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Die neuen Argonauten

Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie neuen Argonauten
authorFranz Dingelstedt
year1931
publisherBärenreiter Verlag
addressKassel
titleDie neuen Argonauten
pages3-208
created20040627
sendergerd.bouillon
firstpub1839
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Urania

In einem der heimlichsten Teile des Jakobsparkes, wo das Geräusch der schmutzigen Wasser- und Menschenwelle nur wie die Brandung eines fernen Meeres gehört wird, unter hangenden Weiden und strebend-dunklen Tannen steht ein Tempel des Merkurius, der nur von wenigen gekannt wird, gar nicht von denjenigen, deren Gott in diesem Heiligtume Wache hält, von Bankiers und reisenden Weindrosseln. Seltsam, daß gerade diese Bildsäule, den Beschützer der privilegierten und proskribierten Diebe darstellend, mit einem straffen Beutel in der Rechten und dem Plutusstabe in der Linken, das geflügelte Bankerott-Hütlein auf dem marmornen Haupte, daß gerade sie, nicht vielmehr Pallas oder eine der neun Schwestern an der schönen Stätte residieren muß, die eher zu einer stillen, beschaulichen Stimmung, als zu einem Kalkul der Prozente und Agiotagen auffordert!

Genug – Merkurius steht in dem runden, nach allen Seiten offenen, von sechs schlanken Säulen getragenen Tempel. Und von der Anhöhe, worauf sein Heiligtum postiert ist, hat er durch einige sinnig angebrachte Schneisen des Parkes eine reizende Fernsicht auf die Häuser und Türme von Kesselstadt, die sich an duftblaue Berge glänzend anlehnen. Der Vordergrund ist einsam und bietet das künstliche Bild einer Wüste; Baumgruppen, von dunklem Epheu umschlungen, schmale Waldwege, zerstreute Felsstücke, Versenkungen und leise Anschwellungen des Bodens lügen eine vernachlässigte Natur, wo doch nur eine sorgsam berechnende und anbauende Kunst statt ihrer schuf.

Am zweiten Pfingsttage war natürlich Merkurius ebenso verlassen als zu jeder anderen Zeit; ja, hätten sonst Anbeter den Weg zu ihm gefunden, so würden sie an jenem gewiß ihm untreu geworden sein, um dem allmächtigen Götzen des Tages, der Gewohnheit, zu opfern. Nicht wenig mochte sich daher der verlassene Gott wundern, als eben zu der Stunde, wo drunten im Jakobsparke die Wasser sprangen, ein scheuer Fuß die wenig betretenen Pfade zu seinem Tempelchen hinanklimmte. um auf der steinernen Bank drinnen eine kurze Rast zu suchen.

Der Fuß gehörte Marion, der Sächsin. Sie kam allein, das Köpfchen gesenkt, daher und setzte sich tief aufseufzend nieder, mit den blauen Augen verzweifelnd vor sich hinstarrend. Dem armen Kinde war es schlecht ergangen. Als sie in dem hochadeligen Palast, wohin man sie als »Jungfer« – die einzige im Hause – verschrieben hatte, am zweiten Pfingsttage eintraf, fand sie ihre Stelle schon besetzt. Die gnädige Frau erklärte der Erschrockenen, wie sie nicht gewohnt sei, auf ihr Gesinde zu warten; in dem Briefe habe ihr der Haushofmeister ja den Freitag vor Pfingsten als letzten Termin ihrer Ankunft festgesetzt, warum sie denn da ausgeblieben sei? Marion entschuldigte sich zitternd mit der »Hoffnung«. Gnädige Frau warfen hierauf höchst ungnädig das Haupt zurück und meinten, sie sei noch weniger gewohnt, Leute in ihr Haus aufzunehmen, die auf so abenteuerliche Weise in der Welt umherzögen; ob sie denn nicht habe mit dem Postwagen kommen können? Marion schämte sich zu gestehen, daß es ihr hierzu an Geld gemangelt, sie sah zur Erde und weinte. Worauf gnädige Frau fernerweit als entsetzliche Folge ihres Ausbleibens anführten, wie gestern ihre beiden Fräulein Töchter selbst hätten Hand anlegen müssen, um das auf den ersten Pfingsttag angeordnete Diner einzuleiten. »Sie kann nun hingehen, woher sie gekommen ist«, schlossen gnädige Frau und rauschten ins Zimmer hinein. Marion stand allein auf dem Gange. Lakaien, Kammermädchen, Kavaliere und Damen gingen achtlos an ihr vorüber, ohne sich um sie zu kümmern. Sie schlich in die Küche hinab, wo ihr Koffer abgeladen war, und setzte sich – für sie war er das einzig menschliche Gesicht unter den Menschengesichtern von Holz – still zu ihm. Nach wenig Minuten kam ein Bedienter in die Küche und fragte nach der Jungfer aus Sachsen. Marion stand auf. »Ist Sie es?« – Sie nickte. – »Gnädige Frau schicken ihr hier eine Entschädigung, aber nun soll sie auch machen, daß sie aus dem Hause kommt.« Er drückte ihr einen harten Taler in die Hand, in der er – der Taler – wie Feuer brannte. Marion ließ den Knaben, der ihren Koffer hergefahren hatte und der auch noch in der Küche stand, um die Brosamen aufzulesen, die von des Herrn Tische fielen, seine Bürde wieder auf den Schubkarren heben und schied. Den Taler legte sie still auf einen der Anrichttische, ehe sie hinaustrat.

