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Die Mütter

Hedwig Dohm: Die Mütter - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
authorHedwig Dohm
publisherS. Fischer Verlag
year1903
titleDie Mütter
created20020530
senderschreiner-stgt@gmx.de
correctorhille@abc.de
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firstpub1903
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Erziehungsheime.

Wenn nun in der Regel nicht die Mütter, nicht die Väter, nicht die Lehrer (Lehrer sind nur ausnahmsweise Erzieher) die rechten Jugendbildner sind, wo finden wir sie?

Vorläufig kaum irgendwo, es sei denn, daß ein Glück wie aus der Götter Schoß (es heiße Vater, Mutter oder Lehrer) dem Kinde hold ist.

Im Schoß der Zukunft aber ruhen noch soviel Erleuchtungen, zu erhellen, was heut noch dunkel ist. Einen Schimmer dieses Lichts der Zukunft zu erspähen bin ich nicht die erste. Ich sehe eine priesterliche Kaste von Erziehern erstehen, Erziehern, wie ähnlich der Griechenjüngling sie in Plato und Sokrates fand, wie sie vorläufig nicht existieren, aber in Zukunft existieren können und werden. Der Stand der Erzieher müsste der vornehmste der Nation sein, ein ehrfurchtheischender. Soll der Dichter mit dem König gehen, um wie viel mehr der Jugendbildner, denn ein Seelenschöpfer ist er, dem kein größter Dichter sich vergleichen darf.

Es schweben mir ideale Erziehungshäuser vor, es können auch Villen oder Paläste sein, säulengetragene meinetwegen, hohe sonnige Räume mit großen Gärten, die Wände mit Kunstwerken bedeckt, Fresken, die zugleich als Lehrmittel für die Geschichte dienen könnten.

Es brauchte nicht gerade eine Massenerziehung zu sein. Den subtilsten Gliederungen wäre freier Spielraum zu lassen.

Bei der Erziehung im elterlichen Hause sind die Kinder der Willkür einzelner preisgegeben, sie mögen sein, wie sie wollen, bös oder gut, dumm oder klug.

Soll eines Kindes Schicksal immer von der Zufälligkeit einer mütterlichen Subjektivität abhängen? Von der unberechenbaren Impulsivität einer unentwickelten Intelligenz, oder der beschränkten Rückständigkeit einer Philisterseele?

Da sagt eine Mutter etwa: Ich erziehe meine Tochter einzig und allein zur Hausfrau und Mutter, alles andere ist Schnickschnack. Nun aber kriegt die Tochter – die arm ist und nicht hübsch – keinen Mann, und sie kriegt kein Kind, – was nun? Iphigeniens Monolog: "Der Frauen Schicksal ist beklagenswert" auswendig lernen? ein schwacher Trost.

Nicht die Beschaffenheit der Mutter, – nein, diejenige des Kindes soll für seine Erziehung maßgebend sein.

Wahrlich, die Zahl der Elternhäuser ist klein, über deren Pforten die Worte stehen könnten: "Nur das Beste ist gut genug für meine Kinder."

Wären die Eltern aber auch intelligent und edelgesinnt, sie könnten doch der Vielseitigkeit einer idealeren Erziehungsweise nicht annähernd gerecht werden, einer Erziehung, die, wenn wir auch von der Erwerbung von Kenntnissen absehen, die ganze ethische und ästhetische, körperliche und intellektuelle Entwicklung des Kindes, seine Charakter- und Gemütsbildung in sich schließt, und die von dem Erzieher nicht nur die erlesensten Geistes- und Gemütsqualitäten verlangt, sondern auch, daß er von Gott und Natur die Weihen zu seinem königlichen Amt empfangen, das heißt, daß er der geborene Pädagoge, daß die Erziehung sein Daseinszweck sei.

In den Erziehungsstätten würden die Kinder nach den höchsten Erkenntnissen, die die Zeit überhaupt zu bieten imstande ist, erzogen werden, immer unter der Voraussetzung, daß ihre Leiter auf der Menschheit Höhen wandeln, daß ihr Geist frei und hoch, ihr Gemüt groß und rein ist.

