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Die Mühle zu Husterloh

Adam Karrillon: Die Mühle zu Husterloh - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Mühle zu Husterloh
authorAdam Karrillon
year1906
firstpub1906
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Mühle zu Husterloh
pages380
created20120413
sendergerd.bouillon@t-online.de
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34. Kapitel

Es ging gegen Abend, und ein ungestümer Wind trieb erbsendicke Hagelkörner wider die Fensterscheiben, als Hans wieder einmal neben seinem Zögling auf der Klavierbank saß. Und es war gut, daß alles so war, wie es war.

Während der Sturm seine »Lieder ohne Worte« spielte, spielte das Fräulein einen Trauermarsch im Galopptempo. Während ihre Blicke dem Schauspiel der Natur vor den Scheiben aufmerksam folgten, verwechselten ihre Finger Dur und Moll in reizvoller Ungebundenheit. Es war ein Glück für den Kandidaten Höhrle, daß ein Teil der Dissonanzen, die schmerzvoll aus dem Klavier geboren wurden, in dem großen Klagen unterging, womit der Wind die leeren Gänge des stillen Hauses füllte. Gleichwohl traf von musikalischen Unmöglichkeiten noch so viel an das Trommelfell unseres Freundes, daß dieses, ohne die Dämpfung von außen, geplatzt wäre, und daß Hans mit Grausen an ein weiteres Zusammenleben mit diesem Flügel und mit diesem musikalischen Ungetüm dachte. Zu dem Überfluß an Mangel von Talent gesellte sich bei seiner Schülerin auch noch eine geradezu ideale Trägheit und 356 eine beneidenswerte Gabe, mit den Füßen zu verderben, was sie allenfalls mit den Händen gutgemacht hatte. Alles, was Hans an musikalischen Unterweisungen seither aufgebracht hatte, war in das Faß der Danaiden geschöpftes Seifenwasser. Wäre der Samstag mit seinen Goldstückchen in rosa Seidenpapier nicht gewesen, der Vielgequälte hätte dem Andenken seiner Mutter gegrollt, die einst den Knaben aus der Gesellschaft der Mühlesel ans Klavier gezwungen hatte. Allein, das Gebot der harten Notwendigkeit, der Umstand, daß er sich seinen Unterhalt selber verdienen mußte, zwangen immer wieder seine unbezahlten Stiefel bald durch den Schmutz, bald durch den Schnee, die in stimmungsvoller Abwechslung die Straßen füllten, nach dem stillen Hause hin und an dem Rätsel vorüber, das, ans Geländer des Treppenhauses gelehnt, von dem Hauslehrer den Wegezoll eines freundlichen Blickes erhob.

Doch zuweilen gab es auch ein interessanteres Intermezzo. Wenn die Range absolut nicht gewillt war, sich im Reich der Töne quälen zu lassen und Kopfweh oder eine andere imaginäre Krankheit vorschützte, dann ereignete es sich wohl einmal, daß die gnädige Frau neben dem Kandidaten Platz nahm und ihre Seele mit der seinen in harmonische Gefilde entschweben ließ. In solchen Augenblicken war das junge Weib nicht mehr die Dame mit der vornehmen Zurückhaltung, sie war Hansens Gespielin, sah ihm mit Vertraulichkeit fordernder Naivität tief in die Augen und duldete leutselig, daß er seine ermüdete Hand auf ihrem Knie ausruhen ließ. Näher, als durch den Zwang des 357 Notenlesens bedingt war, saß sie an seiner Seite. Hans fühlte die Wärme ihres Körpers, fühlte, wie ihr Arm tastend an ihm niederglitt, wie sich ihre Hüfte verlangend an ihn schmiegte. Hans bebte, zitterte, wollte kühn sein und wagen, wurde wieder mutlos und fürchtete sich vor dem Augenblick, wo das Weib sich selbst vergessen könne, und sehnte ihn doch mit allen Kräften seiner Seele herbei. Der Zweifel schon, geliebt zu werden von einer Dame, an der Hunderte begehrlich emporsahen, schmeichelte seiner Eitelkeit, und die Gewißheit gar, hätte ihn vor sich selber zu einem lorbeerbekränzten Triumphator gemacht. Aber nichts von alledem, was geschehen konnte, geschah. Nach einer Weile lagen beide spitzenumrahmte Hände der Dame müde in ihrem Schoß, ihr Kinn sank auf die Brust. Hans mochte sich einbilden, daß ihre Lider eine Träne zerdrückten, gesehen hat er es nie. In Augenblicken des qualvollsten Grübelns bewog ihn öfters ein mahlendes Geräusch hinter seinem Rücken, sich umzuschauen. Die musikalische Range stand hinter ihnen und kaute Äpfel. So endete mehrmals recht prosaisch, was anfangs so poetisch sich anließ.

