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Anna Croissant-Rust: Die Nann - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nann
authorAnna Croissant-Rust
year1935
firstpub1906
publisherGebr. Richters
addressErfurt
titleDie Nann
pages287
created20140102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

Langsam kam der Kuchler-Anderl den sonnigen Abhang herauf gegen sein kleines Haus zu. Alle paar Schritte blieb er stehen und schaute umher. Er trug seine Feiertags-Montur und war rasiert, denn er hatte gerade sein Weib eingraben lassen, das zweite, die Marietta. Drunten in St. Jodok saßen die andern noch beim Leichentrunk, seine Mädeln, der Bub, der Anderl, und ein weitschichtiger Vetter aus der Freundschaft. Das heißt aus der seinen, denn das Weib war eine Welsche gewesen, und von ihrer Sippschaft wollte er nichts wissen. Es wäre wohl besser gewesen, er hätte von ihr, von der Schwarzen, auch nie etwas gewußt!

Mußte ihn denn der Teufel auf Arbeit über den Brenner führen und mußte er gerade in dem Wirtshaus hängenbleiben, wo sie den Roten schenkte? Alle hatten es ihm gesagt, es wird nichts Gutes daraus mit der welschen Hexe – er hatte sie kaum ein Jahr, und schon lag sie auf dem Schragen, und in der Wiege schrie der kleine Balg, das Mädel mit den weißen Haaren.

War das je bei den Kuchlers vorgekommen, daß sie Kinder hell von Haut und Haar bekamen? Braun waren sie, die Haut wie Leder, schwarz und straff das Haar; er war so, seine Geschwister alle und die Kinder von der Ersten.

Kuchlergesichter, dunkle, zerknitterte Gesichter, knochig, hager, mit schwarzen Augen und buschigen Brauen, der Körper langgestreckt und sehnig. Nur der Balg war anders, der Marietta ihr Kind. 6 Schneeweiß lag's drinnen, die Haare waren in Locken geringelt, der Mund klein, alles zart und fein.

Anderl spuckte heftig aus und trat gleich mit dem Fuß auf die Stelle im niederen, borstigen Grasboden.

Ja, wenn sie keine Kellnerin gewesen wäre und wenn die Fremden nicht in sein Haus gekommen wären, sie zu besuchen! Sein Kind ist's nicht, und wenn sie noch einmal an sein Bett kommt in der Nacht und es ihm schwört und noch einmal darüber stirbt, er glaubt's nicht, er nicht! Genau so wird er's wieder machen, sich umdrehen, der Wand zu, und sie schreien und heulen lassen.

Dem Kuchler-Anderl ist heiß geworden; er wischt sich den Schweiß aus dem borstigen Haarschopf und bleibt stehen, keuchend und müde. Seine Augen irren an den kahlen Felswänden hin und her, und seine Gedanken werden wirr.

Nicht einmal zum Sterben ist er vor ihrem Bett gestanden, sollte er sich denn von seinen großen Kindern auslachen lassen? Daß die ihn verlachten und verhöhnten, daß er sich das junge Weib ins Haus geholt, sah man ihnen ja von weitem an. Wenn sie's auch nur verstohlen taten, denn vor ihm getrauten sie sich nicht, da kannten sie seine Fäuste und seinen Stecken zu gut. Freilich, in den Ecken zusammenhocken, wenn sie einmal heimkamen, scheele Augen nach ihm hin machen und heimlich lachen und wispern, das konnten sie. Und erst das Ellbogenstoßen und In-die-Seite-puffen, als sie den blonden Balg sahen!

So rächten sie sich für alle Schläge, die ihr Rücken empfangen, für alles verschluckte Weinen, für ihr ganzes armseliges Leben bei ihm. So sagten 7 sie. Wenigstens die Großen. Die hatte freilich die Marietta gleich aus dem Haus gehabt, und ihm war's recht so. Wie hätte denn das auch gut getan, das junge Weib und die großen, verstockten Kinder! Er wurde so oft genug daran erinnert, daß er grau zu werden anfing, wenn er das Weib mit den zwei Jüngsten, die zu Haus geblieben waren, scherzen und lachen hörte. Der alte Anderl setzte sich auf den Rasen nieder, umfaßte seine mageren Knie mit den Händen und stierte vor sich hin.

