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Die neuen Argonauten

Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie neuen Argonauten
authorFranz Dingelstedt
year1931
publisherBärenreiter Verlag
addressKassel
titleDie neuen Argonauten
pages3-208
created20040627
sendergerd.bouillon
firstpub1839
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Erato

Die Nacht fiel, ein dunkler, sterndurchwirkter Vorhang, zum dritten Male über die »Hoffnung« und über alle – alte und neue – Schmerzen, die in ihr beschwichtigt stromabwärts schwammen. Der Kandidat streckte sich selig, aber müde in einem Sinnwinkelchen aus, wie man sie nur auf Schiffen finden kann, unter alten Tauenden, ein Stückchen blauen Himmels über dem Haupte, den Hauch der Sommernacht um die heiße Stirn und verschwommenes Wellengeplätscher an den seufzenden Planken. So lag er. In seinen Ohren mischte sich aber das Geräusch mit den letzten Worten der Erzählenden, wie der untergegangene Mond mit ihrem eigenen Bilde. Er sah sie noch vor sich, die Heimatlose, die drunten in der Kajüte zu schlafen versuchte, angelehnt an den Brautkoffer der armen Mutter von Anno Dreizehn. »Du lieber Gott«, sagte Sebastian vor sich hin, »sie hat doch nun gar nichts auf der Welt, nicht Vater noch Bruder, weder Kind noch Kegel.« Daß er ebenso wenig besaß, wie hätte er daran in dem Augenblicke denken mögen?

Die Sonne stand aber schon erklecklich hoch am Himmel, als Sebastian Brand verwundert die Augen aufschlug. Vielleicht wäre er noch nicht erwacht, hätte ihn nicht der Schiffsjunge mit seiner Stange aufgerüttelt. »Ich soll Sie wecken, sagt die Mamsell«, so schrie er ihm vom Backbord aus zu, und mit der Hand vor sich hinweisend, setzte er hinzu: »Da liegt Kesselstadt!«

In der Tat – da lag es auch, breit, glänzend im Morgenstrahl, mit rauchenden Dächern, klingenden Pfingstglocken, blitzenden Palästen und Kreuzen auf den Kirchen. Ein lockendes Bild!

Sebastian verschlang es mit andächtigen Blicken, als sei es das Ziel seiner Reise, nicht das der Mamsell, die, die Hände im Schoße gefaltet, ganz vorn am Kiele stand. Zu ihr trat er heran, und sie reichte ihm unbefangen die Rechte. Er war ihr Freund geworden, seit er mit ihr über die Mutter geweint hatte. »Dort!« sagte sie und wies auf die Stadt. Da dachte Sebastian zum ersten Male daran, daß er sie hier verlassen sollte und die »Hoffnung« auch, was ihm bisher noch kaum durch den Sinn gefahren. Er antwortete nichts als ein seufzendes »Schon?«, worauf Marie ein ebenso einsilbiges »Ja« zurückgab.

Drei Wörter – die ganze Morgenunterhaltung des Menschenpaares, und doch hinreichend, um ihre auf der Flucht sich begegnenden Augen mit Tränen zu füllen. Der Kandidat wollte noch etwas sagen, vielleicht sehr viel oder alles, da winkte ihm Marie hinweg, und er ging. –

Nun gesteht aber der Verfasser dieser höchst glaubwürdigen Reisebeschreibung unumwunden, daß er soviel wie gar kein Talent zu seinem keck unternommenen Werke besitzt; ein im Grunde wenig bedeutender Umstand, den gewiß schon mehrere Leser und alle Rezensenten herausgeschmeckt haben. Statt Stürme, Seegefechte, Nachtabenteuer zu malen, versenkt er sich in Wind und Meeresstille, taucht sich und seinen Pinsel – keine üble Gelegenheit zu einem beißenden Wortspiel für bösartige Kritiker wie der Magister Hudel – in Morgenrot und vergißt über der Nacht und dem Erwachen zweier unbedeutender Liebenden den Helden, dem er seine Kraft angelobt hatte.

Armer Eusebius, wo warest Du, Du von allen Menschen und Göttern, sogar von Deinem Dichter Verlassener?

Er lebte » la dernière nuit d'un condamné« auf der Hauptwache zu Rautenburg. Ein mitleidiger Rekrut hatte ihm seinen Mantelsack unter den Kopf geschoben, damit er auf der harten, horizontal hingestreckten Pritsche nicht etwa Schaden nehme, und so schlief Herr Eusebius Trenttelfuß, Kapitän des Schnellseglers, Kaufherr wie auch Marktmeister und Mitglied der Ortspolizeikommission zu Gersfeld, zum ersten Male in seinem taten- und ereignisreichen Leben auf einer Hauptwache. Schaudernd erwachte er, als der Morgen durch die vergitterten Fenster der Zelle schien, er streckte sich ächzend aus, er blickte mit Abscheu um sich. Er – mitten unter ruhig schnarchenden Kriegsknechten, in einer engen, dumpfigen, dunklen Wachtstube, auf Leib und Leben angeklagt – o Eusebius, wohin hat Deine Tollkühnheit dich geführt?