In den langen Wintermonaten wechselte draußen das Wetter, und im Salon der Frau de Lerée die Zimmerdekoration. Über den November und die erste Hälfte des Dezember halfen die Dahlien hinweg, dann kamen blühende Alpenveilchen und Kamelien. Im März streckte der Krokus in dem milderen Klima zwischen Vorfenster und Fenster seine blauen, weißen und gelben Köpfe hervor. Bald aber überwuchsen diese Kelche die krausen Blütenkolben der 358 Hyazinthen und verurteilten sie zur Bedeutungslosigkeit. Der April brachte laue Tage und lockte im Freien aus den Aprikosen- und Pfirsichreisern den Blütenschnee. Der Wind stieß zuweilen in die Straßen herein und warf auf das Pflaster Haufen weißer und rosa Blütenblätter, die aussahen wie Konfettiwürfe verflogener Maskentollheit.

Hans ging in dem warmen Sonnenschein dem stillen Hause zu, etwas fröstelnd bei dem Gedanken an den feuchten Schatten des Stiegenhauses, der sich all die Wintertage hier so oft über seine Schultern gelegt hatte. Langsam stieg er die Treppe empor, langsam schritt er an dem Rätsel vorüber, er hatte Zeit. Die musikalische Range konnte vor sechs Uhr nicht aus der Schule zurückerwartet werden. Er trat in den Salon. In einer hellen Frühjahrstoilette traf er die gnädige Frau auf dem Sofa, einen Finger vergraben zwischen den Blättern eines Buches. Hans setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. Vor ihm in der Luft spielte ein kleiner, gelber Schuh in einem zarten Spitzengehege von Unterröcken, die einen zweiten gelben Schuh bald zeigten, bald versteckten. Es war, als ob man in den Kelch einer Lilie hineinsehe, so weich, so duftig, so keusch.

»Und auf dem Grunde dieses Blumenkelches liegt ein Geheimnis, das lockende Geheimnis von dem Weiterleben der Arten.« Das war der Gedanke, der dem kundigen Anatomen in diesem Augenblicke prickelnd durch das Gehirn stach und seine Sinne verwirrte.

Es war kein Zeichen von guter Lebensart, daß Hansens 359 Blicke an den Schuhen hingen, aber er konnte die Augen nicht abwenden, und sein Gegenüber tat nichts, um ihm das neckende Schauspiel zu entziehen. Nur eine flammende Röte, die ihr ins Gesicht stieg, verriet, daß sie wußte, wo die Gedanken des jungen Mannes weilten. Im übrigen schien um ihre Augenbrauen eine schmerzvolle Melancholie zu lagern, so tief, so abgrundtief und schwarz, daß keiner Nächte Dunkel mit ihr vergleichbar war. Fast anbetend saß der junge Mann vor diesem Heilgenbilde und wäre wohl versteinert, und säße zum Leidwesen einer Heiligen noch dort, wenn nicht der Himmel ein Einsehen gehabt hätte und mit einem Donnerwetter dreingefahren wäre.

