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Die Mühle zu Husterloh

Adam Karrillon: Die Mühle zu Husterloh - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Mühle zu Husterloh
authorAdam Karrillon
year1906
firstpub1906
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Mühle zu Husterloh
pages380
created20120413
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29. Kapitel

Am anderen Morgen erweckte ihn ein Gespräch, das aus dem Lagerschuppen seines Onkels unter ihm zu kommen schien.

»O, du Leuchte in den Finsternissen, du Spieß der Gerechtigkeit, du Haubenlerche, die im Rathausspeicher nistet, sag' mir doch, Schnapskrüglein der Witwe von Sarepta, das nie leer wird, sag' mir von welchem Strauchdieb hast du mit Augenzudrücken das Geld verdient für deinen Morgentrunk? Hüte dich, Judas Ischariot! Wenn die Gerechtigkeit einmal hinter dir auf dunklen Pfaden hertappt, dann kannst du wieder mit dem Bettelsack statt des Spießes spazieren gehen.«

Dieser Stimme, der Stimme des Onkels, antwortete eine andere.

»O du Haberguck unter den Propheten, du Bannerträger der Faulheit, hättest du dein Geld so sauer und ehrlich verdienen müssen wie ich, du könntest an einem Reisigbesen Maß nehmen lassen zu deiner Hosentaille. Geh doch, Stückfaß, und bring ein Schnapsglas her, so groß wie dein Magen, aber platze nicht unter der Last. Ich 300 möchte nicht in der Nähe sein, wenn ein Pfuhlfaß berstet. Der Tod des Ertrinkens wäre mir gesichert und dem Ratsschreiber ein schwerer Tag, weil er deine Grabschrift umdichten müßte, des Umstandes wegen, daß dich der Tod bei einer Arbeit gefunden.«

Hans hörte, wie zwei Pantoffeln schlürften, und wie eine Kiste gerückt wurde, und schloß daraus, daß der Nachtwächter seinen Schnaps im Sitzen zu sich nehmen wolle. Dann war eine Zeitlang alles still. Mit einem Male schlürften die Pantoffeln wieder, und der Dialog nahm seinen Fortgang.

»Ei, da bist du ja wieder heil und ganz, du Fauler, du Lumpiger, und das Schnapsgläschen hat dich nicht in den Boden gedrückt? Ja, bei meiner Seele Seligkeit, ich bin ein ehrlicher Mann. Jeden Pfennig unrechten Gutes, den du bei mir findest, magst du auf die Ofenplatte legen, wenn meine Frau die Wäsche bügelt für die Gerichtsherrn von Husterloh, und ich schluck ihn dir glühend herunter. Aber wenn man bezahlt wird dafür, daß man bloß die Zunge im Maule hält? Sollte das ein Unrecht sein, so ist es doch leider die einzige Konjunktur, die im Berufe eines Nachtwächters möglich ist. Bezahlt werden für sein Maulhalten. Kann man mit noch weniger Arbeit sein Geld verdienen? Und wie leicht mir diese Mühe fällt! Ich kann schweigen, wie, na, wie denn? Nun wie ein Sargdeckel, der redet mit keinem Menschen ein Wort, nicht einmal mit dem, der unter ihm liegt.«

An dieser Stelle wurde ein Schnapsgläschen gefüllt mit grünem Wachtmeister hochgehoben, und sein Inhalt 301 verschwand unter einem vernehmlich glucksenden Geräusch. Dann ging die Belehrung weiter:

»Sieh, da ist im Alten Testament ein schwatzhafter Mann mit Namen Jesus Sirach oder so etwas, der sagt: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.« Hat der sich nun an das, was er predigt, gehalten. Nein, er hätte dann seine unnötige Weisheit bei sich behalten. Leute, wie ich, die schweigen können, haben sie nicht nötig, anderen nützt sie nichts. 's ist nicht zu sagen, was gerade die Propheten oft für Dummheiten machen. Siehst du, ich halte es mit meiner Arbeitgeberin der Nacht. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing. Diese schweigt und erzählt mir doch allerlei, was außer ihr und dem Himmel keiner gesehen hat. Läuft da nach Mitternacht ein Mann wider mich, dem vorher im Weltschirm da drüben ein schönes Kind auf den Knieen gesessen hat. Ich werde mich hüten zu sagen, wer's war.«

