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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Zweites Kapitel.

Die Herberge, in welche der Kaufmann Haschim mit den Seinen einzog, lag, rings von Palmen umgeben, an einer erhöhten Stelle des Weges. Vor der Zerstörung der heidnischen Altertümer im Nilthal war sie ein Tempel Imhoteps, des ägyptischen Aeskulap, des freundlichen Gottes der Heilkunde, gewesen, welcher auch in der Totenstadt seine besondere Verehrungsstätte besessen. Diese war halb zerstört, halb vom Wüstensande begraben worden, während ein unternehmender Wirt den hübschen Imhoteptempel in der Stadt samt dem dazu gehörenden heiligen Hain für billiges Geld angekauft hatte. Seitdem war er von einer Hand in die andere gegangen, an die massiv gebauten Tempelräume hatte sich ein großes hölzernes Haus für die Aufnahme von Reisenden geschlossen, und in dem Palmenhain, welcher bis zu dem schlecht erhaltenen Uferdamm reichte, erhoben sich Ställe und sah man eingezäunte Plätze für angetriebene Herden. So glich das Ganze einem Viehmarkt, und in der That kamen die Metzger und Roßkämme der Stadt gern hieher, um ihren Bedarf zu befriedigen. Dagegen zog der Palmenhain, einer der wenigen, die in der Nähe der Stadt stehen geblieben waren, die Bürger von Memphis an, um »Lüftchen zu riechen« und sich in seinem Schatten eine Güte zu thun. Hart am Strome hatte der Wirt Tische und Bänke aufstellen lassen, und in dem kleinen Hafen auf seinem Grundstück gab es Boote zu mieten. Auch wer zu seinem Vergnügen von der Stadt aus Wasserfahrten machte, der legte hier gern an und nahm unter den Palmen des Nesptah eine Erfrischung.

Die beiden Häuserreihen, welche diesen Sammelplatz für vernünftige und unvernünftige Wesen früher von der Straße getrennt und sich nach dem Nil hin neben ihm erhoben hatten, waren längst eingestürzt und von den Wirten der Erde gleich gemacht worden. Jetzt sah man unter Leitung von arabischen Vögten einige hundert Arbeiter beschäftigt, eine gewaltige Ruine aus der Zeit der ptolemäischen Könige, die kaum zweihundert Schritte von dem Palmenhain entfernt lag, abzutragen und die großen, schön behauenen Kalk- und Marmorquadern, sowie die zahlreichen hohen Säulen, welche das Dach des Zeustempels von Memphis getragen hatten, trotz der brennenden Hitze des Nachmittags aus Ochsenkarren zu laden und sie dem Damme und von dort aus auf flachen Kähnen dem östlichen Nilufer zuzuführen.

Dort errichtete Amr, der Feldherr und Stellvertreter des Chalifen, seine neue Residenz. Die Tempel der alten Götter wurden dabei als Steinbrüche benützt, und es fanden sich in ihnen nicht nur sorgsam behauene Werkstücke vom festesten Gestein, sondern auch griechische Säulen jeder Ordnung in Menge, die man jenseits des Stromes nur wieder auszustellen hatte; denn die Araber verschmähten kein Material, ja sie verwandten sorglos beim Bau ihrer Gotteshäuser Quadern und Säulen, auch wenn sie aus heidnischen Tempeln oder christlichen Kirchen kamen.

In dem Herbergentempel des Imhotep waren Wände und Decken ursprünglich über und über mit Götterbildern und hieroglyphischen Inschriften bedeckt gewesen; aber der Rauch des Herdfeuers hatte sie längst geschwärzt, glaubenseifrige Hände waren nicht müde geworden, sie zu verstümmeln, und über manche hatte man Kalk geworfen und ihn mit christlichen Symbolen oder sehr weltlichen Kritzeleien in griechischer oder der Volksschrift der Aegypter bedeckt.

In der früheren großen Tempelhalle nahm der Araber mit den Seinen die Mahlzeit ein, und alle enthielten sich dabei des Weines, mit Ausnahme des Karawanenführers, der kein Muslim war, sondern zu der persischen Sekte der Masdakiten gehörte.

