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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Orion war allein und schaute ihr traurig nach. War das der Fluch des Vaters? Es schien, als sollte jeder, der ihn liebte, Schmerz und Unglück dafür ernten!

Ihn schauderte, doch sein frischer Jugendmut und seine Widerstandskraft waren stark genug, bald Herr dieser marternden Gedanken zu werden. Welche Gelegenheit bot sich da, seine Kraft zu bewähren! Schon während Katharinas Erzählung hatte sich der mutige, thatendurstige Jüngling die Aufgabe gestellt, die Klosterfrauen zu retten. Je größere Gefahren ihre Lösung mit sich brachte, ja, je unausführbarer sie auf den ersten Blick erschien, desto willkommener war sie ihm gerade jetzt.

Frisch und kampflustig warf er die Thür hinter sich zu und trat ins Freie. Es dunkelte schon. Der Arzt mußte sich bei Maria befinden, und er war entschlossen, das Kind mit seiner Hilfe aus der Statthalterei zu entfernen. Erst wenn er Maria bei Paula wohlgeborgen im Hause des Rufinus wußte, konnte er mit freiem Herzen das Unternehmen, welches ihm vorschwebte, ins Werk setzen. Auf der Treppe rief er einem Sklaven zu: »Den Einspänner mit dem persischen Traber!« und bald darauf trat er zugleich mit der Sklavin, welche brennende Lampen brachte, in das Zimmer der Kleinen.

Weder sie noch Philippus bemerkten ihn sogleich, und er hörte, wie sie den Arzt, welcher ihr Handgelenk zwischen den Fingern hielt, fragte:

»Was hast Du nur heute? Mein Gott« – das Lampenlicht fiel ihm eben hell ins Antlitz – »wie blaß und traurig Du aussiehst! Warte, ich habe vorhin ein putziges Kerlchen aus Wachs zusammengeknetet . . .«

Mit diesem komischen Kunstwerk wünschte sie den Mann, der sich immer so freundlich gegen sie erwies, zu erheitern; doch während sie sich vorbeugte, um es zu ergreifen, bemerkte sie den Oheim und rief:

»Philippus kommt, um mich zu heilen, doch er sieht aus, als bedürfte er selbst eines Tränkchens. Gib acht, Du bekommst die bittere braune Medizin von gestern; da sollst Du einmal spüren, was schlecht schmeckt!«

So freundlich dieser Ausruf auch gemeint war, wurde ihm doch von beiden Männern, während sie einander stumm und mit einer förmlichen Verbeugung begrüßten, keine Beachtung geschenkt; aber es würde Orion auch ohne die Bemerkung des Kindes aufgefallen sein, welche Veränderung seit gestern mit dem Arzte vorgegangen war.

Scheinbar ohne des Eingetretenen zu achten, stellte er noch einige kurze Fragen an Maria, bat Eudoxia, den früheren Vorschriften auch ferner zu folgen, und warf dann einen eiligen Abschiedsgruß hin, der sich an alle Anwesenden zugleich richtete; doch Orion erwiderte ihn nicht, sondern bat mit einem liebevollen Blick auf die Kleine: »Hernach auf ein Wort!«

Dies veranlaßte auch Philippus, sich dem Kinde zuzuwenden, und wie darauf die Augen der Nebenbuhler sich trafen, wußten sie, daß sie wenigstens in einer Hinsicht einig waren und das Gleiche empfanden.

Es war dem Arzt nicht unbekannt geblieben, wie freundlich sich der junge Mann Marias angenommen, und so folgte er ihm schweigend in das Zimmer, welches er jetzt bewohnte, und das – Philipp wußte es – früher Paula beherbergt hatte.

»Im Dienste der Pflicht,« wiederholte er sich wieder und wieder, um ruhig zu bleiben und wenigstens im ganzen aufzufassen, was die klangvolle Stimme des schönen Mannes ihm gegenüber sagte, was er ihm mit einer Wärme, deren er ihn nicht für fähig gehalten, als Bittender vortrug.

