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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
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firstpub1903
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Die Mütter.

Bei einer Rundfrage, ob Mutterschaft und Beruf vereinbar seien, in einem Kreise von Müttern der gebildeten und gutsituierten Stände getan, würde die Antwort beinah einstimmig lauten: Berufsarten außer dem Hause, mit kleinen Kindern im Hause, nein; ein Beruf im Hause – ja.

Aber auch dieses "Ja" würde noch ein sehr bedingtes und zögerndes sein. Von vornherein widersprechen die Tatsachen dem "Nein". Wir kennen alle eine beträchtliche Anzahl von Frauen, die, unbeschadet ihrer treulich erfüllten Mutter- und Hausfrauenpflichten, einen Beruf ausüben.

Ich persönlich wüsste unter den vielen mir bekannten Berufsfrauen keine einzige lieblose oder pflichtvergessene Mutter. Meine Zahnärztin z.B. – die erste, die in Berlin ansässig wurde – ist bis zu ihrem 64sten Jahr in rüstiger Tätigkeit verblieben. Sie hat außer ihren zwei Söhnen ein halbes Dutzend Neffen und Nichten großgezogen, sie nimmt an allen gemeinnützigen Bestrebungen teil, hat das liebevollste Herz von der Welt und lebt in glücklicher Ehe.

Von anderen als künstlerischen Berufsarten lässt sich vorläufig kaum sprechen, weil sie, mit Ausnahme des ärztlichen, verheirateten Frauen nicht zugänglich sind. Lehrerinnen, Telefonistinnen gehen in Deutschland, wenn sie sich verheiraten, ihres Amtes verlustig.

Die meisten professionellen Berufe – ebenso wie die künstlerischen – können in einer mit der Wohnung zusammenhängenden Werkstätte oder in der Wohnung selbst betrieben werden.

Warum erheben die Gegner der Frauenbewegung ihre Stimmen nie und niemals gegen den Beruf der Hebammen, die sie doch auch nicht zur Ehelosigkeit verdammen wollen? Aber im Gegenteil, der wird den Frauen aufs heftigste angelobt.

Ob Berufsarten, die außer dem Hause betrieben werden, angetan sind, die Mütterlichkeit zu beeinträchtigen, ist zweifelhaft. Ich halte es bei den heutigen Verhältnissen für wahrscheinlich Ich meine aber, daß auch hier die Schwierigkeiten nicht auf einer Naturnotwendigkeit beruhen. Unter anderm verweise ich auf die schon erwähnten Kindergärten und auf die Schulung der Kinderpflegerinnen, denen kein Naturgesetz im Wege steht, die Tüchtigkeit der englischen nurse zu erreichen.

Wenn wir von den proletarischen Betrieben absehen, gibt es gar nicht soviel Berufsarten, besonders nicht wissenschaftliche, die eine den ganzen Tag beanspruchende Tätigkeit der Frau außer dem Hause erfordern. Ein Jurist, ein Prediger, ein Lehrer ist täglich nur stundenweise vom Hause abwesend, gar nicht von den Universitätsprofessoren zu reden, deren ganze Tätigkeit außer dem Hause sich auf sechs bis acht Vorträge wöchentlich beschränkt. Dazu kommen fünf bis sechs Monate Ferien im Jahr. Es wären demnach die Ämter eines Professors, Predigers oder Lehrers wie geschaffen für die Frau, die zugleich Mutter ist, würde ich sagen, wenn nicht inbetracht zu ziehen wäre, (auch einer meiner Briefsteller macht mich darauf aufmerksam), daß es nicht allein die Tätigkeit außer dem Hause ist, die die Kräfte absorbiert mehr Zeit noch dürften die Vorarbeiten für das Amt und das nie auszusetzende Studium in der betreffenden Wissenschaft erfordern.

Das ist richtig. Aber bei dieser vorbereitenden Tätigkeit wäre die Frau doch dann eben zu Hause. Sie könnte um Rat gefragt werden, Wenn es Not tut; die Akten oder den griechischen Klassiker oder eine angefangene Predigt beiseite legend, einspringen; sie könnte in geeigneten kleinen Pausen – dem Zug ihres Herzens folgend – sich am Kinde freuen.