Nachdem der alte Herr sich an einem besonderen Tischchen gesättigt, rief er jenen an und befahl ihm, den Ballen mit dem Teppich sicher, aber leicht ablösbar auf die Sänfte zwischen den beiden großen Lastkamelen zu legen.

»Ist schon geschehen,« versetzte der Perser, ein Prachtmensch, groß und breit wie eine Eiche, und mit einem Kopfe, den das blonde Haupthaar wie eine Löwenmähne umwallte, indem er sich den mächtigen Schnurrbart wischte.

»Desto besser,« entgegnete Haschim. »Komm mit mir ins Freie!«

Damit ging er dem Masdakiten in den Palmenhain voran.

Das Tagesgestirn war hinter den Pyramiden, der Totenstadt und der libyschen Bergkette zur Rüste gegangen, und sein Widerschein bemalte nun den östlichen Himmel und das nackte Kalkgebirge von Babylon jenseits des Stromes mit Farben von unbeschreiblich wechselvoller Schönheit. Es war, als hätten alle Rosenarten, die der erfahrenste Gärtner in Arsinoë oder Naukratis züchtete, von der goldgelben an bis zu der purpurnen und der mit tiefem violettlichem Schwarzrot gesättigten, die Farben hergegeben, um die Flächen, die Vorsprünge und Schluchten des Gebirges gedankenschnell mit zauberhaften Tinten zu übergießen.

Dem alten Manne schwoll die Brust bei diesen. Anblick, und indem er tief aufatmete, legte er die zarte Hand auf den Riesenarm des Persers und sagte: »Euer Meister Masdak lehrt, es sei Gottes Wille, daß der eine nicht mehr und nicht weniger sein eigen nenne als der andere und daß es weder Arme noch Reiche gebe auf Erden; denn jeder Besitz gehöre allen gemeinsam. Nun schau einmal mit mir hieher! Wer dies nicht gesehen, hat gar nichts gesehen; es gibt nichts Schöneres hienieden, und wem gehört es? Dem armen, einfältigen Salech dort, den wir aus Gnade halb nackt den Kamelen nachtraben lassen, ist sie so gut zu eigen wie Dir und mir und dem Chalifen. Seinen großen Werken gegenüber hat Gott uns alle so gestellt, wie es euer Meister begehrt. Wie viel Schönes ist doch im allgemeinen Besitz unseres Geschlechts! Seien wir dankbar dafür, Rustem; denn wahrlich, es ist nicht wenig. – Das Eigentum, welches der Mensch erwirbt oder verliert, damit ist es freilich etwas ganz anderes. Auf der gleichen Rennbahn stehen wir alle, und was ihr begehrt, das fordert nur, dem Schnelleren Blei an die Füße hängen, damit keiner dem andern zuvorkommt, das würde . . . Aber weiden wir jetzt lieber die Augen an der wundervollen Schönheit da drüben! Sieh nur, was vorhin wie diese purpurfarbene Glockenblume erschien, das wird jetzt zum Rubin, was wie Veilchen schimmerte, zum dunklen Amethyst. Der goldene Rand dort an den Wolken, der faßt die Juwelen zusammen, und das alles ist mein, ist Dein, ist unser, so lange sich Auge und Herz daran ergötzt und erhebt.«

Da lachte der Masdakit mit einem quellfrischen, wohltönenden Lachen laut auf und rief: »Ja, Meister, wer Deine Augen hätte! Es sieht freilich bunt genug aus dort am Himmel und an den Bergen, und so rote Farben hat's daheim selten; doch was nützt uns der Zauber? Du siehst Rubinen und Amethyste da oben, aber ich? – Die Juwelen in Deinem Teppich, die bedeuten was anderes als das lustige Gefunkel! Nichts für ungut, Meister, aber für den Ballen dort gäb' ich alle Sonnenuntergänge auf Erden, und es sollt' mich nicht reuen!« Dabei lachte er wieder hell auf und fuhr fort: »Doch Du, Väterchen, Du würdest Dich hüten, den Handel zu schließen! – Was uns Masdakiten betrifft, so ist die Zeit für uns noch nicht gekommen!«

