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Die neuen Argonauten

Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie neuen Argonauten
authorFranz Dingelstedt
year1931
publisherBärenreiter Verlag
addressKassel
titleDie neuen Argonauten
pages3-208
created20040627
sendergerd.bouillon
firstpub1839
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Melpomene

Möge uns aber die freundliche Leserin – sie wird es bei diesen Worten doppelt – verzeihen, wenn die Erzählung, fast ebenso langsam fortschreitend, wie Martins Hoffnung und die meisten anderen hienieden, bis jetzt von dieser Geliebten des Helden noch nichts weiter gebracht hat als den Namen, an vielen Bräuten freilich das beste und dasjenige, mit dessen Verlust sie am meisten aufgeben, zumal wenn sie sonst nichts zu verlieren haben. Die Wahrheit zu gestehen, so warteten wir nur auf einen schicklichen Moment der Verschnaufung und können nunmehr, da Eusebius im Rautenburger Zivilgefängnis geborgen sitzt, mit einem gewaltigen Schritte, der nicht ein Siebenmeilenschritt ist, sondern höchstens ein Vier-, nach Kesselstadt eilen, um das Versäumte auf einmal nachzuholen. Dabei bedauere ich nichts, als daß ich meine Geschichte, statt in die neun epischen Musen-Ausschnitte, nicht vielmehr in die fünf dramatischen Insekten-Kerben zerschnitten habe. Wie würdet ihr jetzt aufschauen und ausrufen und verwunderlich tun, wenn der Vorhang emporrauschte und das Pensionat der Madame Pappel, geborenen Ruthenbusch, mit einem Zauberschlage vor euch stände, bestrahlt von Pfingstlichtern und von frischem Maienduft durchwürzt!

Nämlich dergestalt. Alle Sonnabende war in dem Fräuleinsstifte, wie Madame Pappel ihre Kostschule gern nannte, Tanzstunde. Am Pfingstsonnabend aber war die einfache Lektionspuppe zu einem glänzenden Ballschmetterling ausgekrochen, weil Madame Pappel, aber stillschweigends, den Vetter des Tages sicher erwartete. Und war das nicht ein Scheuern und Plätten und Kratzen und Spülen und Schreien im Hause, daß die Magd, die die Kuchen hereinbrachte, die pfingstlich rauchenden, heftig anrannte gegen eine andere, die den Alltagskehricht hinausschaufelte! Von den Schülerinnen selbst will ich gar nichts sagen, die den Tag über nur den Abend im Kopfe hatten und dafür den geplagten Zeichen- und Sprachmeistern den ihrigen desto heißer machten. Nur Adele – sie stand auf der Brücke zwischen Lehrenden und Lernenden und brachte namentlich diesen bei, was sie besser nicht gewußt hätten – nur Adele war »still und bewegt«. Sie hatte aus einzelnem Wetterleuchten an ihrer Mutter ein heranziehendes Ungewitter längst vermerkt und fürchtete das umso mehr, als sie einen Pulverturm schon lange bei sich trug. Wie konnte es auch anders sein? Hatte nicht Madame Pappel – allein der Leser wird sich ihres Briefes an Eusebius von selber schon erinnern.

Abends glänzte und glühte alles. Von den Polierflecken des Tages, von Lauge und Besen, von allen Brenn- und Bügeleisen war nichts mehr geblieben als der Effekt, das schönste im Leben. Der große Singsaal, sonst auch verwandt zu den Andachtsübungen des Pappelschen Pensionats, war mit Pfingstbüschen lebendig verziert, und unter den Waldkindern standen die Stadtkinder und grünten noch lustiger als jene und lockten und bebten und schimmerten, als ob ein frischer Abendtau in sie herabgefallen wäre.

