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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Siebenzehntes Kapitel.

Zur selben Zeit wie sie war Orion in seine Gemächer zurückgekehrt. Neben ihnen lag die Schlafstube der kleinen Maria, die er, seitdem er das Sterbezimmer des Vaters verlassen, nicht wieder gesehen hatte. Er wußte, daß sie dort im Fieber verweilte, aber er gewann es nicht über sich, nach ihr zu fragen. Stieß es ihm zu, an sie zu denken, so ballten sich ihm unwillkürlich die Fäuste. In seinen Grundfesten erschüttert, verzweifelnd, außer sich, keines andern Gedankens mächtig, als daß er der Unglücklichste aller Unglücklichen sei, daß ihn der Fluch des Vaters getroffen, daß nichts das Geschehene gut machen könne, daß eine rohe, unnahbare Gewalt ihm den treusten aller Freunde zum Feind gemacht und so entrissen, und daß es keine Möglichkeit gebe, ihn zu versöhnen, ihn zu einem vergebenden Worte, einem freundlichen Blick zu bewegen, eilte er bald in dem weiten Gemach auf und nieder, bald warf er sich vor dem Diwan zu Boden und drückte das glühende Antlitz in die weichen Kissen. Bisweilen gelang es ihm, zu beten, doch er ließ immer wieder davon ab, denn gab es wohl eine Macht im Himmel und auf Erden, die dies gebrochene Auge wieder öffnen, dies erstarrte Herz wieder zum Schlagen, diese gelähmte Zunge wieder zum Reden bringen und ihm, dem Verstoßenen, das gewähren konnte, wonach seine Seele lechzte, ohne das er vergehen zu müssen meinte. Vergebung des Vaters, Vergebung, Vergebung!

Bisweilen schlug er sich wie von Sinnen Brust und Stirn mit der Faust und stieß dabei laute Angstrufe, Verwünschungen, Klagelaute aus.

Um Mitternacht – es waren erst zwölf Stunden seit dem furchtbaren Ereignisse vergangen, und es kam ihm vor, als wären es ebensoviele Tage – schleuderte er sich in den dunklen Trauergewändern, die er in Wut und Verzweiflung halb von sich gerissen, auf den Diwan und brach dort in so lautes Stöhnen aus, daß es ihn in der Stille der Nacht selbst erschreckte und er sich, von Mitleid und Grauen vor dem eigenen Jammer ergriffen, nach der Wand hin herumwarf, um seine Augen dem vollen, reinen Mondlicht zu entziehen, das ihm lauter Dinge zeigte, die er nicht sehen wollte, und das ihm weh that.

Seine Seelenqual begann die Grenze des Erträglichen zu überschreiten; wie zerfetzt, zerrissen erschien ihm das eigene Innere, und es kam ihm in den Sinn, sein schärfstes Schwert zu ergreifen, sich, wie der rasende Ajax, wie Cato, hineinzustürzen und so diesem unerträglichen, überwältigenden Jammer ein jähes Ende zu machen.

Mit einer raschen Bewegung fuhr er auf; denn da hatte sich – es war keine Sinnestäuschung, kein Irrtum – da hatte sich die Thür seines Gemaches leise geöffnet und eine weiße Gestalt betrat es nun mit unhörbar leisen, gespenstischen Schritten.

Ein kalter Schauder rieselte durch das Blut des mutigen Mannes, aber schon im nächsten Augenblick erkannte er in dem nächtlichen Besuch die kleine Maria.

Lautlos trat sie ihm im hellen Mondlicht nahe, er aber herrschte sie an:

»Was soll das? Was willst Du?«

Da schrak das Kind zusammen, blieb ängstlich stehen, streckte ihm flehend die Hände entgegen und stammelte dabei schüchtern:

»Ich hörte Dich immerfort klagen. Armer, armer Orion. Und ich bin es doch, die Dir das alles zugefügt hat, und da hielt mich's nicht mehr länger im Bett, da . . . Ja, da muß ich . . .«

Hier kam sie vor lauter Schluchzen nicht weiter, Orion aber rief ihr entgegen:

»Es ist schon gut! Geh zurück in Dein Zimmer und schlafe; ich will leiser zu stöhnen versuchen.«

