Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Anna Croissant-Rust: Die Nann - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nann
authorAnna Croissant-Rust
year1935
firstpub1906
publisherGebr. Richters
addressErfurt
titleDie Nann
pages287
created20140102
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

7

Als die kleine Nann über vier Jahre alt war, – es war im November und der erste Schnee fiel, der Vater war wieder einmal nach Hause gekommen und hatte die Lampe angezündet – geschah etwas, was das stumpfe Einerlei des Lebens im Kuchlerschen Haus unterbrach: ein Kind wimmerte vor der Tür.

Der alte Kuchler ging selbst vors Haus, um nachzusehen, und kam mit einem Bündelchen zurück. Ein ganz kleines Bündel war's, ein ganz kleines Kind, kaum wenige Wochen alt, Schneeflocken hatten sich auf das weiß und rot gewürfelte Kissen gelegt, und der kleine Wurm schrie vor Kälte, obwohl er gut eingepackt war, und zwar mit einer Ausdauer und 96 Stärke, die auf eine robuste Natur schließen ließen. Und der Vater, der stets noch in Wut kam, wenn die Nann einmal schrie, behielt das fremde Kind auf dem Arme und rief der Juli zu: »Hol' die Wiag'n!«

Wie die den Alten ansah! Sie rührte sich nicht vom Fleck. Was ging sie denn das fremde Wickelkind an? Wär' es doch erfroren vor der Türe! Hatte sie nicht schon Sorgen und Plage genug mit der Nann gehabt? Sollte die Schinderei von neuem angehen? Jetzt hatte sie die Nann so weit durchgeschleppt, jetzt wurde es leichter. –

»Des bleibt nit da,« stieß sie heraus.

»Hol die Wiag'n,« sagte der Alte drauf, nicht wütend, wie es seine Art sonst war, sondern ruhig, aber mit solchem Nachdruck, daß Anderl schnell lief, um die Wiege zu suchen. Die ganze Zeit behielt der Vater das schreiende Kind im Arm. Als er es in die Wiege legte, fiel ein Zettel aus den Kissen des Kindes; darauf stand mit großen ungelenken Buchstaben geschrieben: »Luise heiß' ich, ich gehöre in das Kuchlerhaus.«

Die Juli hob den Zettel auf und warf ihn gleich wieder, wie wenn er giftig gewesen wäre, zu Boden. Sie zitterte vor Zorn, doch getraute sie sich nicht, ihren Groll laut werden zu lassen. Ihr Hinundherschießen, ihr Türenzuschlagen, ihr unterdrücktes Schimpfen hörte der Alte nicht, und am Abend wies er ihr die warme Kammer an für sich und das Kind und die Nann.

Da lag sie also, die Juli, das fremde Kind in der Wiege neben sich, am Fußende ihres Bettes die Nann. So war sie zu zwei Kindern gekommen. Zwei Kinder! Alle Plage, alle Sorge, alle Mühe wie eine 97 Mutter, und niemals einen Mann gehabt, niemals nur einen geküßt! Eine starke Sehnsucht wachte in ihr auf nach einem Menschen, der all das Bittere in ihr löse, das sie verzehrte, der sie gern haben sollte, nur sie und sonst niemand auf der Welt, und der sie so lieben sollte, wie sie fühlte, daß sie selbst ihn lieben könnte.

Oh, sie wüßte schon einen, aber an den konnte sie nie, nie denken – Hansi! Im Oktober hatte sie ihn das letztemal gesehen, als er bei ihnen vorbeiging. War das ein schöner, frischer Bursch geworden! Die stolzen Augen, die leicht gebogene Nase, der kleine kecke Schnurrbart, leibhaftig sah sie ihn vor sich und hätte ihn an sich drücken und küssen mögen – ach, wie hatte sie ihn gern, und er durfte nichts davon wissen.

Und keinen Blick hatte er auf ihr Haus geworfen, ja, den Heimweg machte er auf der andern Seite, wo's viel steiler war, gewiß nur, damit er nicht bei den Kuchlerischen vorbei mußte. Oh, der hatte den Trotz und den Stolz des Malseiners! Wie würde sie ihn denn je wieder sehen oder mit ihm reden können, und wie würde er sie denn lieben? Sie, mit diesem abgemagerten Leib, mit den Augen, die in den Höhlen lagen, mit dem zottigen schwarzen Haar; die in Fetzen herumrannte, schlechter, wüster, verkommener als die letzte unter den Laningern!

Die Juli warf sich im Bett herum und schluchzte vor Kummer und Sehnsucht. Warum hatte denn nur sie nichts? Warum war denn sie wie eine Ausgestoßene? Sie dachte an ihre Jugend, an die Zeit nach der zweiten Mutter Tod, an die viele Plackerei mit der Nann und dann an das kleine Kind, das man ihnen heute vors Haus gelegt hatte. Was war's 98 mit dem? Wem gehörte es, daß man den weiten, weiten Weg nicht scheute, um es auf die Schwelle gerade ihres Hauses zu legen? Es gab doch viel bessere und reichere Häuser im Tal, alle waren sie besser, alle waren sie reicher. Und der Zettel: ›Ich gehöre ins Kuchlerhaus!‹ Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick hatte die Juli an Anderl gedacht, weil er gar so arg erschrocken aussah und gleich in den Stall hinausging, aber wie wäre denn der Bub zu einer Dirne gekommen? Er getraute sich ja kaum nach Jodok hinunter; heute war er heraufgekommen und hatte allerlei Konfuses von Kathl und Moidl erzählt, vielleicht gehörte es einer von denen, aber da wäre der Vater doch nicht so gut damit gewesen; was war denn mit dem Vater? Über dem Grübeln schlief sie ein. –