Wäre es wahr, daß der Beamte, der Gelehrte, der Gewerbetreibende wirklich so aufgerieben von seiner Berufsarbeit heimkommt, wie man es zur Abschreckung des Berufsweibes ausmalt, müsste da nicht der Staat der Überbürdung seiner Angestellten steuern? Ist er so arm, daß er Raubbau mit den geistigen Kräften der Nation treiben muss? Und überanstrengt sich der Gelehrte, der Künstler u.s.w. freiwillig, so handelt er ebenso unverantwortlich töricht, wie der Wüstling, der aus Genussgier seine Kräfte aufreibt. Brauchen die Frauen ihm nachzuahmen? Ist der Beamte, der Gelehrte, der Künstler nicht auch Familienvater? Gehört es nicht zum Familienleben, – es soll ja die Vorbedingung jedes geordneten Staatswesens sein – daß sich auch der Vater um die Kinder, (sie sollen ja in der Familie die Achse sein, um die sich alles dreht), besonders um ihre Erziehung kümmere? Nach antifeministischen Schriften sollte man meinen, daß der Vater ein den Familienfreuden und –Sorgen fernstehender Arbeitsfanatiker ist.

So ist es doch in Wirklichkeit nicht. Ja, haben nicht viele Männer neben der Berufsarbeit und neben dem Familienleben noch andere Interessen und Beschäftigungen? Sie verwalten das Vermögen, sie haben ihren Klub oder Stammtisch, sie beschäftigen sich mit Politik, besuchen Theater, Konzerte und nehmen an allen geselligen Divertissements der Gattin teil, vom Skat gar nicht zu reden.

Ja, noch mehr. Es gibt Männer, gütige, von edler Verständigkeit, die neben ihrer Berufsarbeit der Gattin im Hause helfen. Sie deshalb der Unwürdigkeit oder Weibischkeit zu zeihen, wäre zelotische Geschlechtssimpelei.

Ich denke dabei an ein Schweizer Ehepaar meiner Bekanntschaft.

Der Gatte ist Leiter einer vornehmen Mädchenschule, seine Frau die Hauptlehrerin an der Schule. Das Ehepaar hat sieben Kinder. Die Geldmittel sind karg. Der Frau liegt die Führung des großen Haushaltes ob und die Herstellung der gesamten Kindergarderobe. Und der Gatte hilft ihr dabei, indem er – horribile dictu – die gesamte Nähmaschinenarbeit übernimmt.

Es ist so armselig, immer wie eingegittert in dem engen Denkkreis seines Jahrzehnts zu verharren, und doch beginnt meist erst jenseits des Gitters der Weg, der aufwärts führt.

Man nenne mir einen vor der Vernunft standhaltenden Grund, der dem Teilnehmen des Mannes an der Hausarbeit – immer vorausgesetzt, daß er willig dazu ist – entgegensteht. Einem bedeutenden Juristen meiner Verwandtschaft machte es besonderes Pläsir, die Lampen (man brannte noch Öl) in seinem Haushalt herzurichten. Er tat‘s aber bei verschlossenen Türen.

Unter Umständen wehrt man es auch den Frauen, speziell weibliche Arbeiten zu verrichten, wenn sie in ihrem Milieu nicht üblich sind.

Gabriele von Bülow, die einfach und häuslich erzogene Gattin des deutschen Botschafters in London, erzählt in ihren Memoiren, daß sie ihre Strümpfe heimlich stopfen musste, immer in Angst, bei diesem frevelhaften Beginnen überrascht zu werden.

In einem Frauenklub, gelegentlich einer Diskussion über dieses Thema, betonte eine junge, muntere Frau – sie war Konzertsängerin – sehr lebhaft die Schwierigkeit, ja beinah die Unmöglichkeit, ihre Berufspflichten mit ihren Mutterpflichten zu vereinigen, obwohl sie nur ein einziges, noch kleines Kind hatte.

Ja, warum gab denn die junge Dame das Singen nicht auf? War es möglicherweise eine finanzielle Frage für sie, nun, so musste sie doch wohl der Ansicht sein, daß ihr Verbleiben in dem Beruf, der Familie, zu der doch vor allen Dingen das Kind gehörte, zum Vorteil gereichte, andernfalls hätte sie gewissenlos gehandelt.

Nicht Kinderpflegerinnen, – wie eine andere Dame vorgeschlagen hatte – sollte man ausbilden, sondern die Mütter zu Kinderpflegerinnen erziehen.