»Und wenn sie da wäre, und Du bekämst den Teppich?«

»Dann verkaufte ich ihn und legte den Erlös zu meinem Ersparten und ginge nach Hause und kaufte mir Land, und nähm' mir ein hübsches Weib und züchtete Kamele und Rosse.«

»Aber übermorgen kämen die Armen, die nichts zurückgelegt und kein gutes Geschäft mit dem Abendrote gemacht haben, und jeder verlangte ein Stück Deines Landes, ein Kamel und ein Fohlen, Du bekämest nie wieder einen herrlichen Sonnenuntergang zu sehen, und Dein hübsches Weibchen würde mit Dir in die Welt ziehen, um Dir zu helfen, mit anderen zu teilen. Lassen wir's nur beim alten, mein Rustem, und der Höchste bewahre Dir Dein braves Herz, Du närrischer Querkopf.«

Da beugte sich der Riese auf den Arm seines Herrn, und während er ihn dankbar küßte, kehrte der Fremdenführer mit langem Gesichte zurück; denn er hatte zu viel versprochen. Der Mukaukas Georg war – ein ganz unerhörtes Ereignis – gerade als er um Gehör für den Araber bitten wollte, in die Gondel getragen worden, um mit seinem Sohne und den Frauen des Hauses eine Wasserfahrt zu unternehmen. – Die Heimkehr Orions, hatte der Hausmeister gesagt, habe den alten Herrn wie verjüngt. Haschim müsse nun bis morgen warten, und er, der Führer, rate ihm, in der Stadt, in der Herberge des Sostratus, wo es an nichts fehle, zu übernachten.

Aber der Kaufherr zog es vor, hier zu bleiben. Der Aufschub bekümmerte ihn wenig, zumal er ohnehin einen ägyptischen Arzt wegen eines alten Leidens um Rat fragen wollte, und einen tüchtigeren und gelehrteren als den berühmten Philippus, versicherte der Hermeneut, könne er im ganzen Lande nicht finden. Hier draußen sei es ja schön, und von den Bänken am Ufer aus lasse sich der Komet beobachten, der sich seit einigen Tagen zeige und gewiß schlimme Zeiten verkünde. Die ganze Stadt sei wie gelähmt von Besorgnis; das zeige sich recht deutlich hier in der Wirtschaft des Nesptah; denn sonst füllten sich, wenn die abendliche Kühlung eintrete, die Tische und Bänke unter den Palmen mit Wasserfahrern und Spaziergängern, aber jetzt, wer getraue sich in diesen Angsttagen an Vergnügen zu denken?

Damit bestieg er wiederum den Esel, um den Arzt zu rufen, der alte Haschim aber begab sich am Arm des Masdakiten zu den Bänken unter den Palmen und schaute von dort aus gedankenvoll zum Sternenhimmel empor, während sein junger Gefährte von der Heimat träumte und sich dort auch ohne den kostbaren Teppich und nur für sein Erspartes Weideland kaufen, ein Haus bauen und ein hübsches Weibchen darin walten sah. Ob es blond oder braun ausfallen würde? Blond wär' ihm lieber gewesen.

Aber hier brach sein Lustschloß zusammen; denn es näherte sich etwas auf dem Nil, das seine Aufmerksamkeit anzog und ihn veranlaßte, auch seinen Herrn darauf hinzuweisen.

Vor ihnen lag der Strom wie ein breites Band von schwarzem Silberbrokat. Der zunehmende Mond spiegelte sich in seiner kaum merklich bewegten Fläche, und wo sein Wasser sich kräuselte, verbrämte er die niedrigen Wellenhäupter mit hellflimmerndem Glanze. Fledermäuse schwangen sich durch die Nachtluft von der Totenstadt her auf den Nil zu und wiegten sich über ihn hin wie vom Winde bewegte leichte Schatten. Nur wenige dreieckige Segel schwebten wie helle Riesenvögel über dem dunklen Wasser, aber von Norden, von der Stadt her, näherte sich auf dem Strome ein großer Körper mit glanzvoll und weithin schimmernden Lichtaugen den Palmen.

