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Die neuen Argonauten

Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie neuen Argonauten
authorFranz Dingelstedt
year1931
publisherBärenreiter Verlag
addressKassel
titleDie neuen Argonauten
pages3-208
created20040627
sendergerd.bouillon
firstpub1839
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Terpsichore

Als die Sabbathglocken in allen Türmlein fern und nah das morgende Fest einläuteten, zog die »Hoffnung« leise und behaglich ihre Furchen über den Dulfestrom, und alle Wellen glänzten vom Abendrot und alle Kirchenfenster in den Dörfern, daran man vorüberzog. Es war aber, als ob über das Schiff auch eine Ahnung des heiligen Geistes von morgen herabgeflogen wäre, so still und so feierlich hielt sich alles darin und darauf, selbst der Schiffsjunge, der am Steuerruder saß und in sein Fahrgleis andächtig hinabsah. Die beiden einzigen Passagiere, die Martins »Hoffnung« treu geblieben waren, der Kandidat nämlich und Mamsell Marie, standen nebeneinander auf dem Deck, während Martin einen frühen Schlaf in seiner Koje abhielt. Das Mühseligste der langen Fahrt lag nun hinter ihnen; die Dulfe trat breiter und mächtiger aus den Sandhügeln heraus, diese selbst stiegen zu dunklen Waldkämmen an beiden Ufern an; die ganze Gegend tat sich groß und lachend auf, wie ein Mädchenauge, wenn die Liebe zum ersten Male sich darin spiegelt. Gegen Morgen, hatte Martin gemeint, werde man in Kesselstadt anlangen, und wenn die Herrschaften nichts dagegen hätten, sollte die laue Mainacht hindurch gefahren werden.

Marie seufzte. War es ihr doch am Morgen gar nicht recht gewesen, als sie allein mit dem fremden Manne die Reise fortsetzen mußte. Allein die Not zwang sie, zu bleiben, und des Kandidaten bescheidenes, zurückhaltendes Wesen erleichterte den Zwang. Zuletzt fühlte sie sich recht heimisch in der Stille, die den Tag über auf der »Hoffnung« waltete. Der Kandidat ging mit geräuschlosen Schritten ab und zu, sie nur dann und wann mit freundlichen Augen anblickend oder anlächelnd; sie selbst strickte, und mittags hatte sie in der Kajüte eine Siesta gehalten, während Herr Brand – sie sah es erwachend noch mit an, und es rührte sie – vor der Türe Schildwacht saß, damit Martin sie nicht störe.

Die beiden Herzen waren wie abgeschlossen von aller übrigen Welt, nicht auf einer wüsten Insel, sondern auf zahmem Wasser, wohin aber desungeachtet kein Laut des Lebens drang, als nur Herdengeläute von den Bergen oder ländliche Friedensklänge aus den Hütten am Ufer. Sebastian schwamm selbst in stillen Wellen der Seligkeit oder in einem schöneren Abendrote, als das wirkliche hinter den Wäldern im Westen niederbrannte. »Wie ganz nett!« sagte er zu Marien und wies mit der Hand auf die Bäume und Laubgänge, worin es mählich dunkelte. Und Marie nickte. So oft aber ein Glühwurm in dem Gebüsche auffuhr – deutlich konnte man jeden vom Schiffe aus erkennen – oder so oft eine Nachtigall sang, rief sie ihn leise an, und beide fuhren durch die Schatten und durch den Duft, der sich hinter und über ihnen immer dichter zusammengab, als wolle er sie auf ewig verhüllen.

Plötzlich, als Sebastian aufsah, stand der Stern, wohin ihn die Reisegefährtin neulich gewiesen, wieder über ihnen und funkelte hell. Da faßte er des Mädchens Hände zwischen seine gefaltenen, und nur mit den Augen hinaufwinkend fragte er: »Mamsell, kennen Sie ihn noch?« Marie aber drückte seine Hände, um die ihrigen los zu machen, und sah mit bejahenden Augen empor. »Auge meiner Mutter«, so sprach sie innig und bebend vor sich hin, »wache du über Marion!« Da zog sie der Kandidat mit schüchternem Arm neben sich nieder auf das Verdeck und bat: »Erzählen Sie doch von der Mutter, wo sie ist und wer, damit Sie sich minder fremd fühlen bei einem, der es ja wahrlich nicht ist.«

