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Die Möwe

Anton Tschechow: Die Möwe - Kapitel 2
Quellenangabe
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typedrama
authorAnton Tschechow
titleDie Möwe
publisher
firstpub1896
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
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Erster Aufzug

 

Park auf dem Landgut Ssorins. Eine breite Allee, die vom Zuschauer aus in die Tiefe des Parkes zu einem See führt und durch eine improvisierte Liebhaberbühne so verbaut ist, dass man den See nicht sieht. Links und rechts von dieser Bühne Gebüsch. Ein paar Stühle, ein Tischchen.

Die Sonne ist eben untergegangen Auf der Bühne, hinter dem herabgelassenen Vorhang, Jakow und andere Arbeiter; man hört ihr Husten und ihr Klopfen. Mascha und Medwjedenko kommen von links, von einem Spaziergang.

 

Medwjedenko: Warum gehen Sie immer in Schwarz?

Mascha: Ich trauere um mein verlorenes Dasein. Ich bin unglücklich.

Medwjedenko: Warum? Nachdenklich. Ich verstehe das nicht … Sie sind gesund, Ihr Vater ist zwar kein reicher Mann, aber doch nicht unbemittelt. Ich hab's weit schwerer als Sie. Ich bekomme monatlich ganze dreiundzwanzig Rubel Gehalt, wovon noch die Pensionsabzüge abgehen, und dennoch trage ich keine Trauer.

Mascha: Es kommt nicht aufs Geld an. Auch ein Bettler kann glücklich sein.

Medwjedenko: In der Theorie vielleicht, in der Praxis liegt die Sache aber so, daß fünf Personen von den dreiundzwanzig Rubeln leben sollen: ich, meine Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder. Man will essen und trinken, man braucht Tee und Zucker, man braucht Tabak – da heißt es sich drehen und winden!

Mascha blickt nach der Bühne: Die Vorstellung wird gleich beginnen.

Medwjedenko: Ja. Die Sarjetschnaja spielt, und das Stück ist von Konstantin Gawrilowitsch. Sie sind ineinander verliebt, und heut werden ihre Seelen sich in dem Streben vereinigen, dasselbe künstlerische Gebilde zu gestalten. Und unsere Seelen haben keine gemeinsamen Berührungspunkte. Ich liebe Sie, ich kann es vor Sehnsucht zu Hause nicht aushalten, laufe Tag für Tag sechs Werst hin und sechs Werst zurück, um Sie zu sehen – und begegne bei Ihnen stets derselben Gleichgültigkeit. Das ist wohl zu verstehen – ich bin mittellos, hab' eine große Familie … einen Menschen, der selbst nichts zu beißen hat, heiratet man doch nicht …

Mascha: Unsinn. Sie nimmt eine Prise. Ihre Liebe rührt mich, aber ich kann sie nicht erwidern, das ist's. Reicht ihm die Schnupftabakdose. Bitte!

Medwjedenko lehnt ab: Ich danke.

Pause.

 

Mascha: Es ist schwül – 's wird wohl in der Nacht ein Gewitter gebe. Sie philosophieren immer oder reden von Geld. Nach Ihrer Meinung gibt's kein größeres Unglück als die Armut, nach meiner Meinung aber ist's tausendmal leichter, in Lumpen zu gehen und zu betteln, als … Doch das verstehen Sie nicht.

Ssorin und Treplew kommen von rechts.

Ssorin stützt sich auf seinen Stock: Ich fühl' mich einmal nicht wohl auf dem Lande, mein Lieber, und ich glaube, ich werde mich nie hier einleben. Gestern ging ich um zehn Uhr zu Bett, und heut morgen bin ich um neun Uhr aufgewacht, mit einem Gefühl, als klebte mir vom langen Schlafen das Hirn am Schädel fest – und so! Lacht. Nach Tisch bin ich unversehens wieder eingeschlafen, und jetzt bin ich ganz zerschlagen, habe Alpdrücken, am Ende …

Treplew: Du mußt eben in der Stadt wohnen, Onkel.

Er erblickt Mascha und Medwjedenko.

Meine Herrschaften, wenn's anfängt, wird man sie rufen! Jetzt dürfen Sie nicht hier sein – bitte, gehen Sie!

Ssorin zu Mascha: Marja Iljinitschna, sagen Sie doch, bitte, Ihrem Papa, er möchte anordnen, daß man den Hund von der Leine läßt, sonst heult er. Meine Schwester hat wieder die ganze Nacht nicht geschlafen.