Wohin nun? Sie kehrte fast bewußtlos in die »Herberge zum goldenen Fäßchen« zurück, wo sie auf Schiffer Martins Empfehlung abgestiegen war. Unter Schiffern und Fuhrleuten verzehrte sie ihr festliches Mittagsbrot, bestehend in einer Tasse Kaffee, worein sie Festkuchen tunkte. Zucker hatte sie nicht bekommen, und wenn auch, die Tränen, die in die schlechte irdene Schale tröpfelten, machten den braunen Trank so bitter, daß der Zucker nichts gefruchtet haben würde.

Nach diesem Pfingstmahle ging sie mit der Wirtin vom »goldenen Fäßchen«, einer gutmütigen, gefälligen Frau, hinaus, wohin alle Welt ging, in den Jakobspark. Wieviel mochte sie wohl von seinen Wundern und Wassern sehen? Und wie mochte der Jubel durch ihr Herz schneiden und der Glanz in ihre Augen beitzen? Unzählige Menschen, Kopf an Kopf, und kein Bekannter! Nicht einer!

Marion hatte im Gewühl das goldene Fäßchen verloren oder verlassen; die Frau schien ihr binnen kurzem zu gutmütig und zu gefällig, namentlich gegen allerlei junge Männer, die ihr vertraulich zunickten. Deswegen machte Marion sich von ihr los und war nun ganz, ganz allein unter den Tausenden. Sie ging wie im Traume umher. Einmal, als ein vierspänniger Wagen an ihr vorüberrasselte, grüßte sie fast erfreut die Darinsitzende, in der sie die gnädige Frau von heute morgen erkannt hatte, und diese dankte auch ganz gnädig, wie ein sicheres Zeichen, daß ihr das Gesicht entfallen war. Dann tauchte auf einmal noch eine bekannte Gestalt für Marion auf, dort, wenig Schritte von ihr in einem dichten Menschenknäuel, ein Mann, der diesen durchschnitt, sichtlich, um sich zu ihr, der zur gleichen Minute von ihm Wahrgenommenen, hinzuwinden. Marion wußte, wer es war, sie erkannte ihn am Schlage ihres Herzens, und – sonderbares Herz, dieses! – statt seinem Klopfen nachzugeben und ihm, dem Reisegefährten, entgegenzutreten, stürzte sie sich hastig in das dichteste Gedränge, um seinen sanften Augen zu entgehen. »Gott!«, dachte sie, innerlich zitternd und erglühend, »wenn er dich fände, dich, die so ganz Ratlose und Verlassene, müßte er nicht denken, du habest ihn gesucht?«

Sie floh wie ein Reh in das Gebüsch, möglichst weit weg von den tausend fremden Gesichtern und dem einen befreundeten. Die Einsamkeit des Waldes, der sie schützend umfing, tat ihr so wohl, und mit einem unnennbaren Gefühl von Ruhe, von Müdigkeit, von Schlafesseligkeit warf sie sich auf die Steinbank in dem kühlen Merkuriushüttlein. Sie hätte schlummern mögen, – ach ja, recht lang und tief, so wie sie da war!

Allein nicht lange konnte sie diesen Wünschen und Gedanken nachhängen. Im Gebüsche rauschte es, und als sie erschreckt auffuhr, stand vor ihr – in Lebensgröße, im abgeschabten Rock und mit gestrigem Schiffsschmutz an den Gamaschen – er, vor dem sie gelaufen war, während er hinterdrein schlich, Sebastian Brand.