Marie sah ihn vertrauend an. Und sie begann zu erzählen, während die Wellen im Flusse und die Winde in den Gebüschen melodisch zu ihren Worten rauschten:

»Sind Sie wohl einmal, Herr Kandidat, des Weges gegangen von Leipzig gen Raschwitz, da, wo jetzt der neue Park und das prächtige Landhaus angelegt werden?« Hier schüttelte er aber traurig mit dem Kopfe. »An diesem Wege rechts, wenn Sie nach Raschwitz wollen, liegt an einer in ganz Leipzig bekannten Stelle ein einsames Grab, halb eingesunken, das man lange Zeit nur unter dem Namen »das Grab des Fremden« oder »das Franzosengrab« gekannt hat. Es ist eine liebe, trauliche Stätte, die sich der Tote ausgesucht hat. Binsen und kleines Gebüsch flüstern um den niedrig gelegenen Ort; unweit davon ist ein stiller, enger Waldtümpel, in dessen seichtem Wasser sich die Blumen des einsamen Hügels abspiegeln, und aus dem nahen Walde wirft der Frühling muntern Vogelsang oder der Herbst buntes Laub auf die kleine Gruft.

»Nun sehen Sie, Herr Kandidat, alle Jahre am Johannistage, wenn auf dem großen Stadtkirchhofe gefeiert wird, fand man auch das einsame Grab am Wege nach Raschwitz mit frischen Blumen geschmückt, ohne daß jemand wußte, wer über Nacht die Rosen dahingesteckt habe. Das ging so Jahr aus, Jahr ein. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, selbst bis Liebertwolkwitz hinüber, gaben einander das Wort, aufzupassen, ob aus ihrer Mitte einer dem fremden Grabe den Liebesdienst erweise, wie man in Leipzig allgemein sagte. Allein es fand sich niemand, und fast war es ein Aberglaube geworden, daß Geister oder unsichtbare Mächte das fremde Grab also schmückten.

»Du lieber Gott! Wenn die Neugierigen es hätten wissen können, daß nur die Hand der Liebe, der verwaisten, unglücklichen Liebe am Johannisabend dort opfere, so hätten sie uns wohl ungestört gelassen. Denn, daß ich es Ihnen nur mit einem Male heraussage: ich selbst habe als Kind meine ersten Kränze an jenem Grabe gewunden, und meine Mutter hat mir die Hände dazu gefaltet und gesagt: Marion, bete für Deinen Vater, der da drunter begraben liegt.

»So lange ich meine Mutter kenne, war sie eine bleiche, traurige Frau und trug täglich schwarze Kleider, und wenn sie mich spazieren führte, einen langen, dichten Witwenschleier. Wir wohnten in der Grimmaischen Gasse in einem Hinterhause und hatten nur zwei enge Stübchen inne, deren eines zudem der Mutter noch als Küche diente. Ich aber war desungeachtet ein glückliches Kind und kannte nur den einzigen Kummer, meine Mutter so oft weinen zu sehen.

»Alle Jahre am Johannistage kaufte sie auf dem Markte eine große Menge Blumen ein, Rosen, Nelken, was die Jahreszeit brachte, nur ein Lorbeerzweig durfte niemals fehlen. Daraus wand sie selbst Kränze und lehrte mich deren flechten, und sobald es Abend geworden war – alle Leute strömten dann hinaus auf den großen Kirchhof, um dort die Gräber der eigenen Lieben zu pflegen oder die fremden zu betrachten – so zogen wir auf unbemerkten Pfaden hinaus und hingen unsere Kränze an dem Grabe auf.

»Lange tat ich's, ohne zu wissen, warum, nur weil ich es meine Mutter tun sah, und ich weinte mit ihr kindliche, unverstandene Tränen. Als ich aber acht Jahre alt geworden war und der Johannisabend wiederum herankam, da schloß mich die Mutter auf dem einsamen Grabe inniger als je an's Herz und sagte zu mir unter strömenden Tränen: Marion, Du sollst nun Deiner Mutter Geschichte und Deine eigene kennen lernen, damit Du weißt, wie schwer wir im Leben zu tragen haben. Und wenn Dich die anderen Mädchen in der Schule wieder »Franzosenkind« schelten, so denke Du an das, was Deine Mutter Dir am heutigen Abend und auf dieser Stelle gesagt hat.