Mascha: Sagen Sie's meinem Vater doch selbst, ich tu's nicht. Erlassen Sie mir's bitte. Zu Medwjedenko: Kommen Sie!

Medwjedenko zu Treplew: Also, wenn's anfängt. Lassen Sie's uns sagen.

Beide ab.

Ssorin: Der Hund wird also wieder die ganze Nacht heulen. Das ist's ja eben: nie konnte ich auf meinem Gute so leben, wie ich wollte. Da nahm man vier Wochen Urlaub, um auszuruhen und so – und hier setzten sie einem mit allen möglichen Dummheiten so zu, daß man am liebsten am ersten Tage wieder abgefahren wäre. Lacht.> Ich war immer froh, wenn ich von hier wegkam … Jetzt bin ich verabschiedet – weiß nicht, wohin am Ende … Da heißt es dableiben, ob man will oder nicht …

Jakow zu Trepljew: Wir gehen jetzt baden, Konstantin Gawrilowitsch.

Treplew: Gut, aber in zehn Minuten müßt ihr auf euren Posten sein. Er sieht nach der Uhr. Es geht bald los.

Jakow: Jawohl, gnädiger Herr. Ab.

Treplew läßt seinen Blick über die Bühne schweifen: Da hätten wir also unser Theater. Der Vorhang, dann die erste Kulisse, dann die zweite und dann der leere Raum. Gar keine Dekoration. Der Blick geht direkt nach dem See und dem Horizont. Punkt halb neun, wenn der Mond aufgeht, hebt sich der Vorhang.

Ssorin: Prachtvoll.

Treplew: Wenn die Sarjetschnaja zu spät kommt, ist natürlich der ganze Effekt verloren. Sie müßte eigentlich schon hier sein – aber Vater und Stiefmutter bewachen sie, und sie kann schwer loskommen, wie aus einem Gefängnis.

Zieht dem Onkel die Krawatte zurecht.

Dein Haar ist ganz zerzaust und auch der Bart … Müßtest mal zum Friseur gehen …

Ssorin kämmt sich den Bart: Das ist die Tragödie meines Lebens. Hab' auch als junger Mann immer so ausgesehen, als wenn ich immer betrunken wäre. Die Frauen haben mich nie gern gehabt. Setzt sich. Sag mal – warum ist meine Schwester so schlecht gelaunt?

Treplew: Warum? Sie langweilt sich. Setzt sich neben Ssorin. Und
dann ist sie eifersüchtig. Sie ist aufgebracht gegen mich und gegen diese Vorstellung und gegen mein Stück, nur weil nicht sie darin spielt, sondern die Sarjetschnaja. Sie kennt mein Stück noch gar nicht – und haßt es schon.

Ssorin lacht: Was du dir alles einbildest!

Treplew: Es verdrießt sie schon, daß hier auf dieser kleinen Bühne die Sarjetschnaja Erfolge haben wird und nicht sie.

Er sieht nach der Uhr.

Sie ist ein psychologisches Kuriosum, meine Mutter. Unstreitig sehr begabt und klug, über einem Buch kann sie bitterlich weinen; den ganzen Nekrassow kann sie auswendig, und am Krankenbett ist sie ein Engel; aber versuch mal, in ihrer Gegenwart die Duse zu rühmen! Oh! Nur sie allein soll man loben, nur von ihr schreiben, nur ihren Namen ausschreien, von ihrem unübertrefflichen Spiel in der »Kameliendame« oder im »Dunst des Lebens« entzückt sein, und weil sie hier, auf dem Lande, diesen Rausch entbehren muß, so langweilt sie sich, ist wütend – und wir alle sind natürlich ihre Feinde, wir alle sind daran schuld. Dann ist sie auch abergläubisch, erschrickt, wenn sie drei brennende Kerzen sieht, hat Angst vor der Zahl dreizehn. Und geizig ist sie – sie hat in Odessa siebzigtausend Rubel auf der Bank liegen, das weiß ich genau. Will man aber von ihr eine Kleinigkeit borgen – dann weint sie.

Ssorin: Du bildest dir ein, daß dein Stück der Mutter nicht gefällt, und regst dich darum so auf – und so. Beruhige dich. Deine Mutter vergöttert dich.