Gewöhnliche Menschen würden Reue empfunden haben; ihnen wäre der Gedanke gekommen: wärest Du zu Hause geblieben, so reichte Dir jetzt das Subjekt demütig die geputzten Ladenpantoffel in Deine Schlafkammer herein, und Frau Margaretha Schleichlein klapperte im Nebenzimmer einladend mit den Kaffeetassen, und die Klingel an der Haustüre tönte alle Minute: »Ein halb Viertel Kandiszucker!« – »Für einen Dreier Syrup, aber vom besten, für den Herrn Superintendenten in seinen Kaffee!« Allein Eusebius war über eine so wehmütige Erinnerung in seinem gegenwärtigen Leid erhaben; sein Herz dürstete nach Rache, in allen Adern kochte ihm das Blut derer Trenttelfuße, ein unvermischtes, edles, das keine Schmach duldete, ein Blut, das seit mehreren Jahrzehnten durch die obersten Kanäle der Gersfelder Kommune geflossen war, indem seine nächsten Aszendenten gleich ihm wichtige Posten bekleidet, ja in einem glorreichen Jahre sogar im Senate der Stadt Gersfeld mitgesessen hatten.

Er erhob sich rasch und heftig von seinem elenden Lager und schritt der Türe zu. Als er sie öffnen wollte, trat ihm aber einer seiner Schlafgesellen auftaumelnd entgegen und riß ihn an den Flügeln des nankingenen Schönfahrsegels gewaltig zurück. »Heda, guter Freund! Das geht hier nicht so geschwind«, sagte der Musketier zu dem entrüsteten Marktmeister, der ihm vergeblich begreiflich zu machen suchte, er habe ja nicht entfliehen, sondern bei dem Leutnant, dem Polizeiwachtmeister, dem Stadtrichter sein gutes Recht verfolgen wollen. »Damit hat's Zeit, bis die Herrschaften aufstehen«, erwiderte der Gefreite lachend und streckte sich seinerseits wieder auf der Bank aus, es seinem Gefangenen überlassend, ob er ein Gleiches tun oder wachend abwarten wollte, bis es der Rautenburger Justiz beliebe, ihr Opfer vor sich zu fordern.

Schon im ersten Buche ist erwähnt worden, welcher Haß die Städte Rautenburg und Gersfeld, obwohl jetzo demselben Landesherrn angehörig, entzweite. Sie waren die rote und die weiße Rose des Fürstentums; Pisa und Livorno können einander zur Zeit ihrer Blüte nicht glühender gehaßt haben. Eusebius wußte das; er selbst trug trotz seines menschenfreundlichen Charakters diesen natürlich-nachbarlichen Zoll der Feindschaft an alle Rautenburger im Geiste redlich ab. Wohl mochte er daher in diesem Augenblick ahnen, welches Schicksal seiner warten würde, wenn die Erbfeinde, in deren Hände ihn Gott gegeben, über ihn zu Gericht säßen. Eigentlich, so rief ihm eine Stimme des Gewissens zu, übten sie nur Wiedervergeltungsrecht an ihm, der einst einen Rautenburger Metzger um einen Kammergulden gebüßt hatte, weil er, trotz des bestehenden Verbotes einer Handelsverbindung zwischen Rautenburg und Gersfeld, an einen jenseitigen Juden diesseitiges Zickleinfleisch für Hammelfleisch abgesetzt, ja in selbsteigener Person unter seiner großen Metzgerweste eingeschmuggelt hatte. Eusebius, in doppelter Qualität als Polizeimitglied und Vieh- und Fleischbeschauer den Gersfelder Wochenmarkt inspizierend, hatte die beiden Defraudanten in flagranti ertappt. »Halt!« rief er damals gebieterisch aus, und dem fremdländischen Metzger, der mit dem Corpus delicti schnell wieder unter die braune Weste fahren wollte, in den Arm fallend, zog er scharfsichtig das Fleisch hervor, beroch es mit Würde, prüfte mit der Zunge und sagte dann mit einem vernichtenden Blick auf den Schuldigen: »Zicklein!«

