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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie der Arzt Philippus, so fand auch Orion in dieser Nacht wenig Schlaf. Er zweifelte nicht mehr an Paula, doch sein ganzes Herz war voll von Sehnsucht nach ihr und der Bestätigung, daß sie ihn, ihn allein liebe, und das Verlangen nach ihr hielt ihn wach. Beim ersten Dämmern des Tages sprang er auf, froh, die Nacht hinter sich zu haben, und fuhr über den Nil, um dem Wechsler Salech, dem Bruder des alten Kaufherrn Haschim, die Hälfte des Vermögens der Tochter des Thomas anzuvertrauen.

In Memphis war alles noch still, und was er dort sah, kam ihm heute besonders alt, abgelebt, träge, verfallen vor; ja es schien wert, zu Grunde zu gehen, während er jenseits des Stroms in dem jungen Fostat, wohin er auch blickte, waches, reges, frisch aufsprießendes Leben fand.

Unwillkürlich verglich er die alte Pharaonenstadt hinter ihm mit einer zerfallenden Mumie und die neue Residenz des Amr mit einem thatenlustigen Jüngling. Alles war dort auf den Füßen, regte und rührte sich emsig. Den Wechsler, welcher sich, wie alle Muslimen, früh, »sobald man einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden konnte«, erhob, um sein erstes Gebet zu verrichten, fand er mit dem Auszählen von Gold- und Silberrollen beschäftigt, und wie rasch, wie knapp und schneidig wußte der Araber das Geschäft mit ihm und Nilus, der ihn begleitete, zu Ende zu führen!

Wohin er auch blickte, lauter blitzende Augen, lauter thatkräftige, kühne, unternehmungslustige Gesichter, kein gebeugter Nacken, kein träges Dahinbrüten, kein dumpf ergebener Blick, wie überall in seiner Vaterstadt drüben.

Hier in Fostat wogte das Blut ihm schneller, dort drückte und belastete ihn das Dasein. Alles zog ihn zu den Arabern hin!

Die Bude des Wechslers bestand wie alle Verkaufsstätten im Suk oder Bazar des jungen Fostat aus einem hölzernen Verschlage, worin der Kaufherr mit seinen Gehilfen verweilte. Von der offenen, der Straße zugewandten Seite desselben aus verkehrten sie mit den Kunden, welche, wenn das Geschäft längere Zeit in Anspruch nahm, von dem Händler eingeladen wurden, sich auf dem Auslagebrett bei ihm niederzulassen.

Auch Orion und Nilus waren solcher Aufforderung gefolgt, und während sie bei der Unterredung mit dem Wechsler für alle Vorübergehenden sichtbar dasaßen, schritt der schwarze Wekil Obada, der den Groll des Statthaltersohnes gestern Abend so tief aufgeregt hatte, nochmals dicht an ihm vorüber. Zu seinem Erstaunen grüßte er ihn mit großer Freundlichkeit, und eingedenk der Warnung des Feldherrn erwiderte Orion, so schwer es ihn auch ankam, des verhaßten Mannes Willkommen. Als dann Obada zum zweiten und drittenmal an der Bude vorbeiging, fühlte jener sich von ihm beobachtet; indessen war es ja möglich, daß der Wekil gleichfalls mit dem Wechsler zu thun hatte und nur auf die Erledigung seiner Geschäfte wartete.

Uebrigens sollte Orion diese Begegnung bald vergessen; denn zu Hause harrten seiner gewichtigere Dinge.

Wie es oft geschieht, hatte der Tod eines einzelnen Mannes, obgleich sein Haus durch seinen Hingang weder reicher noch ärmer geworden, und man darin in der letzten Zeit sein zurückgezogenes Walten kaum wahrgenommen, eben dieses Haus völlig, ja bis zur Unkenntlichkeit verändert. Still und wie ausgestorben erschienen nunmehr die sonst so lebendigen Räume. Bittsteller und Kläger bevölkerten nicht mehr den Vorsaal, und die Beileidbezeigenden waren sämtlich nach alter Sitte am Tage nach dem Begräbnis empfangen worden. Der Frau Neforis geräuschvolles Schalten und Walten, ihre Rufe und klappernden Schlüssel hatten aufgehört, sich vernehmen zu lassen; denn sie hielt sich, abgesondert von allen, nur im Schlafgemach oder in dem kühlen Brunnenraum auf, der ihres Gatten Lieblingszimmer gewesen, wenn sie nicht in der Kirche verweilte, die sie täglich zweimal besuchte.