»Kerl,« sagt er, »kannst du schweigen?«

»Unverschämt,« sage ich, »und er drückt mir fünf harte Taler in die Hand. Dabei bleibt's, mehr sag ich nicht, und nun gehe, du Vorstand aller Faultiere, und bring die Flasche her, damit du dir die Beine nicht zur sehr abläufst. Ich habe für eine Woche im voraus Geld verdient, also kann ich auch für eine Woche im voraus trinken.«

Onkel Schütteldich ging und mischte eine stärkere Sorte unter den grünen Wachtmeister. »Voll wird er doch,« dachte er, »er quatscht sich schneller aus, und ich gewinne Zeit. ›Wer nicht arbeiten will, muß sparen,‹ sagt ein altes Wort. Ich tue das letztere, obwohl ich nicht weiß, was 302 ich mit der gesparten Zeit anfangen soll. Aber immerhin, man soll die Weisheit der Sprüche ehren, schon um deswillen, weil man sich verspätete Vorwürfe spart.«

Als der Nachtwächter nun erst das Klappern der Pantoffelabsätze wieder hörte, fuhr er fort:

»Dienstgeheimnis, für wen ist ein Dienstgeheimnis? Nur für Leute, die nicht schweigen können. Ich, meinerseits, ich brauche keines. Wirst du mir glauben, daß ich schon seit vierzehn Tagen weiß, was im Weltschirm vorgeht, und daß ich kein Sterbenswörtlein davon gesprochen habe? Geht dir da drüben zwei Wochen zurück, Nachts zwischen elf und zwölf ein Familiengewitter nieder, in welchem der alte Pfahlbauer Strohstühle durch die Luft wirft wie Donnerkeile. Du weißt, ich lausche nicht, aber wer kann sagen, er habe gelauscht um den Donner nicht zu überhören? Auch kann ich stehen, wo ich will, wenn ich nur kein Verkehrshindernis bin. Na also ich stehe und habe meine Ohren bei mir und höre zwischen dem Klirren zerschlagener Weinflaschen das Gebrüll des Alten: ›An dem Buben hängt sie, dem verdorbenen, der seinen Vater an den Bettelstab bringt. Im Leben wird aus dem nichts. Wer mit der blanken Waffe das Leben seiner Mitmenschen bedroht, der ist schon gar kein Christ mehr, hat der Pfarrer gesagt.‹ Klirr, da flog eine Flasche in die Ecke, ›und das sag ich auch und sag's zweimal,‹ klirr, klirr da flogen zwei andere nach.

»Na, denk ich, der Narr wird doch keine vollen Flaschen wegwerfen, werde neugierig, roll einen Stein ans Fenster und streck' mich, und was seh' ich durch den Vorhangsspalt? 303 Drinnen steht der Pfahlbauer hemdärmelig, wie ein Apostel, hinterm Büfett und schlägt leere Sodawasserflaschen zusammen, daß die Scherben gefährlich durchs Zimmer fliegen. Am Tisch aber sitzt Agnes und ihre Mutter, sie haben die Schürzen vorm Gesicht und weinen wie eine Dachtraufe im Novemberregen. Das rührt aber den Alten nicht. Jetzt schlägt er zur Abwechslung Sauerwasserkrüge kaput, dann stellt er sich auf den Scherbenhaufen, damit er imponierender aussehe, und nun donnert er los: ›So nu, wenn jetzt die Liebelei mit dem Studentenbuben kein Ende nimmt, und die Agnes nimmt den Schrot nicht mit sei'm vielen Geld, dann nimm ich mir's Leben, – den Strick hab ich, und ihr alle am Hals, daß ihr's wißt, seitdem ich nämlich an der vermaledeieten Spielbank war, – oder ich fangs Saufen an.‹

»Na, denk ich, das letztere brauchst nit mal erst anzufangen und geh von meinem Stein runter. Jetzt siehst, daß unsereiner was weiß und daß man's bei sich behalten kann! Von mir erfährt kein Mensch was.«

Und er hob zur Bekräftigung seiner Worte das Schnapsgläschen und, glucks, war sein Inhalt über den Kehldeckel hinweggerutscht.