»Liebes Fräulein von Ermonville«, bat er mit seiner gedämpften, fast kindlich anklingenden Stimme, »laufen Sie doch nicht weg von mir, wie vorhin! Warum wollen Sie denn? Und meinen Sie, ich fände Ihre Spur nicht wieder, ich suchte Sie nicht auf, und wenn Sie noch weiter flüchteten?«

Marion ward bleich und rot zur Antwort. Er sah sie aber mit treuherzigen Augen an und freute sich, daß sie so schmuck aussah in dem weißen Kleid, das sie angetan, und unter dem leichten Strohhut, worauf eine Aster nickte.

»Ich bin«, sagte er, als beide auf der Bank Platz genommen und eine Weile in den Sand geblickt hatten, »ich bin zu spät gekommen. Sie müssen wissen, ich komme immer zu spät. Gestern abend ist das Schiff, das mich mit einer Kolonie anderer Auswandernden nach Bremen schaffen sollte, glücklich abgesegelt. Nun muß ich liegen bis in vierzehn Tagen, da geht wieder eines. Mir aber auch schon recht«, setzte er gleichmütig hinzu und trommelte mit den Fingern auf seinen Knieen. Da aber Marion ihm nichts von ihrem Schicksale ungefragt mitteilen zu wollen schien, so hub er, zu einer Erkundigung viel zu schüchtern, eintönig wieder an:

»Sehen Sie, mein teures Fräulein, ich bin ein Spätling, wenn Sie mir erlauben wollen, oder ein Epigone. Verstehen Sie, was das heißt?«

»Nein«, entgegnete Marion. »Allein, ich dachte, Sie wären Schulamtskandidat?«

»Armer Immermann«, seufzte der Mißverstandene, »wie sieht's um deine Popularität aus? Das ist nämlich eine lange Geschichte, wenn Sie erlauben.«

Marion sah ihn teilnehmend an.

Er erzählte sehr eintönig, mit den schwachen, weißen Fingern immer auf seine Knie klopfend, nur dann und wann einen stillen Blick von unten herauf unter den Strohhut werfend. So erzählte er:

»Mein erstes Zuspätkommen kostete meiner armen Mutter das Leben. Ich wurde geboren zu einer Zeit, wo Europa große Siesta hielt, vielleicht in demselben Augenblicke, da die drei hohen Alliierten auf der Windmühle bei Leipzig den blutigen Siegerdegen wieder einsteckten, mit dem sie – einander salutiert hatten. Nämlich am achtzehnten Oktober eintausendachthundertunddreizehn. In meiner Kindheit lag Europa noch im ersten, unruhig nachzuckenden Schlummer; die demagogischen Umtriebe waren ein innerliches Kollern im Leibe, das durch die Karlsbader Kur erst gestopft werden mußte, und die hundert Tage ein ängstlicher Traum, eine Fiebervision. Hernach ward's ganz still. Ich hörte, als ich in die Welt trat, Europa ganz vernehmlich schnarchen.«

»Aber, Herr Kandidat«, unterbrach ihn Marion, »ich verstehe gar nicht, was das heißen soll?«

»Tut nichts, wird gleich kommen, mein wertes Fräulein! Sehen Sie, mein Vater hatte einen artigen Bauernhof in dem bewußten Dorfe bei Meißen. Ich war der erste und blieb, da meine Mutter mit ihrem Leben meines erkaufte, der einzige Sohn; natürlich durfte ich nun nicht Bauer werden, sondern was Rechtes. Ich fragte den Vater, der wußte nicht was, ich auch nicht. Der Schulmeister riet, wir sollten warten, bis ich mich selbst bestimmen könne. Nun warteten wir. Mittlerweile ging ich in seine Schule, und daß ich hier regelmäßig zu spät kam, will ich ebenso wenig rechnen, als daß ich meine Suppe täglich kalt essen mußte und gewöhnlich erst auf die Wiese zum Ballschlag lief, wenn die anderen heimkehrten und mich auslachten. Ich kam eben zu spät.«