»Ein stattliches Boot, gewiß das des Mukaukas Georg!« sagte der Kaufherr, und langsam trieb es von der Mitte des Flusses her gerade auf den Hain zu.

Inzwischen hatte sich auch auf der Landstraße hinter der Herberge Pferdegetrappel vernehmen lassen. Haschim schaute sich um und sah Fackelträger, welche vor einem Wagen herliefen.

»Bis hieher,« sagte der Alte, »wird der Kranke fahren und dann, um die Nachtluft auf dem Wasser zu vermeiden, sich im Wagen nach Hause begeben. Seltsam, da begegne ich heut' zum zweitenmale seinem viel besprochenen Sohne.«

Bald kam die Lustfahrtgondel des Statthalters den Palmen näher. Es war ein großes, schönes Fahrzeug von Cedernholz mit reich vergoldetem Zierat und dem Bilde des Johannes, des Schutzheiligen der Familie, an der Spitze. Der Strahlenkranz, welcher das Haupt dieser Figur umgab, war mit Lampen besetzt, und große Laternen erhoben sich neben ihr und am Hinterteile des Bootes. Dort ruhte unter einem Baldachin der Mukaukas Georg und neben ihm seine Gattin Neforis. Ihnen gegenüber saß ihr Sohn und eine Jungfrau von hohem Wuchse, zu deren Füßen ein Kind von zehn Jahren kauerte und das liebliche Köpfchen an sie geschmiegt hielt. Eine ältere Griechin, die Erzieherin der Kleinen, saß neben einem sehr großen Manne, dem Arzte Philippus, auf einem Polster, das der Baldachin nicht mehr beschirmte. Heller Lautenklang begleitete das Boot, und derjenige, welcher die Saiten kunstfertig schlug, war der jüngst heimgekehrte Orion.

Dies alles bot einen gar erfreulichen Anblick: das schönste Bild einer vornehmen, in Liebe vereinten Familie. Aber wer war die Jungfrau an der Seite des jungen Orion? Diesmal wandte er ihr die ganze Aufmerksamkeit zu, und wenn er tiefer in die Saiten griff, suchte er ihre Augen, und es hatte dann zuweilen das Ansehen, als spiele er für sie allein, und solche Auszeichnung schien ihr in der That zuzukommen; denn als das Fahrzeug in den kleinen Hafen einfuhr und Haschim ihre Züge zu unterscheiden vermochte, war er überrascht von ihrer edlen, echt griechischen Schönheit.

Jetzt stiegen einige reichgekleidete Sklaven, welche mit dem Gespann auf der Straße gekommen sein mußten, auf das Boot, um den kranken Herrn in den Wagen zu tragen, und es zeigte sich nun, daß der Stuhl, worauf der Leidende saß, mit Armen versehen war, welche ihn zu heben und fortzubewegen gestatteten. Ein großer Schwarzer ergriff diese an der hinteren Seite, und wie ein anderer sich anschickte, sie an der vorderen zu erfassen, drängte ihn Orion zurück, trat an seine Stelle, hob den Stuhl und mit ihm den Vater auf und trug ihn über die Landungsbrücke, welche das Schiff mit dem Ufer verband, an Haschim vorüber dem Wagen zu. Heiter und ohne Anstrengung verrichtete der junge Mann die Arbeit des Trägers, schaute sich auch wohl liebreich nach dem Vater um, rief den anderen Frauen – nur seine Mutter, welche den Leidenden sorglich mit Tüchern umhüllt hatte, und der Arzt folgten dem Kranken – munter zu, auszusteigen und ihn hier zu erwarten, und schritt dann im Licht der Fackeln, welche ihm vorangetragen wurden, weiter.

