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Anna Croissant-Rust: Die Nann - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nann
authorAnna Croissant-Rust
year1935
firstpub1906
publisherGebr. Richters
addressErfurt
titleDie Nann
pages287
created20140102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

An einem Samstagabend saßen die Dienstboten bei ihren Abendnudeln und ließen sich's wohlschmecken, Anderl mit ihnen. Die Mahlzeiten waren der Höhepunkt des Tages für ihn, niemals hätte er sich träumen lassen, daß es ihm so gut gehen könne, und nur der Gedanke, daß die ganze Herrlichkeit einmal aufhören müsse, konnte ihn zuzeiten trübselig stimmen. Seinethalben hätte die Juli noch recht lange krank liegen können, ihm wäre nichts daran gelegen gewesen, damit's nur nicht allzu früh zu End ginge. Sein frischer Jungenappetit war mit aller Macht wiedergekommen, und er hieb heute wie immer so drein, daß sich das Vinaderser Moidl und der Puschterer fortwährend anstießen.

80 »Friß decht die Schüssel nit mit, Anderl!« mahnte der Puschterer.

»Wenn sie ihm schmecket, fraß er's aa mit,« sagte der Michel giftig. Weil er sich in der letzten Zeit den Magen mit Trinken ruiniert hatte, brachte ihn dieser naive gottgesegnete Appetit jeden Tag außer sich.

»Wenn's allz'samm an sellen Hunger habt's, nachher wundert's mi nit, wenn enk der Voda aus der Hütten schmeißt! Hör jetz auf, auf der Stell',« schrie er den Buben in einer plötzlichen Aufwallung von Wut an, »du kannscht's ja nimmer derschlinden, du Wüaschtling!«

»Laß 'n gehn, sag' i,« mahnte der Puschterer und stand auf, »er soll mein Teil aa no hab'n; soll si nur voressen, der Bua, es kemmen andre Zeiten aa no.«

Kaum hatte er ausgeredet, stand der alte Kuchler unter der Türe, außer Atem, die Haare von Schweiß verklebt, und brachte in der ersten Wut gar kein Wort heraus.

Anderl ließ die Schmalznudel, die er eben zum Auseinanderreißen mit zehn Fingern in Arbeit hatte, wieder fahren. Das war ein Schrecken! Wie bei einem kleinen Kind füllten sich seine Augen mit Wasser, und mit einem Ruck ließ er sich unter den Tisch fallen. Der Voda! Jetzt war's aus mit der Herrlichkeit auf Malsein, jetzt ging ein andrer Tanz los! Wenn nur der Boden unter ihm ein Loch gekriegt hätte, damit er dem Zorn des Vaters ausgekommen wäre! Denn jetzt war er gewiß an allem schuld. Daß die Kuh tot war, daß die Juli krank geworden, daß der Stall gebrochen war und die Lahn den Zaun weggerissen hatte, und das Allerärgste – daß sie alle da herunten auf Malsein saßen! –

81 Vor einer Stunde war der Kuchler in der Dämmerung an Malsein vorbeigegangen, ohne daß ihn einer gewahrte. Als in seinem Haus kein Licht brannte und er keines der Kinder fand, als er die Verwüstungen sah, die die Lawine angerichtet, kriegte er's mit der Angst, doch als er im Halbdunkel in der Küche an die tote Kuh stieß, geriet er in heillose Wut. Jetzt sollten sie alle hin sein, seinetwegen, alles, alles sollte hin sein, und er raste im Zimmer umher, warf die Stühle zu Boden, riß den Tisch um und schlug die Bilder von den Wänden. Hin, hin mußte alles sein!

Und mitten in seinem Toben lief er nach Malsein, das Blut donnerte nur so gegen seine Schläfen, daß er zuerst gar nicht hören konnte was der Malseiner ihm alles erklärte, aber zuletzt begriff er's doch, und Verwünschungen ausstoßend gegen sich, gegen die Kinder, gegen den Bauern, gegen Gott, schrie er nur immer wieder: »Mit müassen sie, auf der Stell' müassen sie mit, allz'samm, die Goas aa.«

Vor Wut hatte er Anderl in der Küche gar nicht gesehen, nun lief er auf Julis Kammer zu, aber die Malseinerin kam ihm zuvor. Mit ausgebreiteten Röcken stellte sie sich vor die Türe: »Da einer kimmscht du mir nit!«

Drinnen knirschte der Riegel, und das Rosele lachte.