Die letzten Worte klangen weniger barsch; denn er bemerkte, daß das Kind, obgleich krank, ihn mit nackten Füßen und im bloßen Hemd, von Frost, Erregung und Schluchzen geschüttelt, aufgesucht hatte; Maria aber blieb stehen, schüttelte den Kopf und entgegnete, immer noch leise weinend:

»Nein, nein, ich bleibe hier und gehe nicht fort, bevor ich nicht weiß, daß Du . . . Ach Gott, vergeben kannst Du mir ja nicht, aber ich muß es doch sagen, ich muß . . .«

Dabei eilte sie, einer schnellen Eingebung folgend, gerade auf ihn zu, umschlang seinen Hals mit den Armen, schmiegte ihren Kopf an den seinen, und als er es ihr nicht sogleich wehrte, küßte sie seine Wangen und Stirn.

Da kam etwas Seltsames über ihn; er wußte selbst nicht, wie ihm geschah, aber es war ihm, als erweiche und löse sich etwas in seinem Innern, und das, was seine Augen und sein Antlitz so warm befeuchtete, waren nicht nur des Kindes, sondern auch die eigenen Thränen.

So vergingen lange, stumme Minuten, doch endlich löste er die Arme der Kleinen von seinem Halse und rief:

»Wie heiß Deine Hände und Wangen sind, armes Ding! Du hast Fieber und wirst Dich – die Nachtluft weht kühl herein – wirst Dich noch bei diesem Unsinn erkälten.«

Mühsam war er Herr seiner Thränen geworden, und während er diese Worte hervorstieß, schlang er das schwarze Obergewand, das er abgeworfen, besorgt um sie und sagte dann freundlich:

»Sei nun ruhig, auch ich will mich zu fassen versuchen. Böse hast Du's gewiß nicht gemeint, und ich trag' Dir's nicht nach. Geh jetzt, Du kommst nun ohne Gefahr durch den Zugwind im Vorsaal. – Nun, wird's bald?«

»Nein, nein,« erwiderte sie eifrig, »Du mußt mich noch reden lassen, sonst kann ich nicht schlafen. Siehst Du, ich habe gar nicht daran gedacht, Dir weh zu thun, so furchtbar, so gräßlich weh, ganz gewiß nicht! Böse bin ich Dir schon gewesen, weil Du – aber damals, ach, lieber Heiland, damals hab' ich wahrhaftig gar nicht an Dich und nur, nur an die arme Paula gedacht. Du weißt ja nicht, wie gut sie ist, und der Großvater hatte sie so lieb, bevor Du zurückkamst, und da lag er und sollte bald sterben, und ich wußte, daß er Paula für eine Diebin, eine Lügnerin hielt, und ihn in solchem Irrtum und solcher Ungerechtigkeit die Augen schließen zu sehen, das ist mir damals so gräßlich, so ganz unerträglich vorgekommen, nicht nur um des Großvaters, nein, auch um Paulas willen, daß ich, ach, Orion, der barmherzige Heiland ist mein Zeuge, daß ich . . . Und wär' es mein Tod gewesen, ich hätte damals nicht anders gekonnt, ich wäre umgekommen, hätt' ich geschwiegen!«

»Und vielleicht ist es gut gewesen, daß Du geredet,« unterbrach sie der Jüngling und seufzte dabei tief auf. »Siehst Du, Mädchen, der arme Bruder Deines verstorbenen Vaters ist ein verlorener Mensch, und an ihm liegt nur wenig; aber Paula, die tausendmal besser ist als ich, ihr wenigstens ist nun Gerechtigkeit widerfahren, und weil ich sie lieb habe, viel lieber, als Du es Dir in Deinem kleinen Herzen vorstellen kannst, will ich Dir gern wieder gut sein, ja, Dich lieber haben als früher. Das ist nichts Großes und Edles; denn ich brauche Liebe, viel Liebe, um das Leben erträglich zu finden. Die beste Liebe, ich Narr hab' sie verscherzt, und mag nun die Deine, Du armes, braves Ding, ich mag sie nicht missen! So, da hast Du meine Hand, gib mir auch noch einen Kuß, und dann geh zu Bette und schlafe.«