Ja, das war etwas Sonderbares mit dem Alten; stundenlang saß er nun neben dem kleinen Kinde, konnte es anschauen und wiegen, er wachte darüber, daß die Juli es ordentlich versorgte, er stieß die Nann beiseite, wenn sie das ›Luisele‹ anschauen wollte, anrühren durfte sie's gar nicht, da gab's gleich Schläge. Wenn er weg war, lief die Nann freilich gleich herbei und blieb bei dem Schwesterchen sitzen, manchmal patschte sie's nach Kinderart ordentlich ins Gesicht, tröstete es aber gleich wieder oder heulte gleich selbst mit. Es war ein Wunder, wie die Nann in der Atmosphäre von Unmut und Widerwillen, von Feindseligkeiten und Haß so sonnig und heiter gedieh. Hatte das Kind seine Schläge weg, so lachte es bald darauf wieder, wurde es von der Juli gescholten, so hing es den Kopf, bald hörte man es aber draußen auf dem Rain singen. Da stand's oft lange und sang aus 99 voller Brust, niemand hatte es gelehrt, das kam so aus ihr. Jede Blume, jedes weiße Steinchen freute die Nann, und alles trug sie emsig heim. Da wurde freilich das unnütze Zeug verächtlich mit den Füßen weggestoßen, aber das scherte die Kleine wenig; sie spielte draußen auf der Wiese oder drunten am Bach, und wenn es Winter wurde, wie jetzt, räumte sie alles sorgfältig unter die Ofenbank, ganz gegen die Kuchlerische Art.

»Sie ischt akrat wie sei' Muatter,« sagte der Anderl einmal zur Juli.

»Ja, wie der Voda nit, des is's ja,« antwortete Juli, aber Anderl verstand kein Wort davon; er plagte auch seinen Kopf nicht gern, wozu denn, wenn man sowieso seinen Körper so plagen mußte!

Dafür sorgte der Vater schon, daß man nicht feiern konnte, dem war's nie genug, was sie arbeiteten.

»Wart du nur, bis du einrucken muascht!« drohte ihm der Vater oft. Schlagen mochte der Kuchler den baumlangen Kerl nicht mehr, aber Püffe setzte es noch immer. Die prallten zwar an ihm ab, wenn er nur genug zu essen bekam! Das Essen war jetzt etwas besser geworden, der Vater gab mehr her, schon aus Angst, daß das Luisele darunter leiden müsse.

Wie's aber in der Kaserne gehen würde mit der Kost? Anderl hegte große Befürchtungen und hatte schon oft Zwiesprache mit Kerschei gehalten, aber Kerschei wußte ihm keinen Rat; es stand und sah traurig die Wand an, und wenn er vom Fortgehen, vom Abschiednehmen sprach und dabei gluckste und schluchzte, stieß die kleine braune Kuh ein klägliches ›Muh, muh‹ aus, daß Anderl vor Mitleid mit sich fast vergangen wäre.

100 Die Nann war sechs Jahre alt geworden, ein großes, schlankes, rasches Ding, als Anderls Zeit herbeikam. Das war ein Ereignis fürs Kuchlerhaus! Der Alte hatte sogar etwas eingekauft und eine ›Nahterin‹ bestellt, die dem Anderl ein bißchen Wäsche machen sollte und – es hatte vieles Bitten gekostet – die der Juli aus Mariettas Kleidern ein neues zurechtstutzen und der Nann eines herrichten durfte, weil das Kind doch von der Schule aus des Sonntags in die Kirche gehen mußte.

Die Nann zitterte vor Aufregung. Ein fremder Mensch kam ins Haus, sie kriegte ein Kleid! Etwa wie ein andres Kind den Christbaum, so erwartete die Nann die Näherin, und als sie da war, wurde sie nicht müde mit Fragen; den ganzen Tag saß sie neben der Alten, von der Schule, der Kirche, den Kindern, dem Lehrer, den Büchern, dem Dorf, von allem wollte sie wissen. Es hatte ihr ja niemand Antwort gegeben, wenn sie fragte, höchstens Anderl, und der hörte aus Faulheit bald wieder auf. Die Alte, die mit einer Nähmaschine und einer großen Tabakspfeife, die sie unter dem Nähen fest in Brand erhielt, angerückt war, konnte sich nicht genug wundern über das Kind, das wie ein zwitscherndes buntes Vöglein neben ihr saß. Sie machte der Nann einen derben roten Wollrock und ein blaues Kleidchen. Als Nann den roten Wollrock und ›das Neue‹ anhatte, errötete sie vor Vergnügen und Aufregung. Das ging jetzt wohl so fort im Leben? Es kam immer schöner, und das war nur der Anfang? Sie brannte darauf, in die Schule zu kommen, sie konnte den Tag nicht erwarten!

Als Anderl mit seinem Bündel abzog, ziemlich ungerührt, denn der schwerste Abschied, der von 101 Kerschei, lag bereits hinter ihm, rannte ihm die Nann in ihrem kurzen roten Wollröcklein nach. Die Juli mußte ins Dorf, um einzukaufen, und begleitete ihn. Vom Vater hatte sie das ertrotzt und ihr neues Kleid dazu angezogen, dunkelrot war's, und die Nann glaubte noch nie etwas so Schönes gesehen zu haben! Ein Stück Weges mußte sie wenigstens mitgehen, mochte der Vater droben auch schreien und pfeifen, ein Teilchen von der Welt mußte sie sehen, die sie nun bald jeden Tag sehen durfte.

