offenen Himmels die letzten Augenblicke auf Erden zur Hölle machte!«

Dabei versetzte ein thränenloses, leises Schluchzen ihre Brust in schnelle, krampfhafte Bewegung, und Orion wagte es nicht, ihr weiter zu widersprechen. Mit herzlichen Worten suchte er sie zu beruhigen, und als sie sich wieder aufrichtete, teilte er ihr auch mit, daß er sie auf einige Zeit zu verlassen gedenke, um auf den Gütern nach dem Rechten zu sehen, und diese Mitteilung erfreute sie sehr.

Allein, ganz allein und unbeobachtet sein, das schien ihr jetzt köstlich. Die weißen Kügelchen boten ihr mehr, erhoben ihre Stimmung besser als jeder menschliche Umgang. Sie brachten ihr Träume schlafend und wachend, und diese waren tausendmal schöner als ihr verödetes wirkliches Dasein. Ganz in Erinnerungen aufgehen, beten, träumen, sich in das Jenseits und in die Mitte ihrer Verstorbenen hineindenken, und dazu – sie that es gern und reichlich – essen und trinken, war alles, was sie noch von dem Dasein auf Erden verlangte.

Als Orion ihr auf ihre Frage erwiderte, daß er zuerst in das Delta zu gehen gedenke, bedauerte sie es; denn in Oberägypten hätte er seine Schwägerin, die Mutter der kleinen Maria, in ihrem Kloster besuchen können.

Dabei richtete sie sich auf, fuhr mit der Hand über die Stirn und wies auf das Tischchen zu Häupten des Diwans, worauf neben einem Pokal mit Fruchtsaft, Flaschen, Döschen und anderen Dingen auch eine Schreibtafel und eine Briefrolle lagen. Nach dieser griff sie, reichte sie Orion und sagte:

»Ein Schreiben von Deiner Schwägerin. Es ist gestern Abend gekommen, und ich hab' es auch zu lesen begonnen, aber es fing mit der Klage um den Vater an, und das – Du weißt ja – vor dem Schlafengehen – ich konnte mit dem besten Willen nicht weiter, konnte nicht ertragen! Und heute . . . Erst die Kirche, dann der Arzt und seine Forderung wegen des Kindes. Ich habe noch keinen Mut gefunden, weiter zu lesen! Was kann ein Brief mir auch anderes bringen als Böses! Weißt Du etwa, woher mir noch Erfreuliches zukommen könnte? Aber jetzt . . . Bitte, lies mir den Brief vor; doch nicht wieder das über den Vater, das spar' ich nur für nachher auf, für mich allein.«

Da entfaltete Orion das Röllchen und überflog mit zuckenden Lippen die Klage der Nonne über den Verstorbenen.

Wilden Fanatismus atmete jeder Satz dieses Briefes der Märtyrerwitwe. Sie hatte im Kloster gefunden, was sie suchte; sie erklärte, nur noch in Gott und in dem Gottheiland zu leben. Auch ihr Kind sei ihr nur noch wie ein fremdes junges Geschöpf Gottes, für das es ihr Wonne bereite, zu beten. Dennoch sei es ihre Pflicht, für das Seelenheil des Kindes zu sorgen, und wenn es der Großmutter nicht zu schwer falle, sich von Maria zu trennen, wünsche sie die Kleine jetzt wiederzusehen. Sie sei zwar vor kurzem Aebtissin ihres Cönobiums geworden, und niemand könne sie hindern, das Kind bei sich aufzunehmen; doch sie fürchte, daß übergroße natürliche Liebe zu ihr sie wieder mit der Welt des Fleisches verbinden werde, mit der sie auf ewig gebrochen, und so werde sie Maria in einem benachbarten Kloster nicht für irdisches Elend, sondern für himmlisches Glück, nicht zur Genossin eines sündigen Gatten, sondern zu einer reinen Braut Christi erziehen lassen.