Treplew die Blättchen einer Blume abzupfend: Sie liebt mich – liebt mich – liebt mich nicht, liebt mich – liebt mich nicht. Lacht. Siehst du, meine Mutter liebt mich nicht. Kein Wunder: Sie will leben und lieben, sie will helle Kleider tragen – und ich, ihr Sohn, bin fünfundzwanzig Jahre alt, ich erinnere sie beständig daran, daß sie nicht mehr jung ist. Bin ich nicht da, dann zählt sie erst zweiunddreißig, in meiner Gegenwart aber ist sie dreiundvierzig. Darum haßt sie mich. Sie weiß auch, daß ich für das Theater nichts übrig habe. Sie

schwärmt für die Bühne, sie glaubt der Menschheit, der heiligen Kunst zu dienen, während ich das Theater von heut für Routine und Konvention halte. Wenn der Vorhang aufgeht und in dem Zimmer mit den drei Wänden diese großen Talente, diese Priester der heiligen Kunst dem Publikum im Rampenlicht vormachen, wie die Leute essen, trinken, lieben, umhergehen, ihre Röcke tragen; wenn sie aus banalen Bildern und Phrasen einen Moral herauszutüfteln suchen – eine kleinliche, vulgäre Moral für jedermanns Hausgebrauch, wenn sie mir in tausend Variationen immer und immer wieder dieselbe Kost servieren – dann möchte ich fortlaufen, weit. Weit weg, wie Maupassant vor dem Eiffelturm fortlief, dessen Banalität sein Hirn zu Boden drückte –

Ssorin: Wir können das Theater nicht entbehren.

Treplew: Dann muß es neue Formen annehmen. Wir brauchen neue Formen, und wenn sie nicht da sind – dann lieber gar nichts. Blickt auf die Uhr. Ich liebe meine Mutter, liebe sie sehr, aber sie führt ein unvernünftiges Leben, schleppt sich ewig mit diesem Belletristen herum, ihr Name wird immerfort durch die Zeitungen gezerrt – und das quält mich. Zuweilen regt sich in mir einfach der Egoismus eines gewöhnlichen Sterblichen; ich bedaure dann, daß meine Mutter eine bedeutende Schauspielerin ist, und es scheint mir, daß ich weit glücklicher sein würde, wenn sie eine einfache Frau wäre. Sag selber, Onkel: kann's eine fatalere, eine albernere Lage geben; da versammelten sich zuweilen bei ihr Künstler und Schriftsteller, lauter Berühmtheiten – und ich bin der einzige darunter, der gar nichts ist, der nur geduldet wird, weil ich ihr Sohn bin. Wer bin ich? Was bin ich? Als Student im dritten Semester habe ich die Universität verlassen müssen – unter Umständen, die, wie man zu sagen pflegt, von der Redaktion unabhängig waren; Talente sind mir nicht gegeben, Geld hab' ich nicht, und laut meinem Paß bin ich ein simpler Kleinbürger aus Kiew, wie mein Vater, der übrigens auch ein ganz tüchtiger Schauspieler war. Wenn nun in Mamas Salon diese berühmten Künstler und Schriftsteller sich wirklich einmal

gnädig zu mir herabließen, dann war's mir immer, als wollten sie mit ihren Blicken meine ganze Erbärmlichkeit ermessen – und ich erriet ihre Gedanken und litt unter dieser Demütigung – –

Ssorin: Sag doch mal, bitte – was ist dieser Belletrist für ein Mensch? Ich werde nicht klug aus ihm. Er ist so schweigsam.

Treplew: Ein kluger, einfacher Mensch – etwas melancholisch, weißt du. Sehr anständig. Er ist noch weit unter Vierzig und ist schon berühmt und satt bis zum Überdruß … Was seine Schriftstellerei anlangt … wie soll ich dir's sagen? Nett … talentvoll … aber nach Tolstoi oder Zola will man doch einen Trigorin nicht lesen.

Ssorin: Und ich liebe die Schriftsteller, siehst du. Als junger Mensch schwärmte ich für zweierlei: ich wollte heiraten und ein Schriftsteller werden. Beides mißlang ja. Auch ein ganz kleiner Schriftsteller zu sein, ist angenehm am Ende.

