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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Dreizehntes Kapitel.

Was der Arzt durch Paula von den Vorgängen des vergangenen Tages, Orions Verhalten und dem Ausgang der Gerichtssitzung vernommen, brachte ihn außer sich, und ungestüm billigte er des Mädchens Entschluß, diese verruchte Räuberhöhle, dies Haus des Uebelwollens, des Betruges, der blöden Richter und falschen Zeugen sofort zu verlassen.

Zu einem ruhigen Gespräch zwischen ihnen kam es noch nicht; denn in dem Krankenzimmer gab es für Philippus bald alle Hände voll zu thun.

Der Masdakit Rustem, welcher bis dahin bewußtlos dagelegen hatte, war infolge eines neuen Medikamentes aus der Erstarrung erwacht und verlangte stürmisch nach Haschim, seinem Meister. Als dieser nicht kam und man ihm sagte, daß er ihn erst morgen erwarten dürfe, richtete sich der Riese in den Kissen auf, stemmte die gewaltigen Arme steif ausgestreckt hinter sich auf die Bettstatt, schaute irren Blicks hin und her und schüttelte den großen Kopf, von dem man die Haarmähne geschnitten, wie ein gereizter Löwe. Dabei rief er dem Arzte mit tiefen, weithin hallenden Brusttönen schmähende Worte in seiner Muttersprache zu, die keiner der Anwesenden verstand, und während Philippus den Verband auf der schweren Wunde furchtlos neu zu befestigen suchte, löste Rustem plötzlich die Hände von der Bettstatt, schlang sie um den Leib des Heilkünstlers und versuchte ihn rasend und mit Schaum auf den Lippen zu sich niederzuziehen. Brüllend wie ein Raubtier zerrte er an seinem Gegner, aber auch jetzt verlor Philipp keinen Augenblick die Gegenwart des Geistes, sondern befahl der Nonne, zwei handfeste Sklaven zu holen.

Diese eilte davon, und Paula ward nun Zeugin eines furchtbaren Ringens; denn der Arzt hatte die Knöchel des Riesen mit den seinen umfaßt und entfernte mit einer Kraft, welche man wohl dem großen, starkknochigen Manne, aber schwerlich dem nach vorn übergeneigten Forscher hätte zutrauen mögen, des Persers Hände von seinen Hüften, preßte dann Finger auf Finger zwischen die Rustems, zwang ihn in die Kissen zurück, setzte die Kniee auf sein ehernes Lager und bewältigte ihn so, daß der Verwundete sich nicht wieder aufzurichten vermochte. Und doch wandte der Masdakit alle Kraft auf, um sich von dem Gegner zu befreien, aber dieser war jetzt stärker als er; denn Blutverlust und Fieber hatten Rustem geschwächt.

Paula sah diesem Ringkampf der besonnenen Kraft gegen die tierische Stärke eines rasenden Riesen zitternd und mit laut pochendem Herzen zu. Sie konnte dem Freunde nicht beistehen, doch sie folgte vom Kopfende des Lagers aus jeder seiner Bewegungen, und wie er den gewaltigen Mann, vor dem ihr kranker Oheim in memmenhafter Furcht zusammengeschauert war, gebändigt hielt, mußte sie seine männliche Schönheit bewundern; denn seine Augen strahlten jetzt in feurigem Glanz, und der kleine, untere Teil seines Gesichtes verlängerte sich bei der furchtbaren Anstrengung, die er sich auferlegte, und brachte ihn in Harmonie mit der großen Stirn und dem übrigen Antlitz. Ihre Seele bebte für ihn, und sie meinte an ihm, an dem sie früher nichts geachtet hatte als den überlegenen Verstand, etwas Großes und Heldenhaftes zu erkennen.

Minutenlang hatte der Kampf gedauert, als Philippus die Arme des Persers erlahmen fühlte, und nun rief er Paula zu, ihm ein Tuch, einen Strick oder was es sonst sei, zu reichen, um den Wütenden zu binden.

Da eilte sie schnell und mit voller Besonnenheit in das Nebenzimmer, ergriff ihr Kopftuch, riß die seidene Gürtelschnur von ihrem Gewande, stürzte mit beidem auf den Kampfplatz zurück und half dem Arzt mit dem Mut eines Mannes die Hände des Rasenden fesseln. Jeden Ruf, jeden Fingerzeig des Freundes verstand sie, und als die Sklaven, welche die Nonne gerufen, in das Krankenzimmer traten, fanden sie Rustem mit fest zusammengeschnürten Händen wieder und hatten ihn nur noch zu verhindern, aus dem Bett zu springen oder sich auf die Seite zu werfen.