Wiesen sie die Geschwister zurück, so blieb sie wohl einen Augenblick stehen, um gleich darauf wieder nachzulaufen, wie ein kleiner Hund, den man zurückscheucht, der aber immer wieder nachfolgt. Ihre Schläge bekam sie so wie so, ob sie jetzt ein Stück weiter mitging oder nicht, und da waren sie ja schon in Malsein. Hier machte Anderl halt. Sollte er nicht heute, wo er für so lange Zeit wegging, einkehren? Bis jetzt hatte er immer nur einen scheuen Gruß hineingeschickt, wenn er vorbeiging, aber die Malseinerin hatte ihm stets so fröhlich zugenickt, und heute war Samstag, und die Nudeln dufteten zu köstlich – er trat ein. Die Juli blieb starrköpfig und mit klopfendem Herzen stehen, sie sah nicht einmal, daß die Nann, ganz vorsichtig, ganz dünn, ganz klein, wie ein geschmeidiges Kätzchen auch mit durchgeschlüpft war. Drinnen hörte sie fröhlich plaudern und lachen, unwillkürlich machte sie einen Schritt auf das Haus zu, hielt aber gleich wieder inne, weil die Malseinerin heraustrat.

»So geh doch einer, Juli,« sagte sie, »mir fressen di nit, und der Vater wird di aa nit fressen,« dabei bot sie ihr die Hand, und Juli stotterte nur: »Sechs Jahr sein's glei'!«

102 »Ja, wie die Zeit vergeht!« wunderte sich die Malseinerin, »ischt der Hansi scho' achtzehne und du scho' neunzehne.«

Der Hansi! Juli brachte kein Wort heraus, als er ihr die Hand gab; er saß mit dem Malseiner und mit Anderl am Tisch, sie tranken Wein, und Juli mußte auch mittrinken. Verstohlen sah sie nach Hansi. Wie war er so kräftig geworden! Wie ein Waldbaum, und der Malseiner dachte sich wohl das gleiche wie die Juli, als er die beiden Buben anschaute, der würde einen andern Soldaten abgeben als Anderl! Seine Augen blitzten, und wenn er lachte, das tat gut, so frisch und ehrlich war's. Die kleine Nann in ihrem roten Wollröcklein, mit den staubigen Füßlein hielt er auf dem Schoß.

»Jetzt hab' i's amal, des Vogerl, des alleweil so schön g'sungen hat!« sagte er, »jetzt werd' i's glei' einsperren und ganz dab'halten.«

Die Nann war gar nicht scheu, ganz so behagte es ihr, sie nickte sogar ernsthaft zu Hansis Vorschlag: »Ja, sperr mi nur ein und lern mir neue Liedlen!«

Alle lachten. »Was ischt sie für a saubers Diandl word'n, so weiß und rot ischt sie,« wunderte sich die Malseinerin.

Die Juli zerrte das Kind am Rock. »Geh awer,« sagte sie zur Nann, und zu Hansi: »Sie macht di decht dreckig.«

Doch Hansi hörte gar nicht darauf, er schwang das Vöglein in die Luft, daß es vor Freude schrie. »Kimmscht jetzt aa diemal einer, Nann, baldst in d' Schual gehst?«

Sie nickte wieder ernsthaft und schaute sich ernsthaft in der Stube um; da gefiel's ihr, da kam sie 103 freilich öfter! Sie hätte beinahe revoltiert, als die Juli zum Fortgehen mahnte.

Anderls Bündel war um ein beträchtliches schwerer geworden, und mit einem herzlichen »Vergelt's Gott tausendmal!« nahm er Abschied.

Die Nann zog den großen Hansi noch ein paar Schritte mit aufwärts, und immer plagte sie ihn: »Du muaßt mir Liedlen lernen, du muaßt mit mir spiel'n.« Sie war ganz aufgeregt von all dem Neuen und hatte glänzende Augen und dunkelrote Backen, aber als Hansi umkehren wollte, fing sie an zu schluchzen.

»Aber, Nann! Schamst di nit, wenn ma in die Schual kimmt!«

Gleich lachte sie wieder, ganz wie die Marietta, sie schwenkte ihr rotes Röcklein, nickte ihm noch zu, und dann sprang sie gehorsam den Weg hinauf. Jetzt erst dachte sie an die Schläge, die sie erwarteten, und je näher sie dem Hause kam, desto langsamer ging sie, ja, sie blieb zuletzt stehen, denn der Vater trat aus der Haustüre. Sie zögerte – schaute sich um, hinter ihr kam ja jemand den Weg herauf! Keine der Malseiner Dirnen, die, freilich wunderselten, den Gangsteig zu den Almen hinauf an ihrem Häuschen vorbei nahmen; es war eine städtisch Angezogene, eine Fremde, und trug ein Bündel; von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und verschnaufte sich, denn sie war eine rundliche, untersetzte Person, und die Steilheit des Weges und die noch warme Septembersonne setzten ihr gehörig zu.

»Du, Kloane,« rief sie, als sie der Nann nähergekommen war, »ischt des 'n Kuchler-Anderl sein' Hütt'n?«

Nann nickte.