Was aus der drohenden Gewitterwolke über dem Städtchen zwischen die Häuser niederfiel, war einer jener kurzen, bellenden Töne, wie sie den Dieb überraschen, der mit der Hundehütte nicht gerechnet hat. Jedermann, der inmitten geheimnisvollen Schweigens diese kläffenden Laute hört, glaubt in den Boden sinken zu müssen. Frau de Lerée war ein Weib. Sie tat das Gegenteil von dem, was Männer tun. Sie sprang auf und hing hilfesuchend an dem starken Arm ihres Hauslehrers. So schmiegt sich die Efeuranke schmeichelnd an den Eichenstamm, und weiß doch, daß sie ihn erwürgen wird.

Wie lange das Gewitter dauerte, das damals in der kleinen Universitätsstadt Haus von Haus durch einen Gießbach trennte, alle Nachbarschaft aufhob, und nur Frau de Lerée und Hans Höhrle einander schuldvoll näher brachte? Gerade so lange, als Fräulein Wendtland, die Dame mit den 360 Schulregeln im Gesicht, in der Pestalozzistraße, ihre höheren Töchter unter ihrem Dache zurückhielt, zum Ärger aller Putzmacherinnen, die aus dem Platzregen einigen Vorteil ziehen konnten.

So verließen Hans Höhrle und Fräulein de Lerée zu gleicher Zeit das schützende Obdach und traten hinaus in den Abendsonnenschein, der in glänzenden Garben aus den zerrissenen Gewitterwolken brach und die windschiefen Giebel der alten Fachwerkbauten vergoldete. Lehrer und Schülerin hätten sich begegnen können, begegnen müssen, wenn der Kandidat der Medizin noch das gute Gewissen mit sich getragen hätte, wie vor einer Stunde. So aber stieß die Schuld wie ein gebieterischer Schutzmann ihn weg vom Bürgersteig und trieb ihn durch enge Gassen mit Fenstern, die zur Erde herunterreichten und dem Passanten den Einblick in Spelunken durch Grünzeug und verstaubte Schnapsflaschen wehrten. Hans Höhrle wich dem Blick der ehrlichen Menschen aus, weil er immer in ein Gesicht sehen mußte, das ihn wie die tragische Maske seines Schicksals angrinste.

Als er nämlich die Korridortür des stillen Hauses hinter sich schloß, da stand am Treppengeländer, da wo es immer stand, das Rätsel mit suffisantem Lächeln und Augen, aus denen der Neid und alle sechs anderen Todsünden vergiftete Pfeile schossen. Hans fing alle diese schneidigen Spitzen auf, und mit Schrecken begriff er, daß die Türen Schlüssellöcher haben, und daß die Parze da mit ihren gelben Zähnen seinen Schicksalsfaden durchbeißen konnte.

361 Hans trat mit den Absätzen fest auf das Pflaster auf, er verlangte nach Geräuschen. Die Stille ängstigte ihn. Daß es außer der Stimme seines Gewissens noch andere Laute auf der Welt gab, schon diese Entdeckung verlieh ihm etwas Sicherheit wieder. Er begrüßte deshalb auch die Dissonanzen einer Drehorgel, die ein Stelzfuß vor den Fenstern weiterschleppte, wie eine Ablenkung auf andere Bahnen und warf ein für seine Verhältnisse reich bemessenes Almosen in den Zinnteller des Krüppels. Zu Hause angekommen, öffnete er die Fenster seiner Bude und ließ den Geruch der dampfenden Erde herein und das Lachen der Stumpfröcke, die sich an der Pumpe des Frühlingsabends freuten. Der Gedanke, daß sie ähnliches zu bereuen haben möchten, wie er, und doch lachen konnten, beruhigte ihn etwas. Wo viele auf der Anklagebank sitzen, ist der einzelne weniger schuldig.

Nach einer Weile spornte ihn ein gewisser Trotz gegen das, was er vor sich selber eine kindische Furcht nannte. Er warf den Hut in die Ecke, setzte die Mütze auf und eilte in den Kreis der Genossen. Der Wächter, der die erste Stunde des neuen Tages auf dem Kuhhorn blies, sah ihn mit Kopfschütteln schwankenden Schrittes nach Hause zurückkehren.

