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Die Nacht auf dem Walfisch

Friedrich Gerstäcker: Die Nacht auf dem Walfisch - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDie Nacht auf dem Walfisch
pages5-27
created20000406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Die Nacht auf dem Walfisch

Der englische Walfischfänger König Harold kreuzte in der Nähe der Kingmills-Gruppe, ziemlich unter der Linie, auf Spermfische, in der Absicht die Wintermonate hier zuzubringen, um mit Beginn des Frühjahrs wieder nach Norden auf den Fang des rechten Walfisches aufzulaufen. Vergebens waren sie aber jetzt monatelang hin- und hergefahren und durch die sonst besten Jagdgründe für diese Fische wieder und wieder auf- und abgesegelt. Die Ausgucks in den Tops der Masten, die dort oben den ganzen Tag gehalten werden, um nach etwa auftauchenden Fischen auszuschauen, und einander zu gewissen Stunden ablösen müssen, blieben still und stumm, und wenn wirklich einmal ein Ruf kam, glaubte schon niemand mehr daran. Solche Meldungen hatten sich bis jetzt auch fast jedes Mal als ein nicht zu gebrauchender Finnback oder vielleicht eine school kleinerer Braunfische ausgewiesen, auf die man nicht Jagd machen wollte. Die Sonne brannte dabei heiß und sengend auf das ihren vollen Strahlen preisgegebene Deck nieder; und das Schiff, so still und reinlich, mit den kleingerefften Segeln in der leichten Brise, sah gerade so aus, als ob es hier an einem freundlichen, aber etwas langen Sonntagnachmittag zum Vergnügen herumfahren und eben keinen andern Zweck, kein bestimmteres Ziel kenne.

Die Leute haben dabei natürlich immer ihre Arbeit: Segel müssen ausgebessert, das Takelwerk, stehendes wie laufendes, muss nachgesehen werden; die Eisen und Lanzen für den Fang des Fisches selber dürfen nicht rosten, und den Bootssteuerern obliegt die besondere Pflicht, sie blank und im Stand zu halten. Auch der Böttcher an Bord hat seine Arbeit, mit den Fässern zu einem etwaigen Fang gleich bereit zu sein; und der Zimmermann macht sich eine Beschäftigung an den zur Vorsorge mitgenommenen Booten, hier und da morsche Stellen daran zu finden und neue Stücke einzusetzen. Aber in der ganzen Sache ist kein Leben, keine wirkliche Tätigkeit; man sieht, dass die Leute, die sich schon monatelang auf dieselbe Art herumgetrieben, eben nur arbeiten, um nicht müßig zu stehen, und von der Arbeit fort schweift bei allen der sehnsüchtige Blick über die leicht gekräuselte Meeresfläche, in der allerdings vergeblichen Hoffnung, vom Deck aus den aufgeblasenen Strahl eines Fisches zwischen dem Blitzen der Wogen zu erkennen. Wäre aber wirklich etwas Derartiges in Sicht, so hätten es die Leute oben in den Masten schon lange angeschrien.

»There she blows!« (Dort bläst sie.)

Wie auf Kommandowort ruht jede Arbeit – der Böttcher wirft seinen Hammer, der Tischler seinen Hobel hin, und der Kapitän, der unten in seiner Kajüte auf dem Sofa gelegen und gelesen oder geschlafen hat, um die entsetzlich langweilige Zeit eines solchen müßigen Umherfahrens zu töten, springt die Kajütstreppe hinauf, um zu windwärts und nach dem Mann oben im Top zu sehen und die Details über die »aufgekommenen« Fische erfahren zu können.

»There she blows!«, ruft der Mann oben wieder – und blow – blow – blow – setzt er langsam und gedehnt hinzu, als mehrere Strahlen nacheinander aufschießen, jeden Strahl bezeichnend.

»Wo hinaus zu?«, lautet der Ruf vom Deck, und der ausgestreckte Arm des Ausgucks bezeichnet die Richtung; aber der Arm deutet zu windwärts, d. h. gegen den Wind an, und die Bootssteuerer rufen in wilder Eile ihre Bootsmannschaften zusammen, die Ersten zu sein, die fertig in See sind – immer eine ehrenvolle Auszeichnung. Das kleine Wasserfass wird gefüllt, die Butte mit dem aufgerollten Tau für die Harpunen, die auf einem Gestell an der Want dicht über dem Boot gestanden, damit sie dieses durch ihre Schwere nicht schädige, wird hineingelassen, das Boot selber gleitet unter den Krähnen nieder aufs Wasser. Die Leute folgen, wie Katzen an den Außenwänden des Schiffes niederkletternd, die Riemen werden eingelegt, und wie der Harpunier oder boats-header seinen Platz hinten am Steuerriemen eingenommen, stoßen sie ab, und der Bug des scharf gebauten leichten kleinen Fahrzeugs strebt schäumend und die Flut an beiden Seiten zurückwerfend der bezeichneten Richtung zu.

Kommen die Fische in seewärts, d. h. unter dem Wind auf, dann können ihnen die Schiffe selber mit vollen Segeln bis zu einer gewissen Entfernung folgen, ohne sie scheu zu machen, und die nun rasch ausgesetzten Boote gleiten ebenfalls mit ihren Segeln geräuschlos und unbemerkt an ihre Beute heran; die Jagd ist in dem Fall auch immer weit schneller gemacht und sowohl sicherer als auch weit weniger mühsam. Wollte das Schiff aber zu windwärts aufkreuzen, um den Fischen den Wind abzugewinnen, so würde dadurch viel Zeit verloren gehen und die Beute jedenfalls nur höchst selten eingeholt werden. Das Aufrudern ist deshalb, wenn auch das Mühsamste, doch gewiss in diesem Fall das Schnellste und Sicherste, und das Schiff folgt dann mit der zurückgelassenen Mannschaft, so rasch es eben kann, seinen Booten, um diese nach vollendeter Jagd wieder auf- und einen etwa geworfenen und getöteten Fisch langseit zu nehmen. Die vier Boote des König Harold ruderten denn auch, so rasch sie die elastischen Riemen vorwärts treiben konnten, dem Wind gerade in die Zähne, und kamen nach einer etwa halbstündigen wackern Arbeit in Sicht der ersten »Strahlen« der dort wahrscheinlich spielenden und bald auf-, bald untertauchenden Fische. Von Bord des Walfischfängers wurde ihnen bis dahin mit einem an einer Stange befestigten und schwarz bemalten runden Korbe das Zeichen gegeben, nach welcher Richtung die Fische sich wandten. Ein dort postierter Matrose musste diesen nämlich, der auf sehr weithin sichtbar ist, hinaushalten, und die Boote richteten oder änderten danach ihren Kurs.

