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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Sechzehntes Kapitel.

Als der Arzt von Paula geschieden war, hatte er ihr gesagt, des Mukaukas Ende könne zwar jeden Augenblick erfolgen, es sei aber auch möglich, daß er noch wochenlang mit dem Tode ringen werde. Diese Aussicht erschien ihr tröstlich; denn der Gedanke, daß der einzige wahre Freund, den sie, bevor Philipp ihr näher getreten, in Memphis besessen, auf immer dahingehen werde, ohne ihre Rechtfertigung gehört zu haben, wollte ihr unerträglich scheinen. Nichts weniger als wahrscheinlich war es, daß man in der Umgebung der Frau Neforis, wenn sie die Enkelin derselben ausnahm, ihrer in Liebe gedenken werde, und sie begehrte es kaum; aber der Achtung, deren sie sich auch in der Statthalterei würdig gemacht hatte, wollte sie nicht verlustig gehen. Gelang es dem Freunde, die Tage ihres Oheims zu verlängern, dann konnte eine offene Aussprache mit ihm ihr seine alten freundlichen Empfindungen und seine günstige Meinung zurückgewinnen.

Ihr neues Heim kam ihr vor wie eine Uebergangsstätte, eine Wartestation in der Wüstenfahrt ihres vereinsamten Daseins, und was sie unter ihren memphitischen Angehörigen gelernt hatte, das wollte sie hier nicht unbenützt lassen. Die Hoffnung war gerade jetzt Meisterin über Schmerz und Enttäuschung in ihrem Herzen geworden. Nur Orions Nähe stand wie eine drohende Hagelwolke über dem grünenden Saatfeld ihres inneren Friedens, und doch hielt sie neben der Notwendigkeit, den Boten hier zu erwarten, nichts fester an Memphis als die Möglichkeit, wenigstens von fern dem weiteren Verlauf seines Lebens zu folgen. Was sie für ihn empfand, nannte sie selbst tiefe Abneigung, und es bildete, wie wenig sie sich dies auch eingestehen mochte, einen wesentlichen Teil ihres inneren Lebens.

Ihre neuen Wirte hatten sie als lieben Gast aufgenommen, und arme Leute schienen sie gewiß nicht zu sein. Ihr Haus war sehr geräumig und dabei, wenn auch alt und prunklos, doch bequem und mit gebildetem Kunstsinn eingerichtet. Der Garten hatte sie durch seine sorgsame Pflege überrascht, und es waren darin vor ihren Augen ein buckeliger Gärtner und mehrere Kinder thätig gewesen. Seltsame Gehilfen. Denn wie ihr verwachsener Meister, waren sie alle mit irgend einem körperlichen Schaden behaftet.

Das Grundstück, welches bis an die dem Strom folgende Straße für Fußgänger, Fuhrwerke und die Schlepper der Nilschiffe reichte, war schmal und grenzte zu beiden Seiten an große Anwesen, und unweit der Stelle, wo es dem Nil am nächsten kam, begann die Schiffbrücke, welche Memphis mit der Insel Roda verband. Zu seiner Rechten lag das ihr wohlbekannte schöne Haus, der Palast, so durfte man es nennen, der Witwe Susanna, zu seiner Linken ein weit ausgedehnter Hain, in dem sich schlanke Palmen, Sykomoren mit breiten Laubdächern und dichtes blaugrünes Tamariskendickicht Schatten spendend erhoben. Aus diesem Verein von prächtig ausgewachsenen Pflanzen und alten Bäumen lugte ein langes, gelbes, mit einem Türmchen gekröntes Gebäude hervor, das ihr gleichfalls nicht unbekannt war; denn man hatte in der Statthalterei oft davon gesprochen, und sie war sogar einigemale in Perpetuas Gesellschaft dort gewesen. Es hieß das Cäcilienkloster und beherbergte die letzten in Memphis geduldeten Nonnen ihres orthodoxen Glaubens; denn während alle anderen Schwestern ihrer Konfession längst aus der Stadt vertrieben waren, durften diese in ihrer alten Wohnstätte verbleiben, nicht nur weil sie als gute Krankenpflegerinnen geschätzt waren, ein Vorzug dessen sich auch andere melchitische Orden erfreut hatten, sondern vielmehr, weil die herabgekommene Stadt den reichen Zins nicht einbüßen wollte, den sie jährlich bezahlten. Dieser stellte die Zinsen eines beträchtlichen Kapitals dar, welches ein kluger Vorfahr des Mukaukas dem Kloster hinterlassen hatte, und zwar unter der vorsichtigen, von Theodosius II. mit seinem kaiserlichen Siegel bestätigten Vorschrift, daß diese Stiftung, sobald das Kloster aufgelöst werden sollte, samt den Grundstücken und Baulichkeiten, die das Cönobium gleichfalls der Freigebigkeit des Stifters verdankte, dem regierenden christlichen Kaiser als Eigentum zufalle.

