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Die neuen Argonauten

Franz Dingelstedt: Die neuen Argonauten - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie neuen Argonauten
authorFranz Dingelstedt
year1931
publisherBärenreiter Verlag
addressKassel
titleDie neuen Argonauten
pages3-208
created20040627
sendergerd.bouillon
firstpub1839
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Euterpe

Die Sonne des fünfzehnten Mais schien schon hell und hoch in die Pomeranzenstraße hinein, als Herr Eusebius Trenttelfuß, einen Staubmantel von grauem Steifleinen über dem »Schönfahrsegel« und einen echten Bambus in der Rechten über die Schwelle seines Hauses schritt, von der lautweinenden und leise segnenden Frau Schleichlein bis an das nächste Nachbarhaus begleitet. Hinter ihm drein wankte der Lehrling, die Hutschachtel mit dem neu aufgelegten Seidenhasen unter dem Arme, und voran trugen zwei Gersfelder Eckensteher den Seehund. Eben schlug es sechs von den zwei Kirchtürmen der Stadt, und der Kuhhirt, der blasend seine Herde austrieb, begrüßte ehrfurchtsvoll den vorüberwandelnden Marktmeister. »Adieu Herrmes«, dankte dieser leutselig, »ich gehe nach Kesselstadt«, und dem Rentereigehilfen, der mit seiner Morgenpfeife aus dem Fenster sah, sagte er ebenfalls: »ich gehe nach Kesselstadt«, und den Armenschullehrer, der die erste Riege Waisenknaben unter die Pumpe am Marktplatze führte zum Morgenopfer, fragte er ebenfalls, ob er etwas nach Kesselstadt zu bestellen hätte?

Unfern der großen Dulfebrücke, etwa an hundert Schritte oberhalb der Stadt, lag Martins Bock vor Anker. Um sechs sollte abgefahren werden, und der pünktliche Marktmeister verdoppelte ängstlich, ob er auch nicht zu spät käme, seine und des Lehrlings Schritte. Zuspätkommen ist jedenfalls ein großes Unglück, um so größer, als es gewöhnlich lächerlich macht; allein Zufrühkommen ist das größte, weil das Warten nicht nur lächerlich, sondern ärgerlich obendrein macht, und man dessen Ende nicht wohl abmessen kann.

Armer Eusebius! du solltest das heute bitter erfahren! Und wäre deine treue Margaretha bei dir gewesen, sie hätte dich nimmermehr ziehen lassen, als du auf dem Brette, das vom Landungsplatze auf das Schiff führte, einen Fehltritt tatest und um's Haar, ein anderer Fiesko, in die Tiefe gestürzt wärest, wenn dir nicht Martin mit einem treuherzigen »Glück auf die Fahrt, Herr Marktmeister!« die breite Hand hingehalten hätte. Aber nicht aus Ungeschick stolperte Eusebius, sondern aus übergroßer Vorsicht. Er hatte gelesen, wie man auf Schiffen einen schwankenden und wiegenden Gang annehmen müsse, um mit dem rhythmischen Schaukeln der Wellen Takt zu halten; das brachte er nur einige Minuten zu früh an und besann sich erst, – denn der Unfall hatte ihn doch erschreckt, – als er leichtfüßig die Treppe hinuntersprang in den untersten Schiffsraum.

Aber, wie entzückte ihn nicht alles in den neuen und doch so wohlbekannten Umgebungen! Er erkannte gleich das Steuerruder am Hinterteile des Schiffes – Backbord nannte es seine kundige Zunge, – und die Tauenden, die auf dem Deck umherlagen, und die Schaufeln zum Kielhohlen; nur die langen Stangen, womit Martin und sein Palinurus das Schiff weiter stießen, nahm er im Feuer des Enthusiasmus für Enterhaken und fragte, wie sie auf ein Kauffahrteischiff kämen? Mit einem Seufzer vermißte er Segel und Hauptmast; jene, meinte er, würden sich wohl im Laufe des Tages noch aufreffen, allein dieser – war er gekappt, gelegt, oder wo stand er? Sein Auge suchte vergebens dessen Stelle.

Während sich der Seeheld, der, obgleich Marktmeister in Gersfeld, noch niemals einen Bock in so beschaulicher Nähe genossen hatte, auf diese Weise orientierte, hatten seine Leute den Koffer im Schiffsraum untergebracht; das Subjekt stellte die Hutschachtel wehmütig nieder, und alle drei schieden mit einem frommen Wunsche für den Marktmeister und seine Reise.

Eusebius wähnte sich nun allein. Ein Gefühl von Freude, jedoch mit leiser Beimischung von Schmerz, durchbebte seine empfindsame Seele, als er die gute Stadt Gersfeld im blanken Morgenstrahl so daliegen sah und unter den emporwirbelnden Rauchsäulen die seines Schnellseglers noch einmal zu erkennen glaubte, eine, die er so bald nicht wieder sehen sollte. Gute und denkende Menschen ergreift immer eine süße Wehmut, wenn sie eine Reise antreten; aber selbst große, über den gewöhnlichen Begriffs- und Gefühlskreis erhabene Männer vermögen sich bei solchen Anlässen ihrer nicht immer zu erwehren, wie uns das Beispiel des Marktmeisters auf das Überzeugendste kundtut. Ihn weckte aus seinen Vorträumen – oder waren es Erinnerungen, die wie Möven heim nach dem Schnellsegler zogen, und Befürchtungen, wie es mit dem Geschäft werden würde, wenn das Auge des Herrn nicht mehr überall leuchtete –, ihn weckte die Stimme Martins des Schiffers, der ihm anempfahl, solange in die Kajüte einzutreten, bis sie »das bißchen Frucht« noch in den Raum geladen hätten; dort sollte er auch Gesellschaft finden.