Mit dem gleichen müden, teilnahmlosen Gesicht, mit dem sie in das Gotteshaus fuhr, kehrte sie daraus zurück, und wer sie auf dem Diwan, welchen sonst gewöhnlich ihr verstorbener Gemahl eingenommen hatte, müßig und dumpf vor sich hinbrüten sah, konnte in ihr nur schwer die jüngst noch so rührige und pflegsame Frau wiedererkennen. Sie trauerte oder klagte ihrem Gatten nicht eigentlich nach, und als habe sie sich in der Nacht nach dem Sterbe- und Begräbnistage für immer ausgeweint, hatte sie keine Thränen mehr für ihren Kummer. Zu jener durch freundliche Erinnerungen geweihten Wehmut, in die doch tröstende Engel, nachdem das erste schneidende Weh überwunden, so oft einen süßen Tropfen mischen, vermochte sie jedoch nicht zu gelangen. Sie fühlte, sie wußte aber, daß mit dem Gemahl ein Teil des eigenen Wesens von ihr abgerissen sei, wenn sie auch noch nicht erkannt hatte, daß dieser Teil nichts Geringeres in sich schloß als die Grundbedingungen ihres ganzen inneren und äußeren Daseins.

Ihr Vater und der ihres Gatten waren die ersten Männer in Memphis, ja in Aegypten gewesen. Stolz, glücklich, mit einem Herzen voll Liebe, hatte sie dem Sohn des Menas die Hand gereicht. Er im Bunde mit ihr, nicht er allein, war zu den höchsten für einen Aegypter erreichbaren Würden gelangt, und was an ihr lag, hatte sie aufgeboten, um ihn in seiner viel beneideten Stellung zu erhalten, ihn dieselbe glänzend und würdig vertreten zu lassen. Nach manchem Jahre seltenen Glückes hatte der Schmerz über die niedergemetzelten Söhne die Herzen dieses eng verbundenen Paares nur fester aneinander geschlossen, und als ihr Gatte dann dem Siechtum verfiel, teilte sie freudig seine Abgeschiedenheit, widmete sie sich ganz seiner Pflege, trug sie mit ihm die Zweifel und Besorgnisse, welche seine politische Handlungsweise in ihm wachriefen. Das Bewußtsein, ihm nicht nur viel, sondern alles zu sein, war ihr Stolz und ihr Glück. Die Abneigung, welche Paula ihr einflößte, hatte zunächst ihren Ursprung in der Wahrnehmung gehabt, daß sie, Neforis, dem leidenden Gemahl nicht mehr unentbehrlich erschien, sobald seine schöne junge Nichte ihm Gesellschaft leistete. Und nun? Und jetzt?

Wenn sie in der schlaflosen Nacht aus leichtem, unerquicklichem Schlummer auffuhr, lauschte sie unwillkürlich auf leise, stockende Atemzüge, und doch gab es keine Brust mehr, die sich neben ihr hob und senkte. Wenn sie in der Frühe das einsame Lager verließ, kam ihr der nahende Tag vor wie eine leere, baumlose Wüste.

Bei Nacht wie bei Tag versuchte sie es häufig, sich das Bild des Verstorbenen zu vergegenwärtigen; doch so oft dies bis vor kurzem ihrer schwachen Einbildungskraft gelungen war, hatte sie ihn nur in den letzten Augenblicken seines Daseins erblickt, ihn gesehen, gehört mit der Verwünschung des eigenen Sohnes auf den bebenden Lippen.

Diese gräßliche Erinnerung verdarb ihr den letzten Trost der Trauernden, das freundliche Andenken und zugleich das stolze und frohe Wohlgefallen an dem einzigen Kinde. Wie mit einem Makel, einem Schandfleck behaftet, erschien ihr der Jüngling, der noch jüngst ihrer Seele Abgott gewesen. Die Last, welche der Gerechteste aller Gerechten auf Orion gewälzt hatte, die durfte auch sie nicht übersehen. Statt ihn mit doppelter Zärtlichkeit ans Herz zu nehmen und zu mildern und zu erleichtern, was ihm der Vater Furchtbares zugefügt hatte, wußte sie ihn nur zu beklagen.

Wenn Orion sie aufsuchte, streichelte sie ihm das lockige Haupt, und weil sie ihn nicht verletzen und noch unglücklicher machen wollte, als er ohnehin sein mußte, tadelte oder ermahnte sie ihn weder, noch erinnerte sie ihn an den Fluch des Vaters. Und wie verarmt war dies unfreigiebige Herz, das sich gewöhnt hatte, alles, was ihm an Liebe innewohnte, nur auf wenige, ja fast nur auf einen einzigen zu erstrecken, der nun nicht mehr war!