Ein eigener Wetteifer herrscht bei solcher Fahrt nicht allein unter den Bootssteuerern und Harpunieren, wer zuerst an einen Fisch »festkommt«, sondern unter der ganzen Mannschaft. Es wird zur Ehrensache, welches Boot den ersten glücklichen und auch einträglichen Wurf getan, indem bei solcher Jagd alle, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen hinunter, auf Anteil ausgehen, und die Leute tun gewiss ihr Äußerstes, um nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Die drei schnellsten Boote hatten denn auch heute wieder die beste Aussicht, bald in Wurfnähe zu kommen, während das vierte, das ein junger, tollköpfiger Ire befehligte, trotz der wirklich verzweifelten Anstrengung seiner Mannschaft nicht imstande war, ihnen nachzukommen. Als sich in den ersten Booten die Bootssteuerer schon zum Harpunenwurf fertig machten, war es wohl noch eine ganze Kabellänge hinter diesen zurückgeblieben.

Gerade da ging rechts von ihnen, aber freilich noch eine weite Strecke entfernt, ein einzelner Strahl auf, und wenn sich auch die Boote nicht gern zu weit voneinander trennen, um im Fall der Not einander Hilfe leisten zu können, sah doch der hinten an seinem Steuerriemen stehende junge Ire kaum den einzelnen Strahl, der ihm auch nach der Richtung zu Fische versprach, als er den Bug seines Bootes blitzschnell herumwarf und, von den übrigen Booten ab, dem neu aufgetauchten Wild nachsagte.

In dem Augenblick hatten die anderen Boote zu viel mit sich selber zu tun, um darauf zu achten. Die rudernden Matrosen aber, die mit dem Gesicht nach rückwärts im Boot saßen und den veränderten Kurs ihrer Kameraden sahen, konnten sich leicht denken, dass dort ebenfalls Fische aufgekommen waren, und hatten nicht das Mindeste dagegen, einen Konkurrenten auf ihrer Hetze loszuwerden. Überdies befanden sie sich näher bei den Fischen, als sie im Anfang selber gedacht, denn als diese plötzlich nach unten gegangen waren und eine Zeit lang fortblieben, während die Boote, so rasch sie konnten, ihren Kurs beibehielten, tauchten sie plötzlich kaum dreißig Schritt vor ihnen wieder empor, und ein Fisch kam sogar in Wurfnähe von dem ersten Harpunier auf, dessen Bootssteuerer denn auch sein Eisen augenblicklich an ihm festwarf. Die anderen beiden kamen ebenfalls fest, ehe sie zehn Minuten gelaufen waren; das Eisen des zweiten Bootes riss aber wieder aus und der Fisch ging tief, sodass das zweite Boot, jetzt außer dem Bereich der anderen Fische, dem dritten folgte und dessen Beute mit zu sichern suchte, was ihm auch nach einiger Anstrengung gelang. In voller Flucht gingen aber die festgekommenen Fische gerade nach Norden auf, die Boote hinter sich dreinreißend, dass die Wellen an ihrem Bug hoch emporschäumten, bis es dem dritten Harpunier zuerst gelang, seine Lanze hinter der Finne seines Fisches einzuwerfen und ihm den Todesstoß zu geben. Der erste Harpunier wurde wohl noch eine englische Meile weit mit fortgenommen, tötete aber den seinigen dann ebenfalls und blieb auf seinen Rudern liegen, das Schiff zu erwarten. Mit dem gewaltigen Fisch im Schlepptau wäre es ihm nicht möglich gewesen zu rudern. So weit hatten sie sich übrigens von ihrem Schiff entfernt, dass sie den Rumpf schon nicht mehr über Wasser sahen, und mühselig genug musste dieses jetzt zu ihnen gegen die schwache Brise aufkreuzen, wieder und wieder über Stag gehend, um dem Nordost die verlorenen Meilen abzugewinnen.

Die drei Boote sahen sich jetzt auch, freilich vergebens, nach dem vierten um, das ihnen ganz aus Sicht gekommen, und suchten rund um sich her das vielleicht gesetzte hellere Segel desselben irgendwo zu erkennen. Es blieb verschwunden, und sie trösteten sich damit, dass sie es von Bord und den Masten aus wohl jedenfalls im Auge behalten haben und genau die Richtung kennen würden, die es genommen.

Der König Harold war aber keineswegs ein sehr schneller Segler, wenigstens nicht dicht am Wind, und der Nachmittag ging darüber hin, bis es ihm gelang, zu den beiden Fischen aufzukreuzen und sie an beiden Seiten seines Bords zu befestigen. Der zweite Harpunier war schon früher an Bord zurückgekehrt, um mit der also vergrößerten Mannschaft das Schiff leichter regieren zu können; und ein Mann wurde jetzt wieder mit dem Fernglas nach oben geschickt, sich zu vergewissern, wo das vierte Boot läge, damit man ihm, falls es ebenfalls einen Fisch hätte, lieber alle anderen Boote zu Hilfe schicke, um die Beute ins Schlepptau zu nehmen.

»Nun, Sirrah, nach welcher Richtung liegt es?«, fragte der Kapitän vom Deck aus, als er die bis jetzt gemachte Beute geborgen wusste und nun auch dem andern Boot seine Aufmerksamkeit zuwandte. »Ist es weit von hier?«

»Kann es nirgends finden, Sir!«, lautete die Antwort zurück, und der Mann begann von neuem den Horizont um den ganzen Kompass herum zu bestreichen.

»Ach, Unsinn, du brauchst nicht nach windwärts zu sehen, dahin zu ist es nicht!«, rief der Kapitän wieder hinauf. »Lass die Sonne rechts und such aufmerksam nach Süden hinüber – dort muss es liegen.«

Der Mann gehorchte der Weisung, schaute aber ohne ein scheinbares Resultat so lange durch das Glas, bis der Kapitän endlich ungeduldig wurde, selber auf die Schanzkleidung sprang und die Wanten hinauflief, um nach dem Boot auszuschauen. Er fing doch an, unruhig über dessen Verschwinden zu werden.