Über eine Weile und er fing an zu singen:

»Zu Bette ging die schöne Maid und wollt' sich eben lausen,
Ihr blonder Schatz stand draußen.«

Damit war des Biedermanns Bedarf an gereimter Literatur gedeckt, oder er hörte auf zu singen, weil er noch einen Stein auf dem Herzen hatte, den er abladen wollte.

304 »Du, Schütteldich,« sagte er lüstern und lehnte seinen Kopf vertraulich an dessen Busen, »Schütteldich, als der Pfahlbauer heute Nacht an der Treppe verschwand, war es zwölf Uhr. Im zweiten Stock wurde ein Fenster hell, dann erlosch das Licht oben, unten aber auch. Nun sag' mir doch, was können zwei Menschen im Dunkeln treiben, zwei Stunden lang, denn als der Schrot wider mich lief, hatte mein Kuhhorn die zweite Morgenstunde verkündet.«

»Man kann im Dunkeln Garn wickeln, oder einen Rosenkranz beten,« sagte Schütteldich.

»Recht so, Rosenkranz beten,« lachte der Nachtwächter, »die Gegrüßet seist du Maria läßt man unter Küssen durch die Finger laufen. Beim Vaterunser überspringt man die sechste Bitte. Siehst du, Schütteldich, so war's früher, so wird's noch heute sein. Schade, daß wir alt geworden sind. Aber, was kümmert mich das Treiben der Jungen? Ich bin bezahlt dafür, daß ich meine Zunge hüte, und das tue ich. Von mir erfährt keine Menschenseele das Geringste.«

Und in der Tat, jetzt schwieg er, und alles um ihn her, bis ein eiserner Spieß dröhnend zur Erde fiel und ein phänomenales Schnarchen verriet, daß der Mann, der die gefährliche Wehr zum Zeichen seiner Würde trug, eingeschlafen war.

Hans Höhrle hatte auch die Pantoffeln des Onkels Schütteldich von dannen schleifen hören und wußte, daß von da unten nichts weiter zu erwarten sei. Es dauerte eine Weile, bis er die Bruchstücke des Gehörten wie Mosaiksteine 305 zu einem traurigen Gesamtbilde zusammensetzen konnte. Da, als er das Ganze in seinen Ursachen und Wirkungen überblickte, faßte ihn eine finstere Wut, und während er sein Gesicht in die Kissen vergrub, tastete seine Faust an der Wand hin, dorthin, wo im Alkoven der Universitätsstadt seine Waffen hingen. Es wäre ihm leichter geworden, viel leichter, wenn seine Finger in dem Korb des Säbels wühlen, seine Klinge umfassen konnten, sie, die einzige Freundin, die er bitten durfte, seine Schmach zu rächen. Ach, die Quarten, die Terzen alle, die sein starker Arm hinausschickte, um Leute zu verwunden, die ihm gleichgültig waren, hier wären sie wie ein Hagelwetter vernichtend auf einen Boden niedergefallen, der ein Gottesgericht verdiente. Wie schade, daß dieser Schrot zu platt war, als daß man ihn zerdrücken konnte! Hans quälte sein armes Gehirn, was er tun, was er lassen könne, um diesen hergelaufenen Glücksritter zu bestrafen.

Was immer er denken, was immer er ausbrüten mochte, allem hing der Fluch der Lächerlichkeit an, und er sah ein, daß der Mann, vernichtet und zertreten, nur eben stinken würde wie eine zerquetschte Feldwanze.

