Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Bis vor wenigen Tagen war die kleine Katharina ein unselbständiges, gehorsames Kind gewesen, das eine Ehre darin gesehen hatte, nicht nur ihrer Mutter, sondern auch der Frau Neforis, und seitdem ihre eigene griechische Erzieherin das Haus verlassen, der herben Eudoxia möglichst schnell und aufs Wort zu gehorchen. Nicht das kleinste Versehen gegen das Vorgeschriebene, keine Unart oder eigenmächtige Handlung hatte sie vor der Mutter und ihrer tüchtigen Pädagogin, die ihr lieb gewesen war, verborgen; ja, es war ihr unmöglich gewesen, einzuschlafen, ohne vor dem Abendgebet alles, was ihr eigenes kleines Herz als nicht vollkommen recht erkannte, in ein anderes, das sie liebte, auszuschütten und seine volle Vergebung zu erlangen. Sorglos und mit einem Gewissen so weiß wie die Brust ihrer weißesten Taube war das Bachstelzchen Abend für Abend eingeschlafen, und alles Schlimme, das sie etwa bei Tage verbrochen hatte, war ein verbotenes Kletterkunststück, eine Näscherei und am häufigsten ein heftiges, unartiges Wort gewesen.

Seit Orions Kuß im betäubenden Duft der blühenden Bäume war die erste Umwandlung mit ihr vorgegangen, und beinahe jede folgende Stunde hatte neue Wünsche und Anschauungen in ihr erweckt. Was ihr früher nie in den Sinn gekommen wäre, sich ein Urteil über die Mutter anzumaßen, übte sie jetzt unaufhörlich. Die Art, wie diese mit den Freunden in der Statthalterei gebrochen, erschien ihr verkehrt und unfein, und die gehässigen, bitteren Angriffe auf die alten Freunde, von denen Frau Susannas Mund überfloß, verletzten Katharina und stellten sie endlich in Gegensatz zu derjenigen, deren Urteil ihr bis dahin unfehlbar erschienen.

So besaß sie, nachdem ihr die Statthalterei verschlossen war, niemand, dem sie sich gern anvertraut hätte, und zwischen Paula und ihr erhoben sich Schranken, deren Höhe sie übel empfand, so oft sie dem Verlangen nachgab, sie zu übersteigen. Sie war gewiß die »Andere«, von der Orion geredet, und wenn sie sich am Abend nach der Bestattung seines Vaters doch zu ihr geschlichen, hatte sie dazu weniger das brennende Verlangen, sich einer teilnehmenden Seele anzuvertrauen, getrieben, als quälende, mit Eifersucht gepaarte Neugier. Mit einem wunderlichen Gemisch von zärtlicher Sehnsucht und dumpfem Hasse war sie durch die Hecke geschlüpft, und als es dann zum Wiedersehen gekommen war, hatte sie sich anfänglich der ganzen Wonne, sich zwanglos auszusprechen und bei einem ihr so weit überlegenen Wesen Gehör zu finden, hingegeben; doch nach Paulas zurückhaltenden Antworten auf ihre kecken Fragen waren Neid und Groll wieder in ihr lebendig geworden. Wer Orion nicht haßte, der mußte ihn ihrer Ueberzeugung nach lieben.

Ob die beiden schon zusammengehörten?

Vielleicht hatte Paula sie unter der Sykomore nur als leichtgläubiges Kind behandelt und sie hintergangen! Dies »Vielleicht« marterte sie, und sie wollte wenigstens versuchen, ihm ein Ende zu machen. Ein Helfer stand ihr zur Verfügung; denn da war ihr Milchbruder, ihrer tauben Amme Sohn, und sie wußte, daß der all ihre Wünsche blindlings erfüllen, ja, war es ihr nur genehm, sich für sie mitten unter die Krokodile des Nil stürzen werde. Der junge Anubis hatte alle Kinderspiele mit ihr geteilt, und in seinem vierzehnten Jahr war er, nachdem er mit ihr Lesen und Schreiben gelernt hatte, auf Veranlassung ihrer Mutter in das Rechnungsamt der Statthalterei als Gehilfe aufgenommen worden, um sich dort unter dem trefflichen Rentmeister Nilus auszubilden. Später dachte Frau Susanna ihm aus ihren Gütern oder zu Memphis an der Zentralstelle ihrer Vermögensverwaltung eine seinen Fähigkeiten entsprechende Anstellung zu geben. Der Knabe wohnte nach wie vor bei seiner Mutter im Hause der Witwe, verbrachte aber die Werktage in der Statthalterei, wo er sich zwar in der Arbeitszeit geschickt und fleißig erwies, in den Mußestunden aber sich mit Dingen beschäftigte, welche weit ab von seinem künftigen Beruf lagen. Auf Katharinas Bitte hatte er einen Brieftaubendienst zwischen dem Hause ihrer Mutter und der Statthalterei eingerichtet, und mit seiner Hilfe war mancher Zettel mit kleinen Mitteilungen, Einladungen, Absagen und dergleichen von dem Bachstelzchen zu der kleinen Maria und von dieser zu ihr befördert worden. Anubis hatte seine Freude an den hübschen Tierchen, und mit Wissen seines Vorgesetzten war der Taubenschlag auf dem Dach des Rentamtes angebracht worden. Jetzt lag Maria auf dem Krankenbette, und jede Verbindung mit ihr war abgebrochen; doch die wohleingerichtete Post sollte nicht unbenutzt bleiben, und Katharina hatte begonnen, sich ihrer für anderweitige Zwecke zu bedienen.