Jawohl, das hatte es ihm angetan, ihre Fröhlichkeit und Genügsamkeit. Mit einem bunten Lappen war sie zufrieden, mit einem Stück Band, zu essen verlangte sie fast gar nichts und richtete das Haus zusammen, daß es eine Art hatte.

War das eine Wirtschaft gewesen, früher, als die Erste starb, Herrgott, wenn er daran dachte!

Die Faulheit von den zwei großen Mädeln, der Schmutz, das Essen! Und dabei meinten sie, das Geld solle nur so herunterschneien; immer geben, geben, dazu wäre der »Voda«, der Kuchler-Anderl, doch da, meinten sie. Aber da kamen sie schön an bei ihm! Noch jetzt lachte er ingrimmig vor sich hin, wenn er daran dachte. Was er ihnen zum Leben daließ, wenn er auf Arbeit fortging, war gerade so viel, daß sie nicht bitteren Hunger zu leiden brauchten. Die Milch war ja von der Kuh da, ein paar Kreuzer für Brot und Polenta dazu, den übrigen Lohn behielt er. Sollten nur zuschauen, wie sie auskämen, sagte er ihnen, wenn sie nicht dienen wollten. Aber das wollten sie nicht, um keinen Preis! Das blieb hartnäckig am Haus hängen, wie die Kletten waren sie. Und dabei ärgerte eins das andre, man mußte 8 nur die Moidl und die Kathl kennen! Das Geschrei und Geschelte ging den ganzen Tag nicht aus, er konnte es ja schon von weither hören, wenn er auf das Haus zukam.

Und wie sah's drinnen aus! Alles voller Unrat, verwahrlost, kein Bett war gemacht, die Kleider und Fetzen lagen zerstreut in den Stuben umher, die Mädeln lungerten herum, die Haare strähnig und schmutzig, Lumpen am Leib, verbissen und tückisch wie die Wildkatzen, die reine Spelunke war's. Er wußte wohl, daß sie sich bei den Haaren herumzogen und sich braun und blau schlugen, wenn er nicht da war; mochten sie's, ihm tat's nicht weh, er nahm so bald als möglich seine Breithacke und ging fort aufs Zimmern. Wochen- und monatelang blieb er fort. Er vergaß ganz, daß er eine Heimat, daß er ein Haus und vier Kinder hatte. Nur manchmal packte es ihn, er mußte fort, er mußte heim. Dann lief er Tag und Nacht über die Berge wie von einer fremden Macht getrieben. Aber sobald er das Haus sah, ging er langsamer und langsamer. –

Und die Kinder erst. Wie die erschraken! »Der Voda! Der Voda!« Wie ein Schreckensruf ging's durch das Haus. Aller Streit hatte ein Ende. Da standen sie steif wie die Bildsäulen und schauten in die Ecken. Gleich waren sie einig. Kein Grüß Gott, kein Wort sonst. Nach und nach schlurften sie scheu um ihn herum, aber reden wollte keine. Höchstens, daß es der Ältesten, der Kathl, einmal ein verbissenes Wort herausriß. Wenn er zum Beispiel essen wollte, und sie stellte ihm eine saure Polenta hin, hart und fest, daß man sie kaum mit dem Löffel stechen konnte, und er fing an zu schelten: »Gibt der Voda nur 9 a Geld her, mir ham eh nix anders z' fressen.« Oder wenn er sie am Sonntag in die Kirche treiben wollte, schrie sie ihn an: »Schaff der Voda nur a G'wand, an die Stauden wachst koans für uns.«

»Geht's weiter, schaut's euch um an Dienst um!« war wohl seine Gegenrede, aber aus der Spelunke brachte er keine hinaus. So sollten sie eben sterben und verderben auf dem Häusl, er gab keinen Kreuzer mehr her. Ja, wenn sie ihm vielleicht ein »Bitt' gar schön, Vater« gegönnt oder das Maul zum Betteln aufgemacht hätten! O nein! Die bissen die Zähne übereinander und schielten nach ihm, ob er nicht bald wieder über die Schwelle ging.

Wie ein Fremder war er in seinem Haus, wie wenn's gar nicht sein gewesen wäre; sie hingen förmlich an seinen Füßen, ob er sie nicht bald wieder auswärts setze. –

Der Kuchler stand nun auf, langsam, schwer, Schritt vor Schritt stieg er in der Sonne aufwärts.