Aber hing die ganze Schuld an ihm? Konnte, durfte Agnes so nachgiebig sein? Bei diesem Gedanken zog ein trüber Pessimismus in seine Seele ein. Pfui über die Weiber und ihre käuflichen Werte! Warum war er so töricht und übersah den schmachtenden Duft all' der Gänseblümchen, die in der Universitätsstadt vor seinem Fenster an der Pumpe blühten, einer Rose zu liebe, von der er sich 306 eingebildet hatte, daß sie der Himmel extra für ihn geschaffen habe. Wie schade um die versäumten Gelegenheiten! Hans wollte nicht mehr der Adler sein, der sein Nest in der Eiche baut. Er nahm sich vor, sich mit den Sperlingen ins gefällige Rohr zu setzen, das sich biegt, wenn einer kommt, und in den Sumpf sinkt, wenn's eben mehrere sind.

Als er erst einmal so weit war in seinem Gedankenspiel, war er auch aus dem Bette und in den Stiefeln drinnen. Die belebende Kühle des Waschwassers vollends half ihm den Wirrwarr des Für und Gegen in seinem Kopfe zu ordnen. Schlag fünf Uhr stand er, ein aufrechter Mann, zu jedem Opfer bereit, vor dem Onkel, der ihn mit einem seltsam weichen Gesichtsausdruck lauernd musterte.

Holofernes hatte mit der Pfote die Klinke niedergedrückt und war eben daran, mit dem breiten Keil seines Kopfes im Türspalt Platz zu schaffen für seine mächtigen Schultern, als Onkel Schütteldich nach seinem Halsband griff und ihn schonend zurückzog.

»Laß ihn da,« bat er, »es sind genug Mäuler an der Krippe.«

Hans fing einen traurigen Scheideblick des Hundes auf und trat hinaus in das erste Entwicklungsstadium des jungen Tages. Die Luft regte sich nicht. Sie wollte die Sonne nicht wecken, die Grausame, die gestern so unbarmherzig gebrannt hatte. Die Vögel schwiegen, aber es war ein hastiges Kommen und Gehen vom und zum Nest. Die Alten hatten es eilig, die Bedürfnisse des Haushaltes herbeizuschaffen, bevor die flimmernde Luft das Auge 307 blendete und den Flug erschwerte. Der Bach war mager geworden und müde. In Tümpeln unter dem Erlengebüsche ruhte er sich aus, bevor er durch Kiesel und Felsblöcke seine dünnen Seidenbänder weiterschob.

Hans war ruhiger geworden. Die absolute Bewegungslosigkeit, die ihn umgab, senkte ihren Frieden mit suggestiver Kraft in seine Seele. Drüben, da, wo das Grün des Wiesenteppichs, vom Walde überschattet und beschützt, satter wurde und fast schwarz, lag sein Elternhaus. Ein dünner Rauch, wie er der Glut des Reisigfeuers entsteigt, kam aus dem Schornstein, blieb in der Luft stehen und bildete bedeutungsvolle Frage- und Ausrufezeichen. Daß die Mühle nicht ging, war ein Umstand, der die Morgenstille ins Ängstliche steigerte.

Hans kam näher und sah den Bastian unter dem Wetterdach auf der Schnitzbank sitzen. Ein großer, blauer Lappen, der, ohne nach der Farbenwirkung zu fragen, sich auf der Schulter seines Wamses breit machte, redete eine Sprache, die zwar höflicher, aber nicht minder eindringlich war als das, was die Besitzerin des »Weißen Elefanten« gestern geredet hatte. Bastian legte den Rechenstiel beiseite, den er mit der Schärfe des Schnitzmessers geglättet hatte, erhob sich und streckte dem jungen Herrn die breite, knochige Hand entgegen, die im Dienste des Hauses Höhrle hart geworden war und sich anfühlte, als ob sie aus Nußbaumborke geschnitten wäre. Hans kannte diese Hand von Kindesbeinen auf, diese Hand, die ihm auf den Esel geholfen, diese Hand, die kratzte, wenn sie schmeicheln wollte, und vor der 308 er schon als Knabe seine Wange zu hüten wußte. Was hatte diese Hand an Werten errungen in einem langen Leben? Nichts, rein gar nichts. Nichts für sich und nichts für andere. Und heute ging es ganz ohne sie. – Sie zählte zu jenen tausenden von Händen, die überflüssig geworden sind durch die Kraft der Maschine. Wem fiel es im Betriebe von Groß und Moos ein, das Korn auf den Speicher zu tragen? Das besorgte ein Paternosterwerk durch ein halbes Dutzend von Stockwerken, und aus dem Silo lief es wie ein Ameisenvolk, Körnchen hinter Körnchen über die Walzen der Mahlgänge.