Dieser kühnen Tat, für die ihm die Gersfelder Metzgerschaft damals einen Kranz votiert hatte, und zwar denselben, den der Pfingstochse des vorigen Jahres getragen und der hernach in der Herberge der Metzgergesellen aufbewahrt oder einem hochstehenden Manne in processione dargebracht wurde, dieser kühnen Tat gedachte, keineswegs in Furcht, sondern noch immer mit gerechtem Bürgerstolz der gefangene Eusebius; er konnte sie nicht bereuen, obschon er wußte, daß sie ihn heute verderben würde. Groß in seinem Bewußtsein saß er da. Ein Dichter würde ihn mit Simson unter den Philistern, mit Regulus zu Karthago, mit Enzio im Kerker der Lombarden, mit Richard Löwenherz in den Händen des rachsüchtigen Österreichers, Gott weiß, mit welchen Helden der Vorzeit ihn ein Dichter verglichen haben würde. Er selbst, Eusebius, dachte still und bescheiden, weil ihn die Chronik des Festlandes nicht interessierte, an Kapitän Cook unter den Wilden von Otahaiti; so gemahnte er sich und schauderte.

Eine Viertelstunde nach der anderen verstrich, der helle Tag brach an, die Kühe brüllten munter an der Hauptwache vorüber, die Posten wurden abgelöst, die verschlafenen Krieger wachten, sich reckend und dehnend, auf – an Eusebius schien niemand zu denken. Endlich ward es ihm zu arg; der Schweinehirt hatte sogar schon auf seinem Horne geblasen, was den üppigsten und vornehmst lebenden Honoratioren von Rautenburg als Reveille galt, ohne daß eine menschliche Seele des Gefangenen sich erinnerte.

Entschlossen trat Eusebius auf den wachthabenden Unteroffizier zu. »Herr Feldwebel!«, also redete er ihn an, weil, wie er meinte, die Höflichkeit nirgends schaden könne. »Herr Feldwebel! Werde ich nicht bald mit Ihrem Herrn Hauptmann reden können?« Der Soldat entgegnete ihm, wie der Herr Leutnant noch fest schlafe, auch wohl nach den Strapazen des gestrigen Tages nicht daran zu denken sei, daß er vor zehn Uhr aufstehe. – »Und so lange muß ich –?« Der Unteroffizier zuckte mit den Achseln. »Es ist Ihnen übrigens nicht verwehrt«, sagte er, von dem »Feldwebel« zu seines Gefangenen Gunsten eingenommen, »sich nützlich und angenehm zu beschäftigen; Sie können hier ans Fenster treten und sich die Kirchgänger mit anschauen, da es doch heut' erster Pfingsttag ist; selbst das Schreibzeug bleibt Ihnen zum unverfänglichen Gebrauch anheimgestellt.«

Eusebius seufzte. Jedoch schien ihn die letzte Vergünstigung auf einen Gedanken zu bringen. Er suchte seine mehrerwähnte Brieftasche aus rotem Schafleder hervor und blätterte in ihr, den Brief seiner teuren Muhme, der bald mit einem noch teureren Namen zu begrüßenden Madame Pappel, geborenen Ruthenbusch, nicht ohne merkliche Rührung betrachtend. Hierauf ließ er sich an dem schlechten, hölzernen Tische der Hauptwache nieder und begann, sich heldenmütig in sein grausames Schicksal fügend, die Erlebnisse der Reise gedrängt zu Papier zu bringen.

»Ordnung muß sein«, sagte er zu sich selbst, indem er das gewissenlos vernachlässigte Tintenfaß der Wachtstube in einen brauchbaren Zustand setzte. »Es könnte ja Gott gefallen, mich hier eines gewaltsamen und plötzlichen Todes verbleichen zu lassen, da müßte doch die liebe Zukünftige und meine ehrliche Schleichlein wissen, wo ihr armer Eusebius verblieben.«

Der Marktmeister war nicht nur ein sehr gewandter und kundiger Buchführer, der jeden Abend seine »Kladde«, jeden Montag seine »Strazze« und am ersten Tage jedes Monates sein »Hauptbuch« in musterhafter Weise fortführte, sondern er hatte vermöge seiner ausgebildeten Lektüre in Marineangelegenheiten auch einen Blick und eine sichere Hand in Anlegung und Ausführung eines echt seemännischen »Logbuches« gewonnen. Dies erklärt vollständig, wie er imstande war, in sein Portfolio die folgenden Notizen fließend und fertig einzutragen, während der Unteroffizier ihm wißbegierig über die Schulter schielte:

– »Freitag, den 15. Mai, morgens 6 Uhr. Begab mich an Bord, Kapitän Martin. Erste Schiffswache: Klaas, der Junge. Morgens acht Uhr einundzwanzig Minuten machten die Taue los. Der Wind West. Flaue Kulte. Keine Segel beigesetzt. Acht Uhr dreißig Minuten Sandbank Nordnordwest. Zehn Uhr ein Lotse mit zwei Pferden und einem Ochsen an Bord. Zwölf Uhr mittags Gersfeld passiert. Zwölf Uhr einundfünfzig Minuten peilten dem Stadtkämmerer sein Gartenhaus auf dem Knochenanger. Ein Uhr fünf Minuten Sandbank Nordwest. Zwei Uhr peilten die Vogelstange auf der Schützenwiese. Sandbänke, eine über die andre. Fünf Uhr nachmittags Rastlos im Gesicht, dreizehn Minuten Nordost vom Kompaß.«

Hierauf ging Eusebius Journal in die tabellarische Form über. Der Unteroffizier verabfolgte ihm auf seine Bitten, nicht ohne den Gefangenen mit einem ehrerbietigen Blicke zu betrachten, seine Patrontasche, um in Ermangelung eines Lineals an deren Rande seine Linien zu ziehen. Eusebius entwarf kunstgerecht seine sechs Rubriken, wie folgt:

1)  Wacht, worunter es fortwährend von Glase zu Glase (d. h. von einer Stunde zur anderen) lautete: Klaas, der Junge.

2)  Gesegelter Kurs. Unter dieser Rubrik bedeutende Lücken, oft eine große durchstrichene Null.

3)  Mißweisung (d. h. Abweichung der Magnetnadel). Eusebius sann einen Augenblick, was er hier an- und aufführen sollte, und kam am Ende bei sich überein, da doch seine Schnupftabaksdose den Kompaß ersetzte, deren höchst mäßigen Gebrauch seinem treuen Gedächtnisse nach zu notieren, wobei denn auch der Mißbrauch durch den Jüngstgebornen der Akzessistin seine ungemein passende Stelle fand.

4) und 5)  Bekommener Kurs und Meilen, bei welcher Rubrik Eusebius Gelegenheit fand, sich als fertigen Rechner in Brüchen auf das Glänzendste zu dokumentieren.

6)  Wind, Wetter und was passiert, namentlich Havarien oder Schiffsunfälle. Hier dehnte sich Eusebius nun frei und ungehindert aus, seinem gepreßten Herzen volle Luft machend. Er beschrieb genau und mit einem erstaunenswerten Aufwand von Phantasie alle Schicksale seiner Fahrt von dem Augenblicke seines Fehltrittes an bis zu dem Moment, da er, ein zweiter Napoleon, aus dem treulosen »Bellerophon« seinen Fuß an das ungastliche Gestade von Rastlos gesetzt hatte. In der Tat, es entwickelte Herr Trenttelfuß eine so hervorstechende Anlage zu einem deutschen Marryat oder Eugene Sue, daß es uns – um Heinrich Smidt's willen! – beinahe lieb ist, daß sein Manuskript nicht unter die Presse gekommen ist.

Eusebius fühlte sich leichter, als er geendet. Und wie er zu häufigen Malen gelesen, daß gefährdete Schiffshauptleute im Augenblicke ihres Unterganges das Logbuch in einer wohlverwahrten Flasche den Wellen übergeben, damit wenigstens eine Kunde ihres tragischen Geschickes übrig bleibe, so beschloß er, den Unteroffizier, der ihm eine treue und verschwiegene Natur schien, zu seiner Flasche zu machen. In sichtlicher Bewegung winkte er ihn heran. »Herr Feldwebel«, sagte er zu ihm, »ich beschwöre Sie im Namen der in mir verletzten Menschheit um einen Dienst. Wenn ich hier untergehen muß, so besorgen Sie dieses Blatt an Madame Pappel, Vorsteherin des Fräuleinstiftes zu Kesselstadt, und seien Sie einer guten Belohnung gewiß. Wollen Sie mir das versprechen?«

Der ängstliche Kriegsmann hatte zuerst seine Bedenken; als ihm aber Eusebius bei Nelson und Codrington geschworen, das Blatt enthalte nichts gegen den Obersten des Regiments, nahm er es endlich zu sich und verbarg es an dem Ort, wo Unteroffiziere und junge Mädchen ihre billets doux und ihre ordres zu verbergen pflegen. Eusebius griff gerührt in seine Tasche, und der Unteroffizier trat mit langem Halse heran, die Hand halb ausstreckend; Eusebius reichte ihm auch die seinige, aber freilich nichts darin als seine Dose aus Kartoffel, sodaß der Getäuschte murmelnd zurücktrat.