»Sie müssen nämlich wissen, Herr Kandidat, als ich ein paar Tage zuvor in die Mädchenschule gebracht worden war und vertrauensvoll anrückte an die kleinen, strickenden, fremden Persönchen, da zogen sie sich scheu und vornehm von mir zurück, und die eine, eine Bäckerstochter, stand auf von meiner Seite und rief ganz laut: »Nein, Madame, bei dem Franzosenkinde will ich nicht sitzen.« Es war nur eine unverständige, eine kindische Kränkung; aber glauben Sie mir, Herr Kandidat, sie blutet noch nach, und ich weiß es, als wär' es erst gestern gewesen, wie ich mit brennendem Kopfe aus der Mädchenschule heimrannte in unser enges Stüblein, um meine Stirn und mein krampfhaftes Schluchzen im Schoße meiner sanft mitweinenden Mutter zu verstecken.

»Und niemals im Leben werde ich es vergessen, wie diese Mutter am heiligen Johannistage mir – gleichsam auf ihrem Golgatha, auf dem Grabe des Fremden – ihre Passionsgeschichte mitteilte.

»Sehen Sie, meine Mutter war das einzige Kind ehrlicher Bürgersleute, die in der Petersvorstadt ein kleines Häuschen und ein noch kleineres Geschäft besaßen. Der Friede wohnte unter ihrem Dache, so lange er überhaupt in der lieben Vaterstadt wohnte. Meine Mutter war einem jungen Büchsenschmied verlobt, und der Zeitpunkt der Hochzeit schon festgesetzt, als die unglücklichen Kriegsjahre auch in dieses stille und beschränkte Leben wie Donnerschläge aus heiterem Himmel heranbrachen. Jedoch hielt die kleine Familie noch fest und treu beisammen, bis am 13. Oktober des verhängnisvollen Jahres Dreizehn ein Feind, ach, und doch ein geliebtester Freund, unter sie trat, der die Kette gewaltsam zerriß.

»Dreizehn, Herr Kandidat, ist eine böse Zahl; meine Mutter hat es erfahren. Merken Sie nur darauf, den dreizehnten Oktober achtzehnhundertunddreizehn.

»Nämlich am Spätabend dieses unruhigen Tages klopfte es mit einem Male an der Stubentüre, während drinnen, in dem kleinen Haus in der Petersvorstadt, die Familie wieder beisammensaß, meine Mutter und ihre Eltern und der Büchsenschmied, alle tiefbekümmert wegen der von allen Seiten heranziehenden Truppenmassen und dem morgenden Tage, wo Napoleon selbst einrücken sollte, bang entgegensehend. Als der Alte herein gerufen hatte, trat ein junger französischer Offizier in die Türe – nein, das hätten Sie meine Mutter sollen erzählen hören mit einem nachglühenden Abendrot auf den bleichen Wangen, wie die große Gestalt sich gebückt, um durch die niedrige Pforte schreiten zu können, und wie das einzige Lichtstümpfchen nur einen halben Schein auf das dunkle Gesicht und auf die hellen Waffen des Eingetretenen geworfen hat! Dieser präsentierte sich nun als Kapitän d'Ermonville vom Generalstabe des Kaisers mit einem Billet, lautend auf den Krämer Willig, Petersvorstadt Nummer 26 A. »Ich bin doch recht hier?« sagte er dazu mit fremder Betonung, aber ungemein sanft und wohllautend. Und während die Hausfrau einen Stuhl mit der Schürze abwischte für den unwillkommenen Gast, fragte der Krämer Willig: »Ist denn Napoleon schon eingerückt?« Worauf der Hauptmann antwortete: »Der Kaiser kommt morgen und nimmt Quartier hier in der Nähe, im Hôtel de Prusse, der Generalstab ist einstweilen in der Petersvorstadt untergebracht worden.« Da nahm der Alte sein Sammtkäppchen von dem Scheitel und faltete es zwischen den dürren Fingern, während der Büchsenschmied finster drein sah und seine Braut am Ärmel zupfte, die den Kapitän mit starren, ängstlichen Augen anblickte.

