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Anna Croissant-Rust: Die Nann - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nann
authorAnna Croissant-Rust
year1935
firstpub1906
publisherGebr. Richters
addressErfurt
titleDie Nann
pages287
created20140102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10

So gingen die Jahre und glichen sich, so zählte die Nann die Jahre, dann die Monate, die Wochen, die Tage, jetzt war sie gleich dreizehnjährig, jetzt war der Herbst da, jetzt war die Schule aus!

140 Und groß und kräftig war sie geworden, sie konnte arbeiten, jetzt wollte sie sich nur in aller Stille ihre Sachen richten, dann ging sie; sie konnte ihre Freude kaum verbergen, daß sie endlich, endlich von dem fremden Weib fortdurfte!

Doch als der Vater eines Abends wieder von der Arbeit kam und ihr sagte, daß er sie verdingt hätte bei einem Bahnwärter droben gegen den Brenner zu, da war's ihr wie ein Schlag aufs Herz. Nicht so schnell hätte es kommen sollen, auch hätte sie gern das Haus gekannt, drunten in Jodok oder in Stafflach, ein bekanntes Haus, manche Bäuerin hätte sie vielleicht gern genommen, ein Haus, das sie schon einmal gesehen, – aber ganz fort, zu ganz fremden Leuten!

»Am Samstag geahscht auffer, er kimmt dir entgegen.«

Das war alles. Der Nann blieb das Essen im Halse stecken, der Schmerz würgte sie, den sie um alles in der Welt nicht zeigen wollte. Am Samstag schon! Noch drei, vier Tage!

In der Nacht schlich sie sich zum erstenmal zur Juli ins Bett und weinte stundenlang und drückte sich an die Schwester, wie wenn die ihr helfen solle. Aber es schien, als habe die Juli das Trösten verlernt, kein Wort konnte sie der Nann sagen.

Vor dem Vater und vor der Dicken hielt sich die Nann tapfer, auch am Samstag noch. Aber als sie in den Stall kam, wo die Ziege kleine Zicklein geworfen hatte, nahm sie die possierlichen kleinen, weiß und schwarzen Tierchen auf den Arm und liebkoste und streichelte sie, sie streichelte auch die alte Geiß und klopfte das braune Kerschei, das aber keine Notiz von der Nann nahm, die meinte, sie könne nicht von 141 den Tieren gehen und sie habe allen noch etwas abzubitten. Hatte sie sich denn in der letzten Zeit je um eines von ihnen gekümmert? Wer gab sich denn überhaupt mit ihnen ab? Sie hatten zu fressen und wurden sauber gehalten, aber niemand gönnte ihnen ein gutes Wort, niemand klopfte und tätschelte sie, so wie es Anderl und früher die Juli getan hatten. Blöd und dumpf standen sie im Stall, und die Nann weinte zum Abschied recht herzhaft über ihre Unterlassungssünde und wollte gar nicht von ihnen gehen.

Um drei Uhr des Nachmittags mußte sie bereit sein, ihr Bündel durfte ihr die Juli nach Stafflach tragen, dann sollte sie sich selbst zurechtfinden, bis ihr der Bahnwärter entgegenkam. Der Vater gab ihr keine Hand zum Abschied, und der Dicken gab sie keine.

»Pfüat Enk!« das war alles, und »Pfüat di!« schrie das Luisele noch lustig nach und drehte der Nann eine lange Nase.

Als das Bergmanndele in Malsein kläffend auf die Nann zusprang und sie sogar anknurrte, kannte ihr Schmerz keine Grenzen; sie kniete nieder, nahm den schmalen Kopf des Hundes zwischen die Hände und schmeichelte ihm, bis er freudig zu winseln begann und sie wieder erkannte; dann lief sie schnell von ihm weg, schnell hinunter, daß ihr die Juli kaum folgen konnte. Das war ihr Abschied von Malsein.

Der härtere war unten, außerhalb Stafflach, auf der großen Brennerstraße; bis zum letzten Haus war die Juli mitgegangen, nun reichte sie das Bündel hin, und sie sagten sich immer wieder »Pfüat di!« mit ganz erstickten Stimmen, hielten sich aber fest bei den Händen und gingen nicht auseinander.

142 Endlich machte sich die Juli los und lief auch gleich, ohne sich umzuschaun, die Dorfgasse hinunter.

Die Nann schaute ihr noch eine Zeitlang nach, dann setzte sie langsam einen Fuß vor den andern. Der Himmel war schwer, und die Wolken hingen nieder, der Wald schaute schwarz herunter. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Windstoß durch das enge Tal, der den Staub auf mächtigen Armen hoch mit in die Höhe nahm. Es war empfindlich kalt, und die Sill, die neben dem Weg herlief, zeigte schon schwache Eiskrusten am Rand. Die Nann blies in ihre roten Hände, und immerfort liefen ihr die Tränen an der Nase herab. Jetzt war sie an der ersten Wegbiegung angekommen, die Häuser von Stafflach verschwanden, über die Vorberge schauten noch die weißen Spitzen ihrer Berge; dort war sie hergekommen, dort kannte sie alles, hier war sie fremd, und alles mutete sie finster an. Das Tal wurde enger und der Wald rückte näher zusammen, man sah bald nichts mehr wie schwarze Hügel und den finsteren, niederhängenden Himmel. Die Nann drehte sich um – da waren ja ihre Berge schon weg, wie weggewischt, tief hingen die Nebel drüber herunter, und nun fing es auf einmal an zu schneien. Ganz fein zuerst, und der Wind trieb die Flocken der Nann gerade entgegen, dann wurden es mehr, immer mehr, schon war der Boden weiß, und immer trieb der Wind den Schnee heftiger gegen das Kind, das sich bemühte, fest auszuschreiten.