Der nächste Morgen brachte unserem Freunde den Januskopf eines zweifachen Katers und folgenden Brief seiner Schwester Suse. 362

»Mein lieber Bruder Hans!

Welch großes Glück ist es doch, daß Du bei edel denkenden Menschen Gelegenheit gefunden hast, Deinen Unterhalt zu verdienen. So wird der Rest Deiner Studienzeit herumgehen, und Du wirst durch die Arbeit Deines schönen Berufes die letzten Tage unseres Vaters mit Sonnenschein füllen. Um uns brauchst Du zunächst nicht besorgt zu sein. Es gibt eine liebende Vorsehung, von deren gütiger Hand auch wir geführt werden. Denke Dir, der Mordche Rimbach war bei uns und hat unser altes Zinn, Kannen, Schüsseln und Teller um eine Summe gekauft, mit der wir unser Leben auf lange hinaus fristen können. Vater zögerte, das Geld anzunehmen, so viel war's, doch Mordche Rimbach sagte:

»Stuß, ich kaufe für einen Liebhaber. Wie die Motte den alten Filzhüten nachkriecht, so gibt es Narren, die nach altem Zinn suchen. Wer kann dafür, daß die Hühner Maikäfer fressen,« und er zählte das Geld auf den Tisch und ging.

Und noch etwas. Klaus Priester kam in der Dämmerung und brachte uns den quittierten Holzabfuhrschein.

»Der Brunnen des Glücksritters ist bald ausgeschöpft,« bemerkte er. »Nun handle ich nach dem Wort der Bibel: ›Erwirb dir Freunde mit dem ungerechten Mammon‹, denn bald wird es heißen: ›Klaus, die Beine auf die Pritsche und wieder ans Hosenmachen‹. ›Gut, daß dies Luderleben ein Ende nimmt‹. Die einzige, die mich in 363 dem Schiffbruch dauert, ließ er so nebenbei fallen, ist die arme Agnes.«

Das ist's, Hans, was ich Dir schreiben wollte. Du siehst, wie der Finger Gottes Deinen und unseren Lebensweg vorzeichnet. Übersieh die zarte Linie nicht, laß sie die Leuchte Deines Fußes sein, und wir alle werden zu einem freundlichen Ziele gelangen. Ich bin voll froher Zuversicht, und nur der Umstand, daß Vater öfters kränkelt, erfüllt mich zuweilen mit Sorge.

Nun lebe wohl, lieber Bruder, und vergiß nicht, daß Du der Deinen letzte Hoffnung bist.

Deine Schwester Suse.«        

Dieser Brief steigerte Hansens Qualen ins Ungemessene. Der Gedanke, daß er in der Vorstellung seiner Schwester als Engel lebte, während er vor sich selber ein Verworfener war, erfüllte ihn mit niederdrückender Zerknirschung. Wo das harmlose Mädchen die Führung Gottes sah, erkannte sein klarer blickendes Auge die Fallstricke der Verführung. Er ahnte nur zu gut, wer der Auftraggeber des Mordche Rimbach war, und aus welchem Born der Edelmut des Klaus Priester floß. Manche Frage, die neugierig von den Lippen der Frau de Lerée kam, hatte er ahnungslos beantwortet. Nun hatte sich ein Netz von Wohltaten um ihn und die Seinen geschlungen, das er nicht zerreißen konnte, wie sehr er auch an seinen Maschen zerrte. An der Distel der Sünde wuchsen Feigen, aber, zur Stunde wenigstens, hatten sie für Hans Höhrle einen herben 364 Beigeschmack. Es litt ihn nicht mehr in der einsamen Bude. Ihn zog es mit Macht nach den Krankensälen der Klinik, dort, in der See des fremden Leides, hoffte er das seinige ertränken zu können.

Am Abend eines reuevoll durchlebten Tages schrieb er einen Brief an Frau de Lerée, bat, in dieser Woche die Stunden ausfallen lassen zu dürfen, und entschuldigte sein Fortbleiben mit Unpäßlichkeit.