Nun schrieb Philippus den Sklaven mit fliegendem Atem vor, wie sie sich verhalten sollten, und als er dann in den Arzneikasten griff und Paula bemerkte, daß seine blauroten, geschwollenen Finger dabei zitterten, nahm sie die Flasche heraus, auf die er hinwies, mischte sie das Medikament nach seiner Vorschrift, scheute sie sich nicht, es mit Hilfe der Männer dem Tobenden zwischen die gewaltsam geöffneten Zahnreihen zu gießen.

Die heilsamen Tropfen beruhigten den Kranken in wenigen Minuten, und bald konnte der Arzt mit eigener Hand unter Beistand der geübten Nonne die Wunde des Karawanenführers reinigen und neu verbinden.

Inzwischen war auch die Irrsinnige von dem Gebrüll des Persers erwacht und fragte ängstlich, ob der Hund, der böse Hund wieder da sei. Aber sie ließ sich schnell von Paula beruhigen und beantwortete die Fragen, welche diese an sie richtete, so verständig und ruhig, daß ihre Pflegerin den Arzt herbeirief und er Paulas Hoffnung, in dem geistigen Zustande der Irrsinnigen sei ein günstiger Umschwung eingetreten, beipflichten durfte. Was sie sprach, klang wehmütig und freundlich, und als Paula dies hervorhob, bemerkte der Arzt:

»Auf dem Krankenbett lernt man die Menschen kennen. Das wilde Mädchen, das den Sohn dieses Hauses vielleicht in mörderischer Absicht überfiel, zeigt jetzt seine wahre, sanfte Natur. Was den Burschen da angeht, so ist er ein Kraftmensch und dazu ein braver Kerl, meine zehn Finger zum Pfande!«

»Was verleibt Dir dies Zutrauen?«

»Auch im Fieber hat er nicht ein einzigesmal gekratzt oder gebissen und sich immer nur gewehrt wie ein ordentlicher Bursch . . . Meinen Dank jetzt für Deine Hilfe; hättest Du ihm die Schnur nicht um die Hände geschlungen, so wäre das Spiel vielleicht zu einem andern Ende gekommen.«

»Gewiß nicht!« versetzte Paula bestimmt. »Wie stark Du bist, Philipp! Man könnte sich vor Dir fürchten.«

»Du?« lachte der Arzt. »Brauchst vielmehr nur nicht weiter bange zu sein, hast ja zufällig gesehen, daß Dein Beschützer nicht schwach ist! Puuh! Ein wenig Ruhe thäte jetzt gut!«

Da reichte sie ihm das eigene Tuch, und während er es dankbar benützte, um sich die Stirn zu trocknen, und den Wunsch, es an die Lippen zu ziehen, mühsam unterdrückte, rief er heiter:

»Mit solcher Gehilfin muß alles glücken. Stark sein ist kein Verdienst; jedermann bleibt es, der mit gesundem Blut und festen Knochen zur Welt kommt, die Glieder, wie ich es als Jüngling und Knabe gethan, tüchtig übt und sein väterlich Erbteil nicht durch ein verkehrtes Leben verkümmert. Uebrigens spür' ich die Balgerei doch noch in den Händen; aber dort im Saal steht herrlicher Wein; zwei Becher oder drei würden nur gut thun.«

Damit begaben sie sich beide in das Nebengemach, worin die meisten Lampen bereits erloschen waren.

Paula goß ihm den Rebensaft ein, kredenzte ihm den Pokal, und er leerte ihn mit vollen Zügen; den zweiten Becher war es ihm indessen nicht mehr auf ihr Wohl auszuschlürfen beschieden; denn kaum hatte er ihn an die Lippen geführt, als es in dem Zimmer des Masdakiten laut ward und Frau Neforis erschien.