Treplew horcht auf: Ich höre Schritte … Umarmt den Onkel. Ich kann ohne sie nicht leben. Selbst der Klang ihrer Schritte ist schon … Ich bin wahnsinnig glücklich. Er geht rasch auf Nina Sarjetschnaja zu, die auf der Bühne erscheint. Meine Zauberin, mein Traum …

Nina erregt: Ich bin nicht zu spät gekommen? Nicht wahr, ich bin nicht zu spät gekommen?

Treplew küßt ihre Hände: Nein doch, nein, nein+…

Nina: Den ganzen Tag war ich in Unruhe, ich hatte eine solche Angst! Ich fürchtete, daß der Vater mich nicht gehen lassen würde … Aber er ist eben mit der Stiefmutter weggefahren+… Der Himmel war so rot, der Mond kam schon herauf, und ich trieb das Pferd, sosehr ich konnte. sie lacht. Ich bin so froh …

Sie drückt Ssorin kräftig die Hand.

Ssorin lacht: Die Äuglein scheinen mir verweint+… He, he. Gefällt mir nicht.

Nina: Das ist nur so. … Bin noch ganz außer Atem. In einer halben Stunde muß ich wieder weg. Wir müssen uns beeilen. Um Gottes Willen, halten Sie mich nicht zurück – mein Vater weiß nicht, daß ich hier bin.

Treplew: In der Tat – es ist Zeit, daß wir anfangen. Man muß sie alle herrufen.

Ssorin: Ich will sie holen – sofort! Geht nach rechts und singt. »Nach Frankreich zogen zwei Grenadier' ...« Sieht sich um. Einmal, als ich auch so ein Lied anstimmte, sagte ein Staatsanwaltsubstitut zu mir: »Haben Exzellenz eine mächtige Stimme!« Und dann dachte er ein Weilchen nach und meinte: »Aber abscheulich klingt sie!« He, he! Geht lachend ab.

Nina: Der Vater und die Stiefmutter lassen mich nicht hierher. Sie nennen das hier Boheme … haben Angst, ich könnte zur Bühne gehen … Und dabei zieht es mich hierher zum See wie die Möwe … Mein Herz ist voll von Ihnen … Sieht sich um.

Treplew: Wir sind allein.

Nina: Dort ist jemand ...

Treplew: Kein Mensch ist da. Sie küssen sich.

Nina: Was für ein Baum ist das?

Treplew: Eine Rüster.

Nina: Warum ist sie so dunkel?

Treplew: Es ist bereits Abend, alle Gegenstände scheinen dunkler. Verlassen Sie uns nicht so früh, ich flehe Sie an!

Nina: Unmöglich!

Treplew: Und wenn ich zu Ihnen komme, Nina? Die ganze Nacht will ich im Garten stehen und nach Ihrem Fenster schauen ...

Nina: Nicht doch, der Wächter wird Sie bemerken, und Tressor wird bellen; er kennt Sie noch nicht.

Treplew: Ich liebe Sie!

Nina: Psst-sst!

Treplew hört Schritte: wer ist da? Seid ihr's, Jakow?

Jakow hinter der Bühne: Jawohl.

Treplew: Geht an eure Plätze. Es ist Zeit. Kommt der Mond schon herauf?

Jakow: Jawohl.

Treplew: : Ist der Spiritus da? Und der Schwefel? Sobald die roten Augen sichtbar werden, muß es nach Schwefel riechen. Zu Nina. Gehen Sie, dort ist alles bereit. Sie sind aufgeregt?

Nina: Ja. Sehr. Vor Ihrer Mutter hab' ich keine Angst. Aber Trigorin ist da … Ich fürchte und schäme mich zugleich, vor ihm zu spielen … Ein berühmter Schriftsteller … Ist er jung?

Treplew: Ja.

Nina: Was für wunderbare Erzählungen er schreibt!

Treplew Ich kenne sie nicht, habe sie nicht gelesen.

Nina: Ihr Stück ist schwer zu spielen. Es sind keine wirklichen Menschen darin.

Treplew: Wirkliche Menschen! Das Leben darf weder so dargestellt werden, wie es ist, noch so, wie es sein soll, sondern so, wie es sich in unseren Träumen spiegelt.

Nina: In Ihrem Stück ist wenig Handlung, lauter Rede; nach meiner Ansicht muß ein Stück immer von Liebe handeln … Beide ab hinter die Bühne. Polina Andrejewna und Dorn treten auf.

Polina Andrejewna: Es wird feucht. Gehen sie, ziehen sie Gummischuhe an!