Gebückten Hauptes trat er in die niedrige Tür unter dem Verdeck und sah sich in dem Raume, den Martin seine Kajüte nannte. Ein enges, winkeliges Behältnis, sehr niedrig, sehr dunkel, sehr schmutzig, empfing ihn. Darin standen eine erkleckliche Anzahl verpackter Stühle, Schränke und Tische, einzelne Körbe und Ballen, Hausgeräte und Kessel, Eimer, Töpfe, kurz ein ganzes bewegliches Bürgerfamilienvermögen. Auf den wenigen Inseln unter diesem Klippenmeere hatten sich in drei verschiedenen Winkeln drei Personen niedergelassen, die bei Eusebius Ankunft ihn alle mit der Frage anfuhren, ob es denn noch nicht »losginge«? Er wußte nicht, wem er zuerst antworten sollte, ob der hübschen blauäugigen Jungfer, die auf einem großen Kasten saß, oder der Madame, die, ein Kind auf dem Schoße und ein größeres an der Hand, die ganze Hälfte des noch freien Raumes in Beschlag genommen hatte, oder endlich dem jungen, schwarz gekleideten Mann in Gamaschen, der an dem einzigen Fensterlein Posto faßte und von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Fläche der Wasser draußen warf.

Eusebius wünschte allen dreien einen guten Morgen, was unter solchen Umständen und Umgebungen aus einem minder ehrwürdigen Munde wie eine rechte Ironie hätte lauten können. Zugleich setzte er seine Hutschachtel auf einen der umherstehenden Tische, zog sie aber sofort wieder zurück, als die Madame ihm, halb bittend, halb warnend zurief: »Nehmen Sie sich in acht, das sind meine Mahagonimöbel!« Er barg seinen Filz demütig unter einer Bank und fragte, ob man schon lange gewartet habe? »Ich bin seit fünf hier«, antwortete die Madame, das Mädchen erwiderte gar nichts, wenn man einen kaum vernehmbaren Seufzer nicht rechnen mochte, der Mann sagte gleichmütig: »Zwei Stunden, lieber Herr!«

Eusebius versuchte einen Blick gen Himmel zu werfen, gelangte aber nur bis an die niedrige Kajütendecke und setzte sich erwartend in die dunkelste Ecke nieder. Es trat nunmehr ein langes und tiefes Schweigen ein, nur unterbrochen durch verworrene Töne von Kornsäcken draußen, von Kinderstimmen drinnen. Eusebius benutzte diese Pause, um mit seiner Reisegesellschaft eine einseitige Bekanntschaft anzuknüpfen.

Das Mädchen saß noch immer unverändert auf seinem Kasten, der wie ein Schiff im Schiffe aussah, und blickte starr vor sich nieder. Eusebius fand, sie habe schöne blaue Augen und eine angenehme Gestalt, die aber in dem grauen Reisekleidchen und unter dem vielfach verbogenen Strohhut nicht eben zum besten herausgehoben wurde. Der Mann am Fenster trug einen abgeschabten schwarzen Rock und Beinkleider von gleicher Farbe, womöglich aber noch schlechterer Qualität; seiner grauen Gamaschen ist schon Erwähnung geschehen, nicht aber des Dachsränzleins, das neben ihm auf der Erde lag, und des Hutes, der Eusebius an den eigenen gemahnte, als dieser noch unverbessert im Kleiderschranke lag. Die Madame mit ihren Kindern war eine Madame mit Kindern, die dem Beobachtenden gleich bekannt vorkam, obschon er gewiß wußte, sie nirgends gesehen zu haben.

Als Herr Trenttelfuß warm in der Kajüte geworden war, was gar nicht lange dauerte, glaubte er, seinen Pflichten als Galant-homme nachkommen und eine gebildete Unterhaltung einfädeln zu müssen. Er griff also mit den Worten: »Nun wollen wir doch einmal sehen, wohin unser Kompaß weist«, schalkhaft in die Busentasche des steifleinenen Staubhemdes und brachte seine Dose aus Kartoffeln hervor. »Beliebt's den Herrschaften?« fuhr er höflich fort, der Madame zuerst darreichend; sie dankte aber, und nur ihr Söhnlein griff munter in die braune Masse hinein und warf sie auf die Erde. Da aber die Mutter verlegen lächelte, lächelte Eusebius verlegener mit, obwohl ihm das Herz blutete. Es war Rappé, den er selbst kaufen mußte und sonst nur bei besonderen Fällen, Magenverhärtung z. B. oder Kindtaufsschmäußen oder Burgemeisterswahlen zu führen pflegte. Der junge Mann dankte, nahm, nieste und dankte wieder, weil ihm Eusebius ein verbindliches »Zur Gesundheit« zugab, und die Blauäugige dankte bloß, mit sehr leiser Stimme und über die Wangen bis tief hinab an das runde Kinn hoch errötend.

Durch das Niesen und Danken war nun eine gute Bahn gebrochen zwischen den beiden Männern, die Eusebius auch gleich mit seiner Feldherrntaktik verfolgte.

