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Anna Croissant-Rust: Die Nann - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nann
authorAnna Croissant-Rust
year1935
firstpub1906
publisherGebr. Richters
addressErfurt
titleDie Nann
pages287
created20140102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5

Die Neujahrsnacht hatte wieder starken Frost gebracht. Die Wege waren spiegelglatt, und Eiszapfen hingen an Häusern und Bäumen, am Bachbett und von den Gesträuchen herunter.

Auf Malsein rüsteten sie sich zum Kirchgang, das heißt der Bauer und die Knechte, denn der Weg war so schlecht, daß man nur mit Steigeisen und dem Stock mit dem eisernen Stachel sich hinuntergetrauen konnte; das war kein Weg für Weiber, die sollten nur heut zu Hause bleiben.

In der großen Stube waren die drei Knechte, 59 der Blasi, der Michel, und der dritte, den sie nach seiner Heimat, dem Pustertal, den ›Puschterer‹ nannten, eben dabei, ihre Sonntagstoilette zu beenden; das will sagen Blasi und Michel, während der ›Puschterer‹ schon fix und fertig auf der Bank saß. Blasi, der Jüngste, war stets am spätesten fertig und wichste auch jetzt noch mit dunkelrotem Gesicht, unter Pusten und Schnauben und Spucken, die Stiefel, die er schon an den Füßen hatte. Michel dagegen war beschäftigt, vor einem Stück zerbrochenen Spiegels, das er in die Fensterecke lehnte, seine Frisur in Ordnung zu bringen. Das dauerte lange und hielt schwer, denn der Haarwuchs war spärlich und die unbedeckte Fläche groß, und es gehörte schon eine gewisse Virtuosität dazu, es so zustand zu bringen, daß nicht allzuviel Haut zwischen den einzelnen Strähnen durchsah. Als das Kunstwerk so weit gediehen war, daß es unmöglich eine höhere Stufe der Vollendung erreichen konnte, kam der Bart daran. Bei dem bestand die Schwierigkeit darin, ihn, der wie zwei harte Drähte links und rechts von der dicken roten Nase abstand, noch spitzer und dünner und steifer zu drehen. Bei dieser Prozedur sah der ›Puschterer‹ aufmerksam und mit sachgemäßem Interesse zu. Das Zuschauen war überhaupt seine liebste Beschäftigung.

Mit seinem gutmütigen rotbraunen Gesichte, dem dicken schwarzen Schnurrbart, dem stets lachenden Mund und den schlauen Äuglein, mit seinem bedächtigen, langsamen, wortkargen, stets zufriedenen Wesen war er das Gegenteil des rotblonden kleinen und raschen Michel, der stets in Bewegung war, immer schimpfte, immer pfiff und mit nichts in der Welt zufrieden war.

60 Natürlich gab's stets Streit zwischen den beiden. Dem Puschterer waren alle Weiber gewogen, trotzdem er nicht viel mit ihnen redete; er durfte sie nur mit seinen braunen Augen anzwinkern, so konnte er sie schon um den Finger wickeln. Der Michel dagegen gab sich alle Mühe mit ›Plauschen‹ und Schöntun und konnte sich nicht genug ›Gewand‹ und Halstücher kaufen, um zu gefallen; war aber der ›Puschterer‹ in der Nähe, schaute sich gewiß keine nach ihm um.

Schon deshalb hatte er einen Groll auf den Puschterer und suchte immer Streit, obwohl es nie gut für ihn ausging, denn der große Puschterer stritt sich nicht lange ab, mit dem Munde zog er den kürzeren; aber wenn der Michel gar zu giftig wurde, kam er ihm eben handgreiflich, und seine Hand fürchtete der Michel. Er war feige und hinterlistig, und wäre der Puschterer nicht schon viele Jahre im Haus und ein entfernter Verwandter der Frau gewesen, Michel hätte ihn schon längst verschwärzt.

Mit Blasi war das ein andres; er war der jüngste, durch und durch unbeholfen, diente auch noch nicht lange und hatte immer noch Heimweh nach der Mutter und dem Zillertal. Er fürchtete den Michel, auch mit dem wortkargen, etwas spöttischen Puschterer konnte er nichts anfangen. Er hielt sich lieber zu den Dirnen, und da war es vor allem die Kuchler-Moidl, an die er sich gemacht, seit sie von der Alm heruntergekommen war.

Die sah allerdings den großen starken Puschterer lieber, den Blasi behandelte sie mehr zänkisch, doch zuzeiten auch nicht ungut, etwas spielerisch, während 61 sie mit den Dirnen nicht auskam; den ganzen Tag stritt sie mit ihnen, meistens der Arbeit wegen, denn die war ihr ein Greuel.