Mittlerweile war es zehn Uhr geworden, und der wachthabende Offizier der mobilen Kolonne erwachte in der Tat und wurde mobil, indem er zuvörderst seinen Kaffee trank. Hierauf schickte er zu dem Gefangenen, vernahm ihn kurz und bündig und lieferte ihn alsdann unter sicherer Bedeckung an das gegenüberliegende Stadtgericht ab. Eusebius glaubte vor Scham einige Klafter tief in die Erde sinken zu müssen, als er angesichts des sämtlichen zur Kirche wandelnden Publikums von Rautenburg, eskortiert von einem Gefreiten und zwei Gemeinen, gerade unter dem zweiten Läuten über die breite, helle Straße transportiert wurde. Das Pflaster brannte unter seinen Füßen, und zur Vermehrung seiner Qual vernahm er ganz deutlich, wie Vorübergehende, die ihn kannten, einander zuriefen: »Ei, seht doch den Herrn Marktmeister!« – »Pfui über den Trunkenbold!« Am meisten kränkte ihn ein alter Tabaksspinner, der eine geraume Weile den Unglücklichen mit giftigen Blicken maß und verächtlich zu seinem Nachbarn sagte: »Krawaller!« Er, Eusebius, ein Trunkenbold, er, der nüchternste Mann nicht nur unter der Sonne, sondern auch in Gersfeld, in dessen Wein- und Bierstuben die Sonne das ganze Jahr nicht kommt! Er, Eusebius, ein Krawaller, er, der ansässige Ortsbürger, Marktmeister wie auch Vieh- und Fleischbeschauer, ein erklärter Konservativer, der sogar im Zorne einmal aus dem neuen Kasino fortgelaufen, als die Musik auf Veranlassung eines bankerotten Mützenmachers die Marseillaise anstimmte! Nein, es war zu hart!

Das Stadtgericht, wohin man den Zerknirschten führte, hatte sich ungeachtet des heiligen Pfingstfestes schon versammelt. Der Herr Stadtrichter, der Stadtsekretär und ein junger Auditor saßen in dem kleinen Verhörsaale um den grünen Tisch versammelt, und hinter den Schranken stand Herr Lauf, der gestern gefänglich eingezogene, wie ihn der Auditor in seinem Protokoll registriert hatte, »berittene Demagog«. Die Rautenburger Justiz schien weder mit dem ersten Pfingsttage, noch mit ihrem Gefangenen große Umstände zu machen; der Herr Stadtrichter war im Schlafrock und in gestickten Pantoffeln aus dem Familienzimmer heraufgekommen. »Schlimm genug«, murmelte er gegen den gähnenden Sekretär, »daß uns die neue Konstitution verpflichtet, den Arrestanten gleich zu vernehmen; muß man sogar seine Feiertagsmorgen einem solchen — opfern! Machen wir's uns bequem, Herr Kollege!« Hierauf hatte der Sekretär sich, einverstanden und nickend, seine Pfeife angezündet und war, während der Auditor die leinenen Schreiberärmel über den Dienstfrack zog und sein Protokoll zurecht machte, angelegentlichst beschäftigt, aus alten Akten Fidibusse zu drehen, deren Lieferung auf die »Erholung« er gegen ein Billiges übernommen hatte.

Das Verhör dauerte länger, als es der Wunsch der Richter war. Der ungeduldige Vorsitzer trieb bald seinen Auditor, bald fuhr er auf den Gefangenen heftig ein; dieser aber war zu oft in ähnlichen Lagen gewesen, um sich einschüchtern zu lassen, und antwortete mit einem kalten Blute, das die Fragenden zur Verzweiflung brachte. Sein Bart war in der einen Nacht ungebührlich gewachsen und gab ihm zusamt dem blassen verwachten Gesichte ganz das herkömmliche Aussehen eines Demagogen. Hätte sich Lauf in einem Spiegel sehen können, er würde innerlichst frohlockt haben über diese Märtyrerglorie um sein Haupt.

Es ging schon stark auf Mittag, der Auditor schwitzte große Tropfen, der Sekretär hatte einen ganzen Berg Fidibusse geliefert, und noch immer konnte das Verhör nicht geschlossen werden. Lauf verstand sich darauf, nur wenig und dieses Wenige langsam zu geben; peinlich befragt zu werden, sich durchwinden und herauslügen zu müssen, gefährliche Verbindungen und Anschläge nur von ferne ahnen zu lassen, das alles gehörte zu den Genüssen, zu den Luxusartikeln seines Lebens, die er in aller Gemächlichkeit zu verspeisen gewohnt war.

Ein gotteslästerlicher Fluch entfiel dem Stadtrichter, als der Stadtdiener mitten in Laufs Verhör den anderen Gefangenen, der die Nacht auf der Hauptwache gesessen hätte, auch noch anmeldete. Der Sekretär reichte gleichgültig dem Diener seine Pfeife, um sie von neuem stopfen zu lassen, und der Auditor griff stöhnend nach einem frischen Bogen.