»Da drüben ist es mir schon ein paar Mal so vorgekommen, Sir«, sagte der Mann, dem er das Glas abgenommen, während er nach Süd-Südwest hinunterdeutete, »als ob ich einen etwas dunkleren Punkt auf dem Wasser erkennen könnte. Wenn ich aber genauer hinsah, war es immer wieder verschwunden.«

»Wo hinaus?«

»Gerade dorthin... Etwa in der Richtung, wo die kleine weiße Wolke liegt – vielleicht noch ein wenig mehr nach Westen.«

Der Kapitän folgte der angegebenen Richtung eine Zeit lang mit dem Glas, schüttelte dann mit dem Kopf und fing an weiter zu suchen. Aber vergebens blieb er oben, bis die Sonne hinter den Horizont sank und dabei alle, auch die geringsten Gegenstände auf das klarste und deutlichste hervortreten ließ. Er konnte nicht das mindeste von dem Boot bemerken, das doch auch jedenfalls um diese Zeit, wo es wusste, dass man es besonders mit dem Glase suchen würde, sein Segel hätte setzen müssen, denn dessen weißer Schein leuchtet dann weithin über das Wasser. Auch der erste Harpunier war jetzt nach oben gekommen – dem Boot musste jedenfalls ein Unglück zugestoßen sein, und die Leute fingen an unruhig deshalb zu werden. Aber auch dieser konnte durch das ihm gereichte Glas nicht das mindeste erkennen, was einem Boot oder Segel glich, und die jetzt rasch einbrechende Dämmerung, der die Nacht in jenen Breiten auf dem Fuße folgt, machte ein weiteres Ausschauen bald unmöglich. Dem Kapitän des König Harold blieb aber keine Wahl, was er in diesem Fall zu tun habe. Auf- und abkreuzen konnte er schon der langseits genommenen Fische wegen nicht, hätte er aber nur eine Richtung gewusst, wohin er halten solle, würde er doch vielleicht selbst die gemachte Beute im Stich gelassen haben, um seine verlorenen Leute wieder aufzufinden. So aber hatte er noch immer die Hoffnung, dass er sie in Lee finden würde, und dorthin trieb jetzt überdies das Schiff, an dem alle Segel aufgegeit waren, mit dem Passat und der Äquatorialströmung. War dann am nächsten Morgen noch nichts von dem Boot zu sehen, so konnte er, was über Nacht von den Fischen noch nicht eingeschnitten worden, mit einer darauf gesteckten Flagge zurücklassen, und nach dem verlorenen Boot umherkreuzen. Lieber Gott, immer ein verzweifelter Versuch, verlorene Boote wieder anzutreffen. Die See ist so entsetzlich groß und hatten die Leute wirklich ihr Boot verloren und schwammen auf dem Wasser – wo sie finden? Es wäre das auch eben nur geschehen, um sich selber nicht den Vorwurf machen zu müssen, dass man einen Teil der Kameraden leichtsinnig aufgegeben habe.

Die höchste Wahrscheinlichkeit blieb immer, dass ein verwundeter Spermfisch das Boot zertrümmert hatte und die Mannschaft nicht imstande gewesen war, sich so lange mit Schwimmen an der Oberfläche zu halten. Die See war freilich ruhig genug, aber der furchtbare Hai wittert rasch das Blut eines geworfenen Fisches, und wie jetzt sechs oder sieben dieser gierigen Burschen ihr Schiff umschwammen und ungeduldig das Anschneiden der Beute erwarteten, daran herumzerrten und rissen, und doch die scharfen Fänge nicht in die riesige zähe Masse einschlagen konnten, so waren sie sicher auch dort aufgekommen, wo sich das andere vermisste Boot befand, und wehe den Unglücklichen, die, des schützenden Fahrzeugs beraubt, ihrem Heißhunger preisgegeben wurden.

Freilich blieb noch immer die Möglichkeit, dass das unbeschädigte Boot durch die Jagd nur zu weit nach Lee zu verschlagen worden, um so bald wieder aufrudern zu können; ein Boot ist nur ein kleiner Fleck auf dem ungeheuren Ozean und kann mit dem besten Fernrohr wohl dem Auge entgehen.

Dann wussten sie aber auch recht gut, welcher Richtung sie zu folgen hatten; und um ihnen die auch für die Nacht klar und deutlich anzugeben, wurden zwei Laternen auf dem Vor- und Haupttop befestigt, damit sie an dem Schiff nicht etwa in der Dunkelheit vorbeiruderten. Nach Dunkelwerden dann, um Mitternacht und vor der Morgenwache ließ der Kapitän ebenfalls die kleinen Kanonen lösen, die er auf dem Deck stehen hatte, um auch durch deren Schall dem Boot die Richtung anzudeuten; aber umsonst, die Nacht verging und von den Vermissten war nichts zu hören noch zu sehen.

Das Einschneiden der Fische ging indessen rüstig vor sich; der Blubber oder Speck war angestoßen und wurde mit einem besonders dazu eingerichteten Windewerk aufgeholt, und selbst das Auskochen begann zugleich mit dem Anbordnehmen, um keine Zeit zu versäumen und das unter der Linie sonst leicht in Verwesung übergehende Material aus dem Weg zu bekommen. Große, mit Streifen Blubber genährte Fackeln hingen in einer aus Eisenbändern gefertigten Art von Käfig oder Netz über Bord, und warfen ihren blutroten, flammenden Schein über ein wild bewegtes, reges Bild. Doch vor Mitternacht war auch der eine gewaltige Fisch schon eingeschnitten, und mit dem schwermächtigen Blubberhaken wurde der riesige Kopf, der im Wasser noch von der Wirbelsäule abgestoßen worden, ganz an Bord gehoben, sodass sich das Schiff unter der gewaltigen Last neigte, als er über die Seite kam.

Mit Tagesanbruch, wo die ganze Mannschaft schon scharf an dem zweiten Fisch arbeitete, mussten aber wieder ein paar von den Harpunieren, jeder mit einem Fernrohr, nach oben, und vergebens hatten sie schon bis zu Sonnenaufgang den Horizont nach jeder Richtung hin durchsucht und nichts entdecken können, als der Blick des ersten Harpuniers auf einen dunkeln Punkt in dem jetzt hell blitzenden Wasser traf und diesen festhielt. Die Entfernung war aber selbst für das gute Glas zu groß, etwas Genaueres unterscheiden zu können, nichtsdestoweniger wurde der Kapitän gleich davon in Kenntnis gesetzt, der dann ebenfalls nach oben kam. Jedenfalls schwamm dort irgendetwas auf dem Wasser, was es auch sein mochte, aber es lag zu windwärts. Sie mussten in der Nacht daran vorbeigetrieben sein; und um sich erst davon zu überzeugen, was es sein könne, wurde der zweite Harpunier mit seinem Boot beordert, hinzufahren. Wenn auch nicht das vermisste Boot, denn so sah es nicht aus, war es möglicherweise ein toter Walfisch und lohnte nicht allein die Mühe danach zu sehen, sondern konnte sie auch auf die Spur der Verlorenen bringen, da der Fisch, wenn er von ihnen geworfen worden, jedenfalls noch eine der Schiffsharpunen oder »Eisen« in sich trug.