»Armer Mann!« dachte der Kaufherr, indem er dem siechen Mukaukas nachschaute. »Aber das Traurigste und Schwerste verweht leicht wie Nebel im Winde, wenn man einen Sohn besitzt, der einen so freundlich dahinträgt.«

Erklärlich mußte er nun finden, daß Orion damals die Blumen von sich geworfen; ja, wie die Jungfrau, der das Kind zärtlich am Arm hing, ans Land trat, sagte er sich, daß es die kleine Tochter der reichen Witwe Susanna allerdings schwer haben werde, neben dieser hohen, königlichen Erscheinung das Feld zu behaupten. Welch eine Gestalt, welch fürstliche Haltung hatte dies Mädchen, und wie wohllautend und liebreich klang es, als sie dem Kinde die Namen einiger Sternbilder nannte und es auf den Kometen hinwies, der eben aufging.

Haschim saß im Dunkeln und konnte ungesehen beobachten, was auf der Bank am Ufer, welche durch eine der Laternen des Schiffes beleuchtet worden war, weiter vorging, und er freute sich der unerwarteten Zerstreuung; denn was den Sohn des Mukaukas anging, erweckte seine Teilnahme und Neugier. Es lockte ihn, sich ein Urteil über diesen ungewöhnlichen jungen Mann zu bilden, und der Anblick des schönen Mädchens dort auf der Bank erwärmte sein altes Herz. Das Kind mußte Maria, die Enkelin des Statthalters sein.

Jetzt brach der Wagen auf, jetzt brauste er auf der Straße von dannen, und nach einiger Zeit kehrte Orion zu den Wartenden zurück.

Armes, reiches Töchterchen der Witwe Susanna. Wie so ganz anders verkehrte er mit der schönen Jungfrau dort, als mit der Kleinen. Sein Auge hing wie berauscht an ihren Zügen, mitten in der Rede stockte er bisweilen, während er zu ihr sprach, und das, was er sagte, mußte bald ernst und fesselnd, bald witzig sein; denn nicht nur sie, sondern auch die Erzieherin der Kleinen hörte ihm mit Spannung zu, und wenn die schöne Jungfrau auflachte, so klang es ganz besonders wohltönend und rein. Es lag etwas so Hoheitvolles in ihrem Wesen, daß solche Aeußerung unbefangener Heiterkeit an ihr überraschte und sich ausnahm wie der Duft einer prächtigen Blume, von der man bis dahin glaubte, sie sei nur geschaffen, um dem Auge wohlzuthun und nicht auch den anderen Sinnen. Und diejenige, an welche alles gerichtet war, was Orion sagte, hörte ihm nicht nur aufmerksam, sondern in einer Weise zu, welche den Kaufherrn lehrte, daß der Erzähler selbst ihr noch mehr gefiel, als was er so lebhaft mitzuteilen wußte. Wenn dies Mädchen mit dem Statthalterssohne eins ward, ja das gab ein Paar!

Nun kam die Wirtin Taus, eine behäbige, tüchtige Aegypterin in mittleren Jahren, und trug selbst ihre berühmten Spritzkuchen, die sie eben eigenhändig gebacken, Milch, Trauben und Obst auf, und dabei glänzten ihre Augen vor Freude und geschmeicheltem Ehrgeiz; denn der Sohn des großen Mukaukas, der Stolz der Stadt, der früher gar oft auf Wasserfahrten mit fröhlichen Genossen, meist griechischen Offizieren, die nun alle, alle gefallen oder aus dem Lande vertrieben waren, nicht nur um ihrer Kuchen willen bei ihr vorgesprochen hatte, erwies ihr nun die Ehre, sie so bald nach der Heimkehr aufzusuchen. Ihre geläufige Zunge stand nicht still, wie sie ihm erzählte, auch sie und ihr Mann seien ihm bis zur Ehrenpforte beim Menesthore entgegengezogen, und mit ihnen ihre Emau mit ihrem Bübchen. Sie sei nämlich nun verheiratet, und diesen ersten Kleinen habe sie »Orion« getauft.

Und als der junge Mann darauf fragte, ob die Emau noch immer ein so reizendes Geschöpf sei und der Mutter so ähnlich sehe wie früher, drohte Frau Taus ihm mit dem Finger und fragte, indem sie auf die Jungfrau wies, ob der fröhliche Vogel, dem so manche bei seinem Aufbruch nachgeseufzt habe, sich endlich in den Käfig begeben, und ob die schöne Dame dort vielleicht . . .

