Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Am Nachmittage folgte Orion dem Rufe des arabischen Gebieters über Aegypten. Auf seinem edelsten Rosse ritt er über die Schiffbrücke. Vor zwei Jahren hatte es da, wo sich die neue muslimische Residenz Fostat jetzt an das alte Fort Babylon schloß, nur Aecker und Gärten gegeben; doch wie durch ein Wunder war sie auf Befehl des Amr aus der Erde gewachsen, und jetzt schon reihte sich in Straßen und auf Plätzen Haus an Haus, der Hafen lag voller Schiffe und Boote, reges Leben herrschte auf dem Markt, und an der Stelle, wo sich während der Belagerung der Feste Babylon die Bude eines Krämers erhoben, umgaben jetzt schon lange doppelte Säulenreihen den weiten Betraum einer neuen Moschee.

Von Aegyptern und ägyptischem Leben gab es da wenig zu sehen; es war, als habe ein Dämon einen Teil von Medina aus Arabien an den Nil verpflanzt; die Menschen, Tiere, Häuser und Verkaufsstellen trugen, wenn ihnen auch manches zu gute kam, was ihre Erbauer in den alten asiatischen Kulturländern gesehen, die sie erobert, den Stempel der Heimat, und wo Orion einen Landsmann sah, stand er als Arbeiter oder Rechnungsbeamter im Dienst der Fremden, welche hier so schnell heimisch geworden waren.

Vor seiner Abreise nach Konstantinopel hatte da, wo sich nun gegenüber der halb vollendeten Moschee das Wohnhaus des Amr erhob, ein Palmengarten seines Vaters gestanden. Wo jetzt tausende von Muslimen mit dem Turban auf dem Haupte und in der Tracht ihrer Heimat, welche sich schon durch schnell erraffte Beute und den nahen Verkehr mit prunkliebenden Nationen verfeinert hatte, teils zu Fuß, teils auf reich geschirrten Rossen hin und her wogten und lange Kamelzüge dem Bauplatze Quadern zutrugen, war er früher nur dann und wann einem Ochsenwagen mit knarrenden Rädern, einem Reiter zu Esel oder auf dem ungesattelten Rücken eines Gaules und bisweilen auch übermütigen griechischen Soldaten begegnet. Statt der Sprache seiner Voreltern und der griechischen Machthaber von früher umtönte ihn jetzt überall die schärfer und nachdrücklicher klingende der Wüstensöhne. Ohne den Diener, welcher sich an seiner Seite hielt, hätte er sich auf dem Boden der eigenen Heimat nicht verständlich machen können.

Das Haus des Amr war bald erreicht, und hier teilte ihm ein ägyptischer Schreiber mit, sein Herr sei auf der Jagd und werde ihn nicht in der Stadt, sondern auf der Lichterburg empfangen.

In diesem an einer wohlgelegenen Stelle des Kalkgebirges, welches sich hinter dem Fort Babylon und der neu erwachsenden Stadt erhob, errichteten schönen Gebäude, das ursprünglich für die Präfekten des Kaisers hergestellt worden war, hatte Amr seine Frauen, Kinder und Lieblingsrosse untergebracht, und er hielt sich dort mit gutem Grunde lieber auf als in dem die Geschäftsräume bergenden Stadthause; denn diesem benahm die neue Moschee den Blick auf den Nil, während man von der Lichterburg aus ins weite zu schauen vermochte.

Die Sonne näherte sich dem Untergang, als Orion sein Ziel erreichte; aber der Feldherr war noch nicht von der Jagd zurückgekehrt, und der Thorhüter ersuchte ihn, zu warten.

Dem Jüngling, der sich in seinem Lande als Erbe des ersten Mannes behandelt zu sehen gewohnt war, stieg das Blut in die Wangen, und es stach ihm in sein ägyptisch Herz, dem Araber gegenüber den Stolz beugen und den Ingrimm verbeißen zu müssen. Er gehörte jetzt zu den Unterjochten, und der Gedanke, daß ein Wort aus seinem Munde genüge, um wieder in die Reihe der Gebietenden aufgenommen zu werden, stieg schnell und mächtig in ihm auf; doch er unterdrückte ihn mit aller Kraft und ließ sich schweigend zu der Plattform führen, welche durch lange, mit Weinlaub umrankte Laubengänge vor dem Sonnenbrande geschützt war.

Auf einer der Marmorbänke bei der Brüstung dieses großen Gartenaltans ließ er sich nieder und schaute ins weite. Was er da sah, kannte er genau; war es doch der Schauplatz seiner Kindheit und frühen Jugend. Dies Gemälde hatte sich wohl hundertmal vor ihm ausgebreitet, und doch wirkte es heute ganz anders auf ihn ein als je vorher. Gab es, so fragte er sich, ein fruchtbareres, üppigeres Land als das seine? Der Nil – hatten ihn nicht schon die griechischen Dichter als den ehrwürdigsten aller Ströme gefeiert? War es dem großen Cäsar nicht so reizvoll erschienen, seinen Ursprung zu entdecken, daß er dafür, nach seinem eigenen Ausspruch, die Herrschaft über die Welt hingegeben hätte?