»Sie reisen wohl nach Rautenburg?« fragte er.

»Sie verzeihen, ich gehe nach Kesselstadt.«

»Ganz mit bis Kesselstadt? Ganz mit? So, so! das ist ja sehr angenehm. Da sind wir Reisegefährten. Ich reise auch mit bis ganz hin.«

»Freut mich zu vernehmen!«

»Sie machen wohl in Etwas? Gewiß in Leinen? Haben große und schwere Proben, daß Sie –«

»Verzeihung, mein Herr, ich bin nicht Kaufmann.«

»O bitte recht sehr, man braucht just nicht Kaufmann zu sein und kann doch ein ganz honetter Mensch sein. Ich bin Kaufmann, eigene Firma, Material und Schnittwaren.«

Der Fremde sagte höflich, er hätte das schon von dem Schiffer gehört, und sah wieder zum Fenster hinaus. Eusebius wandte sich an die Blauäugige und fragte, aber mit einer ganz neuen Betonung:

»Sie reisen wohl nach Rautenburg?«

Die leise Stimme antwortete: »Nein, ich gehe auch mit bis Kesselstadt.«

»So, ganz mit bis Kesselstadt? Das ist ja noch viel angenehmer.«

Die Stimme schwieg.

»Sie haben da einen recht hübschen Koffer, geschätzte Mamsell! Was steht denn da dran?«

Noch höher errötend als vorhin stand die Frauensperson auf, und Eusebius las unter den bunten Schnörkeln, womit der graue Grund bemalt war: Wer Gott vertraut, hat nicht auf Sand gebaut. Anno 1813.

»Ein tüchtiger Koffer«, sagte Eusebius und strich das Holz.

»Es ist meiner Mutter Brautkoffer gewesen«, sagte das Mädchen vor sich hin und sah ihn liebend an, den Koffer nämlich und seinen Lobredner, den Marktmeister. Der schwarze Abgeschabte aber sah sie liebend an bei den stillen und tiefen Worten, fast überrascht sogar und freudig durch sie berührt. Allein nun war die Unterhaltung wieder zu Ende, und Eusebius, der seinerzeit für den gewandtesten Gesellschafter im Gersfelder Sonntagskasino gegolten hatte, vermochte es kaum über sich, die Madame auch noch anzureden.

»Sie reisen wohl auch mit bis Kesselstadt?« fragte er mit einem neuen Anlauf.

»Verzeihen Sie«, sagte die Frau und ließ ihr Bächlein viel holdseliger laufen als die beiden anderen. »Ich gehe mit bis Rautenburg. Mein Mann ist nach Rautenburg versetzt als Hofrentereischreiberakzessist, vor einem Vierteljahre, da reise ich ihm nun nach. Ich würde« – sie warf einen Seitenblick auf die Kofferresidentin– »nicht mit dem Schiffe gefahren sein, denn man weiß nicht immer, wie man es trifft, allein meine Mahagonimöbel mußten geschont werden. Das in Stroh ist alles Mahagoni und neu aufpoliert, das in Leinen ist Nußbaum. Mein Mann ist Hofrentereischreiberakzessist.«

Eusebius liebte zwar die Staatsdiener nicht und die Rautenburger Hofbeamteten noch weniger; sie dienen, dachte er in ihrem Sinne, als Schrauben und Schraubenmütter in der Maschine, wenn wir nur als Stiftchen gelegentlich eingeschoben werden. Allein er glaubte, seinesgleichen in der Frau Hofrentereischreiberakzessistin doch eher gefunden zu haben, als in den beiden Mitschiffenden, zur Zeit noch Mitwartenden. Er war Marktmeister, auch Vieh- und Fleischbeschauer, wie er der Holdseligeren bewußtvoll mitteilte, hatte also auch seinen »Charakter«, und man vergab sich beiderseits nichts, wenn man sich zusammengesellte. Die Fremde und der Abgeschabte hielten ihr Inkognito noch so ängstlich fest, daß die Hofrentereischreiberakzessistin darüber ihre Gedanken hatte und sie wispernd dem Marktmeister kundtat.

Unterdessen hatten auch jene Mitreisenden Bekanntschaft gemacht, weil der junge Mann vom Fenster wegtrat und nach einem ermutigenden Gange durch die Kajüte – eigentlich war's ein Hüpfen – die Fremde dreist, aber leise anredete. »Mademoiselle!« sagte er, sich auf den Füßen wiegend, »ich glaube, wir sind Landsleute.« Er verschwieg, daß er's aus ihren Worten erraten hatte, und sah sie zur Erklärung bloß freundlich und lächelnd an. »Ich bin aus Leipzig«, erwiderte die Aufblickende und fragte nur mit den Augen. »Und ich aus Meißen, bei Meißen eigentlich, eine Stunde von Meißen, liebwerteste Mademoiselle!« entgegnete er seinerseits, mit den Fingern in der Rocktasche ein vergnügtes Schnippchen schlagend. Auch die Leipzigerin freute sich still und nahm teil, als der Landsmann sich aufzuschließen fortfuhr:

»Mein Name ist Brand, wenn Sie's erlauben, Sebastian Brand. Ich bin Schulamtskandidat und wandere aus nach Amerika.«

