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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
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firstpub1903
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Die Mutter als Erzieherin.

In Schriften gegen die Frauenbewegung – besonders da, wo es gilt, die Frauen von den Feldern zu scheuchen, deren Ernte dem Manne gebühren soll – pflegt man der unvergleichlichen erzieherischen Tätigkeit der Mutter das höchste Lob zu zollen.

Ernst gemeint ist das zwar nicht, denn nach den Gesetzen, die der konzentrierte Ausdruck herrschender Meinungen sind, steht bei allen Erziehungsangelegenheiten dem Vater die entscheidende Stimme zu.

Tut nichts. Es bleibt dabei: Die Mutter ist die von Gott berufene, geweihte und gesalbte Erzieherin ihrer Kinder.

Je älter ich werde, je mehr staune ich über die menschliche Virtuosität im Erträumen, Erdichten und freien Erfinden von Zuständen und Verhältnissen, die kaum irgendwo existieren, ich staune über die unverfrorene Dreistigkeit im Ableugnen und Hinwegsehen Tatsachen gegenüber, die offen vor aller Welt liegen.

Daß die Mütter die geborenen und notwendigen Erzieherinnen ihrer Kinder sind, gehört zu den offiziellen Erheuchlungen, die überall Kurs haben und die man als Trumpf gegen die Frauenbewegung ausspielt. Und doch bedarf es hier nicht einmal eines tieferen Nachdenkens – ein flüchtiges Hineinblicken in das positive Leben genügt, um zu erkennen, daß im großen und ganzen die Mütter die schlechtesten Erzieherinnen ihrer Kinder sind. Man frage nur die eine Mutter, was sie von der Erziehung der andern Mutter hält, und man wird die härtesten und schroffsten Urteile hören.

Ja, nimmt man denn an, daß auch die vielen, vielen Frauen, die als Nichtmütter kaum den bescheidensten Ansprüchen an Moral und Klugheit genügen, als Mütter sich in Tugendspiegel und geistige Potenzen verwandeln? Daß sie, plötzlich von einem Drang zum Idealismus befallen, herrlich erzieherisch auf ihre Kinder wirken werden?

Ist es nicht wahrscheinlicher, daß Frauen als erziehende Mütter dieselben Eigenschaften an den Tag legen werden, die auch sonst im Leben an ihnen zu schätzen oder zu verwerfen sind? Eine oberflächliche, törichte Frau wird ihre Kinder töricht erziehen, und es wäre in diesen Fällen ein Segen für die Kinder, wenn ihre Kraftentfaltung wo anders als in der Kinderstube vor sich ginge.

Wo und wie soll denn auch die Frau – falls nicht die Kraft des Mutterinstinkts Wunder in ihr wirkt – die eminenten Fähigkeiten, die das Erziehungswerk erfordert, erwerben? Etwa in der höheren Töchterschule? Die Apologetinnen der Mütterlichkeit sperren sie ja schon von der Geburt des ersten Kindes an (das sie naturgemäß in jungen Jahren zur Welt bringt) in die Kinderstube, noch dazu mit der ungebildeten Kinderfrau zusammen.

Die Emanzipationsbestrebungen tragen kaum seit einem Jahrzehnt Früchte. So war ja wohl bisher dem Erziehungsdrang der Mütter keine Schranke gezogen.

Und die Resultate?

Müsste nicht jede Mutter, die einen Sohn hat, schaudernd erheben, wenn sie von der Wüstheit des Studentenlebens erfährt, von dem Sauf- und Raufreglement (noch viel Schlimmeres gar nicht zu nennen), dem die meisten dieser kaum flüggen Knaben verfallen?

Wo waren die mütterlichen Erzieherinnen, die eine Saat in die jungen Seelen streuten, der solches Unkraut nie hätte entsprießen dürfen?

Trotz der bewiesenen Unfähigkeit der mütterlichen Erziehung werden wir immer wieder mit der Behauptung belästigt, daß erst infolge der Emanzipation die erziehlichen Leistungen der Mütter unter den Nullpunkt sinken würden.