Diese weiten Aecker, jahrhundertelang war von ihrem Ertrage das Wohl und Wehe der mächtigsten Städte der Erde abhängig gewesen, ja die kaiserliche Roma und das mächtige Konstantinopel hatten aus Furcht vor nahender Hungersnot gezittert, wenn hier eine Mißernte die Hoffnung des Landmanns zerstörte.

Gab es ein fleißigeres Ackerbauvolk als das seine, hatte es vor ihm ein weiseres, kunstreicheres gegeben? Schaute er rückwärts auf die Schicksale und Thaten der Nationen, so sah er an der fernsten Stelle, da wo sich der Weg der Geschichte kaum noch erkennbar zuspitzt, als erste, früheste Denkmäler menschlicher Schaffens- und Kunstfreude denselben Riesensphinx liegen, dieselben Pyramiden stehen, welche sich dort drüben, jenseits des Nil und seiner verfallenden Vaterstadt Memphis, am Fuße des libyschen Gebirges immer noch in unverkleinerter, unantastbarer Größe stolz und Ehrfurcht gebietend erhoben. Er war ein Enkel derer, welche diese unvergänglichen Werke geschaffen, vielleicht floß noch in seinen Adern ein Tropfen des Blutes jener Pharaonen, die in diesen Riesenmausoleen ewige Ruhe gesucht, deren größere Nachkommen mit ihren Heeren die halbe Welt unterworfen und ihr Gehorsam und Tribut abgefordert hatten. Er, dem es so oft schmeichelhaft erschienen war, wenn man sein nicht nur für die Zeit der Sprachverderbnis, in der er lebte, reines Griechisch, sein einnehmendes hellenisches Wesen gelobt hatte, fühlte sich hier und in diesem Augenblicke stolz auf seine ägyptische Herkunft. Tief atmend schaute er nach Westen, und die untergehende Abendsonne schien ihm den reichen Wert der Heimat prächtig verdeutlichen zu wollen, indem sie mit wundervollem Glanzlicht Acker, Strom und Palmenhain, die Dächer der Stadt, ja selbst das nackte Wüstengebirge und die Pyramiden in lauteres Gold verwandelte. Jetzt ging sie hinter der libyschen Höhenkette zur Ruhe. Das nackte, helle Kalkgefels schimmerte wie leuchtende Eiskristalle, und es sah aus, als schmelze sich der glühende Sonnenball ein in das Herz des Gebirges, hinter dessen Kamm es verschwand, als verbänden seine aufwärts schießenden Strahlen sein Heimatthal wie mit Millionen goldener Fäden mit dem Himmel, der Wohnung der Gottheit, die es vor allen anderen Ländern gesegnet.

Dies herrliche Stück Erde und sein Volk von dem Zwingherrn befreien, ihm die Macht und Größe wiedergeben, welche es einst besessen, den Halbmond von den Zelten und Gebäuden da unten reißen, an seiner Stelle das Kreuz, das er heilig hielt von Kindesbeinen an, wieder aufpflanzen, den Uebermut der Muslimen an der Spitze begeisterter Scharen ägyptischer Männer brechen und mit ihnen den Osten unterwerfen wie jener Sesostris, von dem Geschichte und Sage erzählten, das war eine Aufgabe, würdig des Enkels des Menas, des Sohnes des großen und gerechten Mukaukas Georg.

Solchem Beginnen hätte sich Paula nicht widersetzt, ja seine tief erregte Einbildungskraft zeigte sie ihm als eine zweite Zenobia an seiner Seite, bereit zu allem Großen, handeln, ihm Beistand leisten, gebieten!

Ganz von diesen Zukunftsbildern beherrscht, hatte er längst den Blick von dem glänzenden Schauspiel des Sonnenuntergangs abgewandt und zu Boden geschaut. Da unterbrachen auf der Straße, hart unter der Plattform, seine hochfliegenden Träume menschliche Stimmen. Er blickte niederwärts und sah zu seinen Füßen einige zwanzig ägyptische Arbeiter: freie, von keinem Sklavenzeichen verunehrte Leute, welche widerwillig und doch in dumpfem Gehorsam dahinzogen und an keine Gegenwehr, kein Entweichen dachten, obgleich sie ein einziger Araber im Zaum hielt.