Das letzte Wort schlug bei dem Marktmeister ein, und die (mit Respekt verkürzte) Akzessistin in einer ihrer besten Perioden sitzen lassend, fuhr er wie ein elektrischer Zitteraal nach dem Amerikaner herum und freudig auf: »Sie gehen nach Amerika? Sie? Und, o Gott! welchen Weg werden Sie nehmen, von Hamburg aus oder von England oder von Frankreich oder gar Holland?« Der Kandidat sagte, er wisse es selber noch nicht. »Reisen Sie von Holland aus, wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll«, sagte Eusebius in Hast, und doch mit Würde; »zwar ist's um, allein eine ruhige Überfahrt und sicher.« – »Sie sind wohl da gewesen?« fragte der Auswandernde. – »Ob ich bin? Und wie oft! Ich kenne die Meeresströmungen wie die Straßen von Gersfeld und könnte mit leichter Mühe ein Schiff selbst durchbringen, vertraute sich mir eins an. Sie müssen wissen, meine Familie ist eine holländische. Mein Stammvater zeichnete sich aus in der Schlacht bei Grevelingen gegen die Spanier Anno 1639.«

Der Marktmeister strahlte. Aber leid würde es uns um ihn tun, wollte der Leser einer ihn um seiner Funken willen einen Münchhausen in Sedez schelten. Nicht Lüge, sondern lebendigste Einbildung sprach aus ihm; das tausendmal Gelesene war ihm mit dem Erlebten verkörpert, und er hätte im Augenblick selbst vor Amte einen Eid darauf geschworen, daß er schon mehr als einmal in Newyork vor Anker gegangen sei.

Aber geht es denn noch nicht los? Das fällt nämlich nicht nur dem Leser ein, sondern auch der Akzessistin, die ingrimmig aus der Kajütentüre lugte. »Schiffer sind grobes Volk«, sagte sie, »sonst wollt' ich euch!« Denn Martin und seine Gesellen schütteten noch immer ein, obgleich es lange sieben geschlagen hatte und selbst die blauäugige Sächsin ungeduldig wurde. Der Marktmeister ging sogleich hinaus, Brand mitnehmend, um nach dem Rechten zu sehen und Martin abzukanzeln. Martin lud wiederum »das bißchen Frucht« in den Schiffsraum und meinte, in längstens einer Stunde müßte es alle sein und die Pferde da. Natürlich, daß Pferde das Schiff auf dem seichten Wasser fortziehen mußten, obgleich es Eusebius Illusion gewaltig störte. Er schalt mit dem Schiffer, daß er warten ließ, hätte aber noch lieber mit dem Wasser selber gescholten, als er, seinen Bambus als Senkblei anwendend, nicht einmal die lederne Quaste daran naß zu machen brauchte, um Grund zu finden. Während er mit seinem Kontinentalschicksal grollte, stand Sebastian Brand im Schiffsraum und ließ das liebe, gelbe Brotkorn nachdenklich durch die Finger gleiten. Er sprach, mehr vor sich hin, als zum Marktmeister, der ihm doch nicht geantwortet haben würde: »Wo mag der Halm gestanden haben, woraus diese Körner gedroschen wurden? Und von welcher Hand geschnitten? Und endlich von welchem Mund zermalmt, des Mahlens und Backens dazwischen nicht einmal zu gedenken?«

Der Schwarze seufzte heimlich auf und wunderte sich, ein stilles Echo hinter sich zu haben. Ihm war die von Leipzig nachgeschritten und sagte, seine Gedanken weiter ausdreschend: »Mein guter Herr! Mit den Halmen ist's noch so, – aber wie mit uns armen Menschen? Wissen wir denn, wo uns unser letztes Brot gebacken wird? Ein armes Mädchen wie ich läßt sich auch verpacken und verschicken, wie das Korn dort; allein Ihr Schicksal mag ich gar nicht einmal dagegen halten. Von Meißen nach Amerika!« Die blauen Augen sahen ihn mitleidig an, so daß er in ihren Strahlen sich ordentlich sonnte unter dem schwarzen, abgeschabten Röcklein. Er konnte lange nichts antworten, endlich aber sagte er, seine Hand unwillkürlich ausstreckend, jedoch ohne die des Mädchens zu berühren: »Liebwerteste Landsmännin! Ich bin ein Schulamtskandidat und habe mich darauf gefaßt gemacht, hienieden allerlei zu erdulden und zu erfahren. Allein das kann ich wohl sagen, mein Herz ist mir halb gebrochen, als ich zum letzten Male über die große Elbbrücke zu Dresden schritt und beinahe das Verlangen empfand, hinunterzuspringen. Aber an dem Kreuz auf der Brücke hing einer, der sah mich mild und streng zugleich an, und ich schämte mich unter seinem Bilde, daß ich, was mir widerfahren war, für ein Leid ansehen konnte. Ich warf nur meine Brieftasche, worin nichts war als die letzte abschlägige Antwort, die ich mir selbst vom Konsistorio geholt, von der Brücke in meinen Strom und schritt, um tausend Pfund leichter, den Meißener Bergen zu.«

»Die lieben Berge«, seufzte des Mädchen neben ihm, »und unsere treue Elbe, und die schönen, breiten Ebenen, wo Leipzig liegt!« Dabei beugte sie sich still über den Bord des Schiffes, nicht um, wie Eusebius noch tat, die Tiefe unter sich auszumessen, sondern sie sah nur mit großen, verborgen weinenden Augen in die fremde, die seichte Flut.