Das brachte den Alten ganz außer sich, er zerrte die Malseinerin am Arm weg und riß und rüttelte an der Türklinke: »Her muaß sie, außer muaß sie, mit muaß sie!« schrie er fortwährend und ließ sich durchaus nicht von der resoluten Malseinerin wegdrängen. Aber da hatte ihn schon der Malseiner, dem endlich die Geduld gerissen war, beim Kragen, und 82 weil es unerwarteterweise geschah, war's dem Bauern ein leichtes, ihn durch die Stube zu schieben und zur Haustüre hinauszubefördern.

Jetzt stand er draußen und hieb mit den zwei Fäusten gegen die Türe.

»Die Juli muaß mit,« brüllte er.

»Die Juli bleibt da,« antwortete die Malseinerin drinnen.

»Die Nann muaß mit,« schrie er.

»Die Nann bleibt da,« parlamentierte die Bäuerin.

»Der Anderl muaß mit.«

»Den Anderl kannscht haben.«

»Die Moidl muaß mit, es bleibt mir koans in enkern Haus!«

»Die kannscht haben auf der Stell',« lachte die Bäuerin.

Die Moidl erhob ein Zetergeschrei, aber es half alles nichts; der Puschterer sorgte dafür, daß sie hinausgeschoben wurde, und Michel zerrte grinsend den zitternden Anderl nach.

»Die Goas muaß i aa hab'n, her damit!« begehrte der Alte noch auf, und trotz Michels Schimpfen nahm er sie beim Strick und zog sie vorwärts, obgleich sie sich sperrte und kläglich protestierte. Sie wäre ebensogern in Malsein geblieben wie die andern.

Dann wartete er noch eine Weile, schrie noch eine Weile nach der Juli und der Nann, und da im Hause alles still blieb und ihm niemand mehr antwortete, zog er endlich knurrend ab.

»Derfallt's enk nit,« schrie ihm Michel noch höhnisch nach.

»Sell ischt mei Sach, wenn mir uns derfallen,« 83 rief er zurück, und da er gewahrte, daß Anderl einen großen Packen trug, den er ängstlich zu verbergen suchte, befahl er ihm, ihn auf der Stelle hinzuwerfen. Doch Anderl zögerte und drückte den Packen nur fester an sich – es war ja das letzte Gute von Malsein, die Bäuerin hatte es ihm noch geschwind zugesteckt.

»Und wenn i morgen auf alle Viere nach Jodok kriechen müaßt, und wenn mir vor Hunger sterben müaßten morgen, du schmeißt es weg –« der Alte schlug so fest zu, daß Anderl gern fallen ließ, was er im Arm hatte. Hin waren die Küchel von Malsein, und der schwere Seufzer, den Anderl ausstieß, war sein Abschied von der schönen Zeit. Es war wirklich wie eine Vertreibung aus dem Paradiese, sogar die ›Goas‹ ließ den Kopf hängen. Die Moidl ging ganz zuletzt, innerlich räsonnierend, laut getraute sie sich nichts zu sagen, aber sie wälzte allerlei Pläne im Kopf herum. War sie dem Alten auf einmal wieder recht? Jawohl! um sich schinden und kujonieren zu lassen! So dumm war sie nicht, es gab schon noch eine Gelegenheit, ihn sitzen zu lassen, den alten ›Duifl‹.

Die Plackerei ging natürlich gleich am ersten Abend an; der Alte grub wie ein Wütender hinter dem Haus eine Grube, und sie sollten mitgraben. Als wenn die Kuh nicht noch hätte liegen bleiben können! Aber nein, heraus mußte sie gezerrt werden, bei der Laterne mußten sie noch arbeiten, von einem Trunk keine Spur. Und so ging das Kujonieren weiter und das Schelten und Streiten und Schlagen, die alte Räuberhöhlenwirtschaft fing wieder an, denn wenn der Alte nicht zuschlug, arbeitete die Moidl überhaupt nichts.

84 Und er wankte und wich nicht aus dem Haus, er ließ sie nicht aus den Augen. Anderl betrachtete es als einen Festtag, wenn er nach Jodok hinuntergehen und Vorräte herbeischleppen konnte; lieber lief er wie gehetzt, die Wege waren ja auch wieder besser geworden, um nur ja einen Augenblick in Malsein vorsprechen zu können, wo man stets eine Kleinigkeit für den immer Eßbereiten hatte.

