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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
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firstpub1903
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Die Halben.

Unter den lauen Förderern der Frauenbewegung gibt es eine Kategorie, die lavierend zwischen der Hausfrau und der freien Frau der Zukunft – zwischen der alten und der neuen Frau – eine Vermittelung anstrebt. Sie beantworten die vorliegende Frage nicht mit ja und nicht mit nein, oder mit einem halben Ja und einem halben Nein. Im wesentlichen laufen ihre Vermittlungsvorschläge darauf hinaus: "Die Frau darf studieren, aber nicht zu sehr; sie darf beruflich tätig sein, aber nicht als Regel, nur wenn es sich gerade so macht; besser aber, wenn es sich nicht so macht." Solange sie das Berufliche nur so nebenbei betreibt – als Amateurin – kann sie allenfalls, wenigstens teilweise, ihre weiblichen Qualitäten konservieren; ihre Leistungen freilich, die werden dann nur so so sein. Arbeitet sie aber stramm in einem Beruf drauf los, so kann sie zwar Wertvolles leisten, aber – das Mannweib erscheint auf der Bildfläche.

Diese Halben plaidieren gelegentlich auch für die Zulassung der Frau zur Universität, aber nur, damit ihre ausgebildetere Intelligenz der Kindererziehung zugute komme, damit unter anderem die akademisch gebildete Frau den Söhnen bei den lateinischen Aufsätzen helfend zur Seite stehen könne, obwohl solche Hilfe eigentlich gegen das Schulreglement verstößt.

Einzelne dieser Kategorie versteigen sich sogar bis zur Forderung des Stimmrechts, aber nur, damit die Frau als Mutter, im Interesse ihrer Kinder, den Gesetzgebern auf die Fingern sehen könne.

Also auch bei diesen Halben die Frau nur als ein Durchgang zum eigentlichen Menschen, eine lebenslängliche Amme, die essen oder lernen, muss, um Nahrung für andere zu sammeln.

Und ist des Weibes Drang nach beruflicher Tätigkeit undämmbar – so dekretieren sie weiter – oder zwingt eine Notlage sie zum Erwerb, so soll sie diejenigen Arbeitsgebiete wählen, die einmal der weiblichen Wesensart entsprechen, und zweitens solche, bei denen eine Konkurrenz mit dem Manne nicht stattfindet.

Gibt es Berufsarten, die einen Wettbewerb mit dem Manne ausschließen? Ich kenne keine. Müssten nicht die Frauen, wenn sie der Konkurrenz mit dem Manne ausweichen wollten, sich auch des Schneiderns, des Frisierens, des Kochens, der Geburtshülfe u.s.w. enthalten? Ja, selbst bei denjenigen Arbeitsgebieten, von denen man annehmen sollte, daß sie – weil unmittelbar an der Person der Frau haftend – nur der Frau eignen dürften, steht der Mann in vollem Wettbewerb mit ihr. Den Damenschneidern sind die allerdekolletiertesten Anproben anheim gegeben. Es gibt Damenfriseure, Damenmasseure. Ich kenne ein Sanatorium, wo der Arzt allein seine Patientinnen massiert. In der Türkei liegt das Metier des Kochens und des Bügelns vorzugsweise den Männern ob.

Sämtliche sogenannten weiblichen Berufsarten stehen dem Manne offen, nur mit dem Unterschied, daß seine Leistungen höher entlohnt werden als die der Frau, teils mit Recht, weil sie, infolge einer gründlicheren Ausbildung, besser sind als die seiner Konkurrentin, teils weil er eben der Mann ist und sie die Frau.

Übrigens scheint es so ziemlich gleichgültig, was diese Pechvögel der Schöpfung, die Frauen, tun oder lassen. Etwas Ordentliches bringen sie ja doch nicht zustande, jedenfalls nichts, was der Mann nicht besser machen könnte.

Aber man lobt sie doch als Lehrerin?

In einer parlamentarischen Debatte warnte ein Abgeordneter dringend vor einer stärkeren Verwendung der Lehrerinnen, die gegen das Interesse der Kinder sei, indem sie zu einer Verweichlichung des Unterrichts führen würde.

Als Erzieherin aber innerhalb der Familie ist sie hochbewertet? nicht?

Hm! wo man des Arguments der mütterlichen Erziehungsfähigkeit nicht bedarf, um die Frau – ihre lästigen Ansprüche ablehnend – in die Kinderstube abzuschieben – zeiht man sie gern eines kläglichen Dilettantismus in der Kindererziehung.