Orions Schreiber war gestern sehr lange vor dem Nachbarhause aufgehalten worden, und durch Anubis, dem nichts entging, was in der Schreibstube des Nilus verhandelt wurde, hatte sie erfahren, daß Paulas Vermögen ihr in allernächster Zeit ausbezahlt werden solle, und zwar wahrscheinlich durch Orion selbst. Dabei mußte es zu einer Unterredung kommen, und es war ihr vielleicht vergönnt, sie zu belauschen. Wie das zu bewerkstelligen sei, hatte sie dem Nachbarhause gegenüber oft genug erprobt, und es galt nur, zur rechten Zeit auf dem Platz zu sein.

An dem der Vollmondnacht folgenden Morgen, zwei und eine halbe Stunde vor Mittag, brachte ihr nun der kleine Taubenwärter, welcher die geflügelten Boten in ihrem Schlag fütterte, ein Zettelchen, worauf Anubis geschrieben, daß sich Orion zur Abfahrt anschicke, aber er wurde nicht sonderlich freundlich begrüßt; denn diese Zeit war ihr sehr ungelegen. In aller Frühe hatte nämlich der Bischof Plotinus ihrer Mutter mitgeteilt, daß der Patriarch Benjamin aus Alexandria sich jenseits des Nil bei dem arabischen Gouverneur Amr befinde, um später Memphis mit seinem Besuch zu beehren. Er werde einen Tag bleiben, habe sich jeden Empfang verbeten, und es ihm überlassen, ein passendes Quartier für ihn und seine Begleiter auszusuchen, weil er nicht in der Statthalterei abzusteigen wünsche. Da hatte sich die eitle Witwe mit Besessenheit bereit erklärt, den hohen Gast unter ihrem Dache zu bewirten. Des Kirchenfürsten Besuch mußte ja dem Hause Segen bringen, und sie dachte, auch für manches, das sie gerade jetzt bewegte, aus demselben Nutzen zu ziehen.

Ein prächtiger Empfang mußte dem Patriarchen bereitet werden. Dazu hatte sie freilich nur wenige Stunden übrig, und so begann sie, schon bevor der Bischof Abschied von ihr genommen, die Dienerschaft zusammenzurufen und ihr Befehle zu erteilen. Das ganze Haus mußte von oben nach unten gekehrt werden; ein Teil des Küchenpersonals hatte in die Stadt zu eilen, um Einkäufe zu machen, ein anderer sich am Herde zu tummeln; die Gärtner plünderten Beete und Sträucher, um Girlanden, Kränze und Sträuße für den Empfang herzustellen; vom Keller bis zum Boden war ein halbes hundert weißer, brauner und schwarzer Sklaven mit Aufgebot aller Kräfte thätig; denn jeder meinte durch eine Dienstleistung für den Patriarchen auf besondere Gnade des Himmels rechnen zu dürfen, und dabei kreischte ihnen ihre ruhelose Herrin unermüdlich zu, was sie verrichtet zu haben wünschte.

Sie, die als Mädchen die älteste Tochter eines kinderreichen, wenig begüterten Hauses gewesen war und mit eigener Hand hatte zugreifen müssen, vergaß heute, daß sie eine reiche und vornehme Frau geworden, der das Wirtschaften in eigener Person nicht mehr anstand, und so war sie denn bald hier, bald dort, hatte sie ein Auge auf alles, auf jeden und jede, nur nicht auf ihre Tochter; war sie doch das feine, griechisch erzogene Püppchen des Hauses, an dessen Beistand bei einer so ernsten Arbeit nicht gedacht werden konnte; ja, sie hätte dabei nur im Wege gestanden.