Nun wollte ich aber, meine Leserin wäre einst in einer Kostschule gewesen. Daß sie noch darin sei, darf ich, leider, kaum annehmen, weil sie sonst nicht diesen Roman lesen würde, sondern schlechtere. Denn nur wer es selbst empfunden hat, wie die ersten Bälle einer Pension wirken, und die Aussicht auf eine ganze Ferienwoche obendrein mit gemeinsamen Spaziergängen, mit Plauderstündchen im Garten und Beobachtungsminuten am Fenster, während die Garde vorbeitrommelt und die Kadettenschule gegenüber Fechtunterricht genießt – ja wahrlich, nur der vermag sich ein Bild, und doch nur ein schwaches, weil ein reflektiertes, zu machen von dem Pfingstsonnabend im Erbauungssaale bei Madame Pappel. Ein Hauptumstand dabei ist, daß die Lehrer – in der Stunde sehen sie grämlich aus und halten gewaltsam auf Autorität – an solchen Abenden auch eingeladen werden und sich wie ordentliche Menschen geberden, mit ihren Schülerinnen essen, trinken, reden, die jüngeren, zum Beispiel der Zeichenmeister, sogar zur Auszeichnung tanzen und gelegentlichen Hof machen.

Weh tut es, mitten aus dem fröhlichen Getümmel, wozu eine Schülerin der Pension immer das taktangebende Orchester bildet, damit der Ball für Fremde zugleich ein Examen in der Musik sei, hinauszuflüchten in ein Erkerstübchen, wo Adele, die Tochter des Hauses, mit einem ältlichen Herrn in eifrigem Gespräche begriffen war. Es ist aber dieser ältliche Herr zu wichtig für den Verlauf unserer Geschichte, als daß wir seine Bekanntschaft nicht so zeitig wie immer möglich suchen sollten. Hatte doch selbst Adele ein Engagement mit einem Leutnant vom Gardejägerbataillon unter dem Vorwande abgelehnt, als müsse sie in der Küche für ihre werten Gäste sorgen, während sie in der Tat nur zu einem Seitentürchen wieder hereinschlüpfte und den bedeutenden Mann geheimnisvoll in das Erkerstübchen winkte.

Bedeutend? Ja! Daß er es war, sah man beim ersten Anblick. Denkt euch ein majestätisch gerötetes Gesicht, dem nur der Neid nachsagen konnte, es sei zu fett, um einem Apollo, und zu ohnmächtig, um einem Faun angehören zu können. Denkt euch als Folie dieses Gesichts – sein Besitzer verdankte ihm in der Pension den Spitznamen »der Geschwollene« – oben ein schwarzes, malerisch unordentliches Haar, nur hier und da mit einer dünnen Lichtung oder einer grauen Tinte angeflogen, und unten eine weiße Pikeekravatte, die ihrerseits wiederum als Folie dienen mußte für eine noch weißere Weste von englischem Leder und einen Jabot, der nicht erst neuerdings wieder in die Mode gekommen war, sondern seit dem Anfange dieses Jahrhunderts bei seinem Träger nicht heraus. Was unterhalb dieser Weste lag, sah der Bedeutende nur selten, teils aus dem bekannten Grunde, weswegen Sir John Falstaff die Farbe seiner Beinkleider nicht mehr zu erkennen vermochte, teils aus einem vom Vogel der Juno erborgten. Gestehen wir es nur mit einem Male: der Bedeutende war an einem Fuße lahm; er ging deshalb stets nur mit seinem Pfefferrohr spazieren, und sein Schritt war (ein fortlaufender, darf man nicht sagen) nein, ein forthinkender, ein jambischer Rhythmus, wozu die angenehm schaukelnde Bewegung des gewichtige Oberkörpers eine poetische Molossenbegleitung abgab. Fügen wir die Sitte des Bedeutenden hinzu, mit einer Hand fortwährend zu schnupfen, mit der anderen abwechselnd das volle und das leere Glas an- oder abzusetzen, so haben wir das geflissentlich und mit vieler Liebe ausgemalte Konterfei des Magister Hudel vollendet.