Ein Gegner der Frauenbewegung schreibt: "Abgespannt und müde kommt die Frau von der Arbeit (in einem Beruf) heim, und soll sich nun ihrer vornehmsten Aufgabe, der Kindererziehung, widmen?"

Ja, was versteht man denn unter mütterlicher Erziehung? Bedarf sie eines bestimmten Zeitquantums? Besteht sie etwa im Erteilen von Lektionen zu bestimmten Tageszeiten? in Moralvorhaltungen die dem Gedächtnis einzuprägen sind?

In der Tat stellt sich eine Schriftstellerin auf diesen Standpunkt.

In einem Journal findet sich, als Abwehr auf meinen Aufsatz über Erziehung, folgender – die moralische Erziehung des Kindes betreffender – Passus: "Die einfachste Mutter erzieht ihr Kind gut, indem sie ihm jene wenigen aber wichtigen Grundsätze der Lebensführung einprägt, deren ein wackerer Mensch auf dem Lebenswege bedarf: Sei gut und rechtschaffen, vermeide das Unehrenhafte, trachte vorwärts zu kommen im Leben durch redliches Streben, durch ehrliche Arbeit. Und eine Mutter, mag sie auch sonst kaum den bescheidensten Anforderungen an Moral und Klugheit genügen, wird, von Ausnahmefällen abgesehen, ihrem Kind diese Grundsätze einprägen."

Gelt! Diese Dame macht es sich leicht. Sprüche einprägen! Daß sie sich mit dem bescheidensten Maß von Moral einprägen lassen, ist ohne weiteres zuzugeben. Ob diese Wortlehren – noch dazu so allgemein gehaltene – genügen sollten, wenn die Erziehende sie den Kindern nicht durch ihre Lebenshaltung lebendig veranschaulicht? Und auf eine musterhafte Lebensführung ist doch wohl kaum bei jenen einfachen Frauen zu rechnen, die mit dem bescheidensten Maß von Moral auskommen?

Ich bin doch eher der Meinung, daß eine Frau: je höher ihre intellektuellen und moralischen Qualitäten entwickelt sind, um so besser ihren Mutterpflichten nachzukommen imstande sein wird; um so schlechter, je weniger dieser Entwicklung Rechnung getragen ist.

Gleichgültig aber für das Gedeihen oder das Nichtgedeihen meines Kindes ist es, ob ich eigenhändig und persönlich meine Intelligenz oder meine Dummheit bei seiner Erziehung walten lasse, oder ob ich den von mir gewählten und für würdig erachteten Persönlichkeiten dieselbe anvertraue. Auch bei dieser Wahl wird wiederum meine intellektuelle und moralische Beschaffenheit den Ausschlag geben.

Die Mutterliebe soll auf dem Felde der Erziehung Wunder wirken. Glaube ich nicht. Gerade sie ist es, die die Erziehung eher hemmend als fördernd beeinflusst, die der Mutter das klare, objektive Urteil über den Charakter ihrer Kinder raubt, welches die Vorbedingung jedes fruchtbaren erziehlichen Wirkens sein muss.

Die fast absolute Unkenntnis der meisten Mütter, was den Charakter ihrer Kinder betrifft, ist angetan, Staunen und Mitleid zu erregen. Das Mitleid freilich ist unangebracht, denn, wüssten die Mütter oft, wer und was ihre Kinder sind, es öffnete sich ihnen eine unversiegbare Quelle des Grams. Wer wagt es, einer Mutter die Wahrheit über ihre Kinder zu sagen! (und wäre es auch nur die, daß ihre kleinen Genies kaum Dutzendgeschöpfchen sind); nur wer sich nicht scheut, Wunden zu reißen, aus denen Herzblut quillt. Und sie wären auch unnütz, diese grausamen Verletzungen. Zeichne selbst der klügsten Frau ein treffendes Charakterbild ihres Kindes – sie wird es für eine unverschämte lieblose Karikatur halten, dieselbe Frau, die vielleicht, wo es sich um die schlimmen Eigenschaften fremder Kinder handelt, den denkbar schärfsten Blick hat. Diese Klugen wären möglicherweise befähigt, fremde Kinder zu erziehen – ihre eigenen nicht.