Das war freilich bei der Marietta ein ander Ding gewesen. Die schrie ja gleich vor Freude, ein eignes Haus zu kriegen! Und war's noch so klein und eng und schmutzig, es war eine Heimat, und die hatte sie nie gekannt. Ein lediges Kind war sie, von den Verwandten herumgestoßen und geschlagen, von einem zum andern geschickt, gescholten und karg gehalten, gezankt, gepufft noch als erwachsene Dirne; da war es für sie ein großes Glück, eine Heimat zu bekommen, und sie war ihm dankbar und tat ihm alles, was er nur wollte. Es schaute bald anders aus in den Stuben, alles war blank und rein; auch kein Geschrei gab's mehr im Haus herum, kein Schelten, nur fröhliche Gesichter; Zorn und Groll, 10 das kannte die Marietta nicht. Im Nu hatte sie der Kleinen, der Juli, den Kopf verdreht und dem Buben, dem Anderl, auch. Störrisch und verschlagen und faul, wie sie vordem bei den älteren Schwestern gewesen, waren sie nun fleißig und gut und rührig den ganzen Tag, um den Stall und das kleine Feld in Ordnung zu halten, denn davon verstand die Marietta nichts. Die Großen mußten freilich gehen, und sie gingen, wenn auch mit Geheul und Fluchen.

Einen gleich guten Winter hatte der Anderl nie erlebt. Er sagte es ja dem jungen Weibe nicht, es war nicht seine Art; aber es behagte ihm, auf der Bank zu sitzen und zuzuschauen, wie sie herumhantierte, seine Pfeife zu rauchen und sich neben sie auf die Ofenbank zu setzen, wenn sie spann. Im Kachelofen krachten dann die Scheite, und die Stürme taten wüst draußen, der Schnee fegte gegen die Läden und lag in hohen Wehen vorm Haus. Sonst war ihm der Winter in dem eisigkalten zerrissenen Hochtal ein Greuel gewesen, und er hatte mit Bangen und Grausen darauf gewartet und gewettert und geflucht, wenn ihn Schnee und Eis schon früh abschlossen vom Tal drunten, daß er nicht mehr auf Arbeit gehen konnte.

Er hatte das Winterende nie erwarten können und war brütend im Haus herumgesessen oder hatte mit seinem ersten Weibe gehadert. Nun ging er den ganzen Tag in den Zimmern umher. Alles wollte er der jungen Frau schöner und besser machen, weil sie alles freute, in der Küche und in den Stuben. Und erst als er an die Wiege kam! Die sollte ein Prachtstück werden! War ihm denn je eingefallen, seinen andern Kindern eine neue Wiege zu machen? Da 11 war immer die alte lange gut genug! Aber als die Marietta unter dem alten Gerümpel herumkramte und eifrig an dem staubigen, wackeligen Ding herumputzte, nein, das konnte er nicht sehen. Für ihr Kind sollte sie eine neue, schöne Wiege kriegen. Nicht genug konnte er sich tun, den halben Winter schnitzte er daran herum, und ihre glänzenden Augen freuten ihn noch mehr als das Prachtwerk, das er geliefert hatte. Ja, das wußte er noch alles!

Aber dann – pfui Teufel! – wieder spuckte der Anderl aus und zertrat mit den schweren, nägelbeschlagenen Schuhen die Stelle, pfui Teufel, ja! Auch wenn das ganze Tal nicht gehetzt hätte, er sah's doch mit eignen Augen, daß das sein Kind nicht war und daß sie ihn belogen und betrogen hatte! Wieder mußte er stehen bleiben, sich den Schweiß abtrocknen und verschnaufen.

Er war jetzt hoch über den steilen Abhang heraufgekommen in der Mittagsglut, und vor ihm lag schon sein Häuschen, dicht an der jäh abfallenden Felswand. Drunten gurgelte der Bach, der vom Gletscher kam, zwischen Geröll und niederem Gestrüpp. Dunkel und wild schaute das Tal selbst an diesem sonnensprühenden Tage aus. Die Wände stiegen fast senkrecht in die Höhe, nur mehr mit spärlichem, zerzaustem Wald und mit struppigen Legföhren bewachsen. Drüber schauten die Gletscher, von Zeit zu Zeit von einem schleierartigen Nebel umzogen, der wieder zerflatterte. Über die Steilhänge kletterten Alpenrosen herab, fast bis an sein Haus kamen sie in breiten roten Streifen, und ihr strenger, würziger Harzduft vermischte sich mit dem Geruch 12 des Heues, das, in Schwaden niedergemäht, an den Berglehnen trocknete.