Die frohen Kinderstimmen im Hause waren ihr ein angenehmer Ton gewesen, so lange sie ihren leidenden Gatten nicht gestört hatten; nun waren auch sie verstummt, und ihrer eigenen Enkelin, der der Sonnenschein ihrer engbegrenzten Liebe noch mit zu teil geworden, hatte sie dieselbe entzogen; trug doch die kleine Maria Schuld an dem Schrecklichen, das in den letzten Stunden ihres Gatten über sie und Orion gekommen! Ja, in der überreizten Seele der trauernden Frau hatte sich die Wahnvorstellung festgesetzt, das Kind sei der böse Dämon des Hauses und ein Werkzeug des Satans.

Seit vorgestern hatte Neforis einige bessere Stunden gehabt. In der Schlaflosigkeit, die sie wie ein körperlicher Schmerz zu quälen begonnen, war ihr eingefallen, welche Erleichterung ihrem Verstorbenen gerade in unruhigen Nächten die weißen Opiumkügelchen gebracht hatten, und ein kaum angebrochenes Gefäß mit dieser Arznei war ihr zur Hand.

Litt denn nicht auch sie unsägliche Qualen? Warum sollte sie das Mittel unbenutzt lassen, das ihres Gatten Schmerzen so wunderbar gelindert? Bei längerem und häufigerem Gebrauch sollten die Kügelchen schädlich wirken, und sie hatte den Verstorbenen oft abgehalten, sich ihrer zu reichlich zu bedienen; aber konnte sich ihr Leid denn noch verschlimmern? Mußte sie der Arznei nicht Dank wissen, wenn sie ihr elendes Dasein abkürzte?

So gebrauchte sie denn das bewährte Mittel erst zagend, dann reichlicher und schon am zweiten Tage mit wahrer Lust und freudiger Erwartung; hatte es ihr doch nicht nur eine gute Nacht verschafft, sondern ihr auch am nächsten Morgen eine große Wohlthat erwiesen; denn der Verstorbene war ihr zum erstenmal seit seinem Tode nicht als Fluchender erschienen, sondern als junger, lebensfroher Mann.

Niemand im Hause wußte, welches Trostmittels sich die Witwe bediente, und der Arzt und ihr Sohn hatten sich gestern nur gefreut, sie gefaßter zu finden.

Als Orion, nachdem er zu Fostat das Geschäft mit dem Wechsler beendet, nach Hause zurückkam, mußte er sich vor dem Thore durch viele zusammengelaufene Leute Bahn brechen, da er den Hof voller Menschen und die Wache und Dienerschaft in großer Erregung fand. Kein Geringerer als der Patriarch war als Besucher in die Statthalterei eingekehrt und verweilte jetzt bei seiner Mutter. Er habe, teilte der Hausmeister Sebek mit, auch nach ihm gefragt, und Frau Neforis wünsche, daß er sich sogleich zu ihr begebe, um dem allerheiligsten Vater seine Ehrfurcht zu bezeigen.

»Wünscht sie?« fragte der Jüngling und blieb, während er einem Sklaven den Reisehut zuwarf, unschlüssig stehen.

Er war zu sehr Kind seiner Zeit, und die Kirche und ihre Diener hatten einen zu starken Einfluß auf seine Erziehung geübt, als daß er den Besuch des großen Prälaten nicht hätte als hohe Ehre empfinden sollen. Dennoch konnte er die den Manen seines Vaters angethane Schmach, konnte er des edlen arabischen Feldherrn Mahnung, sich vor Benjamins Feindschaft zu hüten, nicht vergessen, und vielleicht, sagte er sich, sei es besser, eine Unterredung mit dem mächtigen Manne zu vermeiden, als sich der Gefahr auszusetzen, während einer solchen der Mäßigung zu vergessen, und dem eigenen Groll neue Nahrung zu geben.

Doch es sollte ihm keine Wahl bleiben; denn aus dem Brunnengemache trat der Kirchenfürst in das Viridarium. Seine hohe Greisengestalt war ungebeugt, schneeiges Haar umwallte sein stolzes Haupt, und der weiße Bart fiel ihm in weichen Wellen bis tief auf die Brust. Der scharfe Blick seiner mächtigen Augen heftete sich auf den jungen Mann, in dem er, obgleich er ihn zuletzt als Knaben gesehen, sofort den Herrn des Hauses erkannte. Während Orion sich tief vor ihm verneigte, rief der Patriarch ihm mit tiefer, klangvoller Stimme, aus der heitere Würde sprach, freudig entgegen:

»Willkommen, Sohn meines unvergeßlichen Freundes! Aus dem Kinde ist, wie ich sehe, ein herrlicher Mann geworden. Der Mutter hab' ich ein Stündchen gewidmet; jetzt gilt es, mit dem Sohn zu besprechen, was notthut.«

»In das Arbeitszimmer des Vaters!« rief Orion dem Hausmeister zu, indem er dem Patriarchen mit der förmlichen, winkenden Bewegung der Kammerherren des Kaiserhofes voranschritt.