Mittlerweile waren nach langem Schütten und längerem Warten die Pferde glücklich da, und die Glocken von Gersfeld hatten eben acht geschlagen, als Martin den letzten Sack stülpte. Hierauf brauchte er bloß noch seine Rechnung mit dem Pferdebesitzer auszugleichen, was kaum eine Viertelstunde dauerte, um endlich die leinene Jacke abzuwerfen und seinem Burschen zuzurufen, er möge abstoßen. Eusebius stand freudezitternd an Bord, die Sächsin und der Sachse sahen einander an, und Madame jubelte in der Kajüte. Martin stieß, Martins Gehilfe stieß auch, selbst Eusebius ergriff im Eifer eine Stange und stieß, freilich erst auf die falsche Seite, – allein der Bock rührte sich nicht. Martin fluchte, Martins Gehilfe fluchte auch, selbst Eusebius fluchte und gleich anfangs richtig und fließend, – allein der Bock rührte sich wieder nicht.

O, es ist ein tragisches Schicksal, weniger für jene, die auf dem widerspenstigen Widder saßen, um den Hellespont zu passieren, als für mich, deren unglücklichen Biographen, daß ich, statt den Moment der Abfahrt mit wehenden Wimpeln, mit donnernden Böllern, mit Abschiedshurra's und Abschiedstränen zu dekorieren, wehmütig eingestehen muß, wie erst die Pferde mitten in den ohnmächtigen Strom getrieben werden mußten, um das unselige Schiff flott zu machen. Eusebius stand mit allen seinen nautischen Kenntnissen auf dem Deck und blies mit beiden Backen und schwitzte an beiden Schläfen und stieß seine Stange nach beiden Seiten, sowie seine Flüche nach mehreren oder allen, bis endlich einige Bewegungen das mählig erwachende Leben der Maschine kundtaten. Und so edel war das Herz meines Helden, daß er in demselben Augenblick alle alte Unbill vergaß und Schiff und Strom laut lobte und in die Kajüte hinunterrief, die Frau Hofakzessistin – in der Hast hatte er ihr Mittelstück verkürzt – möge sich nur gedulden; wenn es einmal im Gange wäre, so sei auch an kein Halten mehr zu denken.

Fast fiel er um, als er frevelnd so gerufen. Man saß wiederum fest, und mit einem gewaltigen Ruck bohrte der Bock sich tief in den Sand. »Eine Bank nach Nordnordwest!« schrie Eusebius verzweifelnd auf, nachdem ihm der Sachse wieder auf die Beine geholfen hatte. Aber noch lauter schrie der Bauer am Ufer, grimmig auf seine abgehetzten Tiere peitschend, und am lautesten Martin auf dem Backbord und lauter als alle zusammen die erschreckte Akzessistin in der Kajüte. Es war ein klägliches Tutti, worein als begleitendes Piccolo der Erstgeborene der letzteren tremulierend einfiel.

O Menschen, o Leser, o Geliebte! Ihr alle, die ihr jemals in einem Eilwagen gesessen oder auf einen deutschen Postkourier gewartet habt! Geduldige, lammfromme und schneckenträge Seelen! Euch rufe ich zu Zeugen auf und zu Richtern, ob es gerecht war vom Schicksal, daß es meinen Helden eine volle, tönende Stunde lang auf dieser Sandbank festgehalten hat? Scheitern im Hafen ist nichts, – aber angesichts der kaum verlassenen Heimat festrennen, nicht zurückkönnen und noch minder vorwärts, das ist alles.

Eusebius durchlief, wie ein Sturm in einer Sekunde, in dieser entsetzlichsten Stunde seines Lebens die ganze Windrose menschlicher Leidenschaften. Anfangs hielt er vom Deck aus didaktische Vorträge an den bohrenden Martin auf dem Backbord. »Alle Segel auf! Jeden Hauch müßt Ihr benutzen! An jeder Ecke spannt einen Lappen! Fangt die Seufzer der Luft damit ein, damit die unseren verstummen!« Aber Martin war taub und murmelte nur von Narrenspossen, worauf der Marktmeister zornglühend eine Philippika hielt, daß er die Vorteile seines eigenen Metiers nicht verstehe und niemals darin fortschreiten werde, wolle er nicht von der Wissenschaft, von der Theorie profitieren. »Wie kam Le Vaillant trotz seiner großen Windstillen von der Sandbank jenseits des Kaps der drei Spitzen? Mit Segeln! Aber Ihr habt keine Segel! Ihr werdet uns hier sitzen lassen, bis wir eines kläglichen Doppeltodes sterben, des Hungers und des Wassers, sobald durch den notwendig entstehenden Leck erst die Wellen in den Schiffsraum dringen!«

Meine Feder entsinkt mir. Oder wollt ihr, daß ich euch, entsetzlicher als alle Sturmszenen, das Bild weiter ausmale, wie die Akzessistin um die Mahagonimöbel jammerte und Eusebius, nicht vom Schicksal besiegt, sondern in großartiger Entsagung auf dem Deck sich lang ausstreckte und in dem Reisebeutel nach den Tröstungen griff, die Frau Schleichlein ihm vorsorglich eingepackt hatte? Die Sonne brannte senkrecht auf seinen Scheitel, und noch sah er keine Erlösung. Ein Bauer, der von einem benachbarten Acker seine Pferde zur Mittagsrast heimtrieb, mußte um Vorspann angegangen werden, und erst mit Hilfe seiner Braunen und des Öchsleins, das als Pegasus im Joche ging, gelang es, das Schiff wieder flott zu machen.