Die sorgsame Gattin des Mukaukas war nicht von dem Lager ihres Gemahles gewichen, ja selbst das Gebrüll des Persers hatte sie nicht veranlaßt, ihren Posten zu verlassen; als sie aber durch die Sklaven vernommen, was es da oben gegeben und daß Paula immer noch mit dem Arzte bei den Kranken verweile, war sie, sobald ihr Gatte sie entbehren konnte, in den Fremdenstock gestiegen, um Philippus zu sprechen, der Damascenerin vorzuhalten, was sich für sie schicke, und sich nach den wunderlichen Geräuschen umzusehen, von denen ihr das zu dieser Stunde sonst totenstille Haus erfüllt zu sein schien. Sie gingen von den Krankenzimmern, dem heimkehrenden Orion und dem Rentmeister Nilus aus, welchen jener, obgleich sich die Nacht schon dem Morgen näherte, zu sich berufen hatte; aber der Statthaltersgattin schien im Anschluß an diesen widerwärtigen Tag, der noch dazu als ein unheilbringender im Kalender stand, alles bedrohlich, und so war sie in Begleitung des wachhabenden Dieners ihres Gatten und mit einem kleinen Reliquienschrein in der Hand, dem sie die Kraft zuschrieb, böse Geister zu bannen, die Treppe hinangestiegen.

Eilig und leise trat sie in die Krankenzimmer und unterzog dort zuerst, besorgt und unwirsch wie jeder, der in der Nacht aus der Ruhe gestört wird, die Nonne einem strengen Verhör. Dann drang sie in den Saal, wo Philippus eben seiner Freundin den zweiten Becher zutrank und Paula ihm mit schlecht geordnetem Haar und gürtellosen Kleidern gegenüberstand. Das alles verstieß gegen die Sitte, dergleichen wollte sie in ihrem Hause nicht dulden, und so befahl sie der Nichte ihres Gatten kurz, sich zur Ruhe zu begeben. Nach allem, was man ihr heute, nein, schon gestern nachgesehen, rief sie, würde es sich besser für sie schicken, in ihrem Zimmer stille Selbstschau zu halten, die Lügengeister, die sie beherrschten, zu bannen und ihren Heiland um Vergebung zu bitten, als hier die Krankenpflegerin zu spielen und das Zechgelage mit einem jungen Manne fortzusetzen, das sie, eben habe sie es von der Nonne gehört, schon um Mittag begonnen.

Paula hörte ihr schweigend zu, doch die Farbe wechselte dabei mehr als einmal auf ihrem Antlitz; als aber Neforis zuletzt mit dem Finger auf die Ausgangsthür wies, rief sie mit all dem kühlen Stolze, über den sie, wenn sie sich unwürdigen Verdächtigungen ausgesetzt sah, verfügte:

»Deine Meinung ist leicht zu durchschauen. Ich würde sie keiner Antwort würdigen, wenn Du nicht die Gattin des Mannes wärest, den ich, bevor Du ihn gegen mich eingenommen, gern meinen Gastfreund und Beschützer nannte und der ja auch mit mir verwandt ist. Wie immer, so traust Du mir auch heute Unwürdiges zu. Indem Du mir die Thür dieser geheiligten Räume, dieser Krankenzimmer weist, vertreibst Du mich zugleich aus Deinem Hause, das Du, und mit Dir Dein Sohn – einmal muß es gesagt sein – mir ohnehin zur Hölle gemacht hast.«

»Ich, ich, und mit mir . . . Nein, das ist, das . . .« fiel ihr die Matrone mit fliegendem Atem ins Wort, preßte beide Hände auf die heftig bewegte Brust, und ihr fahles Gesicht bekleidete sich mit glühendem Rot, während aus ihren Augen zornige Blitze schossen. »Das ist . . . Tausendmal zu viel ist es, tausendmal, hörst Du? Und ich, ich würdige sie noch einer Antwort! Von der Straße haben wir sie aufgelesen, und sie wie eine Tochter gehalten, unsinnige Ausgaben für sie bestritten, und nun . . .«

Diese Worte waren mehr an den Arzt als an das Mädchen gerichtet gewesen, Paula aber nahm die Herausforderung auf und entgegnete in einem Ton, aus dem nichts klang wie tiefe Verachtung:

»Und nun erkläre ich Dir bestimmt und als mündige Jungfrau, mit freier Verfügung über mich selbst, daß ich morgen in der Frühe mit allem, was mein ist, dies Haus, und sei's auch als Bettlerin, verlasse, in dem man mich schmählich beleidigt, mich und meinen treuen Diener fälschlich verurteilt und im Begriff steht, ihn schändlich zu morden.«