Wie ein Wolkenbruch auf erglimmendes Feuer, wie Hagelschlag auf die grünende junge Saat fiel dieser Anblick auf seine mächtig erregte Seele. Sein Auge, das eben noch begeistert geleuchtet, blickte verachtungsvoll und enttäuscht auf die Elenden, mit denen er gleichen Blutes war. Ein Zug bitteren Spottes umspielte ihm den Mund; denn des Zornes hielt er diese Schar freiwilliger Sklaven nicht wert, und das um so weniger, je lebhafter er sich vergegenwärtigte, was sein Volk einmal gewesen, und was es nun war. Er dachte nicht eigentlich nach, doch während es dunkelte, zog an seinem inneren Auge ein selbsterlebter Vorgang nach dem andern vorüber, bei dem Aegypter sich schmachvoll benommen und bewiesen hatten, daß sie der Freiheit nicht wert und gewohnt seien, sich als Knechte zu beugen. Wie jetzt der eine Araber, so hatten früher drei Griechen genügt, eine ganze Schar seiner Landsleute in Gehorsam zu halten. Zahllose Beispiele einer beinahe freudigen Unterwürfigkeit ägyptischer Bauern, Dorfschulzen und Beamten, lauter freigeborener Leute, waren ihm auf den Gütern und im Hofe seines Vaters begegnet. Und hatten nicht auch in Alexandria und Memphis seine Stammgenossen das Joch der Fremden willig ertragen und es sich gefallen lassen, überall und als wären sie von geringerer Art und Herkunft, von den Griechen in den Schatten gedrängt und gedemütigt zu werden, wenn man nur nicht an die Satzungen und spitzfindigen Glaubenslehren ihrer Religion rührte? – In diesem Fall hatte er sie sich erheben und ihr Blut vergießen sehen, aber auch dann nur mit großem Geschrei und viel verheißendem Aufschwung. Schon die erste Niederlage war ihnen verhängnisvoll geworden, und es hatte einer geringen Zahl von waffenkundigen Gegnern bedurft, um ihnen solche zu bereiten.

Für dies Volk, mit ihm und an seiner Spitze Großes gegen einen mächtigen, kühnen Eroberer unternehmen, wäre Wahnwitz gewesen; es blieb ihm nichts übrig als im Dienste des Feindes sein Volk mit zu beherrschen und die beste Kraft einzusetzen, um sein Los erträglicher zu gestalten. So hatte es ja auch seines Vaters weiser und vielerfahrener Geist rätlicher gefunden, seinen Landsleuten als Vermittler zwischen ihnen und den Arabern zu nützen, als den Muslimen an der Spitze der Byzantiner vergeblichen Widerstand zu leisten.

»Elende, verkommene Brut!« murmelte er unwillig vor sich hin und ging mit sich zu Rat, ob er den Garten verlassen und dem übermütigen Araber zeigen solle, daß wenigstens noch ein Aegypter den Mut bewahre, seine Nichtachtung unerträglich zu finden, oder ob er um der guten Sache willen bleiben, seinen Ingrimm in sich fressen und das weitere abwarten solle. Nein, solche Behandlung wollte und durfte er, der Sohn des Mukaukas, nicht dulden! Lieber als Rebell das Leben lassen oder in die weite Welt hinaus wandern und fern von der Heimat ein großes Feld der Thätigkeit suchen, als mit dem Fuß dieser Fremden auf dem freien Nacken . . .

Mitten in diesen Erwägungen ward er von nahenden Schritten unterbrochen, und wie er sich umschaute, sah er Laternen gerade auf seinen Ruheplatz zuschwanken.

Das mußten Boten des Amr sein, die ihn zu ihrem Herrn geleiten sollten, der dann, deß war er gewärtig, die Gnade haben werde, ihn, müde von der Jagd, auf dem Ruhebett zu empfangen und ihm hochfahrend, wie einem Freigelassenen, mitzuteilen, was er von ihm begehre.

Aber die Nahenden waren keine bloßen Boten, nein, der große Feldherr suchte ihn selbst auf; die Lampenträger sollten nicht ihm, Amr, sondern »dem lieben Sohn seines verstorbenen Freundes« den Weg erleuchten. – Der stolze Stellvertreter des Chalifen war in dieser Stunde der zuvorkommendste Wirt, dem das Gastrecht gebot, dem Mann, dem er die Hand zum Willkommen gereicht, den Aufenthalt unter seinem Dache angenehm zu machen.

In verständlichem Griechisch, das er schon in seiner Jugend, als er eine Karawane nach Alexandria geleitet, erlernt hatte, entschuldigte er sein langes Ausbleiben, sprach er sein Bedauern aus, Orion zu so langem Warten veranlaßt zu haben, tadelte er seine Diener, welche seinen Gast nicht ins Haus geführt und versäumt hatten, ihm Erfrischungen zu reichen. Auf dem Weg durch den Garten legte er den Arm auf die Schulter des Jünglings, erzählte er ihm, daß der Löwe, den er gejagt, obgleich ihn einer seiner Pfeile getroffen, entkommen sei, und fügte dann heiter hinzu, er hoffe, den Verlust wieder gut zu machen und statt des entwischten Raubtieres heute noch ein edleres Wild für sich zu gewinnen.

Dem Jüngling blieb nichts übrig als so ausgesuchte Höflichkeit mit Höflichkeit zu erwidern, und das ward ihm leicht gemacht; denn des Feldherrn wohllautende Stimme, aus der ihm ungemachte Herzlichkeit entgegenklang, sowie der natürliche, vornehme Anstand seines Wesens sagten ihm zu, schmeichelten ihm, flößten ihm Zutrauen ein und zogen ihn zu dem älteren Manne hin, der zugleich ein ruhmvoller Held war.