Die Widerlegung der Konzertsängerin, die eine Ungarin in wenige Worte fasste, wirkte sensationell. Diese Frau, groß und stark, legte den Gedanken an einen weiblichen Herkules nahe. Sie machte den Eindruck einer kaum Vierzigjährigen. "Meine Damen," sagte sie in einem geradebrechten Deutsch, "ich habe sechs Kinder. Blühend und gesund sind alle sechs aufgewachsen. Ich arbeite seit 25 Jahren in drei Sprachen, ungarisch, deutsch und französisch. Ich bin 50 Jahr alt. Und nun – sehen Sie mich an!"

An diesem ziemlich einmütigen Widerspruch der Mütter gegen ein Arbeitsfeld außer dem Hause hat – so meine ich – die Gewöhnung einen wesentlichen und starken Anteil. Warum, wenn ich mein Kind in gutem Schutz weiß, sei es in einem der erwähnten paradiesischen Kindergärten, oder bei irgend einer Persönlichkeit meines vollen Vertrauens, warum, sage ich, sollte ich nicht einen Teil des Tages außer dem Hause in einem Amt zubringen dürfen? Es ist die Ungewohntheit eines gezwungenen und regelmäßigen Fernbleibens zu bestimmten Stunden, die erschreckend für die Mutter ist. Daß bei gutem Wetter die Kinderfrau täglich stundenlang – je länger je besser – im Freien mit den Kindern sich aufhält, erscheint der Mutter wünschenswert und selbstverständlich. Oder die Mutter selbst verlässt stundenlang das Haus, die Kinder der Wärterin – und welchen Wärterinnen oft – überlassend.

Und wenn das Kind erkrankt? Ist die Erkrankung eine leichte, so ist es natürlich die Pflicht sowohl des Vaters wie der Mutter, Sorge zu tragen, daß alle Anordnungen des Arztes aufs peinlichste befolgt werden, daß eine Vernachlässigung in der Pflege nicht vorkommen kann.

Bei schwereren Erkrankungen des Kindes ist der Platz der Mutter zweifellos am Bett des kleinen Patienten.

Nun – in solchen Fällen – ein Kind erkrankt nicht jahrein, jahraus schwer – wird die von den Vorgesetzten und Prinzipalen zu fordernde menschliche Rücksicht den Angestellten gegenüber in Kraft treten. Der Vorgesetzte hat der Mutter einen Urlaub zu bewilligen und für den zeitweisen Ersatz ihrer Arbeitskraft zu sorgen, wie es ja auch jetzt selbstverständlich ist, wenn die oder der Angestellte selbst erkrankt.

Eine junge Verwandte von mir, die Buchhalterin ist, erhielt ohne weiteres einen wochenlangen Urlaub von ihrem Prinzipal, um ihre schwer erkrankte Mutter zu pflegen. In vielen Fällen würde auch die eine Angestellte die Pflichten der anderen bereitwillig übernehmen.

Sind Fälle, daß Männer sich aus irgend einem Grunde vertreten lassen, so selten?

Aber, wer weiß, vielleicht ist vielen Frauen überhaupt die Vorstellung, zu bestimmten Stunden zu bestimmten Arbeiten außerhalb des Hauses verpflichtet zu sein, in hohem Grade unsympathisch. Ob sie es den Männern nicht auch wäre, wenn bei ihnen nicht auf der einen Seite das Müssen, auf der andern die Gewöhnung vorläge?

Eine mir verwandte jüngere Frau gehört zu den eifrigsten Gegnerinnen der weiblichen Berufsarbeit außer dem Hause. Sie hat zwei Töchterchen, die schon schulpflichtig sind. Ihr Verhältnis zu den Kindern ist ein unaussprechlich zärtliches. Sie arbeitet unausgesetzt in einem bestimmten schriftstellerischen Fach, aber im Hause. Da trat der Fall ein, daß ihr Mann aus Gesundheitsrücksichten einen Winter im Süden zubringen musste. Wollte er seine Stellung an einem Lehrinstitut nicht verlieren, so musste sie ihn vertreten, ein Amt, das einschließlich der Hin- und Rückwege den ganzen Vormittag in Anspruch nahm.

Und siehe, es änderte sich absolut nichts in dem Verhältnis zu ihren Kindern. Ebenso wenig litt die Haushaltung darunter. Nicht ungern würde sie das Amt beibehalten.