Bevor der Patriarch ihm folgte, winkte er seinen Begleitern, zurückzubleiben, und sobald sich das Gemach geschlossen, trat er Orion näher und rief:

»Meinen Gruß zum andernmale! Das also ist der Enkel des braven Menas, der Sohn des Mukaukas Georg, der vielgefeierte Abgott meiner memphitischen Schäflein, der sich beim Wirbeltanz der goldenen Jugend in Konstantinopel an ihrer Spitze gehalten! Ein seltenes Meisterstück für einen ägyptischen Christen. Doch zunächst, Kind, zunächst Deine Hand!«

Dabei streckte er ihm die Rechte entgegen, und Orion schlug ein, aber nur zögernd; denn aus der Anrede des Patriarchen war ihm leiser Hohn entgegengeklungen, und er fragte sich, ob es dieser Mann so redlich meine, daß er ihn aus gutem Herzen, wie die Eltern, »Kind« anreden dürfe? Ihm den Handschlag weigern, daran war nicht zu denken, doch er fand den Mut, ihm zu erwidern:

»Deinem Wunsch, heiliger Vater, hab' ich ja zu gehorchen; indessen weiß ich nicht, ob es dem Sohne wohl ansteht, die Hand des Feindes zu ergreifen, den selbst der alles ausgleichende Tod nicht versöhnte, der seinem Vater, dem bravsten Manne, und mit ihm, ihm selbst auf dem Friedhof, am Grabe, den schwersten Schimpf auferlegte.«

Da schüttelte der Patriarch mit einem überlegenen Lächeln das Haupt, legte Orion, den es bei dieser Berührung heiß durchlief, die Hand auf die Schulter und sagte mit freundlichem Ernst:

»Es wird dem Christen nicht schwer, dem Frevler, dem Gegner, dem Feind zu vergeben, und es gereicht ihm zur Freude, dem Sohne zu verzeihen, der sich in der Seele des eigenen Vaters gekränkt fühlt, so kurzsichtig und thöricht sein Groll auch sein mag. Dein Zürnen kann mich so wenig verletzen, Kind, wie den Höchsten im Himmel, und es würde nicht einmal tadelnswert sein, wenn es nicht – aber davon reden wir später – wenn nicht – hör es nur sogleich – wenn nicht aus Deiner Art gerade das so deutlich und greifbar hervorträte, was Dir noch fehlt, um ein rechter Christ, um ein Mann zu sein, wie derjenige sein sollte, welchen Gott in diesem von Ungläubigen beherrschten Lande auf einen so hervorragenden Platz stellte. Du weißt, was ich meine?«

Dabei ließ der Kirchenfürst die Hand von der Schulter des Jünglings gleiten, schaute ihn fragend an, und als Orion, ohne eine Antwort zu finden, weiter von ihm zurücktrat, rief der Greis mit wachsendem Eifer:

»Die Demut, der fromme, ergebene Glaube ist's, den ich an Dir vermisse, mein Freund! Wer bin ich? Aber als der Vertreter, als das Sprachrohr dessen, vor dem wir alle nichts sind als Würmer im Staube, muß ich fordern, daß sich jedermann, der sich Christ, der sich Jakobit nennt, meinem Willen und Gebot, ohne zu denken oder zu grübeln, so widerstandslos und gehorsam unterwerfe, als habe ihn Heil oder Unheil von oben betroffen. Wohin würde es mit uns kommen, wenn der einzelne sich vermessen wollte, mir zu trotzen, und die eigenen Wege zu wandeln? Ein armes Menschenalter, und mit dem Tode der Alten, die noch als wahre Christen aufwuchsen, würde es aus sein mit der Lehre des Heilands an diesem Strome, würde überall statt des Kreuzes der Halbmond prangen, würde sich Klage erheben im Himmel über so viele verlorene Seelen. Lerne Dich demütig bescheiden, lerne Dich vor dem Willen des Höchsten und seines Vertreters auf Erden beugen, trotziger Knabe, und laß Dir an Deinem Verhalten gerade gegen mich zeigen, wie weit Dein eigenes Urteil reicht. Du hältst mich für einen Feind Deines Vaters?«

»Ja!« entgegnete Orion fest.