Der verstorbene Mukaukas hatte trotz seiner wohl begründeten Abneigung gegen alles Melchitische sich wohl gehütet, den nützlichen Nonnen zu nahe zu treten und ihr reiches Besitztum seiner verarmenden Vaterstadt zu entziehen, um es den reichen Muslimen in die Hände zu spielen. Die Urkunde, auf die sich die Schwestern stützten, war gut, und der rechtskundige und billig denkende Statthalter hatte sie, so ängstlich er auch in den letzten Jahren für die Sicherheit der eigenen Person geworden, nicht nur unangetastet gelassen, sondern war ohne Menschenfurcht fest und bestimmt gegen das mächtige Haupt der jakobitischen Kirche für ihre Rechtsgiltigkeit eingetreten. Natürlich billigte der Senat der früheren Hauptstadt Memphis sein Verhalten und duldete die andersgläubigen Schwestern nicht nur, sondern leistete ihnen mancherlei Vorschub.

Die jakobitische Geistlichkeit der Stadt übersah sie und richtete nur in der Osterzeit ihr Auge auf das Kloster; denn am Samstag vor diesem Feste hatten die Nonnen, gemäß einer vor dem monophysitischen Schisma erlassenen Bestimmung, gestickte Priestergewänder, Wein von den vorzüglichen Lagen bei Kochome in der Nähe der Stufenpyramide und eine beträchtliche Menge von Blumen und Backwerk an die Christuskirche zu steuern. So blieb das alte Frauencönobium erhalten, und obgleich ganz Aegypten nur noch jakobitisch oder muslimisch war und manche alte Schwester im letzten Jahr das Zeitliche gesegnet hatte, fragte doch niemand darnach, wie es komme, daß die Zahl der Nonnen sich immer auf der gleichen Höhe erhielt, bis an Stelle des Melchiten Cyrus der jakobitische Erzbischof Benjamin den Patriarchensitz in Alexandria einnahm. Diesem waren die ketzerischen Weiber in Memphis, die Habichte im Taubenschlag, wie er sie nannte, ein Greuel, und er meinte das alte Schenkungsdokument dahin deuten zu dürfen, daß, da es keinen christlichen Kaiser mehr gab und das Wort »christlich« in der Urkunde stand, das Kloster bei seiner Auflösung dem einzigen christlichen Oberhaupte, welches das Land gegenwärtig besaß, ihm und seiner Kirche, zufallen müsse. Die üble Gesinnung, welche der Patriarch gegen den Mukaukas hegte, war durch den Widerstand, welchen ihm derselbe in dieser Angelegenheit leistete, bis zur Feindseligkeit verschärft worden.

Von diesem Kloster her drang Paula nun ein wohltönender Klagegesang entgegen. War die würdige Oberin der Nonnen gestorben? Nein, dies Zeichen mußte sich auf einen andern Todesfall beziehen; denn durch die dem Nil zugewandten Fenster ihres Eckzimmers drang von der Straße, der Schiffbrücke und einigen Nachen auf dem Strome her das wunderlich schrille Klagegeschrei ägyptischer Weiber. Um des Hingangs einer Melchitin willen hätte kein jakobitischer Memphit seiner Trauer derartig Ausdruck zu geben gewagt, und als sich die Zahl der Klagenden mehrte, durchschauerte sie der Gedanke, ihr Oheim und Freund habe die lieben, müden Augen geschlossen.