Philippus wußte schon längst, in wie beklagenswerter Weise sich die Großmutter von der eigenen Enkelin abgewandt hatte, und fand Orions Wunsch, diese aus der Statthalterei zu entfernen, nur zu gerechtfertigt; als er jedoch erfuhr, daß sie Paulas Obhut anvertraut werden solle, zuckte er zusammen und blickte so düster zu Boden, daß der andere schnell erriet, was in ihm vorging. In der That hatte der Arzt sich gesagt, das Kind diene dem Werber nur zum Vorwand, sich der Geliebten öfter zu nähern, und schon war er, unfähig, diese Befürchtung in sich zu verschließen, aufgesprungen, um ihr Ausdruck zu geben, als Orion ihm das Wort vom Munde nahm und mit niedergeschlagenem Blick bescheiden und aufrichtig sagte:

»Um des Kindes, nur um Marias willen bei meinem seligen Vater . . .«

Da schüttelte der Arzt düster den Kopf, trat dem Gegner näher und murmelte dumpf:

»Um dieses Kindes willen bin ich im stande, viel zu thun und zu lassen. Besser als bei Rufinus und Paula wird es nirgends aufgehoben sein, doch wenn ich denken sollte,« und dabei erhob sich seine Stimme, und sein Auge gewann einen unheimlich drohenden Glanz, »wenn ich denken sollte, die heilige, gefährdete Unschuld sei nur eine Brücke . . .«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Orion dringend. »Noch einmal die heilige Versicherung, daß ich nichts im Auge habe, als die Rettung des Kindes, und da nun doch schon so viel gesagt ist, kommt es auf ein Wort mehr oder weniger nicht an! Dir steht des Rufinus Haus Tag und Nacht offen, mich wird die nächste Zeit, wenn alles geht, wie ich denke, fern von hier, von Memphis, von der Tochter des Thomas halten. Ein Bubenstreich, mehr darf ich nicht sagen, etwas Schändliches ist im Werke, und ich will es zu hintertreiben suchen mit Gefahr meines Lebens. Du, ihr sollt das Recht verlieren, mir auch ferner Dinge zuzutrauen, die meiner Natur so tief widerstreben wie eurer. Du und ich, wir ringen, irr' ich nicht, nach dem gleichen Preise und sind zu Gegnern geworden, aber warum soll das Kind darunter leiden? Vergiß es ihm gegenüber, und dies Vergessen wird Deinen Wert in ihren – Du weißt ja – in ihren Augen nur steigern.«

»Meinen Wert?« fiel ihm der andere höhnisch ins Wort. »Hier entscheidet kein Wert, sondern wie die blinde Dirne Glück ihre Gaben auswirft, wie eine Nase, ein Kinn, ein Auge geschnitten, was sich, es kann so gut ein Verbrechen sein wie eine Großthat, was sich zufällig tiefer in das Wachs eines weichen Mädchenherzens eindrückt, aber,« und dies rief er, wie außer sich, dem andern entgegen, »aber verflucht will ich sein, wenn ich weiß, wie wir auf diese Dinge kommen! Ist denn meine Narrheit mit offenem Busen auf der Straße umher gelaufen und hat sich den Leuten gezeigt? Woher weißt Du, was ich empfinde? Hat sie Dir vielleicht selbst von dem lächerlichen Liebhaber geplaudert? Einerlei! Du weißt es schon jetzt oder erfährst es wohl morgen, wer den Hahnenkampf gewonnen. Schau mich nur an! Die Herzensbrecher sehen anders aus als das Thersitesgesicht Dir gegenüber. Viel Glück zu dem Treffer, und das andere – da es doch wohl schon sein muß, auf morgen!«

Hiemit schritt er hastig auf die Thür zu, doch Orion hielt ihn zurück, flehte ihn an, seinen Groll nur jetzt zu vergessen, beteuerte, daß Paula ihm kein Wort von seiner Neigung verraten, daß er vielmehr selbst, da er ihn gestern so spät bei ihr gesehen, Qualen der Eifersucht erlitten, und forderte ihn auf, ihn weiter mit Worten zu mißhandeln, wenn ihm das das Herz erleichtere, nur möge er um alles Guten willen dem unschuldigen, braven Kinde seinen Beistand nicht entziehen.