Zerstreut lagen die Höfe im Tal, meist von den Felswänden gegen die Stürme geschützt, sein kleines Haus am höchsten, es hatte nur von einer Seite Schutz. Unter ihm, in der Richtung gegen Jodok zu, standen ein paar Häuser beisammen, weiß und schmuck, mit steinbeschwerten Dächern, Wäsche hing am Zaun und blinkte hell im grellen Sonnenschein. Weiter herauf, auf einem Vorsprung, mitten unter Wiesen, lag der Malseinerhof, das größte und reichste Gehöft im Tal.

Der Malseiner war eigentlich sein Nachbar, wenn er auch fast dreiviertel Stunden von ihm entfernt war.

Die von Malsein waren fast alle bei der Leiche gewesen, die mochten alle die Marietta gern und waren die einzigen im Tal, die es ihm verdachten, wie er zu ihr gewesen, und die's ihn auch merken ließen.

Der Malseiner hatte ihn gleich gar nicht angeschaut bei dem Begräbnis, und die Frau kaum. Sie waren noch nicht daheim; als er vorhin an ihrem Hof vorbeiging, hatte er nur den Hansi sitzen sehen, aber auch der schaute nicht auf und schnitzte an einem Holz weiter. Noch jetzt konnte er ihn auf der Bank vor dem Haus sehen, und wenn der Wind gerade recht ging, hörte er ihn sogar singen.

Und wie er sang! Wie ein Vogel, voller Freude und Lust. Ja, die hatten gut singen in Malsein! Und noch dazu der Bub, so ein Teufelskerl, wie der war! Überall schon voran mit der Arbeit trotz seiner zwölf Jahre, groß und schlank und kräftig, und was er anpackte, geriet, und der Malseiner schmunzelte nicht umsonst, wenn er von seinem einzigen Kinde sprach.

13 Wenn sein eigner Bub so gewesen wäre, der Anderl! Wie ein lahmer, verschlagener Hund war er, und jetzt gar, wo die Großen wieder an ihm herumzuschimpfen und zu stoßen hatten!

Die Marietta hatte es noch am ersten verstanden, etwas aus ihm herauszubringen. Ein Kreuz war's! Jetzt, wo er fünfzehn Jahre alt wurde und recht anpacken sollte, ging's genau so langsam wie früher. Kaum die Hälfte von dem leistete er, was der Hansi leisten konnte. Dafür hatte der aber auch einen unbändigen Stolz, und der Hochmutsteufel steckte ihm im Blut, er hätte nicht von Malsein herstammen müssen!

Wenn ein paar Buben beisammen waren, auch ältere drunter, hatte der Hansi das große Wort. Er gab an, er schaffte an, und gerade wie wenn's so in der Ordnung wäre, folgten sie ihm alle. Wie ihn das schon gegiftet hatte! Wie oft er den Anderl gehöhnt, angestachelt hatte, sich ihm zu widersetzen! Aber natürlich der Anderl! Der tat blindlings, was der Hansi verlangte! Es hätte ihm auch nur einer widersprechen sollen! Trotzig und wild und ungebärdig war er wie ein junges Roß. Wenn der einmal Bauer wurde! Da mußte eine Bäuerin vom Himmel fallen, denn weit und breit war keine gut genug und reich genug und stolz genug! Denn das gehörte dazu, das Stolzsein!

Des Kuchler-Anderls Augen nahmen einen häßlichen, gehässigen Ausdruck an, wie er so hinunter auf das stattliche Gehöft blickte. Der ganze Groll des Kleinhäuslers gegen den Bauern, der ganze Haß des Nichtbesitzenden gegen den Besitzenden sprach daraus.

14 Jawohl, der Bub wußte schon, daß er einmal die Gulden im Sack konnte klingen lassen, das stieg ihm zu Kopf und machte ihn hoffärtig.

