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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
notegesperrt durch bold ersetzt
firstpub1903
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Erziehung in der Schule

Durch den falschen Ehrgeiz der Eltern und die pedantische Strenge der Lehrer – die in den unteren Klassen ein flinkes Ohrfeigen einschließt –, vielfach auch durch ihren Mangel an Lehrtalent, wird die Schule den Rindern zu einer Stätte des Leidens und der Langeweile, die ihre Schatten bis ins Elternhaus wirft. Die Freude aus der Schule verbannen, heißt den Kindern ihr Lebenselement rauben.

Mein siebenjähriges Enkelchen findet den Tod schöner als das Leben. "Warum?" fragt man ihn. "Man muss soviel arbeiten, wenn man lebt."

Die Autorität des Lehrers, die die Schuldisziplin heischt, muss auf seiner Persönlichkeit beruhen. Wo sie durch harte Maßregelungen erzwungen wird, ruft sie eine Reaktion hervor, die sich hinterrücks in Karikaturen, Spottgedichten u. s. w. gegen den Lehrer entladet. Ein Lehrer von Würde und Charakter, und der den Kindern durch den Unterricht inhaltlich Wertvolles bietet, wird fast ausnahmslos von ihnen respektiert und, verbindet er Güte mit diesen Vorzügen, auch geliebt.

Ein meiner Meinung nach wundervolles Prinzip herrscht in den Landerziehungsheimen, von denen ich am Schluss sprechen werde. Jeder anzustellende Lehrer hat eine Probezeit vor den Kindern abzulegen, und kein Lehrer wird angestellt, den die Kinder nicht wollen.

Es gibt Väter oder Mütter, die, wenn ihre Kinder ein fehlerhaftes Diktat geschrieben oder in der Klasse heruntergesetzt sind, sie hart anlassen, so daß die Kinder nach einem solchen Schicksalsschlag, schon immer ganz verängstigt, mit geknickten Flügelchen nach Hause kommen. Und sie konnten es doch nicht besser machen.

Trautchen – sie war die zweite in der Klasse – war wegen eines Fehlers im Diktat vierte gekommen. Das väterliche Donnerwetter brach los: keine süße Speise sollte sie bekommen, u.s.w. Das Kind – ein sehr sensitives – bekämpft erst tapfer seine Tränen, dann aber bricht es in ein wildes, krampfhaftes Schluchzen aus.

Ich hörte einen Vater zu seinem neunjährigen Sohn sagen: "18 Fehler im Diktat sind ein Verbrechen." Ach Gott!

Wo ein milder, gütiger Lehrer seines Amtes waltet, gehen die Kinder sehr gern in die Schule. Ich erwähnte schon des Lehrers Stephan, der in seinem Privatschülchen Knaben und Mädchen zwischen 6–9 Jahren gemeinschaftlich unterrichtet.

Die Eltern meinen, der Herr Stephan wäre zu milde. Freilich ist er ebenso sparsam mit Tadeln wie verschwenderisch mit Loben. Schier unglaublich ist die Zahl der Lobe, die die Kinder mit nach Hause bringen. Eines Tages bekam Trautchen ein Lob, nicht gerade, weil sie letzte gekommen war, sondern – weil sie darüber nicht geweint hatte.

Eine pädagogische Feinheit des Lehrers, denn das herzliebe Trautchen ist ein überempfindliches Kind; eine Feinheit, der der Gedanke zugrunde liegt, daß man Fehler nicht nur mit Tadeln, sondern auch mit Loben korrigieren kann.

Der Herr Stephan verkehrt mit den Kindern wie ein lieber, guter Onkel; die Kleinen dürfen sagen, was sie denken. Kein Zwang bindet ihre Zünglein. Auch kleine Scherze streut er gern in den Unterricht.

Otto und Trautchen haben jedes nur einen halben Fehler im Diktat. Der Herr Stephan sinnt: "Ja, wer kommt Erster? wie machen wir es? Wir wollen losen!" Trautchen zieht das längste Los. "Herr Stephan, Herr Stephan," ruft Ottolein, "Sie haben doch nicht gemogelt?" Der milde Verweis, den der Knabe davontrug, hat wahrscheinlich nicht weniger gewirkt, als wenn eine harte Strafe dem Kind Tränenströme entlockt hätte.

Und in diesem Schülchen lernen die Kinder gut und schnell.


Die Nivellierung der Eigenart der Kinder wird in den Schulen angebahnt, teils durch die starre Schuldisziplin, und die von jeder Individualisierung absehende, gleichmäßige Behandlung der Kinder, teils durch die Einwirkung der Kinder aufeinander. Es herrscht in den Schulen eine Massensuggestion, ungefähr wie bei Volksmengen. Ob diese Suggestion als eine herabziehende oder hebende Kraft sich zeigt, hängt von dem Gesamtgeist der Schule ab, und dieser wieder von ihrem Leiter.

Freilich mag es selbst für die edelgesinntesten, intelligentesten Direktoren ungeheure Schwierigkeiten bieten, in einer Schule mit Dutzenden von Lehrern und Hunderten von Kindern ihre etwaigen idealen Intentionen zur Geltung zu bringen. Aber die Schule von heute wird nicht die Schule der Zukunft sein.

Bei all ihren Worten und Handlungen dürften die Lehrenden nie vergessen, daß sie nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher im besten und höchsten Sinne sein sollen. Wenn die Knaben sehen (und Kinder sehen und hören fein und scharf), wie der Lehrer die Kinder vornehmer Eltern vorzieht, wie er jüdische Kinder zurücksetzt, wie er plötzlich, wenn der Schulrat oder der Direktor erscheinen eine andere Haltung annimmt, so ist das eine praktische Lehre, die ganz anders direkt und stärker wirkt, als alle Moralreden in den Religionsstunden.

In einer süddeutschen Schule wurde vorübergehend ein kleiner Prinz unterrichtet. Einer der Schüler, Erwin D., benimmt sich unartig gegen das vornehme Kind. "Wünschen Sie, Prinz," fragt der Lehrer das Fürstenkind, "daß ich den Erwin bestrafe?"

Ruth (das Kind mit der französischen Bonne, siebenjährig) erzählt zu Hause: der Lehrer verlange, daß sie auch zu Hause viel beten und allsonntäglich zur Kirche gehen sollen. "Ich finde," sagt sie zur Mutter, "wenn man einem die Frömmigkeit anzwingen will, so wird man von die ganze Religion degoutiert."

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