Der Befehl wurde hinunter an Deck gerufen, und wenige Minuten später stieß das Boot schon vom Bord und schoss, von den vier kräftigen Riemen getrieben, pfeilschnell der Richtung zu, die ihm von dem Hauptmast aus durch den ausgehaltenen Korb fortwährend angedeutet ward. Der Kapitän aber blieb oben in der großen Bramstengensalung, um den einmal gefassten Punkt nicht wieder aus dem Glas zu verlieren und den Erfolg des Bootes beobachten zu können.

Wohl eine halbe Stunde war dieses indes, nur dem Zeichen vom Bord aus folgend, gerudert, ohne selber etwas nach vorn wahrnehmen zu können, als endlich der vorn im Boot auf der Back stehende Harpunier einen dunkeln Gegenstand gerade vor sich und dicht über dem Wasser zu erkennen glaubte. Der eingezogene Korb an Bord zeigte ihnen ebenfalls, dass sie die rechte Richtung hätten, und nicht lange mehr dauerte es, so rief der Harpunier plötzlich, indem er sich nach seinen Leuten halb umwandte und mit dem Arm nach vorn deutete:

»Greift aus, meine Burschen, greift aus – das ist bei Gott ein Mensch, der da auf einem Floß oder Boot oder sonstwas steht – greift aus, denn wie mir scheint, kommen wir eben noch zur rechten Zeit!« Dann ein lautes »Hallo!« ausstoßend, suchte er dadurch den Gegenruf von da drüben zu erwecken; aber kein Laut antwortete ihm, und indem sie nun alle Kraft in den Druck der Ruder legten, dass sie sich fast zum Zerspringen bogen, schäumte das scharfgebaute schlanke Fahrzeug seinem wunderlichen Ziel entgegen.

»Ein Mann! ein Mann!«, riefen aber auch die Leute jetzt im Boot, die neugierig den Kopf nach ihm wandten, und: »Damn my eyes!«, brummte der Bootssteuerer, der ebenfalls mit dem Steuerriemen in der Hand hoch im Boot stand – »if that ai'nt Patrick!« (Verdamm meine Augen, wenn das nicht Patrick ist.)

»Patrick, by God!«, rief auch jetzt der Harpunier. »Aber wo sind die anderen?« Jede weitere Frage verstarb jedoch in den neuen Ausrufen des Staunens, als sie näher kamen und nicht allein wirklich den vierten Harpunier, den jungen Iren Patrick, in dem Schiffbrüchigen erkannten, sondern auch fanden, dass er keineswegs auf einem Floß oder umgedrehten Boot, sondern auf einem toten Spermfisch kniete, der mit seiner Last einige Zoll unter der Oberfläche des Wassers lag. Die linke Hand hatte er dabei um das kurze Tau einer noch in dem Blubber steckenden Harpune geschlagen, was ihn allein auf seinem schlüpfrigen Stand gehalten, und mit der rechten hielt er den Harpunenstiel, den er von der Leine losgeschnitten, so krampfhaft umfasst, dass er ihn nicht einmal lassen wollte, als das Boot an ihn hinanschoss und sich aller Arme nach ihm ausstreckten, um ihm hineinzuhelfen.

Der arme Teufel sah totenbleich aus und brachte keinen Laut über die Lippen – ja sein Blick schweifte wild und stier selbst über die Kameraden hin, als ob er sie nicht mehr kenne. Wie mechanisch nur richtete er sich selber auf, in das Boot zu steigen, brach aber dort, sobald er nur die festen Planken unter sich fühlte, ohnmächtig zusammen. Er hatte eine furchtbare Nacht durchlebt; und wir müssen zu dem Augenblick zurückgehen, wo er mit seinem Boot die Übrigen verließ, um den einzeln aufkommenden und von der übrigen school abschwimmenden Fisch zu verfolgen.

In etwa fünfhundert Schritt Entfernung von dem Cajelot ruderten sie hinter ihm drein und gewannen an ihn, wie er mehrmals untertauchte und dann langsam, keinen Feind hinter sich ahnend, wieder nach oben kam. Mehr und mehr drehte er dabei von dem bisher gehaltenen Kurs ab, möglicherweise vielleicht um in einem weiten Bogen zu dem früheren Spielplatz zurückzukehren; aber auch diesen Kurs änderte er wieder und zog jetzt, während das Schiff selber, wie man im Boot recht gut sehen konnte, über den andern Bug von ihnen fort lag, gerade gen Westen mit Wind und Strömung. Patrick, wie vorher bemerkt, der Harpunier oder boats-header des vierten Bootes, ließ nun, da ihnen der Wind günstig geworden, sein Segel setzen, um dem Fisch desto schneller und geräuschloser folgen zu können. Dieser aber, ob er nur so auf eigene Faust in rasche Fahrt kam, oder doch, trotz aller Vorsicht, etwas von den Verfolgern gewittert hatte, lief jetzt so schnell durch das Wasser, dass selbst das leichte Boot mit einer günstigen Brise nur wenig an ihn gewinnen konnte. Da plötzlich, als sie nach mühsamer Arbeit schon fast in Wurfnähe hinangekommen, und der Bootssteuerer auch bereits zum Wurf mit seinem Eisen ausholte, ging er nach unten, und das Boot schoss im nächsten Augenblick über die Stelle hin, in der die Flut noch hinter dem gesunkenen Ungetüm kräuselte und wirbelte.

»Segel ein!«, scholl da der rasch und dringend gegebene Befehl des Harpuniers; die kleine Rahe fiel im nächsten Augenblick, das Boot glitt nur noch langsam, einmal im Schuss, ein Stück weiter auf seiner Bahn, und der Bootssteuerer stand, auf den Wink seines Obern, mit gehobener Harpune still und regungslos vorn im Boot, um gleich zum Wurf bereit zu sein, wenn der Fisch sich wieder zeigen sollte. Aber er selber zweifelte, dass das Tier hier wieder nach oben kommen würde, und deutete, fragend dabei den Harpunier ansehend, weiter nach vorn. Dieser, obgleich noch jung an Jahren, war doch ein alter Walfischfänger, und die ganze Art wie der Fisch niedergegangen, schien seine Vermutung zu rechtfertigen, dass er hier nur einen plötzlichen Halt gemacht und nicht weit gehen würde, bevor er aufs Neue zur Oberfläche käme. Während das Segel nun an den Mast flappte und der Harpunier das Schootenfall desselben noch um die Hand gewickelt hielt, um keinen Augenblick zu verlieren, wenn sie dennoch die Verfolgung wieder aufnehmen müssten, sahen die Leute an den jetzt leise wieder vorgenommenen und für jeden Tag eingelegten Rudern aufmerksam in die klare Flut unter sich nieder, in der allerdings etwas ungewissen Hoffnung, den vielleicht darunter hinschwimmenden Fisch zu sehen und seine genommene Richtung dadurch bestimmen zu können.