»Ja, aber warum denn, Herr Kandidat?«

»Liebes Fräulein, das weiß ich nicht, vielleicht, weil ich's immer zu eilig hatte. Zwölf Jahre alt, wollte ich Soldat werden. Mein Gevatter, der ein sehr gebildeter Buchbinder in Meißen war, meiner Mutter Bruder, widerriet dies. »Bastian«, sagte er, »werde du nicht Soldat. Wir haben ewigen Frieden, und in funfzig Jahren brauchen wir keine Soldaten mehr, außer bleiernen.« Dreizehn Jahre alt, wollte ich Kaufmann werden; alles ist schon in Richtigkeit gebracht, nur muß ich zuvor konfirmiert sein. Der Sonntag kam zur rechten Zeit, aber ich zu spät, und der Pastor jagte mich aus der Kirche mit Schimpf und Schande. Nun unterblieb das Konfirmieren, mithin auch das Einschreiben bei der Kaufmannszunft und mein bereits ausgefertigter Lehrbrief. Mein Pate riet nunmehr zu einem gelehrten Fach. Ich ging, um gleich vor der rechten Schmiede anzufangen, nach Leipzig auf die Thomasschule, mußte aber ein Semester lang warten, weil ich gerade nach dem Tage der Immatrikulation eintraf. Hernach studierte ich als Thomasschüler, daß mir der Kopf rauchte, aber leider gewöhnlich alles um einen Grad zu spät. Ich fing das Griechisch in Tertia an, anstatt in Quarta, sodaß ich nun gar nichts darin lernte. Dies nur beispielsweise. Am Ende, in meinem siebenzehnten Jahre, gelangte ich zu der Überzeugung, daß die Gelehrsamkeit mein Fach auch nicht sei, und ich meldete meinem Vater, wie ich gesonnen wäre, wieder zu ihm zu kommen, Bauer zu werden und den Hof zu übernehmen, wenn er nicht mehr arbeiten möge. Hocherfreut antwortete mir der alte Mann, das sei schon lange sein heimlicher Herzenswunsch gewesen, und ich sollte lieber heut' als morgen kommen. Ich packe ein, ich reise ab, und als ich hinter Meißen kam, begegneten mir die Feuerspritzen, und ein Reiter erzählte mir, in meinem Dorfe habe es gebrannt. Nun eilte ich sehr und kam just zur rechten Zeit, um den letzten Balken meines Vaterhauses stürzen zu sehen. Mein Alter stand daneben, schaute mit gläsernen Augen in die Asche und sagte, die greisen Haare schüttelnd: »Es tut's nicht, Bastian! Gestern stand's noch! Du bist zu spät gekommen!«

»Das war im Juni eintausendachthundertunddreißig. Im Juli brannte es, wie das Fräulein wohl wissen werden, in Paris, wo auch ein schmuckes, nettes Haus zusammenfiel, damit fremde Bettler in seinem Schutte sich ansiedeln sollten. Da nun gerade die Schulmeister in der Julirevolution eine so gute Karriere machten, riet mir der meinige, ein guter Politikus, ich solle mein Glück auch dort probieren. Ich ging nach Paris und kam an, als alles vorbei war; ich wartete, bis die Septembertage in Brüssel aufflackerten, zog dem Scheine nach und stand, als ich anlangte, abermals vor einem Haufen toter Kohlen.

»Die Fremde hatte mich eben nicht begünstigt, ich kehrte heim. Das übergehe ich, daß ich zum Begräbnis meines Vaters zu spät kam, denn sie hatten ihn einen Tag zu früh eingescharrt, den armen, alten Mann, den jedermann gern los sein mochte, und so war's weder seine noch meine Schuld, daß ich nicht die erste Scholle über den auf Gemeindeunkosten gezimmerten Sarg schütten konnte.

»Mein Pate, der noch in Meißen Bücher band, riet mir wiederum, nach Leipzig zu gehen und, da alles nichts helfen möchte, Theologie zu studieren. Obgleich ich nun beinahe kopfscheu geworden war und in meinem Zweifelmute dachte, das Christentum werde sicherlich abgeschafft werden, sobald ich ordiniert sei, folgte ich dem wohlmeinenden, mir Mut einredenden Manne gern. Bastian, sagte er, ich schaffe dir ein testimonium paupertatis, da kann dir ein Stipendium nicht fehlen. Er hielt Wort, was ihm freilich viel Mühe machte, da in derselben Zeit der Sohn eines Gutsbesitzers bei Meißen und der Neffe des Burgemeisters in Meißen dergleichen Zeugnisse ihrer Dürftigkeit erhalten hatten. Nun ging ich gen Leipzig, um mich inskribieren zu lassen. Dies geschah und kostete mich mein letztes Goldstück, das ich aber durch das Stipendium baldigst zu ersetzen hoffte. Ich meldete mich bei dem Stipendiatenmajor, einem feinen, netten Herrn, der mir achselzuckend eröffnete, er habe gestern das Stipendium, um das ich mich bewerbe, vergeben. Aber, wandte ich ein, sind in dieser Stiftung nicht sechs Benefizien zu je fünfzig Talern für sechs arme Studierende ausgeworfen? Er erwiderte mir, daß dem allerdings so sei, daß aber dieses Mal der (bewußte) Sohn des Gutbesitzers in Berücksichtigung seiner ebenso entschiedenen Dürftigkeit als hervorstechenden Würdigkeit alle sechs auf einmal erhalten habe. Ich ließ mich des bedeuten und dankte dem Herrn Stipendiatenmajor innigst, als er mir auf seine eigene Verantwortung. wie er sagte, noch eine Karte zu einem Freitisch ausfertigte.