»Und wo man Dich . . .« kreischte Neforis die gelassenere Gegnerin an, »wo man Dich viel zu mild vor dem Schicksal des Räubers, den Du zu uns eingeschmuggelt, bewahrt hat. Um einen Einbrecher zu retten, hast Du – unerhört ist es – hast Du gewagt, den Sohn Deiner Wohlthäter als ungerechten Richter . . .«

»Das ist er!« rief Paula empört. »Und noch mehr! Das Kind, das Du ihm selbst zur Gattin bestimmtest, hat er verführt, zu falschem Zeugnis schmählich verführt. Und mehr, viel mehr könnt' ich sagen, wäre mir in Dir die Mutter nicht heilig, hätt' es Dein Gatte nicht um mich verdient, daß ich ihn schone.«

»Schonen, schonen!« wiederholte Neforis höhnisch. »Du und uns schonen! Der Angeklagte hat die Gnade und schont, schont seinen Richter! Aber gezwungen sollst Du werden, ja gezwungen, zu reden. Und was Du, Verleumderin, von dem falschen Zeugnis gesagt hast . . .«

»Das wird Deine eigene Enkelin,« unterbrach sie der Arzt, »wenn Du Dich nicht mäßigst, edle Frau, vor aller Welt bestätigen müssen.«

Da lachte Neforis krampfhaft auf und fuhr dann außer sich fort:

»So also stehen die Sachen! Das heilige Krankenzimmer macht ihr zum Tempel des Bacchus, der Venus; und nicht genug mit diesem ruchlosen Frevel, schließt ihr ein Bündnis, um ein rechtschaffenes Haus und seine Häupter in Schmach und Schande zu stürzen!« Dann stemmte sie die linke Hand mit dem Reliquienschrein in die Hüfte und rief schnell und heftig: »So soll denn euer Wille geschehen. Zieht hin, wohin ihr mögt! Wenn ich Dich, Du undankbares, böses Geschöpf, bis morgen um Mittag noch in der Statthalterei finde, so lasse ich Dich von der Wachmannschaft auf die Straße führen; denn Du – ich will diesem armen, gequälten Herzen auch einmal gestatten, sich Luft zu machen – Du, Du, Du bist mir zuwider, bist nur verhaßt, Dein bloßes Dasein ärgert mich und bringt Unglück, mir und uns allen, und außer – außerdem sind mir die Smaragden lieb, die wir haben . . .«

Mit diesem allerhärtesten Wort, das sie gegen die Mahnung ihrer besseren Gefühle herausgestoßen hatte, schien sie ihre Seele von einem Zentnergewicht entlastet zu haben; denn sie holte tief Atem, und weit milder und besonnener als vorher wandte sie sich an den Arzt und sagte:

»Du, Philipp, was Dich betrifft, mein Mann hat Dich nötig, Du weißt ja, was wir Dir bieten, und kennst Georgs offene Hände. Vielleicht besinnst Du Dich eines Bessern und wirst einsehen lernen . . .«

»Ich?« fiel ihr der Heilkünstler mit einem überlegenen Lächeln ins Wort. »Kennst Du mich wirklich so schlecht, Frau Neforis? Dein Mann, ich gebe zu, daß er mir wert ist, und wenn er meiner bedarf, wird er wohl nach mir schicken. Ungerufen betrete ich indessen diese Schwelle nie wieder, wo man das Recht mit Füßen tritt, die wehrlose Unschuld beschimpft und in Verzweiflung stürzt. Ja, sieh mich nur erstaunt an! Dein Sohn hat den Richterstuhl seiner Väter entweiht, und des unschuldigen Hiram Blut kommt auf sein Haupt; Du aber, fahre Du nur fort, Deine Smaragden zu lieben. Paula rührt sie nicht an, sie ist zu hoch gesinnt, um Dir den zu nennen, vor dem Du gut thätest, sie in den tiefsten Kellerraum zu verschließen! Was ich da eben aus Deinem Munde vernommen, zerreißt jedes Band, welches die Zeit zwischen uns knüpfte. Ich verlange keinen Besitz, kein ansprechendes zuvorkommendes Wesen, keine Gabe des Geistes oder Körpers von meinen Freunden, oder sag' ich nur meinen nahen Bekannten; aber einen gemeinsamen Boden müssen wir haben: den einer würdigen Gesinnung. Diese kam nicht mit Dir zur Welt, oder ging Dir verloren, und ich will und muß von diesem Augenblick an ein Fremder für Dich sein und wünsche Dich nicht wieder zu sehen, es sei denn bei Deinem Gatten, der nach mir begehrt.«