Des Arztes menschenfreundliches Herz verschloß sich dieser Bitte nicht, und als er sich endlich mit der frohen und doch schmerzlichen Ueberzeugung, daß sein glücklicher Nebenbuhler der Geliebten würdiger geworden, zum Aufbruch anschickte, hatte er mit jenem abgemacht, daß er Frau Neforis, bei der er eine leichte Geistesstörung voraussetze, vorschreiben wolle, das Kind, dem die Luft in der Statthalterei gefährlich sei, einem befreundeten Arzt in der Nähe der Stadt anzuvertrauen.

Sobald Philippus das Haus verlassen, fuhr Orion zu Rufinus, und nach seiner bündigen Erklärung, daß ihn etwas Ernstes und Wichtiges herführe, bat ihn der Greis, ihm auf sein Arbeitszimmer zu folgen. Doch der Jüngling hielt ihn zurück, um mit ihm und den Frauen erst alles ins Reine zu bringen, was die Aufnahme der kleinen Maria betraf.

»Da wird ja nach und nach die ganze Statthalterei in unsern Garten verpflanzt!« rief Rufinus. »Mir soll's schon recht sein; und Du, Alte, was sagst Du?«

»Mir ganz gewiß,« erwiderte diese. »Uebrigens haben weder Du noch ich hier zu bestimmen: sie wird Paulas Gast sein.«

»Wenn sie nur schon hier wäre,« versetzte die Jungfrau; »denn wer kann wissen, ob Deine Mutter, Orion . . . Es weht hier eine gefährliche melchitische Luft.«

»Laß Philipp und mich nur sorgen!« versetzte dieser. »Du hättest sehen sollen, wie glücklich das Kind war!«

Dann zog er Paula beiseite und fragte sie schnell: »Hoff' ich nicht zu viel? Gehört mir Dein Herz? Mag kommen, was will, darf ich auf Dich zählen, auf Dich und Deine Liebe?«

»Ja, ja!« quoll es ihr aus dem innersten Grunde des Herzens, und tief aufatmend, beruhigt und froh folgte er nun dem Greise.

In dem erleuchteten Arbeitszimmer unterrichtete er Rufinus, ohne Katharinas Namen zu nennen, von dem Anschlag des Patriarchen gegen das Cäcilienkloster. Was kümmerten ihn diese melchitischen Nonnen? Aber es war ihm seit dem erlösenden Kirchgang, als sei es seine Pflicht, für alles einzustehen, was recht war, und gegen alles zu Felde zu ziehen, was er für nichtswürdig hielt. Außerdem wußte er, wie warm und entschieden sein Vater gerade für dies Kloster gegen den Patriarchen Partei genommen hatte. Endlich hatte er auch gehört, wie teuer der Geliebten das Kloster und seine Leiterinnen waren, und so schickte er sich freudig an, bei frischen Thaten aus sich selbst herauszukommen und seine Kraft zu bewähren.

Der Greis hörte ihm mit wachsendem Erstaunen und Schrecken zu und erhob sich, nachdem Orion seine Mitteilungen beendet, ratlos und händeringend; doch der Jüngling sprach ihm Mut zu und erklärte ihm, daß er nicht gekommen sei, um ihm eine verhängnisvolle Neuigkeit zu bringen, sondern um Rat mit ihm zu halten, wie man die gefährdeten Unschuldigen rette.

Da spitzte der greise Menschenfreund und Wandersmann die Ohren, und wie das alte Schlachtroß im Pfluge, wenn es Trompeten schmettern hört, sich aufbäumt und den Hals so stolz und edel krümmt wie unter dem glänzenden Geschirr in früheren Zeiten, so richtete Rufinus sich höher auf, seine alten Augen begannen zu funkeln, und begeistert und thatendurstig wie ein feuriger Jüngling rief er: »So ist's recht, und ich bin mit bei der Sache, und nicht nur als Berater, nein, nein, mit Kopf und Hand und Fuß, mit dem ganzen Menschen! Und Du, junger Mann, Du! Ich hab' Dir's von vornherein angesehen, was in Dir steckt, trotz, trotz . . . Aber, so wahr der Mensch das Maß aller Dinge, wer auf weiten Ab- und Umwegen in das Reich der Tugend gelangt, der wird dort oft ein besserer Bürger, als wer gleich mitten darin zur Welt kam. – Spät ist's schon, doch das Nachtgebet hat noch nicht begonnen, und ich finde die Frau Aebtissin noch auf. Hast Du einen Vorschlag zu machen?«

»Ja! Uebermorgen Abend um diese Zeit . . .«

»Warum nicht gleich morgen?« unterbrach ihn der feurige Greis.

