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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

In der mond- und sternhellen Nacht begab sich Orion auf den Heimweg. Er hielt das Haupt hoch aufrecht, und so froh und hoffnungsvoll wie bei diesem Ritte hatte er sich seit der Wasserfahrt mit Paula nicht gefühlt.

Jenseits der Schiffsbrücke wandte er das Roß nicht sogleich der Statthalterei zu; die frische Nachtluft that ihm so wohl, das Herz war ihm so weit, daß er die Enge des Zimmers scheute. Neu belebt, wie entlastet ritt er in raschem Trabe auf das Haus zu, welches die Geliebte beherbergte, und er stellte sich vor, wie freudig sie die Nachricht, daß er in Amr einen Förderer seiner Pläne, ja vielleicht einen väterlichen Freund gefunden, aufnehmen werde.

Der Feldherr, dessen edles Wesen, dessen Geist und Gerechtigkeit sein Vater hochgeschätzt hatte, war auch ihm wie das Ideal edler Männlichkeit erschienen, und wenn er ihn mit den vornehmen Beamten und Truppenführern verglich, die er am byzantinischen Hofe gesehen, mußte er lächeln. Sie verhielten sich alle zu diesem würdigen und dabei doch lebensvollen und warmherzigen Manne wie die alten, steifen Götterbilder seiner Vorfahren zu den frei gebildeten Gestalten der griechischen Kunst.

Jetzt segnete er das Andenken seines Vaters, der seine Heimat von der Herrschaft dieser entarteten Brut befreit hatte. Heute, das wußte er, würde der Verstorbene, dessen Bildnis wie lebend vor seiner Seele stand, mit ihm zufrieden sein, und das verlieh ihm eine Glücksempfindung, die er festhalten und durch sein ganzes künftiges Thun und Denken steigern wollte. »Das Leben ein Amt, ein Dienst, eine Verpflichtung,« dies Losungswort aus dem teuersten Munde sollte ihn auf dem neuen Weg erhalten, und wie hoffte er, seiner selbst gewiß, bald auf männliche Thaten blicken zu können, die ihm vor sich selbst das Recht verliehen, des edelsten Weibes Geschick an das seine zu knüpfen!

Von solchen Gedanken erfüllt, hatte er sich dem Hause des Rufinus genähert. Im obern Stocke desselben waren die Fenster des Eckzimmers erhellt, von denen zwei auf die Nilstraße und den Strom hinausschauten. Er wußte nicht, welche Räume Paula bewohnte, aber er schaute doch mit der unbestimmten Ahnung, daß dieses späte Licht ihr leuchte, nach oben, und die weibliche Gestalt, welche jetzt in der hellen Fensteröffnung erschien, lehrte ihn, daß er sich nicht getäuscht habe; denn er erkannte in ihr Paulas Amme Perpetua. Der Hufschlag hatte die Neugierige ans Fenster gerufen, aber sie schien ihn im matten Licht der sternhellen Nacht nicht zu erkennen.

In langsamem Schritt ritt er weiter, und als er bald darauf umkehrte und in der Hoffnung, diesmal die Geliebte am Fenster zu finden, aufwärts schaute, fand er es leer; doch bemerkte er einen langen dunklen Schatten, der sich von der einen Seite des Zimmers nach der andern bewegte, und der weder der Amme noch ihrer schlanken Gebieterin angehören konnte. Es mußte der eines ungewöhnlich hochgewachsenen Mannes sein, und wie er anhielt und, diesmal beunruhigt und von peinlichen Empfindungen beherrscht, wiederum in die Höhe blickte, erkannte er deutlich den Arzt Philippus.

Mitternacht war vorüber. Wie sollte er sich erklären, daß Paula zu dieser Stunde ihn empfing?

War sie erkrankt?

War dies Zimmer doch nicht das ihre?

Befand sich die Amme nur zufällig mit ihr und dem Arzt in einem Wohnraum des Rufinus?

Aber nein!

Die Frau, welche jetzt an dem Fenster vorbei und mit ausgestreckter Hand gerade auf den Schatten des Mannes losging, war des Thomas Tochter und keine andere!

Das Herz schlug ihm längst schneller, und eine Besorgnis, welche seine Eitelkeit bis dahin nicht hatte aufkommen lassen, obgleich er schon mehrmals Zeuge des freundlichen Einvernehmens gewesen, welches zwischen Paula und dem Arzte herrschte, begann ihn zu ergreifen.

Vielleicht hatten doch mehr als Freundschaft und harmloses Zutrauen das Mädchen veranlaßt, den Schutz und die Dienste dieses Mannes so rückhaltlos in Anspruch zu nehmen. Konnte er Paulas Herz, ihre Liebe gewonnen haben?

War das möglich?

Und warum denn nicht?

Was gab es an Philippus auszusetzen als sein unschönes Gesicht und seine niedrige Geburt? Aber wie viele Frauenherzen hatte er sich über ganz andere Dinge hinwegsetzen sehen! Der Arzt war kaum fünf Jahre älter als er, und wie Orion sich die Blicke vergegenwärtigte, mit denen jener Paula heute morgen angeschaut hatte, wuchs seine Unruhe.

Philippus liebte Paula!

Ein kleiner Umstand, der ihm plötzlich einfiel, genügte dem in solchen Dingen nur zu wohl Erfahrenen, dies für gewiß anzusehen. Schon gestern war es ihm aufgefallen, daß Philippus sich seit dem Tode seines Vaters, das heißt seit Paulas Uebersiedlung in das Haus des Rufinus, viel sorgfältiger gekleidet hatte als früher. »Dergleichen Verwandlungen,« dachte er, »nimmt ein so ernster Mann nicht mit sich vor, wenn ihn nicht Liebe dazu veranlaßt.«

Ein quälendes Gemisch von Angst und Zorn überfiel ihn, wie er wiederum den langen Schatten am Fenster erscheinen sah.

Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er die Qual der Eifersucht, welche er an Freunden oft genug belächelt hatte; doch war es nicht thöricht, sich von ihr martern zu lassen; durfte er nicht seit heute morgen sicher auf die Geliebte bauen? Und dieser Philippus! Wenn er, Orion, vor einem höheren Richter auch hinter ihm zurücktreten mußte, vor einem Frauenherzen war er ihm gewiß überlegen! Und trotz alledem peinigte es ihn, den Arzt zu dieser Stunde bei Paula zu wissen, und unwillig riß er das Roß herum, und es gereichte ihm zur Lust, daß das edle, feurige Tier der ungewohnten rohen Lenkung Widerstand leistete und hundert Schritte hinter den verwünschten erleuchteten Fenstern die ganze Tücke und Aufsässigkeit wiederfand, welche man ihm als Fohlen ausgetrieben hatte. Orion mußte einen förmlichen Kampf mit dem Hengst bestehen, und es that ihm gut, ihm mit Zaum und Schenkel seine Uebermacht zu zeigen. Wohl drehte sich der Hengst im Kreise herum, wohl stieg er mit ihm in die Höhe; aber der kräftige Reiter ward seiner Herr, und nachdem er ihn zum Stillstehen und Gehorsam gezwungen, klopfte er ihm den glatten Hals und schaute sich aufatmend um.

Neben ihm ragten über die niedrige Hecke hinaus die dichten, dunklen Laubgruppen des Gartens der Witwe Susanna, und hinter ihnen schimmerte aus der der Nilstraße zugewandten Rückseite ihres Hauses noch helleres Licht als aus Paulas Wohnung. Von drei Fenstern her strahlte es in den Garten, aus zweien drang nur matter Schimmer, vielleicht das Licht einer einzelnen Lampe.

Das alles konnte ihm gleichgültig sein, indessen blieb sein Blick dennoch an dem Dach des Säulenganges haften, der sich unter dem oberen Stockwerk hinzog; denn auf demselben stand, dicht an den Rahmen des einen der erleuchteten Fenster geschmiegt, eine kleine Frauengestalt, die den Kopf beim Horchen so weit vorgestreckt hielt, daß das Licht durch die Locken schimmerte, die es umwallten.

Katharina belauschte das Gespräch, das der Patriarch Benjamin, dessen bärtigen Apostelkopf Orion wohl erkennen konnte, mit dem Presbyter Johannes führte, einem kleinen, unscheinbaren Mann, dem Orions Vater indessen das Zeugnis gegeben, daß er den alten Bischof Plotin an Geist und Thatkraft hoch überrage.

Es wäre dem Jüngling ein leichtes gewesen, jeder Bewegung Katharinas zu folgen, doch hielt er es nicht der Mühe wert. Dennoch trat ihm beim Weiterreiten des Bachstelzchens Bild vor das innere Auge; aber es blieb nicht allein; denn das der Geliebten stellte sich sogleich daneben hin, und je kleiner ihm jenes erschien, zu desto herrlicherer Größe wuchs dieses heran. Jedes Wort, das er heute früh von Paulas Lippen vernommen, eilte ihm wieder ins Gedächtnis zurück, und die schöne, lebendige Erinnerung verdrängte jede Besorgnis. Das Weib, welches sich noch diesen Morgen bereit erklärt hatte, mit ihm zu hoffen, ihm alles zu glauben, seinen Schutz anzunehmen, die hohe Jungfrau, der er gern gestattet, die Ziele seines künftigen Lebens mit ihm ins Auge zu fassen, deren reiner Blick seine Leidenschaft, sein Ungestüm wie mit Zaubermacht in Schranken gehalten und ihm dennoch das Recht eingeräumt, nach ihrem Besitz zu streben, das stolze Heldenkind, welches sein Vater gern als Tochter ans Herz geschlossen hätte, war es möglich, daß sie ihn wie eine gefallsüchtige Hauptstadtschöne hinterging? Konnte sie je ihrer Frauenwürde vergessen?

Nein, tausendmal nein!

An ihr zweifeln, hieß sie beleidigen, war ein Unrecht gegen sie und sich selbst.

Der Arzt liebte sie, doch was sie auch veranlaßte, ihn so spät zu empfangen, eine andere als freundschaftliche Neigung war es gewiß nicht. Schande über ihn, wenn er dem niedrigen Verdacht von vorhin noch einmal Raum gab in seiner Seele!

Wie erlöst atmete er auf, und nun erschien sein Diener, der bei der Zahlung des Brückenzolls aufgehalten worden war. Sogleich sprang er ab und befahl ihm, das Pferd nach Hause zu führen; denn es verlangte ihn, zu Fuß und durch nichts gestört seinen Gedanken nachzuhängen. Bald wandelte er denn auch sinnend unter den Sykomoren hin, und noch war er nicht weit gekommen, als er auf der andern Seite des menschenleeren Verkehrsweges lange und schnelle Schritte nahen und endlich hinter sich her und an sich vorbeieilen hörte.

Ein Blick hinüber ließ ihn in dem nächtlichen Wanderer den Arzt Philippus erkennen, und er freute sich dieser Begegnung; denn sie lehrte ihn, wie thöricht und schmählich seine Zweifel gewesen, wie wenig Grund er habe, in dem Arzt einen Nebenbuhler zu sehen; denn der Mann da drüben sah nicht wie ein Glücklicher aus! Mit gesenktem Kopf, wie von einer Last niedergebeugt, eilte er vorwärts, und jetzt faßte er sich gar wie ein Verzweifelnder an die Stirn.

Nein, hinter diesem schnellen nächtlichen Wanderer lag keine selige Stunde, und wenn sein Verhalten etwas herausforderte, war es nicht Neid, sondern Mitleid.

Der Arzt bemerkte ihn nicht; denn tief in sich gekehrt eilte er weiter und stöhnte dabei dumpf und schmerzlich auf. Für wenige Minuten kehrte er in einem Hause ein, aus dem laute Klagerufe schollen, und als er den Weg fortsetzte, schüttelte er von Zeit zu Zeit den Kopf wie einer, der mancherlei vor seinen Augen sich abspielen sieht, wofür das Verständnis ihm mangelt.