Die Woche ging und ihr Samstag brachte einen Kommers in den festlich geschmückten Hallen des Tivoli. Um alle Tische schlang sich der bunte Kranz farbiger Mützen und heller Kneipjacken, nur zuweilen unterbrochen durch den schlichten Anzug eines alten Herrn.

Hinter dem gelättelten Stabwerk der Galerie sah man weiche Damenkleider und glückstrahlende Mädchengesichter, die sich neugierig über die Brüstung neigten, um unten in der großen, bunten Musterkarte einen zu suchen, den sie sich als Tänzer wünschten und vielleicht noch als etwas mehr. Aber auch die Augen da unten, die so oft ins Bierglas guckten, hatten den Flug nach dem Höheren nicht verlernt, und trotz der ziemlich beträchtlichen Niveaudifferenz waren bald zwischen droben und drunten alte Beziehungen aufgefrischt, und zu neuen die Präliminarien geschaffen.

Hans Höhrle, der am Kopfe einer langen Tafel präsidierte, sah oben einen Schuh, der in einer Wolke von Spitzen tänzelte, und ahnte, was sein Gaukeln zu bedeuten habe. Als er sich stellte und mit der Schlägerklinge auf der Tischplatte das Zeichen zum Beginn des Kommerses 365 gab, neigte sich oben ein schöner Frauenkopf über die Brustwehr, und Hansens Ahnung ward zur Gewißheit. Alles, was nun an Gründen für und wider diese Frau im Laufe der Woche vereinzelt auf ihn eingedrungen war, stürmte nun vereint in hellen Haufen auf ihn zu und brachte ihn in namenlose Unsicherheit. Dazu in dem Engelsangesicht dieser Niobeblick, der immer zu sagen schien: Siehe, wie die Tage meiner Jugend einem Moloch geopfert werden, habe Mitleid mit mir und übertreibe nicht meine Schuld. Tantalus an seinen Felsen geschmiedet war weicher gebettet als ich im goldenen Käfig einer liebeleeren Ehe.

Bin ich denn gar so verwerflich, weil ich abseits von dem rauhen Pflaster, aus dem ich wallen muß, nach der Blume der Liebe suche? Hab' Erbarmen und kehr' zurück!

So redete eine Stimme in dem Jüngling lauter und lauter, und die Künstlerin Mitleid kam herbei und formte geschäftig die Gestalt der Gefallenen um, zu einer Märtyrerin mit frommem Dulderantlitz.

Hans, verloren in seine Grübeleien, vergaß seines Amtes zu walten und mußte sich von Ignaz Kaufmann den Zuruf gefallen lassen: »Schläfst du? Wenn nicht, so kommandiere doch den Kantus drei, hörst du nicht, daß die Musik die Weise vorspielt?«

Hans fuhr auf; er hatte in der Tat nichts gehört. Kantus drei, war das nicht das Schwurlied? Und gerade in diesem Augenblick dies ernste, feierliche Lied. Hans floh aus dem Saal. Draußen in der Nacht der Bäume verbarg er sich und seine wiedererwachten Selbstanklagen 366 an einer Stelle, zu der nicht mehr der blendende Glanz des lichtstrahlenden Festsaales zu dringen vermochte. Sein sonst so stolz getragener Rumpf lehnte müde an dem glatten Stamm einer Weißtanne, als ob er sich nicht selber zu halten vermöchte. Der ganze Mann schien kleiner als er war. Das bittere Empfinden, daß sein Fehl ihn ausschloß von diesem Liede, drückte ihn zusammen. O, daß er nicht nötig hätte zu erröten bei den Worten dieses Liedes. Daß er noch harmlos aller Welt kühn ins Auge hätte sehen können, wie einer dieser Füchse, die da drinnen im Festsaal zu singen begannen:

»Schwört's bei dieser blanken Wehre,
Schwört's ihr Burschen allzumal:
Fleckenrein sei unsre Ehre
Wie ein Schild aus lichtem Stahl.
Was wir schwören sei gehalten,
Treu bis zu der letzten Ruh!
Hört's ihr Jungen, hört's ihr Alten,
Gott im Himmel, hör's auch du.«

Leise hatte Hans jedes Wort nachgesprochen, leise, ganz leise, nicht für die Jungen, nicht für die Alten und für Gott im Himmel erst recht nicht. Als Anklage gegen sich selbst sollte jede Silbe wie Scheidewasser auf einen goldenen Schild fallen und den Vorsatz eingraben: Einmal und nicht wieder.