In einem Vortrag, den ich über Nietzsche hörte, führte der dozierende Professor aus: Nietzsche wäre von vier Frauen erzogen worden: Mutter, Großmutter und zwei Tanten (daß die Tanten an einem andern Ort wohnten, schien unwesentlich). Diese vier Frauen, alle gottesfürchtig und von vortrefflichem Charakter, wären das Unglück des Knaben gewesen, indem sie seine Eitelkeit und seinen Ehrgeiz großzogen. (Gottesfurcht und trefflicher Charakter hinderten sie nicht daran?) Und sie trugen die Schuld, daß er sich für einen Ausnahmemenschen hielt. (War er das nicht?)

Gelt! Aber nähen kann das Weib?

Mein Mann sagte einmal, als ich sehr erstaunt ihn beim Annähen eines Knopfes betraf, er täte das selbst, weil keine Frau verstünde, einen Knopf ordentlich anzunähen.

Und gibt es einen Mann, der nicht schon einmal geäußert, daß keine Frau verstünde, Kaffee zu kochen?

Indessen, vom Kaffee abgesehen, in der Küche ist sie doch zu Hause? Bezweifelt es jemand? Nietzsche findet sie in der Küche geradezu dumm.

In einer gerühmten Schrift las ich von der Behauptung eines Fabrikherrn, der noch niemals ein Mädchen gefunden haben wollte, das die Mechanik einer Maschine begriffen hätte.

Solche Putchen!

Müsste sich nicht aus den Lobpreisungen der mütterlichen Qualitäten des Weibes von selbst die Konsequenz ergeben, daß z. B. die Waisenpflege ihr zuzufallen habe?

Kein Gedanke! Nach langen schwierigen Kämpfen hat sie es endlich, endlich soweit gebracht, den Waisenrat als inferiore Instanz unterstützen zu dürfen.

Es geht den armen Frauen gerade wie den Juden. Tut ein Jude Böses, so tut er es nicht als böser Mensch, sondern als Jude, und die ganze Rasse wird für sein Tun verantwortlich gemacht.

Lässt eine Frau sich in einem Beruf etwas zuschulden kommen, so tut sie es nicht als Frl. Schulz oder Frau Müller, nein, es wird auf das Konto ihres Weibtums gesetzt.

Man höre nur, wie jemand, der am Telephon nicht gleich Anschluss bekommt oder missverstanden wird, seinen Zorn in den härtesten Ausdrücken gegen das Weib als Telefonistin entladet.

Was beim Styx verstehen denn nun diese Weiblein? Da wären wir ja wieder – – Der Leser weiß schon.

Es ist unverkennbar, daß der Mann, wenn er der Frau ein Sollen oder Nichtsollen vorschreibt, bei dem Nichtsollen vor allem seinen eigenen Beruf im Auge hat.

Ist‘s nicht beinah, als fürchtete man, daß die nach Selbständigkeit trachtenden Frauen den Männern von ihrem Wissen und Können etwas fortnehmen würden?

Verliert denn jemand von seinen Vorzügen, wenn andere sie auch erwerben? Wird ein Gipfel dadurch niedriger, daß nicht nur wenige, sondern viele ihn erklimmen?

Bei einer realen Bergsteigung scheint es in der Tat so, daß sie an Reiz und Wert verliert, wenn anstatt einzelner viele den Gipfel erreichen.

Aber – wer weiß – vielleicht wählen die Frauen andere Gipfel, und es sind andere Wege, die dahin führen.

Einer der Halben, ein Kluger, Milder, schreibt mir, daß nach seiner Meinung die Frau, soviel sie will, studieren mag, er fügt sogar hinzu: "Hierin wird sie die Unterstützung jedes vernünftig denkenden Mannes finden." – (Das geht doch wohl nicht an, die Majorität der Männer für unvernünftig zu halten?) Aber – in keinem Fall darf sie das Erstudierte für einen Beruf verwerten.

O, das darf sie nicht? ich meine, die Gewährung der Mittel, ihre geistige Individualität zu entwickeln, bedeutet für die Frau noch kein Ziel. Ebenso wie die körperlichen Kräfte, brauchen das erworbene Wissen, die entwickelte Intellektualität Anwendung, Expansion.

Kräfte, die sich nicht in Leistungen umsetzen, führen leicht dazu, daß, wie Nietzsche es ausdrückt, "der Mensch an sich leidet". Nietzsche ist es auch, der den stärksten Accent darauf legt, daß die Freiheit von etwas nur Wert habe, wenn ihre Konsequenz die Freiheit zu etwas ist.