Moidl fand bald eine Entschädigung für die wüste Wirtschaft daheim im Kuchlerhaus. Wenn es dunkelte, stieg der Blasi bergauf, und die hintere Türe knarrte gar oft des Nachts oder am Morgen, bis der Alte einmal Wind davon bekam; aber eh' er noch dareinwettern konnte, war das Nest leer, am Morgen, als er aufstand, war die Moidl schon ausgeflogen.

Er sagte kein Wort, aber er nahm den Stock und stieg abwärts, und das Gesicht, das er machte, kannte Anderl wohl, er konnte sich denken, wohin es ging.

Es dauerte nicht lange, so kam er wieder und Juli mit ihm, die Nann tragend. Anderl wußte nicht recht, wie er sich mit der Schwester stellen sollte, die er so lange nicht gesehen, und die ihm so fremd vorkam, groß und spitz und hager, wie sie geworden war. Er lachte sie täppisch an, doch sie schien ihn nicht zu sehen, sie schien überhaupt nichts zu sehen. Wie eine Maschine tat sie ihre Arbeit, das heißt sie schaffte was sie konnte, und was sie nicht konnte, ließ sie liegen. Kein Zetern und Schreien, kein Schlagen half was, sie setzte sich hin, und da blieb sie sitzen, mochten die andern Hunger haben, mochte die Nann weinen oder die Geiß Futter begehren, das Haus vor 85 Schmutz starren, ihr war alles gleich. Nur von Zeit zu Zeit brach sich ihr Unmut Bahn, nicht etwa in vielen Worten, sondern in ganz plötzlichen, unerwarteten Zornausbrüchen, in Schlägen, die sie Anderl versetzte, in kurzen, häßlichen Worten, die sie dem Vater entgegenschleuderte. Es war wie ein wilder, versteckter Haß, der sich Luft machen mußte, ein Haß auf diesen Vater, den nicht einmal ihre schwere Krankheit abgehalten, sie zu quälen und zu verfolgen, der sie, noch halb krank, aus dem Bett hatte reißen und mitschleppen wollen! Wie mußten ihr wohl die Tage des Friedens in der Krankenstube erscheinen, die Tage, wo Rosele bei dem Dämmerlicht, das ihr so wohl tat, bei ihr wachte, wo sie schlafen und ruhen konnte, wann und wie lange sie wollte, wohlbehütet und beschützt! Die Tage, wo sich das Kämmerchen mit all den Gestalten aus den Sagen füllte, die Rosele so schön zu erzählen wußte, wo ihr ein neues Leben aufging, wo sie erst wußte, was es sei um Güte und Liebe. Wie mußte sie Heimweh haben nach den guten Worten und den guten Blicken, die man ihr dort gegönnt, nach der Malseinerin, nach Hansi, der ihr so getreu Gesellschaft geleistet! Gestampft hatte der Hansi, als man sie und die Nann aus der Kammer holte, dem alten Kuchler war er in den Arm gefallen und hatte ihn beschimpft!

Nun war erst recht alles aus; keinen Fuß durfte sie über die Schwelle drunten setzen, und wenn er einen heroben erwischte, sei's wer immer, der kam nicht ohne Denkzettel davon.

So sagte der Vater. Und dazu war er der Mann. Seine Haselstöcke standen wohlgeordnet im Hausgang, die Beile und Hacken hingen daneben, die 86 Messer schärfte er, und er hielt nicht hinterm Berg für wen.

Die Juli ließ er jetzt eher gewähren. »Muaß ihr was blieb'n sein von der Krankheit,« sagte er einmal zu Anderl, als er ihn wieder weidlich gedroschen hatte, und Anderl fragte, warum die Juli nicht mehr geschlagen würde. Der wäre es auch gleichgültig gewesen, wenn der Alte zugeschlagen hätte, es ging alles an ihr vorüber. Ob's draußen schneite oder ob harter Frost war, ob der Wind ums Haus blies oder Regen kam, herinnen blieb das Leben doch dasselbe.