Eusebius trat ein, mit einer so kläglichen Miene, daß ihm Lauf stolz den Rücken wandte. Nun ging das Konfrontieren beider an; Lauf leugnete alles, und Trenttelfuß gestand alles, Sturm des Torschreiberhauses, Umzug in der Stadt, Marseillaise, alles. »Herr Stadtrichter«, sagte er beteuernd, »ich war ein gezwungener Freiwilliger. Sie kennen mich ja, und der Herr Sekretarius auch; du liebste Güte! jedes Kind in Rautenburg kennt mich, und wie ich jetzt bin herüber eskortiert worden, hat die halbe Stadt mit Fingern auf mich gedeutet!«

»Stille«, rief der Stadtrichter. »Wer sagt, daß wir Sie kennen? Ihren Namen, Ihre Legitimation?«

»Herr mein Gott«, seufzte Eusebius, »ich bin ja der Marktmeister, wie auch Vieh–«

»Papiere, lieber Mann, Papiere!« sagte der Stadtsekretär, indem er eben einen neuen Stoß zu Fidibussen verschnitt. »Das Stadtgericht braucht Papiere!«

Eusebius mußte eingestehen, er habe keinen Paß, keine Legitimation bei sich. Der Stadtrichter besann sich nach dieser Erklärung keinen Augenblick. »Herr Auditor!« gebot er, »fertigen Sie eine Mitteilung brevi manu an das Justizamt zu Gersfeld aus, womit wir ihm gegenwärtigen, gemeinschädlichen Umhertreiber, angeblichen p. p. Trenttelfuß, überweisen, da er behauptet, in Gersfeld domiziliert zu sein.«

Eusebius war mehr tot als lebendig. »Auf den Schub«, stöhnte er; mit dem einen Worte stand das entsetzliche Bild seiner Heimkehr vor seinen Augen, wie er, an beiden Armen geknebelt, zwischen zwei berittenen Gendarmen in der Vaterstadt wieder einziehen würde. Er mußte sich an den Schranken halten, um nicht niederzusinken.

»Was Sie angeht, Herr Lauf!« mit diesen Worten wandte sich der Stadtrichter an seinen andern Inkulpaten, »so bleiben Sie vor der Hand inhaftiert. Die Untersuchung ist instruiert worden und wird nun weiter gehen.« Damit erhob sich der Gewaltige mit Würde, schlug den Schlafrock um seine Lenden und wollte zum Frühstück hinunter eilen, das er heute nicht im Gerichtslokale verzehrt hatte, um den Festkuchen samt dem extraordinären Rotwein nicht mit dem Sekretär und dem Auditor teilen zu müssen.

»Sie erlauben, Herr Stadtrichter!« rief ihm Lauf nach, »Sie erlauben! Ich stelle Kaution und verlange, daß man mich ohne Verzug entlasse.«

»Geht nicht an!«

»Und warum nicht?«

»Herr Lauf, Sie haben hier nur zu antworten, nicht zu fragen.«

»Herr Stadtrichter, ich dringe auf mein Recht, es heißt ausdrücklich in unserer Verfassungsurkunde –«

»Wie heißt es?«

»Ich bitte mir ein Exemplar aus, da mir der Paragraph 611 nicht wörtlich im Gedächtnis.«

»Auditor, geben Sie ihm die Urkunde!«

Lauf blätterte hastig in dem Hefte. »Nehmen Sie sich in acht, was Sie tun!« rief er frohlockend aus. »Hier ist der Paragraph.«

»Lesen Sie ihn laut!«

»Jeder Angeschuldigte soll, wofern nicht dringende Anzeichen eines schweren peinlichen Verbrechens wider ihn vorliegen, der Regel nach gegen Stellung einer angemessenen, durch das Gericht zu bestimmende Kaution seiner Haft ohne Verzug entlassen werden. – Hier steht es. Paragraph 611.« Lauf küßte das Buch inbrünstig, als er es in die Hände des Auditors zurückgab.

»Ganz richtig«, entgegnete der Stadtrichter, »so lautet es. » Der Regel nach«. Ich bitte Sie aber zu bemerken, daß hier keine Regel, sondern eine Ausnahme, ein ganz extraordinärer Fall obwaltet. Oder wollen Sie etwa behaupten, daß nächtlicher Tumult, berittene und bewaffnete Zusammenrottierungen, Störungen, durch die die öffentliche Behörde sich gemüßigt findet, die Aufruhrakte zu verlesen, daß diese zur Regel gehören?«

»Herr Stadtrichter, das sind Kniffe, Verdrehungen unseres guten Rechtes.«

Der Märtyrer ward vom Gerichtsdiener abgeführt. Die Richter erhoben sich, der Sekretär schob die Produkte seines Kunstfleißes gewandt in seine Rocktaschen, beide Gewalt- d. h. Rechthaber unterzeichneten das Kommunikat, in dem Eusebius sein Todesurteil anzuhören glaubte, und die Sitzung ward geendet.