»Gegen Mittag lief ich sehr hungrig und abgespannt aus Krugs Logik direkt in das große Refektorium, worin die Studierenden, die der Wohltat des Freitisches genossen, schon am Reisbrei saßen, als ich eintrat. Vergebens suchte ich einen Platz mit den Augen; die Nummer, auf die mein Zettel lautete, war besetzt, und auf meine bescheidene Anfrage an deren Inhaber, ob er sich vielleicht irre und ich sei, erwiderte dessen Nachbar äußerst verbindlich: »Fuchs, schnall' deinen Rand! Das ist ein alter Korpsbursch aus Halle, den ich als Gast mitgebracht habe. Morgen sieh wieder zu; warum kommst du zu spät?« Ich entschuldigte mich, so gut es in der Eile gehen wollte, und ging langsam zur Türe hinaus. Da ich nun aber nicht bloß morgen wiederkommen, sondern auch heute essen wollte, fand ich mich gemüßigt, meinen Koffer zu verkaufen, mit dem Gelösten in Auerbachs Keller und hernach bei Kintschy im Rosenthal mir äußerst gütlich zu tun und, so dachte ich, am anderen Morgen wieder zum Tore hinauszuwandeln.

»Allein bei Kintschy geriet ich in eine Gesellschaft junger, Grog trinkender und ausnehmend laut redender Leute. Es waren, wie ich bald an ihrer Unterhaltung merkte, Literaten, Journalisten, Lyriker. Binnen kurzem entspann sich zwischen mir und ihnen ein kordiales Gespräch, zu dem ich, angefeuert durch den Grog samt dem nachwirkenden Burgunder aus dem Keller, das Meinige redlich beitrug. Meine neuen Freunde hörten kaum, daß ich in Paris kurz nach der Juli-Revolution und in Belgien kurz nach den Septembertagen gewesen sei, als sie mich noch zuvorkommender an sich zogen und einander zu einer trefflichen Acquisition in mir Glück wünschten. Hierauf wurde viel mit den Gläsern angestoßen auf das Wohl des jungen Deutschlands, eines Dinges, das ich nicht kannte; auch viel begeisterte Redner von »Zukunft« und »Strebsamkeit« und »Frühling« taten sich auf. Man erzählte mir im Vertrauen, Gutzkow sei gestern durchgereist, Laube werde erwartet und Mundt hätte nicht kommen können. Ich sagte »so?« und schlief auf meinem Stuhle ein.

»Anderen Morgens, als ich mit wüstem Kopf erwachte, trat einer der gestrigen Lyriker mit verbundenen Zähnen herein und streckte mir kläglich seine Hand und ein Zeitungsblatt entgegen. »Weißt Du es schon, Herr Bruder«, sagte er, »daß Du leider zu spät zu uns gekommen bist? Das junge Deutschland, für das Du wirken wolltest, ist seit gestern nicht mehr, unsere Häupter sind proskribiert, lies – und weine mit mir!« Er weinte zwar nicht, trank mir aber meinen Kaffee aus und ging so lange klirrenden Schrittes in meinem Dachkämmerlein auf und ab, bis ich, ängstlich um meine Dielen besorgt, ihn ersuchte, mich zu verlassen. Also auch ein Lauer, der abfällt, wann die Sonne nicht mehr scheint? So murmelte er noch in das Tuch, womit er den angeschwollenen Mund bedeckt hatte, und ging mit einem verächtlichen Blick auf mich davon.

»Nachdem auf diese Weise meine literarische Laufbahn in einem Abend begonnen und beendigt war, versuchte ich noch mancherlei in Leipzig. Ich strebte bei der Eisenbahn anzukommen, man sagte mir, die Engländer haben mir das Praevenire gespielt; ich meldete mich in die Schnellpresse des Herrn Brockhaus als Korrektor, als Faktor, als Setzer selbst, allein Herr Brockhaus hatte eben zwei neue Auflagen und drei neue Supplemente des Konversationslexikons begonnen und dazu die nötige Anzahl Finger schon engagiert; zuletzt wollte ich sogar im Theater eine Unterkunft suchen, und da mußte es sich fügen, daß kurz zuvor Herr Ringelhardt dieses Institut übernommen, der bekanntlich sein Publikum nicht gern mit darstellendem Personal überlädt und lieber eine leere Bühne sieht und ein volles Haus, als umgekehrt. Ich kam eben überall zu spät, das war mein ganzer Fehler.