Warum sie nur alle da unten so gut mit der Marietta gewesen? Wohl nur aus Trotz gegen ihn, der sich nie freundlich oder gar untertänig gezeigt hatte, wie's die Sippschaft haben wollte. Die Marietta dagegen hatte für jeden ein freundliches Gesicht und ein gutes Wort gehabt, und das hatte denen gefallen, natürlich. Der Hansi konnte ja nicht genug Blumenstöcke heraufschleppen, weil sie die Marietta gar so freuten. So lange trug er zu, bis die Fenster beinah so voll standen wie auf Malsein. –

Dicht vor seinem Haus blieb der Anderl nochmals stehen und zog sein blau und weiß kariertes Tuch. Es war, als zögere er einzutreten. Das war eine Hitze! Die Felswand glühte fast, und die paar roten Federnelken, die wie hingespritzte Tropfen das graugelbe Gestein fleckten, hatten die Blätter ordentlich zusammengerollt vor Hitze. Der kleine Garten blühte mit blauem Rittersporn, brennender Liebe und den bunten Kerzen der Levkoien. Der Kuchler lehnte sich an den Zaun und schaute auf die Beete. Salat und Rettich, Lauch und Zwiebel und Schnittlauch, alles noch fein säuberlich in der Reihe, wie sie es gesetzt hatte; aber das Unkraut ging schon überall heimtückisch auf. Sah denn das keine? Wofür waren sie denn zurückgekommen? Lieber lungerten sie auf der Bank vor dem Hause herum oder zupften an den spärlichen Beeren, die der verkrüppelte Johannisbeerstrauch trug.

Und da schau einer her! Die Blumen vor den Fenstern ließen alle die Köpfe hängen, und es war 15 doch eine Pracht, die dicken roten und weißen Geranien, die vielen Nelken und die gelben Büschel der Hirtentaschen zu sehen. Das Gesindel! Nicht einmal danach schauten sie! Mit einem Fluch stieß er gegen die Haustüre – sie gab nicht nach, und in wütender Ungeduld schlug er mit der Faust auf den Drücker, doch niemand kam, ihm zu öffnen. Hatte er nicht der Kathl gesagt, sie müsse dableiben? Die saß jetzt gewiß bei den andern in der kühlen Wirtsstube in Jodok und tat sich gütlich!

Was war denn auch in ihn gefahren, daß er da herauf mußte bei der Bärenhitze? Hätte er nicht sitzenbleiben können, bis der Talwind kam, zu essen und zu trinken fand er heute doch nichts zu Hause, und das Viertel Roten, das er getrunken, brannte ihm wie Feuer im nüchternen Magen.

Scheltend ging er ums Haus. Richtig hatten sie auch noch die Stalltüre nicht zugeschlossen. Zu stehlen gab's freilich nichts beim Kuchler, aber sie wußten es genau, daß er so etwas nicht duldete. Da stand die Kuh vor dem leeren Barren, brüllte kläglich und hatte fort und fort zu tun, sich die Mücken mit dem Schwanz abzuwehren, die in ganzen Schwärmen auf ihr saßen und um sie herumbrummten.

Dazwischen hörte er ein dünnes Stimmchen – Herrgott, das Kind! Hatten sie's rein mutterseelenallein im Haus gelassen, und zu trinken hatte die Kleine gewiß auch nichts mehr, sie konnte ja gar nimmer weinen! Der Kuchler klinkte die Stubentüre auf, richtig, da stand sie mitten in der Sonne, und ein Schwarm Fliegen saß auf den Händchen und dem Gesicht und hatte sich an die Flasche festgeklebt, die neben ihr in die Kissen hineingefallen war. Freilich, 16 am Morgen, als die Juli die Wiege dorthin stellte, war's kühl und schattig dort gewesen, und die Kathl – na, wart nur! Komm du nur heim! Daß er sie auch nicht gesehen hatte! Bei der Leiche und beim Leichentrunk war sie sicher nicht gewesen, solange er dort war, das wußte er. Die sollte sich nur freuen, wenn sie ihm zwischen die Finger kam!