Tief ergriffen und feuchten Blickes sah sie, wie aufrichtig der Tod dieses rechtschaffenen Mannes von all seinen Mitbürgern beklagt wurde. Ja, nur ihm und keinem andern Aegypter konnte diese allgemeine, diese große und lebhafte Trauer gelten! Auf der Straße bestrichen sich jammernde Weiber Brust und Stirn mit dem Nilschlamm des Ufers, blieben Männer in großen Gruppen stehen und schlugen sich mit leidenschaftlichen Geberden Haupt und Brust. Auf der Schiffbrücke hielt einer den andern an, und auch von ihr her drang zeterndes Geschrei an ihr Ohr.

Endlich erschien Philippus, um ihr zu bestätigen, was sie befürchtet. Der Tod des Statthalters hatte ihn nicht weniger ergriffen als sie, und er mußte Paula berichten, was er von der letzten Stunde des Verstorbenen wußte.

»Etwas Gutes,« schloß der Arzt, »ist mir immerhin bei all dem Jammer begegnet. Wer irrte sich wohl gern; und doch freut nichts so sehr als die Einsicht, sich über einen Menschen und seine Gesinnung zu seinem Nachteil getäuscht zu haben. Dieser Orion, der sich so schmählich gegen sich selbst und gegen Dich versündigt, er ist doch kein verlorener Mensch.«

»Nicht?« fiel ihm Paula ins Wort. »So hat er auch Dich hintergangen.«

»Hintergangen?« fragte der Arzt. »Das wohl schwerlich. Ich habe leider vor vielen, vielen Sterbebetten gestanden; denn man ruft mich ja meist erst, wenn schon der Finger des Todes dem Kranken winkt. Tausende von Leidtragenden sind mir an diesen Unglücksstätten begegnet, und ich sage Dir, sie sind die beste Schule und Akademie für jedermann, der das Innere seiner Mitgeschöpfe zu erforschen wünscht. Hier und auf dem Markt, wo es sich um das Mein und Dein handelt, sieht man unter uns, die wir, was edel und groß in uns ist, ebenso ängstlich vor der Welt verbergen wie andere das Gemeine und Kleine, sieht man den Menschen gleichsam in die offene Brust. Nach der Beobachtung von Sterbenden und denjenigen, die Leid um sie tragen, könnte ich, der ich kein Menander oder Lucian bin, doch eine Reihe von Menschenbildern zeichnen, die so wahr sein sollten, als hätten sie vor mir ihr Inneres nach außen gekehrt.«

»Daß die Sterbenden sich geben, wie sie sind,« versetzte Paula, »das will ich glauben. Sie haben ja keine Rücksicht mehr auf andere zu nehmen; aber die Leidtragenden? Schon die Sitte befiehlt ihnen, bekümmert zu erscheinen und Thränen zu vergießen.«

»Ja, das Trauern wiederholt sich an den Totenbetten,« entgegnete der Arzt, »aber das Sterbezimmer ist wie eine Kirche. Der Tod weiht es, und wer ihm Auge in Auge gegenübersteht, der läßt die Maske oft fallen, mit der er sonst die Mitmenschen täuscht. Da gibt es denn Gesichter zu sehen, vor denen Dir grauen würde, aber auch andere, bei deren Betrachtung man es über sich bringen kann, mit neuer Achtung auf die verkommene Sippe, der wir sonst angehören, zu blicken.«

»Und für solche tröstliche Erscheinung hältst Du Orion, den Räuber, den Zeugnisfälscher und ungerechten Richter?« fragte Paula, indem sie erstaunt und ungehalten auffuhr.

»Ei, sieh!« lachte der Arzt. »Wie alle anderen Weiber! Ein Taschenspielerstückchen, und im Nu ist purpurn, was vorher nur rosenrot war! Nein, bis zu solchem Farbenglanze hat es der Sohn des Mukaukas noch nicht gebracht, aber – und das acht' ich schon hoch – aber er hat noch ein fühlendes, eindrucksfähiges Herz. Daß er mit warmer, geradezu leidenschaftlicher Liebe an dem Vater gehangen, unterliegt für mich, der ich wahrhaftig Grund genug habe, ihm des Uebeln Uebelstes zuzutrauen, keinem Zweifel. So lang ich diesem Sterbeakt beiwohnen durfte, haben sich Vater und Sohn in aller Freundschaft, ja Zärtlichkeit getrennt, und als dann das arme Herz des braven Alten zum Stillstand gelangt war, fand ich Orion in einem Zustande wieder, wie ihn nur Liebe hervorbringt, die ihr Liebstes verloren.«

»Komödie!« fiel Paula dem Freunde ins Wort.