Nach dem Abschied des Bischofs war Katharina auch nur der Befehl erteilt worden, den Patriarchen in ihrem besten Staat mit einem Strauße unter dem linnenen Schirmdach vor dem Eingangsthor zu empfangen. Mehr verlangte Susanna nicht von ihrer Tochter, und diese dachte, während sie die in ihr Zimmer führende Stiege hinanflog: »Orion wird gleich kommen; bis Mittag sind noch gut zwei Stunden, und wenn er eine halbe da drüben bleibt, ist es schon viel. Ich werde Zeit genug zum Ankleiden behalten, und die neuen Schuhe laß ich mir aus Vorsicht gleich an die Füße binden; die Amme und Zofe dürfen mein Zimmer nicht mehr verlassen. Für jeden Fall sollen sie alles bereit halten; denn vielleicht haben sich Paula und er doch mancherlei zu sagen. Ohne eine Zurechtweisung von ihr kommt er nicht fort, wenn sie ihre Vorwürfe nicht schon wo anders an den Mann gebracht hat.«

Bald darauf sprang sie mit schönen goldenen Sandalen, welche mit blauen Sapphiren übersät waren, an den kleinen Füßen auf einen mit Rasen belegten Erdhügel, den sie hinter der Hecke, durch welche sie gestern gekrochen, schon früher hatte herstellen lassen, und setzte sich dort mit zufriedenem Lächeln wie zu einer Theatervorstellung auf einem Sesselchen nieder. Blattpflanzen, die hinter dieser versteckten Warte standen, schützten sie einigermaßen vor dem Brande der Sonne, und während sie auf diesem Lugaus, den sie nicht zum erstenmal benützte, harrte und lauschte, begann ihr das Herz immer höher zu schlagen; ja, sie vergaß in der großen Unruhe, die sie beherrschte, des Zuckerwerkes, das sie, um sich damit die Zeit zu vertreiben, auf ein großes Blatt in ihrem Schoß ausgestreut hatte.

Zum Glück ließ Orion nicht lange auf sich warten. Er kam in der verschlossenen vierrädrigen Carruca seiner Mutter. Neben dem Lenker saß ein Diener, und je ein Sklave hockte auf dem Trittbrett unter den beiden Thüren des Fuhrwerks.

Diesem folgten einige müßige Männer und Weiber und eine ganze Schar von halbnackten Kindern. Aber die Neugierigen sollten ihre Rechnung nicht finden; denn die Carruca blieb nicht auf der Straße stehen, sondern fuhr in den Garten des Rufinus, und die Pflanzen und Bäume entzogen sie den Blicken des draußen wartenden Gesindels, das sich bald freiwillig zerstreute.

Vor der Mittelthür des Wohnhauses stieg Orion und nach ihm der Rentmeister aus dem Wagen, und während der alte Herr den Sohn des Mukaukas begrüßte, leitete Nilus die Ueberführung einer ziemlichen Anzahl von schweren Säcken in das schattige Arbeitszimmer des alten Herrn.

Bei alledem hatte es für Katharina nichts Bemerkenswertes zu sehen gegeben als die stattliche Zahl und Größe der gewiß mit Gold angefüllten Beutel und den Mann, auf den es ihr allein ankam.

So schön war Orion ihr noch niemals erschienen; denn das lang niederwallende Trauergewand, dessen Ende er in reichen Falten über die Schulter geschlagen, hob die natürliche Größe seiner prächtigen Gestalt; sein volles Haar umgab ungekräuselt, doch in reichen, natürlichen Wellen sein Antlitz, das, bleich und ernst wie es war, sie zugleich rührte und unwiderstehlich anzog. Der Gedanke, von diesem herrlichen Mann einmal umworben, geliebt und geküßt worden zu sein, ihn besessen und ihn dann auf ewig an eine andere verloren zu haben, that ihr weh wie ein körperlicher Schmerz, der von der Brust ausging und ihr bis in das Hirn hineinstrahlte.