Soll ich Euch nun – der strengsten Wahrheit gemäß – berichten, wie alle Viertelstunde regelmäßig ein neuer Anstoß und somit ein Aufenthalt von zwei anderen unserem Eusebius in den ungeduldigen Weg trat? Und wie er endlich, als er stets in dem langsamsten Tempo vorrückte, um desto länger stillzusitzen, in einen Zustand stoischer Apathie versank, woraus ihn selbst die Klagen der sanguinischen Akzessistin nicht mehr aufzurütteln vermochten? Wahrlich ich finde mich in einem so seltsamen Dilemma, als es kein Biograph vor mir durchgemacht haben kann. Was Juno einem verhaßten Aeneas in den Weg legte, um ihn von dem ersehnten Ziele abzuhalten, ist Kinderspiel gegen seine Hemmnisse und am Ende obendrein nur Erfindung einer dichterischen Einbildungskraft. Mir aber wird man die schlichte, nackte Wahrheit nicht glauben wollen, man wird es für Übertreibung und Mißbrauch meiner poetischen Lizenz halten, wenn ich versichere, daß abends um sechs Uhr das Schiff in Rastlos vor Anker ging, einem Dörflein, das eine gute Stunde unterhalb Gersfelds gelegen ist und wohin die Honoratioren Sonntags zu wallfahrten pflegten, wenn sie einmal dem städtischen Treiben und der Kegelbahn im neuen Kasino entrinnen wollten. Ach, und doch ist es leider keine Erfindung, sondern eine reine, gediegene Tatsache, zu der sich meine Phantasie nie erhoben haben würde. Alltäglich im hohen Sommer kannst du dieser Tatsache auf der Dulfe begegnen, nämlich der festgesetzten oder mit dem Bauche im Sande fortkeuchenden Schaluppe Meister Martins und seiner Gesellen.

In Rastlos warf man die Anker, wenigstens nannte es Eusebius so, als das Schiff zum letzten Male auf den Sand gelaufen war und nun mit langen Stricken an die Bäume des rechten Ufers befestigt wurde. Die Pferde kehrten heim, Martin ging in's Wirtshaus und bestellte seine Passagiere – auf den anderen Morgen um sechs präzis wieder an Deck. Eusebius wäre fast in Ohnmacht gefallen, so schlug ihn das Donnerwetter nieder. »Also morgen?« sprach er mehrere Male mit tiefer Stimme vor sich hin, raste dann auf dem Verdeck auf und ab, einem Löwen im Käfig ungemein leicht zu vergleichen, schlug sich mit geballter Faust vor die Stirne und wollte von allem Trost, den der Sachse und die Sächsin dem Verzweifelten einflößten, nichts wissen.

Weiber sind größer im Dulden als Männer. Wer es nicht wußte, hätte es an dem erhebenden Beispiel der Akzessistin lernen können. »In das gemeine Wirtshaus gehe ich nicht«, sagte sie in stiller Seelengröße, »ich bleibe bei meinen Mahagonimöbeln«. Auch richtete sie sich mit weiblicher Behaglichkeit sofort ein. Die große Kommode ward aufgezogen und in der ersten Schieblade der kleine Akzessist sanft gebettet. Kissen und Decken waren in Menge vorhanden, da sie ihr ganzes Mobiliar mit sich führte; mit deren Hilfe bereitete sie dem Töchterlein und sich selbst eine Lagerstätte auf den beiden Bänken in der Kajüte und überließ die Kinder der Obhut der dienstfertigen Reisegefährtin, während sie eigenhändig die am Tage gebrauchte Wäsche ihres Leibeserben durch die Dulfe zog und auf dem Deck einen sinnigen Trockenplatz improvisierte.

Die Mademoiselle aus Leipzig ging ihr mit ängstlicher Bereitwilligkeit zur Hand, um unter ihren Flügeln die Nacht fein ehrbar und sittsam zubringen zu können. Sie hatte sich auf der Erde, das Haupt an den belobten Brautkoffer gelehnt, eine Streu aus Leinen und altem Kleiderzeug zusammengebaut und meinte, als der Schulamtskandidat sie um der schlechten Ruhe willen beklagte, sie wisse sich schon zu behelfen. Dieser wollte nicht von den Frauen weichen und drängte sich dem Gehilfen Martins, der im Schiffsraum bei dem lieben Brotkorn eine kleine Wächterhütte hatte, zum Schlafgesellen auf. Alles traf seine Zurüstungen zur herzbrechenden Nacht, während Eusebius noch, in tiefes Brüten versunken, auf dem Decke hin- und herwandelte. Vor seinen Augen zog die Landstraße nach Gersfeld, ein weißer, aus dem abendlichen Grau der Landschaft auftauchender Streif, einladend vorüber; er hörte, wie mehrere aus Rastlos dieses Weges zogen, selbst Stimmen von Bekannten glaubte er zu erkennen. Eine stille Sehnsucht nach seinem »Schnellsegler« beschlich ihn im Verein mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er den ganzen Tag nichts Warmes genossen hatte, den an Bord zubereiteten und im Mißmut hinabgetrunkenen Kaffee nicht zu rechnen. Das Schiff, diese Parodie seines Schnellseglers, den er mit weniger Pferden wohl viel schneller vom Flecke gebracht haben würde, erschien ihm um so unwohnlicher, als die Akzessistin eine transportable Waschküche daraus gemacht hatte und er sogar daheim den Seife- und Laugetagen seiner Schleichlein behutsam aus dem Wege ging. Nun sollte er eine ganze Nacht lang unter diesen Trockenseilen zubringen, ausgeschlossen durch die Tugend der Akzessistin von der Kajüte, entweder im Korn wie eine Feldmaus, oder am Wasser wie eine Mauerschwalbe oder gar im »lustigen Fuhrmann«, wohin sich Martin begeben hatte?