Wer war der Magister Hudel? Freunde, fragt lieber: wer oder was war er nicht? Lehrer? Ja, er lehrte in dem Pensionat der Madame Pappel Deutsch durch alle Klassen, nämlich zwei, in Sekunda lesen, in Prima schreiben. Dichter? Ja, denn er hatte ein »Panorama von Kesselstadt« geschrieben und – ein noch vollwichtigerer Beweis – er hinkte. Oder haben Tyrtäus, Byron, Walter Scott, Le Sage und – Blumenhagen ohne alle Symbolik gehinkt? Kritiker? Ja, denn er rezensierte alle Bücher, die er geschmiert, und alle Komödianten, die ihn. Ein guter Gesellschafter? Ja, denn er war überall, wo man ihn haben wollte, sogar noch an einigen anderen Orten. Das braucht aber nicht hinzugefügt zu werden, daß er ein gut unterrichteter Mann war, ein Mann, der es morgen wußte, was der Hof in Kesselstadt gestern gespeist hatte, und noch weniger, daß er sich gern jedermann gefällig bewies, der seinen Geist mit Fleisch – im eigentlichsten Sinne – sei es Kalbs- oder Rindfleisch samt dem zugehörigen Trank aufzuwiegen verstand.

Fürwahr, es könnte uns in der Nähe des Bedeutenden bange werden um Adelens Gemütsruhe, wenn wir nicht das gesetzte Alter und den über allem Verdachte schwebenden, würdigen Charakter ihres Gesellschafters bedächten. Auch schien er im heimlichen Zwiegespräch mit Adelen in der Tat mehr der Flasche, die sie ihm vorgesetzt, als der unruhig Fragenden selbst seine Aufmerksamkeit zuzuwenden.

»Hat Ihnen«, so forschte Adele, »meine Mutter noch nichts Näheres mitgeteilt?«

»Nichts, mein teures Fräulein«, war die Antwort des Magisters. »Daß etwas im Werke ist, scheint mir aber nur zu sicher.« Hier trank der Bedeutende. »Heute morgen, als ich in der Sekunda meine Handschmitzen austeilte wegen Zerstreuung, hörte ich« – hier schnupfte der Bedeutende – »wie die Frau Mutter auf dem Gange ihre Zofe instruierten, sie solle auf der Post anfragen, ob – allein weiter konnte ich nichts verstehen, weil die Mädchen in der Stube zu laut wurden.« Hier trank und schnupfte der Bedeutende.

»Und von – von ihm haben Sie mir auch nichts zu sagen?« Adele schlug die verschmitzten, braunen Augen zu Boden und schenkte dem schmunzelnden Gewissensrate ein.

»Mein Freund«, entgegnete dieser schlürfend, »ist trostlos bei dem Gedanken, Sie das wahrscheinliche Eigentum eines anderen zu wissen. Seien Sie fest überzeugt, daß er und ich es bis zum Äußersten treiben werden, um die Verbindung, falls wirklich eine solche für Sie in Perspektive steht, zu hintertreiben.« Trinken und Schnupfen.

»Daß es doch möglich gewesen wäre, ihn heute abend einzuladen!« seufzte die Bedrängte. »Allein Sie glauben nicht, Herr Magister, wie vorsichtig und wie mißtrauisch die Mutter geworden ist, seit sie mich einmal in einer Unterhaltung mit ihm belauscht hat. Kaum daß ich ihn täglich vorbeigehen sehen kann, so aufmerksam ist sie auf mich, und wenn Sie nicht wären, mein guter, mein lieber Herr Magister« –.

Der Geschmeichelte verbeugte sich und flüsterte: »Nur Mut, Adelchen! In die nächste deutsche Stunde bringe ich Ihnen ein Brieflein von ihm mit. Ich lege es, wie gewöhnlich, in Ihr Heft, und hüten Sie sich nur, es sogleich vor den anderen Schülerinnen aufzumachen in Ihrer Hastigkeit, wie neulich einmal!«

Adele lächelte. »Ach!« sagte sie, »es hat ja keine gemerkt. Und wenn auch, meinen Sie, die Mädchen verrieten mich? Sie halten große Stücke auf mich, und dann müssen Sie ja nicht denken, daß ich nicht auch einmal ein Auge für sie zudrücken müßte. Lieber Herr Magister, Sie unterrichten nun schon so lange in unserem Hause; Ihnen kann ja das gar kein Geheimnis mehr sein, daß jedes Mädchen, sobald es in die erste Klasse kommt, eine kleine Herzensangelegenheit haben muß.«