104 »Bist du epper gar die Nann?«

Die Nann nickte wieder, betrachtete aber mit offenbarem Mißtrauen die Fremde. Woher wußte denn die, daß sie Nann hieß, und warum schaute sie so von der Seite nach ihr? Sie gefiel ihr gar nicht, der Blick war ein klein wenig schielend, sie hatte eine Stumpfnase und erschien der Nann, die bis jetzt lauter hagere Menschen um sich gesehen hatte, lächerlich dick; auch ihre Sprache, die etwas Lautes und Barsches hatte, kam dem Kind fremd vor, wahrscheinlich war sie von weither gekommen.

»Sooo, du bischt die Nann,« machte die Fremde gedehnt, kümmerte sich dann aber nicht weiter um sie, sondern schritt ihr voran.

»Höh!« schrie die Dicke auf einmal und schwenkte ihr Bündel, und »Höh!« rief der Vater unter der Haustüre.

Die Nann machte große Augen, ja, wer war denn das? Da war sie doch neugierig; aber eine gewisse Scheu hielt sie ab, rasch zu folgen. Ganz gemächlich trollte das Kind hinterdrein, zupfte Glockenblumen, Skabiosen und gelben Steinklee und kam mit einem großen Strauß oben an. Da stand das Weib und hatte die Luise auf dem Arm, die mit Händen und Füßen strampelte und wüst tat wie immer, und der Vater hatte einen roten Kopf und redete immerzu und suchte zu beschwichtigen und zuzureden, aber die Nann sah er doch gleich und wies sie auf der Stelle aus dem Zimmer.

Nachdenklich saß sie nun draußen am Rain; wenn sie schon nicht drinnen sein durfte, wollte sie auf die Juli warten, um der gleich alles sagen zu können, vielleicht ging das Weib auch bald fort.

105 Aber Stillsitzen und Warten war Nanns Sache nicht; nachdem ihr das Blumensuchen zu langweilig geworden war, warf sie alle in den Bach und sah zu, wie sie auseinander trieben, wieder zusammenkamen, am Ufer hingen und mit allen Kräften wieder loszukommen trachteten, um endlich erfaßt und weitergerissen zu werden, immer weiter, Jodok zu. Die Nann sah ihnen ohne Bedauern nach; jetzt kam sie ja bald selber da hinunter und freute sich schon so darauf, daß ihr alles schön erschien heute – sie krabbelte den Hang hinauf, wo man den Weg weit überschauen konnte, immer höher kam sie, aber die Juli war nicht zu erspähen.

Jetzt sah sie schon Malsein, groß und weiß lag der Hof unten, und die Fenster leuchteten in der Sonne, die hinter den G'schnitzbergen untergehen wollte. Ganz duftig und blau, verschwommen in ihren Umrissen, schienen sie etwas Märchenhaftes anzunehmen. Das ganze Tal war voll roten Scheines und die Ferne wie mit zartem, blaugrauem Duft verhängt; da fing die kleine Nann herzhaft zu singen an, was aus der kleinen Brust herausging, bis sie nimmer konnte; sobald sie fertig war, fing eine Stimme über ihr an zu singen, laut und frisch, daß es nur so hallte. Die Nann sah sich nach allen Seiten um, dort, hoch oben, stieg einer den Malseiner Almweg hinauf – der Hansi! Gleich hätte sie ihm nachlaufen und mit ihm singen mögen – nun hörte er auf, da fing sie wieder an, dann wieder er, doch jetzt bog er rechts ab, sein Gesang wurde schwächer und schwächer, seine Gestalt verschwand.

Die Nann hatte alles vergessen, den Vater, die Fremde im Haus, sie hatte nicht einmal aufgepaßt, 106 ob sie schon gegangen war, nur singen und schreien hätte sie mögen immerzu, in den Abend hinein.

Erst als die Juli an der Wegbiegung auftauchte, fiel ihr alles wieder ein, und wie der Wind rutschte sie nun über den steilen Hang hinunter und lief der Schwester entgegen.

»Hast mi g'hört?« fragte sie gleich stolz.

»I di nit,« sagte die Juli gleichgültig.

»Der Hansi hat ob'n g'sungen.«

»Der Hansi? Wo ischt er hin?« fragte die Juli hastig.

»Gen Alm ischt er.«

»Gen Alm? Jetzt? Wird's glei' Nacht!«

Die Nann begriff gar nicht, warum die Juli so sonderbar war und so hastig atmete, sie lief ja auf einmal, daß ihr die Nann kaum folgen konnte!

»Du, Juli, laß dir sag'n, es ischt epper in der Stuben drein, beim Voda, a Weiwets.

»A Weiwets beim Voda?« Die Juli schüttelte den Kopf. War's etwa die, die beim Leithnerhof gestanden, als sie nach St. Jodok hinabgingen, und was konnte die denn wollen?