In einem hell erleuchteten, mit kostbaren persischen Teppichen behängten Zimmer forderte Amr seinen Gast auf, an seinem schlichten Jägermahle teilzunehmen und sich die arabische Art gefallen zu lassen, und so nahm Orion auf der einen Seite des Diwans Platz, während auf der andern der Feldherr und sein Wekil Obada, ein Goliath mit mohrenschwarzem Gesicht, nach der Sitte ihres Volkes mehr hockten als saßen.

Der dunkle Riese verstand, wie Amr seinem Gaste erklärte, kein Griechisch und warf nur bisweilen eine kurze Bemerkung hin, welche der Feldherr, wenn es ihm angemessen schien, für Orion übersetzte, und diesem gefiel, was der Schwarze dazwischen redete, ebensowenig wie seine ganze Art und Erscheinung.

Das Essen, welches Obada, der in seiner Kindheit ein Sklave gewesen und sich durch eigene Kraft zu seiner hohen Stellung hinaufgearbeitet hatte, roh und gierig verschlang, schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen, und doch mußte er, der kein Griechisch verstehen sollte, wie seine Bemerkungen bewiesen, dem Gespräch sehr wohl folgen können. Wenn er von den Schüsseln, welche auf niedrigen Tischchen vor die Speisenden hingestellt wurden, aufsah, um zu reden, verdrehten sich seine großen Augen so, daß man nur das Weiße darin sah; richtete er sie aber auf Orion, so blitzten ihm ihre kleinen schwarzen Sterne mit stechendem, aufdringlichem, wie es ihm vorkam, höchst übelwollendem Glanze entgegen.

Die Gegenwart dieses Mannes, von dessen unfreier Geburt, die dem vornehmen Jüngling verächtlich erschien, von dessen wildem Kriegsmut und großer Klugheit er gehört hatte, beengte ihn, und wenn er auch nicht verstand, was Obada sprach, so lag doch etwas in dem Ton seiner Rede, das ihm das Blut in die Wangen trieb und ihn mehr als einmal veranlaßt, die Zähne zusammen zu beißen.

Je wohlthuender und bestrickender des Feldherrn Rede und Wesen auf den Jüngling wirkten, desto empörender und widerwärtiger erschien ihm sein Stellvertreter, und er fühlte, daß er sich freier und voller ausgesprochen und manche Frage schlagender beantwortet hätte, wenn er mit Amr allein gewesen wäre.

Anfänglich ließ sich der Feldherr von Orions Aufenthalt in Konstantinopel, sowie von seinem Vater erzählen und schien auch großes Gefallen an dem Gehörten zu finden, bis Obada den Jüngling mitten in der Rede unterbrach und eine Frage an seinen Vorgesetzten richtete. Dieser beantwortete sie schnell auf arabisch und gab bald darauf dem Gespräch eine neue Wendung.

Der Wekil hatte zu wissen gewünscht, warum Amr den ägyptischen Milchbart so lange schwatzen lasse, bevor die Hauptsache, um derentwillen er ihn gerufen, erledigt worden sei, und der Feldherr hatte ihm erwidert, daß derjenige sich am besten zu unterhalten meine, dem man am reichsten Gelegenheit biete, sich selbst reden zu hören; übrigens habe der junge Mann sich wohl unterrichtet, und was er erzähle, sei unterhaltend und wichtig.

Während die Muslimen sich des Trinkens völlig enthielten, ward Orion mit vorzüglichem Wein bewirtet, doch er trank wenig, und als Amr endlich auf die Beisetzung seines Vaters zu reden kam, an die Feindseligkeit des Patriarchen erinnerte und hinzufügte, daß er denselben heute Morgen gesprochen und sich gewundert habe, in wie schroffem Gegensatz er zu seinem verstorbenen Glaubensgenossen, der ja früher sein Freund gewesen sein solle, gestanden, ergriff Orion das Wort und setzte dem Feldherrn klar auseinander, welche Gründe den Patriarchen bestimmten, eine so auffallende und weithin sichtbare Feindseligkeit gegen seinen dahingegangenen Vater zur Schau zu tragen. Es liege Benjamin jetzt daran, vor den Augen der übrigen Christenheit frei dazustehen von dem Vorwurf, ein der Religion des Heilands anhängendes Land denen überliefert zu haben, welche die Christen »Ungläubige« hießen, und zu diesem Zweck gehe sein Bestreben jetzt dahin, seinen Vater als denjenigen hinzustellen, den einzig und allein die Schuld treffe, den Muslimen seine Heimat überantwortet zu haben.

»Recht, recht, ich verstehe,« fiel Amr dem Jüngling ins Wort, und als dieser dann mitteilte, daß es wegen des Cäcilienklosters, dessen gutes Recht der Patriarch durch die falsche Deutung eines alten, klaren Dokuments habe umstürzen wollen, zwischen ihm und dem Verstorbenen zum offenen Bruche gekommen, wechselte der Feldherr einen raschen Blick mit dem Wekil und unterbrach dann Orion:

»Doch Du? Bist Du willens, die Schläge geduldig hinzunehmen, zu denen dieser rührige, Dir und Deinem Vater gleich übel gesinnte Greis gegen Dich und das Andenken des würdigen Mukaukas ausholt?«

»Mit nichten,« entgegnen der Jüngling stolz.