Sie war so faul, daß sie sich nicht einmal waschen noch kämmen mochte; am liebsten drückte sie sich bei den Knechten herum, immer schreiend, immer lachend, immer mit losen Reden; ›Plotschl‹ hieß sie der Puschterer, denn sie war mit ihren siebzehn Jahren dick und breit geworden auf Malsein, ganz gegen die Kuchler Art. Breithüftig und breitspurig im Gang, schwerfällig und voll strotzenden Lebens, war sie ganz aus der Art geschlagen.

Die Malseinerin hatte ihr für Lichtmeß gekündigt, es war mit der Dirne nicht auszuhalten. Der erste Streit, den sie mit dem Bauern hatte, weil sie der Moidl den Dienst versprach, war nicht der letzte geblieben. Wirklich hätte sie besser dem Bauern gefolgt und den ungebetenen Gast nicht in den Dienst genommen. So mußte sie den Zorn des Malseiners sich austoben lassen, ganz still sein, alles hinunterschlucken wie immer, wenn er einmal aus der Fassung kam und rabiat wurde, denn dann kannte er sich nicht mehr; sie mußte es der Zeit überlassen, daß er sich an Moidl gewöhne. Zuerst räumte sie die Dirne weg, sie wurde auf die Alm geschickt, dem Herrn aus den Augen; aber sobald sie wieder herunterkam, ging's aufs neue an, und zwar half gar nichts bei ihr. Den ganzen Tag war Hader und Zank und Lärmen, ein ewiges Türenzuschlagen, rohe Worte, wie sie's zu Haus bei der Kathl gewohnt war, und immer gab es Geschrei und Gekicher und Gelächter mit den Knechten. Wo sie war, konnte die Bäuerin sicher sein, daß nicht gearbeitet wurde; entweder sie stritt mit 62 den Mägden oder sie neckte sich mit den Knechten, das war man in Malsein nicht gewohnt.

Heute stand sie in der Küche und maulte, ließ die Unterlippe hängen und schimpfte über die Bäuerin, die sie nicht mit in die Kirche gehen ließ.

Die zwei andern Dirnen, das Moidl, das man zum Unterschied von ihr das Vinaderser Moidl hieß, eine hagere, blonde, junge Person, und das große, robuste, ältliche Rosele, schnitten die Semmeln zu den Fleischknödeln auf und ließen die Moidl sich ausschimpfen. Sie durften ja auch nicht gehen, und es war keiner eingefallen, sich so zu erzürnen wie die Moidl!

»Weil d' halt amal a biss'l a G'wand hascht, mögscht di gern anschaug'n lass'n!« sagte endlich das Vinaderser Moidl, das ein spitzes Zünglein hatte.

»I g'fall mit mein drecket'n G'wand decht 'n Leuten no besser wia du mit dein schön'n,« erwiderte die Moidl, sich wohlgefällig über die Hüften streichend.

»Da herinnen wird g'stritten und in der Stuben wird g'stritten,« zankte die Bäuerin, unter der Türe stehend, »no nia woaß i's a so im Haus, an Elend ischt's, und Zeit ischt's, daß a paar fortkemmen.«

Heute hatte sie es endlich erreicht; der Malseiner wollte dem Michel kündigen. Schon lange war auch er ihr ein Dorn im Aug' gewesen, sein wüstes Getu und Gestreit konnte sie nicht leiden, mochte er zehnmal ein guter Arbeiter sein, was half es denn, wenn er die andern fortwährend durcheinanderbrachte? Zäh war es gegangen, sie hatte wochenlang davon reden müssen, immer tropfenweise und mehr gleichgültig, mehr nebenbei, sonst hätte sie es gleich verspielt gehabt; beim viel und heftig Reden kam beim Malseiner nichts heraus, da schnitt er gleich die Rede ab, und 63 aus war's für immer. Aber ein paar Worte so beiläufig einfließen lassen und dann weggehen, daß sie von selber bei ihm weiterarbeiten konnten, das war die rechte Methode, das half. In ihrer vierzehnjährigen Ehe war sie endlich daraufgekommen, hart kam sie's manchmal an, denn es ging gegen ihr Temperament, und manchmal hatte sie auch ihre hitzigen Rückfälle und verdarb wieder alles.

Beinahe wäre es mit der Moidl schief gegangen, weil sie drängte, beim Michel war es aber ein desto vollkommenerer Sieg. Der Bauer schien fest entschlossen, ihn wegzutun, das ewige wüste Gestreit ging ihm endlich selbst wider den Strich.

Wie sie wieder schrien in der Stube, man konnte die heisere Stimme Michels bis hieher hören! Natürlich war die Moidl schon hingerannt, um ja nichts zu überhören, das ging vor dem Waschen und Kämmen, das lief ihr ja nicht davon! Kopfschüttelnd und ärgerlich ging auch die Bäuerin in die Stube.

Michel suchte seine Steigeisen und konnte sie nicht finden. Sofort fing er sein gewohntes Geschimpfe an:

»Raaber, G'sindel, Laninger! Davon habt's es, nix ischt sicher vor enk! In koan Haus ischt mir was wegkemmen, g'rad da und g'rad da alleweil.«

Blasi beteuerte, noch immer mit Wichsen beschäftigt, ganz eindringlich, fast weinend, seine Unschuld.