Und immer toller wurde das Treiben; wenn nur wenigstens ein Haus dagewesen wäre! – aber nichts, nur Hügel und Wald und die Sill. Noch fürchtet sich die Nann nicht; sie weiß, den Weg kann sie nicht verlieren, und der Mann wird ihr entgegenkommen. 143 Wenn er aber nicht kommt? Ja, dann muß sie eben umkehren und in Stafflach oder in Jodok um ein Nachtlager bitten, das darf sie aber nur tun, wenn sie den Mann nicht findet, jetzt muß sie vorwärts. Und sie redet sich selber wieder Mut ein und kämpft mit allen Kräften gegen den Sturm an; doch plötzlich kommt's so mächtig dahergebraust, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten kann; der Schnee wirbelt rings um sie, daß sie nicht weiß, kommt es von oben oder von unten, von der Seite oder von vorne; das schießt auf sie zu, wird in die Höhe geschleudert, fliegt im tollsten Wirbel vorbei, kreist am Boden und tanzt in den Lüften – keine zwei Schritte weit sieht sie, alles ist weiß ringsum. Dabei kommt sie so langsam vorwärts! Ihr dünkt's eine Ewigkeit, und sie kann sich nicht denken, warum der Mann nicht kommt, sie meint schon Stunden unterwegs zu sein, und doch ist sie erst eine kurze Strecke über Stafflach hinaus. Ihr Rock wickelt sich um die Füße und läßt sie kaum ausschreiten, das Kopftuch hat ihr der Wind aufgerissen, und sie bringt es nur mit Mühe wieder zusammen, sie schaudert vor Kälte, und doch steigt ihr wieder eine plötzliche Hitze ins Gesicht – die Anstrengung, die Bangigkeit – denn die Nann wird mutlos. Sie kommt kaum vom Fleck, sie sieht den Mann nicht, es bangt ihr vor der Zukunft, sie kommt sich verlassen vor und fürchtet sich.

Mit gefalteten Händen geht sie und hält den Kopf gesenkt, sonst kriegt sie keinen Atem, sie betet. Endlich muß sie einhalten, sie kann nicht mehr weiter. Nur ein bißchen ausschnaufen will sie, ein wenig ruhen, wenn dann niemand kommt, kehrt sie um. Sie hockt sich zu einem Feldkreuz hin, nur kurze Zeit will 144 sie sitzen bleiben, nicht lange, sie weiß es gut, was das heißt, im Schneetreiben ruhen!

Und das fällt vor und neben und hinter ihr wie ein dichter weißer Vorhang herunter, immerzu, bald ist sie so weiß angeschneit wie die Balken des Kreuzes neben ihr, noch immer hält sie die Hände gefaltet und betet. Um Kraft, daß sie vorwärts kommen kann, um einen guten Dienst betet sie, und daß der Mann bald kommen möge. Sie fühlt sich so müde, daß sie auf der Stelle hätte einschlafen mögen, aber sie reißt immer mit Gewalt die Augen wieder auf. Jetzt wird sie aufstehen können, aber es ist so gut, noch ein bißchen zu ruhen, der Wind hat auch aufgehört – da! war das nicht das Klingeln eines Schlittens? Jawohl! Immer näher kommt's, die Nann springt auf, aber der Mann im Schlitten sieht sie nicht, er muß auf seine Pferde achten im Schneetreiben, da hängt sie sich neben an und schreit: »Hansi! Hansi!« und immer lauter: »Hansi!« Jetzt hat er's gehört, der Schlitten hält, der Mann biegt sich heraus und hat das Kind auch erkannt. »Mach schnell! da einer mit dir!« sagt er und schüttelt den Schnee von ihren Kleidern, eh' er sie unter die Decke steckt; bis zum Hals deckt er sie zu. »Ja, wie kimmscht denn du daher?«

Und die Nann erzählt alles, rasch, lachend. Sie ist ja jetzt geborgen, was soll ihr denn passieren, wenn der Hansi da ist? Das ist ja wie in alten Zeiten, wo sie auf Hansis Schoß saß, oder wo sie miteinander sangen, und wo sie vergaß, daß es einen bösen Vater gab, der sie in den Ecken herumstieß und gar nicht ihr Vater sein wollte!

Sie denkt gar nicht daran, daß sie in den Dienst muß, daß sie zu fremden Leuten geht, sie ist ja bei 145 Hansi; jetzt macht das Schneien nichts, jetzt macht es nichts mehr, daß sie kaum vorwärts kommen, jetzt ist es gleich, ob sie der Bahnwärter holt oder nicht, ihr kleines Maul steht keinen Augenblick still, und Hansi läßt sie gutmütig gewähren.

Als sie in Gries einfahren, steht ein Mann neben der Straße und winkt, sobald er die Nann im Schlitten sieht. Er hatte eine Dienstmütze auf und einen groben Lodenmantel an. Ein gutes, wetterhartes Gesicht ist's mit einem roten Vollbart, aus dem der geschmolzene Schnee rinnt.

»Ischt des die Nann vom Kuchler-Anderl, vom Zimmermann?« fragt er.

Hansi nickt, und die Nann nickt eifrig mit.

»Na mueß sie mit mir.«

»Hascht no weit?«

»A guats Stück no.«

»Nachher sitz auf, mir hab'n Platz g'nua.«

»A wengerl hager sein mir,« meint der Bahnwärter gutmütig, die Nann betrachtend.

»Aber groß bin i,« erwidert die Nann stolz, »und arbeten mag i aa.«

»Es g'schiecht dir nix Unrechts bei uns, Diandl,« sagt der Mann, »hilf nur der Frau, sie ischt nit guat beinand.«

Nann schaut ihm fest in die Augen und ist beruhigt, der meint's schon ehrlich, sie vertraut ihm.

»Halt sie guat,« trägt Hansi dem Mann zum Abschied auf, »sie ischt a bravs Diandl,« und dann: »pfüat di, Nann, vielleicht kimm i amal nachschaugn, wie's dir geht.«

»Schön Dank! Pfüat di, Hansi!« entgegnet die 146 Nann, und schon ist der Schlitten weg, im wirbelnden Schnee verschwunden. Der Hansi hat in Gries zu tun? Wenn er nur recht oft nach Gries käme und sie dann aufsuchen würde. Er tut's gewiß, der Hansi, war doch immer so gut mit ihr!

Die Nann trägt ein Heimatgefühl im Herzen mit sich durch den dunkelnden Abend über die fremde Schwelle.