Als Orion im Hause verschwunden war, meinte sie ihn noch immer zu sehen, und wie sich sein Bild dann auch vor ihrem innern Auge verwischte, und sie sich sagen mußte, daß er nun der Andern, Paula, gegenüberstehe, und sie gerade so anblicke wie vor wenigen Tagen sie selbst, da verdoppelte sich das Leid ihrer Seele. Und ob die Damaszenerin dabei auch nur halb so glückselig war wie sie in jener unvergeßlichen Stunde? Ach, das Herz that ihr so weh! Am liebsten wäre sie über die Hecke gesprungen und hätte sich in das Nachbarhaus und zwischen Paula und Orion gestürzt.

Aber da saß sie ruhelos und doch ohne sich zu regen, von bösen Gedanken, die nur selten ein guter schüchtern durchkreuzte, völlig beherrscht, und schaute zu dem Nachbarhause hinüber. Das lag in glühendem Sonnenschein totenstill da, als sei es entschlafen. Auch im Garten regte und rührte sich nichts als der dünne Wasserstrahl, welcher aus dem Marmorbecken mit leisem, einförmigem, fortwährend stockendem Geplätscher hervorquoll, wie die Schmetterlinge, Libellen, Bienen und Käfer, deren Summen sie nicht hörte und welche die Blumen in lautlosem Fluge zu umkreisen schienen. Die Vögel mußten wohl schlafen; denn keiner zeigte sich, keiner unterbrach mit Gezirp und Gezwitscher die beängstigende Stille. Die Carruca stand wie festgebannt vor der Hausthür, der Lenker war von seinem Sitz gestiegen und hatte sich neben den anderen Sklaven auf einen der dünnen Schattenstreifen niedergelassen, welche die Säulen der Veranda warfen. Allen war der Kopf auf die Brust gesunken, und keiner redete ein Wort. Nur die Pferde rührten sich, wenn sie sich mit den vollen Schweifen der Bremsen erwehrten oder nach den brennenden Wunden bissen, die sie gestochen. Dann erhoben sie bisweilen die Deichsel, und wenn das Fuhrwerk sich knarrend rückwärts bewegte, rief der Lenker ein schlaftrunkenes: »Brrr!«

Katharina hatte sich ein breites Blatt über den Scheitel gelegt, um sich vor dem Sonnenbrand zu schützen; denn um nicht gesehen zu werden, durfte sie weder Schirm noch Hut benützen. Der Schatten, welchen die Pflanzen warfen, war spärlich, die Glut des Mittags marterte sie; aber obgleich Minute auf Minute, Viertelstunde auf Viertelstunde im Schneckengang an ihr vorüberzog, blieb ihren erregten Sinnen die Schläfrigkeit fern.

Sie brauchte keinen Sonnenweiser, um die Zeit zu bestimmen; denn sie wußte genau, wie spät es sei, wenn dieser Schatten sich bis hieher, jener bis dahin zurückzog, und setzte sie gar die Augen der Gefahr aus, zu dem Tagesgestirn in die Höhe zu blicken, so konnte sie sich volle Gewißheit verschaffen.

Jetzt fehlten nicht mehr ganz dreiviertel Stunden bis Mittag, und in dem Hause dort blieb alles still wie vorher, aber der Patriarch mußte doch zu rechter Zeit erwartet werden, und von ihrem Putz hatte sie noch nichts angethan als die goldenen Sandalen.

Da faßte sie einen raschen Entschluß, eilte auf ihr Zimmer, verbot der Zofe, ihr das Haar frisch zu ordnen, und gestattete ihr nur, ihr in die natürlichen Locken einige Rosen zu stecken. Dann ließ sie sich in stürmischer Hast ihr meergrünes Bombyxgewand, welches mit schön gestickten Borten umsäumt war, überwerfen, befahl, den Peplos mit den ersten besten Spangen zu befestigen, und wie sie sich selbst ein Armband von kostbaren Sapphiren anlegen wollte und das Schloß dabei riß, schleuderte sie es zu dem andern Geschmeide, wie man einen unreifen Apfel zu den übrigen zurückwirft. Rasch schlüpfte ihr Händchen nun durch eine goldene Spiralfeder, welche ihren halben Arm bedeckte, und endlich griff sie nach dem übrigen Schmuck, um ihn sich draußen auf der Warte mit eigener Hand anzulegen. Die Zofe erhielt den Befehl, sie um Mittag mit dem Strauß für den Patriarchen abzurufen, und eine Viertelstunde nachdem sie den Versteck verlassen, traf sie wieder auf demselben ein. Zu rechter Zeit; denn während sie das mitgenommene Geschmeide umlegte, trat Nilus aus dem Hause, und ihm folgten Sklaven mit mehreren Ledersäcken, welche sie in die Carruca zurück legten. Hierauf stieg der Rechnungsführer und mit ihm der Arzt Philippus ein, und der Wagen verließ den Garten.