"Was", ruft derselbe halbe Freund, "und Weib will die Frau bei einer ernst aufgefassten Tätigkeit auch noch bleiben! Die Frau wird ebenso werden wie der Mann, wenn sie dieselbe Tätigkeit aufnimmt. Sie wird – (Ha! dacht‘ ich‘s doch!) – Mannweib! Der Kampf und die Sorge um klingende und geistige Anerkennung werden ihr eben alles rauben, was bisher die Weiblichkeit ausmachte." Ach, lieber Herr, auch ohne Beruf bleibt der Frau die Sorge um klingende und um geistige Anerkennung nicht erspart, solange Eitelkeit, gesellschaftlicher Ehrgeiz und – das Wirtschaftsgeld nicht abgeschafft sind.

"Sie wird werden wie der Mann!" Oho, der liebe und doch oft auch so milde und weise Mann ein Schreckbild für die Frau!

Das Weib braucht sich doch nicht gerade den allerdings vielbewunderten Räuberhauptmann Musolino oder den verknöcherten Bureauoffizianten zum Modell zu nehmen, da wäre ja auch noch Spinoza, Tolstoi oder – die Oder‘s würden kein Ende nehmen, denn unvergleichlich ist der Reichtum an Charakterbildern, die das männliche Geschlecht – das weibliche natürlich auch – liefert.

"Und in dieser Frage" (der Weiblichkeit), fährt er fort – "stützen Sie sich getrost auf das Urteil des Mannes, der wohl am besten wissen wird, was Weiblichkeit ist, und der doch auch gefragt sein will."

Ach nein, ach nein, nur das nicht, lieber Herr. Wir kennen Euch, Jupiterlein, und wissen, was Euch an der Frau gefällt. "Der rechte Mann kann sich das Weib nur orientalisch denken ;" – (siehe Schopenhauer, Nietzsche, Lombroso und das Heer ihrer Gesinnungsgenossen) – wenn auch nicht alle für echte Weiblichkeit Schwärmenden das Ideal Maupassants zu dem ihrigen machen: die Canaille.

Zuweilen begegnen wir bei diesen Lauen auch recht phantasievollen Einwänden, wo es sich um die Ablehnung der Frau im Berufsleben handelt.

Im Gespräch mit einem sehr intelligenten Bankdirektor stellte ich ihm die Frage, ob er nicht einmal den Versuch mit weiblichen Angestellten machen möchte. "Nein", sagte er; er wäre überzeugt, daß sie ebenso Tüchtiges leisten würden, wie seine jungen Männer, ihr Anblick aber würde ihn traurig stimmen. Da säßen sie nun, die armen Dinger, an der Schreibmaschine oder vor den Kopierbüchern, jahraus, jahrein, ohne irgend eine Aussicht, jemals weiterzukommen oder selbständig zu werden – "wie die Verhältnisse nun einmal heut liegen", fügte er hinzu.

Eine eigentümliche Belehrung wurde einer Lehrerin zuteil, die bei einem einflussreichen Schulmann um die Anstellung einer verheirateten Kollegin petitionierte. Nein, sie stellten verheiratete Lehrerinnen nicht an, weil sie Kinder bekommen könnten. Sie hätten schlechte Erfahrungen gemacht. "Welche Erfahrungen?" fragte die Dame. Ja, da wäre z.B. die Frau B., die hätte zwar keine Kinder, aber es wäre doch ersichtlich, daß sie ihren Mann durch ihr Amt unglücklich mache. Sie sähe zwar blühend wie das Leben aus, aber er verkäme, zweifellos, weil ihm die häusliche Behaglichkeit fehle.

Hm! So braucht das Weib also, um blühend wie das Leben auszusehen, absolut der häuslichen Unbehaglichkeit?

Übrigens, daß der Mann ohne ein angetrautes Weib zu keiner häuslichen Behaglichkeit gelangen könne, gehört zu den Axiomen, die auf Wahrheit keinen Anspruch haben. Hat er Sinn für Ordnung, Sauberkeit und Schönheit und verfügt er über ausreichende Mittel, so wird er, kraft der ihm allseitig zugesprochenen Intelligenz, seine Bediensteten gut zu wählen, und kraft der ihm ebenso allseitig zugesprochenen Konsequenz und Energie, ihre Disziplinierung ohne besonderen Zeitaufwand zu bewerkstelligen wissen.

Der Offiziersbursche des unverheirateten Offiziers genießt in Betreff seiner Leistungen ein ausgezeichnetes Renommee.

Ich allein kenne persönlich zwei Junggesellen – sie haben das vierzigste Lebensjahr noch nicht erreicht – die sich eine so schöne Häuslichkeit geschaffen haben, daß sie nicht heiraten, aus Furcht, sie zu verlieren.

Fehlt dem Mann aber der Sinn für eine ästhetische Umgebung, so wird er, ob mit, ob ohne Gattin, den Mangel des häuslichen Komforts nicht empfinden.

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