»Ischt mir gleich, na hat sie der andere durch!« schrie Michel.

»Sagscht des no amol?« fragte der Puschterer ruhig.

»Oamal, zwoamal, zehnmal, so oft du's hören willscht!«

64 Da war der Puschterer schon in der Höhe, langte aus, und mit einem Schlag flog dem Michel der Hut vom Kopf und er selbst in die Ecke. Die ganze schöne, mühsam gepappte Sonntagsfrisur war verdorben. Darauf setzte der Puschterer sich wieder umständlich nieder, er hatte nicht einmal die Pfeife aus dem Mund genommen.

»Ja was ischt denn des wieder? Schöne Christen seid's, 's Neujahr fangt gut an,« rief die Bäuerin aus, die gerade noch sah, wie sich der Michel aus der Ecke aufrappelte. »Wenn des 's ganze Jahr so fortgeahn soll –«

»Des geaht nit so fort,« sagte der Bauer, der eben aus der Kammer kam, »jetzt hab i's gnua, der Michel ischt am längschden bei uns gwesen.«

»Ischt des dein Ernscht, Malseiner? Mir ischt's grad recht, in an solchen Haus –«

»Spar deine Reden,« drohte der Bauer. Der Puschterer hatte die Pfeife aus dem Mund genommen. »Spar sie, es ischt aus.«

»Aus ischt's, aus ischt's, mir ischt's recht, grad recht, ganz recht ischt's,« tat der Michel giftig, »froh bin i, grad recht ischt's mir,« er machte sich immer näher an die Türe, »wenn oan 's Sach g'stohlen wird.« Da wollte er schnell hinaus, war doch der Puschterer wieder aufgestanden.

Auf der Schwelle stieß er mit dem Leithner zusammen, der draußen seine Steigeisen abgeschnallt und den Schnee von den Schuhen geschüttelt hatte.

»Bei enk geahts ja recht luschtig zu,« meinte er im Eintreten.

»Ja kimmscht du auffer heut?« fragte der Malseiner.

65 Das war wohl verwunderlich; der Leithner war zwar der nächste Nachbar, immerhin brauchte man fast eine halbe Stunde zu ihm hinunter, und zudem hätte er, wäre etwas zu bereden gewesen, es beim Kirchgang tun können, denn er mußte wohl annehmen, daß irgend jemand von Malsein am Neujahrstage hinunterging nach Jodok.

»Ischt epper krank bei enk?« fragte die Bäuerin.

»Na,« sagte der Leithner bedächtig, »aber an unsriger Knecht hat sich gestern z'nachts verspätet beim Holzziehg'n, er hat g'sehg'n, daß s' beim Kuchler oben a groß Fuier anzündt hab'n, heut z'morgets sagt er's erscht, der Lapp; fahlt was, da müass'n wir geahn nachschaug'n.«

»Was? A Fuier? Habt's war g'sehg'n?« fragte der Malseiner.

Alle verneinten.

»I schon,« sagte die Moidl.

»Warum sagscht denn nix?« schrie sie der Puschterer an, der auf einmal rabiat geworden war. »Saggt sie's nit und sein seine G'schwister.«

»Da war' ja decht der alte Kuchler awerkemmen,« meinte die Malseinerin.

»Ja, ball er da ischt,« sagte der Leithner.

»Ja, ischt er nit dahoam?« fragte sie wieder.

»I woaß es nit, er mag aa krank sein.«

»Un der kloan Anderl?«

»Ja mein, Malseinerin, der! Und der Weg ist so viel schlecht.«

Ja, der Weg war wirklich »so viel schlecht«. Die Männer kamen nur langsam vorwärts.

»A deiflischer Weg ischt's«, fluchte der Puschterer, der sich gleich dem Leithner und dem Malseiner 66 angeschlossen hatte, während Michel und Blasi in die Kirche gingen.

»Liabe Frau, i will sehg'n, wie lang mir brauchen bis da auffer,« sagte der Leithner pustend.

Der Puschterer mußte sogar Stufen hauen, so vereist war es stellenweise; gut, daß er die Axt doch mitgenommen hatte; der Michel wollte sich ausschütten vor Lachen darüber.

»Macht's a Gletscherpartie?« fragte er höhnisch.

Von Zeit zu Zeit ging die Schnapsflasche um, welche die Bäuerin noch vor dem Aufbruch gebracht; das tat gut, denn es wehte eine scharfe Luft, und man mußte immer wieder rasten, heiß, wie man von der Anstrengung des Steigens war. Wie nah lag Malsein noch und wie weit das kleine Kuchlerhaus! Jetzt waren sie endlich um die Biegung und konnten es wenigstens sehen. Rauch stieg keiner auf.