»Paula vertraut Orion das Ihre von neuem an,« dachte Katharina. »Sie sind nun einig, und von nun ab kann ein ganz unverfängliches Hinundher zwischen dem Hause des Rufinus und der Statthalterei beginnen. Ein fein ersonnenes Spiel, aber wartet nur, wartet!«

Dabei biß sie die kleinen weißen Zähne zusammen, doch behielt sie Fassung genug, um nichts zu übersehen, was weiter geschah.

Während sie sich entfernt hatte, war Orions schwarzer Hengst in den Garten gekommen; ein Bereiter führte ihn mit dem eigenen Rosse darin umher, und während sie den Blick den Pferden folgen ließ, murmelte sie mit einem höhnischen Lächeln vor sich hin: »Wenigstens nimmt er sie nicht gleich mit sich.«

Nun vergingen wieder einige stille Minuten, und endlich trat Paula aus dem Hause, und dicht hinter ihr, beinahe an ihrer Seite, Orion.

Wie sie aussahen!

Seine Wangen waren nicht mehr bleich, ach, gewiß nicht, so wenig wie die Katharinas: sie glühten! Und wie hell seine Augen, wie froh und befriedigt sie strahlten! Sie hätte eine Schlange sein mögen, um beide in die Ferse zu stechen! Bei alledem hatte die Damascenerin die edle, stolze Haltung nicht verloren – und er! Wie ein Verzückter schaute er auf seine Begleiterin, und sie meinte wahrzunehmen, wie sich die Falten des Trauergewandes über seinem Herzen hoben und senkten. Auch Paula trug heute ein solches. Natürlich! Sie gehörten ja zusammen, und sein Kummer mußte der ihre sein, obgleich sie aus dem Haus des Mukaukas wie aus einem Gefängnis geflohen war. O, die tugendhafte Schöne wußte wohl, daß ihr nichts besser stand als dunkle Farben!

An Haltung, Gang und Größe erschienen diese beiden wie zwei bevorzugte Geschöpfe, welche die Schickung selbst für einander bestimmte; das konnte sich selbst Katharina nicht verhehlen.

Ein tückischer Dämon, sie nannte ihn freundlich, führte sie so nahe an ihr vorüber, daß sie mit den scharfen Ohren jedes Wort verstand, das er und sie, bald langsam vorwärts schreitend, bald stillstehend, sprachen, und dabei folgte ihnen das behende Bachstelzchen, indem es an der anderen Seite der Hecke entlang schlich.

»Ich habe Dir so viel zu danken,« waren die ersten Worte, welche sie aus Orions Mund vernahm, »daß ich mich scheue, Dich doch noch um eins zu bitten; aber gerade dies geht auch Dich an. Du weißt, wie schwer die Wunde ist, die mir die Kinderhand der kleinen Maria geschlagen; aber was sie dazu bewog, hat seinen Ursprung in ihrer braven, gerechten Gesinnung und ihrer abgöttischen Liebe zu Dir.«

»Ich soll mich des Kindes annehmen?« fragte Paula. »Dieser Wunsch ist natürlich im voraus gewährt, nur . . .«

»Nur?« fragte Orion.

»Nur mußt Du sie hieher schicken; denn Du weißt, daß ich die Statthalterei nicht wieder betrete.«

»Leider! Aber das Kind ist recht krank gewesen, wird das Haus schwerlich schon verlassen sollen, und – es muß ja gesagt sein – die Mutter, sie geht ihm in einer Weise aus dem Weg, die das ohnehin unnatürlich erregte Kind schmerzt und immer aufs neue ängstigt.«

»Das kann Frau Neforis ihrem kleinen Herzblatt anthun?«

»Erinnere Dich doch,« seufzte Orion, »was meiner armen Mutter der Vater gewesen! Jetzt ist sie wie niedergeschmettert, und wenn sie das Kind sieht, tritt ihr des unglücklichen Gatten letzte Stunde vor die Seele, und was dem Vater und mir damals angethan ward, allerdings durch Maria. Die arme Kleine kommt ihr vor wie der böse Dämon des Hauses.«

»So muß man sie daraus entfernen,« sagte Paula bewegt. »Schicke sie zu uns! Unter dem Dach des Rufinus walten freundliche, tröstliche Geister.«