»Ein Jahr lang zog ich wie ein Kamel in den Leipziger Wüsten umher, um überall, wo ich eine Hilfsquelle entdeckte, behende zuzuspringen und sie jedesmal ebenso ungeschickt zu verschütten. Endlich war mein letztes Hemd verzehrt, und ich mußte mich nun wohl oder übel entschließen, heimzukehren. Ich tat's, und wie schlecht es mir auch in Pleiß-Athen ergangen war, so schmerzte der Abschied von mancher liebgewordenen Stätte mich doch, von den herrlichen Kuchengärten z. B., von den Promenaden um die Stadt, von Reichels Garten und anderen Versammlungsorten der großen Welt, wo ich, ohne von einer Menschenseele gekannt zu werden und ohne einen Sechser zu verzehren, umherwandeln konnte den ganzen Tag lang, um mich an der Freude anderer zu freuen.

»Zu Haus in meinem Dorfe kannte mich niemand mehr, als mein alter Schulmeister. Der nahm mich recht freundlich in seine enge, baufällige Amtswohnung auf, seine Frau und seine Töchter mußten mir Hemden zuschneiden und Strümpfe stricken, und ich lebte wie ein Kind des Hauses unter ihnen, dem Alten nur dadurch seine Gastlichkeit vergeltend, daß ich ihm in seinem Berufsgeschäfte ein bißchen an die schwach gewordene, dem Bakel nicht mehr recht gewachsene Hand ging. Ich gewann aber diesem Wirkungskreise umso mehr Geschmack ab, als ich in ihm durch unvermeidliches Zuspätkommen niemandem mehr wehe tat, meinen Buben sogar wohl. So geschah es, daß ich auf Zureden meines alten Gönners mich förmlich für die Würde eines Schulamtskandidaten prüfen ließ, auch ein fleckenloses Zeugnis meiner Befähigung empfing, dem nur am Ende die Bemerkung nachhinkte, daß benannter Schulamtskandidat Sebastian Brand zur Prüfung zehn Minuten zu spät gekommen sei, dergestalt, daß das ganze hochwürdige Konsistorium auf selbigen habe passen müssen. Auf dieses Aktenstück hin wurde ich dem Schulmeister förmlich und in offizieller Hoffnung auf seinen Tod oder, wie sie es nannten, mit der Aussicht der Nachfolge adjungiert.

»Gleich bin ich zu Ende, mein liebes, geduldiges Fräulein!

»Nämlich der Alte starb gar bald. Ich nun wie der Wind hin nach Dresden, nicht meinetwegen, sondern weil er mir auf seinem Todbette seine Witwe und – freilich volljährige – Waisen empfohlen hatte. Der Herr Konsistorialpräsident nahmen mich bei meinem sechsten Besuche sehr gnädig auf, sagten mir viel Freundliches über meine amtliche Tätigkeit, und wie wohl er es vermerkt habe, daß ich neue und zeitgemäße Verbesserungen, z. B. die Lautiermethode, eingeführt hätte, und beklagten endlich mit aufrichtiger Teilnahme, daß mein derzeitiges Ansuchen nicht zu erfüllen sei, dermalen er für die fragliche Stelle bereits anderweit verfügt. Damit ließ er mich in dem hohen Visitenzimmer stehen und hörte es gar nicht mehr, als ich hinter ihm drein rief: »Aber die Witwe, Ew. Hochwürden Gnaden?!« Am andern Morgen bekam ich seine Rede, jedoch nur den Schluß, samt meinen Zeugnissen, Taufscheinen und sonstigen Bekräftigungen meiner Menschwerdung unter dem großen Konsistorialsiegel zurück; was ich damit machte, wissen Sie bereits, so wie alles übrige, liebe Marion – ich wollte sagen, mein liebes Fräulein!« –

Der Kandidat schwieg und sah sie mit seinen stillen Augen freundlich an. In diesen Augen war von so vielen getäuschten Hoffnungen auch nicht ein giftiger Pfeil zurückgeblieben, sein Herz schlug noch kindlich warm für die Welt, in der er, ein ungeschickter Spätling, immer zur unrechten Stunde erschien. Und wenn einmal ein Gedanke oder ein Wort aus dem vielgeschüttelten Grunde seiner Seele auftauchte, das wie Bitterkeit, wie Hohn, wie Haß klang, so milderte seine sanfte Stimme dessen Gewicht und drückte die Spitze lieber wieder nach innen zurück, sollte sein Herz auch drunter bluten müssen.