Ich kenne liebevolle Mütter, die zugleich gute und kluge Frauen sind und die jede planmäßige und überhaupt jede bewusste Erziehung für überflüssig halten. Die Natur müsse man walten lassen, sagen sie, damit dem Kinde seine Originalität bewahrt bleibe. Allen Vorstellungen begegnen sie mit dem Einwand: "Kommt der Verstand, gibt sich alles von selbst, das Leben wird mein Bübchen schon erziehen."

Diese Mütter haben sicher recht, wenn nur gewisse typische Eigenschaften des Kindes in Betracht kommen.

Fast alle Kinder sind radikale Egoisten, Zerstörer, Lärmmacher, kleine Prahlhänse, eigenwillig und eigensinnig.

Derartige, für das Kindesalter typische Eigenschaften, die mit der Zeit von selbst verschwinden, durch strenge Maßregelungen unterdrücken zu wollen, würde eine Kraftverschwendung von seiten des Erziehers und eine Quälerei an dem Kinde bedeuten.

Freilich kann man in diesem Prinzip der Nichterziehung zu weit gehen, wie ein Vater aus meinem Bekanntenkreis, der für die rasendsten, das ganze Haus alarmierenden Temperamentsausschreitungen seines Söhnchens nur das bewundernde Wort hat: "Ein göttlicher Schlingel."

Ähnlich fühlte die Mutter eines andern Kindes. Jeden erziehlichen Eingriff in das Tun ihres Söhnchens, so sagte sie mir, nähme sie mit bösem Gewissen vor, sie empfände ihn als eine Beugung oder Biegung einer ursprünglichen Ganzheit, wie ein Hineinpfuschen in eine Originalschöpfung. Und nur auf Verlangen ihres Mannes ließe sie Ge- und Verbote über das Kind ergehen.

Eine derartige exzentrische Auffassung, die ja der heutigen, abrichtenden Erziehung gegenüber einen Kern von Berechtigung hat, wäre in der Praxis kaum durchführbar.

Dem Gewährenlassen ist eine Grenze zu ziehen. Und hier ist das höchste Maß von Psychologischem Eingehen in die Kindesnatur geboten, um harmlose, dem Kindesalter entsprechende Ungezügeltheiten zu unterscheiden von den gefährlichen Charaktertendenzen, an denen der Erwachsene später scheitern kann.

Es ist möglich, kommt gewiss vor, daß spätere, zufällig günstige Entwicklungsbedingungen die Vernachlässigungen der Kindheit paralysieren. Es gibt auch Kinder, aus so festem, edlem Stoff gebildete, bei denen eine früheinsetzende Selbsterziehung die Fehler der Kindheiterziehung aufhebt. Die Regel ist es nicht.

Mir scheint die planmäßige, intelligente Erziehung des Kindes von unermesslicher Wichtigkeit.

Wie viel leben- und freudezerstörende Eigenschaften werden in dem Kinde durch eine verkehrte Erziehung oder durch die Unfähigkeit, schädliche Einwirkungen von ihm abzuhalten, erst entwickelt, Eigenschaften wie Furchtsamkeit, Feigheit, übergroße Schüchternheit, Willenlosigkeit, unästhetisches Verhalten.

Die Angewöhnung schlechter Eigenschaften ist leicht, sie dem Kinde abzugewöhnen, – sehr schwer.

Ich kenne kaum eine Frau (aus der Geschichte höchstens die Mutter der Gracchen oder die der Makkabäer), die der hohen ethischen Aufgabe der Erziehung gewachsen wäre, oder die sie nur auf sich genommen hätte.