Sowie die Juli aber in der Stube stand, wußte sie genau, wer das ›Weiwets‹ war und was sie wollte, sie hätte nicht das Luisele auf dem Arm zu halten brauchen. Das war derselbe, ein klein wenig schielende Blick, die Stumpfnase, der große Mund – sie kehrte sich um, ohne der Person einen Gruß zu gönnen. Was sollte denn das heißen? Kam die und holte sich Geld oder wollte sie das Luisele mitnehmen, oder – – nein, das durfte der Vater ihnen nicht antun, dieses Frauenzimmer durfte er nicht ins Haus setzen! Das durfte nicht sein, die 107 mußte wieder hingehen, von wo sie gekommen war! Sie sagte es auch dem Vater, als sie ihn erwischte; in leidenschaftlichem Ungestüm kam alles heraus, er mußte doch sehen, daß das nicht ginge! Aber der Alte ließ sie reden, ließ sie schimpfen und lachte nur. Was wollte sie denn? War's nicht schmutzig wie in einem Stall im Hause, und war's nicht höchste Zeit, daß da einmal gehörig angepackt wurde? Da sollte sie eher ›Küss' die Hand‹ dafür sagen! Es war doch ein Ding, wen er einstellte.

So stand es also, und alles Bitten und Zanken half nichts mehr, die Landstreicherin saß fest; ja, sie hatte sogar schon ihre Kleider ausgepackt, sogar schon Feuer gemacht und war am Kochen, und man sah es sofort, daß sie eine tüchtige Arbeiterin war. Auch sie lachte. Was wollte denn die Juli? Wenn's ihr nicht paßte, sollte sie sich einen Dienst suchen, aber sie würde wohl große Augen machen! Wer nahm sie denn, wo sie nichts war wie ein Gerippe?

Juli dachte an Hansi, den sie dann nie wieder sehen sollte, an die Nann, die man vielleicht halb zu Tod schlagen würde, wenn sie ging; so blieb sie und schluckte alles hinunter. Sie sagte auch nichts, als sie den Vater in des Weibes Kammer gehen sah; das erstemal meinte sie freilich, der Blitz schlüge vor ihr ein! Wie er das tat, so selbstverständlich, ohne Scham, er, von dem sie sonst, so roh und gewalttätig er war, nie ein wüstes Wort gehört hatten! Die mußte ihn gehörig heruntergebracht haben!

Dem Vater seine ›Häuserin‹ ischt sie,« sagte sie zur Nann, die aber hartnäckig nur »die Dicke« sagte.

In Nann war, genau wie in Juli, ein stummes, hartnäckiges Widerstreben gegen den Eindringling, 108 und wenn sie beide nicht mochten, taten sie nicht um die Welt, was die Dicke haben wollte.

Über die Nann wachte die Juli von nun an Tag und Nacht wie ein Geier. Sah sie doch, daß das Weib immerfort mit scheelen Augen nach dem Kinde schaute, daß sie es knuffte und puffte, wenn niemand in der Nähe war, daß sie ihm das Brot wie einen Gnadenbrocken zuwarf und daß die Kleine an Arbeiten geschickt wurde, die ihr viel zu schwer waren und die sie nicht zustande bringen konnte. Natürlich, ihr Balg, der wurde gehätschelt und gepflegt, der kriegte, was er wollte! Aber für das Luisele rührte die Juli keinen Finger und zeigte der Dicken deutlich, daß sie es verabscheute.

Natürlich hatte die Dicke das Regiment ganz an sich gerissen, sie führte einen ganzen Umsturz in der Haushaltung ein, ein Scheuern und Putzen begann, bis alles blank war, sie kriegte auch Kerschei herum, das sich seit Anderls Abschied sehr widerspenstig benommen hatte, so daß die Juli jeden Tag schier einen Kampf mit ihm hatte aufnehmen müssen.

Das Kerschei fügte sich allerdings nicht mit Liebe, sondern es schien der Juli oft, wie wenn es Rache brüte, so tückisch und angriffsbereit stand es dort, sowie die Dicke nur zum Melken anrückte. Noch war nichts geschehen, aber gefährlich genug sah's manchmal aus, besonders, wenn auch die Geiß zur Attacke überging. Die war die einzige, die sich nicht unterkriegen ließ und die ihre Abneigung ganz unverschleiert zeigte; die Dicke durfte es nicht wagen, auch nur in ihre Nähe zu kommen, sofort senkte sie ihre Hörner und stieß gegen sie los, und noch lange, nachdem das Weib 109 schon fort war, schimpfte und zeterte die Geiß noch nach.

Die Juli hatte sich angewöhnt, die Nann stets mitzunehmen, wenn sie je einmal fortging; das ließ sie sich nicht wehren, sah die Nann aus wie sie wollte, denn um ihre Kleidung bekümmerte sich die Dicke nicht, und die Juli hatte nichts für sie wie Fetzen, die kaum zusammenhielten, das Sonntagskleid hatte die ›Häuserin‹ schon eingeschlossen.

Ohne daß die Juli weicher gegen die Nann wurde oder viel mit ihr sprach, schlossen sie sich doch mehr aneinander an, fühlten mehr ihre Zusammengehörigkeit. Das war besonders der Fall, als der Vater wieder auf Arbeit fortging. Die Dicke machte wenig Federlesens mit ihm, Geld war keines mehr da, die Arbeiten, die er auf Bestellung im Haus hatte machen können, abgeliefert, also – marsch fort, Alter! Und gehorsam nahm er sein Handwerkszeug und zog ab.