»Weil wir mit den Vorbereitungen, die not thun, in zwölf Tagesstunden nicht fertig werden.«

»Gut, gut!«

»Uebermorgen Abend wird also ein großes Boot – nicht von den unseren – am Ufer des Klostergartens bereit liegen. Ich begleite die Frauen bis nach Dumiat an der See. Dahin schick ich noch diese Nacht einen reitenden Boten und lasse für die Fliehenden durch meinen Vetter Columella, den größten Rheder der Stadt, ein Meerschiff chartern. Das bringt sie dann, wohin die Aebtissin befiehlt.«

»Herrlich, köstlich!« rief der Alte begeistert. Dann griff er nach Hut und Stock, und dabei veränderte sich der Ausdruck seines strahlenden Gesichtes und wurde sehr ernst. Mit gemessener Würde trat er auf den überraschten Jüngling zu, blickte ihn mit väterlicher Freundlichkeit an und sagte:

»Ich weiß, was Deinem Hause durch unsere, durch die Glaubensgenossen derjenigen widerfahren ist, für die Du jetzt so klug und mutig einzutreten gedenkst, und das, junger Mann, das ist edel, ja das ist groß. In Dir, den sie mir als einen jungen Weltmenschen mit weitem Gewissen schilderten, muß ich zum erstenmal finden, was ich unter den Frommen und Tugendhaften auf jahrelangen Wanderungen vergebens suchte: den opferfreudigen Willen, den Feind, den Andersgläubigen aus schwerer Not zu erretten. Aber Du bist jung, Orion, und ich bin alt. Dich freut die That allein, ich sehe die Folgen. Weißt Du, was Dir bevorsteht, wenn der Beistand entdeckt wird, den Du dem Wilde leistest, das der Patriarch schon in seinem Netze sieht? Hast Du bedacht, daß Benjamin, der unerbittlichste und dazu der mächtigste unter den jakobitischen Hassern, Dich dann als Dein Todfeind mit all den furchtbaren Mitteln verfolgen wird, über die er verfügt?«

»Ich hab' es erwogen,« entgegnete Orion.

Da legte ihm Rufinus die linke Hand auf die Schulter, die rechte auf das Haupt und rief: »So nimm dafür im voraus den Segen eines alten Mannes, ja eines Vaters.«

»Eines Vaters,« wiederholte Orion leise, ein freudiger Schauer durchbebte ihm Leib und Seele, und bewegt sank er dem Greise ans Herz.

Eine kurze Minute hielten sie sich so umschlungen; dann löste sich Rufinus aus seiner Umarmung und eilte zu der Aebtissin. Orion gesellte sich zu den Frauen, deren Neugier aufs höchste stieg, als sie den Greis durch die in den Klostergarten führende Pforte verschwinden sahen.

Frau Johanna vermochte vor innerer Unruhe nicht still zu sitzen, Pul antwortete zerstreut, wenn Orion und Paula, die sich unendlich viel zu sagen und zuzuflüstern hatten, sie bisweilen mit in das Gespräch zu ziehen versuchten. Einmal seufzte sie tief auf, und als die Freundin sie fragte: »Was hast Du nur, Kind?« entgegnete sie beklommen: »Es muß etwas Ernstes vorgehen, ich fühl' es. Wenn Philipp nur hier wäre!«

»Wir sind ja, gottlob, alle wohlauf,« versetzte Orion; sie aber erwiderte schnell: »Ja, ja, gelobt sei der Heiland!« Doch dachte sie dabei: »Ihr glaubt, er sei bloß gut, Kranke zu heilen; aber nur, wenn er da ist, wird alles zum Rechten und Besten geleitet.«

Jedes empfand, daß etwas Ungewöhnliches, Verhängnisvolles sich vorbereite, und wie der Greis endlich zurückkehrte, bestätigte sein Aussehen diese Vermutung.