Ist das ein kleines Haus und ein kleines Zimmer! Die Nann wundert sich und schaut verstohlen herum. Die kleinen schmalen Fenster, die Möbel, alles ist ihr ungewohnt; das Kuchlerhaus war ja auch nicht groß, hatte aber doch die geräumige Stube und viel Licht drinnen. Linkisch bleibt sie an der Türe stehen, bis ihr die Frau ihr Bündel abnimmt und sie niedersitzen heißt. Nann ist ganz erhitzt von dem Stampfen durch den Schnee bergauf und muß sich erst abwischen, ehe sie ihre Schale heißen Kaffees trinkt. Und das geht sehr langsam; noch bedrückt sie alles, die fremden Leute, das enge Zimmer, dessen schönsten Raum ein großes breites Bett einnimmt, das Gesumme der Telegraphendrähte draußen, das Geflacker der grünen und roten Lichter, die eben angezündet werden, das Surren und Rasseln und Läuten und nun auf einmal das Ächzen und Stöhnen und Poltern und Rollen, das immer stärker wird, das sich so rasch nähert, als sollte das kleine Haus unter der Felswand alsbald dem Untergang geweiht werden – es zittert ja schon in allen Fugen! – plötzlich zwei glühende Lichter, die in die Stube funkeln und mit rasender Eile sich nähern, dann vorüberschießen und verschwinden, während donnernd der Schnellzug vorbeisaust. Die Nann ist zuerst zu Tod erschrocken, bis 147 sie weiß, daß es der Zug ist, und noch ein paarmal am Abend schreckt sie auf, wenn die Züge vorüberfahren.

»G'wohnst es schon noch,« meint die Frau. Aber in der Nacht wacht die Nann immer auf, sobald sie das dumpf schütternde Rollen von fern hört, und kann nicht wieder einschlafen. Die Signallaternen werfen unruhig lauernde Lichter in ihr schmales Kämmerchen, und der Sturm rumort um die Felswand und pfeift und heult in den Drähten – das Lied ist sie ja gewöhnt, aber sie fürchtet sich, so ganz allein zu schlafen, sie denkt an die Juli, an Malsein, an Hansi, an Kerschei und die kleinen Zicklein – warum ist sie denn gegangen? Sie sehnt sich zurück ins Kuchlerhaus, und wenn zehnmal der böse Vater und die böse Dicke drinnen sind, es ist doch ihre Heimat, und hier ist die Fremde! Sie wickelt sich in ihre Decke, verkriecht sich in die Kissen und weint, bis sie endlich einschläft.

In ein paar Tagen ist alles Heimweh weg, und die Nann singt fröhlich im Haus herum. Daß sie da einmal hat traurig sein können, sie begreift es gar nicht! Als wenn irgend jemand einmal so mit ihr umgegangen wäre wie der kleine rote Bahnwärter und seine Frau! Früher ja, auf Malsein, aber da war sie ja nicht für immer wie jetzt hier! Längst ist sie das kleine Zimmer mit dem großen Bett gewöhnt, den schmalen Hausgang, der auch als Küche dient, und ihre eigne niedere Kammer oben. Sie fürchtet sich nicht mehr, wenn die Züge vorbeisausen, und fürchtet den Widerschein der Lichter nicht in ihrer Kammer; sie schläft gleich ein, denn am Tag muß sie fleißig und unermüdlich arbeiten.

»Tust der Frau helfen, sie ischt gar schwach,« sagt 148 der Bahnwärter und streicht ihr dabei übers Haar. Das kommt ihr ganz merkwürdig vor, der kleine Bahnwärter ist nicht viel größer als sie, und sie ist doch jetzt fast wie eine Erwachsene, wie eine richtige Magd! Ob sie nun das Kind wartet oder die Stube kehrt und putzt, ob sie wäscht oder die Geißen versorgt, sie tut alles mit solchem Eifer, daß sich der kleine Bahnwärter und seine Frau oft zublinzeln und darüber lachen. In den ersten Wochen muß sie tüchtig aufpassen und muß viel lernen, denn zu Haus hat sie schon aus Trotz nichts getan, hier aber will sie alles recht machen, sie freut sich, wenn sie der Frau etwas abnehmen kann, die ihr so blaß und kränklich vorkommt.

»Sei du nur fein mit ihr, so ischt sie auch fein mit dir,« sagt der Bahnwärter. Oh, das will sie gern sein! Die Frau ist ja so gut mit der armen Nann, die noch wenig Güte gespürt hat, so gut wie eine Mutter, ihr vertraut sie, ihr kann sie alles sagen, bei ihr geht ihr das Herz auf.

Wenn's draußen wettert, sitzen die zwei an dem kleinen Fenster in der Nische und arbeiten. Moos ist zwischen die Doppelfenster gepreßt, und die Frau hat ein paar Preißelbeersträuße und bunte Papierfiguren dazwischen gesteckt. Man sieht von hier aus in ein unbewohntes, schluchtartiges Tal, sieht über Hänge und Wiesen weg, die alle jetzt hoch mit Schnee bedeckt sind, sieht ganz fern ein kleines Stückchen Straße, daneben einen Hügel, mit dünnem Nadelwald bewachsen und mit einzelnen Lärchen, deren dürre gelbe Wipfel in der Sinne manchmal wie rötlichgelbes Gold schimmern. Im Winter sind sie in der Einsamkeit wie im Kuchlerhaus, sie sehen keine 149 Menschenwohnung, das Leben draußen ist für sie das Stückchen Straße, das sie übersehen können. Ein Schlitten, ein Mensch, der vorübergeht, eine Kuh, die vorbeigetrieben wird, die Schulkinder, das ist für sie die Welt, die sie von ihrer Höhe herab winzig klein sehen können.

Des Nachmittags, wenn das Kind schläft, freut sich die Nann auf den Sitz am Fenster. Die Frau hat ihr ein grobes Strickzeug zurechtgerichtet, und sie, die zu Haus niemals hat stricken wollen, die es in der Schule aus Unrast nie recht erlernt hat, sitzt jetzt still und plagt sich und nadelt, alles der Frau zulieb. In der Nische am Fenster ist ihr das Herz aufgegangen, hat sie gelernt, was Zutrauen und Güte und Liebe sind. Wie eine Welle von Wärme breitet's sich über sie aus und nimmt ihr alles Harte und Starre, sie muß der Frau alles sagen, was sie noch je bedrückt, muß ihr erzählen, wie armselig und verachtet sie war, wie man sie geschimpft und verhöhnt hat, wie der eigne Vater gegen sie war; alles kommt heraus, vom Tod der Mutter an, wie sie's eben gehört hat, bis zur Ankunft der Dicken und ihrem Abschied von zu Haus. Wem hätte sie denn das je erzählen können? Nicht einmal der Malseinerin hätte sie das alles sagen mögen, o nein, vielleicht, ja vielleicht dem Hansi – und doch nicht, nein.