Das war eine Freude, als er zum Haus draußen war! Jetzt getrauten sich die Juli und die Nann doch hier und da wieder nach Malsein hinunter; besonders aber die Nann kehrte häufig ein, Hansi war freilich nicht oft da, aber wenn er da war, so bedeutete das eine Lustbarkeit für die Nann. Von der ›Dicken‹ wollten sie nicht viel hören drunten, wenn die Nann auch gern von ihr geplappert hätte, und noch weniger von ihr sehen, denn als sie einmal ganz selbstverständlich ›zukehrte‹ war sie schneller wieder draußen, wie sie hereingekommen war, das hatte die Malseinerin prächtig besorgt! –

Dafür wurde die ›Kuchler-Hauserin‹ mit den Knechten gut Freund, und es dauerte nicht lange – es 110 war Nanns erster Schultag und die Juli hatte sie hinuntergeführt –, da traf die Heimkehrende den Blasi und den Michel droben im Kuchler-Haus in der Stube, und das ganze Haus widerhallte von Gelächter und Geschrei. Es ging eine Atmosphäre derber Sinnlichkeit und unverschleierten Begehrens von dem Weibe aus, und die zwei scheuten bald keinen Weg und kein Wetter, sie waren und blieben Feierabends- und Sonntagsgäste. Besonders Blasi war ihr rettungslos verfallen; ihm strich sie um den Bart und tat ihm schön, um ihn dafür am nächsten Tage zu sekkieren. Sie gab sich gar keine Mühe, ihre Freude an den Besuchen vor der Juli zu verbergen, im Gegenteil, sie brüstete sich damit, sie triumphierte förmlich über sie, und es war nie ein größeres Gelächter, als wenn die Juli zur Stube hinausging. Drinnen das derbe, kräftige, freudige Leben, heraußen sie, die Dürftige, die Ausgestoßene, die Kranke. Wenn sie dem Weibe merken ließ, was sie dachte; so warf die ihr höchstes ein ungutes Wort hin, die Sache blieb aber beim alten, nur daß die zwei jetzt nicht mehr miteinander kamen, sondern jeder für sich, und daß sie einander auf Weg und Steg aufpaßten.

Noch nie war so ein Leben im Kuchlerhaus gewesen; wenn die Nann von der Schule heimkam, schlich sie sich immer in die Stube, so gut gefielen ihr die Fröhlichkeit und das Lachen; ja, sie wurde ungebärdig und rebellisch, wenn sie die Dicke aus der Stube entfernte. Die Schule machte sie überhaupt widerhaarig und böse.

War das ein erster Schultag gewesen! Noch viele, viele Jahre später, als die Nann ihr eignes kleines Mädchen nach Jodok hinunter zur Schule brachte, 111 stand dieser erste Schultag mit all seinen Schmerzen vor ihr. Und wie hatte sie sich gefreut und welches Leben hatte sie erwartet! Und nun? Wie die Kinder alle auf sie zustürzten und sie auslachten! Nanns Kleider waren aus alten Kleidern Julis zugestutzt, zu lang und zu weit, und sie wollten sich alle ausschütten vor Lachen deshalb. Sie lachten, weil sie nicht redete, sie lachten, weil sie fremd war und sie sich alle kannten; die Buben rissen an ihren Locken, und als ihr die Juli auf ihr Bitten ein festes Zöpfchen flocht, das kerzengerade vom Kopf abstand, weil es viel zu kurz und zu dick war, zogen sie daran und plagten sie. In Rudeln liefen sie hinter ihr drein und riefen ihr häßliche Schimpfworte nach oder stießen sie nieder, – sie war der fremde Vogel, der ins Nest geflogen war, darum hackten sie alle auf ihn los.

Natürlich wehrte sich die Nann, wie eine Wildkatze war sie, fauchte und kratzte und biß, nie weinte oder schrie sie, solange die Kinder sie verfolgten. Atemlos kam sie dann gewöhnlich in Malsein an, und dann ging das Klagen aber gleich los; ein paarmal war sie auf dem Weg zur Schule in Malsein sitzengeblieben, und nichts hätte sie vermocht, in die Schule zu gehen. Da hatte sie eine Fertigkeit, sich irgendwo einzukrallen und nach jedem mit den Füßen zu stoßen, der sie wegnehmen wollte, da verstand sie es, irgendeinen Raum zu gewinnen und hinter sich abzuschließen.

Die Malseinerin als resolute Frau hatte die Ohrfeigen nicht gespart; weil sie aber nicht helfen wollten, nahm der Hansi die Nann einmal bei der Hand und führte sie in die Schule hinunter. Mit ihm ging sie.

»Hansi,« sagte sie ernsthaft, »wenn's so weitergeaht mit der Schuel, geh' i in' Bach.«

112 »Aber was ischt denn, Nann, wer tuat dir denn was?«

»Allz'samm'!«

»Aber schau, Nann, du muaßt in d' Schuel, mir allz'samm' sein drein g'west.«

»Ja, du hast an ordentlichs G'wand g'habt,« rief die Nann leidenschaftlich, »du bist nit aus'n Kuchlerhäus kemmen, von dir sein sie nit wegg'ruckt!«

Darauf wußte der Hansi nicht viel zu sagen, es machte ihn schweigsam. Er konnte sich wohl denken, was man sich da unten vom Kuchlerhäusl erzählte und was die Kinder alles aufschnappten zu Haus.

»Warum sagen die Kinder alleweil, i hab' koan Vater, und koa g'scheite Mutter hab' i aa nit g'habt, grad a Welsche?« fragte die Nann auf einmal.

»Du hascht koan Voda? Der Kuchler-Anderl ischt decht dei Voda!«

»Aber die Kinder sag'n: wenn's der Kuchler aa selber sagt, er is decht dei Vater nit!« beharrte die Nann.