»Wer woaß, was es droben gibt,« sagte der Leithner.

»Ja, hätt' i des denkt, lang wären mir schon gangen nachschaug'n«, sagte der Malseiner, »siehgscht ja die Hütt'n nit von uns aus, und woaßt scho, wia der Anderl is. Der schmeißt di glei außer bei der Tür.«

»Sind ja zwoa Mannsbilder oben,« meinte der Leithner.

»Zwoa Mannsbilder! O mei, Leithner, der Bua wird nia koan Mannsbild.«

»Wia ma da auffer hat bauen kinna!« fluchte der Leithner, »der muaß decht narret g'wesen sein!«

»Und steaht decht schon so lang!« meinte keuchend der Malseiner. Er hatte es immer im Winter mit dem Atem zu tun, weil er zu wenig hinauskam und zu dick wurde.

67 War das eine Steigerei! Schon über eine Stunde waren sie unterwegs; sonst konnte man es leicht in einer Dreiviertelstunde gehen, und jetzt schien das kleine Haus so weit von ihnen entfernt zu liegen, wie wenn sie es nicht mehr erreichen könnten.

»Ischt decht a Hoamatl,« sagte der Puschterer, immer noch zäh am vorigen Gespräch festhaltend; es hatte ihn gewurmt, daß die zwei Bauern im Gefühl ihres Besitzes so verächtlich von der ›Hütten‹ sprachen.

»A Hoamatl? Ja, und was für oans!« spottete der Leithner wieder.

Ja, der hatte gut spotten! Der Knecht wäre froh gewesen, einmal eine solche Heimat zu haben! Das dünkte ihm viel feiner, wie sein Leben lang den Knecht machen, obwohl ihm in Malsein nichts abging.

»A Hoamatl ischt a Hoamatl,« sagte er hartnäckig; da sie aber soviel mit dem letzten Teil des schwierigen Weges zu tun hatten, achteten die zwei andern nicht weiter auf seine Worte.

Endlich waren sie oben; der Malseiner nahm sich gar keine Zeit zum Ausschnaufen, obwohl er schrecklich keuchte, sondern drückte gleich auf die Türklinke. Das Haus war verschlossen.

»Ischt neam'd dahoam?« sagte der Puschterer mit einem Versuch, Spaß zu machen, es war aber allen dreien nicht recht spaßhaft zumut.

Der Malseiner klopfte, rüttelte an der Türe, pochte mit den Fäusten dagegen, sie schrien alle drei: »Kuchler, Anderl, Kuchler-Anderl, mach auf!« Nichts rührte sich. Doch da meckerte die Geiß im Stalle. »D' Goas ischt decht dahoam,« lachte der Puschterer, und plötzlich fing die Nann zu weinen an, ganz dünn klang das Stimmlein durch die Fenster.

68 »Die Nann reahrt,« sagte der Malseiner, »habt's es g'hört?«

Sie gingen nun ums Haus, aber die roten Vorhänge waren vorgezogen, und so konnten sie nicht durch die Fenster sehen; die hintere Türe aber gab nach, nun waren sie endlich im Haus, doch die schweren Tritte der Männer weckten niemand drinnen, nur die Nann weinte fortwährend. Neugierig hatte der Leithner zuerst in die Küche gesehen.

»Jess's Mannder!« schrie er, er hatte die tote Kuh entdeckt.

Kopfschüttelnd und langsam gingen sie vorwärts. Sie redeten jetzt nicht mehr laut, nur leise, es war eine eigne Scheu über sie gekommen, ja der Malseiner wollte nicht mehr vorausgehen und ließ den Leithner die Stubentüre öffnen. Zuerst glaubten sie zwei Leichen zu sehen, und der Puschterer nahm unwillkürlich seine Pfeife aus dem Mund; aber als sie die Vorhänge zurückgezogen hatten, bemerkten sie, daß Anderl nur schlief; auch die Juli rührte sich.

»Ja, Juli,« rief der Malseiner, »mir sein's ja, kennscht du uns denn nit?«

Aber sie schloß gleich wieder die Augen.

»Das Madl ischt krank, und recht krank,« sagte der Leithner, und der Puschterer meinte trocken:

»Aber der nit, der schlaft und ischt nit zum Derwecken!«

Endlich hatte er den Anderl aufgerüttelt; er hatte ihm ein bißchen Schnaps gegeben und ihm die Schläfen damit eingerieben, nun fing der Bub stotternd zu reden an, es stieß ihn dabei, er schämte sich freilich vor den Männern, aber es half nichts, er mußte weinen. Nach und nach beruhigte er sich und 69 konnte ihnen ruckweise, immer noch von Schluchzen unterbrochen, alles erzählen.

»Ja, bleib'n könnt's nit da heroben, müßt's zu uns,« sagte der Malseiner.

»Pack ma's auf,« entschied der Leithner.

Der Puschterer, der nicht gern zuviel redete, hatte schon eine Tragbahre im Schupfen entdeckt.

