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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
notegesperrt durch bold ersetzt
firstpub1903
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Einleitung.

Bei allen umfassenden Reformbestrebungen ist derselbe Gang zu verzeichnen: Erst wenn die Erkenntnisse einer kleinen Minorität ein Umfühlen in der Majorität bewirkt haben, ist die Zeit reif für ihre Realisierung. Wir sahen es bei der Frauenbewegung. Dieselben Ideen, die heut auf der Tagesordnung stehen, wurden schon vor mehr als hundert Jahren propagiert, ohne bemerkenswerte Spuren zu hinterlassen.

Erst als ihre Zeit gekommen war, in diesem Fall, als die volkswirtschaftlichen Umwälzungen die Bewegung gleichsam auf ihre Flügel nahmen, gelangten die Ideen zu lebendiger Wirkung.

Dasselbe auf dem Gebiet der Erziehung. Montaigne, Locke, Rousseau, später Pestalozzi hatten Grundsätze voll Weisheit und Gerechtigkeit aufgestellt. Hier und da, in eine Gruppe, eine Familie fiel ein Funke dieser Ideen und zündete. Bald aber erlosch er wieder. Er fand keinen brennbaren Stoff vor.

Eine der Schriften Casanovas gibt uns einen Begriff, wie man früher die Erziehung einschätzte. Friedrich der Große gewährte einmal diesem berüchtigten Abenteurer eine Audienz. Der König fand an dem übermütigen witzigen Weltfahrer Gefallen und bot ihm eine Erzieherstelle am pommerschen Kadettencorps an.

In unserem Zeitalter nun geht im Reich der Erziehung ein wahrer Funkenregen nieder, und er fällt auf brennbaren Stoff. Es ist: "Das Jahrhundert des Kindes".

Es lag in meiner Absicht, meine Ideen über Erziehung zu einer umfassenden Studie über diese Frage – vielleicht die wichtigste der gesamten Kulturwelt – zu erweitern. Ich gab diese Absicht auf, nachdem ich in dem Buch "Das Jahrhundert des Kindes" von Ellen Key den Abschnitt über Erziehung gelesen. Meine Ansichten und Empfindungen in betreff des Kindes stimmen so völlig mit den ihrigen überein, daß es hieße, Eulen nach Athen tragen, wollte ich mit anderen Worten dasselbe sagen wie sie. Meine absolute Übereinstimmung mit Ellen Key auf diesem Gebiet (auf einem anderen habe ich sie bekämpft) kommt auch darin zum Ausdruck, daß ich, ganz unabhängig von ihr, für unser Zeitalter dieselbe Bezeichnung wie sie, "Das Jahrhundert des Kindes", gefunden habe. Daß ich ihr das Wort nicht entlehnen konnte, erhellt schon daraus, daß mein Buch (Christa Ruland), in dem es steht, gleichzeitig mit dem ihrigen erschien.

Hätte ich das Recht und die Mittel, ich würde den Keyschen Aufsatz über Erziehung (mit Auslassung einiger ethischer und utopistischer Überschwänglichkeiten) in Millionen von Exemplaren drucken lassen. Jeder Lehrende und jeder Erziehende, jedes Elternpaar müsste ein Exemplar der Schrift erhalten. Eine zündende, eine reformatorische Schrift! Eine Tat intelligentesten Erkennens und tiefgründigster Menschenliebe. Beinah möchte ich diese Schrift mit Onkel Toms Hütte vergleichen, mit dem Buch, das ein Hauptfaktor für die Befreiung wirklicher Sklaven wurde. Das Keysche Buch will der Kinderpsyche, die Haus- und Schultyrannei entflügelt hat, die Flügel zurückerobern.

Ich werde bei meinen Ausführungen den Aussprüchen aus Kindermund einen größeren Raum gestatten, in der Meinung, daß nichts geeigneter ist, mehr und überraschendere Aufschlüsse über die Psyche des Kindes zu geben, als solche spontanen, naiven Äußerungen der Kinder selbst, Äußerungen, die ein helles und scharfes Licht auf die elterliche Erziehung und auf die Einflüsse, die die Umgebung auf das Kind übt, werfen.

Die Kinder, deren Worte ich zitieren werde, gehören samt und sonders sehr angesehenen und sittlich durchaus einwandfreien Familien an.

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