Diese letzten Worte hatten so würdevoll und unwiderruflich geklungen, daß sie Neforis erschreckten und der Fassung beraubten. Wie eine der Verachtung anheimgefallene Unwürdige hatte der Mann sie behandelt, auf dessen Stand sie herabsah, den sie aber stets für einen der bravsten, offensten und reinsten Ehrenmänner gehalten, der Mann, den ihr Gatte nicht entbehren konnte, weil er ihm Linderung zu verschaffen und ihn vom übermäßigen Gebrauch seines Betäubungsmittels zurückzuhalten verstand. Weit und breit war er der einzige Arzt von Bedeutung. Auch diesen nützlichen Helfer, welcher der kleinen Maria und manchem ihrer Diener das Leben gerettet, drohte die verhaßte Damascenerin ihr zu rauben, und sie, die fest überzeugt war, eine brave, tüchtige Gattin und Mutter zu sein, stand nun durch diesen bösen Geist ihres Hauses wie ein verächtliches Wesen da, dem ein braver Mensch aus dem Weg geht.

Das war zu viel, und von Zorn und Aerger und aufrichtiger Kümmernis gequält, rief sie kläglich und mit feuchten Augen:

»Aber was soll das nur alles? Du, der mich kennt, der mich hat schalten und walten sehen, kehrest mir in meinem eigenen Hause den Rücken und weisest nach mir mit dem Finger? Bin ich denn nicht zeitlebens ein treues Weib gewesen, das ihren Mann durch Jahre gepflegt, sein Krankenbett nicht verlassen und an nichts gedacht hat, als ihm sein Leid zu erleichtern? Wie eine Einsiedlerin habe ich bei ihm ausgehalten aus lauter Pflichtgefühl und treuer Liebe, während andere Frauen, die es weniger leicht können, Staat machen und Feste besuchen. Und wo werden wohl die Sklaven reichlicher gehalten und häufiger freigelassen als bei uns? Wo bekäme der Bettler so sicher sein Almosen als in unserem Hause, das, das ich, ich allein zur Frömmigkeit anhalte? Und nun soll ich plötzlich um dieses undankbaren, lieblosen Geschöpfes willen nicht mehr wert sein, daß mich die Sonne bescheint, und ein braver Mann wie Du kündigt mir im Handumdrehen die Freundschaft, weil, weil – wie hieß es nur gleich – weil mir der Geist fehlt, oder wie hast Du das Ding genannt, das man haben muß, um Dich . . .«

»Es heißt die Gesinnung,« unterbrach sie der Arzt, dem die geängstigte Frau, an der er in der That viel Gutes wahrgenommen hatte, leid that. »Ist Dir dies Wort wirklich ganz neu, Frau Neforis? Sie wird uns angeboren, aber fester Wille kann die weniger hoch angelegte Gesinnung veredeln, Schwäche gegen sich selbst die von Natur gute beeinträchtigen, und am jüngsten Tage werden, wenn anders mich die Ahnung nicht trügt, nicht die Thaten gemessen werden, sondern just die Gesinnung. Wie stünd' es mir zu, Dich zu tadeln? Aber Dich zu beklagen, ist mir gestattet; denn ich sehe an Deiner Seele die Krankheit, welche dem Krebs am Körper gleichkommt . . .«

»Auch das!« rief Neforis.

»Diese Krankheit,« fuhr der Arzt unbeirrt fort, »den Haß mein' ich, eine so fromme Christin sollte sich vor ihr zu schützen wissen! Wie ein Dieb in der Nacht ist er in Dein Herz gedrungen, hat da um sich gefressen, Dir das Blut verdorben, Dich verführt, gegen diese von schwerem Unglück getroffene Waise zu handeln wie jemand, der einem Blinden Steine und Pfähle in den Weg wirft, damit er falle. Liegt Dir, wie es doch scheint, in der That ein wenig an meiner Meinung, so bitte Paula, bevor sie Dein Haus verläßt, um Vergebung für den Haß, mit dem Du ihr jahrelang wehe gethan, mit dem Du eben erst unerhörte Beleidigungen, an die Du selbst nicht glaubst, zu den andern gefügt hast.«

Da wandte Paula den Blick, mit dem sie bis jetzt der Rede des Arztes gefolgt war, Frau Neforis zu und löste die in ihrem Schoß gefalteten Hände, um, so fest sie auch entschlossen blieb, die Statthalterei zu verlassen, mit der Rechten in die Hand der Gattin des Oheims einzuschlagen, wenn sie ihr dieselbe darbieten würde.