»Geaht besser wiar a Schlitten,« meinte er.

»Mir nehmen jetz die Juli und die Nann und du bleibscht da,« sagte der Malseiner zu Anderl, »nachher kemmen mir wieder und holen di.«

Aber Anderl fing zu schreien an. Um keinen Preis der Welt blieb er allein heroben, lieber kroch er auf allen vieren mit; er schaute sich ordentlich scheu im Zimmer um, das freilich unheimlich genug aussah in seiner wilden Unordnung, mit der Kranken auf der Bank.

»Müass'n mir erscht sehg'n, wia's tuat,« entschied der Leithner.

Nachdem sie Betten und Decken zugetragen und zurechtgelegt hatten, betteten sie die Juli vorsichtig auf die Bahre, und die kleine Nann, dick in Tücher, Bettstücke und Decken gewickelt, ihr zu Füßen. Eingeschüchtert und wie stumm vor Schrecken war sie zuerst ruhig, dann fing sie aber zu schreien an und schrie den ganzen Weg, wie wenn sie am Spieß steckte.

Der Puschterer und der Malseiner trugen die Bahre, der Leithner mußte Anderl führen, und er hatte sein Kreuz mit dem matten Buben. Er mußte ihn stützen, heben, ja streckenweise sogar halb tragen. Das war ein gar mühseliger Abstieg, viel, viel schlimmer als der Aufstieg, und der Puschterer fluchte, man verstand ihn schwer, denn er hielt die Pfeife fest 70 zwischen den Zähnen: »An solchen Weg woaß i decht nia niacht.«

»I woaß es aa nit; seit i denk', is nit a so zuaganga; alleweil hat mer no auffer und awer kinna vom Kuchlerhäusl.«

Als sie nur mehr ein paar hundert Schritte von Malsein weg waren, fing Anderl plötzlich an zu jammern und zu schreien: »Die Goas! Die Goas!« Er wollte durchaus umkehren und sie holen.

»Mei Bua, reahr nit, mir holen sie scho,« beschwichtigte der Leithner.

»Jetzt ischt die Kuah hin, wenn die Goas aa no' hin ischt –« und bockbeinig blieb er auf der Stelle stehen und wollte keinen Schritt mehr machen, bis sie grob mit ihm wurden und ihn dadurch einschüchterten.

*

In Malsein war schon lange zum Mittagmahl gedeckt; in der großen Stube stand der runde Tisch bereit für den Bauern, die Bäuerin, den Leithner und den Hansi, während der Puschterer mit den Dienstboten in der Küche essen sollte; aber die Männer waren noch nicht zurück. Blasi war sogar schon von der Kirche gekommen, und noch immer sahen sie niemand. Die Malseinerin ging unruhig von Fenster zu Fenster; sie war eine resolute Frau und hatte sich wohl überlegt, was da oben passieren konnte, und doch wurde es ihr ein wenig bang, weil es gar so lange dauerte, bis sie kamen. Natürlich ließ sie das die Dienstboten nicht merken, die unschlüssig umherstanden, die Moidl schimpfend, daß sie so ewige Zeit auf das Essen warten mußten. Sie hatte sich jetzt gewaschen und gekämmt, sogar eine reine Schürze 71 vorgebunden, über die sich aber schon ein breiter schmutziger Streifen zog, weil sie die Gewohnheit hatte, sich überall anzulehnen. Sie war zänkisch und mürrisch aufgelegt. Der Puschterer war fort, der Michel noch nicht zurück, er saß im ›Lamm‹ in Stafflach – so hatte wenigstens Blasi gesagt – und trank ein Viertel nach dem andern; der Blasi kümmerte sich auch nicht um sie, sondern schaute mit den andern zum Küchenfenster hinaus. Was da wohl zu schauen war? Was die wohl von da oben bringen würden? Gutes nicht, denn Gutes konnte aus dem Haus, wo der alte Kuchler-Anderl war, nicht kommen. Sie sagte nie mehr der ›Voda‹, sondern wie die andern: der Kuchler, oder der Anderl, wenn sie überhaupt von ihm reden mußte.

»Sie kemmen, sie kemmen!« schrie auf einmal Hansi und kam die Treppen heruntergepoltert, »sie tragen eppes, und der Anderl, scheint mir, ischt aa dabei.« Er war zuhöchst hinaufgestiegen, wo man vom Dachfenster aus ein gut Teil des Weges übersehen konnte. Nun rannte er, was er nur konnte, den Männern entgegen, und war auch richtig der erste wieder in der Stube, die kleine Nann auf dem Arm.