»Innigen Dank! Ich werde die Mutter aufs dringendste bitten . . .«

»Thu es!« unterbrach ihn Paula. »Hast Du Pulcheria, die Tochter meines würdigen Gastfreundes gesehen?«

»Ja, ein eigenartig liebliches Wesen.«

»Sie schließt Maria bald in ihre treue Seele.«

»Und unsere arme Kleine braucht eine Freundin, seitdem Frau Susanna ihrer Tochter verbietet, die Statthalterei zu betreten.«

Und nun wandte sich das Gespräch auf die beiden Mädchen, und sie redeten von ihnen wie von lieben, beklagenswerten Kindern, und als Orion hervorhob, wie weit seine Nichte ihren Jahren vorausgeeilt sei, versetzte Paula, und ein leiser Vorwurf klang dabei aus ihrer Stimme: »Auch Katharina haben die letzten Tage gereift; aus dem flinken Kinde ist ein Mädchen geworden, dem schwere Erfahrungen das jüngst noch so leichte Herzchen belasten.«

»Es wälzt sie, wenn ich sie recht kenne, bald wieder ab,« entgegnete der andere. »Sie ist ein liebes, fröhliches kleines Geschöpf, und unter all dem Unerhörten, das ich an jenem gräßlichen Tage begangen, hab' ich ihr vielleicht mit dem Unerhörtesten wehe gethan. Es gibt da nichts zu entschuldigen, und dennoch: nur um der Mutter einen Lieblingswunsch zu erfüllen, willigte ich ein, um Katharina zu werben . . . Aber lassen wir das! Den großen Schritten, mit denen ich von nun an dahinschreiten will, muß diejenige folgen können, der die Liebe den Mut gibt, meine Gefährtin zu werden.«

Die letzten Worte hatte Katharina nur noch mit aller Anstrengung verstanden. Jetzt schlugen die Belauschten den Weg ein, der, nur schwach von wenigen Bäumen vor der Mittagssonne geschützt, nach dem Wasserbecken inmitten des Gartens führte, und sie entfernten sich weiter und weiter. Sie verstand nicht mehr, was sie sprachen; doch sie hatte genug gehört und konnte das Weitere ergänzen.

Der Hauptzweck ihres Kommens war erfüllt; sie meinte nun sicher zu wissen, wer die Andere sei. Und wie hatten die beiden über sie geredet! Nicht wie über eine verlassene Braut, deren gutes Recht man mit Füßen getreten, sondern wie über ein Kind, das man zur Thür hinausweist, wenn es anfängt lästig zu werden. Aber sie meinte, das Paar da drüben zu durchschauen und zu wissen, warum es so über sie geredet.

Paula mußte verhüten, daß sich eine neue Verbindung zwischen ihr und Orion knüpfe, und er, ihm gebot die Klugheit, von ihr, die er doch einmal mit Zärtlichkeit überschüttet, wie von einem Kinde zu reden, um sich vor der Eifersucht der strengen Andern zu schützen. Daß er sie wenigstens damals unter den Bäumen geliebt habe, daran hielt sie mit unbeugsamer Fähigkeit fest, an diese Ueberzeugung mußte sie sich klammern, um nicht den letzten Halt zu verlieren. Ein furchtbarer Aufruhr hatte sich ihrer ganzen Natur bemächtigt. Die Hände zitterten ihr; der Mund war ihr in der Mittagshitze wie verdorrt; sie wußte, daß sich welkes Laub zwischen ihrem Fuß und den Sohlen, und Blätter und kleine Zweige in ihrem Haar festgesetzt hatten; aber sie achtete es nicht, und als dichteres Buschwerk die Wandelnden ihren Blicken entzog, eilte sie auf ihre Warte zurück. Von dort aus konnte sie sie wieder mit dem Blick erreichen, und nun hätte sie ihr Liebstes und Bestes hingegeben, um das zu sein, womit sie sich so ungern vergleichen hörte: ein Bachstelzchen oder ein anderer Vogel.

Die Mittagsstunde mußte nahe, ganz nahe, wenn nicht schon da sein, und nun säuberte sie die Sandalen und achtete nicht, daß eine Rose zu Boden fiel, während sie das Lockenhaar neu ordnete und von dürren Blättern befreite. Nur die Hände, nicht die Augen waren bei dieser Beschäftigung thätig, und plötzlich leuchtete ihr Blick auf; denn das Paar, wonach sie ausspähte, schritt gerade auf die Hecke zu, und es mußte ihr bald wieder möglich werden, es zu belauschen.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.