Das Ziel seiner Wanderung war ein großes, palastähnliches Gebäude. Sein Bewurf war zum Teil abgefallen, und in seinem oberen Stockwerk hatten sich die Fenster zu großen, an den Seiten ausgebrochenen Oeffnungen erweitert. Vormals hatte dies Haus die Finanzbehörden der Stadt und des Kreises beherbergt und seine unteren Räume waren für den Ideologen, den obersten Beamten dieses Verwaltungszweiges, welcher gewöhnlich in Alexandria residirte, aber sich bei seinen Inspektionsreisen oft wochenlang in Memphis aufhielt, schicklich und bequem eingerichtet gewesen. Doch die Araber hatten die Leitung der Finanzen des ganzen Landes nach der neuen Hauptstadt Fostat jenseits des Stromes verlegt, und die des herunterkommenden Ortes war mit der Statthalterei verbunden worden. Der Senat von Memphis hatte es zu kostbar gefunden, das große Bauwerk abzutragen, und war froh gewesen, für die unteren Räume in dem Arzt Philippus und dem Aegypter Horus Apollon Mieter zu finden.

Beide Gelehrte wohnten zwar in besonderen Räumen, doch standen dieselben Sklaven dem gemeinsamen Hauswesen vor und hatten auch dem Gehilfen des Philippus, einem bescheidenen und wohlunterrichteten Alexandriner, Dienste zu leisten.

Als der Arzt den hohen und weiten Arbeitssaal seines greisen Freundes betrat, war dieser noch wach und saß hinter einer großen Zahl von ausgebreiteten Schriftrollen so ganz vertieft in die Arbeit, daß er den spät Heimkehrenden erst flüchtig bemerkte, als ihm dieser den Abendgruß zurief. Die Antwort darauf bestand nur aus einem undeutlichen Gemurmel, und noch mehrere Minuten später blieb der Alte tief in seine Schriften versenkt; endlich aber wandte er Philippus das Antlitz zu und warf dabei das Elfenbeinstäbchen, womit er die Papyrusrollen auseinanderlegte und glättete, ungeduldig auf den Tisch, und sogleich begann sich unter demselben eine dunkle Masse, der längst entschlummerte Sklave des Greises, zu regen.

Die drei Lampen auf dem Schreibtisch setzten den Alten und seine Umgebung in helles Licht, während der Arzt, der sich auf ein Polster im Hintergrunde des großen Raumes niedergeworfen, im Dunkeln verblieb.

Was den nächtlichen Arbeiter aufschreckte, war das ungewohnte Schweigen des Heimgekehrten: es störte ihn wie den Mühlenbewohner der Stillstand der klappernden Räder. Jetzt blickte er erstaunt und fragend nach dem Freunde hin, doch dieser blieb stumm, und nun wandte der Alte sich wieder seinen Schriftrollen zu. Dennoch mußte er um die nötige Sammlung gekommen sein; denn seine bräunliche Hand, auf der die Adern wie blaue Stricke und Fäden lagen, schob bald die Rolle, bald den Elfenbeinstab hin und her, und sein eingefallener Mund, der vorher fest geschlossen gewesen, blieb in steter Bewegung.

Die ganze Erscheinung dieses Mannes bot einen seltsamen, wenig erfreulichen Anblick; denn seine hagere, bräunliche Gestalt war vom Alter gebeugt, sein echt ägyptisches Gesicht mit den breiten Backenknochen und hochstehenden Ohren gefurcht und faltig wie Eichenrinde, sein Schädel hatte das letzte Haar verloren, und sein Antlitz war zwar frisch rasirt, doch wuchsen an Stelle des Bartes, wie Gesträuch, das aus dem engen Bette eines Baches hervorlugt, graue Haarstreifen, die in den tiefen Falten an Kinn und Wangen wurzelten; das fleißige Schermesser hatte ihnen dort nicht beikommen können, und sie gaben dem ganzen Gesicht ein unordentliches, ungepflegtes Ansehen. Dem entsprach auch die Kleidung des Greises, wenn der linnene Schurz und das weiße Tuch, welches seit dem Untergang der Sonne über seinen nackten Schultern hing, überhaupt diesen Namen verdiente, und doch würde ihn auf der Straße niemand für einen Bettler gehalten haben; denn das Linnen, welches er trug, war fein und schneeweiß, und aus seinen weit hervorquellenden Augen, über denen gerade in der Mitte kleine, aber lange, borstige Brauenbündel wunderlich aufschossen, leuchtete und blitzte ein heller Geist, starkes Selbstbewußtsein und eine abweisende Härte, die dem Almosenempfänger ebensowenig zugekommen wäre wie der energische, oft höhnische Zug, welcher an dem Munde dieses Mannes eine Heimstätte gefunden. Nichts Liebenswürdiges, nichts Gefälliges und Weiches lag in den Zügen dieses alten Menschen, und wer sein Leben kannte, durfte sich nicht wundern, daß die Jahre nicht vermocht hatten, seine Schroffheit und herbe Widerstandslust zu schmelzen oder sie gar in jene freundliche Nachsicht zu verwandeln, in deren Uebung das Alter, das so oft gestrauchelt ist und so viel fallen gesehen hat, sich häufig gefällt.

Er war vor achtzig Jahren auf der schönen Nilinsel Philae, jenseits des Katarakts im Bezirk des Isistempels, geboren, bei dem einzigen ägyptischen Heiligtum, worin heidnische Dienste bis in die Knabenzeit des Horus, und noch dazu öffentlich, geübt werden konnten. Seit dem großen Theodosius hatte ein Kaiser, ein Praefectus Augustalis nach dem andern Fußgänger und Reiter den Katarakt überschreiten lassen, um der Abgötterei auf der lieblichen Nilinsel ein Ende zu machen; aber sie alle waren von den tapferen Blemmyern, welche in dem Wüstenlande zwischen dem Strom und dem Roten Meere hausten, zum Rückzug gezwungen oder vernichtet worden, denn dies unruhige Wandervolk erkannte die Isis von Philae als seine Schutzgöttin an und infolge eines alten Vertrages wurde das Bild ihrer Patronin von ihrer Priesterschaft alljährlich in feierlichem Aufzug den Blemmyern zugeführt und durfte auch einige Wochen in ihrer Mitte verweilen.