Als die Männer mit der Bahre nachkamen, erschrak die Malseinerin sehr; zwar sagte sie kein Wort, aber sie war blaß geworden, doch fand sie schnell das Richtige. Die Kranke wurde in der Stubenkammer untergebracht, die Nann blieb vorläufig in Hansis Obhut, und Anderl wurde trotz seines Protestes ins Bett gesteckt und ihm vor allem ein tüchtiger Kaffee gemacht. Seufzend trabte er mit Blasi ab; er hatte den schön gedeckten Tisch gesehen und hätte sich zu gern mit den andern darangesetzt. Die aßen nun in 72 Gemächlichkeit, nach und nach der Malseinerin den Hergang erzählend, für ihr Temperament viel zu langsam und viel zu umständlich. Sie hatte fortwährend zu fragen, gerade wie Hansi beständig zu horchen hatte, die Männer wußten ihr viel zu wenig, und Anderl mochte sie vorderhand nicht ausfragen, der sollte zuerst fest essen, seine Ruhe haben und schlafen, dann konnte er reden. Den Leithner schien es schier zu verdrießen, daß man wegen der Kuchlerischen so viel Wirtschaft machte:

»Jetz werd's bald die ganzen Kuchlerischen herinnet hab'n,« sagte er boshaft, »a nett's Neujahrsg'schenk.«

»Ischt mir nit z'viel,« sagte die Malseinerin, mit der das Temperament wieder einmal durchging, »wenn's aa nit a jeder a so g'macht hätt', es ischt decht Chrischtenpflicht.«

»Und ischt ja die Nann da, schau, Leithner, jetzt hab' i a kloans Schwesterl, i gib's glei nimmer her!«

Wie eine Kindsmagd verstand es Hansi, sich mit der Nann abzugeben; er hielt sie auf dem Schoß und fütterte sie, und sie lachte und patschte mit ihren dicken Händchen auf seinem Arm herum.

Als der Doktor noch spät am Tag heraufkam – der Leithner hatte sich beim Fortgehen erboten, ihn zu schicken –, fand er die Juli in einem leichten Nervenfieber, überhaupt sehr heruntergekommen und geschwächt; er schüttelte bedenklich den Kopf, da mußte eine Person her, die verständig und verlässig war, denn sie brauchte viel, viel Pflege. Anderl sollte nur warm gehalten und gefüttert werden, ihm fehlte eigentlich nichts, und die Nann war kerngesund und erfüllte, als ihr Hunger gestillt war, das ganze Haus 73 mit fröhlichem Gekreische. Hansi war immer hinter ihr drein; er hielt sie am Rock, wenn sie krabbelte, und schrie »hü!« und »hott!« wie bei einem Pferdchen, daß sie gar nicht aus dem Schreien und Lachen herauskam; er schnitzte ihr Pferde und Kühe, nach denen sie tappend griff, er trug sie auf dem Arm umher und schwang sie hoch in die Luft, er wiegte sie und schläferte sie ein, er war nur mehr für die Nann da.

»Zu gar niacht mehr kannscht den Buam brauchen,« grollte die Malseinerin.

Der Malseiner zuckte mit den Achseln.

»Was willscht machen? Verkemmen kannscht sie decht nit lassen.«

Im geheimen freuten sie sich alle beide über das kleine blonde Mädel, das so viel Leben und Freude ins Haus brachte. Mit Anderl war freilich nichts anzufangen, er hockte da und dort herum, half da und dort mit, ein bißchen füttern, etwas tragen, aber eine richtige Arbeit packte er nicht an. Dabei war er noch so schreckhaft, daß er beim Dunkelwerden nicht aus der Stube, geschweige denn aus dem Haus zu bringen war. Am liebsten hockte er noch bei Blasi, der war auch so ein Trübseliger wie er selbst; stundenlang konnten sie sich gegenübersitzen und nichts reden, beide die Pfeife im Maul und mächtige Rauchwolken ausstoßend.

›Hilfe bist du mir gewiß keine,‹ dachte die Malseinerin und war oft rechtschaffen zornig über Anderl, weil er ihr zuzeiten nur im Wege herumging. Moidl fauchte ihn an wie jeden andern, wie jeden Fremden; sie fragte nach nichts, sie redete nichts mit ihm, sie stieß ihn, wenn er sinnierte, und wollte er etwas fragen, so ging sie von ihm fort, wie wenn sie nichts gehört hätte.

74 Zuerst hatte man daran gedacht, ihr die Pflege Julis anzuvertrauen. Aber da hatte sie gleich aufbegehrt:

»Nachher geh' i glei, derentweg'n bin i nit im Dienst,« und zudem war ihr Wesen zu laut und grob und fahrig für die Kranke. Zum Glück war jetzt gerade nicht viel zu tun, und man konnte das Rosele nehmen. Das saß nun Tag für Tag drinnen und wachte auch so manche Nacht.