»Für dergleichen fehlte die Zuschauerschaft, liebe Freundin! Solche Anstrengungen legt ein Orion sich nicht auf für seine Mutter und die kleine Maria.«

»Aber er ist ein Dichter und ein hochbegabter dazu. Herrliche Lieder, selbstersonnene, singt er zur Leier; in jede Stimmung versetzt ihn sein beschwingter, beweglicher Geist; doch seine Seele ist verderbt, wie ein Schwamm mit Wasser ist sie mit Ruchlosigkeit gesättigt. Er ist ein Gefäß schöner Gaben, aber was gut und groß an ihm war, hat er eingebüßt, alles, alles!«

Diese Worte waren schnell über die Lippen des empörten Mädchens geflossen. Der Eifer hatte ihre Wangen gerötet, und sie glaubte den Arzt auf ihre Seite gezogen zu haben, der aber schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte:

»Die gerechte Entrüstung führt Dich zu weit. Wie oft hast Du meine Schärfe und Zweifelsucht getadelt, nun aber bitte ich Dich, mir zu gestatten, Dich an einer Erfahrung teilnehmen zu lassen, gegen die Du wahrscheinlich noch vorgestern nichts einzuwenden gehabt hättest: Bösewichte jeder Art sind mir begegnet. Denke nur, wie viel Giftmorde es mir zu untersuchen obliegt!«

»Homer nennt ja schon Aegypten das Giftland,« rief Paula. »Und unbegreiflicherweise hat das Christentum daran nicht das Geringste geändert. Mehr Bosheit, Hinterträgerei, Haß und Mißgunst als hier ist auch dem weisen Kosmas, der die ganze Erde gesehen, nirgends begegnet.«

»Da siehst Du also, in wie guter Schule meine Erfahrungen über das Böse im Menschen gereift sind,« lächelte der Arzt, »und sie lehren meist, daß es keinen Verbrecher, Sünder oder Frevler gibt, so abgefeimt und verderbt, grausam und gewissenlos er auch sein mag, in dem sich nicht eine oder die andere gute Eigenschaft fände. Erinnerst Du Dich der gräßlichen Giftmischerin Nechebt, die ihre beiden Brüder und ihren leiblichen Vater ums Leben brachte? Sie ward ja vor kaum drei Wochen ergriffen; und dieselbe Bestie in Menschengestalt hat für ihren ungeratenen Sohn, der in der kaiserlichen Armee diente, gehungert und gedurstet bis zum Verschmachten, und endlich Giftmischerei getrieben, nicht um ihren eigenen kläglichen Zustand zu bessern, sondern um dem schändlichen Buben Mittel für neue Schwelgereien zu schicken. Tausend ähnliche Beispiele stünden mir zu Gebote, aber ich will Dir nur noch von einem der blutigsten und wildesten Räuber erzählen, der den Sicherheitswächtern hundertmal entschlüpfte und endlich dennoch in ihre Hände fiel, und wodurch? Weil er gehört hatte, daß sein altes Mütterchen schwer erkrankt sei, und das Verlangen in ihm übermächtig geworden war, das runzelige Weibchen noch einmal wiederzusehen, es noch einmal, wie, da er Kind war, zu küssen. So hat Orion, für wie verderbt wir ihn auch sonst halten mögen, in jedem Falle eine Eigenschaft, die wir billigen müssen: zärtliche Liebe zu Vater und Mutter. Dein Schwamm saugt sich eben nicht ganz voll mit dem, was Du ›Ruchlosigkeit‹ nennst; es sind immer noch Poren und Zellen in ihm, die ihr Widerstand leisten, und gehört, bei ihm wie bei anderen, das Herz zu diesen dann sag' ich hoffnungsvoll mit dem Römer Horaz: › Nil desperandum!‹ Es wäre unrecht, wenn man ihn ganz aufgeben wollte.«

Paula fand keine Antwort auf diese Versicherung, ja es kam ihr in den Sinn, daß Orion, wenn er nicht gelogen, nur der Mutter zu liebe mit ihrem Bilde im Herzen um das Bachstelzchen geworben, und soeben wollte der Arzt, dem es lieb war, das Gespräch auf einen andere Gegenstand hinzuleiten, auf das Ende des Mukaukas zurückkommen, da meldete eine der verkrüppelten Dienerinnen eine Frau, welche die Tochter des Thomas zu sprechen begehre. Wenige Minuten später lag das Mädchen an der Brust ihrer alten, treuen Freundin, der Amme, und diese jubelte so froh und lachte und weinte vor lauter Wonne so herzlich, als habe sie gar nichts Schlimmes erfahren, während Paula, die jüngere, die das Geschehene ins Herz getroffen, in dessen Banne verblieb.