In einer anderen Frau meiner Bekanntschaft, deren Kinder zwar erwachsen sind, die aber einen außerordentlich großen und vornehmen Haushalt zu leiten hat, ist ein Johannistrieb für wissenschaftliche Studien erwacht. Sie besucht die Universität. Eine befreundete Dame bewunderte zwar ihre Vielseitigkeit, begriff aber nicht, wie ihre Wirtschaft dabei bestehen könne. "O," entgegnete die andere, "es geht alles in gleichem Tempo weiter, meist Trab, zuweilen Galopp, niemals Schritt. Heut z. B. habe ich um 9 Uhr morgens das Haus verlassen und bin um 1 Uhr heimgekommen. Zwei Vorträge in der Universität. Von der Universität musste ich zur Schneiderin, ein Winterkostüm anpassen, dann Einkäufe: Wurst, Kaffee u. s. w. Darauf zwei Krankenbesuche, und heut Abend habe ich eine kleine Gesellschaft. Und Sie sehen, meine Wirtschaft besteht, und es geht sehr glatt, und das liegt an meinen Hausfrauentugenden."

Diese Frau hat ein erlösendes Wort gesprochen. Geschätzte Hausfrauen sehen oft den Wald vor Bäumen nicht; das heißt: vor all den Einzelbetätigungen im Haushalt, den Mitteln und Mittelchen dazu verlieren sie die Blickweite für den Zweck, für die Totalität ihres Hauswesens. Bei den reingefegtesten Zimmern, dem gutgekochtesten Essen, den glattgeplättesten Oberhemden, den artigsten Kindern kann dem Haus der Zauber des traulichen Heims fehlen.

Worin eigentlich diese Hausfrauenqualität besteht, lässt sich nicht mit dürren Worten sagen, wenn auch eine gewisse organisatorische Energie dabei wünschenswert ist. Es ist das Sein der Frau, nicht ihr Tun, das ein harmonisches Gesamtbild der Häuslichkeit schafft, wie die Beleuchtung erst einer Gegend Reiz und Stimmung gibt.

Ich weiß wohl, es gibt Frauen aus den gebildeten Ständen, die nicht imstande sind, mehr als ein Mädchen zu halten. Und diesem schon in der Regel überbürdeten Mädchen noch die Kinderpflege zuzumuten, ist kaum angängig, obwohl auch das vielfach geschieht. Ich weiß von Leistungen auf diesem Gebiet, die geradezu einzig dastehen.

Ich möchte hier an ein Beispiel einer ausgezeichneten Frau erinnern, die vor einigen Jahrzehnten in der Berliner Gesellschaft angestaunt und angeschwärmt wurde. Frau S., eine reiche Frau, nahm, trotzdem sie eine eigene reizende Tochter hatte, zwölf bis vierzehn verwaiste Proletarierkinder im Alter von einem bis acht Jahren zu sich, um sie in ihren Grundsätzen, die auf Rousseauscher Basis beruhten, zu erziehen. Sie hielt keine Dienstboten. Die Kinderschar, das Aufräumen der Zimmer, die Küche besorgte sie allein, nur mussten die größeren Kinder ihr hilfreich zur Hand gehen. Die Einrichtung der Zimmer, die Kleidung der Kinder, die Nahrung (eine rein vegetarische) waren von einer förmlich mit Raffinement ausgesonnenen Einfachheit, so daß die Arbeitslast, die sie mit sich brachten, ganz gering war. Daneben erzog sie die eigene Tochter – seltsamerweise – zu einer glänzenden Gesellschaftsdame und sorgte dafür, daß ihre reichen Talente aufs sorgfältigste ausgebildet wurden.

Und diese vielen, vielen Kinder spielten stundenlang unbeaufsichtigt im Garten, und sie gediehen – sie gediehen!

Diese Frau – sie war von zarter Konstitution – halte ich natürlich für eine Ausnahme, und ich möchte keiner Mutter raten, in gleicher Weise zu verfahren; ich gebe vielmehr zu, daß ein Haushalt mit nur einem Dienstmädchen und drei bis vier Kindern der Mutter andere als Familienaufgaben nur in beschränktestem Maß gestatten dürfte.

Aber wie, wenn diese Frau, deren finanzielle Mittel so beschränkt sind, nun in einem Beruf, einem künstlerischen, gewerblichen oder wissenschaftlichen tätig wäre und damit eine beträchtliche Einnahme erzielte, könnte sie nicht einen kleinen Teil ihres Verdienstes auf eine Kinderpflegerin verwenden und damit diese Schwierigkeit – zum Teil – lösen?