Die kleine Nann wurde in den Ecken herumgestoßen, weil der Vater das Kind nicht sehen wollte und weil es der Juli überall im Weg war und als große Last vorkam, geschwächt und elend, wie sie von ihrer Krankheit war. Und die kleine Nann erforderte viel Aufmerksamkeit gerade jetzt. Überall fing sie an, sich anzuklammern, und überall wollte sie hinkriechen, überall sich hineinzwängen, auf einmal war sie da. Stets schmutzig, stets zerrissen, stets hungrig, gleich weinend, und noch mit den Augen voll Tränen schon wieder lachend. – Anderl konnte es manchmal nicht ansehen, wie barsch die Juli mit dem Kind verfuhr, und wie sie es vernachlässigte. fütterte, wenn es ihr paßte, zu Bett legte, wenn es ihr paßte, wusch, wenn es ihr paßte. Er tat ja was er konnte, aber das war sehr wenig, aufs Waschen verstand er sich schon für sich gar nicht recht, und die zerrissenen Kleidchen konnte er doch auch nicht flicken, so kroch sie halt in Lumpen umher.

Im Frühjahr ging der Vater wieder fort, ohne Abschied, wie immer. In die Tischschublade hatte er etwas Geld gelegt, und ein paar Tage später trieb 87 ein Knecht, der den Kindern fremd war, ein kleines braunes Kühlein zu, das der Kuchler gekauft hatte.

»Wo ischt der Voda hin?« fragte Anderl. Der Knecht, mürrisch und verdrossen, weil er den beschwerlichen Weg hatte machen müssen, ohne einen Schnaps, etwas zu essen oder ein Trinkgeld zu bekommen, zuckte nur mit den Achseln und stieg, ohne sich auszuruhen, bergab.

Der neue Hausgenosse, das braune Kerschei, war ein Ereignis in Anderls Leben. Die Kuh wurde seine Vertraute, seine Freundin, seine Bundesgenossin. Den ganzen Tag würde er bei ihr im Stall zugebracht haben, hätte ihn die Juli nicht an andere Arbeiten geschickt.

»Gell, sie ischt verruckt?« sagte er oft leise und ganz vorsichtig zur Kuh, und die Braune muhte laut dazu; darüber war er froh, auch Kerschei war seiner Meinung, auch sie hielt Juli für verrückt.

»Gell, du magscht sie nit?« fragte er weiter, und wenn Kerschei die Ohren schüttelte, machte es ihm einen Mordsspaß. O, die verstand alles! Und wie sie zuhören konnte! Ob er ihr nun vom Vater erzählte, wie wüst und grob er sei und wie er sie beinahe hätte umkommen lassen, oder von Malsein, wo's die großen, großen Schüsseln und die fetten, fetten Nudeln gab, immer drückte Kerschei Teilnahme, ja Wohlgefallen oder Abscheu in ihrem antwortenden Brüllen aus. Sie kannte ihn schon, die kleine Braune, wenn er zur Stalltüre hereinkam, und stieß einen freudigen Willkommgruß aus; bei Juli rührte sie sich nicht, ja sie war fast bösartig gegen sie, melken ließ sie sich überhaupt nicht von ihr, das durfte nur Anderl besorgen, sonst fing sie an auszuschlagen oder 88 an der Kette zu zerren und stand nicht einen Augenblick ruhig. Anderl dagegen konnte neben ihr sitzen, seinen Kopf auf ihren glänzenden prallen Leib legen, sie wendete sich nur nach ihm um, in einer ganz liebenswürdigen, durchaus nicht feindseligen Art. Dafür putzte und striegelte er auch an ihr herum und hielt sie so fein er nur immer konnte. Mit der andern Kuh war das gar nicht so gewesen, die stand eben den ganzen Tag und fraß und muhte und schlief, und wer sie bediente oder wer sie molk, wer sie schlug oder etwa tätschelte, das war ganz gleich; die war im Kuchlerhause stumpf geworden. Aber Kerschei war temperamentvoll, wählerisch und launisch, hatte genau ihre Sympathien und Antipathien. Da war zum Beispiel die Ziege, die sie nicht leiden konnte, ein falsches, verstecktes und tückisches Geschöpf, das, selbst wenn der eigne Barren voll des schönsten Futters lag, doch noch alle möglichen Manöver machte, um aus Kerscheis Barren zu stehlen. Natürlich stieß Kerschei zu, und nun ging ein jammerndes Gemecker an, das so lange dauerte, bis jemand kam. War es Anderl, so maulte sie nur eine kurze Weile noch fort, denn sie wußte gut, daß er auf ihr Geschrei nichts gab, ihr eher noch einen Stoß versetzte; war's aber Juli, so nahm das Verklagen kein Ende, und sie ruhte nicht, bis Juli dem Kerschei eine gehörige gegeben hatte. Dann schimpfte sie noch eine Zeitlang nach, rieb sich einige Male an der Holzwand und probierte ihre Hörner, aber zuletzt fraß sie behaglich, ja beinahe triumphierend, und wenn sie meckerte, schien es, als lache sie Kerschei aus.