So mußte es wohl sein, wenn man eine Mutter hatte, da konnte man alles herausreden, da bekam man Antwort auf alle Fragen, da wurde man getröstet, wenn das Herz schwer war, das tat alles so gut! – Immer wieder fängt sie von etwas an, was ihr unbegreiflich dünkt:

»Warum ischt der Voda so fein mit dem Luisele 150 und mit der Dicken, und warum verachten sie die Leut alle? Und warum ischt er mit uns so grob?«

Die Frau beschwichtigt sie gewöhnlich, aber es nutzt nicht für lange, die Nann fängt stets wieder davon an.

Einmal sagt die Frau: »Er wird 'n Luisele sein Voda sein.«

»O na!« sagt die Nann eifrig, »sie sein nit verheiratet, sie ischt grad die Häuserin.«

Daß die Frau vor sich hinlacht, entgeht ihr nicht, aber sie getraut sich nicht, diesmal weiterzufragen. Ist der Bahnwärter da, so reden sie überhaupt nie über solche Dinge. Da muß er der Nann von den Zügen erzählen, die vorbeifahren, von den Städten und Ländern, die sie wie im Flug sehen, und die Nann könnte gar nicht aufhören mit Lauschen und Horchen, am liebsten bliebe sie bis tief in die Nacht hinein sitzen. Was er nicht alles wußte, der kleine rote Bahnwärter!

Von den Güterzügen erzählt er, die mit schwerem, keuchendem Atem die ungeheuren Lasten über den Paß schleppen, Früchte und Wein und Fleisch und Geflügel und Erze und Holz und Steine, die weit, weit bis ans Meer fahren – ihr ist's dann, wenn sie vorüberstampfen und ihr Pfiff fast heulend, wie um Hilfe bittend, klingt, als seien die beiden Maschinen lebendige Wesen, die sie bedauern muß, weil sie sich mit Ziehen und Schieben so plagen müssen, und die Wagen bekommen etwas Fremdes und Lockendes für sie; sie erzählen ihr von fremden Städten, von andern Menschen, von seltenen Blumen und von seltenen Früchten.

Von den Sturmnächten erzählt der Bahnwart, 151 wenn er sich kaum halten kann draußen, weil der Orkan gegen ihn faucht, wenn die Lawinen drohen und in einem Atemzug ein ganzer Zug mit Hunderten von Leben begraben sein kann; von den Expreßzügen, die so schnell vorüberrasen, daß die Lichter wie ein einziger weißer vibrierender Strich die Dunkelheit zerschneiden; von den Menschen, die, in warme Pelze gewickelt, in den Polstern sitzen und denen der Eilzug nicht genug rast, die es nicht erwarten können, in das Land zu kommen, wo die warme Sonne scheint, während in den Bergtälern der Schnee noch so hoch liegt, daß kein Nachbar zum andern kommen kann, die sich dort die Früchte von den Bäumen holen, während hier im Wald die Äste unter der Schneelast splittern, die sich die köstlichsten Blumen pflücken können und die spazieren fahren, die seidenen Sonnenschirme aufgespannt, während auf den Pässen die Stürme brausen.

Was der Bahnwart nicht alles weiß!

Von den Zügen erzählt er, die die Menschen im Sommer aus den glühenden Städten in die kühlen Gebirgstäler bringen; wie sie drinnen im Eisenbahnwagen singen und lachen und plaudern, wie sich schöne Fräuleins mit roten und weißen und blauen Kleidern aus den Fenstern neigen, wie ihre Hutbänder und Schleier flattern, wie die Kinder jauchzen und sich an den grünen Wiesen mit den vielen, vielen Blumen freuen! Und die Nann sieht alles.

Sie sieht die armen Kranken, die der rauhe Ostwind forttreibt, wie sie hustend, in Decken verpackt in den Polstern kauern, wie's ihnen zu lange dauert, bis die Sonne und die Wärme kommt, wie sie die Maschine antreiben möchten, und wie sich andere 152 Menschen um sie sorgen, mit ihnen ungeduldig wünschen, mit ihnen bangen, die Mutter für das Kind, das Kind für die Mutter –

Sie denkt an die feinen und zarten Blumen, so schön, wie sie sich's nicht denken kann, sagt der Bahnwart, die alle in die großen Städte kommen, die die schönen Damen in Händen tragen mitten in Eis und Schnee, nicht wie ein Wunder, sondern als müsse es so sein. Die Wagen haben alle ihre Geheimnisse, sie sieht halb scheu nach ihnen, wie nach etwas Verbotenem, das ist fast wie die lebendig gewordenen ›derlogenen Geschichten‹ vom Malseiner Rosele und doch wieder ganz anders! –

Bald kennt sie auch die Lokomotiven und weiß die Zeit der Züge, sie hat mit dem Manne Angst, wenn sich einer verspätet, sie fragt ihn, wenn er die Strecke begangen, was er alles gefunden hat – besonders wichtig ist ihr der Tunnel, von weitem kann sie die große schwarze Öffnung sehen; die ist ihr unheimlich und taucht oft in ihren Träumen auf. Es ist, als verschlänge sie die Züge auf ewig, und plötzlich speit sie sie aber doch wieder aus, und sie rasen von ihr weg, wie wenn sie froh wären, glücklich entronnen, entkommen zu sein.

An einem Sonntag nimmt sie der Mann einmal mit und zeigt ihr alles innen im Tunnel. Da ist ja eine Mauer oben und unten, und Schienen laufen durch, ganz wie draußen, nur daß es nicht im Freien ist; die Nann ist ordentlich enttäuscht, jetzt ist alle Scheu weg, aber es war viel schöner, als sie sich noch fürchtete.