In dem Erzieher muss gewissermaßen die verdichtete Liebe all der Mütter sich finden, deren Kinder er zu bilden hat, eine Liebe, die frei sein wird von den Schlacken, die das Gold der Mutterliebe verdunkeln, frei von Eitelkeit, Ehrgeiz, von Besitzesstolz und selbstischem Genießen.

Die Liebe des Erziehers wird eher vergleichbar sein der Hingegebenheit des Künstlers an sein Werk.

Die Erzieher werden, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen, "die männlichen Mütter sein."

Damit soll absolut nicht gesagt sein, daß die Erziehenden der Zukunft nicht auch Frauen sein dürfen. Mir scheint vielmehr, daß der Frauen feine Klugheit, wenn eine voll entwickelte Intellektualität sie erst vertieft haben wird, daß die Schärfe und Flinkigkeit ihrer Beobachtung, ihr Wirklichkeitssinn, daß die Geduld, Güte, Gemütskraft, die man ihnen nachrühmt, sie recht eigentlich zu Erzieherinnen der Zukunft prädestinieren, im Gegensatz zu den erziehenden Müttern der Gegenwart.

Freilich, selbst in den vornehmsten Erziehungsstätten kann nicht jeder einzelne Lehrer oder jede Lehrerin den höchsten Anforderungen entsprechen, aber der Geist des Ganzen wird jedes einzelne Glied durchdringen. Der Leiter oder die Leiterin wird dem Kapellmeister gleichen, der dem Orchester Ton und Rhythmus gibt.

Eine Utopie? Ja, aber eine Utopie ist alles, was jenseits eines Berges von Schwierigkeiten liegt. Die herrlichsten Wirklichkeiten unserer Zeit sind einmal für Utopien gehalten worden.


Als ich mit einer Mutter von dieser Erziehungsweise reden wollte, unterbrach sie mich: "Ich habe meine Kinder geboren, es sind meine Kinder, und ich will auch meine Freude an ihnen haben," eine Meinungsäußerung, die wohl so ziemlich allen Müttern aus der Seele gesprochen ist.

Darauf wäre der Mutter zu erwidern: Erstens, daß du die Kinder geboren hast, daran kommt dir kein Verdienst zu; du folgtest damit nur dem Naturtrieb der Fortpflanzung, ob feinere oder gröbere Erotik ihm zugrunde lag.

Sage selbst, müsste deine Mutterfreude nicht wachsen im Verhältnis zum intellektuellen und seelischen Wachstum des Kindes? Ist die Freude am Kinde nur auf die räumliche nächste Nähe beschränkt? In allen Zungen preist man die Opferfreudigkeit der Mutter, und sie versagt bei dem Kernpunkt, da, wo es sich darum handelt, der Entwicklung des Kindes einen grenzenlosen Spielraum zu gewähren? Sie versagt, weil die Mutter eine Beeinträchtigung ihrer Freude an dem Kinde fürchtet?

Zweitens: Ein Teil der Mutterfreuden besteht darin, daß die Kinder Tätigkeitsobjekte für die Mutter sind. Unser Herz wächst allmählich in unsere Tätigkeit hinein. Wenn ich als Malerin meine Kräfte der Aufgabe widmete, Kinder zu malen, anstatt sie zur Welt zu bringen, würde ich auch die gemalten Kinder zärtlich im Gemüte hegen.

Das krasseste Beispiel eines leidenschaftlichen Genießens der eigenen produktiven Arbeit liefert jener Goldschmied, der die Käufer seiner Schmucksachen ermordete, weil er sich von seinen Schöpfungen nicht zu trennen vermochte.