»Da schwimmt was!«, rief plötzlich einer der Leute mit halbunterdrückter, erschreckter Stimme. »Gerade von unten herauf!«

»Bst!«, warnte aber der Ruf des Offiziers. »Leise – leise! ihr scheucht ihn fort! Wo?«

»Da kommt er – da kommt er!«, kreischten aber drei oder vier Stimmen jetzt zu gleicher Zeit, und fast instinktartig griffen sie nach den Rudern.

»Zurück mit euch – zurück – um euer Leben!«, schrie aber auch in diesem Augenblick der Harpunier, der, über Bord gebeugt, die hellgrüne riesige Gestalt blitzesschnell aus der Tiefe herauftauchen sah, und die Gefahr recht gut kannte, der sie ausgesetzt waren, wenn der Koloss ihr Boot so im Aufkommen nur leise traf. Fast in demselben Augenblick fielen auch die Ruder in das Wasser, und das Boot, von dem Gegenschlag derselben zurückgeschnellt, konnte kaum um seine eigene Länge den Platz geräumt haben, als der riesige abgestumpfte Kopf eines mächtigen Spermfisches, den weiten schmalen Rachen halb geöffnet, an die Oberfläche tauchte. Mit dem halben Kopf schnellte er zugleich darüber hinaus, um gleich darauf mit einem gewaltigen Satz, das Wasser dabei in vollen dicken Strahlen seitwärts abstoßend, nach vorn zu schießen und dem fremden Gegenstand, dem Boot, das er jedenfalls gesehen haben musste, zu entgehen.

Vorn im Boot und dicht über dem »Berg von Blubber«, der sich eigentlich unter seinen Füßen aus der Flut hob, stand der Bootssteuerer mit gehobenem Eisen; aber sein Arm zitterte, und noch im Bereich des furchtbaren Gegners, der sie mit einem Schlag zermalmen konnte, wagte er es nicht, die Harpune in den fliehenden Koloss zu schleudern. »Wirf – wirf, in drei Teufels Namen!«, schrie aber Patrick, die Gefahr total missachtend und in dem Moment nur ihrer Jagd gedenkend, die ihnen die Beute fast in Armes Bereich gebracht. »Mensch, du lässt dir ja den Fisch unter den Händen weg!« Und die eigene Lanze aufgreifend, schien er den Augenblick mit wilder Lust zu erwarten, wo er den scharfen Stahl hinter die Finne des Wildes schleudern könnte.

Noch zögerte der Bootssteuerer, aber es waren nur Sekunden, die ihm zum Besinnen blieben, denn ließ er den günstigen Moment ungenutzt vorbei, so war die Frage, ob er bei dem jetzt scheu gemachten Fisch je wiederkehrte. Aber das Segel, von des Harpuniers Hand rasch angezogen und gehalten, hatte schon den Wind gefasst, und indem er den Steuerriemen scharf gegen die Hüfte presste, um den Bug des Boots herumzubringen, ließ er es schäumend hinter dem flüchtigen Fische dreinfliegen. Und jetzt sauste die Harpune, von der kräftigen Hand des jungen Engländers geschleudert, tief in den Rücken des Gegners und haftete in dem zähen Blubber. Im Nu war das Segel niedergenommen, waren die Ruder eingeworfen, und der Bootssteuerer gab jetzt, indem er zurücksprang und seinen Platz am Steuerruder einnahm, dem Harpunier Raum, die Lanze zu werfen und dem Leviathan der Tiefe den Todesstoß zu geben. Der Harpunier ist nämlich der erste Offizier in einem Walfischboot, der Bootssteuerer der zweite; im Anfang der Jagd haben aber beide ihre Plätze gewechselt oder vielmehr die rechten noch nicht eingenommen, denn der Harpunier steuert das Boot an den Fisch hinan, was eine sehr sichere, geübte Hand erfordert, und der Bootssteuerer steht vorn mit der Harpune, den Fisch zuerst zu werfen und an ihn festzukommen. Hat aber die Harpune gefasst, dann nimmt der eigentliche Harpunier mit der Lanze (eine wirkliche Wurflanze ohne Widerhaken) zum Töten des Walfisches den Platz vorn im Boot ein, und sein Wurf muss gerade hinter die Finne auf einen etwas ausgehöhlten dunkleren Fleck treffen, wo das mächtige Tier allein tödlich verwundet werden kann.

Die Leine, an der die Harpune saß, sauste indessen rauchend durch die vorn auf dem Boot zu dem Zweck angebrachte offene Klüse (Stoßpinnen), und das Boot schoss blitzschnell hinter dem herüber und hinüber zuckenden Fisch drein. Patrick stand jetzt vorn im Boot, die Lanze zum Wurf aufgehoben, und die Leute holten mit Macht Leine ein, um ihr kleines Fahrzeug wieder zum Todesstoß für den Gefangenen an ihn hinanzuziehen. Jetzt hatten sie ihn erreicht, Patrick bog sich zurück, und während der Schwanz des riesigen Tieres dicht neben ihnen in das Wasser schlug und es sich hob, um der ihm jetzt bewussten Gefahr zu entgehen, sauste der tödliche Stahl in die weiche Flanke des Feindes tief hinein. Im Nu riss sie aber der Harpunier mit einem triumphierenden Blitzen der Augen zurück, den Stoß zu wiederholen, als sich der Fisch in Schmerz und Todeswut rasch und plötzlich wandte, dass die See, seine Seiten peitschend, zischte und schäumte.

»Dickes Blut, dickes Blut!«, jubelten die Leute in diesem Augenblick, aber »Zurück!« schrie die Stimme des Harpuniers in lautem gellenden Ton, und wie sich der Bootssteuerer mit ganzem Gewicht in seinen Riemen warf und weit hinaus über das Boot lehnte, um den Bug desselben rasch herumzuwerfen, und bevor die Leute selbst ihre Ruder in die Dollen werfen konnten, kam der gereizte Wal, der seinen Feind jetzt so dicht vor sich sah, mit offenem Rachen heran. Mit halbem Wurf sich dabei aus dem Wasser schleudernd, hielt er den riesigen Rachen geöffnet, und während das Boot seinen Bug herumwarf, ihm zu entgehen, fasste er es gerad in der Mitte, und es mit seinen Kiefern zusammenpressend, riss er die dünnen Planken auseinander, als ob sie von Papier gewesen wären.