Des Greises Vater war der letzte Horoskop und sein Großvater der letzte Oberpriester der Isis von Philae gewesen. Seine Knabenzeit hatte er noch auf dem Eilande der Göttin verlebt, dann aber war es einer kaiserlichen Legion gelungen, die Blemmyer zu schlagen, die Insel zu umzingeln und das Heiligtum auszuplündern und zu schließen. Die Isispriester entkamen den byzantinischen Häschern, und Horus Apollon hatte seine ganze Jugend mit Vater, Großvater und zwei jüngeren Schwestern auf der Flucht zugebracht, überall von schweren Gefahren bedroht. Haß gegen die Verfolger, die frevelhaften Verächter und Vernichter des Glaubens seiner Väter, war die Kost gewesen, mit der man sein jugendliches Gemüt genährt hatte, und dieser Haß sollte sich bis zur bittersten Unversöhnlichkeit steigern, nachdem zu Antiochia die Seinen von den kaiserlichen Soldaten überfallen und sein Großvater nebst seinen beiden unschuldigen Schwestern niedergemacht worden waren. Auf Anstiften des Bischofs, welcher in der fremden Familie ägyptische Götzendiener erkannt und dem der kaiserliche Präfekt, ein übermütiger und stolzer Patricius, die bewaffnete Macht willig zur Verfügung gestellt hatte, war das Entsetzliche geschehen. Nur einem Zufall oder, wie der Alte meinte, der »großen Isis« war es zu danken, daß sein Vater mit ihm und den Kostbarkeiten glücklich entkam, die der alte Oberpriester aus dem Tempelschatze mit sich genommen. So fehlte es ihnen nicht an Mitteln, unter fremdem Namen zu reisen und sich endlich in Alexandria niederzulassen.

Der verfolgte Jüngling verwandelte hier seinen Namen Horus in die griechische Gestalt desselben und hieß von nun an im Hause und in der Schule Apollon. Die reichen Lehrmittel der Stadt Alexanders benutzte der begabte Jüngling mit feurigem Eifer, tief und rastlos drang er in jedes Gebiet des griechischen Wissens ein und erwarb dabei unter Leitung des Vaters alle Kenntnisse eines ägyptischen Horoskopen, die dieser späten Zeit doch noch nicht verloren gegangen.

Mitten unter den Christen der Hauptstadt und ihren Glaubensstreitigkeiten blieben Vater und Sohn Heiden und Isisdiener; und als der alte Priester hochbetagt starb, siedelte Horus Apollon nach Memphis über, wo er ein stilles, zurückgezogenes Forscherleben führte und sich nur bisweilen auf der Sternwarte unter die Astronomen, Astrologen und Kalendermacher mischte oder die Laboratorien der Alchemisten besuchte, welche auch im christlichen Aegypten dem Bestreben, unedle in edle Metalle zu verwandeln, eifrig ergeben blieben.

Scheidekünstler und Himmelskundige erkannten bald die überlegenen Kenntnisse des Alten und suchten trotz seines galligen und oft verletzend abweisenden Wesens bei schwierigen Fragen seinen Rat. Auch zu den Arabern war sein Ruf gedrungen, und da es galt, der Gebetnische in der neuen Moschee des Amr die rechte Richtung nach Mekka zu geben, ward er um seine Beihilfe ersucht, und sein Rat gab den Ausschlag.

Der Arzt Philippus war vor einigen Jahren an das Krankenbett des Alten berufen worden und hatte ihm, weil die Kunst des Anfängers damals noch von wenigen in Anspruch genommen wurde, seine beste Zeit und Kraft gewidmet. Dabei war Horus Apollon durch die tiefe Bildung und den ernsten Forschersinn des jungen Gelehrten angezogen worden und hatte bald warme Zuneigung für ihn gefaßt, die wärmste, welche seit dem Tode der Seinen einem Mitmenschen von ihm zugewandt worden war. Endlich schloß der ältere den jüngeren Mann mit solcher Zärtlichkeit ins Herz, als beeifere sich dieses, das wieder gut zu machen, was es an Liebesspenden bis dahin verabsäumt hatte. Fester und hingebender als er an dem Arzte konnte kein Vater an dem Sohne hängen, und als ihn ein Rückfall wiederum dem Tode nahe brachte, machte er Philippus zu seinem Vertrauten, entrollte vor ihm das Bild seines äußern und innern Lebens von Anfang an und versprach ihm, ihn zum Erben einzusetzen, wenn er sich verpflichte, bei ihm auszuhalten bis ans Ende.

Philippus, dem der greise, geistvolle Forscher von vornherein die größte Teilnahme eingeflößt hatte, ging auf dessen Vorschlag ein, und nachdem auch er den Studien des Alten näher getreten war und sich zuweilen an ihnen beteiligt hatte, forderte dieser ihn auf, ihm ein Werk vollenden zu helfen, das er vor seinem Tod abzuschließen wünschte. Es handelte über die Hieroglyphenschrift und sollte die Bedeutung ihrer einzelnen Zeichen, so weit sie sich noch feststellen ließ, erklären und auf die Nachwelt bringen.

Der Greis, welcher nur ägyptisch zu schreiben liebte und es ungern und ungelenk auf griechisch that, vertraute dem jungen Freunde die Uebertragung seiner Aufzeichnungen in diese Sprache an, und das Zusammenleben dieser beiden, an Alter und Wesen so verschiedenen, doch in Bezug auf geistige Bestrebungen verwandten Männer gestaltete sich trotz der mancherlei Sonderbarkeiten, der Schroffheit und Härte des Greises zu einem für beide Teile angenehmen und förderlichen.