Er dachte diese Möglichkeiten nicht einmal alle aus. Seinen Seehund der Obhut des wachhabenden Schiffers empfehlend, die Hutschachtel unter dem Arm, den im Wechselgeschick des Tages als Senkblei, als Segelstange, als Wimpelträger gebrauchten Bambus in der Rechten, trat er auf das Brett, das an's Ufer führte. »Gute Rüst!« rief er noch einmal, echt seemännisch, dem verwunderten Kandidaten zu, und verschwunden war Eusebius im Dunkel der hereinbrechenden Nacht.

Glück auf zu seinem einsamen Weg! –

Frau Schleichlein saß indessen mit still gefalteten Händen daheim im Ladenstübchen und stopfte Strümpfe, aber eigene, nicht herrschaftliche. Der Lehrbursche kauerte schlaftrunken auf der Ofenbank, und so oft Margaretha das trübe flackernde Öllämplein anschürte oder einen Schluck aus der zum Abendbrote aufgesparten Kaffeetasse nahm, stahl sich die seufzende Frage über ihre Lippen: »Wo mag wohl jetzt der Herr Marktmeister sein?« Sie rechnete ihm den ganzen Tag über nach, zuerst wann er in Rastlos eintreffen mußte, früh morgens nämlich, und mittags sagte sie zum Subjekt: »Dein Herr hat es vielleicht heute nicht so gut als Du, im blauen Löwen zu Rautenburg«, und abends unter dem Tischdecken sandte sie ihm sogar einen Gruß nach Alten hinüber, wo er die Nacht zubringen mußte. Am Ende antwortete ihr der Lehrjunge nicht mehr, weil er eingeschlafen war, und Frau Margaretha ging, ein Gleiches zu tun, als die Haustüre klang. Das Subjekt taumelte auf, um dem unwillkommenen späten Kunden das Verlangte zu verabreichen, als sich auf einmal die Stubentür selber auftat und Herr Eusebius Trenttelfuß, Marktmeister, wie auch Vieh- und Fleischbeschauer, Besitzer des Schnellseglers, seinen überraschten und schlaftrunkene Augen reibenden Midshipman schier über den Haufen rannte.

Und wie könnte ich es meinen Lesern nun rührend genug ausmalen, daß Frau Schleichlein ihn erst für einen Geist gehalten, bis er aus seinem elegischen Ton ins Verdrießliche fiel und Salzkartoffeln verlangte? Wie ihr wachsendes und schwankendes Erstaunen, Beklagen, Verdammen und Lobpreisen genugsam ausdrücken? Ich fühle mich zu schwach dazu; meine Hand zieht bescheidentlich den Vorhang an dem Schiebfensterlein der Ladentüre zu, und ich überlasse die Neuvereinten dahinter ihren Entzückungen um so lieber, als ich noch einmal auf das von Eusebio verwaiste Schiff zurückkehren muß, um auch dort meine Lieben und Getreuen erst einer sicheren Rast, obschon in Rastlos, zu überantworten.

Um das stille Dörflein flogen bereits, als weite Bettgardinen, die Schatten und Wolken der Nacht. In den Hütten am Ufer erlosch ein Licht nach dem andern, und nur aus dem »lustigen Fuhrmann« trug der Wind noch verwehte Lieder über die Dulfe an das Schiff herunter. Auf dem Decke brannte eine Laterne, aber heller leuchteten und zitterten, einer flüssigen Brücke aus eitel Silber vergleichbar, die Mondstrahlen auf den leise wandelnden Wellen. Sebastian saß auf dem Verdeck und blickte in den Nebel, den Duft hinaus. Selbst die Akzessistin war aus der dumpfen Kajüte noch einmal emporgekrochen und ging, viel leutseliger als am Morgen, Arm in Arm mit der Leipzigerin spazieren. Die Nacht macht die Menschen gemütlich, selbst fremde, zumal in einem engen Wagen oder Schiffsraum eingeschlossene. Deshalb weigerten sich die Weiber auch gar nicht lange, als der Kandidat sie einlud, sich neben ihn zu setzen. »Wir wollen«, sagte er, »einen alten Schiffsbrauch auch an unserem Bocke – ist es doch ein gar zu häßliches Wort, nicht wahr? – anwenden. Der Gesell da drunten sagt, er habe noch keinen Namen; taufen wir ihn denn!«

Die Akzessistin lachte zu dem Einfall, aber das Mädchen weigerte sich, weil es eine Entweihung der Sakramente sei. »Heißen denn nicht alle Schiffe«, beschwichtigte sie der Kandidat, »mit christlichen und heidnischen Namen? Ja, mit den allerchristlichsten sogar, Maria, Santa Trinidad, Salvador, und durch den ganzen Heiligenkalender hindurch, die alte und die neue Mythologie ausbeutend?«