»Und ich hab' ihn geliebt wie meinen Bruder,« versetzte der Prälat in weichem Ton. »Mit Friedenspalmen, wie nur die Kirche sie beut, ach, wie gern hätt' ich weinend seinen Sarg überhäuft!«

»Und dennoch hast Du demjenigen, den Du Freund nennst, versagt,« rief Orion, »was die Kirche dem Diebe und Mörder nicht weigert, wenn anders er nach Vergebung der Sünden trachtete und sie aus dem Munde des Priesters empfing, wie doch . . .«

»Wie doch Dein Vater!« unterbrach ihn der Greis. »Wohl ihm! Er darf jetzt vielleicht des Höchsten Herrlichkeit schauen. Und dennoch, dennoch hab' ich dem Klerus verboten, ihm Ehren am Grabe zu erweisen. Warum, infolge welcher zwingenden Gründe ist dieser Befehl aus dem Munde des Freundes gegen den Freund ergangen?«

»Weil Du ihn,« entgegnete Orion dumpf, »vor aller Welt als denjenigen brandmarken wolltest, der den Ungläubigen Vorschub geleistet und ihnen zum Siege verholfen.«

»Sieh da, wie richtig das in den Herzen zu lesen versteht!« rief hier der Prälat und schaute den Jüngling mit einem Blick an, in den sich zu spöttischem Beifall leiser Unwille mischte. »Wohl denn! Nehmen wir an, Knabe, ich hätte den Christen von Memphis zeigen wollen, was dessen wartet, der sein Land dem Feinde öffnet und Hand in Hand mit den Ungläubigen wandelt? War' ich nicht im Rechte gewesen?«

»Hat der Vater die Araber etwa gerufen?« unterbrach ihn der Jüngling.

»Nein, Kind,« rief der Bischof, »der Feind ist von selbst gekommen!«

»Und Du,« unterbrach ihn Orion, »hast aus der Wüste, nachdem Dich die Griechen in die Verbannung getrieben, geweissagt, sie würden kommen und die griechischen, melchitischen Feinde unseres Glaubens über den Haufen rennen und aus diesem Lande vertreiben.«

»Das hat der Herr aus mir geredet,« versetzte der Greis und neigte demütig das Haupt. »Und noch anderes ward mir offenbar, als ich, der Askese ergeben, meinen Leib im Brande der Wüstensonne kasteite. Hüte Dich, hüte Dich, Kind! Folge meiner Warnung, damit es sich nicht erfülle und des Menas Haus nicht dahinschwinde wie die Wolken, die der Sturmwind verweht! Dein Vater, ich weiß es, hatte meine Prophetie so gedeutet, als sei von mir aus der Rat an ihn ergangen, die Ungläubigen als Werkzeuge des Höchsten aufzunehmen und ihnen zu helfen, die melchitischen Zwingherren aus diesem Land zu vertreiben.«

»Deine Weissagung,« versetzte der Jüngling, »wirkte allerdings tief auf den Vater, und als die Sache des Kaisers und der Griechen verloren war, gereichte ihm Dein Wort, die Melchiten seien ebensowohl Ungläubige wie die Bekenner des Islam, zum großen Troste; denn wenn einer, Du weißt es, so hatte er Grund, diejenigen zu hassen, welche ihm zwei blühende Söhne gemordet. Was dann geschehen ist, das hat er gethan, um seine, Deine unglücklichen Brüder und Schutzbefohlenen vor Verderben zu retten, und hier, hier in diesem Pulte liegt die Antwort, die er auf die Vorwürfe des Kaisers der griechischen Deputation erteilte, die ihn in diesem Zimmer zur Rede stellte. Er hat sie gleich nach ihrem Aufbruch niedergeschrieben; willst Du sie hören?«

»Ich kann ihren Inhalt erraten.«

»Nein, nein!« rief der Jüngling erregt, öffnete mit fliegenden Händen das Pult seines Vaters, zog auf den ersten Griff eine Wachstafel daraus hervor und rief. »So lautet hier die Entgegnung!«

Dann fuhr er lesend fort:

»Diese Araber sind bei ihrer geringern Zahl stärker und mächtiger als wir mit unserer Menge; ein Mann von ihnen ist so viel wie hundert von uns; denn sie suchen den Tod, der ihnen lieber ist als das Leben. Jeder von ihnen dringt kämpfend vorwärts, und sie haben gar keine Sehnsucht, in die Heimat, zu den Ihren zurückzukehren. Für jeden, den sie von uns töten, erwarten sie einen großen Lohn im Himmel, und sagen, wenn sie im Kriege fallen, so öffnen sich ihnen die Pforten des Paradieses. Sie haben keinen Wunsch in dieser Welt, sehen sie nur ihre dringendsten Bedürfnisse an Nahrung und Kleidung befriedigt. Wir dagegen lieben das Leben und scheuen den Tod; wie können wir gegen sie standhalten? Ich sage euch, daß ich den mit den Arabern geschlossenen Frieden nicht brechen werde . . .«

»Und was geht aus dieser Antwort hervor?« unterbrach ihn der Patriarch und zuckte die Achseln.