Aber Maria wollte ihm immer noch nicht gehorchen, sondern dankte ihm nur stürmisch und fragte dann mit leuchtenden Augen:

»Also wirklich? Du hast Paula so lieb?« Doch hier stockte sie plötzlich und rief: »Und die kleine Katharina . . .«

»Laß das ruhen, Kind,« versetzte er seufzend, »und nimm für Dich selbst eine Lehre aus dem allem. Siehst Du, in einer leichtfertigen Stunde hab' ich ein Unrecht begangen, und um das zu verbergen, mußte ich neues hinzufügen, bis es berghoch wurde und auf mich zurückfiel und mich zermalmte. Jetzt nun bin ich der unglücklichste aller Menschen und könnte vielleicht der glücklichste sein. Durch den eigenen Leichtsinn, die eigene Schwäche und Schuld hab' ich mein ganzes Leben verdorben, hab' ich auch Paula verloren, die mir lieber ist als alle anderen Menschen auf Erden zusammengenommen. Ja, Maria, wäre sie, sie die Meine geworden, Dein armer Oheim hätte der beneidenswerteste Bursch und dazu ein wackerer Mensch, ein Großes schaffender Mann werden können; aber so? Hin ist hin! Geh zur Ruhe, Kind; erst wenn Du älter bist, wirst Du das alles verstehen!«

»O, ich versteh' es jetzt schon, jetzt, und viel besser vielleicht, als Du denkst!« rief ihm da die Zehnjährige zu. »Und wenn Du Paula wirklich so lieb hast, warum sollte sie das nicht erwidern? Du bist so schön, Du kannst so vieles, jedermann hat Dich gern, und Paula würde Dir schon gut werden, wenn Du nur . . . Willst Du mir nicht böse sein und darf ich's sagen?«

»Sprich nur, Du Närrchen!«

»Sie kann Dir ja nichts mehr nachtragen, wenn sie weiß, wie furchtbar das ist, was Du um ihretwillen leidest, und daß Du so herzensgut bist und nur ein einzigesmal etwas begangen hast – Du weißt ja! Eh' Du zurückkamst, hat der Großvater hundertmal gesagt, wie viel Freude Du ihm Dein Leben lang bereitet, und nun, nun . . . Du bist ja mein Oheim, und ich bin nur ein dummes Ding; aber ich weiß doch, daß es mit Dir gehen wird wie mit dem verlorenen Sohn in der Bibel. Der Großvater und Du, in lauter Groll seid ihr auseinander gegangen.«

»Er hat mir geflucht!« unterbrach sie Orion dumpf.

»Nein, nein! Mir ist keines von seinen letzten Worten entgangen. Nur Deine That hat er verdammt mit furchtbaren Worten und Dich von seinem Lager gewiesen.«

»Welcher Unterschied liegt darin: Verflucht oder verstoßen?«

»O, ein sehr großer! Er hatte ja Grund, Dir zu zürnen, aber der verlorene Sohn in der Bibel ist seinem Vater der allerliebste geworden, und er hat für ihn ein Kalb geschlachtet und ihm alles verziehen, und so wird Dir auch der Großvater im Himmel vergeben, wenn Du wieder so gut wirst, wie Du sonst doch gegen ihn und uns alle immer gewesen. Und Paula verzeiht Dir ebenso; ich kenne sie – Du wirst ja schon sehen . . . Katharina hatte Dich freilich auch lieb, aber sie . . . Lieber Gott, sie ist ja noch fast so kindisch wie ich, und wenn Du nur immer freundlich gegen sie bist und sie bekommt etwas recht Hübsches von Dir geschenkt, wird sie sich schon trösten. Eine Strafe hat sie für ihr falsches Zeugnis doch sicher verdient, und mit Deiner läßt sich die ihre ohnehin nicht vergleichen.«

Diese Worte aus dem Munde eines unschuldigen Kindes sollten auf den schmerzdurchfurchten Acker der Seele des Jünglings wie Saatkörner fallen und sie wie Morgentau berühren. Als Maria längst Ruhe gefunden, dachte er ihnen noch immer nach.

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