Indessen tobte ein schwerer Kampf in der Seele der Statthaltersfrau. Sie fühlte, daß sie oft unfreundlich gegen Paula gehandelt; daß über dem Smaragddiebstahl immer noch ein peinliches Dunkel schwebe, hatte sie schon vor dem Besuch des Krankenzimmers widerwillig empfunden. Sie wußte, daß sie ihrem Gatten einen großen Dienst leisten werde, wenn sie die Damascenerin zum Bleiben veranlaßte, den Arzt hätte sie ihrem Hause nur zu gern erhalten; aber wie tief war sie, war ihr Sohn eben noch von diesem hochmütigen Geschöpf erniedrigt worden! Sollte sie sich vor ihr, der so viel Jüngeren, demütigen und ihr die Hand bieten, sollte sie in . . .

Da erklang das silberne Becken, in welches ihr Gatte eine Kugel warf, wenn er ihrer bedurfte. Sein bleiches, leidendes Gesicht stellte sich vor ihr inneres Auge, sie hörte ihn nach seiner Partnerin beim Brettspiel fragen, sie sah seinen wehmütigen, vorwurfsvollen Blick, wenn es morgen heiße, sie, Neforis, habe ihre Nichte, die Tochter des edlen Thomas, aus dem Hause getrieben, und nun folgte sie einer schnellen Regung, trat mit dem Reliquienschrein in der Linken und der ausgestreckten Rechten Paula entgegen und sagte leise:

»Nur eingeschlagen, Mädchen! Ich hätte manchmal anders gegen Dich sein können; aber warum hast Du nie auch nur das Geringste nach meiner Liebe gefragt? Gott ist mein Zeuge, daß ich anfänglich gewillt war, Dich wie eine Tochter zu halten, aber Du – doch lassen wir das! Es thut mir jetzt leid, daß ich Dir . . . wenn ich Dir wehgethan habe.«

Schon bei den ersten Worten hatte Paula die Hand in die der Matrone gelegt; die ihre war kalt wie Marmor, die der Statthaltersfrau feucht und heiß, und es war, als fühlten ihre Hände den gleichen Widerwillen gegen einander wie die Herzen, und das empfanden sie beide und ließen jene nur einen kurzen Augenblick in einander. Wie Paula die ihre zurückzog, bewahrte sie die schickliche Haltung besser als die ältere Frau und sagte in ruhigem Ton, doch mit glühenden Wangen:

»So wollen wir denn versuchen, ohne Groll von einander zu scheiden, und ich danke Dir, daß Du mir dies möglich gemacht hast. Morgen früh wird es mir, hoff' ich, gestattet sein, von dem Oheim, der mir lieb ist, und der kleinen Maria in Frieden Abschied zu nehmen.«

»Aber Du brauchst jetzt nicht mehr zu gehen, ich bitte Dich vielmehr dringend, zu bleiben,« unterbrach sie die Statthaltersfrau eifrig. »Georg läßt Dich nicht ziehen; Du weißt ja, wie wert Du ihm bist.«

»Er war mir oft wie ein Vater,« versetzte Paula, und auch ihr Blick begann feucht zu glänzen. »Darum hätte ich gern bei ihm ausgeharrt bis ans Ende; dennoch bleibt es dabei, daß ich gehe.«

»Und wenn Dein Oheim seine Bitten mit den meinen verbindet?«

»Es würde umsonst sein.«

Da faßte Neforis noch einmal die Hand der Jungfrau und bemühte sich mit aufrichtigem Eifer, sie umzustimmen; doch Paula blieb fest und beharrte auf ihrem Entschluß, schon morgen die Statthalterei zu verlassen.