»Daß mein Vater sich gezwungen sah, Frieden zu schließen, und daß er – lies nur weiter! – daß er als weiser Mann dem Feinde die Hand reichen mußte.«

»Dem Feinde, dem er williger nachgab und größere Ehre erwies, als es ihm, dem Christen, anstand! Klingt diese Rede nicht, als warteten die Freuden des Paradieses allein und ausschließlich unserer verdammten, blutdürstigen Zwingherren? Und das muslimische Paradies! Was ist es anderes als ein Pfuhl, in dem sich wollüstig die sinnlichen Triebe wälzen? Der Lügenprophet hat es ersonnen, um die Seinen zu leiten, daß sie seine falsche Lehre einem Volk nach dem andern aufzwingen, gewaltsam und mit wilder Todesverachtung. Unser Herr, als menschgewordenes Wort kam er auf die Erde und gewann die Geister und Herzen durch die überzeugende Kraft der thatgewordenen, einzigen, ewigen Wahrheit, die von ihm ausgeht, wie das Licht von der Sonne; ein menschgewordenes Schwert ist dagegen dieser Muhammed! Auch mir bleibt einstweilen nichts übrig, als mich der Uebermacht zu unterwerfen, aber hassen, verabscheuen darf ich ihren verruchten, die Seelen irre führenden Wahn, und ich thu' es, werd' es thun bis zum letzten Schlag dieses alten, je eher desto lieber dem Stillstand erlesenen Herzens. Aber ihr? Aber Dein Vater? Wahrlich, wahrlich, wer nur eine Sekunde den Haß einbüßt gegen Unglauben und falschen Glauben, der hat sich für sein ganzes Leben diesseits und jenseits gegen den einzig wahren und rechten Glauben und an seinem Verkünder versündigt! Mit verbrecherischen, weichlichen Lobreden auf die Frömmigkeit und Mäßigung des Feindes, des Leibes und des Seelenschächters, des leibhaftigen Antichrists, hat sich Dein Vater Herz und Zunge geschändet . . .«

»Geschändet?« wiederholte der Jüngling und seine Wangen erglühten. »Rein und aller Ehre wert erhalten hat er sie beide; denn es ist kein unwahres Wort über seine Lippen gekommen. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit gegen jeden, auch gegen den Gegner, das war der Grundzug, war die Richtschnur seines tadellosen Lebens, und schon die Edelsten unter den heidnischen Griechen haben denjenigen bewundert, der sich überwinden konnte, das Große und Rechte und Schöne auch an dem Feind anzuerkennen.«

»Und sie hatten recht,« versetzte der Patriarch; »denn sie waren noch nicht im Besitz der Wahrheit. Im weltlichen Leben mag ihnen jeder von uns auch heute noch darin nacheifern; doch wer denen vergibt, welche die hohe Wahrheit antasten, die das Brot, das Fleisch und den Wein unserer Christenseele ist, der versündigt sich gegen diese Wahrheit, und ist er ein Führer der Menge, so lockt er damit diejenigen, welche auf ihn schauen und nur zu leicht seinem Beispiel folgen, in das ewige Feuer. Wo Dein Vater ein unwillig gehorchender Feind hätte sein sollen, ist er zum Bundesgenossen, und was das Haupt der Ungläubigen angeht – es hat mich heiße Thränen gekostet – zum Freunde geworden. Und das, das muß unserem armen Volk an seinem Haupte geschehen und darnach hat es denn auch – vergib seinen Verführern, barmherziger Gott! – darnach hat es das eigene Verhalten gerichtet. Viele Tausende sind von unserem seligmachenden Glauben abgefallen und zu denen übergelaufen, die ja in ihren Augen nicht die Ruchlosigkeit selbst, nicht verdammt sein konnten, da sie ihren weisen, gerechten Führer Hand in Hand mit ihnen wandeln und handeln sahen; und darum, darum allein, um die irre geführte Menge zu warnen, hab' ich mich nicht gescheut, dem eigenen Herzen weh zu thun, den Warnungsruf an der Gruft eines teuren Freundes zu erheben, ihm die Ehre und die Segnung zu entziehen, deren er doch durch ein tugendhaftes und gerechtes weltliches Leben würdiger als Tausende war. Ich habe gesprochen, und nun muß es aus sein mit Deinem thörichten Groll, nun wirst Du die Hand, welche der Wächter über die Seelen der Seinen Dir nochmals bietet, gern und beruhigten Herzens ergreifen.«

Abermals hielt der Greis Orion die Rechte hin, der aber ergriff sie auch diesmal nur zögernd und wandte dabei, statt dem Kirchenfürsten ins Antlitz zu schauen, den Blick verwirrt und düster zu Boden.