Die Tochter der Madame Pappel ward in demselben Augenblicke abgerufen und damit ihren vertraulichen Mitteilungen an den Magister ein Ziel gesetzt. Der letztere blickte ihr schmunzelnd nach und sprach zu sich selbst, indem er eigenhändig sein Glas noch einmal füllte: »Das kleine Ding ist Feuer und Flamme für den Höcker. Wäre ja auch trostlos, wenn sie am Ende einem Vetter vom Lande, wie sie selbst andeutete, anheimfiele. Trostlos auch für mich. Das Pappelsche Haus ist ein sehr angenehmes« – er trank und schnupfte sehr – »und Adele hält mich allein. Bleibt sie bei uns, gibt es später bei Freund Höcker ein angenehmes Haus mehr, und zwar eines, das mir in dankbarer Erinnerung an meine geleisteten Dienste zu jeder Zeit offen stehen muß. Mit ihr hingegen muß auch ich aus dem Hause, da Madame Pappel« –

Das Selbstgespräch des Magisters verlor sich hier in ein so anhaltendes Trinken, daß er bald hierauf sich gemüßigt fand, die Flasche als caput mortuum hinter den Fenstervorhang zu schieben und sich in den Tanzsaal zurückzubegeben. Wer ihn aber an seinem Pfefferrohr so über den glatten Parkettboden hinjambisieren sah, den gewichtigen, würdigen Mann, wie er hier und da einer kichernden oder glühenden Schülerin ein Wort zuwandte und dann wiederum mit den zum Tanz kommandierten Kadetten sich leutselig unterhielt und zuletzt, fast gleichzeitig und allzeitig, mit den Lehrern ein kollegialisches Glas leerte: der hätte wohl schwerlich in der Ehrfurcht gebietenden Gestalt einen leichtfertigen Postillon d'amour für eine junge Pensionärin vermutet.

Ich zerstöre aber unbesonnen allen Reiz des Geheimnisvollen, indem ich meinen Lesern – möchten sie wißbegierige sein! – die noch hinter den Kulissen verborgene Person des »Er« von Adelen herausziehe und sie in ganzer Bürgerlichkeit als Statisten auf die Szene stelle, noch ehe sie in die Handlung selbst eingreift.

Adelens »Er« oder der »Höcker« des Magisters war seines Zeichens Kompagniewundarzt, dem aber auch die Erlaubnis allergnädigst erteilt worden war, außer dem Militär sich Praxis suchen zu dürfen, freilich nur chirurgische. Es ist mit solchen Konzessionen heuer ein eigenes Ding; im Grunde sind sie nichts mehr als die Vergünstigung, auf etwas zu warten, was niemals oder doch zu spät eintrifft. Ein Wundarzt vollends, und ein Militärwundarzt in einer Residenz! Das Militär braucht natürlich, dank dem enropäischen Gleichgewicht, keinen Wundarzt, außer zur Mannöverzeit. Im Zivil kann auch nur weniges an Wunden geschlagen werden, da die Polizei in der Residenz zu tadellos ist, als daß sie wohltätige Pflasterbrüche oder befruchtende Prügelregen auf die dürren Expektanzen eines Kompagnie-Chirurgus herniederfallen ließe.