»So ist es recht,« rief der Feldherr, »das hab' ich von Dir erwartet, aber lehre mich die Waffen kennen, mit denen Du, der Christ, dem klugen und mächtigen Manne zu trotzen gedenkst, in dessen Hand ihr das Wohl und Wehe nicht allein eurer Seelen – ich weiß es – auf Gnade und Ungnade gelegt habt.«

»Noch kenn' ich sie selbst nicht,« entgegnete Orion, und schaute, als er dem höhnischen Blick des Wekils begegnete, zu Boden.

Da erhob sich Amr, trat ihm näher und sagte:

»Du suchst auch vergeblich darnach, junger Freund! Und fändest Du sie, Du könntest sie doch nicht gebrauchen. Es schlägt sich leichter auf ein verlassenes Weib, einen Aal, einen flüchtigen Vogel, als auf diese geschmeidigen, schwachen, unbewaffneten Langröcke, die Liebe und Frieden im Munde führen, ihre Wehrlosigkeit und körperliche Ohnmacht als Schild gebrauchen und mit unsichtbaren vergifteten Pfeilen jeden treffen, auf den sie es absehen; und zu denen gehörst Du in erster Reihe, Sohn des Mukaukas; ich weiß es und rate Dir, Dich zu hüten! Liegt es Dir dagegen wirklich am Herzen, die dem Andenken Deines Vaters zugefügte Schmach männlich zu rächen, so kannst Du schnell zum Ziel gelangen; allerdings nur unter einer Bedingung.«

»Zeige sie mir!« rief Orion, und sein Auge flammte feurig auf.

»Kurz denn: Werde der Unsere!«

»Deswegen bin ich gekommen. Mein Geist und mein Arm sollen von heut an den Beherrschern meiner Heimat, euch, Dir, unserem gemeinsamen Gebieter, dem Chalifen gehören.«

»Ja salâm! – Recht so!« rief Amr und legte Orion die Hand auf die Schulter. »Es gibt keinen Gott außer Gott, und der eure ist der unsere; denn er hat neben sich keinen zweiten. Du wirst wenig aufzugeben haben als gläubiger Muslim; denn euren Herrn Jesus Christus zählen auch wir zu den Bekennern, und daß der letzte und höchste unter ihnen Muhammed ist, der wahre Prophet Gottes, unser Herr Muhammed, das mußt Du, muß jeder erkennen, der sich nicht geflissentlich vor den Ereignissen blendet, die unter seiner Führung und in seinem Namen geschehen sind. Dein eigener Vater hat zugegeben . . .«

»Mein Vater?«

»Er hat zugeben müssen, daß wir feuriger, ernster, tiefer von unserem Glauben ergriffen sind als ihr, als seine eigenen Bekenntnisgenossen.«

»Ich weiß es.«

»Und als ich ihm erzählte, ich habe geboten, in unserer neuen Moschee das Pult für den Koranvorleser zu beseitigen, weil der, sobald er es besteige, die anderen Beter überrage, hat die Freude darüber den müden Mann aufgeschüttelt und ihn zu einem lauten Ruf des Beifalls bewogen. Wir Muslimen – das hatte mein Befehl zu bedeuten – wollen alle gleich sein vor dem ewigen, allmächtigen, barmherzigen Gott; der Leiter des Gebetes soll sich über die anderen auch nicht um eines Kopfes Länge erheben, und die Lehre des Propheten zeigt jedem den Weg zu den Freuden des Paradieses; wir brauchen, um es zu finden, keinen menschlichen Führer. Unser Glaube, unser Wille zum Guten, unsere Thaten, kein Schlüssel in der Hand eines Priesters, öffnen oder verschließen uns den Himmel. Als der unsere vergällt Dir kein Benjamin die Freuden der Erde, kann Dir und Deinem Vater kein Patriarch das Anrecht auf die Seligkeit schmälern. Du hast gut gewählt, Jüngling! Deine Hand, mein neuer Bekenner!«

Damit hielt er Orion in freudiger Bewegung die Rechte hin, doch der schlug nicht ein, sondern trat zurück und sagte befangen:

»Versteh mich nicht falsch, großer Feldherr. Da ist meine Hand, und ich kenne keine höhere Ehre als sie in die Deine zu legen, das Schwert auf Deinen Befehl damit zu schwingen, sie müde zu schaffen in Deinem Dienst und dem meines Herrn, des Chalifen; aber meinem Glauben darf ich die Treue nicht brechen!«

»So laß Dich, laßt euch von Benjamin zertreten!« rief ihm Amr enttäuscht und unwillig entgegen, schwang den Arm mit einer wegwerfenden Bewegung und wandte sich dem Wekil zu, um ihm auf einen höhnischen Ausruf achselzuckend Antwort zu geben.

Orion blickte stumm und unschlüssig auf die beiden; doch rasch gesammelt, rief er im Ton bescheidener, aber dringender Bitte:

»Höre mich, Herr, und wolle nicht zurückweisen, was ich zu bieten vermag! Was brächte mir der Uebertritt zu euch anderes als Vorteil, und doch widersteh' ich der großen Versuchung, aber dafür werd' ich wie meinem Glauben so auch euch Treue zu halten verstehen.«

»Bis der Priester Dich zwingt, sie zu brechen,« fiel ihm der Muslim unwirsch ins Wort.