D'Ermonville war aber der bescheidenste Gast, den man sehen konnte. Er wollte nichts zu Nacht essen, weil es schon spät sei; nur mit Mühe drang ihm die Tochter des Hauses, Karoline, eine Tasse warmen Tee auf. Nun saß der Kapitän mit der Familie um den großen, eichenen Tisch und hatte den beiden Alten sogar den Ehrenplatz im rohrgeflochtenen Kanapee gelassen, um sich zwischen Karolinen und ihrem Bräutigam arglos niederzulassen. Eine Stunde nach der anderen verging, ohne daß es von den Plaudernden vermerkt ward. Der Franzose wußte so viel zu erzählen, die ängstlichen Bürgersleute so schön zu trösten, seine Augen leuchteten, wenn er vom Kaiser sprach und seinem gewissen Siege über die Alliierten, und wie er hernach seinem treuen Freunde, dem Könige von Sachsen, kaiserlich danken würde.

»Um neun Uhr blies man Appell, und eine Ordonnanz rief den Kapitän ab. Er ging hinaus, die Türe fiel hinter ihm, und Karoline seufzte tief auf, als erwache sie aus einem bösen Traume. Der Büchsenschmied schied ebenfalls, mit finsterem Gesicht, seine Braut hastig, fast roh küssend; die Eltern nickten ein auf dem Rohrkanapee, sie allein mußte den heimkehrenden Offizier empfangen, ihn hinaufgeleiten in die einzige Putzstube des Krämerhäuschens, wo die Bilder der Eltern an der großgeblümten Tapete hingen und ein turmhohes Bett mit rotgewürfelten Vorhängen den Fremden bewillkommte. Karoline setzte das Licht auf den Tisch und ging mit einem tiefen Knix; der Fremde geleitete sie aber leuchtend bis an die Treppe, dankte für ihre Mühe, küßte am Ende sogar mit einem höflichen »Gute Nacht, Mademoiselle!« die Hand des einfachen Bürgermädchens. Es war das erste Mal, daß diese an Arbeit und Dienstbarkeit gewöhnte Hand wie eine königliche geküßt wurde. Darum darf es Sie nicht wundern, Herr Kandidat, daß der Kuß tief durch alle Adern und Nerven meiner guten, züchtigen Mutter schauerte, daß sie ihn im Stillen unwillkürlich gegen den despotischen Abschied des Büchsenschmieds hielt, daß sie ihn noch im halben Traume nachfühlte, als sie an der Mutter Seite, hinten im düsteren Alkoven, lange noch wachend und glühend dalag.

»Der vierzehnte Oktober brach an. Mit dem frühesten Tage ging d'Ermonville hinaus, und erst spät am Abend kam er zurück, seine Stirn minder hell als gestern. In seinem Quartier erwartete man ihn ordentlich mit Verlangen, weil die Kanonenschüsse am Tage, das Rennen und Hetzen in der Stadt, die entsetzliche Angst auf allen Gesichtern die Bürgersleute aufs neue beunruhigt hatte. D'Ermonville erzählte, der Kaiser sei mittags von Düben aus in Leipzig eingetroffen und habe sein Hauptquartier in Rendnitz genommen. »Er ist ruhig«, sagte er, »ich habe sein Antlitz gesehen, diese Sonne von Austerlitz. Freunde, warum sollten wir's nicht auch? Unsere Sache ist ja die Eurige!« Er schüttelte dem Krämer die Hand, verneigte sich gegen Mutter und Tochter und ging hinauf. Noch lange hörte ihn Karoline die Stube über ihrem Alkoven mit festen Schritten auf- und abgehen, ihre besten Gedanken waren bei ihm, – arme Mutter! Der Büchsenschmied hatte sich ja auch den ganzen Tag über nicht sehen lassen!