Auf eines ist sie sehr stolz, sie hat den Dienst der Frau übernommen, weil er zu hart für diese wird; 153 die Nann darf nun die Schranken öffnen und schließen, darf aus dem Haus treten und mit der großen rot und weißen Scheibe salutieren.

Fünf Gulden bekommt man dafür, das heißt die Frau kriegt das, die Nann nicht, das gehört eben zu ihrem Dienst, und sie tut's gern. Wenn sie den alten Mantel vom Bahnwärter anhat und ein Tuch um den Kopf gewickelt, weiß kein Mensch, daß die Nann darinnen steckt. Ist sie denn nicht ebenso groß wie die Frau? Freilich, einen harten Kampf kostet es manchmal mit dem Wind, und die Nann meint, es wehe sie fort über die Böschung.

Da wäre es der kranken Frau schlecht gegangen! Sie ist recht elend, sitzt immer in den Ecken herum und fröstelt, trotzdem der Ofen glüht. An Wärme fehlt es nicht im Bahnwärterhaus, wenn's auch mit dem Essen manchmal knapp ist und die Nann oft nicht ganz satt kriegt. Solch große Schüsseln wie in Malsein gab's gewiß schwerlich irgendwo anders noch, und zuerst kam doch die Frau daran, die mußte fest essen, das sah die Nann ein. Sie aß auch tüchtig, doch mit dem Arbeiten ging's gar nicht recht.

»Was fehlt dir denn?« fragte die Nann einmal die Frau.

Die sah sie verwundert an und sagte dann: »Ja, woaßt du des nit, a Poppele kriagen mir bald.«

Die Nann sperrte den Mund weit auf. Was, das wußte man vorher? Und darum war man krank? War's nicht wie beim Luisele, das man vor die Tür gelegt hatte? War das nicht immer so? –

Mißtrauisch beobachtete die Frau lange Zeit die Nann. Das war ja nicht möglich, daß ein dreizehnjähriges Mädel nichts wußte! Sich so zu verstellen! 154 Das hätte sie der Nann nicht zugetraut! Zuletzt sah sie aber doch ein, daß die Nann nicht heuchelte, und nahm sie auf die Seite und brachte ihr das Allernötigste bei. Sie mußte es doch wissen, wenn nächstens der Storch wirklich nicht kam, sondern die Hebamme!

An diesem Abend machte die Nann alles verkehrt und kroch bald hinauf in ihr Dachstübchen. Sie wollte nichts mehr von dem Bahnwärter erzählt haben, ihr ging etwas ganz andres im Kopf herum.

Herrgott, liebe Frau, was waren das für Sachen auf der Welt! Wenn es so war! Wenn es wirklich so war! Sie konnte es ja immer noch nicht glauben. Das hatten die Weiber alles durchzumachen, das alles?! Und dabei konnte man sogar sterben? Sterben, wie ihre Mutter an ihr gestorben war?

Die junge Nann schauerte unter ihrer Decke vor dem harten Los des Weibes, das ihr jetzt noch als etwas Ungeheuerliches erschien, gegen das sie sich empörte und das ihr doch als Erfüllung ihres Lebens bevorstand.

So lag sie lange wach und dachte an die tote Mutter, und daß der Vater sie gewiß deshalb haßte, weil sie der Mutter das Leben gekostet hatte.

Am andern Tag war sie noch eifriger, der Frau zu helfen, sie tat alles doppelt gern, fühlte sich ihr näher gerückt, das kleine werdende Weibchen dem erfahrenen.

Immer wieder schaute sie, ob die Frau nicht etwa schlechter aussähe, sie getraute sich kaum, diesen schweren Leib anzusehen, der ein Kind trug, ein lebendes Wesen, das doch kein eigentliches Leben noch lebte, von dem kein Ton ans Licht drang, wann würden sie es sehen? Und wie würde denn das alles 155 sein? – Wie denn nur? Eine echte Kinderneugierde gesellte sich zur Scheu, und sie konnte kaum erwarten, daß das Kindlein käme.

An einem Sonntagnachmittag war der Wärter fortgegangen, um die Strecke noch einmal zu besichtigen. Es hatte die Tage vorher stark geschneit, und eine Menge Arbeiter war plötzlich aufgetaucht, den Schnee auszuschaufeln. Das war ein Leben da droben bei dem kleinen Wärterhäuschen, das im Schnee wie in einem weichen Nest aus Watte lag; ganz konfus wurde die Nann in ihrer Arbeit. So viele Menschen hatte sie schon lange nicht gesehen, und so viel Lärm und Schwätzen und Lachen waren noch nie um sie gewesen. Jetzt war alles vorübergebraust und die alte Stille wieder ringsum, aber etwas hatten die Lärmenden zurückgelassen, das den Wärter und die Nann sehr beschäftigte, obwohl keines wußte, daß das andere den Gedanken hütete und verbarg – die Angst vor einer Lawine.

Die Arbeiter und die Vorarbeiter besonders hatten auf den steilabhängenden Fels zwischen dem Haus des Bahnwarts und dem Tunnel gedeutet, wo der Schnee in schweren Wächten überhing. Das war nicht die erste, die da herunterkam! Das wußte auch der Bahnwart. Doch der Streckeningenieur schüttelte den Kopf, »keine Gefahr vorderhand«, meinte er. Ja, der war noch neu und kannte die Tücken des Terrains nicht, der wußte nicht, was da alles schon heruntergerutscht war!

Seitdem schauten die Nann und der Bahnwart von Zeit zu Zeit nach der gefährlichen Stelle, beide bang und ängstlich, doch die Schneemassen blieben unbeweglich liegen, und so beruhigten sie sich wieder, 156 wenn sie auch beide eine gewisse Unruhe nicht mehr los wurden. Als der Bahnwart aber zu ungewohnter Stunde auf die Strecke ging, wurde es der Nann unheimlich, und sie wollte gar nicht von dem kleinen Fenster weg, von dem aus man die Stelle überschauen konnte. Der Himmel war grau geworden und schwer wie Blei, über der Wolfendornspitze und den Vennbergen hingen dicke Wolken, und vom Brenner her wehte es in kurzen Stößen. Wenn nur der Föhn nicht auch noch kam! Beinahe sah's so aus, und als echtes Gebirgskind war die Nann es gewöhnt zu beobachten. Sie drückte die Nase glatt an die Scheiben und bog den Kopf nach links und rechts, um den gefährlichen Hang besser im Auge zu haben.