Perpetua verstand sie und verübelte ihr die Ruhe, welche sie ihrem Freudenrausch entgegensetzte, durchaus nicht.

Sie war, erzählte sie, in ihrem heißen Gefängnis gut gehalten worden, und vor einer halben Stunde hatte der junge Herr, Orion, selbst das Thor ihres Kerkers geöffnet. Er war sehr gnädig gewesen und dabei so bleich und so traurig! Der übermütige junge Mann sei ganz verändert, seine verweinten Augen hätten sie, Perpetua, zu Thränen gerührt. Was Orion ihrer Paula und ihr selbst gestern angethan habe, das möge Gott ihm vergeben. Böse Geister müßten ihn besessen haben, er sei sich ja selbst nicht gleich gewesen; denn er habe ein freundliches, gutes Herz, und wenn er sich auch vor den Richtern hart und ungerecht gegen den armen Hiram gezeigt, so habe er das doch heute früh wieder gut gemacht und ihm nicht nur das Gefängnis geöffnet, sondern ihn, sie wisse es durch den Rentmeister Nilus, mit seinem Buben und zwei Rossen reichbeschenkt heimgesandt nach Damaskus. Wer selber der Vergebung des Nächsten bedürftig sei, der möge auch ihm gern vergeben. Der große Augustinus sei in seiner Jugend gewiß kein Tugendspiegel gewesen und dennoch ein helles Licht der Kirche geworden, und so werde nun auch der Sohn des Mukaukas in seines Vaters Fußstapfen treten. Ein lieber, schöner Mensch, an dem man schon noch seine Freude haben werde, sei er gewiß. Heute schon habe er sich ernst und feierlich gezeigt wie ein Bischof, und vielleicht wandle er bereits auf besseren Wegen. Was Paula dazu sage: er habe sie selbst zum Wagen seiner Mutter begleitet und dem Rosselenker geboten, sie hieher zu fahren. Ihre Sachen sollten ihr morgen ausgeliefert und unter ihrer eigenen Aufsicht verpackt und ihr nachgeschickt werden. Der Rentmeister Nilus sei mit ihr gekommen, um eine Botschaft an sie zu überbringen. Zunächst habe er sich in das Cäcilienkloster begeben.

Nun befahl ihr Paula, ihn dort aufzusuchen, und sobald Perpetua das Zimmer verlassen, rief sie dem Arzt zu:

»Da hättest Du schon eine Meinungsgenossin! Wie die Menschen doch sind! Gestern Abend fand meine wackere Betta keinen Abgrund der Hölle zu tief für unsern Feind, und nun? Ja, in eigener Person von solch einem Herrn an den Wagen geführt zu werden, das schmeichelt, und wie rasch hat mein Altchen alles Böse vergessen, wie ruhig und zufrieden ist sie, da ihr die gnädige Erlaubnis zu teil ward, die lieben, wohlgehaltenen Sachen mit eigener Hand einzupacken. Du sagtest mir einmal, aus dem Heidengott Osiris hätten die Jakobiten einen heiligen Orion gemacht, und so sieht meine Betta bereits in dem Sohn des Mukaukas einen künftigen Sankt Augustinus. Ich sehe schon, wie sie ihn zu ihrem Schutzpatron erhebt und mich, sind wir erst wieder in Syrien, bittet, mich einer Wallfahrt zu ihm anzuschließen.«