Er wehrte zornig mit dem Taschentuch die Fliegen von dem Kinde ab, aber das dünne Stimmchen klagte weiter; dann nahm er die Flasche, wusch sie draußen und steckte sie der Kleinen in den Mund, die gierig zu saugen begann. Jetzt war wenigstens für einen Augenblick Ruhe, das konnte ja kein Christenmensch anhören, das Gewimmer!

Er warf seinen Hut auf den Tisch, holte seine Pfeife aus der Rocktasche, stopfte sie und begann fest zu qualmen, da ging's gleich wieder an. Er rannte aus der Stube in die Küche und machte sich am Herd zu schaffen, er warf der Kuh Futter vor und blieb im Stall, aber überall sickerte das Gewimmer durch, wie ein dünnes, feines Netz legte es sich auf ihn. Hört es denn nicht endlich auf?

Er stieg ins obere Stockwerk, aber droben war's nicht zum Aushalten, eine Luft zum Ersticken, eine Bruthitze, kein Fenster offen – das Weibervolk hatte alles zu gelassen, und als er die Fenster öffnete, drang das dünne Stimmchen noch deutlicher zu ihm hinauf. Mit ein paar Sätzen ist er über die Stiege hinunter, den Hals möchte er dem Balg umdrehen, das war ja, wie wenn man immerfort eine Nadel ins Fleisch gestoßen kriegte! Er stolpert in die Stube und auf die Wiege los, er reißt das Kind hin und her, schleift die Wiege über die Dielen – wenn er jetzt seine große 17 Hand nehmen, den kleinen Kopf in die Kissen drücken würde, so ein paar Vaterunser lang, dann wär alles vorbei, Schande und Zorn und Verdruß. –

Da macht das Kind die Augen groß auf. Er kann nicht hinschauen, er senkt den Kopf. Still setzt er sich auf die Ofenbank und zieht die Wiege nach. Immer noch mit den Augen am Boden, bleibt er eine Weile sitzen, dann stopft er sich die Pfeife wieder. Das war immer sein Platz gewesen, da auf der Ofenbank. Im Sommer, wenn die Fenster weit offen standen, sah er gern, so wie jetzt, übers Tal auf die Schneefelder, während die Marietta ihre Nadeln neben ihm klappern ließ oder im Garten arbeitete und dazu sang; im Herbst mochte er gern da sein, wenn die Nebel dick vor den Fenstern lagen und er feucht nach Haus gekommen war im Nebelreißen, und mochte den Rücken an dem breiten Kachelofen wärmen, in dem das erste Feuer brannte. Auch im Winter war's fein, wenn sie neben ihm saß und spann. –

Er paffte Zug um Zug aus der grünen Porzellanpfeife, und ganz mechanisch, weil die Kleine immer noch wimmerte, fing er an die Wiege mit dem Fuß in Bewegung zu setzen. Es war eine Gewohnheit aus früheren Wintern her, wenn er gerade nicht fort konnte, und wo ihm die Erste ohne viel Federlesens einfach die Wiege zugeschoben und er, paffend, halb im Dusel und vor sich hin sinnierend, weitergewiegt hatte.

Durchs Fenster klang das Gezirpe der Grillen, der schwere Duft des Heus kam mit dem schwachen Luftzug herein, das leise Weinen wurde schwächer. –

Anderl nickte nach und nach ein, im Schlaf immer noch die Wiege im Gange haltend.

18 Es wurde Abend, und die Sonne stand groß und rot genau über der höchsten Spitze des Ferners, wie wenn man dort eine glühende Riesenscheibe aufgestellt hätte, als Anderl durch Geschrei und Gelächter geweckt wurde. Er konnte sich im Augenblick auf nichts besinnen – wer waren denn die vier? – Was wollten sie denn? –

»Jesses, der Voda!« schrie die Moidl, »er wiegt gar das weiße Chrischtkindl. Schaugt's ihn decht an. Gib mir's her, des fremde Engerl!«, und unter schallendem Gelächter wollten sie und Kathl das Kind aus der Wiege reißen.