»Ach, lieber Herr Kandidat! Sie kennen ja die Welt, warum soll ich es Ihnen denn weitläufig und peinlich vorerzählen, was sich doch nur empfinden läßt, wie nämlich meine unglückliche Mutter tagtäglich, ja stündlich mit verdoppelter Gewalt sich an den Fremden gezogen fühlte? Sie sah ihn, inmitten glänzender Offiziere, an der Seite des Kaisers selbst vorübersprengen an dem Häuschen in der Petersvorstadt, und fast wäre sie in die Kniee gesunken vor Ehrfurcht, Beschämung oder zitternder Freude, als ihr d'Ermonville von seinem Rosse hernieder mit dem blitzenden Schwerte einen freundlichen Gruß zuwinkte, ihr, die hinter dem engen, vergitterten Ladenfenster stand und nur verstohlen in seine Kriegerherrlichkeit einen Blick werfen wollte. Und nicht wahr, Herr Kandidat, Sie werden auch deswegen nicht den Stein gegen die Unselige aufheben wollen, weil sie dem Büchsenschmied schon versprochen war? Bewußtlos hatte sie ihm die Hand gereicht, weil der Vater es also wollte; was Liebe sei und wie sie zu binden vermöge oder auch zu trennen, das ahnte ja das jungfräuliche Herz nicht eher, als bis d'Ermonvilles Bild groß und glänzend in seinem Spiegel aufleuchtete.

»Nun kamen die Tage des großen Elends, worin das kleine meiner Mutter wie eine Träne, wie ein Blutstropfen in einem ganzen Meere mitschwamm. Der fünfzehnte, der sechzehnte, der siebenzehnte, der achtzehnte Oktober, das sind wohl nur wenig Worte und wenig Stunden; wir gleiten jetzo leicht und nur mit einer allgemeinen Erinnerung darüber hinweg, aber damals, – damals lag eine Welt voll Jammer über der unglücklichen Stadt. Die Wolken, die mit Gewitterschwüle auf ihr gebrütet hatten, entluden sich jetzt, und da war nicht ein Haus, das nicht von ihren Blitzstrahlen getroffen worden wäre. Ich brauche Ihnen aber die Schrecknisse des von allen Seiten heranrückenden Verderbens, die Angst vor Bombardement, Plünderung, Brand, die innere Empörung und Zerrissenheit, die Blutenden und Sterbenden, von denen man nicht wußte, waren sie noch Freunde oder schon Feinde, die Haß und Qual des beginnenden Rückzuges, das alles brauche ich Ihnen nicht zu berichten. Die Weltgeschichte hat diese Szenen aufgenommen; für den Schmerz des Einzelnen findet sie keinen Platz auf ihren Blättern; den also erzähle ich Ihnen.

»Am siebenzehnten abends kam der Büchsenschmied in das Haus des Krämers Willig, bleich, abgerissen, atemlos, ein Gewehr über der Achsel. »Da!« rief er zähneknirschend aus und schleuderte die Waffe auf die Erde; »alles andere haben mir die Hunde genommen, mein Laden ist geplündert, nur den Karabiner hab' ich gerettet. Aber, so soll mich ein Gott im Himmel strafen, wenn ich das Rohr nicht brauche, um so viele von den französischen Halunken wegzublasen, als es einem armen Teufel immer möglich ist! Und einen von ihnen vor allen!« Er warf wütende Blicke auf seine Braut. Karoline bebte, die Mutter weinte, der Vater schwieg, es war ein endloser Jammer.

»Des anderen Tages, oder auch gegen Abend, sollte er noch größer werden. Unter dem Getümmel und Drang in der Petersvorstadt machte sich auch eine Gruppe Bahn zu dem Krämerhause. Es war eine Anzahl Männer, die auf einer Bahre einen Verwundeten trugen. Schläge dröhnten an der verschlossenen Haustüre. Der Alte streckte den Kopf zu dem kleinen Ladenfensterchen hinaus, um zu fragen, wer da sei? Französische Flüche, Befehle, ein leises Röcheln zur Antwort. Karoline unterscheidet den Namen d'Ermonville. Mit einem Angstruf stürzt sie hinaus, reißt den Riegel weg, die Bahre schwankt herein, bleiches, blutendes Gesindel mit, auf ihr ein Körper mit einem von Blut starrenden Soldatenmantel bedeckt. Das Mädchen nimmt die Hülle fort, fällt über die Bahre her, ein Licht aus der Stubentüre beleuchtet zwei totbleiche Gesichter – auf der Bahre lag d'Ermonville, Brust und linken Arm von einer fürchterlich klaffenden Schußwunde zerrissen.