Baschel war wie ein Torso aus einer untergegangenen Kulturepoche. Er zählte nur noch als Konsument und dazu noch an einer Stelle, wo wenig mehr zu konsumieren war. Das fühlte er schon lange und das fühlte er jetzt wieder, wo er in das jugendfrische Gesicht des Studenten sah, und eine verlegene Röte kroch unter dem Mehlstaub seines alten Gesichtes vom Kinn bis zur Stirne. Ihm war's, als ob er sich entschuldigen müsse, daß er noch im Hause, noch am Leben sei, aber er brachte kein Wort hervor. Ein »Grüß Gott!« war alles, was die zwei sich zu sagen hatten.

Hans stieg die Treppe empor, Baschel langte nach seinem Schnitzmesser und neigte das Haupt mit einem schweren Gedanken: »Einen Dienst willst du wohl dem Hause Höhrle noch leisten,« und tastend griff er in die Tasche seines Wamses, um sich zu überzeugen, ob ihm die Schweden nicht davongelaufen seien.

309 Die Diele des Hausflurs, die unter Hansens Füßen knarrte, rief Suse an die Küchentür.

»Bist du allein gekommen?« war ihr erstes Wort! »Hast du den Vater nicht gesehen, nicht auf der Eisenbahn, nicht in dem Kirchdorf? Drei Tage schon ist er fort. Heinz Wohlgemuth hat gleichfalls Geld gewonnen. Vater hat dessen Stiefel angezogen, weil er denkt, das bringt Glück, und ist fort. Nun sitz ich hier und harre, harre die langen Nächte in dem stillen, stillen Hause. Ach, Hans, wie unheimlich schreit das Käuzchen aus der Bodenluke. Das bedeutet nichts Gutes, und heute Nacht hat unsere Kuh sich losgerissen und stand am Morgen bei Mordche Rimbach im Grasgarten.«

Noch hielt sie die Hand ihres Bruders in ihren Fingern und sie zog ihn hinter sich her ins Zimmer ohne ihn anzusehen. Ihr Blick irrte durch die trüben Fensterscheiben auf die Chaussee hinüber. Dort, wo diese aus dem Walde heraustrat, dort suchte sie etwas. Ihr scharfes Auge entdeckte unter den Zweigen eine Bewegung und belebte sich. Das konnte der Vater sein. Doch er war es nicht. Es war ein Weib, das ein Reisigbündel auf dem Kopfe trug. »Hans,« sagte sie enttäuscht, »mir ist so bang, wenn er nur wieder kommt. Velten Kainz ist gegangen, und sie haben ihn in Lindenbronn aus dem Teich gezogen. Martin Brand setzte sich auf die Spitze des Kanterfelsens und jagte sich eine Kugel in den Kopf. In Fetzen gerissen las man seinen Leib von den Steinen herunter. Nicht jeder gewinnt, nicht jeder. Ach, Hans, was wirst du erfahren 310 müssen! Auch der Wirt zum Weltschirm hat verloren, und nun will er mit dem Golde eines Schwiegersohnes den Gerichtsvollzieher von der Schwelle weisen; ach, Hans, ach Hans!«