Das Hauswesen ging weiter wie vorher, die Mägde plapperten und zankten, die Knechte stritten und scherzten mit Moidl, Blasi und Anderl schwiegen sich an, und Hansi tollte mit der Nann, in die Kammer mit den dicken Mauern drang kaum ein Ton des Lebens draußen; man hörte nur das Schnurren des Rades, wenn das Rosele spann, oder einen Ausruf Julis, wenn sie das Fieber wieder packte. Von den andern Hausbewohnern durfte niemand hinein, der Arzt hatte es streng verboten. Nach einer Woche war das Allerschlimmste vorbei, Juli hatte wache Augenblicke, sie wußte jetzt, wo sie war, sie wollte reden, wenn die Malseinerin oder der Doktor kamen, aber sie war noch viel zu schwach und mußte den Versuch gleich wieder aufgeben. Mit dem Gesundwerden ging es noch sehr langsam bei ihr, und Roseles Rad schnurrte noch viele, viele Tage in der Kammer. Nach und nach kam auch Hansi herein, nachdem er erst die Scheu vor der Kranken überwunden, nur die Nann mußten sie noch fernhalten, weil sie die Juli stets unruhig machte.

Als Juli anfing, allen Dingen ringsumher Aufmerksamkeit zu schenken, schwätzte das Rosele ab und zu gleichgültige Dinge: vom Wetter draußen, das noch immer grimmig genug war, von ihrer zweiten Heimat, 75 Vent im Ötztal, und wie sie nach Malsein gekommen, als der Bruder Kurat gestorben war, von der Bäuerin, die sie noch als ein armes, bildsauberes Diandl gekannt hatte, auch von Hansi, wie lieb und herzig er als ganz kleines Büblein gewesen, obwohl er damals schon einen harten Kopf hatte – von den letzten Wochen aber, vom alten Kuchler und dem Kuchlerhäusl durfte sie nicht reden, wenn sie die langsam Genesende nicht aufregen wollte. Da das Rosele aber so lange Zeit ganz gegen seine Gewohnheit hatte schweigen müssen, es auch außerdem voller Schnacken und Schnurren steckte, ging's allmählich aus einem andern Ton.

Das merkte der Hansi bald, und jeden Abend zur Dämmerstunde schlüpfte er in die Krankenstube und horchte mäuschenstill zu, was das Rosele alles zu erzählen wußte. Schier unerschöpflich schien der Vorrat. Die alte Magd war nicht umsonst lange Zeit ›Häuserin‹ bei ihrem Bruder, dem Kuraten in Vent, gewesen. Was sie dorten in der wilden Einsamkeit des langen Winters gelesen und was ihr der Kurat alles erzählt hatte von der Geschichte Tirols, von den Taten seiner Helden und seinen berühmten Männern, von seinen vielen launigen und schönen Sagen, kam ihr nach und nach alles wieder, und das erzählte sie den Kindern. Es machte sie ganz stolz, daß Hansi, der sonst keinen Augenblick stillsitzen konnte, so ruhig, ja förmlich versunken zuhörte und gar nicht genug kriegen konnte und jeden Tag wieder bettelte: »No oans.« Es erhöhte ihr Selbstgefühl ungemein, ja es gab ihr ein gewisses Übergewicht, daß sie sich vor dem Buben ihres reichen Dienstherrn etwas rühmen konnte, was jene nicht besaßen; sie blähte sich förmlich auf, ihrer 76 Rede immer mehr Schwung verleihend, machte Versuche, Hochdeutsch zu sprechen, und verstieg sich sogar dazu, ihre Vorträge mit wirkungsvollen Gesten zu beleben, besonders ihre vaterländischen Vorträge. Sprach sie vom Andreas Hofer, dem Sandwirt aus dem Passeier, dem tapferen Tiroler Helden, oder von dem treuen Speckbacher und dem Pater Haspinger, von den mörderischen Schlachten am Berg Isl und den Siegen der begeisterten Schar, so nahm sie ordentlich einen pathetischen und kriegerischen Ton an und hörte zu spinnen auf, um mit ausgebreiteten Armen von dem Tiroler Freiheitsdrang und der Tiroler Heimatliebe reden zu können. Sie hatte auch die Denkmäler der drei Freiheitshelden in der Hofkirche in Innsbruck gesehen, wo die vielen eisernen ›Mannder‹ standen, von denen sie aber nichts weiter wußte, als daß auch ›Weiwetn‹, Weibsbilder, darunter waren, wahrscheinlich alles miteinander ihrer Schätzung nach ›hohe Herren‹ und ihre Frauen.