So waren nach und nach zwei Parteien in den Stall und zwei Parteien ins Haus gekommen, 89 denn auch außerhalb des Stalles befehdeten sich die Juli und der Anderl, und es hieß nur »dei Goas« – »dei Kuah«, oder »untersteh di, rühr mir mei Goas an«, oder »laß mir mei Kuah stehen«, »des hat dei Goas getan«, »dei Kuah stößt fort und fort mei Goas.« Auch die Tiere lebten immerfort in Feindseligkeiten und Streit, doch war stets die Geiß die Ursache; Kerscheis Charakter war nobler und lauterer. Es fing den Streit nicht an und verklagte nicht, wenn es selbst die Schuld hatte, wie Julis Geiß es tat.

Etwas Gutes hatte ja Anderls Liebe zu dem braunen Kerschei, er kriegte einen Mordseifer zur Stallarbeit und verstand sich auch nach und nach gut darauf, zwar schnell ging's nicht, das lag eben Anderl viel zu fern, aber er tat alles gründlich. Ein hoch aufgeschossener Bengel war er jetzt, größer wie der Vater, und er machte seinen Katerbuckel nicht nur, wenn der Alte da war, sondern immer, denn er mußte sich überall bücken in dem kleinen Haus, wo alle Decken und alle Türen nieder waren. Es war ihm förmlich eine Erlösung, als der Frühling kam und er draußen zu arbeiten hatte; jetzt konnte er auch das Kerschei hinausführen und es draußen weiden lassen. Wie ein junges Böcklein sprang die kleine braune Kuh herum, aller Hader mit der Geiß war verschwunden; sie grasten in Eintracht, wenn sie auch von Zeit zu Zeit einen kleinen Rückfall hatten und aufeinander losgingen, eines fetteren Weideplatzes oder einer sonnigen Stelle halber, das ging vorüber, das junge Gras, die warme Sonne und die Freiheit waren zu schön. Das fand die Nann auch; sie lebte in schönster Harmonie draußen mit dem lieben Viehzeug auf der 90 Weide, ohne Scheu kroch sie zwischen ihnen herum; kam ihr eines nah, so tätschelte sie nach ihm, und brüllte die Kuh oder meckerte die Geiß, so tat die Nann kräftig mit ohne Unterschied, sie war nicht Partei.

Nur die Juli grämte sich; die Nann war ihr eine stete Sorge. Sie fing zu laufen an und betrieb die neue Fertigkeit, die sie selbst stets in Erstaunen setzte, so emsig, daß man nicht schnell genug hinter ihr her sein konnte. Für sie war noch alles eben, so weit war sie in ihren Erfahrungen noch nicht gekommen; aber da war auf einmal ein Hang, da stand auf einmal ein Baum, und schreiend kollerte sie schon hinunter oder lag zuerst verdutzt und dann brüllend mit einer Beule vor dem Baum. Die Juli sperrte sie oft ein, aber stets kam sie wie durch ein Wunder irgendwo wieder zum Vorschein; hatte sie Anderl herausgelassen oder hatte sie den Weg selbst nach einer andern Richtung gefunden – genug, sie war eben da, strahlend und bereit, das bockbeinigste Kind der Welt zu sein, wenn man sie etwa wieder wegnehmen wollte.

Die alle hatten etwas von der schönen Zeit, die Nann, der Anderl und das Vieh, nur sie, nur die Juli hatte nichts. Sie saß in der ewigen Sorge da, der Vater könnte wiederkommen. Aber niemand kam, nicht einmal ein Fremder oder ein Senner ging an der Hütte vorbei, auch Hansi blieb in Malsein oder arbeitete auf dem Feld, ihnen fern. Vater und Mutter wollten, daß er tüchtig mit anpacke, groß und stark genug war er dazu, beinahe wie ein Sechzehnjähriger. Oft hörte man ihn singen, und jedesmal ärgerte sich die Juli darüber, daß ein Menschenkind so fröhlich sein konnte! Sie war neidisch auf das 91 Glück, das die da drunten hatten, ja, sie fing an, einen Haß auf die Reichen zu kriegen, und selbst wenn sie Sehnsucht hatte nach den schönen Tagen auf Malsein, war stets ein bitteres Gefühl dabei.