»Ach, Hans,« sagte Suse seufzend, »manch einer verliert sein Geld in diesem Wirbelsturm des Wahnsinns, der unser Tal durchtobt, mancher noch Besseres, alle aber den Glauben, daß es noch einen Gott gibt, dem unser Wohl und Wehe am Herzen liegt. Hans, was auch kommen mag, sei du stark und trage deinen Verlust im Konkurs des Dorfes Husterloh mit Würde. Viel müßte ich dir sagen, wenn ich es wagen dürfte, ganz offen gegen dich zu sein.«

»Mehr als ich weiß, kann ich von dir nicht mehr hören, Schwester, und deutlicher, als ich sie gehört habe, kann dein Mund die Wahrheit nicht predigen: Daß das Weib eine Ware ist, dem ausgefolgert, der sie am besten bezahlen kann. Laß uns schweigen, Schwester.«

Eine Weile saßen sich die Geschwister lautlos gegenüber. Es war so still. Nur der Perpendikelschlag der Uhr verkündete, daß die teilnahmslose Zeit mit unermüdlichen Sekundenschritten durch Jahrtausende schreitet. Was bedeutet im Kommen und Gehen der Jahrmillionen ein vernichtet Menschenglück?

Suse erinnerte sich ihrer häuslichen Pflichten und eilte der Küche zu. Bald stand die Suppe auf dem Tisch. Auch Baschel erschien und nahm mit einer linkischen Verbeugung Platz. Zu Mutters Lebzeiten war das anders 311 gewesen. Die stolze Frau zog einen scharfen Strich zwischen Herrschaft und Dienerschaft. Aber nun war beides zusammengeweht wie Stroh und Reisig, wenn der Sturm haust. Die traurigen Reste des alten Glanzes konnte man auf einen Spaten kehren und zum Müllhaufen tragen. In dem großen Schiffbruch saß Kapitän und Matrose auf einer Planke. Die nächste Welle, die kam, konnte beide verschlingen. So aßen die drei ihr Brot gemeinsam, tranken aus dem gleichen Wasserkrug und hatten den gleichen ängstlichen Gedanken: »Wie wird Vater Höhrle aussehen, wenn er wiederkommt?«

Der Tag verstrich, ohne daß irgendwer das einsame Haus betreten hatte. Zu holen war nichts mehr, und bringen mochte keiner etwas. Auf den Vater hatte man vergebens gewartet. Sein karges Essen war mit dem niederbrennenden Herdfeuer kalt geworden und unansehnlich wie eine Katzenmahlzeit. Der Abend kam und führte den Sebastian Stallmann heraus in die Stube zu den Geschwistern.

»Bald werden wir ins Dorf gehen und den Postwagen erwarten, zwei Stunden noch,« sagte er kurz und ließ sich auf einen Stuhl neben dem Uhrkasten nieder, während sein Auge das Zifferblatt um Rat fragte. Sonst pflegte der Mühlbaschel um diese Stunde zu rauchen, heute tat er es nicht. Vielleicht, daß es ihm an Tabak fehlte, vielleicht auch, daß er mit irgend einem Entschlusse rang, der ihm die Freude an diesem seinem letzten Lebensgenuß vergällte.

312 Längst war es dunkel. Zweimal schon hatte das Kuhhorn des Nachtwächters die Hunde geweckt, da reckte sich Baschel und blinzelte nach der Schwarzwälderin. »Es wird Zeit,« sagte er, und alle drei machten sich auf den Weg. Sie gingen, wie man zu einem Examen geht, zu einer richterlichen Entscheidung über Mein und Dein, die Herzen in der Klemme, das Fünkchen Hoffnung kläglich schwelend unter der Asche der Verzagtheit.

Man kam vor der Posthalterei an. Nur wenig Vorkehrungen waren getroffen, den Wagen zu empfangen. Eine Laterne, die an einem Nagel hing, beleuchtete die Aufschrift: Kaiserliches Postamt, und der Apotheker lief in Schlafrock und Pantoffeln herum und wartete auf die Abendzeitung aus der Residenz.