Patrick sah die Gefahr und wusste im ersten Augenblick, was ihnen bevorstand. Mit ruhiger, fester Hand schleuderte er aber dennoch die schon wieder gehobene Lanze gerad nach dem Auge des Feindes, das er traf und durchbohrte – aber das Boot konnte er damit nicht retten. Das wütende Tier fühlte im Todeskampf vielleicht nicht einmal die neue Wunde; nur das dicke schwarze Blut ausblasend und allein noch in dem einen Bewusstsein, dem der Rache, knirschte es das Boot zusammen, und die schäumende blutige Flut wirbelte im nächsten Augenblick über eine Masse von Trümmern und Schwimmenden, die nur in dem nächsten Gefühl der Erhaltung ein Brett zu fassen suchten.

Patrick selber hatte fast unbewusst und krampfhaft noch im Sturz die Leine gepackt, in der die Harpune saß. Als sie sich um seinen Arm schlang, riss sie ihn wenige Minuten später mit fort durch die blutige Flut, hinaus in freies Wasser und nach unten, und er wäre verloren gewesen, wenn der Fisch nur noch für Sekunden länger Leben behalten hätte. Aber der erste Wurf hatte ihn zu sicher getroffen, und wieder nach oben kommend, schwamm er ein-, zweimal im Kreise herum, peitschte mit den riesigen Flossen die zitternden Wogen um sich her, und trieb dann langsam und tot in der blutigen Flut.

Patrick, der mit ihm wieder nach oben gekommen und von dem getöteten Fisch so unfreiwillig eigentlich ins Schlepptau genommen war, zog sich jetzt rasch zu dem mit der Oberfläche gleich schwimmenden Koloss hin, und die dort noch haftende Harpune ergreifend, half er sich in demselben Augenblick hinauf, als ein wilder Schrei dicht hinter ihm ertönte. Erschreckt wandte er sich danach um – der Hilferuf klang gar so entsetzlich und markdurchschneidend. Aber ihm selber stieß es wie mit einem Messer ins Herz, als er, gar nicht weit von sich entfernt, die dunkeln Flossen zweier Haie erkannte, die rasch und gierig herüber- und hinüberschossen, während das Gurgeln im Wasser dicht hinter ihm und das Peitschen der Wogen die Stelle verriet, wo einer seiner Kameraden in den erbarmungslosen Fängen einer dritten Bestie den Todeskampf kämpfte.

Wie sich die Geier und Raben um ein sterbendes Vieh sammeln, so steigt aus dem Grunde herauf der Hai, plötzlich und unerwartet, dem Schwimmer zum Verderben, und was er einmal gefasst, das ist auch sein und er hält es, sich herumwirbelnd, wie in eisernen Fängen.

Hier und da trieben jetzt noch Einzelne der Unglücklichen aus dem zerschmetterten Boot, die sich teils an die Überreste desselben geklammert, teils einen Riemen gefasst hatten, sich über Wasser zu halten; aber nur noch drei waren übrig von all den kräftigen, lebensfrohen Gestalten, die keck und trotzig noch wenige Minuten vorher der Gefahr ins Auge geschaut, und die Hyänen der Tiefe wüteten jetzt unter ihnen. Was half der mit dem Arm nach ihnen geführte machtlose Schlag, was der gellende Aufschrei der Verzweiflung – es war Musik in den Ohren der kalten furchtbaren Raubtiere mit den Katzenaugen und der riesigen Kraft, und der blutige Schaum, der in der nächsten Sekunde auf der Oberfläche des Meeres schwamm, war das Leichentuch der Unglücklichen und zeichnete ihr Grab.

»Das ist furchtbar!«, stöhnte Patrick, der kaum die Kraft behielt, sich auf dem ihn jetzt noch schützenden Körper des Wals zu halten. »Furchtbar, so enden zu sollen, und keine Hilfe!« Und das Auge suchte verzweifelnd das rettende Schiff, das weit, weit am Horizont von ihm ab kreuzte, den anderen Booten nach. Und wenn sie ihn dann auch vermissten und suchten, und das Boot nicht mehr finden konnten mit dem Glas, und hier auf- und absegelten tagelang, was half es ihm? – Nur Stunden, Minuten vielleicht waren ihm noch gegeben, und seine Henker wälzten und jagten sich um ihn her und sprangen und tauchten in wilder befriedigter, aber nimmer gesättigter Lust.

Schaudernd barg er das Gesicht in die Hand, die eigene Gefahr fast vergessend, nur den Todeskampf der Kameraden nicht zu sehen – war er ja doch ein Spiegelbild dessen, was ihn selber erwartete. Aber das Zischen und Schlagen des Wassers um ihn her zwang ihn zuletzt, mit dem Instinkt der Selbsterhaltung, der sich bis zum letzten Augenblick selbst an den Strohhalm klammert, auf eigene Rettung zu denken, oder sein Schicksal doch wenigstens so lange hinauszuschieben wie möglich, um eben der Möglichkeit einer Hilfe überhaupt noch Raum zu geben.

Die Harpune in dem Rücken des Wals, die er, um ihr mehr Festigkeit zu geben, noch tiefer in den Blubber hineindrückte, bot ihm eine Stütze, sich auf der schlüpfrigen, glatten Masse zu erhalten, denn wenn er auch ein paar Mal daran dachte, das Eisen herauszuschneiden und sich desselben als Schutzwaffe gegen den gierigen Hai zu bedienen, musste er den Gedanken doch immer wieder aufgeben. Hinuntergespült in die Flut, wäre selbst das scharfe Eisen nicht Wehr genug gegen den schnellen Hai gewesen, der herüber- und hinüberschießend sein Opfer doch zuletzt gefasst und dann, trotz allen ihm vielleicht versetzten Wunden, in die Tiefe gezogen hätte.

Aber eins konnte er tun. Der Stiel der Harpune, ein kurzer, stämmiger Eichenstock von vielleicht zwei Zoll im Durchmesser, stak noch im Eisen fest, und den bog er heraus, befreite ihn mit dem kurzen Messer, das in seinem Gürtel hing und das jeder Matrose bei sich trägt, von der Leine, und behielt noch Zeit, diese von der Harpune zu lösen und wieder daran zu befestigen. Indem er nun die Harpunenleine zum besseren Halt um seine linke Hand schlang, fasste er den stämmigen Stock jetzt mit frohem Selbstvertrauen in die Faust und sah mit zusammengebissenen Zähnen und neu erwachtem Mut dem ersten Angriff des Feindes entgegen, der indessen lange auf sich warten ließ.