Hatte sie nicht stöhnen hören hinter sich? Und: »Nann!« rief es von drinnen. Die Frau!? Um's Himmels willen, was gab's denn, sie stöhnte schon wieder.

»Hol mir den Mann geschwind!« rief sie, und die Nann lief, was sie nur konnte, immer noch das Stöhnen in den Ohren, tief erschrocken. Der Wind fauchte ihr entgegen, als sie die Tür aufriß, sie konnte nicht so schnell laufen, als sie wohl gewollt hätte, auch den Mann fand sie nicht gleich. Endlich tauchte er in der Tunnelöffnung auf, hörte aber Nanns Schreien lange Zeit nicht, weil der Wind auf der Höhe rumorte, und bemerkte ihr Winken nicht, weil er auf die Strecke achtete. Doch sobald er sie sah, war er auch schon da, und beide liefen dem Häuschen zu.

»Die Frau?« hatte er bloß gefragt, und die Nann hatte als Antwort nur genickt.

Das Häuschen lag ruhig, und auch beim Eintreten hörten sie nichts; die Nann meinte, in der 157 kurzen Zeit müsse sich irgend etwas ereignet haben, aber die Frau saß noch ebenso in der Ecke, wie die Nann sie vorhin verlassen, die Hände um die Knie geschlungen, den Kopf gesenkt.

»Soll i dir ins Dorf awergehen?« fragte der Mann aufgeregt und noch keuchend vom schnellen Laufen.

Sie nickte heftig: »Ja, schnell, mach schnell!« und eh' die Nann sich nur besonnen hatte, war er schon draußen.

Jesus Maria, er ging fort und ließ sie mit der Frau allein! Holte er den Doktor? Hätte er doch sie gehen lassen! Sie fürchtete sich ja, bei der Frau zu bleiben. Was sollte denn sie tun? Konnte denn sie ihr mit etwas helfen?

»Soll i a Suppen kochen?« fragte sie zaghaft. Es war ihr, als sei die Frau fremd, ein anderer Mensch geworden.

»Für mi nit!« stieß die Frau heraus.

So kurz, so barsch hatte sie noch nie mit ihr gesprochen, die Nann wußte nicht, sollte sie mit ihr reden, oder sich ganz stillhalten? Aber stillhalten konnte sie sich ja gar nicht, die innere Unruhe trieb sie immer wieder auf, sobald die Frau stöhnte, gab's ihr einen Stich und zog sich ihr Herz in einem wehen Angstgefühl zusammen. Alle Neugierde war verschwunden, die kleine Nann war ganz Mitleid, ganz Mitgefühl, seit sie die Töne starken Schmerzes vernommen hatte. Wenn nur der Mann bald käme! Und obwohl sie wußte, daß er unmöglich bereits drunten sein konnte, sah sie schon nach seiner Rückkehr aus.

Draußen ging ein feines Nebelgeriesel nieder, der Wind hatte ausgesetzt; wie eine blaue Mauer, 158 scharf vom Nebel abgeschnitten, standen die Berge, es war ein eigentümliches Krachen und Knacken im Holz des Daches; die Dämmerung kam früher als gewöhnlich, und die Nann zündete das Lämpchen an. Ein paarmal schlich sie sich auf den Fußspitzen zur Frau und fragte leise an, ob sie nichts brauche, aber jedesmal scheuchte diese das Kind mit einer wilden Handbewegung wieder fort, dabei wurde das Stöhnen lauter und lauter. Die Nann hätte sich irgendwohin verkriechen mögen, um es nicht zu hören, sie stopfte sich die Finger in die Ohren, dann glaubte sie wieder einen schrillen Schrei zu hören und riß die Finger schnell wieder heraus – nein, es war nichts, nur immerfort das Wimmern, das sich von Zeit zu Zeit zur lauten Klage steigerte. Die Ecke war fast dunkel, die Nann sah nur undeutliche Umrisse, aber immer mußte sie wie gebannt dorthin schauen, wie wenn sich in dieser dunklen Ecke etwas Schauriges und Großes und Erhabenes, aber für sie Unverständliches abspiele. Sie hatte die Hände zum Gebet gefaltet, aber es waren keine Gebete, die sie sprach, nur die Worte: »Lieber Herr, wenn er nur käme!«

Sie fürchtete sich ja zu Tod, sie zitterte, jeder neue Schmerzenslaut erschreckte sie bis ins Innerste, und als gar die Frau zu reden anfing, wollte ihr Herz stillstehen: »Hilf mir auf, Nann!« bat sie, und als die Nann zu ihr trat, sah sie, daß sie die Hände festgeballt und die Zähne zusammengebissen hatte. Sie stützte und führte die Stöhnende vors Bett, wo sie eine Zeitlang stehen blieb, bis sie sich schwer in die Kissen fallen ließ.

»Ausziehen,« mahnte die Nann, die sich nicht denken konnte, daß die Frau so liegen bleiben wollte, 159 und wieder »ausziehen, Frau!« mitten in einen neuen Schmerzensausbruch hinein.

Ganz erschreckt wich sie zurück, als die Frau im höchsten Zorn aufkreischte: »Laß mi gehn, geh fort, geh außer, laßt's mi gehn, laßt's mi sterben, es ist alles oan Ding, o du lieber himmlischer Vater!«

Die Nann ging wie ein geprügelter Hund und heulte. Was hatte sie denn getan, daß die Frau so bös mit ihr war? Sie hatte ihr doch helfen wollen! O Gott, o Gott, und jetzt das Schreien wieder! War das ein Leben! Mußte man das alles leiden? Nein, sie wollte nie heiraten, wenn das so war!