Drittens: Die Beeinträchtigung der Mutterfreuden durch die Erziehungsheime ist möglich; sicher und unvermeidlich ist sie nicht. Es kann keine Rede davon sein, daß durch die Erziehungsstätten die Eltern außer Verkehr mit ihren Kindern gesetzt werden. In welcher Art dieser Verkehr zu regeln wäre, wer wollte das heute sagen! Ich meine aber, wo ein natürliches, gerechtes und starkes Bedürfnis vorliegt, werden sich Organisationen schaffen lassen, die diesem Bedürfnis entgegenkommen. Müssen nicht auch jetzt schon Eltern, die auf dem Lande oder in kleinen Städten leben, ihre Knaben vom zehnten oder elften Jahre an in größere Städte auf ein Gymnasium und in Pensionen schicken? Wurden die Familienbande dadurch gestört oder auch nur gelockert? Im Gegenteil, die Ferienbesuche, die Briefe, die man schreibt und empfängt, das Abschicken der kleinen Kisten mit Naschwerk und anderem hübschem Kram, der Wechsel von Trennung und Wiedersehen, – das alles knüpft die Familienbande nur um so fester und inniger. In England ist es selbstverständlich, daß ein Knabe schon vom siebenten Jahr an einem Institut übergeben wird.

Kein Zwang soll auf die Mutter ausgeübt werden. Ich halte es aber für wahrscheinlich, daß selbst die zärtlichsten Mütter freiwillig ihre Kinder den Erziehungsheimen anvertrauen werden, sobald sie wahrnehmen, daß die Kinder anderer Mütter, die in diesen Anstalten erzogen wurden, die ihrigen an körperlicher, sittlicher und geistiger Kultur überragen.

In absehbarer Zeit werden die Frauen das Stimmrecht haben, dann mögen sie selbst in aktiver Teilnahme an der Gesetzgebung den Werdegang ihrer Kinder mitbestimmen.

Und ob im letzten Grunde, in seinen Endresultaten die selbstlose Opferfreudigkeit der Mutter nicht einer berechnenden, auf den eigenen Vorteil gerichteten Klugheit gleichkäme? Denn das Kind, das durch eine unvergleichliche Erziehung zu einem herrlichen Menschenbild geworden ist, würde der älteren und alten Mutter im reichsten Maß die Entbehrungen vergelten, die die junge Mutter sich um des Kindes willen auferlegte.


Eine Utopie, sagte ich, – nein, keine Utopie mehr.

Die ersten Schritte zur Realisierung idealerer Erziehungsstätten sind bereits getan. In Haubinda in Thüringen, in Ilsenburg im Harz hat Dr. Liez nach dem Muster der englischen Erziehungsanstalt Emlohstoba Landerziehungsheime ins Leben gerufen, die den neuen reformatorischen Erziehungsprinzipien die neue Form gefunden haben, die ihnen gebührt. Ober die Ideen und Prinzipien der Landerziehungsheime liegen bereits treffliche und ausführliche Schriften vor. In Ellen Keys Buch findet sich ein Verzeichnis dieser Schriften.

Der Andrang zu diesen Landerziehungsheimen ist so groß, daß ihnen gerade um dessentwillen Gefahr droht, die Gefahr, daß eine der Haupttendenzen der Anstalten: die Wahrnehmung der Individualität jedes einzelnen Kindes, eine Beeinträchtigung erfahren dürfte.

Und woher alle diese priesterlichen Erzieher, diese Weisen (sieben hatte ja nur das Griechenland) nehmen?

Ist die Kultur an einen Punkt gelangt, wo die vorhandenen Mittel und Kräfte zu ihrer Fortentwicklung nicht ausreichen, so tun sich, wie auf den geheimnisvollen Wink unsichtbarer Kräfte hin, neue Kulturquellen auf, oft scheinbar dem Zufall entsprungene, aber: "was uns Zufall dünkt, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen."

Als die Kriegführung dahin gelangt war, mit ungeheuren Massen zu operieren, die den Einzelkampf unmöglich machten, erfand man das Schießpulver.

Als für die immer steigende Anhäufung von Wissen und Erkenntnissen und das ebenso sich steigernde Verlangen der Menschen, sie sich anzueignen, die Mitteilung von Mund zu Mund und das geschriebene

Wort nicht mehr genügten, wurde die Buchdruckerkunst erfunden.

So werden wir, da der Mechanismus unserer Schulen von der Kultur überholt ist, die Erzieher haben, weil wir sie brauchen. Sie sind das Recht der Kinder.

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