»Und vielleicht thust Du ihr den Gefallen,« versetzte der Arzt, dem Paula zum erstenmal, seit sein Herz in Liebe zu ihr entbrannt war, nicht ganz so erschien, wie ein Mann von einem angebeteten Weibe erwarten mag. Nichts hatte er bisher an ihr gesehen, gehört und erfahren, was nicht würdig und hochsinnig gewesen wäre, doch die letzten Worte hatten heftig, gereizt, spöttisch geklungen, und Spott, sagte sich Philipp, der Tadel, welcher nicht darauf ausgeht, zu bessern, sondern zu kränken, steht einem edlen weiblichen Wesen übel. Das höhnische Lachen, mit dem sie ihre Rede beendet, hatte ihm siegesgewiß zugerufen, eine wie weite Kluft zwischen ihren und seinen Ansichten sich aufthat. Er war, das verhehlte er sich nicht, von gröberer, geringerer Art als Paula, und er spottete vielleicht öfter, als recht war. Bisher hatte gerade ihr diese Gewohnheit an ihm mißfallen, und das hatte ihn angemutet, das entsprach dem Ideale, welches er sich von dem Weibe seines Herzens gebildet, und nun gefiel sie sich im Spott, und der kam ihr nicht im Scherz über die Lippen, sondern quoll leidenschaftlich aus der tief erregten Seele, und diese Wahrnehmung flößte dem Menschenkenner Bedauern ein und erweckte zugleich seine Besorgnis.

Paula sah ihm an, daß er ihre letzten Worte mißbillige, und empfand, daß seinem Satze: »Vielleicht thust Du ihr den Gefallen,« eine tiefere Bedeutung innewohne. »Die Männer,« dachte sie, »zürnen, wenn sie eine Ansicht bestimmt ausgesprochen haben und wir Frauen es wagen, ihr unbeirrt eine andere entgegenzusetzen,« und weil sie den Freund, dem sie so Großes verdankte, um keinen Preis kränken wollte, sagte sie freundlich:

»Ich mag der Meinung Deiner wunderlichen Verheißung nicht auf den Grund gehen. Es ist ja, gottlob, durch Deine Güte und Umsicht nunmehr jede Verbindung zwischen mir und dem Sohne meines armen Oheims abgeschnitten. Sprechen wir von etwas anderem; wir haben schon viel zu viel von ihm geredet!«

»Ganz meine Ansicht,« versetzte der Arzt. »Uebrigens bitte ich Dich, mein ›vielleicht‹ zu vergessen. Ich bin ein Mann der Gegenwart und kein Prophet, aber das seh' ich dennoch voraus, daß Orion alles aufbieten wird, um – koste es, was es wolle . . .«

»Nun?«

»Sich Dir wieder zu nähern, Deine Vergebung zu erwirken, Dein Herz zu rühren, Dich . . .«

»Er soll es versuchen!« rief Paula und erhob drohend die Rechte.

»Und wenn er, der in jeder Hinsicht herrlich Begabte, sich nun selbst wiederfindet und als ein geläuterter, des Beifalls der Besten würdiger Mann . . .«

»So werde ich doch nie und nimmer vergessen, was er verbrochen und mir zugefügt hat. Meinst Du, ich hätte Dein Gespräch mit Neforis jetzt schon vergessen? Du verlangst von Deinen Freunden nichts als eine wackere Gesinnung, die der Deinen entspricht, und was wär' es denn, was mich von Orion abstößt, als die Gesinnung? Ihre Handlungsweise haben Tausende geändert, aber auch – antworte offen! – auch das, was wir unter ›Gesinnung‹ verstehen?«

»Auch sie,« fiel ihr der Arzt mit schwerem Ernst ins Wort, »auch sie ist der Wandlung fähig. Oder willst Du Dich auf Seiten des Kaufherrn und seiner muslimischen Glaubensgenossen stellen, die den Menschen als Spielball eines blinden Schicksals betrachten? Was uns nach der Ansicht unserer Gottesgelehrten vorausbestimmt ist, das Böse, das wir mit zur Welt bringen, ›innere Wiedergeburt‹, wie sie's nennen, kann es wenden, beseitigen, zum Guten führen; aber wem gelingt es im lebendigen Treiben der Welt, in ihrem Sinne sich selbst zu töten, lebend gleichsam zu sterben, um als neuer Mensch aufzustehen? Das Büßergewand paßt nicht für die Gestalt eines Orion; doch es gibt für ihn eine andere Möglichkeit, den Pfad wiederzufinden, den er verlassen. Das Schicksal hat seinem verwöhnten Liebling bis jetzt so viel Erfreuliches geboten, daß er vor lauter Genießen und Danken keine Zeit fand, über das Leben selbst nachzudenken; jetzt zeigt es ihm seinen Ernst, jetzt fordert es ihn auf, sich zu besinnen, und wenn er einen Freund findet, der ihm zuruft, was mich schon der Vater in einem Briefe lehrte, den er seinem einzigen kleinen Buben hinterließ, und er ist gewillt, ihn zu hören, so halt' ich ihn für gerettet.«

»Und dieses Wort, dieser Rat, er lautet?« fragte Paula gespannt.