Marion hatte dem Erzählenden mit bewegtem Gemüte zugehört. Es verwunderte sie, unter dem schwarzen Abgeschabten nicht nur ein so vielgeprüftes Herz, sondern auch einen viel ausgebildeteren Geist wahrzunehmen, als die dürftige, ängstlich eckige Erscheinung des Wanderers mit dem Dachsränzlein verhieß. Sie wußte nicht recht, was sie ihm zurückgeben sollte; die Scheidemünze des alltäglichen Mitleides genügte hier nicht, das fühlte sie tief und vermochte doch nicht, so zu vergelten, wie sie gekonnt hätte. In ihrer Verlegenheit sagte sie weiter nichts als: »Immer zu spät, Sie armer Herr Kandidat?« und gab diesen Worten die rechte Bedeutung, indem sie ihre Hand leutselig auf seine Achsel legte. Da sagte Brand, sie mit glänzenderen Blicken betrachtend. »O nein, nicht immer, ja nicht! Wissen Sie noch, den Morgen in Gersfeld war ich zur rechten Zeit im Schiffe, um Sie kommen zu sehen!« Die Landsmännin schlug die Augen nieder und zog die Hand zurück, als habe sie die plötzliche und ungewöhnliche Aufwallung des Kandidaten erschreckt.

Ein Wort gab aber nun unter den beiden Einsamen im Merkurius-Tempel das andere, und am Ende hatte Marion ihre Aufnahme in dem hochadeligen Hause dem Reisegefährten erzählt, ehe sie es selber recht inne ward. Sebastian verfiel darauf in ein tiefes, wie es schien, peinliches Nachdenken und stand nach einer minutenlangen Pause auf, die Hände reibend, von einem Fuße auf den anderen tretend, sehr ängstlich. Kaum hörbar sprach er endlich: »Mein teures Fräulein, ich hätte wohl, wenn ich wüßte, daß Sie könnten . . .« Er stockte wiederum, fuhr auf einmal desto heftiger auf die verlegen Lauschende ein und ergriff sie bei beiden Händen mit den lauten, fast barschen Worten: »Aber, Marion, liebst du mich denn nicht?«

Überrascht, ja mit Entsetzen riß sie sich von dem seltsamen Menschen los und floh in Eile den Hügel hinab, er, die schwarzen Rockschöße weit hinwallend, hinter ihr drein, den vergessenen Sonnenschirm ihr nachtragend. Am Fuße des Hügels holte er die bald Atemlose ein und sagte, mit dem Parasol winkend: »Ach, fürchten Sie sich nur nicht! Ich bringe bloß den Knicker. Aber ich dachte mir es so schön, und da wagte ich es. Sehen Sie, ich wußte ja kein anderes Mittel. Ich meinte, Ihr liebes, schönes Herz spielte Mummenschanz mit mir, und da wollte ich es durch einen derben Schreck aus seiner Maske jagen. Nun, leben Sie recht wohl! Wiederum zu spät!«

Das letzte sagte er schon abgewandt und schlich langsam in die Tannen. Als er verschwunden, rief Marion, von einem heftigen Schmerz durchzuckt, laut »Bastian« in den Wald hinein und streckte den Arm nach ihm aus. Ein Augenblick noch, da lag Bastian an ihrem Herzen, und nach einer langen, unendlich süßen und unendlich tiefen Minute stiegen beide Hand in Hand den Weg zum Merkurius-Tempel hinauf, um sich wieder auf die eben verlassene Steinbank niederzusetzen.

Und nun beichtete Marion, wie sie an seiner Liebe gezweifelt und geglaubt, nur das Mitleid triebe ihn zu ihr. »Auch das«, fuhr sie fort, »war mir quälend, daß Sie denken konnten, die Not zöge mich zu Ihnen, weil ich nirgends anders hin wußte, nicht meine freie, herzliche Wahl. Aber Sie haben es doch wohl schon auf der »Hoffnung« geahnt, daß ich Ihnen gut war?«

Er erwiderte: »Nein, mein liebes Fräulein, das habe ich wahrhaftig nicht; ich fühlte nur, daß ich Sie unendlich lieb hatte, zumal von dem ersten Abend an, da Sie einen Ungläubigen auf das helle Gottesauge droben hinwiesen, ich aber mehr in das Ihrige, milde, blaue blickte, als in die himmelhohe Ferne. O, Sie mein liebes Fräulein!«