Still und ernst entledigte er sich des Hutes und Stabes; dann zog er seine Gattin liebevoll an sich und sagte: »Es gilt, wie schon so oft, Mut und Fassung zu zeigen, Alte; eine ernste Pflicht hab' ich auf mich genommen.«

Frau Johanna war tief erblaßt, und während sie sich fester an den Gatten schmiegte und ihn bat, zu reden und sie nicht länger zu foltern, bebte ihre zarte Gestalt und rannen ihr schwere Zähren über die Wangen. Sie ahnte, daß es den Mann wieder fort von ihr und ihrem Kinde trieb im Dienste und zum Frommen anderer Menschen und wußte zugleich, daß sie es nicht hindern konnte. Aber hätte sie es auch vermocht, würde sie doch Kraft gefunden haben, ihm nicht zu wehren, weil sie ihn immer verstand und mit ihm als notwendig für sein inneres Glück erkannte, was ihn aus dem engen Kreise des Hauses ins Weite zog.

Er sah, was in ihr vorging, und es that ihm weh, aber er ließ sich davon nicht beirren. Er, der jedes kranke Tier zu heilen bestrebt war, hatte sich gewöhnt, diejenigen, welche er am meisten liebte, um seinetwillen leiden zu sehen. Die Ehe, sagte er sich, dürfe den Mann nicht hindern, seinem innersten Beruf zu folgen, und mit diesem stolzen Namen wußte er vor sich selbst und seiner Frau zu rechtfertigen, wozu ihn oft hauptsächlich Wanderlust und Thatendurst drängten. Auch ohne diese Triebe hätt' er für die bedrohten Nachbarinnen das Seine gethan, sie aber erfüllten ihn mit noch mehr Lust an dem schönen, gefahrvollen Rettungswerke.

Das grausame Schicksal der armen Schwestern und der Gedanke, sie aus ihrer Nähe verbannt zu sehen, that den Frauen bitterlich weh, und so sahen die Männer denn manche Thräne rinnen; aber es bot sich ihnen auch das erfreuliche Schauspiel, drei weibliche Wesen fest und in gleicher Weise entschlossen zu sehen, alles zu wagen, und von denen, die sie liebten, alles wagen zu lassen, um eine That zu verhindern, die sie mit Grauen und Abscheu erfüllte.

Frau Johanna erhob kein Wort des Einspruchs, als ihr Gatte erklärte, die fliehenden Schwestern begleiten zu wollen, und als Rufinus mit leuchtenden Augen Orions Umsicht und wackere Entschlossenheit pries, eilte Paula auf ihn zu und streckte ihm froh und stolz beide Hände entgegen. Dem Jüngling war bei dem allen., als wüchsen ihm Flügel, und dieser verhängnisvolle Abend wurde zu einem der glücklichsten seines Lebens.

Die Aebtissin war auf seinen Plan eingegangen und hatte ihn in einigen Punkten ergänzt. Zwei Laienschwestern und eine Nonne sollten zurückbleiben. Die ersteren hatten sich in die Pflege der Hauskranken zu teilen, wie gewöhnlich die Glocken zu läuten und zu singen, damit der Aufbruch der anderen unbemerkt bleibe, und Frau Johanna, Paula und Pul sollten sie dabei unterstützen.

Als der Jüngling in später Stunde aufbrechen wollte, warf Rufinus die Frage auf, ob es unter den obwaltenden Umständen noch angehe, Maria in sein Haus zu führen; er selbst möchte es bezweifeln. Diese Ansicht teilte auch Frau Johanna; Paula versicherte dagegen, daß sie es für besser halte, das Kind fern liegenden und kaum zu befürchtenden Gefahren auszusetzen, als ihm in der Statthalterei Leib und Seele zerrütten zu lassen. Pul stand auf ihrer Seite, doch mußten sich die Mädchen dem Urteil der anderen fügen.

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