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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 1
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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I.
Ungarische Klubs.

Auch in Ungarn giebt es ein Klubleben, nicht bloß in England; jedoch ich bitte, das nicht mit dem Thun und Treiben unserer politischen Konventikel zu verwechseln, welche in eine andere Luftschicht gehören; noch auch mit dem Leben jener wohlthätigen und gemeinnützigen Vereine, die sich zur Erziehung der Menschen und der Windhunde, zur Unterstützung Notleidender und zur Einstudierung patriotischer Lieder, sowie anderer erhabener Gemeinzwecke wegen konstituieren und dafür täglich warme Anerkennung finden.

Ich will lediglich von gesellschaftlichen Gruppen sprechen, welche gemeinsames Empfinden über gemeinsame Ideen drängt, sich um einen gemeinschaftlichen Tisch zu setzen, deren Glieder einander aufsuchen, ohne eben gute Freunde, und die mit einander herumstreiten, ohne Feinde zu sein; und so bildet der gemeinsame Gegenstand des Anreizes und des Kampfes die Grundlage ihres täglichen Lebens, während er den außerhalb Stehenden als etwas durchaus Nichtiges erscheint.

Es ist ein ganzer Nibelungen-Sagenkreis, was die vornehme Volkstradition über jenen ältesten vaterländischen Klub aufbewahrte, dessen nun schon stereotyp gewordene Figur, Joscha Djuri, das Modell jenes Bundes verwandter Geister ist, deren soziale Idee darin bestand, soviel Jux als möglich aus dem Ernst der grünen und weißen Tische herauszuschrauben, einer auf Kosten des andern, manchmal zum Ärger der Machthaber, und gar vielmal um den Preis der eigenen Haut. Jene Klub-Mitglieder verstarben schon längst und niemand ergänzte ihre Plätze. Das letzte Mitglied hat sich, wie man weiß, aus Spaß durch das Zahneisen eines Dorfschmiedes, gegen ein Honorar von fünf Groschen, umbringen lassen. Der Mann starb nämlich an dieser Operation.

Dann gab's einen Klub, der sich den Namen » Gerbergesellen« beigelegt hatte. Seine Aufgabe war, die demokratischen Tugenden im Gesellschaftsleben beliebt zu machen. Diejenigen seiner Mitglieder, die nicht im Jahre 1849 gefallen sind, kennen gewiß zahlreiche Geschichten, welche die in den darauf folgenden Jahren zu geselligem Zusammenleben gezwungenen Patrioten aus den Staatsgefängnissen mit heimgebracht hatten.

Auch unter den Schriftstellern existierte ein Klub, der sich bekanntlich » Verein der Dezemviren« nannte, gestiftet von dem genialsten der ungarischen Dichter, Alexander Petöfi. Auch ich war unter ihnen. Wir liebten einander so sehr, daß, obgleich drei von uns vielgelesene Romane, einer noch auf dem Repertoire stehende Dramen schrieben und drei zu unseren besten Dichtern zählten, ein achter aber durch seine humorreichen Skizzen noch in aller Erinnerung lebt, wir uns doch gegenseitig keines unserer Werke vorlasen. Heute sind wir nur noch vier »Zehner«, aber auch diese vier nach zehnerlei Richtung zerstreut, manchmal vom Schicksal zusammengeführt, ein andermal weit auseinander geworfen. Doch besteht die Klubkollegialität noch heute unter uns fort.

Es gab noch einen anderen Klub, den der Nestor des ungarischen Humors gegründet hatte, und der sich den stolzen Titel wählte » Gesellschaft der Esel.« Es gab darin Ober- und Unteresel, und jeden Freitag kam man zu irgend einer gemütlichen Eselei zusammen. Der Gründer starb und die ihn überlebenden Mitglieder des Klubs sind jetzt bereits insgesamt so außerordentlich kluge Leute, daß sie ihr früheres Diplom nicht mehr vorzeigen.

Aus den dreißiger Jahren blieb eine Verbindung zurück, die sich den Klub der » Dreizehn« nannte. Ihrer dreizehn saßen um einen Tisch herum, und da von dreizehn immer einer in demselben Jahre sterben muß, so wurde jedes Jahr darüber gelost, wer von ihnen im künftigen Jahre der Verstorbene und wer dessen Leichenprediger zu sein habe. Am Wendetage des Jahres kamen sie dann wieder zusammen und der zum Toten Delegierte mußte seine eigene Grabrede mit der bald richtigen, bald verkehrten Aufzählung seiner Verdienste bis ans Ende mit anhören. Alle dreizehn bekamen glücklich ihr Leichensermon anzuhören und mögen jetzt bereits alte Leute sein.