Die meisten Mütter erziehen ganz willkürlich, regellos, in Anfällen, mit Plötzlichkeiten, je nach ihren Impulsen, ihrer subjektiven Stimmung.


Einige Züge zur Charakteristik erziehender Mütter mögen hier eine Stelle finden. Erscheinen sie auch bedeutungslos, sie sind dennoch für den erziehlichen Verkehr der Durchschnittsmutter mit ihren Kindern durchaus typisch.

Die Mutter hat Besuch. Ihre kleine Grete hat einen roten Hals und soll gurgeln. Das Kindermädchen erscheint auf der Veranda. "Gnädige Frau, Grete will nicht gurgeln." –"Sie soll auf der Stelle gurgeln."

Kindermädchen ab. Nach wenigen Minuten ist es wieder da. "Gnädige Frau, Grete will nur gurgeln, wenn gnädige Frau selbst kommen." "Ja, ich komme schon." – Muttchen plaudert weiter. Kindermädchen kommt. "Gnädige Frau, Grete hat mir mit der Reckstange gehauen." Mutter: (zu dem Besuch) "Sehen Sie, so ist meine Grete, immer muss der kleine Schelm necken."


Dorchen will nicht zu Bett gehen.

Mutter: "Du gehst auf der Stelle zu Bett."

Dore: "Muttchen, ich muss erst Vater etwas zeigen."

Mutter: "Was denn?"

Dore: "Das sage ich nicht."

Auf das Drängen der Mutter sagt sie es doch, sie will dem Vater zeigen, wie sie an dem Apfelbaum emporklettern kann.

Mutter: "Aber das hat der Vater Dir doch streng verboten."

Dore: "Na ja."

Mutter: "Also zu Bett, oder Du darfst morgen nicht schwimmen."

Dore: (sehr vergnügt) "Dann bleibe ich auf und gehe morgen nicht schwimmen.‘‘

Mutter: (nach der Uhr sehend) "Ich gebe dir eine Minute Bedenkzeit. Ich zähle bis fünf: eins – zwei – drei – vier – fünf!" Dore rührt sich nicht.

Mutter: "Marsch, zu Bett!"

Dore: "Was, zwei Strafen auf einmal? Nicht schwimmen und doch zu Bett gehen?"


Grete: "Muttchen, darf ich noch eine Birne?"

Mutter: "Nein, Du hast schon mehr als genug."

Grete: "Ach bitte, bitte, liebstes Muttchen."

Mutter: "Las das abscheuliche Quälen, nimm die Birne und mach, daß Du fortkommst."


Ich sah eine Mutter mit Entzücken auf ihr dreijähriges Töchterchen schauen, das tanzend – ich gebe zu, mit unnachahmlicher Drolerie – ein ganz vulgäres, wenn auch nicht gerade unanständiges Couplet sang.


Ich saß im Coupee der Eisenbahn mit einer jungen Frau und ihrem fünf- bis sechsjährigen Söhnchen. Das sehr lebhafte Kind richtete Frage auf Frage an die Mutter, die las. Sie wies ihn ungeduldig zur Ruhe mit dem hässlichen: "Halt den Mund." Das Kind sah sich hilflos um, wurde weinerlich, ungebärdig.

Ein ganz junger Mann, – wohl Student – der neben dem Knaben saß, begann sich mit ihm zu beschäftigen, er gab ihm geographische Rätsel auf, erklärte ihm, was die Bauern da auf den Feldern trieben, u.s.w. Und siehe, bald strahlte das Bübchen vor Glück und Frohsinn.

Ob es eine Lehre für die junge Mutter war?

Das Kind ist ganz Aktivität; es zur Passivität zwingen, ist so unbarmherzig,, als wollte man einen Fisch aufs Trockene zerren. Die Erziehung soll nicht das Temperament des Kindes unterdrücken, oder gar brechen; sein leidenschaftliches Wollen mit einem Inhalt zu erfüllen, ist ihre Aufgabe. Kinder von rascher seelischer Beweglichkeit wollen beschäftigt, für irgend etwas, das innerhalb ihres Verständnisses liegt, interessiert werden.