An einem schönen Sonntag im Juni, die Nann war schon über's Jahr alt, kam auf einmal Hansi herauf; er sollte die nächsten Tage ›gen Alm‹ ziehen und wollte die Nann nochmal sehen. Fröhlich kam er an, voller Freude, ein grauweißes kleines Huhn mit einem tiefroten Kamm als Geschenk für die Nann unterm Arm tragend. Doch die Nann kannte ihn nicht mehr, strampelte mit Händen und Füßen, wenn er sie nahm, und schrie Zeter und Mordio. Setzte er sie auf den Boden nieder, so lief sie gleich auf die Ecken zu, von ihm fort und blieb mit abgewandtem Gesicht, wie eine Bildsäule, dort stehen. Auch von dem netten grauen Huhn wollte sie durchaus nichts wissen. Es flatterte und schrie, und die Nann riß vor ihm aus oder scheuchte es fort, daß es geängstigt in der Stube hin und her flatterte und erst eine große und lärmende Jagd nötig war, es wieder einzufangen. Das alles ärgerte den Buben, und als ihm die Juli noch sagte, wenn er nur wegen der Nann käme, könne er getrost drunten bleiben, hatte er die größte Lust, das graue zierliche Huhn, das eines seiner Lieblingshühner war, wieder mitzunehmen, doch siegte die Großmut des Reicheren, er schenkte es Anderl und ging beleidigt weg, ohne die Nann noch einmal anzuschauen oder der Juli Behüt Gott zu sagen.

Hatte er sich deshalb dem Schelten von Vater und Mutter ausgesetzt, die es nicht duldeten, daß er zu den Kuchlerischen ging, und denen er doch eingestehen mußte, daß er das Huhn weggegeben hatte, 92 und war er deshalb gekommen und hatte Schläge vom alten Kuchler riskiert, von dem man nie wußte, war er da oder nicht, um sich von der Fremden so behandeln zu lassen?

Er brauchte sie nicht, wenn sie ihn nicht brauchten! Von nun an dachte er nur mit Trotz und mit Härte an die Kuchlerischen und mied sie wirklich ein paar Jahre, und oft noch kam ihm die Reue, daß er die kleine Graue verschenkt hatte. Und aus einem ähnlichen Grunde ließ die Juli dem grauen Huhn keine Liebe angedeihen, sondern stieß es mit dem Fuß weg, wo sie nur konnte. Aber die kleine Henne war eine Diplomatin, sie war dem Anderl, der das Viehzeug sehr liebte, ungemein zugetan, aber sie wußte genau, wer das Brot und die Kartoffeln zu verteilen hatte, und verschwendete alle Aufmerksamkeit an die Juli.

Wo die war, kam sie und dienerte und war ungemein eifrig mit Erzählen und wichtigem Getue, und als sie das erste Ei gelegt hatte und dies der Juli zuerst triumphierend verkündete, auch in der Folge eine sehr prompte und fleißige Eierlegerin blieb, gewann sie Juli, wenn auch nicht ganz, doch so weit, daß sie ihres Fleißes halber und auch zur Aufmunterung recht reichliches Futter bekam. Mit der Nann vertrug sie sich gut, sie spazierte gern um das Kind herum, das stets kleine Bröcklein fortwarf, und wenn es das nicht tat, mahnte die Graue so lange, bis Nann, ihrer Pflicht eingedenk, von ihrem Brote den Tribut abgab. Manchmal, wenn niemand in der Nähe war, führte sich freilich die kleine Henne nicht gut auf. Saß die Nann mit ihrem Stück Brot am Boden und schaute in die Luft, so guckte die Henne sich zuerst sehr vorsichtig nach allen Seiten um und 93 kam dann sehr eilig, mit großen Schritten anspaziert, langte mit vorgestrecktem Halse nach dem Brot, pickte, pickte wieder, natürlich aus gesicherter Entfernung, wie es der Diplomatin zukam, und rannte dann davon, daß ihr Laufen fast einem Wackeln gleichkam, während die Nann dasaß und plärrte, und niemand wußte warum. Am andern Tag waren sie schon wieder Freunde, die schlaue Diebin tat ganz unbefangen, und die Nann war viel zu gutmütig, um Rache zu nehmen. Sie hielten sich wieder beisammen, und die Nann lernte es bald meisterlich, das Gagagagack der Gefährtin nachzuahmen.