Doch der Patriarch schien das Widerstreben des Jünglings nicht zu bemerken und drückte ihm kräftig die Hand. Dann leitete er das Gespräch auf Orions trauernde Mutter, den Rückgang von Memphis, des jungen Mannes Zukunftspläne und endlich auf die Edelsteine, welche der Verstorbene der Kirche vermacht.

Ruhig und im Ton der geselligen Unterhaltung floß das Gespräch, der Prälat saß nun auf dem Lehnsessel des Verstorbenen, und es klang natürlich und ungesucht, wie er in sein Lob der Juwelen die Frage nach dem großen Smaragd einfließen ließ.

Da entgegnete Orion in gleichem Ton, daß dieser Stein nicht eigentlich zur Schenkung gehöre; doch der Prälat war anderer Meinung.

Was Orion seit dem unseligen Gang in das Tablinum gequält und geängstigt, ward bei diesem Gespräche wieder lebendig; doch gereichte es ihm zu einiger Beruhigung, daß weder seine Mutter noch Frau Susanna dem Prälaten mitgeteilt zu haben schien, welche Schuld er als Richter um des Steins willen auf sich geladen. Die Witwe hatte diese Angelegenheit augenscheinlich verschwiegen, um nicht von dem falschen Zeugnis reden zu brauchen, das ihr Töchterchen geleistet; aber wie leicht konnten diese unseligen Dinge dem strengen Greise zu Ohren kommen, und darum schien dem Schuldigen kein Opfer zu groß, jede Frage nach dem unglückseligen Juwel aus der Welt zu schaffen. Ungesäumt versicherte er darum, der Smaragd sei abhanden gekommen, doch erkläre er sich bereit, seinen vollen Wert zu ersetzen. Benjamin möge ihn schätzen und ihm jede beliebige Summe nennen, deren er etwa für einen wohlthätigen Zweck bedürfe, und er werde ihn, Orion, bereit finden, dieselbe unverzüglich zu zahlen.

Doch der Patriarch bestand in aller Ruhe auf seiner Forderung, gab Orion anheim, eifrig nach dem Steine zu suchen, und erklärte, daß er denselben als Eigentum der Kirche betrachte und die Ablieferung desselben, sobald seine Geduld erschöpft sei, mit aller Entschiedenheit und mit jedem ihm zu Gebote stehenden Mittel veranlassen werde.

So blieb Orion nichts übrig, als zu erklären, die Nachforschungen nach dem verlorenen Kleinod fortsetzen zu wollen; doch er that es mürrisch und wie jemand, der einer unbilligen Forderung nachgibt.

Der Patriarch nahm es zunächst gelassen hin; doch als er sich später erhob, um Abschied zu nehmen, veränderte er plötzlich seine Haltung und sagte streng und ernst:

»Ich kenne Dich jetzt, Sohn des Mukaukas Georg, und womit ich begonnen, damit hör' ich wieder auf: Fremd ist Dir die Demut des Christen, und unbekannt die Macht und Würde unseres Glaubens, aber Du weißt auch nicht, wie viel Liebe ihm innewohnt, wie viel heiße Sehnsucht, den irregeleiteten Sünder zurückzuführen auf die Pfade des Heils. Mit feuchtem Auge bekannte mir Deine herrliche Mutter, vor welchem Abgrunde Du stehst. Es verlangt Dich, den Bund fürs Leben mit einer Ungläubigen, einer Melchitin zu schließen, und noch ein anderes ist da, was das fromme Mutterherz ängstigt, martert im Hinblick auf Dich und Dein Heil. In der Kirche hat sie es mir anzuvertrauen verheißen, und ich werde es zu ergründen wissen bei meiner Heimkehr; aber wahrlich, was es auch sei, in schlimmere Gefahr als durch den Ehebund mit der Melchitin kann es Deine Seele nicht führen. Woran hängt Dein Herz? Nur an dem Glück dieser Erde! Du wirbst um eines ungläubigen Ketzers ungläubige Tochter, Du fährst – höre mich weiter! – fährst hinüber nach Fostat und bietest Deinen Geist und Arm – gestern ist es geschehen – den Ungläubigen an; aber ich, ich, der Hirt meiner Herde, werd' es nicht dulden, daß der an Geburt höchste, an Besitz reichste, durch den bloßen Klang seines Namens mächtigste unter den Jakobiten Tausende mit sich abtrünnig macht. Solchem Unheil den Damm vorzuschieben, besitz' ich den Willen und die Macht! Folge mir, oder Du wirst es mit blutigen Thränen bereuen!«