Höcker machte die traurige Erfahrung an sich, und erst sein alter Freund, der Magister Hudel, brachte ihn auf den glücklichen Gedanken, da es mit dem Wundenheilen so schlechten Fortgang hatte, es lieber einmal mit dem Wundenschlagen zu versuchen. »Eine gute Partie kann Dir allein aufhelfen«, sagte Hudel, verschwieg aber dabei, daß er sich eigentlich meinte und in freundschaftliche Parenthese setzte, und beide begaben sich auf die Reise, zunächst freilich nur auf die Straßen der Residenz. Dabei stand den Freunden eines im Wege, ein gleiches, wenn schon aus entgegengesetzten Quellen fließendes Leid. Hudel konnte keine Schüler mehr finden, weil er sich zu viel von den Schauspielern hatte bewirten lassen, und Höcker kein Mädchen, weil er seinerseits die Schauspielerinnen zu eifrig bewirtet hatte, sei es auch, in Ermangelung eines materielleren Elements, nur mit Süßigkeiten, die er ebenso gewandt aus aufgelesenen Läpplein Fremder zu zupfen verstand wie Charpie. Man weiß ja, wie das in einer großen, nämlich kleinen Residenz zu gehen pflegt. Man schätzt die Kunst gewaltig hoch, und bei Leibe darf ein monatliches Abonnement in den ersten Ranglogen aus dem häuslichen Budget nicht gestrichen werden, sollten selbst näher liegende Artikel – exempla odiosa! – darüber wegfallen müssen. Allein mit den Künstlern selbst, zumal mit den Künstlerinnen, und aber zumal, wenn diese hübsch sind, hält man es minder hoch, und vielleicht würden diese am liebsten aus aller Gesellschaft verbannt, könnte man nicht hier und da ihr bißchen Talent als billiges Schaugericht mit auf die festlichen Tafeln setzen. Es ist niederschlagend, ihr Helden und ihr Liebhaberinnen von den Brettern, aber fragt euch selbst, ob es darum minder wahr ist?

Höcker machte, großstädtischer Freigeist wie er war, eine rühmliche Ausnahme von diesem Kaltsinn gegen das priesterliche Personal der Kunst. Er räucherte diesem so öffentlich, daß der Dampf den Männlein und den Fräulein von Kesselstadt empfindlich in die feinen Nasen stieg und daß sie die letzteren einhellig rümpften, wenn Hudel wiederum mit einem Schauspieler auf die Erholung kam, oder wenn Höcker wiederum einer Kammersängerin unter den Linden den Schal nachtrug. Was Wunder, daß sie von den beiden, in so profaner Nähe Gesehenen ihre Kinder weder durch die Schule noch durchs Leben geleiten lassen wollten, ja sich selber nicht einmal mehr durch die Stadt, wenn es Tag war?

Immer beschränkter und immer unfruchtbarer wurde das Terrain, das Höcker auf Freiersfüßen, also im Daktylustakt, Hudel in edler Freundeswärme und in unveränderlichem Jambenschritt durchwandelten. Je mehr Hudel durch fremde Wasser oder Weine an seinen sterblichen Leib anschwemmen ließ, desto mehr riß von Höckers wundärztlichem Menschen der tägliche Gram, des Exerzierens und der Werbungen nicht zu gedenken, herunter. Hudels Antlitz strahlte wie ein Vollmond, aber ein roter; Höcker stand dagegen im letzten Viertel, ebenso bleich, ebenso schmachtend, schier ebenso fahl wie dieses.

Ein Zufall, wenn es im Leben außerordentlicher Menschen einen Zufall gibt, führte endlich Höcker auf die rechte Spur. Einem Rate seines geprüften Freundes folgend, war er in die Vorstadt gezogen, um dort ungestörter an einem großen wissenschaftlichen Werke »Die Radikalkur der Leichdörner« zu arbeiten. Die böse Welt sagte ihm nach, er habe ertrinkend nach der Schreibfeder, wie andere nach einem Strohhalm, gegriffen, was für unsere Geschichte aber gänzlich bedeutungslos bleibt. Sicher ist, daß er mit dieser Wanderung in die Vorstadt – alle inneren Viertel waren bereits abgegrast – sich plötzlich am Ziele, eigentlich seinem Ziele gegenüber sah, nämlich dem Pensionat der Madame Pappel. Überraschte es ihn doch fast freudig-schreckhaft, als er am ersten Morgen aus dem Fenster heraussah und hinter dem nächstgegenüberliegenden Adelens braunes Lockenhaupt mit dem hinüberblitzenden Augenpaare gewahrte! Er kannte Adele, hatte aber nicht an sie gedacht, vielleicht nur, weil sie in der Vorstadt wohnte, und jetzt, als er das wohleingerichtete Haus mit den dunkelroten Gardinen und den grünen Blumenbrettern und den messingenen Vogelbauern am Fenster mit einem Male vor sich stehen sah – selbst ein Barometer fehlte nicht, um einen hohen Grad des Wohlstandes drinnen symbolisch anzudeuten – da war es ihm schier, als sei er aus einem Traum erwacht und sehe nun den Feenpalast leibhaftig vor sich, worin die Bezauberte fest schliefe, seiner Ankunft und der Erlösung durch ihn gewärtig. Viel fehlte nicht, so wäre er – wie Archimedes aus dem Bade – mitten aus seinem Luftschloß, dem Spiel und Spiegelbilde des Pensionats gegenüber, herausgesprungen, um seinem teilnehmenden Magister mit frohlockendem »Heureka« in die Arme zu fallen.