Wie er so stand und mit der Stahlscheide des Schlägers an seiner Seite in den abgefallenen Tannennadeln wühlte, 367 schmiegte sich ein weicher Arm um seinen Nacken, und zarte, warme Wangen legten sich in sein Gesicht. Hans wußte, ohne aufzusehen, daß dies nur eine sein konnte, nur die, bei der seine Gedanken in Furcht halb und halb in Liebe weilten. Die er fliehen und doch wieder suchen wollte. Ihre körperliche Gegenwart genügte, um den schwachen Mann alle Gewalt über sich selber verlieren zu lassen, und so umarmte er wieder, was er eben noch weit von sich zu werfen beschlossen hatte.

»Du kommst am Montag wieder,« sagte die schöne Versucherin, als ihre Lippen sonst nichts zu schaffen hatten, und das Stückchen Fleischesschwäche, das seit Adams Zeiten in jedem seiner Nachkommen steckt, sagte: »Ja.«

Was sollte Hans anders sagen? Wenn ihn der Reiz des Weibes nicht zog, so stieß ihn die eiserne Faust der Notwendigkeit. Er mußte und wollte leben. Es sank die Schale, in der das Böse lag, tiefer und schnellte ihr Gegenüber hoch in die Luft, und nun ist es gleichgültig für den Leser, wie der Kommers endete, es muß ihm genügen, wenn er erfährt, daß Hans am Montag der folgenden Woche im Hause de Lerée seine Musikstunden wieder aufgenommen hat.

Zuweilen traf er die Gnädige, zuweilen nicht, ja es schien fast, als ob die gefallene Frau ihm aus dem Wege gehe. Flüchtig huschten ihre Tritte durch das Zimmer, tränenfeucht und scheu glitten ihre Blicke über Hansens Erscheinung hin. Ach, dies Glück im verstohlenen Winkel, wie viel Schmach und wie viel herbe Selbstanklagen hatte 368 es nicht über zwei Menschenherzen gebracht, und im Hintergrund aller Geschehnisse die aussichtslose Frage: Wie soll das enden?

Die Lösung kam schneller als die Schuldigen dachten, aber durch ein Wesen, dem Hans seit langem schon nicht traute. Die Blicke der Kammerkatze waren in der letzten Zeit immer zudringlicher geworden. Ihr Benehmen wurde herablassend kordial, und als sie eines Tages dem Hauslehrer den Schirm am Glasabschluß überreichte, versuchte sie Hansens Finger über dem Griffe festzuklemmen.

Seit diesem Augenblicke wußte der junge Mann, daß dies Wesen mit seinem Geheimnis Macht über ihn gewonnen habe, und er kannte auch den Preis, mit dem sich ihr Schweigen erkaufen ließ. Aber er war keiner von denen, die vor jeder Schürze knieen, die ohne zu lieben genießen können. Näher und bequemer hatte das blühende Fleisch jugendlicher Leiber schon nach ihm gelockt, und er war fest geblieben, wie sollte er dazu kommen, nach einem alten schon ergrauenden Katzenfell zu greifen. So endete eines Tages ein erneutes zudringliches Liebeswerben des Rätsels mit einer schroffen Zurückweisung.

Nun erwachte in der Verschmähten das Weib mit dem Rachedurst einer Potiphar, mit der Grausamkeit einer Herodias.

Mochte ein Krokodilesrachen sich öffnen und zwei Menschenleiber zerkauen, dem in seinem Verlangen zurückgewiesenen Weibe war es einerlei. Der Anblick derer, die ihr im Wege stand, und dessen, der sie durch 369 sein Versagen geschändet hatte, war ihr unerträglich. Sie zählte die Stunden, bis der nach Hause kam, der das bequeme Werkzeug ihres Rachedurstes werden konnte, und ihre Zunge stach mit Wollust das Gift in sein Ohr.