»Sei still, Nann, i leid's nit, daß wer was über dei Muatter sagt, sie ischt brav g'wes'n, und der Kuchler-Anderl ischt dei Vater; sei still, glei' geh' i jetzt zum Lehrer, koans derf di mehr schimpfen.«

Den jungen Lehrer kannte er gut; war er nicht oft genug mit ihm im Wirtshaus gesessen? Mit dem wollte er schon ein Wörtlein reden, das helfen sollte, und fein brauchte es auch nicht zu sein, dann wirkte es desto besser. Und richtig, es half; schon daß der Malseiner Hansi die Nann an der Hand führte, machte Eindruck, und als der Lehrer die Kinder vornahm und ihnen Strafen androhte, wurden sie nachdenklich. Sie schlichen jetzt nur hinter der Nann drein und tuschelten. 113 Auch der Lehrer selbst behandelte sie ganz anders, er hatte da einen groben Fehler gemacht; jung, oberflächlich und leichtsinnig wie er war, hatte er sich um das Kind gar nicht weiter gekümmert, im Gegenteil, es gefiel ihm, wenn die Nann so außer Rand und Band geriet und biß und kratzte wie eine richtige Katze, und weil er hörte, daß ihre Mutter eine Welsche gewesen und er ein Welschenhasser war, so hieß er das zornige kleine Menschenkind Welschhenne, und das riefen ihr die Kinder noch lange Zeit nach. Aber nach und nach wurde auch das besser; die Nann lernte gut, und es machte ihr Freude zu lernen, und so manches der Mädchen, das die ›Welschhenne‹ sonst gestoßen und verhöhnt, kam zu ihr geschlichen und wollte bei den Aufgaben geholfen haben. Freilich standen sich die zwei im Anfang täppisch gegenüber, beide die Schürze in den Fingern drehend, beide sich vor Verlegenheit anlachend, doch dauerte das Fremdsein nie lange. Die Nann wurde ein guter Kamerad. Wo sie mit Kugeln spielten, war sie dabei, wo sie um die Wette rannten, war sie die erste, und nie mehr war sie empfindlich, nie zimperlich, aber stets lustig und voller Späße. Manchmal prügelten sich die Kinder auch untereinander, jedoch das ging nie gegen die Nann allein wie früher, jetzt hatte sie Helfer, und sie waren sich auch alle stets bald wieder gut. So ließ sich die Nann das Leben gefallen, so war's lustig, jetzt ging sie gern zur Schule!

Das war doch viel schöner als im Kuchlerhaus droben, wo sie die eine immer knuffte und die andre wieder wegriß, wo das boshafte Luisele war, das sie nur immer verklagte! Wahrlich, wenn das lustige kleine Geißlein nicht gewesen wäre, das die Ziege 114 gebracht hatte, und das braune Kerschei und die Hühner, welche die Dicke angeschafft, es wäre für die Nann nicht zum Aushalten gewesen, und dann – Malsein! Wie ein Pfeil schnellte sie hinunter, wenn niemand Obacht gab, geradeswegs in die Haustüre hinein oder auf Hansi zu, der viel heraußen auf der Bank saß, denn es war ein ausnahmsweise milder Herbst, der ganze Oktober war sonnig und ohne Nebel geblieben. Die Zeitlosen fingen noch einmal an zu blühen, der Enzian trieb seine leuchtenden blauen Sterne, an geschützten Stellen drängten sich Himmelsschlüssel und Anemonen vor, und die Sonne schien und leckte den Reif wieder weg, den die Nacht gebracht hatte. Es dünkte der Nann gar fein, so neben dem Hansi in der Sonne zu sitzen und ihm bei der Arbeit zuzusehen; aber viel feiner war's, wenn er Feierabend machte und die Zither holte. Bald hatte sie ihm ein paar Griffe abgesehen, und Hansi machte es eine kindische Freude, den kleinen geschickten Fingern noch mehr beizubringen, seine Geduld schien unerschöpflich, und alles wunderte sich im Hause, besonders die Malseinerin, die genau wußte, wie ungeduldig, ja ungebärdig Hansi sein konnte, wenn nicht alles auf den ersten Streich ging. Aber sie hütete sich wohl, etwas zu sagen, lieber war's ihr als seine Gänge auf die Alm, die freilich jetzt aufgehört hatten, denn die junge Dirn saß längst wieder daheim.

Regnete es, so folgte die Nann dem Hansi auf Schritt und Tritt, bei all seinen Arbeiten wollte sie dabei sein, und fort und fort quälte sie ihn, daß er ihr etwas erzähle; besonders von der Mutter wollte sie hören, weil die andern immer garstig von ihr redeten und Hansi so schön. Er mußte alles sagen, was er 115 von ihr wußte, an was er sich noch erinnerte, und wenn er nichts von der ›Marietta‹ mehr erzählen konnte, so kamen die Sagen und die Geschichten dran, die er seinerzeit von dem Rosele gehört hatte, und die Nann hörte mit derselben Spannung zu wie früher der Hansi. Nur ausnahmsweise, nur wenn sie der Hansi gar nicht brauchen konnte, entschloß sie sich, das Rosele aufzusuchen, und bat und bettelte, bis das sich herbeiließ, seine Geschichten auszukramen. Doch geschah das nie, ohne daß es die Bemerkung machte: »Geh decht zum Hansi, der kann's viel besser wia i!« Denn das Rosele hatte seinen Erzählerstolz, und wenn die Nann nicht so schlau gewesen wäre, zu erklären, daß sie es viel besser könne als der Hansi, wäre sie ganz leer ausgegangen.