Die freien Frauen endlich – vorläufig noch eine kleine Minderheit –‚ diejenigen, die unabhängig von vorgeschriebenen Normen, nach den Gesetzen ihres eigenen Wesens ihr Dasein zu gestalten trachten, bejahen energisch die Titelfrage. Sie tun es mit der eigentlich selbstverständlichen, von mir schon erwähnten Einschränkung, daß jede Frau für sich die Frage, ob Beruf oder Nichtberuf, zu entscheiden hat, denn – jedes Bild passt nicht in jeden Rahmen. Diese radikal gesinnten Frauen pflegt man gern, sehr mit Unrecht, einer Geringschätzung der Nurhausfrau zu zeihen.

Eine Frau, die mit kluger Umsicht, mit Gewissenhaftigkeit, Sachkenntnis und finanziellem Talent einen größeren Haushalt leitet und ihre Kinderschar in musterhafter Ordnung hält – alle Achtung vor solcher Tüchtigkeit!

Niemand hat etwas dagegen, ich am allerwenigsten.

Alle Achtung aber auch den andern Frauen, die in einer außerhäuslichen Tätigkeit den Schwerpunkt ihres Seins suchen und finden. Hat doch schon Christus neben Martha auch Maria gelten lassen, und es sieht beinah so aus, als hätte er die Maria ein wenig vorgezogen.

Freilich läge der Maria die Pflicht ob, geeignete Hilfsgeister für den Haushalt zu wählen. Und wenn es ihr an Intelligenz, sie zu wählen, fehlt? Nun, wenn die Dummen nicht Dummheiten machten, so wären sie eben nicht dumm. Ein Gänschen wird auch als "Nurhausfrau" nach keiner Richtung hin das Familienleben auf einen grünen Zweig bringen.

Nach meiner persönlichen Erfahrung reimen sich Berufstätigkeit und Beschäftigung im Haushalte aufs schönste zusammen.

Es gibt keinen Arzt, der nicht zur Erhaltung der Gesundheit die Abwechslung von Ruhe und Bewegung, von geistiger und körperlicher Arbeit für geboten hält.

Wenn ich einige Stunden geschrieben habe, fühle ich förmlich einen Drang, mich im Haushalt zu beschäftigen, und die vorangegangene – wenn es nicht unbescheiden klingt – Geistestätigkeit hindert mich nicht im geringsten, mit Vergnügen und Interesse die Anordnung zum Mittagessen oder zu einer Teegesellschaft oder einer Kinderschokolade zu treffen und dafür zu sorgen, daß alles so hübsch und schmackhaft wie möglich gerät.

Mir scheint sogar diese Art der Erholung von geistiger Arbeit hygienischer und nutztragender als Skat und Zigarre, die für die Männer genießendes Ausruhen und Erholung bedeuten.

Gewiss gibt es auch unter den Freidenkerinnen eine Anzahl von Frauen, die für ihre Person die gleichzeitige Ausübung mütterlicher und beruflicher Funktionen ablehnen, sei es in dem Erkennen, daß ihr psychisches und physisches Kräftemaß – das ja bei verschiedenen Personen immer unendlich verschieden sein wird – solcher Doppelaufgabe nicht gewachsen ist, sei es, weil ihr Wesenskern, ihre Individualität dem Berufsleben überhaupt widerstrebt.

Gehören diese Frauen zu den Feinen, Klugen, so finden sie wohl, wenn ihre aktive Mutterperiode geschlossen ist, andere Interessenbezirke für ihre geistige Selbsterhaltung, für ihr Aktionsbedürfnis.

Aus ihren Reihen werden vielleicht eine nicht geringe Anzahl beruflicher Jugendbildnerinnen hervorgehen, die, wenn sie ihr Werk an den eigenen Kindern getan, es an anderen Kindern fortsetzen.

Wie aber auch jede einzelne dieser freien Frauen subjektiv ihr Leben zu gestalten wünscht, einig sind sie alle in der Grundüberzeugung, daß die Freiheit der Persönlichkeit, das Sichselbstgehören, die vornehmste und unumgänglichste Existenzforderung der Frau ist, diejenige Forderung, die sie von dem Fluch erlöst, als Mensch nur Dilettant oder ein von andern bewegter Mechanismus zu sein.