»Nein, nein!« rief Orion. »Ich weiß, daß Benjamin mein Feind ist; doch ich habe einen teuren Vater verloren und glaube an ein Wiedersehen im Jenseits.«

»Ich auch!« versetzte der Muslim, »und es gibt nur ein Paradies und eine Hölle, wie es nur einen Gott gibt.«

»Woher nimmst Du diese Gewißheit?«

»Aus meinem Glauben!«

»Dann vergib mir, wenn ich mich an den meinen halte und meinen Vater in jenem Himmel wiederzusehen hoffe . . .«

»Der, wie ihr Thoren wähnt, keine Seelen als die euren aufnimmt! Und stünde er nun ganz allein dem unsterblichen Teile der Muslimen offen und bliebe dem der Christen verschlossen? Was wißt ihr denn von dem Paradiese? Ich kenne eure heiligen Schriften; steht es darin beschrieben? Unsern Propheten dagegen hat der allgütige Gott hineinschauen lassen, und was ihm da zu erblicken vergönnt war, hat er so geschildert, als habe ihm der Höchste selbst das Schreiberohr geführt. Der Muslim weiß, was sein Himmel ihm bietet . . . Ihr, ihr – eure Hölle, die kennt ihr: euren Priestern fließt das Fluchen schneller als das Segnen vom Munde! Wer von ihren Lehren nur um ein Haar breit abweicht, den stoßen sie flugs an den Ort der Verdammten: mich, die Meinen, die griechischen Christen und ihnen allen voran – glaube mir's, Jüngling – Deinen Vater und Dich!«

»Wüßt' ich nur, daß ich ihn dort fände!« unterbrach ihn Orion und schlug sich an die Brust. »Es sollte mich wahrlich nicht schrecken, ihm nachzufolgen. Ihn wiederfinden, wiedersehen muß ich, und wär's in der Hölle!«

Bei diesen Worten brach der Wekil in ein lautes Gelächter aus, und als der Feldherr ihm dies unmutig verwies, widersprach ihm der andere, und nun entspann sich zwischen beiden ein lebhafter Wortwechsel.

Der Hohn des Schwarzen hatte Orions Zorn erregt, und alles, was in ihm war, trieb und drängte ihn, den frechen Widersacher zum Schweigen zu bringen; doch er hielt mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft an sich, bis Amr sich ihm wiederum zuwandte und in überlegenem Ton, aber nicht unfreundlich sagte:

»Dieser scharfsichtige Mann bestätigt eine Vermutung, die mir selbst aufgestiegen. Ein junger, weltlich gesinnter Christ Deiner Gattung gibt Glück und Wohlsein auf Erden nicht leicht für die ungewissen Freuden eures Paradieses preis, und wenn Du es doch thust und alles, was dem Mann das Teuerste sein muß: Ehre, zeitlichen Besitz, ein weites Tätigkeitsfeld und Rache an Deinen Feinden von Dir weisest, um der Seele eines Verstorbenen im Jenseits wieder zu begegnen, so müssen besondere Gründe dahinter stecken. Suche Dich zu beruhigen und glaube meiner Versicherung, daß Du mir wohlgefällst und in mir einen eifrigen Gönner, einen verschwiegenen Freund finden wirst, wenn Du mir offen und wahr die Beweggründe Deines Verhaltens darlegst. Es liegt mir selbst daran, unsere Begegnung zu einer für beide Teile fruchtbringenden zu machen. Fasse also Zutrauen zu dem älteren Manne, der Deinem Vater ein Freund war, und rede!«

»In Gegenwart dieses Mannes unter keiner Bedingung!« versetzte Orion mit bebender Stimme. »Er, der kein Griechisch verstehen soll, folgt jedem meiner Worte mit hämischen Blicken, ja er hat es gewagt, mich zu verlachen, er . . .«

»Er ist so klug wie tapfer und mein Wekil,« fiel ihm Amr zurechtweisend ins Wort. »Du hast ihm zu gehorchen, wenn Du der unsere sein wirst, und – vergiß das nicht, junger Mann, – ich habe Dich rufen lassen, um Dir Bedingungen zu stellen, nicht um mir solche vorschreiben zu lassen. Ich schenke Dir Gehör als Herr dieses Landes, als Vertreter Omars, Deines und meines Chalifen.«

»So bitte ich Dich, mich zu entlassen; denn vor diesem da bleiben mir Herz und Lippen verschlossen: ich fühle, daß er mein Feind ist.«

»Hüte Dich, daß er es werde!« rief der Feldherr, während Obada geringschätzend die Achseln zuckte.

Orion verstand seine Geste, aber obgleich es ihm auch diesesmal gelang, an sich zu halten, fühlte er sich doch seiner selbst nicht mehr sicher, und so verneigte er sich, ohne des Wekils zu achten, ehrerbietig und tief vor dem Statthalter und bat ihn, ihn für heut zu entlassen.