Anderl ließ seine wilden Augen unter den buschigen Brauen vor über die zwei Dirnen gehen. Die waren ja beide, weiß Gott, betrunken! »Und du! du!« – die Kathl war im Sonntagsgewand der Marietta zum Begräbnis gegangen! Wie ein Tier stürzte er auf sie zu und packte sie vorne an der Brust: »Was hascht du dir unterstanden? Was hascht du getan? – – Tu's runter, des G'wand, tu's runter,« brüllte er, und da sie ihm nicht schnell genug war, riß er ihr das Kleid herunter, daß es in Fetzen zu Boden fiel. Dann trieb er die Erschrockene mit harten Stößen durch den Gang gegen die Haustüre, riß diese auf und stieß sie hinaus: »Du kimmscht mir nimmer einer, du nimmer; du hättescht dableiben können, du und die Moidl aa, aber jetzt is aus –«

Dann drehte er sich nach der Moidl um, die, blöd und verängstigt, mit stierem Blick noch immer neben der Wiege stand und mit beiden Händen abzuwehren versuchte – denn wenn der ›Voda‹ so tat, war's gefehlt! – er packte sie aber unbarmherzig beim Arm und schleifte die Widerstrebende, die sich am 19 Türpfosten halten wollte, hinaus. »Du aa, du aa kimmscht mir nimmer!« schrie er – ein Ruck, das Haustor flog krachend zu, und der Riegel knirschte.

»Mach die hintere Tür zua,« schrie er Anderl an, der, schlotternd vor Furcht, sich zwischen Ofen und Wand eingeklemmt hatte. »Will des a Bua sein? Schamst di nit? Glei gehst!«

Mit gebogenem Rücken, in großen Sätzen wie ein verjagter Kater flog Anderl durch die Stube, dem Stall zu.

Juli war wie angewurzelt an derselben Stelle stehengeblieben, und das Gebetbuch zitterte in ihrer Hand. Sie hatte freilich nichts getan. Der Vater hatte ihr geheißen, mit zur Beerdigung zu gehen, sie hatte nicht zuviel Wein getrunken – die andern hätten ihr schon keinen vergönnt –, hatte auch nicht die Kleider der toten Mutter angezogen, die nun halbzerfetzt am Boden lagen, aber wenn der Vater so war, da mochte man etwas getan haben oder nicht, da war alles eins!

Wenn er sie nun auch weiterschickte, dann kam sie nicht mehr ins Haus herein, das wußte sie. Eine kurze Zeit blieb sie noch verängstigt wie festgenagelt stehen, dann schlich sie, so leis es ihr mit den groben nägelbeschlagenen Schuhen möglich war, am Vater vorbei. Für eine Vierzehnjährige war ihr Körper noch vollständig unentwickelt, und in dem viel zu knappen Kleid sah er noch dürftiger aus, als er war. Die Juli hatte ordentlich Mitleid mit sich, wenn sie dies verschlissene alte Kleid anschaute. Wenn sie die tote Mutter so gesehen hätte! Nie hätte die sie so fortgehen lassen! Nun hatten ihr die Großen alles 20 genommen, auch den schönen Stoff, von dem ihr die Mutter ein Kleid hatte machen wollen.

»Daß du mir die zwoa nit ins Haus einerlassescht, sonst geaht's dir und dem Anderl grad a so!« schrie ihr der Vater nach, »und jetzt geahscht du kochen!«

In der Küche hatte Anderl schon Feuer gemacht; er hielt den Rücken noch immer gekrümmt wie ein verfolgter Kater, wie wenn er jeden Augenblick Schläge erwarte, und getraute sich kaum zu reden. Aber Milch hatte er gebracht und die Kaffeemühle hergerichtet, denn das Essen vergaß er nie. Die Juli hockte sich neben ihn, und so hielten sie sich mäuschenstill, die Juli lauschend, ob das Kleinste, die Nann, sich nicht rühre. Doch die schlief fest. Wie durch ein Wunder hatte sie mitten im wüstesten Geschrei weitergeschlafen. Der Alte saß wieder rauchend auf der Bank, und das große Erkerfenster in der Stube funkelte im Schein der Sonne, daß man es weit im Tal sehen mußte. Der Rauch von Anderls Feuer, das er endlich nach langem Pusten zustand gebracht hatte, stieg blau über dem kleinen Haus in die Höhe, alles sah friedlich und freundlich aus in der Abendsonne.

In der Streuschupf aber, zuhinterst unter dem Laub, lagen zwei und stießen Verwünschungen aus gegen dies sonnenüberglänzte Haus, das so friedlich ins Tal hinabschaute und das ihr Vaterhaus war.

 

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