»Liebster Herr Kandidat, Sie können es sich nun wohl denken, wie die Sache verlief. Die Alten wollten, als die Alliierten am neunzehnten eingerückt und die Franzosen teils auf dem Ranstädter Steinweg entflohen, teils in der Elster ertränkt waren, den wunden Kriegsmann als Gefangenen anzeigen, aus dem Hause schaffen, ins Lazarett liefern. Da trat aber meine Mutter dazwischen. »Er bleibt hier, oder ich gehe mit ihm«, so gelobte sie mit einer an ihr nie gekannten Festigkeit, und die Eltern gaben nach, teils aus Liebe zu dem einzigen Kinde, teils aus schneller, mitleidiger Hinneigung an den bescheidenen und liebenswerten Gast. Ein Kämmerlein im Hinterhause, worin sonst der Vater seine Gewürze aufbewahrte, wurde dem Kranken eingeräumt, ein abgelegenes, verschwiegenes Lokal, wo niemand den Leidenden ahnen und an die Sieger verraten konnte. Denn in seinem Wundfieber hatte er mit unnennbarer Angst immer von Gefangenschaft geträumt, ein Los, das ihm furchtbarer zu dünken schien als Tod. Meine Mutter fühlte das heraus und suchte ihn daher vor allem geheim zu halten; nur war es natürlich, daß ihr Bräutigam, der Büchsenschmied, davon wissen mußte. Dem nahm sie aber in einer guten Stunde, gewaltsam fast, einen teuren Eid ab, daß er schweigen wollte.

»Und nun begann die Liebe ihren stillen und heiligen Tempel in dem Hinterstübchen aufzuschlagen, wo der blasse, todwunde Franzose lag, mit verbundenem Arm, die Augen geschlossen, die Lippen trocken, schier ohne ein Zeichen des Lebens. An seinem Schmerzenslager wachte, kniete, betete die deutsche Jungfrau, und ihre Hände übernahmen das mühselige Wärteramt um einen hoffnungslos Hinsiechenden. Ach, verdammen wir das Mädchen nicht, das dem Erbfeind seines Vaterlandes Wunden heilte, während dieser jenem und ihr selbst tiefere schlug; sagen Sie, Herr Kandidat, was wäre denn Liebe oder Christentum, wenn sie nicht die zufälligen Unterschiede der Geburt, des Glaubens, der bürgerlichen Verhältnisse ausgleichen könnten?

»Das alte Ehepaar ließ die Tochter ruhig walten. Nicht so der Büchsenschmied, dem allerdings bei dem Schaffen seiner Braut ein unwillkommenes Licht aufgehen mochte. Deshalb trat er eines Tages oben im Kämmerlein des Kranken selber die Pflegende hart an und verlangte, sie solle weichen vom Bette des Fremdlings. Karoline behauptete ihr Recht und ihre Pflicht zu der Stelle, die sie einnahm. Ein heftiges Wort gab das andere; der Büchsenschmied, hart und heftig, wie er war, bezichtete sie des Treubruches gegen ihn, schleuderte ihr mit bitterem Hohne ihren Ring zu und stürzte fort. Aber in der Türe drehte er sich noch einmal um. »Line«, schrie er, »ich habe dir geschworen, den Kerl nicht zu verraten. Verraten! Hörst du, weiter nichts!«

»Als er hinaus war, fiel meine Mutter an dem Lager des still Geliebten nieder. Sie fühlte sich um eine Zentnerlast leichter, ein lautes, brünstiges Gebet, zur Hälfte Dank, zur Hälfte Bitte, strömte von ihren bebenden Lippen, und Tränen der Wehmut aus dem kraftlosen, überwachten Auge. Wie aber mußte ihr zu Sinne werden, als der Verwundete – sie wähnte ihn schlafend und bewußtlos – sich plötzlich hoch aufrichtete in seinen Kissen und den zerschmetterten Arm wie segnend oder umfassend nach ihr ausstreckte! »Ich habe alles gehört«, flüsterte er mit kaum vernehmbarer Stimme, »Mädchen, Engel!« Und damit sank sein Haupt wieder zurück, und über die bleichen Züge spielte ein sonniges Lächeln.