Amr, dem das Verhalten Obadas nicht entgangen war und feinfühlig nachempfand, was in dem Jüngling vorging, hielt ihn zwar nicht zurück, änderte aber sein Benehmen und zeigte sich wieder als zuvorkommender Wirt, ja er lud seinen Gast ein, da es spät geworden, die Nacht unter seinem Dach zu verbringen. Doch Orion lehnte seine Einladung höflich ab, und als er sich endlich entfernte – wiederum ohne den Wekil eines Blickes zu würdigen – begleitete ihn Amr in den Vorsaal.

Hier faßte er des Jünglings Hand und rief ihm leise, doch voll aufrichtiger, väterlicher Teilnahme warnend zu:

»Hüte Dich vor dem Schwarzen, dem Du mannhaft, aber unklug gezeigt hast, daß Du ihn durchschaust. Was mich betrifft, so will ich wahrlich Dein Bestes.«

»Ich glaub' es, ich weiß es,« versetzte Orion, dessen gereizte Seele der warme Brustton des edlen Arabers wohlthätig wie Balsam berührte, »und nun wir allein sind, vertrau' ich Dir gern: Ich, Herr, ich – mein Vater – Du hast ihn gekannt. In bitterem Groll ist er – hat er seinem einzigen Sohne, bevor er die Augen schloß, den Segen entzogen.«

Hier versagte ihm in der Erinnerung an die furchtbarste Stunde seines Lebens auf wenige Augenblicke die Stimme; doch bald fuhr er fort: »Eine einzige That frevelhaften Leichtsinnes hatte den Sterbenden empört; doch in Leid und Reue dachte ich nach über mein vergangenes Leben und fand, daß es unnütz gewesen, und wenn ich nun mit vollem Herzen und in froher Erwartung hieher kam, um Dir alles, was ich an Geist und Gaben besitze, anzubieten, so geschah es, Herr, weil ich große, hohe, schwere, muß es sein, unmögliche Thaten zu verrichten, weil ich zu schaffen, thätig zu sein wünsche . . .«

Da unterbrach ihn Amr und rief, während er den nervigen Arm auf des Jünglings Schultern legte:

»Und weil Du der Seele des verstorbenen Vaters, des rechtschaffenen Mannes, zeigen willst, daß Du durch einen leichtfertigen Jugendstreich doch nicht unwert geworden bist seines Segens, weil Du sie durch wackere Handlungen zwingen willst, den Groll in Billigung, die Mißachtung in Achtung zu verwandeln . . .«

»Ja, ja, ja, darum, Herr, ebendarum,« fiel Orion mit hoch aufloderndem Enthusiasmus dem Feldherrn ins Wort; der aber winkte ihm, als gelte es, einem Lauscher das Spiel zu verderben, lebhaft zu, die Stimme zu dämpfen, und raunte ihm hastig, aber voll warmen Wohlwollens zu:

»Und ich, ich bin Dein Helfer bei diesem löblichen Streben. O, wie erinnerst Du mich an den Sohn meines Herzens, der gefehlt hatte wie Du, und dem es vergönnt ward, alles, mehr als alles auf dem Schlachtfelde durch den Tod, den Heldentod für seinen Glauben zu sühnen! Baue auf mich und laß das, was Du Dir vorsetztest, That werden. In mir hast Du einen Helfer gefunden. Geh jetzt! Du wirst in nächster Zeit von mir hören. Noch einmal: Reize den Schwarzen nicht, hüte Dich vor ihm, und wenn Du ihm wieder begegnest, so bändige Deinen Stolz, und gib Dir das Ansehen, als sei er Dir noch nirgends begegnet.«

Dabei schaute er Orion wehmütig an, als erwecke sein Anblick in seiner Seele ein teures Bild, küßte ihm die Stirn, und sobald der Jüngling den Vorsaal verlassen, schob er den schweren Vorhang schnell zurück, der ihn vom Speisesaal trennte. – Wenige Schritte hinter ihm fand er den Wekil, der sich mit dem Schwertgehänge an seiner Seite zu schaffen machte, und rief ihm wegwerfend entgegen:

»Gelauscht! Mann des Geistes, Mann der That, Held in der Schlacht und im Rat, Löwe, Schlange und Kröte zugleich; wann wirst Du endlich aus Deiner Seele reißen, was erbärmlich und klein ist? Sei, was Du geworden, nicht, was Du gewesen, und erinnere denjenigen, der Dich groß gemacht hat, nicht täglich, daß Dich eine Sklavin geboren!«

»Herr!« knirschte der Gescholtene, und das Weiß seiner rollenden Augen hob sich unheimlich ab von dem dunklen Gesucht; aber Amr schnitt ihm das Wort vom Munde und fuhr unbeirrt und streng verweisend fort:

»Du hast Dich gegen diesen edlen Jüngling wie ein Narr, wie ein Spaßmacher auf dem Jahrmarkt, wie ein Unsinniger betragen.«

»In die Hölle mit ihm!« rief Obada. »Ich hasse den goldenen Glückspilz!«

»Neidhart! Reize ihn nicht! Die Dinge wechseln, und es kann der Tag kommen, an dem Du Grund hast, ihn zu fürchten!«