Dorn: Mir ist heiß.

Polina Andrejewna: Sie nehmen sich gar nicht in acht. Das ist Eigensinn. Sie sind Arzt und wissen recht gut, daß feuchte Luft Ihnen schadet; aber Sie wollen mich nur quälen; gestern haben Sie absichtlich den ganzen Abend auf der Terrasse gesessen …

Dorn singt vor sich hin: »O sage nicht, daß deine Jugend schwand ...«

Polina Andrejewna: Sie waren so hingerissen von der Unterhaltung mit Irina Nikolajewna … Sie merkten gar nicht, daß es kühl war. Gestehen Sie's nur: sie gefällt ihnen …

Dorn: Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt.

Polina Andrejewna: Unsinn. Für einen Mann ist das kein Alter. Sie haben sich trefflich konserviert und machen noch Eindruck auf Frauen.

Dorn: Was wollen Sie also?

Polina Andrejewna: Vor einer Schauspielerin sinkt ihr gleich alle auf die Knie – alle!

Dorn singt vor sich hin: »Hier steh' ich nun wieder vor dir ...« Wenn man in der Gesellschaft die Künstler liebt und sie anders

behandelt als zum Beispiel die Kaufleute, so ist das ganz in der Ordnung. Das ist eben Idealismus!

Polina Andrejewna: Die Frauen haben Sie immer geliebt und sich Ihnen an den Hals geworfen. Ist das auch Idealismus?

Dorn achselzuckend: Vielleicht. In den Beziehungen der Frauen zu mir war auch viel Gutes. Sie liebten in mir vor allem den ausgezeichneten Arzt – Sie wissen, daß ich vor zehn, fünfzehn Jahren der einzige brauchbare Geburtshelfer im ganzen Gouvernement war. Außerdem bin ich stets ein Ehrenmann gewesen.

Polina Andrejewna erfaßt seine Hand: Mein Teurer!

Dorn: Still. – Man kommt.

Es erscheinen: Arkadina, an Ssorins Arm, Trigorin, Schamrajew, Medwjedenko und Mascha.

Schamrajew: 1873 hat sie in Poltawa gespielt, auf dem Jahrmarkt – wunderbar! Einfach großartig! Wissen Sie nicht zufällig, wo jetzt der Komiker Tschadin steckt? Pawel Ssemjonytsch Tschadin? Der war als Rasplujew unerreicht, besser als Ssadowski, ich schwör's Ihnen, Verehrteste. Wo steckt er jetzt?

Arkadina: Sie fragen nach lauter vorsintflutlichen Leuten. Woher soll ich die kennen? Setzt sich.

Schamrajew seufzt: Paschka Tschadin! Solche Künstler gibt es heut nicht mehr. Das Theater ist zurückgegangen, Irina Nikolajewna! Früher gab's mächtige Eichen, heut aber sehen wir nur Baumstümpfe.

Dorn: Die großen Talente sind seltener geworden, das stimmt; dafür steht aber der Durchschnittsschauspieler weit höher.

Schamrajew: Ich kann Ihnen nicht recht geben. Übrigens ist das Geschmackssache. De gustibus aut bene, aut nihil.

Treplew kommt hinter der Bühne hervor.

Arkadina: zu Treplew: Wann fängt's denn an, mein lieber Sohn?

Treplew: Im Moment. Bitte sich zu gedulden.

Arkadina: zitiert aus Hamlet: »Mein Sohn, du kehrst die Augen recht ins Innre mir; da seh ich Flecke, tief und schwarz gefärbt, die nicht von Farbe lassen.«

Treplew aus Hamlet: »Sprich, warum ergabst du dich der Schmach und suchtest Liebe im Schweiß und Brodem eines edlen Betts?«

Hinter der Bühne ertönt Hornsignal.

Meine Herrschaften, es geht los! Ich bitte um Aufmerksamkeit. Pause. Ich beginne. Klopft mit einem Stöckchen und spricht laut. O ihr, ehrwürdige alte Schatten, die ihr zur Nachtzeit über diesem See hinschwebt, senket den Schlummer auf unsere Augen und laßt uns im Traume schauen, was nach zweihundert Jahrtausenden sein wird!

Ssorin: Nach zweihundert Jahrtausenden wird nichts mehr sein.

Treplew: Wohl, so mögen sie uns dieses Nichts schauen lassen!

Arkadina: Los also! Wir schlafen.