Das war nun nicht der Zuschauer, nach dem man geschickt hätte, wenn er nicht schon dagewesen wäre. Der Apotheker war eine grätige Natur. Man mußte ihn mit Vorsicht genießen, wie einen Weißfisch. Aber selbst wer dies tat und schon dachte, daß er ihn halb verdaut hätte, merkte nachträglich, daß ihn etwas im Schlunde kitzelte. Er war wie seine Pillen mit etwas Zucker überzogen, aber die Kandierung war nicht dicht genug, und das bittere Aloe machte sich den Geschmacksnerven störend bemerkbar. Selbst sein Altruismus und sein Mitleid waren vergiftet mit dem Strychnin einer boshaften Schadenfreude. Ohne eine hämische Bemerkung hätte er unsere Freunde nicht begrüßen können. Das wußten die drei, und deshalb versteckten sie sich an der Peripherie des 313 Laternenlichtkreises zwischen den Häusern, obwohl man schon die Achsen des Postwagens auf dem Pflaster schlagen hörte.

Die Pferde begrüßten die Aufschrift: Kaiserliches Postamt mit untertänigst ergebenem Wiehern und hielten still. Diensteifrig, als ob er sich ein Trinkgeld verdienen wolle, öffnete der neugierige Handlanger Äskulaps den Kutschenschlag. Sein Lohn bestand in einem Fußtritt auf eines seiner vielen Hühneraugen.

»Verfluchter Pferdehuf,« stieß er zwischen den Zähnen hervor und wankte zurück.

Der Mann, der ihn getreten hatte, schien kein Bewußtsein zu haben von dem, was er tat. Wie einer, der von einer Reitschule heruntergesprungen ist, kreiste er ein paarmal um sich selber und lief dann in einer falschen Richtung geradeaus.

»Gerechter Himmel, der Vater,« schrie Suse auf, und Hans und Bastian stürmten vor, um den Mann einzufangen, der einem Schlafwandler ähnlich vorwärts torkelte.

»Betrunken ist er oder verrückt,« bemerkte zartfühlend der Apotheker, der drüben, an die Mauer gelehnt, sich bückte, um durch den Plüschpantoffel hindurch seine mißhandelten Hühneraugen zu massieren.

»Hierher, hierhinaus geht der Weg nach unserer Mühle,« flüsterte Bastian und faßte seinen Herrn bei der Schulter.

»Ganz gewiß,« pflichtete der Apotheker bei, »da hinaus geht der Weg nach der Mühle, an der du und 314 Vater Höhrle soviel Anteil habt, wie der Teufel am Himmelreich. Da hinaus, da hinaus, besinnt euch doch, Männer! Euere Esel fanden den Weg im Dunkeln, eine Zeitlang euere Pferde auch, und nun scheint's gar, als ob ihr selber ihn nicht finden könntet. Haltet ein Streichholz an den Alkohol in eurem Magen, Vater Höhrle, er wird ausreichen, euch den Weg zu beleuchten!«

Jetzt riß dem Mühlbaschel die Geduld.

»Mach daß du fortkommst, du Brechmittel,« brüllte er den Apotheker an, »oder ich quetsche dich, bis alle Katzen des Kirchspiels sich zu deinen Füßen wälzen, weil deine Hühneraugen Baldriantropfen weinen,« und er reckte seine gewaltige Rechte nach der Gurgel des Apothekers.

Mit einem Satz war dieser der Gefahr entronnen und in der Postkutsche geborgen, deren Verschlag hinter ihm zuklappte.

»Nun bin ich auf fiskalischem Gebiet,« rief er durchs Fenster, »wer Zeit hat, ein Vierteljahr zu sitzen, der mag mich hier angreifen.«

Der Postknecht hatte indessen die Briefe und Wertsachen abgeliefert, und die Pferde zogen den fiskalischen Kasten mitsamt seinem Insassen unter das weitausladende Dach der Scheune, auf deren Tenne der Apotheker es wieder wagte, auf das Niveau anderer Leute herunterzusteigen und seiner hochgespannten Neugier ein Ventil zu öffnen.