Es kann unmöglich im Plane dieses Werkes liegen, den neu angesponnenen Roman in den lustig fortlaufenden nachträglich einzuschlagen. Begnügen wir uns zu berichten, wie Höcker erst eine Woche lang am Fenster gesessen und mit sprechenden Blicken, gleichsam Fäden zum Spinnennetz, sein schnell aufmerkendes Gegenüber an sich herangezogen. Adele besaß Augen; wie konnte es auch anders sein? Hatte nicht – der Leser besinne sich nochmals auf den mütterlichen Panegyrikus in dem Sendschreiben an Eusebium! Hernach ließ es sich Höcker angelegen sein, täglich in seiner Paradeuniform unter dem fraglichen Fenster wie eine Bachstelze umherzuhüpfen. Er war in seiner Zentaurenqualität doppelt gefährlich. Von dem Offizier borgte er die glänzende Schale, bis auf die allen Zivilisten abgeschnittene, unwiderstehliche Leimrute der Weiber, den Schnurrbart, von dem angehenden Arzte aber den anziehenden Kern, eine seltene Feinheit der Manieren – er schneuzte sich zum Beispiel immer nur abgewendeten Antlitzes – und eine gewisse rätselhafte Schwermut, wie sie nicht nur allen Übergangsmenschen eigen ist, sondern selbst den Übergangstieren, den Hirschen, wenn die das erste Geweih abwerfen, den Vögeln in der Mauser, den Referendaren und allerlei Adjunkten ja ohnehin. Das aber waren nur kleine Mittelchen aus dem Not und Hilfsbüchlein aller jungen Ärzte, daß sich Höcker einen unverwüstlichen Schellenzug mit einem großen Blechschilde anlegte und regelmäßig einmal des Nachts nicht sich damit wecken ließ – er wachte von selber und weckte sogar – sondern sein Gegenüber. Wie leicht ihm dies gelang, sieht jeder ein, der sich besinnt, wie leise in einer Mädchenpension geschlafen wird. Endlich wollen wir es ihm auch nicht als absichtlich anrechnen, wenn er zuweilen in der Haustüre noch ein Rezept in sein grünsaffianes Notizbuch schob oder über die Straße kaute, gleichsam vom warmen Frühstück zur Unzeit abberufen, oder selbst leise mit sich selber redete, Stirnfalten schlug, nachdenklich schien, bis er sich besann, daß er unter Adelens Fenster sich besinnen müsse und sein Regenantlitz aufklären und einen sonnigen Gruß hinaufschleudern.

Vier Wochen lang blieb sie »immer grünend«, diese Frühlingsliebe. Allein Höcker hatte einen viel zu praktischen Sinn, um nicht allmählich auch Früchte von ihr zu verlangen. Hudel mußte als Pont-levis dienen in das Pensionat; über seinen Leichnam wollte der Freund in das Paradies eingehen.