Der Vorhang geht auf; man erblickt den See; der Mond schwebt über dem Horizont, im Wasser sein Spiegelbild; auf einem großen Stein sitzt Nina Sarjetschnaja, ganz in Weiß.

Nina: Menschen, Löwen, Adler und Feldhühner, geweihtragende Hirsche, Gänse, Spinnen, schweigsame Fische, die im Wasser wohnten, Seesterne und all die Wesen, die dem Auge nicht sichtbar waren, mit einem Wort: alles Leben, alles Leben, alles Leben ist erloschen, nachdem es seinen traurigen Kreislauf vollendet hat … Seit vielen tausend Äonen bereits trägt die Erde nicht ein Lebewesen mehr, und dieser arme Mond läßt sein Licht vergeblich strahlen. Nicht erwachen auf der Wiese mit Geschrei die Kraniche, nicht mehr hört man die Maikäfer schwirren in den Lindenhainen. Es ist so kalt, so kalt, so kalt. Es ist so leer, so leer, so leer. Es ist so schaurig, so schaurig, schaurig. Pause. Die Körper der Lebewesen sind zu Staub zerfallen, die ewige Materie hat sie in Steine, in Wasser, in Wolken verwandelt, und ihrer aller Seelen sind in eine einzige zusammengeflossen. Diese eine, gemeinsame Weltseele bin ich … ich ... In mir ist die Seele Alexanders des Großen und Cäsars, Napoleons und die Seele des letzten Blutegels. In mir ist das Bewußtsein der Menschen mit den Instinkten der Tiere verschmolzen, und ich erinnere mich an alles, alles, alles, und jedes Leben durchlebe ich in mir selbst von neuem. Es zeigen sich Irrlichter.

Arkadina leise: Das scheint was Dekadentes zu sein?

Treplew bittend und zugleich vorwurfsvoll: Mama!

Nina: Ich bin so einsam. Einmal in hundert Jahren öffne ich den Mund, um zu reden, und meine Stimme klingt traurig in dieser Öde, und niemand hört mich … Auch ihr, bleiche Lichter, hört mich nicht … Vor dem Morgengrauen gebiert euch der faulige Sumpf, und ihr irret umher, bis das Frührot schimmert, gedanken- und willenlos, ohne das Vibrieren des Lebens. Aus Furcht, daß nicht in euch Leben entstehe, läßt der Teufel, der Vater der ewigen Materie, jeden Augenblick in euch, gleichwie in den Steinen und im Wasser, die Atome durcheinanderwirbeln, daß ihr unaufhörlich euch wandelt. Im Weltall bleibt beständig und unveränderlich einzig der Geist. Pause. Wie ein Gefangener, in einen tiefen und leeren Brunnen geworfen, weiß ich nicht, wo ich bin und was meiner harret. Nur so viel ist mir kund, daß ich in dem harten, erbitterten Kampfe mit dem Teufel, dem Urprinzip der materiellen Kräfte, siegen werde und daß alsdann, wenn Materie und Geist in herrlicher Harmonie sich vereinigt haben, die Herrschaft des Weltwillens anbrechen wird. Das aber wird erst allmählich geschehen, wenn im Verlauf einer langen, langen Reihe von Jahrtausenden der Mond und der hell leuchtende Sirius und die Erde in Staub verwandelt sein werden. Bis dahin herrschet nur Schrecken, Schrecken …

Pause, im Hintergrunde des Sees erscheinen zwei rote Punkte.

Dort nahet schon, mein mächtiger Gegner, der Teufel – ich sehe seine schrecklichen, blutroten Augen …

Arkadina: Es riecht nach Schwefel. Gehört das mit dazu?

Treplew: Ja.

Arkadina lacht: So – recht effekvoll!

Treplew: Mama!

Nina: Er langweilt sich ohne den Menschen …

Polina Andrejewna zu Dorn: Sie haben den Hut abgenommen. Setzen Sie ihn auf, sonst erkälten Sie sich.

Arkadina: Der Doktor zieht den Hut vor dem Teufel, dem Vater der ewigen Materie.

Treplew aufbrausend, laut: Das Stück ist aus! Schluß! Den Vorhang herunter!

Arkadina: Warum bist du böse?

Treplew: Schluß! Den Vorhang! Rasch, den Vorhang! Stampft mit dem Fuße auf. Vorhang herunter!

Der Vorhang fällt.