Ich erinnere mich einer Familie, in der die Mutter die ungezogenen Kinder, zur Strafe und zu ihrer Bequemlichkeit, bei hellem lichten Tage, etwa am frühen Nachmittag, stundenlang ins Bett steckte, eine Grausamkeit, von der sie sich sicher keine Rechenschaft gab. Ich selbst, im Unverstand meiner jungen Jahre, schloss einmal mein renitentes Söhnchen auf einige Stunden in einem Zimmer ein, während draußen alles Sonne und Lust war. Noch heut – er starb so jung – tönen mir im Ohr seine gehenden Hilferufe: "Mach auf! mach auf!"

Immer artig zu sein, hält ein Knicken ja gar nicht aus. Ein Beispiel: Der Vater des kleinen Reinhaut ist verreist. Den artigen Kindern will er etwas mitbringen, den unartigen nicht. Das sonst nicht berühmt artige Reinhardchen will nun mit Gewalt artig sein.

Wenn sonst die Anna kam, ihn zum Zubettgehen zu holen, zeigte er sich widerspenstig. Jetzt geht er sofort, macht aber die Mutter auf seine Guttat aufmerksam: "Mutti, ich gehe schon." Wenn die Mutter sagt: "Reinhard, hör‘ auf zu lärmen" – "jawohl, Muttchen, ich höre schon auf." Er fühlt auch das lebhafte Bedürfnis, die Mutter darauf aufmerksam zu machen, wie seine Artigkeit sich von den Unarten der Geschwister abhebt. Er wird "Petze". "Muttchen, die Ilse sitzt schon wieder auf dem Kopf des Bären, – Käthe gehorcht Fräulein nicht" u.s.w. Aber bei all diesen Denunziationen sprüht ihm der Neid aus den Äuglein, daß er bei den schönsten Teufeleien nur den Zuschauer abgeben muss. Schließlich, am letzten Tag vor der Ankunft des Vaters, als die Geschwister in ihren guten Kleidern sich durch den Speisesaal rollen, da bricht die Kraft seiner Artigkeit, und er rollt mit, und rollt und rollt; und wie die Mutter dazukommt, hat er das größte Loch in seinen Höschen.


Die kleinen Kritiker mögen selbst reden.

Märtchen (fünfjährig, als der Vater sie gezüchtigt hat): "Ich finde es feig, daß ein so alter Mann ein so kleines Kind haut."

Lili ist böse. Alle Welt ärgere und quäle sie, nur der Vater nicht. "Und Muttchen ist auch ungerecht?" fragt jemand.

Lili: "Jawohl, wenn ich mit Märtchen im Garten bin, da heißt es: gib Märtchen die Hand. Märtchen weint. Tröste Märtchen! spiele mit ihr, pass auf sie auf. So geht es immerzu. Der Vater sagt einfach: im Garten kann Märtchen nichts geschehen, da kann sie laufen, wohin sie will."


Gretchen legt sich mit dem Butterbrot in der Hand auf die Sammetdecke der Chaiselongue. "Erlauben dir das deine Eltern?" frage ich. Und Gretchen: "Papa sagt nein, aber Mutter sagt: "lass sie doch!"


"Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen," sagt die Großmama zu Gretchen, die etwas dickleibig ist. Gretchen: "Ja, der Vater sagt auch, ich soll nicht so viel Kartoffeln essen; wenn er mir aber eine Kartoffel vom Teller nimmt, legt Muttchen mir gleich zwei andere dafür hin."


Lili soll einen Teelöffel Rhabarberwein einnehmen. "Weil ich ihn aber so gern trinke, gibt Muttchen mir immer drei Esslöffel davon."