Noch eine Stunde, und der Marktmeister, wie auch Vieh- und Fleischbeschauer, das außerordentliche Mitglied der Ortspolizeikommission zu Gersfeld, Herr Eusebius Trenttelfuß, Besitzer des Schnellseglers, befand sich abermals auf seinem Fliegenschimmel, abermals auf dem Wege nach Gersfeld. Die Sonne brannte lotrecht auf seinen Scheitel, denn es war gerade ein Uhr, und sämtliche Rautenburger Honoratioren kehrten heim von ihrer vormittäglichen Promenade, als Herr Eusebius, der vielen unter ihnen wohl bekannte Eusebius in dem verwundersamen Geleite eines Fußgendarmen zum Tore hinausritt. Da flüsterte es in allen Ecken, aus allen Fenstern, über alle Gassen: »Ist das nicht –?« und: »Ei, das ist ja –« oder: »Wer hätte das gedacht?« Am empfindlichsten war Eusebio die Begegnung mit seinem alten Erbfeinde, dem Zickleinsschlächter, der den Hut recht boshaft vor ihm zog und ihm zweimal nachrief: »Glückliche Reise, Herr Marktmeister!«

Gern hätte Eusebius seinem Pferde die Sporen gegeben, wenn er deren gehabt. Allein sein verzweifelter Willen, den Fliegenschimmel in einen rascheren Schritt zu bringen, scheiterte an zwei entgegengesetzten, an dem tierischen seines Rosses, das im Pfandstall sich ebenso wenig hatte erholen können, als daheim bei seinem Gebieter, und an dem menschlichen des invaliden Gendarmen, der das freiwillige Hinken auf einem Beine hatte und alle Minuten lang Eusebio die höchst überflüssige Weisung erteilte, nicht zu schnell zu reiten. So zockelte er denn auf der heißen, stäubenden Straße im langsamsten Passe hin, das Haupt verzweiflungsvoll gesenkt zwischen die Ohren des Fliegenschimmels, ein Ritter von der traurigsten Gestalt.

Ja, es gibt einen bösen Dämon, der mit dem Schicksale bevorzugter Menschen sein Spiel treibt, einen Dämon, der Ulysses von Ithaka, Aeneas den Frommen, Christoforo Colom und alle Helden der Vorzeit verfolgte, einen Dämon, der unsere Kräfte mit unseren Zielen in kontradiktorischen Rapport stellt, der uns die Zentripetalkraft gibt, wenn wir in die Peripherie streben, und die Zentrifugalkraft, wenn wir uns dem Mittelpunkt zu nähern trachten!

Oder wäre es auf natürliche Weise zu erklären gewesen, daß Eusebius sich jetzt zum zweiten Male auf der Heimreise befand, statt auf dem Wege gen Kesselstadt? Daß er abermals umkehrte, abermals dieselbe Straße machte, wie vor wenig Tagen, abermals in dem Wirtshaus rastete, wo er damals seine Mantelsackgarde aufgeboten, abermals den wohlbekannten Umgebungen seiner viellieben Vaterstadt mit unaussprechlichen Gefühlen sich mehr und mehr näherte, je schräger die Strahlen der Pfingstsonne in das Dulfetal fielen?

Endlich stand er vor dem »Lustigen Fuhrmann« zu Rastlos, noch eine Stunde von Gersfeld entfernt. Weniger sein Wunsch, als die Bedürfnisse der zwei Reisegefährten nötigten ihn, hier wiederum eine Weile anzuhalten. Der Fußgendarm und der Fliegenschimmel erquickten sich in gemütlicher Eintracht, während Eusebius sich in den Stallungs- und Wirtschaftsgebäuden zu verkriechen trachtete, um von den zahlreichen Gästen im Schenkzimmer nicht in so sonderbarer Gesellschaft gewahrt zu werden. Aber dieses Bemühen erzielte gerade das Gegenteil. Weil der hinkende Bote auf jedem Seitensprung, selbst dem unschuldigsten, natürlichsten, notwendigsten, an Eusebii Fersen sich heftete, so erregte dies bald die Aufmerksamkeit der Gäste. Eine Menge Köpfe – darunter leider sehr bekannte – streckten sich zu dem niedrigen Schubfensterlein heraus, um den Verbrecher näher anzusehen. Vergebens verbarg Eusebius sein Gesicht in dem Taschentuche, vergebens wandte er sich nach allen Seiten, um die am wenigsten kenntliche den indiskreten Blicken seiner Landsleute preiszugeben, – ihn verriet das altbekannte Schönfahrsegel, und wie von hundert Zungen tönte es auf einmal aus dem Gastzimmer: »Wahrhaftig und Gott! Es sein der Herr Marktmeister!«