Sonst ging es mit dem Reden langsam bei der Nann, niemand gab sich mit ihr ab, es wurde Herbst, und die Hagebutten und die Berberitzen standen schon feuerrot an den Rainen, bis sie so redete, daß man die Worte verstand. Im Winter wollte sie der Anderl lehren, nahm er sich vor, aber der erste Schnee fiel, und er bekam so viel zu tun mit Herunterbringen des Heus von den Städeln, mit Holzziehen, Stallarbeit und Flickerei von Haus und Scheune und Schupfen, die immer baufälliger wurden, daß er die Nann ganz vergaß, zumal ihm jede Arbeit fast noch einmal so viel Zeit kostete wie einem andern und Juli keine Miene machte, ihm zu helfen. Abends war er müde und verdrossen, denn die Juli gab ihm kein gutes Wort, wohl aber viel böse.

Auch im Stall war der Hader wieder ausgebrochen, und die Henne horchte interessiert zu, bald den Kopf auf die eine, bald auf die andre Seite legend; natürlich schlug sie sich zu keinem der Lager, sondern gackerte entrüstet, wenn die Geiß sich beklagte, und tat dasselbe, wenn die Kuh dem Anderl ihr Leid zubrüllte.

94 Der Vater kam jetzt ab und zu heim; sie mußten stets darauf gefaßt sein, daß er draußen seine Schuhe abkratzte. Er blieb ein paar Tage, ging wieder, kam auf eine Woche und verschwand aufs neue. Nie fiel ihm ein, im Haus nach dem Rechten zu sehen, auszubessern, zu flicken an Stall und Scheuer, viel lieber saß er da und rauchte und hielt geheime Zwiesprache mit dem Fläschlein, das er jetzt immer bei sich trug. Einmal nahm er Anderl mit nach Stafflach zum Wein; doch der Bub, der fast nie unter Menschen kam, außer wenn er alle heiligen Zeiten beim Krämer etwas holen mußte, und wie ein verscheuchter Uhu oben hauste, war verschüchtert und aufgeregt und konfus und trank in der Hitze viel mehr hinein, als ihm gut tat, so daß ihn der alte Kuchler kaum mehr heimbrachte.

»Aus dir wird nie koa Mannsbild,« sagte der Alte und nahm ihn nie mehr mit.

*

Die Jahre folgten sich und glichen sich; wenn nicht manchmal Holzzieher am Haus vorbeikamen, oder Leute, die um einen Trunk baten oder um den Weg fragten, weil sie abgeirrt waren, sahen die Kuchlerischen niemand. Die Leute gingen nicht gern in das verlotterte Haus, wo die Kinder in Fetzen herumliefen und alles von Schmutz starrte, oder wo sie der alte Kuchler mit seinen bösen Augen scheuchte. Er war den Leuten vom Dorf in den letzten Jahren ein Fremder geworden; er zog nur mehr weit weg, über Berg und Tal, zur Arbeit, in der Umgegend nahm er nichts mehr an. Der richtige Laninger war er geworden, wie wenn altes Zigeunerblut in ihm 95 in die Höhe gekommen, rebellisch geworden wäre, ruhelos, finster und scheu sahen sie ihn manchmal vorübergehen. Sein Haus kam in Verruf, die ›Räuberhöhle‹ hieß es jetzt allgemein.

Die Juli kam nie ins Tal, sie hatte nichts zum Anziehen, um sich unter den Leuten sehen lassen zu können, und auch Anderl traute sich nur an den Werktagen hinab, denn er hatte nichts wie die alten Kleider, die ihm der Vater daließ, und Sonntagsgewand bekam er keines. Die Leute vergaßen sie, ja, es gab wohl viele, die gar nicht wußten, daß hoch oben im Tal, weit hinter Malsein, noch ein Haus stand, das dem Kuchler gehörte. Aber wenn sie je einmal vorbeigingen und hörten Nanns Jauchzen oder sahen ihren blonden Krauskopf und ihr Gesicht, das rot und weiß blühte, blieben sie überrascht stehen. Daß so etwas aus dieser schwarzen, verräucherten Höhle kommen konnte!

 

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