Die Haie waren für den Augenblick gesättigt und spielten mehr in den Strömen des Blutes, die rings das Wasser färbten, als dass sie nach neuer Beute verlangten. In dem Blute selbst hatten sie auch weiter keine Witterung mehr und suchten nur manchmal, wenn auch vergebens, einen Halt an dem schlüpfrigen, breiten Körper zu bekommen, ja schwammen auch wohl faul und schläfrig hinter den aus dem Boot geschlagenen, treibenden Brettern und Riemen her, hier eins fassend und eine Weile im Rachen haltend, und dort eins mit dem runden, schaufelförmigen Oberkiefer vor sich hinstoßend.

Das Wetter war glücklicherweise still und ruhig, und nur der Ostpassat warf leichte Wellen, in deren Wogen der Fisch sich ebenfalls hob und senkte; aber keiner der Haie war bis jetzt so nahe gekommen, dass er ihn gesehen oder, wenn gesehen, beachtet hätte, und er hoffte schon, vielleicht unangegriffen seinen Platz behaupten zu können, bis das Schiff zu seiner Rettung herbeikäme, oder wenigstens seine Boote schickte. Aber wo war das Schiff? – Heiliger Gott, keine Aussicht auf Entsatz noch in langer Zeit, denn selbst auf die Entfernung hin konnte es dem Auge des Seemanns nicht verborgen bleiben, dass es noch immer von ihm abhalte, in den Wind hinein. Die anderen Boote waren also ebenfalls festgekommen und, mit den genommenen Fischen langseits, gar nicht einmal mehr imstande nach ihm zu suchen.

Die Sonne brannte ihm dabei heiß und sengend auf den Scheitel, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Wasser! – Die kühle Flut netzte seinen Fuß, und sollte er darin verschmachten? – Er kniete nieder und wusch sich Stirn und Schläfe, und Augen und Lippen, um einige Kühlung in der Glut zu haben, und dann band er sich, da er beim Zerschlagen des Bootes auch seinen Hut mit eingebüßt, sein Taschentuch über den Kopf, um ihn etwas gegen die stechenden Strahlen zu schützen.

Durch diese Bewegung musste aber einer der Haie auf ihn aufmerksam geworden sein, oder konnte auch, wenngleich gesättigt und übersättigt, doch die Gier nach neuer Beute nicht mäßigen. Denn wie er den Kopf eben emporrichtete, bemerkte er, dass eine der größten ihn umschwimmenden, hoch aus dem Wasser ragenden dunkeln Rückenflossen gerade und rasch auf ihn zugeschwommen kam. Er behielt auch in der Tat kaum Zeit, sich emporzurichten und mit seiner Wehr zum Schlag auszuholen, als ein tüchtiger Bursch von vielleicht dreizehn Fuß Länge herangeschossen kam und sich mit der gerade steigenden Woge halbum auf den Rücken des Wals drehen wollte, um, was dort oben sich noch befand, herunterzulangen. Mit der Gefahr kehrte aber dem Seemann all der frische tollkühne Mut zurück, und, den schweren Harpunenstock in der Rechten und mit der Linken das Tau noch immer gefasst, um seinen festen Stand zu bewahren, traf er den eben die Oberfläche berührenden Kopf des Ungetüms mit so kräftigem, gut gezieltem Schlag, dass der Hai halb betäubt von dem Fisch zurückglitt und wegsank, ehe er sich zu einem neuen Angriff rüsten oder vielleicht auch entschließen konnte. Aber andere Haie hatte das Geräusch, das Plätschern und Schlagen herbeigelockt, und wenn sie auch nicht gleich einen unmittelbaren Angriff auf das kecke Menschenkind machten, das ihnen in ihrem eigenen Element zu trotzen wagte, so umschwammen sie doch den Ort, wo er stand, in immer engeren Kreisen und kamen ein paar Mal selbst so nahe, dass Patrick sie mit dem starken Ende des Holzes genugsam über die Riemen traf, um ihnen in Zukunft mehr Respekt einzuflößen. Der Hai ist aber ein gierig-stöckisches Vieh und kehrt, wenngleich selbst schwer verwundet, immer wieder zu einer einmal gewitterten Beute zurück, so lange er nur noch die Kraft dazu in sich fühlt. So auch hier. Wieder und wieder musste sie das schwere Holz belehren, dass hier noch nichts für sie zu holen sei, so lange wenigstens nicht, als sich der junge Ire noch stark genug fühle, gegen Hunger und Durst, gegen den sengenden Sonnenstrahl und die stete furchtbare Anstrengung seiner Nerven in der entsetzlichen ihn umgebenden Gefahr anzukämpfen.

Und das Schiff? – Keine Rettung von dort! Tiefer und tiefer sank die Sonne, und weit zu windwärts noch lag das Schiff mit seinen hell schimmernden Segeln. Gieriger aber wurden die ihn umschwimmenden Bestien, die vergebens ihre Fänge in die zähe Haut des Spermfisches einzuschlagen suchten, und wie die Sterne sich im Osten entzündeten und nach und nach über den ganzen Himmel flammten, sah er die glühenden Strahlen in der phosphoreszierenden Flut herüber und hinüber streichen, wie die Fische zu und abwärts schwammen und ihn in immer engeren Kreisen umzogen, und die Gefahr für ihn wuchs mit der Nacht.

Wohl erkannte er die für ihn ausgehangenen Laternen seines Schiffes, ja er sah, als es völlig dunkelte, den hellen Feuerschein der Blubberlampen und das matte Licht sogar, das von den Kochöfen der Transieder ausging und in den aufgegeiten Segeln seinen Widerschein fand. Aber was half das ihm? Wie durfte er hoffen, von dem Schiffe aus in dunkler Nacht gesehen und aus seiner furchtbaren Lage gerettet, befreit zu werden? Und würden menschliche Kräfte bis zum nächsten Morgen das so ertragen können? Er war kaum noch imstande, sich auf den Füßen zu halten, und suchte kurze Erholung wenigstens darin, dass er minutenlang, oder so lange ihn die immer wieder näher kommenden Fische ließen, auf seinem wunderlichen Floß kniete. Einmal versuchte er sogar, sich, wenn auch im Wasser, oh nur ein einziges Mal der Länge nach auszustrecken. Vergebene Hoffnung! Seine Peiniger ließen ihn nicht ruhen, und die Gefahr war zu furchtbar nahe, von ihnen überrascht, gefasst und seinem Tode entgegengerissen zu werden. Der gierigste der Burschen, ein junger Fisch von kaum mehr als acht Fuß Länge, packte sogar einmal die Harpune selbst, hinter die er getreten, und hielt sie lange genug, um von der zurückweichenden Welle halb trocken auf dem Spermfisch gelassen zu werden. Da traf ihn aber Patricks Harpunenstiel dermaßen über den tückisch-drohenden Schädel, dass er betäubt von dem schlüpfrigen Wal zurückglitt, das Weiße vom Bauche aufdrehte und versank. Aber andere nahmen seinen Platz ein, und nur der Glutenstreif, den sie im dunkeln Wasser zogen, verriet ihr Nahen und mahnte den Unglücklichen jedes Mal, dem neuen Angriff die Stirn zu bieten.