Hier erwartete der Prälat, Orion das Knie beugen zu sehen; doch dieser that ihm den Willen nicht, sondern schaute ihn mit weit geöffneten Augen tief erregt und unschlüssig an; Benjamin aber fuhr in wachsendem Eifer fort:

»Ich bin zu Dir gekommen, um meine Stimme zu erheben, und ich verlange, ich fordere, ja, ich befehle: löse jede Verbindung mit den Feinden Deines Volkes und Glaubens da drüben, weise die Liebe zu der melchitischen Sirene, die Dein ewiges Teil mit unabwendbarem Verderben bedroht, aus Deiner Seele . . .«

Bis dahin hatte Orion die wie Flüche gegen ihn geschleuderten Mahnungen des Kirchenfürsten schweigend und gesenkten Hauptes angehört; nun aber lehnte sich sein ganzes Innere auf, die Kraft, an sich zu halten, versagte ihm, und mit hoch erhobener Stimme unterbrach er den Prälaten:

»Nie, nie und nimmer werd' ich das thun! Schmähe mich, wie Du willst! Was ich bin, das werd' ich bleiben; ein treues Glied der Kirche, der die Väter angehangen und für die meine Brüder gestorben. Demütig bekenn' ich mich zu meinem Herrn Jesus Christus. Ich glaube an ihn, glaube an den Göttlichen, der gestorben ist, um uns zu erlösen, und der in die Welt die Liebe gebracht hat. Treu und unentwegt halt' ich fest an der meinen. Nie und nie werd' ich von derjenigen lassen, die mich wie ein Gesandter Gottes, wie mein guter Engel gelehrt hat, den Ernst und die Würde des Lebens recht zu erfassen, und die auch mein Vater geliebt hat. Dein ist die Macht! Verlange Billiges, Erreichbares von mir, und ich werde mich zu bezwingen, werde es zu erfüllen versuchen; aber treulos werden, um Dir Treue zu halten, will und kann ich nie und nimmer, und was die Araber angeht . . .«

»Genug!« fiel der Prälat ihm ins Wort. »Ich gehe nach Oberägypten, und bei meiner Rückkehr hast Du zu wählen. Bis dahin gebe ich Dir Zeit, zu Dir selbst zu kommen, Dich zu besinnen, und in aller Ruhe befehl' ich: vergiß die Melchitin! Deine, gerade Deine Verbindung mit einem ketzerischen Weibe ist ein nie zu duldendes Gräuel. Ueber Dein Verhältnis zu den Arabern, und darüber, ob es Dir ansteht, als der, welcher Du bist, Dienste bei ihnen zu nehmen, werden wir später noch reden. Hast Du Dich, wenn ich wieder komme, in Bezug auf das Weib eines Besseren besonnen – es steht Dir frei, um jede jakobitische Jungfrau zu werben – so werd' ich in anderem Ton mit Dir reden. Ich biete Dir dann meine Freundschaft und Hilfe, statt des Fluches stell' ich Dir den Segen der Kirche, die Geduld und Gnade des Höchsten, den geebneten Weg in das Jenseits und die Wonne in Aussicht, das geängstigte Herz einer tief bekümmerten Mutter neu zu erheben. Mein letztes Wort lautet: dem Weibe, von dem Du nichts zu erwarten hast als Verderben, wirst Du entsagen!«

»Ich kann und will und werd' es dennoch nicht thun!« versetzte Orion fest.

»So muß und will und werde ich Dich fühlen lassen, wie schwer der Fluch lastet, den ich im äußersten Fall nicht zaudern werde auf Dich zu schleudern!«

»Das wird in Deiner Macht stehen,« versetzte Orion. »Aber verhängst Du das Aeußerste über mich, so zwingst Du mich, den Segen, nach dem meine Seele heißer schmachtet, als Du ahnen kannst, Herr, so zwingst Du mich, das Heil, dessen ich bedarf, bei ihr, die Du verdammst, und jenseit des Stromes zu suchen.«

»Wag es!« rief der Patriarch und verließ mit glühenden Wangen und festem Schritt das Zimmer.

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