Ein anderes Muttchen liebt innig das nachgeborene Bübchen, das kann aber schimpfen! wie ein Rohrsperling. "Schwein!" sagt es zu der erwachsenen Schwester. Die schilt. Und die Mutter? "Du gönnst dem Kind auch gar kein Vergnügen."


Es gibt aber auch konsequente, korrekte Mütter, die unbeirrt durch Liebe und Zärtlichkeit ein strenges Erziehungsprogramm durchzuführen für ihre Pflicht halten.

Wehe den Kindern, wenn diese strengen, energischen Mütter nicht zugleich mit starker Intelligenz, mit Güte und feinstem Verständnis für die Kindespsyche begabt sind. Sind sie es nicht, so fällt ihre Prinzipienstrammheit vergällend und vergiftend auf die zarten Jugendblüten, macht die derber gearteten dickfellig, die zarter organisierten werden verschüchtert oder gebrochen. Solche hartnervigen Damen mit plumpen Händen und groben Seelen verwechseln Abrichtung mit Erziehung.

Eine Mutter aus meinem Bekanntenkreise gilt für eine Erzieherin par excellence.

Ihre Kinder hatten irgend welche harmlose Unarten verübt. Geharnischt trat das mütterliche Heldenweib unter die Waffen ihrer Prinzipien. Zum Unglück der Kinder war gerade Weihnachten. Sie wurden ins Weihnachtszimmer gerufen. Am Baum brannten alle Lichter, sie brannten so recht zum Hohn; denn unter dem Baum lag nichts, nichts als – eine Rute. Die Kinder schluchzten zum Steinerweichen, alle Dienstboten weinten mit. Diese eifrige Pädagogin zerriss drei Kinderherzen, weil übermütige Kinderbeinchen widerrechtlich über Tische gesprungen, weil kleine Kinderhändchen gerauft hatten.

In einem Ostseebade, in dem ich mich allsommerlich aufhalte, spielt sich das Familienleben auf den offenen Veranden ab. Wie oft habe ich da Gelegenheit gehabt, vor den Erziehungsmethoden allzu temperamentvoller Mütter zu schaudern. Ich gehe an einer Veranda vorüber. Ich höre das jämmerliche Schreien eines Kindes, das regelrecht abgeprügelt wird. Die Mutter schreit auch, immer dasselbe: "Wirst du jetzt still sein, auf der Stelle still sein!" Und da das Kind nicht still sein konnte, weil das Schluchzen krampfhaft geworden war, schlug sie unentwegt weiter. Schauderhaft! Ich erkundigte mich nach der Dame. O, eine treffliche Mutter!

In den Ostseebädern pflegt man noch recht kleine Kinder im Meer zu baden. Die Würmchen heulen bei dieser Prozedur fast alle um die Wette mit den Wellen, in wahnsinniger Angst vor dem Gewoge um sie her. Und je mehr sie schreien, je öfter werden sie untergetaucht. Das soll gesund sein.

In einer Badezelle neben der meinigen geschah es, daß so ein armes fünfjähriges Kindchen, das noch von der ausgestandenen Tortur am ganzen Leibe bebte, wacker von der Mutter gehauen wurde, bei jedem Schlag mit den höhnischen Worten: "So, nun kannst du schreien, nun hast du wenigstens Ursache dazu!" und die Exekution wollte kein Ende nehmen. Auch eine Mutter par excellence.

Daß sie nach bestem Gewissen verfuhr, bezweifle ich nicht. Das ändert aber nichts an der Dummheit und Grausamkeit ihres Verfahrens. Ein mäßiger Grad von pädagogischer Einsicht hätte sie sanftere und wirksamere Mittel gelehrt, um dem Kinde die so natürliche Furcht vor dem Wogengraus abzugewöhnen.

Aus den angeführten Tatsachen folgere ich nichts anderes, als daß selbst die pflichttreuesten Mütter noch keine wünschenswerten Erzieherinnen zu sein brauchen.

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