»D'Ermonville genas. Die Liebe hatte den Tod bezwungen. Seine ersten Schritte aus dem Krämerhause waren – an den Altar, wo die Alten Karolinen und den Franzosen weinend, ob vor Schmerz oder vor Freude, durch Priesters Hand einsegnen sahen. Es geschah dies noch in demselben Winter zu der Zeit, als die Stadt Leipzig – wahrlich nicht zu ihrem Vorteile – unter dem Gouvernement der Alliierten stand. Der Kapitän hatte sich, um seine Verbindung unter allen gesetzmäßigen Formen ins Werk setzen zu können, als Kriegsgefangenen melden müssen, ihm war jedoch die Vergünstigung geworden, bis zu einer Entscheidung seines Schicksals im Hause seiner Schwiegereltern, als Gefangener auf Ehrenwort, verweilen zu dürfen, und die süße Haft, worin ihn dort die Liebe hielt, erleichterte ihm die strenge und verhaßte seiner Sieger um vieles. Der Frieden und das Glück waren unter das niedere Dach wieder eingekehrt; an der Seligkeit der Neuvermählten sonnten sich die Alten, und der Vater ließ es geduldig geschehen, daß sein Kram daniederlag. Sollte doch, sobald der Kapitän seine Freiheit wieder erlangt hätte, das ganze Werk aus freier Hand verkauft und die Familie in d'Ermonvilles Vaterland verpflanzt werden. Kein Blick, kein Wort des Kapitäns deutete eine Unruhe oder gar Reue an über die Beschränkung seines jetzigen Wirkens; das Glück der Liebe füllte ihn ganz aus, und so anspruchslos, so kindlich erschien das Wesen des in den höchsten und bewegtesten Kreisen aufgewachsenen Mannes, als ob er in der Hütte des armen Bürgers seine wahre Heimat wiedergefunden hätte.

»Ach, Herr Kandidat, Sie hätten meine Mutter hören sollen, wenn sie von den Abendstunden erzählte, wo ihr Gemahl sie spielend in der Sprache unterrichtete, die dereinst auch die ihrige werden sollte! Wie da jene Miene in dem früh gealterten, aber edlen, unvergeßlichen Antlitz ihr innerstes Wesen und Leben in jenem kurzen Liebesfrühling bekundete, wie jedes Wort ein Nachhall war aus der seligen Zeit, die ihr das Schicksal mit so kargem Maße zugemessen hatte!

»O meine Mutter, meine arme Mutter! Tausend Grüße an Dich in die Ferne droben!

»Als der Frühling des Jahres Vierzehn ins Land kam, waren des Kapitäns Würfel noch immer nicht gefallen. Eine verzagende Schwermut fing nach und nach an, seine helle Stirn zu umfloren, wenn er der Zukunft gedachte. So wie die alte Kraft in seine Adern zurückkehrte, regte sich auch die Tatenlust des gefesselten Geistes von neuem, das Leben, das draußen um seinen Kerker laute Wellen schlug, bekam neuen Reiz für ihn, er fühlte sich zu sehr Mann, zu sehr Held, zu sehr Franzose, um geduldig in dem Stilleben ausharren zu können, das wohl sein Herz, aber nicht seine elastische Seele befriedigen konnte. Seine Gemahlin ahnte, was in ihm vorging; wie gern hätte sie ihn aus ihren Rosenketten frei gegeben, wenn nur dadurch die ehernen seines Wortes auch gebrochen wären! In der Welt schien unterdes auch der Friede mit dem Frühling wieder heimisch werden zu wollen; die Verbündeten drangen siegreich auf das Herz ihres Feindes los, jede Zeitung war ein Dolchstich für den Franzosen, der – ein angeschmiedeter Prometheus – täglich in seine Fesseln knirschte. Er war, so schien es, vergessen wie ein verlorener Posten, und während über das Schicksal von Gekrönten oder ihren Reichen entschieden wurde, blieb das seinige ungewiß, verhüllt, drückend. So läßt sich erklären, leider nicht, niemals entschuldigen, was er, was mein Vater tat, nein, tun wollte, hätte nicht ein unbarmherziges Geschick schon den schuldigen Willen geahndet wie das Verbrechen selbst.