»Ihn?« schrie der andere. »Wie eine Mücke zerdrück' ich die Puppe. Er soll es erleben!«

»Erst Du, und dann er!« drohte Amr. »Er ist der Wichtigere für uns von euch beiden, er, der Glückspilz, die Puppe! Hast Du's gehört? Hast Du's verstanden? Das Haar, das Du ihm krümmst, kostet Dich Nase und Ohren! Vergiß keine Stunde, daß Du nur lebst – mit Unrecht lebst – weil zwei Lippenpaare bis jetzt geschlossen blieben! Du kennst sie. Der findige Kopf da bleibt nur so lange auf Deinem Halse, wie es ihnen gefällt. Halt ihn fest, Mann; Du hast nur einen aufs Spiel zu setzen! Es that not, mein Herr Wekil, Dich wieder einmal daran zu erinnern!«

Der Schwarze stöhnte bei diesen Worten wie ein verwundetes Tier und stieß mühsam die dumpfen Worte hervor: »So lohnt man geleistete Dienste, so dankt um eines Christenhundes willen der Muslim dem Muslim!«

»Dank, mehr als genug, hast Du empfangen,« versetzte Amr in ruhigerem Tone. »Du weißt, was Du gelobt, eh' ich Dich, Räuber, um Deines Kopfes und Schwertes willen zu meinem Wekil erhoben, was ich vergessen mußte, bevor ich es that, nicht um Deinet-, sondern um der großen Sache des Islam willen, und verlangt Dich zu bleiben, was Du bist, so opfere ihr Deine wilden Gelüste! Vermagst Du es nicht, so schicke ich Dich lieber heute als morgen zum Heer, treibst Du es zu arg, gebunden und mit dem Todesurteil im Gürtel nach Medina zurück.«

Bei diesen Worten stieß der Schwarze dumpfe Laute hervor; doch der Feldherr fuhr unbeirrt fort:

»Warum Du diesen Jüngling hassest? Ein Kind kann es durchschauen. In des Mukaukas Georg Sohn und Erben siehst Du den künftigen Mukaukas, während Du den wahnsinnigen Wunsch in Dir groß ziehst, selbst der Mukaukas zu werden.«

»Und warum sollte dieser Wunsch wahnsinnig sein?« kreischte der andere mit heiserer Stimme. »Dich beiseite – wer ist hier klüger oder stärker als ich?«

»Vielleicht kein Muslim; doch ein Aegypter, ein Christ, nicht Du oder ein anderer Bekenner wird dem Verstorbenen im Amte folgen; so verlangt es die Weisheit, so lautet der Befehl des Chalifen.«

»Und er gebietet auch, dem lockigen Affen seine Millionen zu lassen?«

»Nach denen verlangt Dich, gieriger Nimmersatt, nach denen? Drückt Dich noch nicht schwer genug, was Du durch Habsucht verschuldet? Gold, immer mehr Gold, das ist das Ziel, das ekle Ziel Deiner Wünsche! Ein fetter Bissen, des Mukaukas liegende Gründe, seine Goldtalente, Edelsteine, Sklaven und Rosse; ich finde es auch; doch, Gott dem Barmherzigen sei Dank, wir sind keine Diebe und Räuber.«

»Wer hat dem Aegypter Petrus seine versteckten Millionen unter dem Wasserbehälter hervorgeholt und ihn selbst ins Gras beißen lassen?«

»Ich, ich! Aber nur – Du weißt es – um sie nach Medina zu senden. Petrus hatte sie vor uns versteckt, ehe wir ihn hinrichteten; der Mukaukas und sein Sohn haben angegeben bis auf den Dinar und die Hufe Landes, was sie besitzen; die Steuer ward von ihnen richtig bezahlt, und somit gehört ihnen das Ihre, wie nur und Dir unser Schwert, unser Roß, unser Weib. Wozu Deine nimmersatte Seele Dich immer antreibt – die Hand von dem Dolchgriff! – Kein Kupferstück von denen da drüben fällt in Deinen hungrigen Rachen, so wahr der Allmächtige mir helfe! Keinen bösen Blick wirfst Du wieder auf den Sohn des Mukaukas! Setze meine Geduld nicht zu hart auf die Probe, Mann, sonst – fasse Dir nur an den Kopf! – sonst hast Du ihn bald vor den Füßen zu suchen, und was ich da sage, hab' ich gesagt! Gute Nacht für heute! Morgen früh setzest Du im Diwan auseinander, was Du für die neue Landeseinteilung geplant hast; mir will es im Ganzen und Einzelnen nicht recht gefallen, und ich werde noch andere Entwürfe ausarbeiten lassen.«

Damit wandte der Feldherr dem Wekil den Rücken und sobald sich die Thür hinter jenem geschlossen, erhob Obada die Fäuste, drohte seinem Herrn und Bändiger, der bis dahin verschwiegen hatte, daß er von einer Sendung Gold, die Amr ihm nach Medina zu geleiten befohlen, einen Teil unterschlagen, wütend nach und rannte dann röchelnd und schnaufend auf und nieder, bis Sklaven kamen, um das Geschirr abzuräumen.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.