Horus Apollon lebte in der Weise eines altägyptischen Priesters, indem er sich vielen Waschungen und Scherungen unterwarf, wenig anderes genoß als Brot, Gemüse und zahmes Geflügel, sich der Hülsenfrüchte und des Fleisches aller Vierfüßler, nicht nur der schon seinen Vorfahren verbotenen Schweine, enthielt, sich keiner anderen als reiner leinener Gewänder bediente und gewisse Stunden zur Hersagung jener heidnischen Gebetsformeln innehielt, deren magische Kraft die Götter zwingen sollte, den sie Anrufenden den Willen zu thun.

Wie der Alte dem Philippus sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, so verbarg ihm dieser nichts, was in ihm vorging, und that er es einmal, so fühlte es jener mit wunderbarem Scharfblick heraus.

Der Arzt hatte dem väterlichen Freund oft von Paula gesprochen und ihm ihre Vorzüge mit der ganzen Wärme eines liebenden Herzens geschildert, doch der Alte war ihr von vornherein abgeneigt gewesen, zunächst wohl als der Tochter eines Patricius und Präfekten. Was diesen Titel nur immer führte, war für ihn ein Gegenstand des Hasses; trug doch ein Präfekt und Patricius die Schuld an dem blutigen Ende derer, die er am meisten geliebt hatte. Zwar hatte der Statthalter von Antiochia nur im Auftrage des Bischofs gehandelt; doch es gefiel dem Alten und hatte ihm und seinem Vater von Anfang an gefallen, alle Schuld auf den Präfekten zu wälzen; denn den Abkömmlingen eines uralten Priestergeschlechtes war es willkommen, die ganze Fülle ihres Grolles auf einen andern als den Diener gleichviel welcher Gottheit übertragen zu dürfen.

Wenn Philipp Paulas stolze Größe, ihr vornehmes Wesen, die Hoheit ihrer Gestalt und Gesinnung pries, fuhr der Alte auf und rief wohl: »Das, eben das! Hüte Dich, hüte Dich, Knabe! Hochmut, Dünkel, Selbstüberhebung bezeichnest Du verblendet mit den edelsten Namen. Das Wort Patricius faßt alles in sich, was wir uns unter Selbstüberhebung und Unmenschlichkeit denken, und die schlimmsten, kaltherzigsten, habgierigsten unter ihnen machen die Affen im Purpur, die den Cäsarenthron schänden, zu ihren Präfekten. Wie sie selbst, so ihre Brut! Niedergetreten, in den Staub geworfen wird von ihnen, was sie in ihrem Dünkel ›klein‹ nennen; wir aber, wir, Du und ich, alles, was arbeitend im bürgerlichen Leben die Hände regt, wir sind vor ihren blöden Augen die verachteten Kleinen. Merke Dir's, Knabe! Heute lächelt die Statthalters, die Patriciustochter Dir zu, weil sie Dich braucht, morgen wirft sie Dich fort, wie ich mein altes Pantherfell, das mir im Winter die Füße wärmt, wegstoße, wenn die heißen Märztage kommen!«

Nicht weniger abgeneigt als der Tochter des Thomas war er dem Sohne des Mukaukas, den er doch niemals gesehen, und als der Arzt ihm erzählt hatte, ein wie tiefer Groll gegen Orion sich des Herzens seiner Freundin bemächtigt, war der Greis in ein höhnisches Kichern ausgebrochen, und als besitze er die Fähigkeit, in den Herzen zu lesen und in die Zukunft zu schauen, hatte er gerufen: »Das beißt sich jetzt, und in drei Tagen wird es sich küssen! Haß und Liebe sind die Endpunkte des gleichen Stabes. Wie leicht dreht er sich um! Diese beiden! Gleiches Blut, gleiche Art! So etwas strebt auf einander zu wie der Magnet auf das Eisen, wie das Eisen auf den Magnet.«

Aber diese und ähnliche Mahnungen hatten auf die Gefühle des Arztes nur wenig Einfluß geübt, und selbst durch die Abweisung seiner feurigen Werbung nach Paulas Einzug in das Haus des Rufinus war seine Hoffnung, sie endlich doch zu gewinnen, nicht völlig erschüttert worden. Heute früh bei der Verhandlung um die Anlegung des Vermögens der Geliebten war Paula freudig bereit gewesen, ihn zu ihrem Kyrios, ihrem Vertreter vor Gericht, ihrem Vormund, anzunehmen; aber aus manchem Anzeichen meinte er unter schwer zu ertragender Pein wahrgenommen zu haben, daß sein greiser Freund recht gesehen, daß der Stab sich umgekehrt und in der Jungfrau Herzen der Haß sich in Liebe verwandelt habe.

Dennoch hatte sich Paula noch nie so liebenswürdig warm gegen ihn gezeigt, hatte er ihre Stimme im Gespräch mit ihm noch nie so weich und herzlich klingen hören wie heut Abend im Garten des Freundes. Heiterer, gesprächiger denn je, war sie nicht müde geworden, sich an ihn zu wenden, und dabei hatte er nach und nach Besorgnis und innere Pein schwinden und endlich die eigene Empfindungswelt neu erblühen, das eigene geistige Vermögen wachsen fühlen. Ja, schöner und besser meinte er seinen Gedanken nie Ausdruck gegeben zu haben als in diesen jüngst vergangenen Stunden. Sie hatte auch mit ihrem Beifall nicht zurückgehalten, war freudig auf jeden seiner Sätze eingegangen, und wie er sich eine halbe Stunde vor Mitternacht mit ihr zu den Kranken begeben, hatte sich neue wonnige Hoffnung frisch grünend in ihm erhoben. Glückselig und wie berauscht war er ihrem Wunsche nachgekommen, sie auf ihr Wohnzimmer zu begleiten, und da, dort . . .