»Lange hatte er über dem finsteren Plane gebrütet; meine Mutter vermochte nicht oder wagte nicht unmittelbar zwischen ihn und seine Verstimmung zu treten, und die Alten, noch immer an einen gewissen Respekt vor dem vornehmen Schwiegersohn gewöhnt, ließen ihn und sie in allem gewähren. Die Zeitung des elften April brachte seine Pläne zur Reife. Als er den Abschied zu Fontainebleau gelesen, als er den Kaiser, seinen Kaiser gefangen, und in seiner Ansicht wider alles Völkerrecht gefangen wußte, da glaubte er auch sich seines Eides los und ledig, und eine unwiderstehliche Gewalt zog ihn fort in den Käfig des gefangenen Löwen, ihn mit ihm zu teilen oder für ihn zu zerbrechen. Mit Tränen in dem dunklen, schönen Auge stürzte er zu den Füßen meiner Mutter. »Laß mich ziehen, du Einzige!« bat er, »binnen kurzem folgst du mir!«

»Und Karoline lächelte gebrochenen Herzens ihm Gewährung. Sie selbst schaffte Kleider, der Alte Papiere zur Flucht. Am letzten April sollte sie angetreten werden, unscheinbar, erst zu Fuß, nicht des nächsten Weges, sondern auf Umwegen. Alles war bereit.

»Dieser letzte April war ein schöner, sonniger Lenztag. Morgens, als noch die Dämmerung in leisen Schleiern über der Leipziger Ebene lag, brach d'Ermonville auf, zunächst gen Raschwitz hin, um nicht durch die Stadt selbst zu müssen, sondern gleich aus der Petersvorstadt das Freie zu suchen. Seine Frau geleitete ihn trotz aller Widerrede eine Stunde etwan weit. Die Sonne blitzte mit schrägen Strahlen durch den Wald, als er sie umkehren hieß. »Noch eine Viertelstunde!« bat sie und zog ihn nieder in das taufeuchte Gras rechts am Wege. Wortlos lehnte sie an seiner Brust, ihre Augen hingen an den seinigen, ihre Arme umklammerten ihn mit der Kraft der Verzweiflung. »Ehe du gehst«, hauchte sie in sein Herz, »nimm mein letztes Geheimnis: Du verlässest mich als Mutter!« Und entzückt drückte er die Bebende an sich, schwur ihr ewige Treue, küßte, weinte, stammelte, bis sie, das Weib, ihn von sich wies und zur Reise trieb. Er taumelte auf. Noch ein Adieu, und er war im Busche verschwunden.

»Herr Kandidat! Im selben Augenblick kracht ein Schuß. Ein entsetzlicher Schrei trifft das Ohr meiner Mutter, die regungslos, wie Loths Weib in eine Salzsäule von ihren eigenen Tränen gewandelt, in dem morgenroten Walde dasteht. Es raschelt in dem Laube. Meine Mutter schwankt, nein, sie stürzt an die Stelle. Da liegt ihr Geliebter, ihr Gatte, schwimmend in seinem Blute, wie an jenem Abend. Und über ihn beugt sich hohnlachend, den Mörderarm auf seinen letzten Karabiner gestützt, der Büchsenschmied. »Ich treffe besser wie die Preußen!« sagte er eiskalt zu der Ohnmächtigen. »Du heilst ihn nicht wieder.« Er schlich in den Busch. Zurückgewendet ruft er noch einmal: »Du weißt, was ich geschworen. Nicht verraten. Das ist kein Verrat. Es ist nur Strafe für seinen eigenen. Jetzt gehe ich an die Gerichte, um ihn und mich anzugeben.«

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