Aber Orion schnitt ihr das Wort ab und sagte, noch sei er sein eigener Herr, aber er fühle schon die Schlinge am Halse. Da wurde das schöne Mädchen noch röter als bei der ersten Frage der Wirtin; er aber überwand schnell die eigene Befangenheit und versicherte munter, das Töchterchen der braven Taus sei eins der hübschesten Kinder von Memphis gewesen und nicht weniger eifrig gefeiert worden, als die Spritzkuchen ihrer trefflichen Mutter. Frau Taus möge die junge Frau von ihm grüßen.

Da entfernte sich die Wirtin gerührt und geschmeichelt, er aber griff wieder zur Laute, und während die anderen sich erfrischten, folgte er der Aufforderung der Jungfrau und sang das Lied des Alkaios, um welches sie ihn bat, mit wohllautender, aber gedämpfter Stimme zur Laute, die er meisterlich schlug. Die Augen des Mädchens hingen an seinem Munde, und er schien wiederum nur für sie in die Saiten zu greifen. Als die Zeit zum Aufbruche kam und die Frauen das Schiff bestiegen, ging er in die Herberge, um die Zeche zu zahlen. Bald kam er allein zurück, und der Kaufherr sah, wie er ein Tüchlein, das die Jungfrau auf dem Tische liegen gelassen, aufnahm und es schnell an die Lippen zog, während er dem Boote zuschritt.

Den prächtigen roten Blumen war es heute morgen weniger freundlich ergangen. Dem Mädchen dort auf dem Wasser gehörte das Herz des jungen Mannes. Seine Schwester konnt' es nicht sein; aber wie hing es mit ihm zusammen?

Der Kaufherr sollte es bald erfahren; denn der Führer kehrte zurück und gab ihm Auskunft. – Es war Paula, die Tochter des Thomas, des weit berühmten griechischen Feldherrn, der die Stadt Damaskus so ausdauernd und tapfer gegen die Kriegsmacht des Islam verteidigt hatte. Sie war die Nichte des Mukaukas Georg; aber nur mäßig begütert, eine Verwandte des Hauses, die man nach dem Verschwinden ihres Vaters – denn auch seine Leiche hatte man nicht gefunden – in der Statthalterei aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen: eine Melchitin. Der Hermeneut war ihr schon deswegen wenig gewogen, und wenn er auch gegen ihre Schönheit nichts einzuwenden hatte, so wollte er doch wissen, daß sie stolz und hochfahrend sei und keines Menschen Liebe zu erwerben verstehe; nur das Kind, die kleine Maria, hänge wohl an ihr. Ein öffentliches Geheimnis sei es, daß sogar die Gattin ihres Oheims, die brave Neforis, die stolze Nichte nicht möge und sie nur dulde dem kranken Mann zu gefallen. Was hatte die Melchitin auch zu Memphis in einem gut jakobitischen Hause zu suchen? Jedes Wort des Führers atmete jene Abneigung, die von niedrig stehenden und gesinnten Menschen so leicht denjenigen zu teil wird, welche die Güte der eigenen Wohlthäter genießen.

Aber die schöne, hoheitvolle Tochter eines großen Mannes hatte das alte Herz des Kaufherrn gewonnen, und sein Urteil blieb durch das des Memphiten ganz unbeeinflußt. Es sollte auch bald Bestätigung finden; denn der Arzt Philippus, den der Führer gerufen, ein täglicher Besucher der Statthalterei, dessen gediegenes Wesen dem Araber das größte Zutrauen einflößte, nannte Paula ein so herrliches Geschöpf, wie es der Himmel in seinen besten Stunden nur selten schaffe. Doch der da oben scheine sein eigenes Meisterwerk vergessen zu haben; denn seit Jahren sei ihr Dasein grausam getrübt.

Dem alten Herrn konnte der Arzt Linderung der Schmerzen versprechen; überhaupt sagten beide einander so wohl zu, daß sie sich erst in später Nachtstunde als gute Freunde trennten.

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