Hudel schwärzte denn auch wirklich unter dem Magistermantel die Arzneikunde im Pensionat ein, erst als Offizinalpflanze für Leiden des Körpers, die Adele, oft plötzlich und zu ganz ungewöhnlichen Stunden, verspürte, hernach als Spezifikum gegen tiefer liegende Schmerzen, die freilich vom Heilenden selbst ausgegangen waren. Daß Adele Augen besaß und ein sehr entwickeltes Gefühlsvermögen, ist schon erwähnt worden; alles andere braucht aber eben deswegen nicht weiter erwähnt zu werden.

Madame Pappel besaß aber ebenso gute Augen, wo nicht bessere als ihr Töchterlein. Wie konnte es auch anders sein? War sie nicht selbst jung gewesen, ja, wenn man ihrer Toilette Glauben schenkte, war sie es nicht noch? Und stand sie nicht seit zwölf Jahren an der Spitze ihres glorreich blühenden Institutes, einer früheren Wirksamkeit als Gouvernante und ihrer allerfrühesten als Wirtschafterin eines adeligen Junggesellen nicht einmal zu gedenken? Madame Pappel wußte gar bald, worauf die Experimente des Chirurgus abzweckten, nämlich auf mehr als eine Wahlverwandtschaft mit ihrem Hause; sie hatte den chemischen Laboranten ihrerseits auch auf ihre Wage genommen, und sein spezifisches Gewicht war viel zu leicht befunden worden, schier in lauter Minusgrößen bestehend, als daß sie seinen Absichten ein mütterliches Gehör hätte geben können. Auch hatte Madame Pappel schon ihre eigenen Pläne, worin sie jene Verdrießlichkeit – Höcker nämlich – störte; sie bedurfte selbst eines Fundaments für ihr Haus, so glänzend und so hoch es auch emporzustreben schien, und darum hätte sie gern einen reichen und zugleich dankbaren Schwiegersohn als Ballast in das Mädchen-Transportschiff geworfen. Einen solchen dachte sie in dem Vetter Trenttelfuß gefunden zu haben. Gewöhnlich meinen vornehme Leute in der Hauptstadt, die lieben Anverwandten in der Provinz müßten hinter ihren Rosinendüten, Pfefferwagen, Schafhürden, Branntweinskolben u. s. w. ganze Goldbarren aufhäufen, und sie die Verpflichtung übernehmen, jene fließend zu machen und als gediegene Folie mit ihrem Flitterglanz zu verschmelzen.

Seltsamer Irrtum, der in dreifacher Verschlingung hier spielte! Höcker wollte sich an dem Sprößling der Pappel einen Nahrungszweig beipfropfen, und Eusebius griff nach demselben, um ihn als Notmast in seinem Schnellsegler aufzustecken, bevor dieser gänzlich unterginge. Madame Pappel aber schätzte nur jenen Bewerber recht, das heißt gar nicht, und diesen falsch, darum sehr hoch. Sie löste deshalb alle sichtbaren Fäden, die Höcker und Hudel mitsammen spannen, wie eine »sinnige Penelopeia« wieder auf und zog aus glücklicher Beschränkung den Helden dieser Geschichte auf die gefährliche Bühne, von der wir ihn nur eine Weile lang abtreten sahen, um später mit desto größerem Interesse zu ihm zurückzukehren.

Daß ihn aber doch unsere Leser mit gleicher Ungeduld erwarten möchten als Madame Pappel! Der pünktliche Mann hatte ihr Stunde und Minute seiner Abreise, nur nicht deren Art und Weise, die er als Überraschung aufhob, mitgeteilt. Demgemäß rechnete die Schwiegermutter sicher darauf, den Verheißenen am Abend desselben Tages, als er ausgefahren, in Kesselstadt bewillkommnen zu können. Sie sandte einen Getreuen zu seinem Empfang auf den Posthof, allein vergebens. Sie begriff das nicht, wir aber um so besser, als wir Eusebius an jenem ersten Abend teilnehmend wieder an die Kartoffeltöpfe der Frau Schleichlein zurückgeleitet haben. Ein zweiter Tag kam, mit ihm kein Eusebius. Ein dritter, der Pfingstsonntag, kam abermals und mit ihm abends einer der längst geladenen Gäste nach dem anderen, aber kein Eusebius. Wir selbst vermögen es der bekümmerten Witwe im Augenblick nicht einmal zu sagen, wo sich jener befand, da wir ihn am Vorabend auf der Hauptwache zu Rautenburg bekümmert verlassen haben. Ach, in diese Höhle des Löwen führen gar viele Fußtritte, aber heraus? –