Sprach sie vom Tode Hofers in Mantua, so konnte sie sogar schluchzen und dem Hansi mit gerührter Stimme raten, ja den schönen Abschiedsbrief Hofers an die Seinen zu lesen, wenn er einmal nach Steinach zum »Nagele«, dem jetzigen »Steinbock«, käme; im Andrä Hofer-Stüberl war er zu sehen, und das Stüberl war noch genau so wie zu Hofers Zeiten und sein Bild hing auch da, ganz so hatte er »ausg'schaugt, gewiß und wahr!« Das hörte Hansi alles sehr gern, nur gegen den Tod Hofers protestierte er jedesmal, sogar leidenschaftlich, und sagte stets: »I hätt' mi nit derschießen lassen!«

Noch viel, viel lieber hörte er jedoch von den kleinen Bergmännchen und Gnomen erzählen, die ihr 77 Wesen in früheren Zeiten in Tirol getrieben hatten. Das waren schlaue Wesen, die unter dem Schönberg an der Sill hausten und dort allen Goldstaub auffingen, den die Sill von den Bergen herunterschwemmte und manchmal dort zu einem gleißenden Goldsee aufstaute. Hatten sie genug in ihren Höhlen, so verwandelten sie sich in gewöhnliche Menschen und verjubelten nach Art der Menschen den Mammon in den Städten. Das heißt, sie ließen sich zu essen geben, was gut und teuer war, warfen mit Karten und Würfeln in den Wirtshäusern herum und tranken besonders so viel ›Rötel‹, daß sie schwer bezecht in ihre Schlupfwinkel zurückkamen. Das war aber nun ein Jammer und ein Elend! Sie hatten sich in großgewachsene Menschen verzaubert, und ihre Höhlen waren viel zu eng und zu klein für ihre ungeschlachten Glieder! Auch die Zauberformel hatten sie in ihrem Räuschlein vergessen, so mußten die armen Wichte in der kalten Nacht am Ufer der Sill liegen und gottserbärmlich frieren, bis die bösen Mächte des Weins wichen und sie sich wieder in kleine Gnomen verzaubern konnten. Aus Rache plagten sie dafür die Menschen, besonders die Bergknappen, denen sie so wie so nicht grün waren, weil sie ihnen alles Silber und Erz und alle funkelnden Steine fortschleppten. Sie führten die Knappen im Nebel irre, oder leiteten die Bergleute in alte Stollen, aus denen sie manchmal tagelang nicht herausfanden. Noch heute konnte der Hansi, wenn er auf die Malseiner Alm hinaufstieg, an den Tarntaler Köpfen die vielen kleinen Löcher sehen, durch die die Wichtlein mit ihren Grubenlichtern schlüpften! Gewiß und wahr!

Der ärgste Fallot aber, der, der dem Hansi den 78 größten Spaß machte und von dem er immer wieder erzählt haben wollte, war der Spukgeist, der am Schellenberg in der Zirogenwand gehaust und dort ein sehr vergnügliches Metier betrieben hatte. Zogen starke Rosse eine schwere Fracht über den steilen Schellenberg, oder schob ein armes Lötterlein seinen Karren schweißtriefend hinauf, so verstand es der Kobold, sich hinten anzuhängen und die Räder geradezu an den Boden festzunageln, daß die Leute schreiend und schimpfend, manchmal sogar heulend bei ihrem Gefährt standen, das sie stundenlang nicht von der Stelle brachten. Hatten sie's aber glücklich oben, so gab er ihm einen Ruck, daß es über den Berg nur so hinuntersauste, und die armen Hascher Reue und Leid machten, weil sie meinten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Nachdem der witzige Zwerg jahrelang sein Handwerk ausgeübt hatte, nahm ihn ein mächtigerer Zwerg beim Ohr und führte ihn in die Verbannung nach der Zirogenwand. Dort heult und winselt er noch heutigentags jedesmal, wenn ein Gefährt über den Schellenberg fährt, und springt in seiner Höhle, die er nicht mehr verlassen kann, vor ohnmächtiger Wut auf und nieder. Daß dieser pfiffige und lustige Geselle sein Wesen nicht mehr treiben konnte, verdroß eigentlich den Hansi, denn da hätte er auch gern mitgetan, und er grollte dem Obergeist, der dem Pfiffikus den Spaß also verdorben hatte.

Die Juli dagegen wollte andre Sachen hören. Da mußte das Rosele immer von den ›Feien‹ und den ›saligen Frauen‹ erzählen, die die weißen Schleier über die Firnen ausspannten, damit sie niemand bei ihren Tänzen sehen konnte. Da sprach das Rosele mild und weich und das Rädchen schnurrte so sacht dazu, 79 daß die Juli, wenn sie die Augen zumachte, alles leibhaftig vor sich sah.

Leider waren die zarten Fräuleins mit den Goldhaaren nicht nach Hansis Geschmack und durften nur selten erscheinen. Kamen sie zu oft, tischte er gleich die Geschichte von den alten Jungfern auf, die im Sterzinger Moos in aller Ewigkeit ›picken‹ bleiben müssen, weil sie entweder zu ›schiach‹ waren, einen zu bekommen, oder die Buam schlecht behandelt hatten. Die Geschichte stammte von dem boshaften Puschterer und sollte auf das alte Rosele gemünzt sein. Aber das lachte nur und erzählte trotzdem unermüdlich weiter.

So wurde die Krankenstube eine kleine Insel des Friedens und der Ruhe in dem Hause der Geschäftigkeit.

 

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