Armer, enttäuschter Mann auf dem Polster in der dunklen Ecke des weiten Arbeitsraumes, in dem der Geist bisher das große Wort geführt hatte, und die Stimme des Herzens niemals befragt worden war!

Wie er den Weg dahin gefunden, er wußte es selbst nicht mehr. Gegenwärtig war ihm nur noch, daß er, der Pflicht gehorchend, in das Haus eines Memphiten getreten, dessen Weib, die Mutter vieler Kinder, am Nachmittag dem Tode nahe gewesen, daß er dort eine Leiche und viele laut und aufrichtig klagende Menschen gefunden, daß er mit ihrem und dem eigenen Weh im Herzen heimwärts gewankt war, und dann sich nicht in sein Quartier, sondern in das des greisen Freundes begeben hatte, um sich vor sich selbst in Sicherheit zu bringen. Das Leben hatte jeden Reiz, jeden Wert für ihn verloren; doch er schämte sich, daß er sich von einem Weibe den schönen Zielen seines Daseins so ganz entfremden, daß er sich von ihm die Freudigkeit zerstören ließ, deren er bedurfte, um seinen Beruf auch fürderhin im Sinne seines Freundes Rufinus zu erfüllen. Er kannte seinen alten Hausgenossen und wußte, daß er Lauge in seine Wunden gießen werde, aber das war ihm eben recht. Paulas Bild hatte der Greis schon oft zu verderben und von seinem hohen Postament zu stürzen gesucht, aber immer vergebens, und es sollte ihm auch jetzt nicht gelingen! Verderben, in den Staub ziehen, in alle Winde zerstreuen lassen wollte er nur die glühende Leidenschaft, das heiße Verlangen nach ihr, das seit der Nacht, in der er den wütenden Masdakiten gebändigt, in seinen Adern brannte. Der Greis dort am Tische, dessen strenge, unfreundliche Züge die drei Lampen so hell erleuchteten, war ganz der Mann, dies Vernichtungswerk auszuführen, und Philippus wartete auf seine ersten Worte wie ein Kranker auf den Arzt, der das Glüheisen ins Feuer hält, womit er ihm die Wunde ausbrennen will.

Armer, enttäuschter, der Heilung bedürftiger Mensch!

Da lag er auf dem Diwan und sah, wie der andere über die Schriftrolle hinweg zu ihm hinlugte und horchte und sich dabei in dem großen Lehnsessel hin und her schob.

Philippus' Schweigen beunruhigte den Alten sichtlich, und der Arzt sah es den spitzen Wimperbüscheln, die sich über den Augen des Greises in die Höhe schoben, an, daß er sich seine eigenen Gedanken machte, die gewiß das Rechte trafen. Bald mußte das Schweigen gebrochen werden, und Philipp erwartete den Angriff. Das Schlimmste hinzunehmen war er bereit, aber wie hätte er es über sich gebracht, dem Peiniger sein Werk zu erleichtern!

So vergingen lange Minuten, und wie der Arzt auf die Anrede des Alten, so wartete dieser auf sein erstes Wort. Doch die Ungeduld und Neugier des Greises waren mächtiger als das Verlangen des jüngern Mannes nach Heilung, und plötzlich ließ jener die Schriftrolle sinken, ergriff mit einer unwillkürlichen Bewegung das Elfenbeinstäbchen, das er vorhin von sich geschleudert, gab dem schweren Stuhle mit einem für sein hohes Alter erstaunlich kräftigen Ruck eine neue Richtung, wandte Philippus das volle Gesicht zu und fragte laut und indem er mit dem Stabe wie drohend auf ihn hinwies:

»Der Schluß des Spieles? He? Und ein Tragödienende?«

»Kaum; denn ich lebe noch!« entgegnete der Arzt.

»Aber es blutet da drinnen, und die Wunde thut weh!« sagte der Alte und fuhr nach kurzem Bedenken fort: »Wer nicht hören will, muß fühlen! Man hatte dem Fuchse die Angel gewiesen, aber der Köder war gar zu verlockend! Gestern wär' es noch Zeit gewesen, das Eisen vom Fuße zu streifen, man hätte nur ernstlich zu wollen brauchen, war man doch von der grausamen Tücke des Jägers wohl unterrichtet! Nun ist er gekommen, hat, was er an Waffen besitzt, nicht geschont, und da liegt das Wild stumm vor Schmerz und Scham und verwünscht die eigene Narrheit. Man scheint mir heute das Schweigen zu lieben. Soll ich Dir etwa erzählen, wie das alles gekommen?«

»Ich weiß es nur zu genau selbst,« entgegnete Philippus.

»Doch ich, ich kann mir's freilich nur denken!« murrte der Alte. »So lange die Patriciusdirne das arme Arbeitstier brauchte, hat sie es an sich gezogen und ihm Gerste und Datteln vorgeworfen. Nun schwimmt sie im Golde, wohnt unter einem sichern Dache, und heidi! Flugs wird dem ausgenutzten Beschützer der Laufpaß gegeben, und wie der Himmel die Sonne aufgehen läßt, wenn der blasse Mond hinter den Bergen verschwindet, setzt diese Gebieterin über die Herzen unseres schwächlichen, freiheitssatten Geschlechtes an die Stelle des armen, langaufgeschossenen Arztes den reichen Adonis aus der Statthalterei! Wenn's anders gekommen ist, strafe mich Lügen!«

»Daß ich's könnte!« seufzte Philippus. »Du hast recht gesehen, wunderbar recht und doch so falsch wie nur möglich.«

»Dunkel!« versetzte der Greis gelassen. »Aber ich sehe auch in der Nacht. Die Thatsache steht fest, doch Du bist noch verblendet genug, die Beweggründe nicht gelten zu lassen. Es genügt mir übrigens, daß Deine Verirrung ein so ›glückliches‹, meinetwegen auch nur ein so ›schnelles‹ Ende gefunden; die Veranlassung – ein Weib, wie gewöhnlich – ist mir gleichgültig geworden. Warum sollt' ich ihm ohne Not schlimmeres zutrauen, als es begangen? Schon Deinetwillen vermeid' ich dies gern; denn anständige Seelen hängen sich an diejenigen, denen sie Unrecht zufügen sehen. Doch das Reden ist, dächt' ich, an Dir, nicht an mir; auch ohne Dein beharrliches Schweigen weiß ich, daß Du Philosoph bist, und was mich betrifft, bin ich noch immer nicht ganz ohne Neugier, trotz meiner achtzig!«