Und während sie in der Küche Feuer anzündete, wenn der Mann etwa zu essen haben wollte bei seiner Rückkehr, und während sie Reisig auflegte, tat sie alles mit trotzigen und widerspenstigen Gebärden, alles in ihr war Widerspruch und Auflehnung gegen ein Schicksal, das ihr auferlegt würde und mit dem sie haderte. Alles bäumte sich auf in ihr, und wenn sie wieder Schreie und Stöhnen hörte, sagte sie: »Ja, schrei du nur, schrei du nur, mir wird's nit passieren.«

Wenn das Prasseln des Feuers aussetzt, hört sie ein leises Rieseln draußen, und von Zeit zu Zeit stieben Funken zum Herdtürchen heraus. Die Nann horcht angestrengt, ob sie nicht endlich jemand kommen hört.

Es wird sie doch keine Lahn erwischen! Das wäre das rechte Wetter dazu! Soll sie nicht ein bißchen vor dem Haus horchen, ein paar Schritte entgegengehen? Die Frau liegt jetzt ganz ruhig.

Pechschwarz ist es draußen, man sieht keinen Berg mehr, die Nebel sind tief heruntergekommen, etwas Lauerndes, Tückisches liegt in der Nacht. Ein 160 verstecktes Geraune und Gewisper, ein Knacken, ein leises Krachen ist ringsumher, wie wenn Tausende von unsichtbaren Händen an der Arbeit wären, Tausende von weichen Sohlen über den Schnee schlichen –

Obgleich die Nann den Pfad nach Gries ein gutes Stück weit hinuntergeht, kann sie doch weder Stimmen noch Fußtritte hören, alles ist still, der Regen hat nachgelassen; aber ganz plötzlich wirft sie ein Windstoß fast um, kaum daß sie sich noch hält; vom Brenner her ist er gekommen, keine Minute dauert er, da ist wieder die alte lauernde Stille. Die Nann horcht wieder – nichts. Doch! – da –! Herrgott, das kommt von oben, aus dem Haus! Die Frau! Langgezogene Klagetöne sind es, die das Kind antreiben, den Pfad schneller hinunterzulaufen, förmlich um ihnen zu entfliehen, und jetzt betet sie wirklich, doch das Rufen verfolgt sie unausgesetzt, diese schrille Klage, die sich in der Nacht und in der Einsamkeit erhebt. Sie darf nicht mehr weiter, sie muß umkehren, muß diesen Wehrufen nachfolgen –. Doch, was ist das? Ein anderer Ton – ein dünnes, scharfes Läuten, unaufhörlich – – der Zug! Daß sie das vergessen konnte, um Gottes willen, er ist am Brenner oben, sie muß eilen, die Lichter anzünden, die Schranken schließen –

Ihre Einbildungskraft läßt die Strecke bis zum Haus viel weiter erscheinen, sie glaubt das Rollen des Zuges schon zu hören – vielleicht hat es auch schon lange geklingelt, und sie hat es nicht gehört – und ist nicht auf dem Posten, der Wärter fort und alles dunkel –!

Sie stürzt vorwärts, gleitet aus, verliert den Pfad und sinkt im weichen Schnee ein, rafft sich aber 161 gleich wieder auf, fällt wieder; sie klebt vor Schmutz und Nässe, und immer hat sie das Geklingel in den Ohren, das schon längst aufgehört hat, und das dumpfe Rollen – immer ärger wird's, immer stärker, nun ist's ein dumpfes Brausen, und es ist rings um sie, ein eiskalter Luftstrom fährt sie an, zugleich wirbelt's überall von Tausenden von kleinen Eisnadeln, im Nu ist sie bestäubt, eingehüllt – sie kriegt keinen Atem mehr – ah! Die Lahn! denkt sie noch und will sich niederwerfen, da stürzt sie schon dicht neben ihr nieder, ein sausendes Rauschen, weiter unten – immer noch weiter unten –

Die Nann ist ganz wirr, sie streicht sich über den Kopf, alles trieft vor Nässe an ihr, aber ihre Backen glühen, und sie hastet gleich wieder vorwärts, die Lahn, der Wärter – nein, der Zug – lieber Gott, wenn die Lahn über die Strecke weggefegt ist –! Der Zug! der Zug! sie denkt nur noch das eine. Sie hetzt sich, daß ihr der Schweiß herunterläuft, sie weiß nicht, rennt sie rechts oder links, das Licht des Wärterhäuschens hat sie längst verloren; alle Augenblicke sinkt sie bis über die Knie ein; endlich ist sie oben, alles, alles weiß auf der Strecke, alles liegt verschüttet unterm Schnee, aber nun sieht sie endlich auch das Licht wieder, das Haus ist frei, sie stürzt darauf zu, hinein, wie irr in der Küche umher, sie hört, daß die Frau nach ihr schreit, weint, bettelt, gibt aber keine Antwort, sie muß ja suchen – suchen! Jetzt hat sie die rote Laterne – schnell Feuer und fort, was sie nur laufen kann. Sie muß im Schnee waten, bleibt wieder stecken, sie fällt, aber gleich ist sie auch in der Höhe und arbeitet sich tapfer aus dem Ärgsten heraus, denn dort braust auch schon der Zug aus dem 162 Tunnel – zugleich fühlt sie, daß neue Schneemassen auf sie niederbrechen – sie schwenkt noch die Laterne, dann stürzt sie – gerade fühlt sie noch, daß ihr jemand die Laterne aus den starren Fingern nimmt, sieht noch, wie das rote Licht von ihr weghüpft, wie ein wahnsinnig gewordener Irrwisch in der Luft herumtanzt – sie meint es weit, weit weg zu sehen, wie es in großem Bogen herumschnellt, hört einen schrillen Pfiff, einen Ruck – dann weiß sie auf einmal nichts mehr von sich.

Erst ein Durcheinander von Stimmen, ein Geschrei und wirre Rufe, das Auf- und Zuschlagen der Kupeetüren, das stoßweise Atmen der Maschine weckt sie wieder. Sie richtet sich auf und sieht, wie viele, viele Menschen auf den Schienen stehen, wie die Lichter des Zuges helle Streifen auf den schwarzen Knäuel der Reisenden werfen, die zornig und aufgeregt, schreiend und disputierend neben dem Zuge stehen. Sie muß über einen hohen Haufen Schnees hinweg, um dorthin zu gelangen, sie versucht es wohl, vermag's aber nicht. Das ist ja, als seien ihr alle Glieder gebrochen! Sie kann sich kaum von der Stelle rühren. –

Ist das nicht das rote Licht, das leise schwankend näherrückt, nun ganz dicht bei ihr ist? Jetzt erkennt sie auch den Bahnwärter –

Also ist er doch noch zur rechten Zeit gekommen!