Mit diesem Ausrufe stürzten zugleich einige vierzig junge Burschen aus der Tür, größtenteils Gesellen und Arbeiter aus Gersfeld, um den verehrten Mann zu begrüßen, zu befragen, zu befreien selbst, wenn ihm Unbill geschehen. Eusebius kannte seine Popularität und berechnete, sich entsetzend, deren mögliche Wirkungen, er sah im Geiste, wie der Rautenburger Gendarm als sein Sühnopfer fallen müßte und vielleicht einige rechtliche Bürgerssöhne aus Gersfeld mit ihm. Solcher Verantwortung wollte er sich nicht aussetzen; er schwang sich unversehens auf den noch käuenden Fliegenschimmel, als eben die Rotte Korah aus dem »Lustigen Fuhrmann« hervorbrach, drückte dem widerspenstigen Tier die ganze Wucht seiner Schenkel an den mageren Leib und schoß wie ein Pfeil die Straße nach Gersfeld hin. Hinter ihm drein natürlich der ganze Haufen seiner Anhänger, über die nicht der Geist des Pfingstfestes, sondern der des »Lustigen Fuhrmanns« herabgestiegen war, und zu allerletzt, hinkend, schreiend, in einer Hand das entblößte Seitengewehr, in der andern den in der Hast nur halb geleerten Schoppen schwingend, der Fußgendarm, der Sbirre der Rautenburger Tyrannen.

Eine malerische Kavalkade!

Denkt euch aber hinzu, daß die Straße mit Spaziergängern und Spaziergängerinnen der höchsten Stände besetzt war, die in der Kühle des Abends vor Gersfeld lustwandeln gingen. Und denkt, wie sie alle auseinanderstoben, als der wohlbekannte Fliegenschimmel, darauf der wohlbekannteste Marktmeister mit fliegendem Haar, fliegenden Nankingschößen, fliegenden Steigbügeln, die Fäuste fest in die dünne Mähne seines Rosses gewickelt, beide Augen zugedrückt, unter sie fuhr und wie ein Komet den furchtbaren Schweif trunkener Gesellen und bewaffneter fremdherrlicher Macht hinter sich herschleppte. Ein natürliches Gefühl hieß die verwunderten Gersfelder zu beiden Seiten des Weges Raum geben; dann aber, wie in dem Märlein von der bezauberten Gans, schlossen sich alle dem Zuge an, der nach Lawinenart mit jeder Minute anschwoll und noch bei guter, heller Tageszeit in Gersfeld hineinflutete.

Es war ein milder, lauer Abend. Was nicht draußen sich erging, saß doch bestimmt vor den Türen, nachbarlich gesellt, unter grünen Bäumen, auf steinernen Bänken, wie es in der guten patriarchalischen Zeit Sitte war und in Gersfeld, Gott sei Dank, noch ist. Mitten unter diese friedlichen, festlich geputzten, festlich gestimmten Menschen fuhr nun auf einmal das Ungeheuer, der Eusebius, der Zentaur, samt seinem Landsturm. An Festhalten bei keinem ein Gedanken, alle schrieen, alle rannten mit. Der keuchende Fußgendarm rief: »Ins Gefängnis! Es ist ein Vagabund! Haltet den Spitzbuben!« Eusebius hingegen suchte die Pomeranzengasse zu gewinnen. Der Fliegenschimmel hatte es anders beschlossen, und da sein Wille hier der entscheidende war, so ging der Schnellsegler nicht im Gefängnis, noch in der Pomeranzengasse vor Anker, sondern an der Haustüre des Metzgermeisters Daue, allwo Eusebius, mehr tot als lebendig, vom Sattel glitt. Er fiel unsanft in unbekannte Arme; als er aber den Kopf umwandte, blickte er getröstet in das aufgeregte Antlitz seiner treuen Schleichlein und legte sein gehetztes »kronenloses« Haupt milde an ihren sicheren Busen. Sein letzter Blick ins Leben traf auf den nachgeeilten Fußgendarmen, der seine, mit blankem Säbel bewehrte Damokleshand über ihn ausstreckte. Neben diesem sah er noch in viel bekannte und fremde Gesichter, das dicke des Burgemeisters, das lederne des Rentereischreibers, das triumphierende der Frau Stadtkämmererin, das mitleidige seines Subjekts; auch hörte er verworrenes Geschrei und Stampfen. Seine Sinne schwanden ihm, er fiel der Länge nach aus Margarethens kraftlosen Armen auf das Pflaster, und die Beschließerin, jammernd über ihn gebeugt, rief mit herzzerschneidenden Tönen über den versteinerten Haufen: » Er ist tot.«

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