»Wo hast du den Höhrle aufgelesen, Postphilipp?«

315 »Hm! er saß auf dem Brückengeländer der Weschnitz wie einer, der so viel Wasser trinken will, daß er seinen Durst für immer stillt.«

»Hast du ihn angerufen, oder er dich?«

»Ich ihn, weil er gar so elend aussah. Bezahlt hat er nicht.«

Philipp halfterte die Pferde ab.

»Dann hat er sein Geld an der Bank gelassen, das Geld für den Wald, das ihm Mordche Rimbach ausbezahlte. Gut, daß man hinter die Schliche solcher Leute kommt. Was sollte aus dem Vorschußverein von Husterloh werden, wenn er nicht wenigstens einen Mann von meiner Umsicht im Aufsichtsrat hätte, der beobachten, ja beobachten und bis Mitternacht wachen kann.«

So sprach der Apotheker mit selbstgefälliger Betonung, hüllte sich in seinen Schlafrock und in seine Würde als mehrfacher Aufsichtsrat und strebte seinem Hause zu.

Die Nacht über schlief der betriebsame Herr auf seiner Neuigkeit wie auf einem Prokrustesbett, und als der Hahn krähte, stand er auf und streute sein Wissen nebst einer Handvoll Kornabfällen zunächst in den Hühnerstall. Der Hahn kollerte und tat sehr überrascht, vergaß aber gleichwohl nicht, sich aus der gemeinsamen Mahlzeit das Beste auszulesen. Der Apotheker, ärgerlich darüber, daß seine Mitbürger verschlafene Hühner seien, sah die leere Straße auf und ab. Er entdeckte endlich den Barbier auf seinen Gängen von Stube zu Stube, den Bäcker vor seinem Ofen, die Mägde am Brunnen, und alle wußten nach wenig 316 Augenblicken, was er wußte. Sein mit gut geheucheltem Mitleid vorgetragener Sermon von den Verlusten des Vater Höhrle an der Bank, seinem Versuche, die Weschnitz in seinen Magen zu leiten, seiner Drehkrankheit vor der Postkutsche, war reichlich durchsetzt mit Pfandeinträgen, Real-, Brief- und Sicherheitshypotheken und erzielte ausreichend seinen Zweck, den Kredit des Hauses Höhrle, soweit es noch möglich war, zu untergraben. Zu Rauschkolb lief der Apotheker, die zwei zu einem dritten usw., bis das Siebengestirn des Vorschußvereins-Aufsichtsrats in den geschmierten Stiefeln und bei Onkel Schütteldich zu geheimer Sitzung versammelt war. Vor dieser heiligen Zahl ehrenwerter Männer und vor einem, der wohl Sitz aber keine Stimme hatte, entrollte der Apotheker ein Bild von Soll und Haben des Hauses Höhrle mit Übertreibungen und Faustschlägen auf den Tisch, bis der eine gerade, der statutengemäß nicht mit zu reden hatte, die Sache dick bekam. Holofernes nämlich, angeekelt von der Patzigkeit des Wortführers, stürzte vor und riß dem schreckerstarrten Pillenfabrikanten das Vorhemd mitsamt dem Papierkragen von der Männerbrust.

»Willst du, infamigter Hundsknochen,« schrie Onkel Schütteldich und warf seinen Stiefelzieher nach dem Tier. Holofernes wollte allerdings, aber mehr noch, als er schon hatte. Empört über die gemeinen Schimpfworte, an die er nicht gewöhnt war, griff er noch zweimal mit den Zähnen zu und schälte den Pillendreher so annähernd aus der Weste und dem Jägerhemd heraus. 317

O, Holofernes, bester aller Hunde, was Menschenhabsucht und Bosheit noch weiter am Hause Höhrle sündigen mögen, nimm du Dank für den Versuch, den du gewagt hast, einen von der Sorte zu richten, die aus den trüben Stunden anderer sich einen heiteren Tag herzurichten verstehen. 318

 

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