»Geh, Nann, geh,« sagt er, seine Stimme zittert, seine Hand zuckt, als er ihren Arm ergreift, er muß sie förmlich vorwärts schieben und stützt sie dabei; sie sprechen nichts, aber beide haben jetzt denselben Gedanken – die Frau – wie sie vorhin denselben Gedanken – den Zug – hatten. Und die Nann 163 meint durch das Sausen und Klopfen, das in ihren Ohren dröhnt, ihre Rufe nach Hilfe zu hören, die niemand beantwortet. Vor Hast, ins Haus zu kommen, stolpert sie wie eine Betrunkene, der Bahnwärter muß sie fast über die Stufen hinauftragen.

Wie ist's so wunderlich still, so friedlich im Häuschen, in das der Lärm von außen nur verworren und schwach hereindringt. Während der Mann sich leise in die Stube schleicht, bleibt die Nann in der Küche stehen und sieht mit Erstaunen, daß eine fremde Frau darin arbeitet. Das Feuer knattert, das Wasser dampft auf dem Herd, die kleine Badewanne ist hergerichtet, und bald bringt die große starke Frau ein kleines krebsrotes, piepsendes Geschöpf aus der Stube und zeigt es lachend der Nann:

»Da schaug 's kloa' Madele an!«

Die Nann schielt nur von der Seite nach dem kleinen Kinde, und als ihr's die Frau in den Arm gibt, gefällt es ihr gar nicht.

Dieses faltige, greinende Gesichtchen, diese rotblaue Haut – und nur wegen dieses garstigen, kleinen Geschöpfes so viel Schmerzen, so viel Wirrwarr und einsame Not! – sie gab es schnell der Frau zurück.

»Es g'fallt dir wohl nit?« lachte die, »wart du grad, bis du selber oans hascht!«

Die Nann seufzte tief auf, wenigstens war jetzt die Angst vorüber, und die Frau brauchte nicht mehr zu leiden; sie selber war ja völlig zerschlagen und konnte sich kaum mehr in der Höhe halten, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie auf den Boden gefallen, es war nur gut, daß ihr's die fremde Frau ansah. Mit einem festen Griff drückte sie die halb Erstarrte auf die Bank, brachte Bettstücke und nahm ihr die 164 nassen Kleider ab; sobald die Nann behaglich warm geworden und eine Tasse heißen Kaffees geschluckt hatte, schlief sie ein. Noch im Halbschlaf hörte sie den Wärter wieder fortgehen, wachte auch einmal in der Nacht auf, weil ein beständiges Getrappel von vielen, vielen Füßen vor dem Häuschen war, meinte Klirren von Werkzeugen und Stimmen durcheinander zu vernehmen, dann war's ihr gegen Morgen, als höre sie einen lauten Pfiff, das anschwellende und sich wieder verlierende Rollen des Zuges, aber doch war alles wie verwischt, wie unwirklich, oder als sei es weit weg. Es lag wie ein Bleigewicht auf ihr, und als sie endlich die Augen richtig aufmachte, war es schon sehr spät. Die Sonne schien durchs Fenster und langte mit einem langen schmalen Band bis an den Herd hin, wo die große Frau stand und kochte.

Das war ja wie ein Frühlingstag! So warm, so hell! Der Schnee schmolz vor dem Hause, und kleine Bäche bahnten sich Wege unter dem Schnee, die weißen Berge standen scharf umrissen am blauen Himmel. An diesem sonnenhellen Tage war die Nann auch mit dem ›Madele‹ einverstanden, das ihr in den Arm gelegt wurde. So in dem frischgewaschenen Kissen, mit dem weißen Kittelchen und dem Rüschenhäubchen gefiel es ihr schon eher, und sie wollte recht gern alles lernen von der großen Frau, was für das Kind notwendig war.

Als die weise Frau nach einigen Tagen wieder fortging, war die Nann nicht allein wohlerfahren in allen Dingen, die mit der Pflege eines ganz kleinen Kindes zusammenhängen, sondern auch in andern, die gerade nicht ganz direkt damit in Verbindung standen, aber die ganze Zeit ihr neugieriges Kinderherz 165 beschwert und geängstigt hatten. Der derben, resoluten weisen Frau des Dorfes machte es nämlich den größten Spaß, das alberne Mädel ein wenig ins Leben sehen zu lassen, ihr ein wenig bang davor zu machen.

»Des schadet niacht,« sagte sie lachend, als die Frau darüber mit ihr zankte, »es kriagen a so viel z'viel ledige Diandln Kinder, und hast nix davon, a paar Kreuzer grad, nit amal a Halbe Wein.«

So war die Nann aus diesem Prinzip heraus »wissend« geworden, und sie hantierte im Anfang mit den beiden Kindern und der bettlägerigen Frau wie jemand, der über den abscheulichen Dingen steht, die nicht mehr zu ändern sind, und der sie von oben herab betrachtet. Allerdings war sie empört über die Einrichtungen dieser Welt, sie verdachte dem kleinen Wurm sogar das Dasein, sie konnte nicht begreifen, daß die Frau es so gern hatte und immer bei sich haben wollte.

Aber ganz sachte, ganz allmählich lernte sie, aus der Sorge heraus, die Kleine lieben. Es war ein schwächliches, kränkliches Kind, dem man die größte Sorgfalt mußte angedeihen lassen, doch je mehr Mühe es machte, desto eifriger wurde die Nann, ja, sie gewöhnte die Kleine fast ausschließlich an sich, und als sie nach Wochen zum erstenmal lächelte, war die Nann ganz überglücklich und konnte den Eltern nicht genug davon sagen.

»G'fallt sie dir noch nit?« neckte die Frau sie.

»O woll! woll!« erwiderte die Nann. Jetzt, wo sie nächtelang das Kind herumgetragen, sich gesorgt und darum gebangt hatte, jetzt verstand sie, wie lieb man es haben konnte. 166

 

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