Nun aber will ich einen weniger bekannten Klub vorführen, dessen Mitglieder zum high life gehören, woher es kommt, daß seine inneren wechselvollen Zuckungen nicht so leicht vom Publikum besprochen werden können. Und woher ich von der Existenz dieses Klubs weiß? Ergründen wir dies Geheimnis nicht näher. Genug, ich selber bin nicht Mitglied. Gott bewahre mich! denn der Klub trägt den Namen » Narren der Liebe

Es ist dies ein Klub, der wirklich Statuten besitzt, der lebensfähig und der Entwickelung würdig ist. Mitglied kann nur werden, wer zu beweisen vermag, daß es ihm gelungen, aus Motiven der Liebe irgend eine unerhörte und außergewöhnliche Narrheit zu vollbringen. Eine strenge Kommission urteilt mittelst geheimer Abstimmung, ob der Aspirant seiner Verdienste wegen im einzelnen der Aufnahme unter die Mitglieder der Gesellschaft würdig sei, oder ob man ihn höflich abzuweisen hat als einen, der zwar möglicherweise ein Verliebter und ein Narr ist, aber nicht beides zusammen, oder nicht in dem Grade, daß man ihn nicht doch noch in die Gesellschaft vernünftiger Menschen verbannen könnte. Dieser Klub hat auch auswärtige und Ehrenmitglieder, die von dieser ihrer Eigenschaft freilich selber nichts wissen, deren Namen und Leistungen aber das Gedenkbuch des Klubs getreulich verewigt, wie auch die verschiedenen Phasen ihrer denkwürdigen Thaten fortlaufend gebucht werden. Auch setzt dieser Klub zugleich Preise aus, welche von fünf zu fünf Jahren durch eine Jury dem Würdigsten zuerkannt werden. Man kann bei solcher Preisbewerbung fünf Jahre nicht zu viel finden, wenn man weiß, daß eine gut ausgearbeitete Liebesnarrheit einiger Zeit bedarf. Ja, es kommt sogar vor, daß einer, der schon durch fünf Jahre mit größter Zuversicht dahin arbeitete, daß man ihn für den gewaltigsten Narren anerkennen müsse, noch in elfter Stunde des Tages durch ein unverhofft dazwischen fahrendes Phänomen um seinen Preis gebracht wird.

Einen solchen Fall behandelt meine gegenwärtige Dissertation.

Die verdienstvolle Gesellschaft der Narren der Liebe hatte nämlich in den letzten fünf Jahren eine Venus von Canova als Preis ausgesetzt. Die Statue war nur eine Kopie, aber dennoch ein Kunstwerk und aus karrarischem Marmor. Man hätte wohl auch ein Originalwerk von Pariser Künstlern bekommen können, die in diesem Genre viel arbeiten; doch die Klassizität gab den Ausschlag.

Auf eine Beschreibung der Klublokalitäten und der Persönlichkeit der Mitglieder will ich mich nicht einlassen. Ist doch der Klub selbst nur ein Rahmen, in den ich meinen Roman einfügen will. Es genügt zu wissen, daß es ein vergoldeter Rahmen ist und daß dessen Schnitzwerk elegante Figuren bilden. Im übrigen soll der Rahmen so wenig als irgend thunlich mit dem Bilde zu thun haben.

Die für die Preisbewerbung bestimmten fünf Jahre gingen also ihrem Ende zu, die Konkurrenzarbeiten befanden sich, hübsch ins Reine geschrieben, schon in Händen der Schiedsrichter, und man begann seine Meinung auszutauschen.

Die Preisrichter, vier gewählte Liebesnarren, hielten jeden Abend mit dem Präsidenten der Liebesnarren Sitzung, in welcher die preisfähigsten unter den Konkurrenzarbeiten zum Wettkampfe gebracht wurden. All diese Schriftstücke in pleno vorzulesen, wäre nicht zweckentsprechend gewesen. Die darunter befindlichen gewöhnlichen Niäserien, die langweiligen Boutaden, handgreiflichen Blaguen, alltäglichen Pappeleien, unschicklichen Bêtisen, sentimentalen Fadaisen, brutalen Dupirungen, einfältigen Marotten – und wie sonst noch die verschiedenen Albernheiten der Verliebten im französischen Kunstjargon heißen mögen – wurden zuhauf ad acta gelegt und nur die auserlesensten Verrücktheiten breitete man auf den Tisch der Gesellschaft aus, um der würdigsten den Preis zuzuerkennen.

Wir dürfen auf das Ergebnis der Prämiirungs-Konkurrenz neugierig sein.

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