Viele von den höherbegabten Frauen der älteren und allerältesten Generation blicken an der Schwelle des Todes mit schaudernder Verwunderung, mit tödlicher Bitterkeit auf ein Leben zurück, das nicht ihr eigenes Leben war, und klagend senken sie das müde weiße Haupt: "Weh‘ mir, daß ich kein Enkel bin – nein – daß ich kein Urenkel bin, denn auch die Enkelinnen von uns Alten kämpfen noch um ihre Eigenheit."


Es ist schon deshalb nicht wahr, daß die Frau sich ganz auf ihre Mütterlichkeit als ihren Daseinszweck zurückzuziehen hat, weil ihr Leben sich weit über die Grenze hinaus erstreckt, in der das Kind ihrer bedarf.

Was der Mensch zum Inhalt seines Lebens macht, muss so sein, daß seine Wirkung und Bedeutung alle Lebensalter umfasst, nicht das eine überreich bedenkt, während das andere leer ausgeht. Mit einiger Übertreibung könnte man sagen, daß die Mutterschaft einen Saisoncharakter trägt. Unser Leben währt sieben oder acht Jahrzehnte. Die Zeit, in der das Kind auf die Mutter angewiesen ist, beträgt wenig mehr als ein Jahrzehnt.

Sich einen neuen Daseinszweck zu schaffen, mit der Berufsausbildung erst zu beginnen, wenn die Kinder erwachsen sind, dürfte in den meisten Fällen viel zu spät sein.

Und so geschieht es, daß Frauen in vorgerückten Jahren, aber mit noch ungebrochener Kraft – von Männern derselben Altersstufe sagt man, daß sie im besten Mannesalter stehen – als Schwiegermütter und Großmütter von der Kinder oder Kindeskinder Gnade leben, die Schwiegermutter nicht selten als Friedensbrecher, die Großmutter als eine platonische Existenz ohne Gebrauchswert.

Ich möchte hier eine drollige Unterhaltung, die ich mit anhörte und die zwischen meiner fünfjährigen Enkelin und der Köchin des Hauses stattfand, einflechten:

Dorchen: "Haben Sie eine Mutter, Marie?"

Köchin: "Leider nein."

Dorchen: "Warum denn leider, Köchinnen haben doch keine Mutter, und sie brauchen auch keine."

Köchin: "Hat denn Dein Muttchen nicht auch eine Mutter?"

Dorchen: "Ja, aber sie braucht keine."

Köchin: "Würde es ihr nicht leid tun, wenn sie stürbe?"

Dorchen: "Das glaube ich schon, aber am Ende, wenn sie nicht mehr da ist, ist sie nicht mehr da, Muttchen hat uns doch."

O, ahnungsvoller Engel du!

Gewiss, es gibt unter den Frauen auch den Typus: Mutterweibchen, und er kann sympathisch und herzrührend sein. Im allgemeinen aber macht des Weibes Einzelleistung als Mutter nicht ihre Gesamtpersönlichkeit aus. Jede einzelne Frau ist von Hause aus mit keiner andern verwechselbar, (beim männlichen Geschlecht ist‘s dasselbe); jede hat ihre individuelle Psyche.

Es scheint aber, man stellt sich das Frauentum wie eine Form vor, in die alle weiblichen Geschöpfe hineinzuschlüpfen haben, um – nach Gottes Ratschluss – versämtlicht zu werden, so daß die eine von der andern sich nicht mehr wesentlich unterscheidet. Alle tun, fühlen, denken dasselbe.

Kommt diese gewalttätige Gleichformung nicht einer Verstümmelung gleich, die – man könnte beinah sagen – schon im Mutterleibe (durch Vererbung vieler Generationen) oder doch wenigstens von Kindesbeinen an geschieht und die Kräfte und Organe, von der Natur vielleicht zu hohen Dingen ausersehen, zu rudimentären werden lässt?

In der Tat kann, wenn wir unermesslich lange Zeiträume ins Auge fassen, aus Unbenutztheit sich Unbenutzbarkeit ergeben.

Ihr alle, die ihr vor dem Heraufkommen des Mannweibes drei Kreuze macht, löscht die Kreuze! Es steht gar nicht in der Frauen Macht, des Weibseins sich zu begeben. Ich bin und bleibe Weib, ob ich eine Mutter von zwölf Kindern, ob ich die fanatischste aller Frauenrechtlerinnen, ob ich eine Messalina oder eine Griseldis bin. Des Weibseins werde ich nun und nimmer ledig.