Stunde um Stunde verging so in dem entsetzlichen Ringen um sein Leben; aber neue Hoffnung erwachte in ihm, als das Schiff jetzt näher und näher kam, und der wieder abgefeuerte Schuss hell und klar zu ihm herübertönte. Jetzt konnte er schon das Deck selber erkennen, ja die Gestalten sogar, die sich in demselben Lichte hin und her bewegten. »Ahoy! – Oh ahoy!«, tönte sein wilder, verzweifelter Schrei hinüber zu den Kameraden, die ohne ihn zu bemerken, an ihm vorübertreiben wollten – »Ahoy!«

Wieder galt es sein Leben zu verteidigen, denn die Fische, von dem Ruf der menschlichen Stimme angelockt, kamen von allen Seiten herbei, und die dunkeln Rücken streiften und teilten die Oberfläche des Wassers an vielen Stellen. Da und dorthin traf sein Schlag, das Ende des zähen Holzes war schon zersplittert in den verzweifelten Streichen – Streiche, die einen Stier betäubt haben würden, und bei dem Hai nur höchst selten mehr Wirkung ausübten, als ihn auf kurze Zeit zurückzutreiben.

Und das Schiff? – Da drüben trieb es, fast in Rufes Nähe; wieder schmetterte ein Kanonenschuss zu ihm herüber, und die darauf folgende Pause benutzte er aufs Neue, den gellenden Hilferuf dorthin zu senden, wo ihm so nah und doch unerreichbar die Rettung lag. Aber der Wind kam von dort herüber; so deutlich er den Schall des Geschützes hörte, ja selbst dann und wann den einzelnen Laut einer Stimme vom Deck zu unterscheiden glaubte, so wenig vermochte sein eigener Ruf hinüberzudringen. Nur die Feinde um ihn her machte er mehr und mehr rege und gierig, und ihre Angriffe wurden häufiger. Was die Hoffnung auf Rettung bis dahin wach gehalten, seine Kraft, sein guter Mut – sie sanken, als er das Schiff vorbeitreiben sah, sanken, als ihm kein Mittel geblieben war, seine Nähe zu verkünden. Nur der krampfhafte, fast unbewusste Trieb der Selbsterhaltung ließ es ihn noch gegen den Angriff der gierigen Bestien bis zur letzten Kraft, zum letzten Atemzug verteidigen.

So schwand die Nacht – das südliche Kreuz am Himmel drehte sich langsam, langsam nach Westen, und dort hinten im fernen Ost dämmerte der Tag. Er sah das noch – erkannte, wie die Sonne dem Meer entstieg, erkannte wieder die Umrisse seines Schiffs, die schlanken Masten und die aufgegeiten Segel, wollte noch das Letzte versuchen, sein Dasein zu verkünden, und versuchte das Hemd auszuziehen und es zu schwenken, dem Ausguck im Mast ein deutliches Zeichen – er vermochte es nicht mehr. Die Glieder waren ihm starr und steif, selbst die Stimme versagte ihm den Dienst und schwand in ein leises Röcheln. Seine Augen brannten, der Kopf wirbelte ihm, und eine neue wilde Idee, wie ein Irrlicht auf weitem Meer, blitzte in ihm auf und schien alles andere, jeden Gedanken an Hilfe oder Rettung, jede Hoffnung, jeden weitern Blick um sich her zu verdrängen.

Er fing an, unter den ihn noch immer rastlos umschwimmenden Haien sich den einen auszusuchen, auf den er sich werfen und den er mit dem scharfen kurzen Messer, das er trug, zugleich mit sich vernichten wollte. Wieder und wieder hatte ihn der bedrängt und ihm nicht Ruhe noch Rast gelassen auch nur eine Stunde lang; immer aufs Neue, wenn auch immer wieder mit dem schweren Holz empfangen und zurückgeschlagen, kehrte er zurück, der Gierigste unter der gierigen Schar, und Rache wollte er nehmen an dem.

Aber die Kräfte verließen ihn, die furchtbare Aufregung seines Geistes und Körpers drohte ihn zu bewältigen. Während die Haie seit Tagesanbruch, wenn sie auch nicht den getöteten Wal verließen, doch keinen direkten Angriff mehr auf den Mann machten, der ihnen ja doch bald zur Beute fallen musste, war er in die Knie gesunken und folgte halb bewusstlos nur mit den Blicken den dunkeln, dräuenden Flossen. Er hatte das Schiff ganz vergessen.

Das laut herübergerufene Hallo des rettenden Bootes weckte ihn zuerst aus seiner Betäubung – er sah das Boot, aber er schien kaum zu begreifen, was es wolle, wo er sich eigentlich befinde. Aber er richtete sich noch einmal auf – fühlte sich von anderen Armen unterstützt, von freundlichen, herzlichen, ermutigenden Worten begrüßt, und sank ohnmächtig zurück.

Der Harpunier hatte nun allerdings Order bekommen, wenn er den dunklen Punkt, den sie von Bord aus gesehen, erreiche und einen toten Walfisch finde, ein Zeichen durch das Wehen einer mitgenommenen weißen Flagge zu geben, und dann dort zu bleiben, bis ihm die anderen Boote zu Hilfe geschickt werden konnten, um den toten Fisch ins Schlepptau zu nehmen. Sie hatten aber nicht erwartet, einen einzelnen, halb toten Kameraden darauf zu finden. Er gab deshalb wohl das Zeichen und stieß die mitgenommene Flagge in den Körper des toten Wals, damit die anderen Boote den Platz finden könnten, ruderte dann aber, so rasch ihn die Riemen seiner Leute vorwärts zu bringen vermochten, mit dem Geretteten zum Schiff zurück.

Drei von den Haien, die sich die schon sicher gehoffte Beute nicht so leicht wieder wollten entreißen lassen, folgten dem Boot und wurden von dem Harpunier, der sich wohl denken konnte, wie sie den Kameraden dort geängstigt und bedrängt, einzeln vom Boot aus mit der Lanze geworfen und erlegt...








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