Es war übrigens keine allzuschwere Sache, zwei Menschen auseinanderzubringen, die innerlich noch in keinem Augenblick ihres Lebens zusammengehört hatten. Während der Hopfenchrist seinen Kopf ins Blaurote hinein tobte und mit den Füßen wie ein Nilpferd dammerte, brachte Frau de Lerée auf flüchtigen Sohlen die Marmortreppe hinter sich und verlor sich unter den Müßiggängern, die zwischen Tag und Dunkel luftschnappend die Straßen füllten. Noch brannte keine Laterne. Die Flüchtige war für keinen der Begegnenden mehr als ein Weib, und sie kam unbeachtet vor die Pumpe und über die Schwelle zu Hansens Wohnung. Erst ihr weicher, schüchterner Tritt erregte die Aufmerksamkeit der zwei Alten im Erdgeschoß.

»Mutter,« sagte die Tochter im gesetzten Alter zu der ruhigen Witwe, »er wird doch nicht?«

»Seien wir auf der Hut. Ganz zu trauen ist keinem Studenten, und unser Haus soll ehrlich bleiben.«

»Unterscheidest du nicht, Mutter, neben seinen Reiterstiefeln die Sammetpfote einer blutsaugenden Katze über uns; und so was unter unserm Dache, nein, aber nein, was man nicht alles noch erleben muß.«

»Was werden die Leute sagen, wenn's herauskommt, und erst das Scheusal, die Lokomotivführerin, da neben uns?« sagte fromm die ruhige Witwe und holte einen 370 schweren Seufzer herauf aus den Tiefen ihres verletzten Bürgerstolzes.

»Jedenfalls werde ich kein Auge zudrücken, bevor sie, sie da, aus dem Hause ist, und wenn ich wachen muß, bis der Milchmann kommt,« jammerte händeringend die erbarmungswürdige Tochter im gesetzten Alter und schickte sich an, ihren »Tugendspiegel« zu ergreifen, um mit dem leidigen Satan, der unter ihrem Sparren weilte, im Gebete zu ringen.

Gar zu lange dauerte der erbärmliche Ringkampf nicht, denn alsbald hörte man oben die Türe schließen, und zwei Menschen kamen unsicheren Ganges die Treppe herunter.

»Reiß den Vorhang herunter, was liegt daran; wissen müssen wir, wer sie ist,« sagte die Alte, »schon brennen ja die Laternen vor dem Hause.«

Und in der Tat, so war's. Aber ein feiner Nebelregen hatte eingesetzt und schützte gnädig die arme Frau vor den unverschämten Blicken der Stumpfröcke an der Pumpe, nicht aber auch vor deren giftigen Zungen.

»Sieh da, Annemarei,« hörte die Fliehende sagen, »läuft da nicht Hans Höhrle und mit einer Halbseidenen aus dem Frankfurter Hirschgraben?«

»Jesu meine Zuversicht, so zu sinken. Kann denn so eine noch geneußlich sein, für so einen Burschen?«

»Er hätt' was Besseres haben können,« jammerte Stine. »Geh' Klär und reiß der Neusilbernen die Huddel vom Gesicht, kratz' ihr die Augen aus!«

So genoß Frau de Lerée auf dem Wege zum 371 Bahnhof den Kotwurf frommer Heuchler, und jener war nicht da, der allein sagen konnte: Nur wer von euch ohne Sünde ist, mag sich bücken und nach einem Steine suchen.

Wie glühende Lava brannte das Pflaster der winkligen Straßen unter den Sohlen der Fliehenden. Erst als der Dampf sie weit hinweg geschleppt hatte vom Tatort ihrer Schuld, wagten sie sich anzusehen und gelobten sich, an einem fernen, fremden Gestade ihren Fehl zu sühnen in ernster Zucht und strenger Arbeit. 372

 

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