Aber – ich soll ein echtes, ein wahres Weib sein!

Was ist denn das: ein wahres Weib? Muss ich, um ein wahres Weib zu sein, bügeln, nähen, kochen und kleine Kinder waschen? Und wenn ich einen Handel treibe oder predige oder Philosophie studiere, bin ich kein wahres Weib mehr? Nebenbei gesagt: ich habe den Mann im Verdacht, daß er gar nicht so sehr darauf erpicht ist, daß die Frau im allgemeinen kleine Kinder wäscht und Oberhemden bügelt; es liegt ihm nur daran, daß sie seine Kinder wäscht und seine Oberhemden bügelt.

Die Gänse bannt man dadurch in einen bestimmten Raum, daß man diesen Raum mit einem Kreidestrich umzieht. Und es sind eben Gänse, die den Kreidestrich respektieren. Sollen die armen Langhälse der Frauen Vorbild sein?

Ihr Brüder und Gegner der Frauenfreiheit, gewiss, es ist euer Recht, als Heißsporne eurer Wahrheiten, als Kommentatoren eurer Weltordnung euren Schwestern den Kreidestrich zu ziehen. Aber bitte, seid fein und vornehm, und schickt eure Warnungsrufe – ich sage nicht Unkenrufe – erst in die Welt hinaus, nachdem alle Arbeitsschranken für die Frauen gefallen sind, nachdem man ihnen Universität und Akademie, Kanzel und Werkstatt bedingungslos geöffnet hat. Tut ihr es vorher, so setzt ihr euch, liebe Brüder, dem Verdacht aus, daß der Menschenhort, den ihr hüten wollt, eure Privilegien sind. Und bei dem "Nachher" habt ihr noch den Vorteil, daß euch die Frauen selbst – durch die Minderwertigkeit ihrer Leistungen, von denen ihr ja felsenfest überzeugt seid – das Beweismaterial für eure Weltordnung in die Hände liefern werden.

Übrigens: die Leute, die zäh und leidenschaftlich an der Idee, daß Mütterlichkeit und Familienleben der alleinige Daseinszweck des Weibes seien, festhalten, mögen ruhig sein. Haben sie Recht, so werden sie Recht behalten. Kein Mensch kann auf die Dauer in einem Element leben, das über oder außerhalb seiner Natur liegt. Ich sah einen Menschen, der mit den Füßen schrieb, aber er hatte keine Hände. Misslingt, was die Frauenbewegung will, trägt es keine oder saure Früchte, so werden die Betörten bald genug von Kanzeln und Tribünen wieder herabsteigen, sie werden Ateliers, Universitäten und Werkstätten räumen und demütig und reumütig in die alleinseligmachenden Kinderstuben und Ehegemächer zurückkehren, wo man zum Empfang der reuigen Sünderin das Kalb der Versöhnung schlachten wird.

Wir warten noch auf die erste, die diesen Weg nach Kanossa antreten wird.


Warum ertrug das Weib Jahrtausende lang geduldig ihre Versklavung?

Daß in primitiven Zeiten das Übergewicht der physischen Kraft über den Wert einer Rasse oder eines Geschlechts entschied und deshalb lange Zeiträume hindurch der Mann der Gebieter, das Weib die Gehorchende war, ist erklärlich.

Einem psychisch-historischen Gesetz zufolge werden durch langandauernde Gewohnheiten geschaffene Zustände von den Menschen als unantastbare Gegebenheiten, als Selbstverständlichkeiten empfunden. Erst ganz langsam und allmählich lockert die mit immer größerer Rapidität sich aufwärtsbewegende Kulturentwicklung die Fundamente solcher Wertungen, bis schließlich Sturmfluten des Geistes kommen, die sie entwurzeln.

Wir leben in einer solchen Sturmflut. Wenn sich die Wasser werden verlaufen haben, wird das Weib ihres Halbsklaventums ledig sein. Und Mann und Weib in schöner fruchtbarer Wechselwirkung werden als Gleiche nebeneinander stehen, kein Geschlecht das erste, keins das zweite. Und über der Lösung eines Menschheitproblems sehe ich die Taube mit dem Ölzweig schweben.

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