Da erhob sich Philippus schnell, und während er bald in dem weiten Raum auf und nieder ging, bald vor dem Alten stehen blieb, erzählte er ihm mit glühenden Wangen und lebhaften Gesten, was er gehofft und gelitten; wie Paula ihn vorhin mit neuer Zuversicht erfüllt und ihn dann in ihre Wohnung entboten habe – um ihn tief bewegt, überrascht über sich selbst, und doch nicht fähig und Willens, die Glückseligkeit zu verbergen, die sie erfüllte, in ihrem Herzen lesen zu lassen. Wie sich eine bange Seele dem Priester erschließt, habe sie ihm, ihrem besten Freunde, eröffnet, was seit dem Leichenbegängnis des verstorbenen Mukaukas in ihrem Herzen vorgegangen, und daß sie nun überzeugt sei, Orion habe nach seinem schweren Fehl sich selbst wiedergefunden.

»Und darüber hat es,« unterbrach ihn der Alte, »so große Freude gegeben im Himmel, daß man es gar nicht erwarten konnte, dem abgesetzten Liebhaber die Wohlthat zu erweisen, ihn mit daran teilnehmen zu lassen.«

»Unter schweren Kämpfen hat sie mir vielmehr bekannt, was das Herz von ihr fordert; ja, obwohl sie nichts als Spott, Warnungen, Vorwürfe von mir erwarten durfte, erschloß sie mir dennoch ihr Inneres.«

»Und warum, zu welchem Zweck?« kreischte der Alte. »Soll ich Dir's sagen? Weil ein Freund immer noch ein halber Liebhaber ist, und die Weiber auch nicht das Viertel eines solchen einbüßen mögen.«

»Mit nichten!« fiel ihm Philipp zurückweisend ins Wort. »Sie hat es gethan, weil sie mich schätzt, mich achtet, mir – ich bin nicht eitel – wie einem Bruder zugethan ist und es nicht ertragen konnte, meine Neigung – das sind ihre eigenen Worte – auch nur eine Stunde lang irre zu führen! Das ist edel, ist groß, ist ihrer würdig, und so sehr sich auch alles, was in mir ist, dagegen sträubte, sah ich mich doch gezwungen, ihre Wahrhaftigkeit, ihre treue Freundschaft, ihre Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und ihr weibliches Zartgefühl zu bewundern! Nein, unterbrich mich nicht wieder, spotte jetzt nicht! Es ist nichts Kleines für eine stolze, sich ihrer Würde bewußte Jungfrau, die Schwäche ihres Herzens vor einem Manne, von dem sie sich geliebt weiß, so bloßzulegen, wie sie es vorhin gethan hat. Ihren Wohlthäter nannte sie mich, sich selbst meine Schwester, und welche Beweggründe Du, der Du sie um eines alten Vorurteils willen hassest, ohne sie nur zu kennen, ihrer Handlungsweise auch unterschieben magst, ich, ich glaube ihr und verstehe sie auch. Konnte ich anders, als in die Hand einschlagen, die sie mir bot, da sie mich mit feuchten Augen bat, anflehte, ihr Freund, ihr Beschützer, ihr Kyrios zu bleiben! Und doch, doch! Wo soll ich die Kraft hernehmen, nichts anderes von ihr zu begehren, von ihr, zu der mich glühende Leidenschaft hinreißt, als einen freundlichen Blick, einen Druck der Rechten, ein verständiges Eingehen auf das, was ich sage? Wie soll ich Fassung, Ruhe, Selbstbeherrschung bewahren, wenn ich sie in den Armen des schönen Halbgottes sehe, den ich noch gestern als nichtswürdigen Buben verachtet? Welches Eis kühlt die Glut dieses brennenden Herzens? Welche Lanze durchbohrt den Drachen der Leidenschaft, der hier wütet? Bis an die Grenze eines Menschenalters ist dies Herz gelangt, ohne sich auch nur nach jener Liebe zu sehnen, von der unsere Dichter singen. Nur durch sie oder die Klage eines Freundes, dessen Schwäche mir leid that, hab' ich dergleichen Gefühl kennen gelernt, und nun, jetzt, da die Liebe mich so spät mit ihrer ganzen unbesiegbaren Gewalt überfallen, unterjocht, in Banden geschlagen, wie soll, wie kann ich mich von ihr befreien? Hier, Du treuer Mann, der Du mich Deinen Sohn heißest, von dem ich es gern höre, wenn er mich ›Knabe‹ und ›Kind‹ nennt, der mir den früh verstorbenen Vater ersetzt, hier bleibt mir nur das eine übrig, Dich und diese Stadt zu verlassen, aus ihrer Nähe zu fliehen, mir eine neue Heimat zu suchen, fern von ihr, mit der ich glücklich wie die Seligen im Paradies hätte sein können, und die mich nun noch elender gemacht hat als die Verdammten im ewigen Feuer! Fort, fort will ich, muß ich, wenn Du, der so vieles kann, mich nicht lehrst, diese Leidenschaft töten oder sie umwandeln in kühle, brüderliche Freundschaft.«

Dabei schlug Philipp, der dem Alten ganz nahe stand, die Hände vor das Antlitz; der aber war bei den letzten Worten seines Lieblings mit jugendlicher Spannkraft in die Höhe geschnellt, zog ihm jetzt mit einem heftigen Handgriff die Rechte vom Antlitz und rief heiser und außer sich vor Empörung und tiefer Besorgnis:

»Und das, das sagst Du im Ernst? So tief in die Narrheit hineingeraten bist Du verständiger Mann? Ist Dir's nicht genug, Dein eigenes Glück an diese – wie nenn' ich sie nur? – verspielt, verschleudert zu haben? Begreifst Du nun endlich, warum ich Dich vor der Patriciusbrut warnte? Treue, Dankbarkeit, die Liebe eines tüchtigen Mannes – was fragt sie darnach? Fort mit dem Weißfisch von der Angel und in den Staub mit ihm! Da kommt schon der fette Wels geschwommen und beißt vielleicht an! Willst Du ihr und dem verruchten Statthalterbuben auch das Heil und die Hoffnung der letzten Jahre eines Greises opfern, der sich gewöhnt hat, Dich, der es verdient, zu lieben wie einen eigenen Sohn? Willst Du rüstiger Arbeiter, Du Mann mit dem kräftigen Geiste, dem feurigen Pflichteifer, der den Göttern gefällt, wie ein verlassenes Mädchen hinsiechen oder wie die liebeskranke Sappho in der Komödie den Sprung vom leukadischen Felsen thun, über den die Zuschauer sich ausschütten vor Lachen? Du bleibst, Knabe. Du bleibst! Und ich, ich zeige Dir, wie ein Mann mit der Leidenschaft fertig wird, die ihn entehrt!«

»Zeige es mir,« entgegnete Philipp mit gedämpfter Stimme. »Ich verlange nichts Besseres. Meinst Du, ich schämte mich nicht selbst meiner Schwäche? Steht sie mir doch übel genug an, gerade mir, den das Schicksal eher zu allem anderen geschaffen als zum seufzenden Liebhaber und Schwärmer. Kämpfen, ringen will ich mit aller Kraft meiner Seele, doch hier, hier in Memphis, hier in ihrer Nähe, als ihr Kyrios, bin ich täglich gezwungen, sie wiederzusehen, werd' ich Tag für Tag neue schmähliche Niederlagen erleiden! Hier immerfort bei ihr, mit ihr, reibt der Kampf mich auf, seh' ich mich zu Grunde gehen an Leib und Seele. Am gleichen Ort, in der gleichen Stadt gibt es keinen Raum für uns beide.«

»So muß sie es sein, die Dir Platz macht!« kreischte der Alte.

Da richtete Philippus das gesenkte Haupt auf und fragte überrascht und mit abweisender Strenge:

»Was soll das?«

»Nichts!« entgegnete der andere leichthin, zuckte die Achseln und fuhr dann begütigend fort: »Größeren Nutzen hat Memphis jedenfalls von Dir zu erwarten als von der Patriciusdirne.« Dann schüttelte er sich, als ob ihn friere, schlug sich an die Brust und sagte: »Hier drinnen ist alles in Aufruhr, und ich kann jetzt weder helfen noch raten. Im Osten muß es bald dämmern; wir wollen zu schlafen versuchen. Im Sonnenschein bringt man Knoten auseinander, die beim Lampenlicht unlösbar schienen, und die Göttin zeigt mir vielleicht auf dem schlaflosen Lager den Weg, den ich Dir vorhin zu weisen verhieß. Ein wenig mehr leichter Sinn könnte uns beiden nichts schaden. Suche das eigene über fremdem Leid zu vergessen; es begegnet Dir ja davon genug alle Tage. Eine gute Nacht Dir zu wünschen, wäre doch wohl vergebens, aber möge es eine besänftigende werden! Meiner Hilfe bist Du gewiß; doch von Fortgehen, Flucht und dergleichen, nicht wahr, davon läßt Du mich armen alten Mann nichts wieder hören? Nein, nein, das – ich kenn' Dich ja, Philipp – das thust Du Deinem einsamen Freunde nicht an!«

Die letzten Worte waren die weichsten, die der Arzt je aus dem Munde des Greises vernommen, und es that ihm wohl, als ihn dieser in einer kurzen Umarmung ans Herz zog. Seines Wortes, daß es an Paula sei, den Platz zu räumen, gedachte Philippus nicht weiter; doch der Alte schien es dennoch sehr ernst gemeint zu haben; denn sobald er allein war, warf er den Elsenbeinstab heftig auf den Tisch zurück und murmelte mit funkelnden Augen, erst aufgebracht und dann höhnisch: »Um dieses treue Herz, diesen besten der Arbeiter mir und der Welt zu erhalten, send' ich ein Dutzend solcher Vollblutdirnen in die Amenthe. Ei, ei, ei, Du schönste der Schönen; der brave Arzt ist uns zu schlecht, und man wirft ihn fort wie den Kern der Dattel, die man verspeist?! Jeder nach seinem Geschmack! Aber wie wär' es, wenn der alte Horus uns zwänge, ihn schätzen zu lernen? Geduld, Geduld! Mit dem Ziel vor Augen ist es mir bisher noch immer gelungen, den Weg zu finden; auf dem Feld der Wissenschaft, mein' ich natürlich; doch das Leben, das Leben des Weisen, was ist es anders als angewandtes Wissen? Der alte Horus, warum sollte er nicht auch einmal vor seinem Ende versuchen, was sein Geist auf dem Markt des lebendigen Menschendaseins auszurichten versteht? So gut Dir's auch jetzt bei Deinem Liebsten in Memphis gefällt, schöne Herzensbrecherin, Du wirst doch dem armen, fortgeschleuderten Spielball Platz machen müssen! Du wirst's! Verlaß Dich darauf, mein Liebling; Du wirst es! Heda, Anubis!«

Dabei gab er dem Sklaven, welcher unter dem Tische ruhig weiter geschlummert hatte, einen Stoß mit dem nackten Fuß, und während dieser seinem Herrn in das Schlafgemach voranleuchtete und ihm dort bei seinen sorgfältigen und lang dauernden Waschungen behilflich war, hörte der Greis nicht auf, abgebrochene Sätze vor sich hin zu murmeln und bald Verwünschungen auszustoßen, bald schadenfroh aufzukichern.

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