Orion überlief es kalt, während er dies Schreiben vorlas, und als er es niederlegte und die Mutter ausrief: »Vielleicht hat sie recht, vielleicht ist es schon jetzt geboten, das Kind nicht zu dem Freunde des Arztes, sondern in das Kloster zu senden und es auf den einzigen Weg zu stellen, der ohne Gefahr und Hemmnis in den Himmel leitet!« – sagte sich Orion, daß es seine Pflicht sei, die frohherzige Kleine vor diesem Schicksal zu bewahren, und bat die Mutter, zu bedenken, daß es zunächst darauf ankomme, die Gesundheit des Kindes wiederherzustellen. Er sehe nun ein, daß sie im Rechte gewesen. Der Vater habe sich den Verordnungen des Philippus immer gefügt, und schon deswegen sei es ihre Pflicht, seinem Rate zu folgen.

Frau Neforis, die schon seit einiger Zeit begehrlich nach einer Büchse an ihrer Seite geschaut hatte, widersprach ihm nicht, und am Abend brachte Orion die kleine Maria mit ihrer Erzieherin zu Rufinus, der beide, trotz seiner Bedenken von gestern, gern aufnahm.

Als Maria dicht neben Paulas Bett in dem ihren lag und die Jungfrau sich über sie neigte, schlang die Kleine die Arme um ihren Hals, lehnte den Kopf an ihre Brust und fühlte sich da warm und weich und sicher gebettet.

Wie erlöst aus Kerker und Banden weinte sie sich aus und goß das ganze Weh und Leid ihres tief verwundeten kleinen Herzens in die Seele der Freundin.

Diese hörte bei alledem Orions Stimme im Garten, und es zog sie gewaltig zu dem Geliebten hinunter, den sie bei seiner Ankunft nur flüchtig begrüßt hatte; aber sie brachte es nicht über sich, das Kind von ihrem Busen zu reißen, es in seinem neuen Glück zu stören, es jetzt, gerade jetzt zu verlassen. Doch nein, nein; sie mußte ihn sehen. Alles, was in ihr war, trieb sie zu ihm hin, und als Pul in das Zimmer trat, legte sie Marias Hand in die ihre und sagte: »So, nun schließt ihr beide Freundschaft und bleibt hübsch beisammen, bis ich wiederkomme und euch etwas Schönes erzähle. Du hast ja Orion so lieb, mein Mädchen, und von ihm und mir soll meine Geschichte handeln.«

»Er hat fort gemußt,« fiel ihr Pul ins Wort. »Auf diesem Täfelchen stehen seine Grüße. Er ist vor Ungeduld beinahe vergangen, und wie er nicht länger warten konnte, schrieb er dies für Dich nieder.«

Mit einem klagenden Ausruf ergriff Paula seinen Brief und las ihn auf ihrem Zimmer. Er hatte so sehnsüchtig wie sie auf ihr Erscheinen geharrt, doch endlich nicht länger warten können. Wie anders, hieß es in dem Schreiben an die Geliebte, habe er gehofft, diesen Tag zu beschließen, den er der Rettung ihrer Freundinnen gewidmet!

O, warum hatte sie sich hier festhalten lassen, warum war sie nicht wenigstens auf einige Augenblicke zu ihm geeilt, um ihm für seine Güte und Treue zu danken und ihn laut und offen das bekennen zu hören, was er ihr gestern nur zugeraunt hatte. Betrübt und unzufrieden mit sich selbst begab sie sich endlich zu dem Kinde zurück.

Orion hatte den Aufbruch in der That nicht länger verschieben können; denn es war ihm nötig erschienen, den Vertreter des Chalifen von seiner Reise und seinem Zerwürfnis mit dem Prälaten in Kenntnis zu setzen. Von allen Beweggründen, welche ihn antrieben, den Nonnen zu helfen, war »Rache« derjenige, welchen der Araber am besten verstand.

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