Manchmal wurde das kleine und unruhige Wesen, das bald da und bald dort war wie ein Irrwisch, sich da hineinzuzwängen und dort wieder hindurchzuwinden wußte, der Malseinerin zu viel, und sie schickte das Kind heim. Ohne Tränen ging das nie ab, und der Malseiner und der Hansi waren gewöhnlich bös auf die Mutter. »Sie hat decht koan Hoam,« sagte der Bauer vorwurfsvoll, »sie tuat ja niacht,« der Hansi, und beide vertrösteten die kleine Nann aufs Wiederkommen, und kam sie wieder, hatte die Malseinerin alles wieder vergessen, und die Nann war wie vorher ganz dort zu Haus. In der Tat war ihr Malsein eine Heimat, und sie trieb sich viel mehr da unten herum als im Kuchlerhäusl. Es fiel auch weder der Dicken noch der Juli ein, es ihr zu wehren, wenn's der Vater nicht gerade sah; die Dicke freute sich, wenn das Kind aus dem Wege war, ihrethalben konnte es essen und trinken und schlafen auch noch da 116 drunten, und die Juli freute sich, etwas von Hansi zu hören. Immer peinigte sie die Nann mit Fragen: »Was hat er g'sagt, was hat er getan, was hat er g'moant?« Immer nur der Hansi, und das machte die Nann gewöhnlich so müde – die Juli fragte sie auch gerade immer vor dem Einschlafen, wo sie allein waren –, daß sie kaum antwortete. Der Schluß war bei Juli stets: »Sag, er soll amal aufferkemmen.« Die Nann nickte wohl schlaftrunken, aber am nächsten Tag hatte sie es gewöhnlich vergessen. War sie einmal über den Berg hinüber und sah den Hansi sitzen oder hörte das Bergmanndele, den kleinen Dackel, bellen, so wußte sie nur das eine: möglichst schnell hinunterzukommen. Einmal fiel's ihr aber doch ein, und sie richtete es getreulich dem Hansi aus, natürlich als sie allein waren, denn sie ahnte, daß die Botschaft Hansis Eltern nicht recht sein würde, witterte auch selbst heraus, daß da etwas nicht in Ordnung sein müsse. Hansi hatte nicht die geringste Freude, im Gegenteil, er fuhr die Nann an: »Was will sie denn?« und es brauchte lange Zeit, bis er sich endlich zum Hinaufgehen entschloß.

Die Dicke wusch eben vor dem Hause; in einem kurzen Rocke, die Ärmel hoch hinaufgeschürzt, das braune, sehr krause Haar voller Tropfen, stand sie vor dem Waschfaß und plantschte, daß der Schaum umherspritzte. Den einen Arm fest eingestemmt, strich sie mit dem andern über das feuchte Haar, schaute Hansi lachend, sich ein wenig bückend, fest unters Gesicht. »Grüß Gott!« sagte sie, und ihre Augen ließen nicht von dem Jungen. Sie folgte ihm ins Haus, sie setzte sich neben ihn auf die Bank, wie sie war. Ihr nackter Arm lag dicht neben dem seinen auf dem Tisch, ihre 117 Knie berührten sich fast, und so oft Hansi eine Bewegung machte, stieß er an sie. Er getraute sich nicht aufzuschauen, das Blut stieg ihm ins Gesicht, er redete nichts, er sah die Juli nicht und die Nann nicht. Da war nur sie, nur das Weib nebendran, das mit halbgeöffnetem Munde dasaß und keinen Blick von ihm verwandte. Er ging ohne Adieu gesagt zu haben, er ging und wußte nicht mehr, daß ihn die Juli heraufbestellt hatte, er ging, ohne die Nann zu bemerken, die noch eine Strecke neben ihm herlief. Nacht war's schon, und die Nebel kamen über die Berge, ein feines Rieseln ging nieder, man wußte nicht, war's Regen oder Schnee, ein scharfer Wind kam durchs Tal herauf, und doch nahm Hansi den Hut ab und trocknete sich die Stirne.

Ein Stimmlein drang durch den Nebel – die kleine Nann sang ihm den Abschiedsgruß nach. Sie wartete lange, aber keine Antwort kam. –

Von nun an traf sie den Hansi öfter auf halbem Wege; wenn sie nach Malsein hinunter wollte, kam er herauf. Die Nann war immer sehr ungnädig, drunten war's doch so schön gewesen, und heroben saß der Hansi da und redete keine drei Worte. Von Singen oder Erzählen war keine Rede. Das war ja wie wenn der alte Hansi gestohlen worden wäre und ein andrer, ein verwechselter, an seiner Stelle säße! Er sah auf den Boden oder schaute die Dicke an, er schien es gar nicht zu merken, daß die kleine Nann da war, er schob sie von sich, wenn sie sich an ihn drückte, ja er konnte bös werden, wenn sie nicht gleich ging. Auch von der Dicken wurde sie fortwährend aus dem Zimmer geschickt, bald sollte sie das Luisele schlafen legen, bald Wasser holen, bald dies 118 und bald das. Kam sie in Julis Nähe, so stieß auch die nach ihr; ganz steif, ohne sich zu rühren, immer nur die zwei am Tisch unter der Lampe anschauend, saß sie im Dunkel, im Ofenwinkel. Die zwei hatten sie ganz vergessen. Ihre Augen, ihre Hände redeten eine beredte Sprache, wenn auch kein Wort fiel.

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.