Marion verbat sich den Namen, weil sie ja ein armes, heimatloses Kind sei. Aber der Kandidat brachte den schöneren nur selten über die scheuen Lippen, weil er so vornehm sei und nicht in den Mund eines Schulamtskandidaten passen wolle. Auch das war seltsam an dem Manne, daß er jetzt auf der Bank viel weiter wegrückte als vorhin, daß er seltener unter den Strohhut schaute und nur mit einer leisen Ehrerbietung zu der Geliebten redete; dagegen hielt er ihre Linke fest in seiner Hand und drückte jeden einzelnen Finger zart, jedoch unzählige Male.

So schlang sich das Liebesbündnis zweier Heimatlosen in einer Stunde für eine Ewigkeit fest. Und wie eine steinerne Ironie war es anzusehen, daß Merkurius den vollen Beutel über die Häupter der Bettler hinhielt, die kaum wußten, wohin sie nachts sich betten sollten, und über denen dennoch der schönste Tempel der Erde, ja ihr erster und einziger Himmel sich wölbte, – die Erfüllung der frühesten Liebe. O Ihr Seligen drunter, wie beneide ich Euch! Und möchte der Tempel über Euren Häuptern nicht so früh, nicht so jäh zerfallen!

Nach den ersten Entzückungen brachte nun der Kandidat, der ein sehr ordentlicher Mensch war, die ganze Affäre, wie er sagte, in Ordnung. Mit verschämter Freude und demütigem Stolze gestand er, daß er etwa noch so viel besäße, um die Überfahrt für sie zwei zu berichtigen; der Pate Buchbinder aus Meißen habe es ihm geschenkt. Seien sie aber erst in Amerika, so werde Gott schon weiter helfen. »Wenn es auch kein Schlaraffenland ist«, äußerte er verständig, »wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen (übrigens mache ich mir nicht viel daraus, aus Taubenfleisch!), so kann man dort doch eher zur rechten Zeit kommen als hier. Sie verstehen ja französisch, Sie sticken, wie ich auf dem Schiffe gesehen habe, vortrefflich; wie nun, wenn wir ein Erziehungsinstitut, namentlich für junge Mädchen aus den höchsten Ständen anlegen? Etwa in Newyork oder in Baltimore, oder wo Sie meinen?«

Marion nickte, allein nicht ohne Zweifel, den der Kandidat wohl aus ihrem Schweigen herausfühlte. »Seien Sie nicht bange«, sagte er, »wenn alles fehlschlägt, stiften wir eine neue religiöse Sekte in Amerika, die Hoffenden vielleicht zu benennen. Damit kommt man dort sehr weit.« Er wußte, scherzhaft im Ernst und ernst, ja wehmütig in seinen Scherzen, die Zagende bald in seine Ruhe und sein Vertrauen hineinzuziehen. Die Vereinten kamen dahin überein, daß sie die acht Tage, die man in Kesselstadt auf den Abgang des Transportschiffes warten müsse, zur vollständigen Ordnung ihrer Angelegenheiten wie zum Abschluß ihrer Verbindung benutzen wollten. Unabhängig, elternlos, wie beide waren, bedurfte es um so weniger großer Weitläufigkeiten, als sie ihre Papiere mit sich führten. Sebastian, der nach allem diesem mit einer rührenden, nirgends unzarten Sorgfalt fragte, versicherte, ihre Trauung habe nicht den geringsten Anstand, wie er als ehemaliges Mitglied des geistlichen Standes genau wisse. »Und dann«, schloß er heiter, als ob er die Bedeutung seiner Worte nicht einmal ahne, stets mit gleicher, fern bleibender Demut vor der Geliebten, »dann segeln wir zwei als Mann und Frau über den blauen Ozean, wieder auf einer »Hoffnung« wie gestern, – nicht wahr?«

Sebastian – möge sich das Weltmeer als das weichste Brautbett, mit dem unabsehbaren Himmel drüber und der allewigen Brautfackel daran, über Dir und Deiner Vermählten ewig schließen, ehe du und sie den fremden Strand betreten!

Das braucht aber nicht erwähnt zu werden, daß beide Liebende zu spät kamen und verlegen an dem pünktlich verschlossenen Tore des Parkes standen, bis ein reich galonnierter Portier sie murrend und über liederliches Gesindel schimpfend aus dem Paradies hinausließ. Sebastian lachte dazu und sagte: »Wieder zu spät, aber zum letzten Male!«

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