»In der Kürze also: Das Leben ist kein Mahl, das die Schickung uns aufträgt, damit wir's genießen, sondern ein Dienst, dem es uns mit bester Kraft vorzustehen obliegt. Prüfe jeder seine Natur und Begabung, und je besser es ihm gelingt, sie zum Heil und zum Frommen des Ganzen, als dessen Glied er zur Welt kam, auszunützen, desto höher wird seine innere Glückseligkeit wachsen, desto sicherer wird er zu schöner Seelenruhe gelangen, desto weniger Schrecken bietet ihm der Tod. Im Bewußtsein, auch für die Zukunft Saat gestreut zu haben, schließt er wie ein getreuer Haushalter am Abend jedes einzelnen Tages und am Schluß der letzten ihm auf Erden bewilligten Stunde die Augen. Erkennt Orion dies an, willigt er ein, sich der Pflicht, die das Dasein ihm auferlegt, nicht zu entziehen, widmet er ihr mit nun erst rechtem Ernst seine Kräfte, so kann ein Tag kommen, an dem ich selbst mit Anerkennung, ja mit Bewunderung zu ihm aufschauen werde. Der Schiffbruch, von dem der Araber sprach, ist gekommen. Sehen wir zu, wie er sich aus den Wogen rettet und sich nach der Strandung bewährt.«

»Sehen wir zu,« wiederholte Paula, »und wünschen wir ihm, er fände den Mahner! Wie ich Dich da hörte, kam es über mich, als träte an mich die Verpflichtung . . . Doch nein, nein! Er hat sich selbst ruchlos um das Mitleid gebracht, das ich nach diesem schrecklichen Schlag auch dem Feind zollen darf. Er, er . . . Nichts, gar nichts soll er und wird er mir sein, bis ans Ende der Tage. Dir hab' ich zu danken, daß sich mir dieser Friedenshafen eröffnet. Hilf mir alles Feindliche bannen, das sich ihm naht, um die Ruhe darin zu stören. Wagt es Orion, in welcher Absicht auch immer, sich Eingang in dies Haus zu erzwingen oder zu erschleichen, so verlaß ich mich auf Dich, mein Freund und mein Retter!«

Damit bot sie Philippus die Hand, und während er einschlug, wallte ihm das Blut wieder zärtlich auf, und er rief freudig:

»Meine Kraft wie mein Herz sind Dein eigen. Verfüge darüber, und wenn Deine Seele die heiße Liebe eines treuen, einfachen Mannes . . .«

»Nicht weiter; nein, nein, Philipp.« unterbrach ihn Paula mit ängstlichem Eifer. »Fest verbunden laß uns als Freunde, wie Bruder und Schwester zusammenhalten.«

»Wie Bruder und Schwester?« wiederholte er dumpf und mit einem wehmütigen Lächeln. »O ja, schön, schön ist auch die Freundschaft. Doch – laß mich reden – von Liebe hatt' ich geträumt, das brandende Meer der Leidenschaft, hier, hier drinnen fühlt' ich sein Wogen und fühle es noch . . . Aber Mann, Mann . . .« und dabei drückte er die Faust auf die Stirn – »hast du Narr denn dein Spiegelbild vergessen, weißt du nicht mehr, daß du ein garstiger, grober Gesell bist, daß für dich die glühende Blume, wonach du strebst . . .«

Da trat Paula dem Freunde, vor dessen rasendem Ungestüm sie zurückgetreten war, wieder entgegen, und indem sie seine Hand mutig ergriff, rief sie dringend:

»Nicht so, Philippus, mein lieber, mein teurer, mein einziger Freund! Die glühende Blume, die Du forderst, ich kann sie nicht Dir, kann sie niemand schenken! Ich besitze sie nicht mehr; denn als sie einmal hier aufgeblüht war, sind ruchlose Füße gekommen, um sie zu zertreten. Schmähe nur nicht Dein Spiegelbild, nenne Dich nicht einen groben Gesellen. Wie Du bist, so kann auch die Beste, die Schönste stolz sein auf Deine Liebe. Bin ich denn nicht stolz, werde ich es nicht bleiben auf Deine Freundschaft?«