»Marie heiß' ich auch«, flüsterte die Sächsin, »oder Marion, wie meine Mutter mich nannte.« Sie wehrte aber, als Brand sie zur Patin machen wollte. Die Akzessistin hatte boshafte Namen in petto; »die Schnecke«, schlug sie vor, oder »die Meerkatze«, oder »der Krebs«, und der Tauflustige hatte Mühe, sie von so rachsüchtigen Gedanken abzubringen. Er sann nach. »Nennen wir«, fragte er sich und die Frauen, »das Böcklein nicht »Argo«, obwohl wir alle nicht nach goldenen Vließen steuern? Oder die »Arche Noäh«, weil wir, wie diese, auf dem Trockenen sitzen bleiben, nur aus Mangel an Sündflut? Oder vielleicht »Christoforo Colom«, der ja auch eine neue Welt ahnte und entdeckte, gleich uns in Rautenburg, in Kesselstadt, in Baltimore?«

Die Frauen sahen schweigend drein. Endlich sagte Marion schüchtern: »Das Schiff könnte die »Hoffnung« heißen; was meinen Sie dazu?«

»Hoffnung!« rief die Akzessistin beifällig aus, »Hoffnung! ja, das ist ein hübscher Name!« Sie dachte an die Rautenburger Hoffnungen, denen sie entgegenging. Aber Sebastian war still geworden und schaute die stillere Landsmännin mit tiefen Augen an.

»Liebe!« begann er endlich und tat, als stände er auf der Kanzel und hätte für seinen an schlechter Verdauung leidenden Ortsprediger das Evangelium vor der Gemeinde abzulesen, – »Liebe! was ist Hoffnung, daß wir sie zu Gevatter bitten wollen? Ich spiele nicht auf die Ähnlichkeiten an zwischen ihr und dem Taufkinde aus Holz, obwohl sie augenfällig sind. Oder liefen wir nicht, wenn es – natürlich vergleichsweise – am schnellsten ging, immer am sichersten auf den Sand und am härtesten? Und hatten wir nicht immer einen Schein der Bewegung, ein Schweben und Schwanken, ein Hangen und Bangen, ohne vom Fleck zu kommen? Allein, wenn wir auf den Ballast sehen, wie rechtfertigen wir alsdann den Namen? Sie, hochverehrte und salvo titulo Madame! Haben Sie nicht ein Gewisses in Ihrer Zukunft, nämlich den Gehalt des Herrn Hofrentereischreiberakzessisten, und nach seinem (gefalle es Gott!) spätseligen Hintritt eine Pension aus der Witwenkasse, zu der Unverehelichte am meisten beitragen müssen?«

Die Madame weinte, sodaß der Taufredner sich zufriedengestellt an die andere Patin wenden konnte.

»Sie aber, geschätzte Demoiselle, lassen am Ende ein weit Größeres in der Erinnerung zurück, als Ihnen in der Hoffnung entgegendämmert. Sie reisen nach Kesselstadt, als Wirtschafterin in ein hochadeliges Haus. O, Sie, ist das Ihre Hoffnung? Und wähnen Sie, in der fremden Küche eine Lippe zu finden, die Ihnen mit derselben Liebe »Marion« zuflüstert, mit der es Ihre Mutter tat, abends, wenn Sie zu Bette gebracht waren und die Selige, mit dem Lichte in der Hand, sich über das weiße Kissen und das rote Kinderantlitz darin herniederbeugte? Liebste, hoffen wir nichts! An den Kiel dieses ( salva venia) Bockes möchte ich mit großen Lettern in eine größere Kupferplatte, wie es bei Kriegsschiffen Brauch ist, anschreiben, wie Dante über sein Höllentor: lasciate ogni speranza, voi che'ntrate! Denn wer auf Fortkommen hofft, auf diesem Bocke und in dieser Welt, ist betrogen. Nicht« – so schloß er wehmütig – »daß ich auf mein eigenes Mißgeschick herbe anspielen wollte. Meine Würfel sind gefallen. Für mich habe ich alle Hoffnung gelassen, als ich über die Elbbrücke schritt, ja alle. Und so sagt es ja schon mein alter Horatius, daß wohl den Himmel, aber nicht das Herz verändert, wer über Meere läuft. Meine Hoffnung bleibt hier.«

Erschöpft hielt Sebastian inne. Er saß auf dem Verdecke, die Füße über den Rand hängend, und barg in beiden Händen sein heißes Gesicht. Da fühlte er einen sanften Druck auf der Schulter, und als er aufblickte, stand Marion ihm dicht zu Häupten und wies mit der Hand gläubig auf einen Stern über ihnen, und in ihren blauen Augen spiegelte sich Nacht und Mond und Stern und Hoffnung und Liebe und alles versöhnlich ab. »Meine Mutter sagte, er sei das Auge Gottes«, so sprach sie leise, aber innig an sein Herz, »darum ginge er abends auch zuerst über der schutzlosen Erde auf. Sehen Sie, Herr Brand, er steht gerade über uns, hier so gut als im lieben, lieben Sachsenlande!«

Und Sebastian sprang heftig auf und wollte dem Mädchen zu Füßen sinken. Sie war aber entflohen, und eben fiel die Kajütentüre klirrend hinter ihr zu, als der einsam weinende Mann, beide Arme ausbreitend, den Namen »Marion« laut in die leise Nacht hinausrief.

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