Tiefer beugte sich das respektable Haupt der Harrenden mit jeder Minute, die ihr nicht den Ersehnten, sondern nur einen neuen Esser zuführte. Ein Dichter würde sie einer vom Winde geschaukelten, vom Regen niedergedrückten Pappel verglichen haben, zugleich in deutsamer Anspielung auf ihren Namen, natürlich mit einer Silberpappel. Alle gesellige Heiterkeit wich von ihrer Stirn, und kaum vermochte die feine Frau sich so weit zu beherrschen, um ihr Geheimnis oder mindestens ihre tiefe Verstimmung den versammelten Gästen zu verhehlen. Sie dankte Gott, als lange nach Mitternacht das letzte Paar – begreiflicherweise der Magister Hudel und ein Sekondeleutnant – Arm in Arm aus der Haustüre schwankten. Ihre Schülerinnen suchten erschöpft das Lager. Selbst Adele lag anscheinend bald in einem tiefen Schlummer, als ihre Mutter noch unruhig umherwanderte, hier eine Kommode aufschloß und dort einen Schrank zu, Wäsche notierte, Stühle prüfte u. s. w. u. s. w.

Adele sah mit klopfendem Herzen dem Treiben der Mutter durch die blinzelnden Äuglein zu. Eine heiße Beklemmung sagte es ihr, daß die späte Musterung nicht ohne einigen Bezug auf sie sei. Es war ihre sorgfältig zusammengetragene Aussteuer, die Madame Pappel noch einmal prüfend durchsah. Dort lag das blendende Weißzeug, in den Mustern nur etwas bunt, weil es eine Sammlung von vieljährigen Reliquien dankbarer Pensionärinnen darstellte, die bei ihrem Eintritt in das Haus Tisch- und Bettzeug mitbringen mußten, aber weder während ihres Aufenthaltes in diesem, noch bei dem ohnehin herzbrechenden Abschiede mit zerstreuender Sorge um ihr Eigentum behelligt wurden. In jenem Schranke hing die Garderobe, ebenfalls aus verschiedenen Jahrgängen der eigenen und fremden Bekleidung wie ein kostbares Bücherantiquariat zusammengestellt, teils Prachtausgaben, wie ihrer Mutter Brautgewand, zeitgemäß verändert, und der eigene Konfirmieranzug, teils leinene, Schulbücher zum täglichen Gebrauch. Alles das, selbst die eigentliche Bibliothek, womit man die Bildung des Hauses um so schlagender dokumentieren konnte, als alle Werke, namentlich die englischen, sehr gut erhalten waren und den frischen Kleisterduft ihrer deutschen Abstammung noch ungeschwächt an sich trugen. Alles das ward von Madame Pappel noch einmal unter vielen Seufzern gesehen, gezeichnet, gezählt, während Adele schlaflos und mit klopfender Brust aus ihren zusammengepreßten Kissen herauslugte.

Endlich erlosch das mütterliche Licht, und in demselben Augenblicke klang drüben hell und heftig die Schelle des Wundarztes. Könnte nun ein Mägdlein sanfter in den Schlaf geläutet werden als also? Ihre letzten, verschwimmenden Gedanken zogen doch zu ihm hinüber, den sie ja jetzt auch einsam wachend denken mußte, vielleicht hinauswandelnd in die Nacht an das Bett eines Leidenden, um als Engel daran zu erscheinen. Stand er doch auch, bekleidet von einem gaukelnden Traume, an dem ihrigen und beugte sich sanft über sie, um Schlaf auf ihre schweren Augenlider und Frieden über den mählich sanfter atmenden Busen zu hauchen.

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