»Aber wo findest Du gleich ein neues, passendes Heim,« rief Neforis, »eine Unterkunft, wie sie Dir zukommt?«

»Das sei meine Sorge!« entgegnete der Arzt. »Glaube nur, edle Frau, für alle Teile ist es am besten, wenn Paula den Aufenthalt wechselt. Nur noch eins: sie läßt sich hoffentlich bestimmen, wenigstens fürs erste in Memphis zu bleiben.«

Da rief Neforis:

»Bei uns, nur bei uns ist ihre natürliche Heimat. Vielleicht wandelt Gott um Deines Oheims willen Dein Herz, und wir beginnen alle zusammen ein neues, erfreulicheres Leben.«

Ein verneinendes Kopfschütteln war Paulas Antwort, doch Neforis sah es nicht mehr; denn zum drittenmal ließ sich der metallene Ruf vernehmen, und es war ihre Pflicht, ihm zu folgen.

Sobald sie das Zimmer verlassen, atmete Paula tief auf und rief:

»O Gott, o Gott, wie das schwer war! Ihr nicht ins Gesicht zu schleudern, mit welchen Frevelthaten ihr ruchloser Sohn . . . Nein, nein, dazu hätte nichts mich bewogen; aber ich kann Dir nicht sagen, wie dieses Weibes bloßer Anblick mich aufbringt, wie leicht mir ums Herz ist, seit ich die Brücken abgebrochen, die mich mit diesem Hause, mit Memphis verbinden.«

»Mit Memphis?« fragte der Arzt.

»Ja!« versetzte Paula lebhaft. »Fort will ich, weit fort von hier, aus dieser Frau und ihres Sohnes Nähe! Wohin? Ob nach Syrien zurück, ob nach Griechenland, – jeder Weg ist mir recht, der von hier fort führt.«

»Und ich, Dein Freund?« fragte Philippus.

»Die Erinnerung an Dich nehme ich mit mir in dankbarem Herzen.«

Da lächelte der Arzt, als sei etwas eingetroffen, das er erwartet, und sagte nach kurzem Bedenken:

»Und wo und wie soll der Nabbatäer Dich finden, wenn er in dem Klausner vom Sinai wirklich Deinen Vater erkennt?«

Diese Frage überraschte und erschreckte Paula, und Philippus setzte nun alles daran, um sie von der Notwendigkeit ihres Bleibens in der Pyramidenstadt zu überzeugen. Es galt zunächst, ihre Amme zu befreien, und dabei konnte er ihr seine Mitwirkung verheißen, und alles, was er vorbrachte, nahm so weislich Rücksicht auf die Verhältnisse, mit denen es zu rechnen galt, und die Thatsachen, welche vorlagen oder eintreten konnten, daß sie über die Besonnenheit und den praktischen Sinn des Mannes, mit dem sie gewöhnlich nur über Dinge, die nicht von dieser Welt waren, geredet hatte, staunte und größtenteils um ihres Vaters und Perpetuas willen, aber auch in der Hoffnung, sich seines Umganges weiter zu erfreuen, einwilligte, wenigstens fürs erste zu Memphis und im Hause seines ihr durch die Erzählungen des Arztes längst bekannten Freundes, ihres Glaubensgenossen, zu bleiben und dort den ferneren Verlauf ihres Schicksals abzuwarten. Fort von Orion, ihn nie, nie wieder zu sehen, war der heißeste Wunsch ihres Herzens. Jede Stätte erschien ihr gut, wo sie nicht zu befürchten hatte, ihm zu begegnen. Sie haßte ihn, doch sie wußte, daß ihr Herz nicht zur Ruhe kommen werde, so lange diese Möglichkeit vorlag. Sie begehrte sich auch von dem Verlangen zu befreien, das wieder und wieder mit wunderbarer, entsetzlicher Macht in ihr aufstieg, seinen ferneren Schicksalen zu folgen. Darum, nur darum sehnte sie sich fort und ins Weite, darum genügte ihr kaum des Arztes Versicherung, ihr neuer Gastfreund werde jeden Besuch von ihr fernzuhalten wissen, den sie nicht selbst zu empfangen wünsche. Sie vor Aufdringlichen zu schützen, schloß Philippus, werde seine Sache sein, sobald sie ihn rufe.

Wie die beiden sich trennten, trat die Sonne hinter den Ostbergen hervor, und beim Abschied sagte Paula:

»So beginnt denn morgen für mich ein neues Leben, von dem ich mir wohl vorstellen kann, daß es mit Deiner Hilfe sich freundlicher gestalten wird als das vergangene,« und der Arzt entgegnete froh bewegt:

»Für mich hat dies neue Leben schon gestern begonnen.«

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