»Freundschaft, Freundschaft!« wiederholte er heftig und riß die Hand aus der ihren. »Dies heiße, sehnsuchtsvolle Herz dürstet nach anderen Gefühlen! O Weib, Weib! Ich kenne den Elenden, der die Blume der Blumen in Deinem Herzen zertreten, und ich Thor bin sein Lobredner, sein Verteidiger und – was es auch koste – und werde es bleiben, so lang Du . . . Vielleicht schlägt die glühende Blume neue Wurzeln im Boden des Hasses, und ich Unseliger, der sie begossen, werde dabei stehen.«

Da faßte Paula noch einmal beide Hände des Arztes und rief in tiefer, schmerzlicher Seelenangst:

»Ich bitte, ich beschwöre Dich, laß das! Wie kann ich hier, ohne mich selbst eines Verstoßes gegen die Sitte zu zeihen, den auch das eigenste Gefühl der Jungfrau zu meiden gebietet, unter Deinem Schutze, in steter Gemeinschaft mit Dir, ruhig leben, wenn Du die Grenzen übertrittst, welche treue, feste Freundschaft umhegen? Ich bin ein verlassenes Mädchen und würde verzweifeln und mich selbst verloren geben, wenn mich der Glaube, mich auf mich selbst verlassen zu dürfen, nicht schützte. Begnüge Dich mit dem, was ich Dir jetzt bieten kann, Freund, und Gott soll Dir's lohnen! Laß uns beide der Achtung wert bleiben, die wir, dem Himmel sei Dank, mit voller und schöner Berechtigung für einander empfinden.«

Da neigte sich der Arzt bewegt zu ihr nieder, drückte, seiner selbst kaum mächtig, die Lippen auf ihre weiße, kräftige Hand, und während er dies that, trat Perpetua mit dem Rechnungsführer ins Zimmer.

Der redliche Beamte, ein schlichter Mann, nicht groß und nicht klein, nicht alt und nicht jung, mit einem bleichen, sorgenvollen, von schwerer Arbeit und Verantwortlichkeit gefurchten, feinen und klugen Gesicht, warf einen raschen, festen Blick auf die beiden und stellte dann eine bedeutende Summe in Goldstücken vor Paula nieder. Sein junger Gebieter sende sie nach dem Willen seines dahingegangenen Vaters für den ersten notwendigen Bedarf; der übrige, größere Teil ihres Vermögens samt der Abrechnung werde ihr nach der Beerdigung des Mukaukas ausgezahlt werden.

Nilus konnte schon jetzt den Umfang ihrer Habe ungefähr angeben, und sie erwies sich als so bedeutend, daß Paula ihren Ohren nicht traute.

Sie sah sich nun vor jeder äußeren Sorge gesichert, ja so gestellt, daß sie berechtigt gewesen wäre, mit Aufwand zu leben.

Der Arzt war Zeuge dieses Gespräches gewesen, und es hatte sein Herz tief beängstigt.

Der Gedanke, der armen Waise Paula alles zu sein und sie auch vor äußerem Mangel schützen zu dürfen, hatte ihn so glücklich gemacht!

Die Unterkunft, welche er der Damascenerin verschafft, und alles, dessen sie sonst bedurfte, war er auf sich zu nehmen bereit gewesen, und nun erwies es sich, daß sein Schützling nicht nur vornehmer, sondern auch reicher war als er selbst.

Es war ihm, als habe ihn Orions Bote einer schönen Lebensfreude beraubt, und nachdem er Paula ihrem wackeren alten Wirte und den Seinen zugeführt hatte, verließ er gesenkten Hauptes das Haus des Rufinus.

Als die Zeit zum Schlafengehen kam, durfte Perpetua wieder ihre liebe Herrin entkleiden; Paula aber fand keinen Schlaf, und als sie sich am Morgen wieder zu ihren neuen Freunden gesellte, sagte sie sich, daß, wenn irgendwo, so hier die Stätte sei, an der sie den verlorenen Frieden zurückerlangen könne, daß sie aber noch viel zu ringen und lange zu wandern haben werde, um ihn zu erreichen.

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