Verzeihen Sie, meine Herrschaften, ich hatte ganz übersehen, daß nur wenige Auserwählte Stücke schreiben und Komödie spielen dürfen. Ich habe ein Monopol verletzt. Mir … ich …

Er will noch etwas sagen, geht dann aber, jäh, mit einer Handbewegung, nach links ab.

Arkadina: Was ist ihm denn?

Ssorin: Hör mal, Irina – so darf man mit der Eigenliebe eines jungen Mannes nicht spielen!

Arkadina: Was hab' ich ihm denn gesagt?

Ssorin: Du hast ihn beleidigt!

Arkadina: Er hatte uns doch immer gesagt, es handle sich nur um einen Scherz. Na – und da hab' ich sein Stück eben als einen Scherz behandelt.

Ssorin: Immerhin …

Arkadina: Jetzt stellt sich's auf einmal heraus, daß er ein großes Opus gedichtet hat! Nun sag einer, diese Aufführung, diese Schwefeldünste sollten durchaus kein Scherz sein, sondern eine Demonstration! … Er wollte uns belehren, wie man schreiben, was man spielen soll! Die Sache wird schließlich langweilig. Diese ewigen Ausfälle gegen mich, diese Nadelstiche, wenn du willst, sind unerträglich. Ein eigensinniges, eitles Bürschchen!

Ssorin: Er wollte dir einen Genuß bereiten.

Arkadina: Meinst du? Warum hat er dann nicht das erste beste Stück ausgesucht, statt uns mit seinen dekadenten Fieberphantasien anzuöden? Als Scherz lass' ich mir sowas gefallen, aber hier sind doch Ansprüche, das sollten neue

Formen sein, eine neue Ära in der Kunst? Nach meiner Ansicht sind das keine neuen Formen – sondern nur Ungezogenheit.

Trigorin: Jeder schreibt, wie er will und kann.

Arkadina: Mag er schreiben, wie er will und kann, nur soll er mich in Ruhe lassen.

Dorn: Du zürnest, Jupiter …

Arkadina: Ich bin kein Jupiter, sondern eine Frau. Zündet sich eine Zigarette an. Ich zürne ihm durchaus nicht, es ärgert mich nur, daß ein junger Mensch auf so fade Art seine Zeit verbringt. Ich wollte ihn nicht kränken.

Medwjedenko: Niemand hat ein Recht dazu, zwischen Gott und Materie einen Gegensatz anzunehmen, da vielleicht auch der Geist aus materiellen Atomen besteht. Zu Trigorin, lebhaft. Wissen Sie, was man einmal in einem Stücke schildern und auf der Bühne darstellen lassen sollte? Unser Schulmeisterdasein! Ja, man hat's recht, recht schwer!

Arkadina: Ganz recht – aber jetzt lassen wir alle Theaterstücke und Atome! Ein prächtiger Abend! Lauscht. Gesang – hören Sie, Herrschaften? Wie schön!

Polina Andrejewna: Das ist auf dem anderen Ufer. Pause.

Arkadina zu Trigorin: Setzen Sie sich zu mir. Vor zehn, fünfzehn Jahren hörte man hier am See fast jede Nacht ununterbrochen Musik und Gesang. Sechs Gutshöfe liegen an dem See – ich weiß noch, das gab ein Lachen, Lärmen und Büchsenknallen – und lauter Romane. – Und der Abgott aller dieser sechs Höfe, der erste Liebhaber war hier … Sie nickt mit dem Kopfe nach Dorn. … unser Doktor Jewgeni Ssergejewitsch. Er ist auch heut noch bezaubernd, damals aber war er unwiderstehlich. Doch mich beginnt das Gewissen zu quälen. Warum hab' ich meinen armen Jungen gekränkt? Ich bin unruhig. Laut. Kostja! Mein Sohn! Kostja!

Mascha: Ich will ihn suchen gehen.

Arkadina: Tun Sie's, meine Liebe!

Mascha geht nach links: A-u! A-u! Konstantin Gawrilowitsch! A-u! Ab.

Nina tritt hinter der Bühne hervor: Die Vorstellung scheint abgebrochen – ich darf also wohl hervorkommen. Guten Abend! Küßt Arkadina und Polina Andrejewna.

Ssorin: Bravo! Bravo!

Arkadina: Bravo! Bravo! Wir haben Sie bewundert. Mit diesem Äußern, dieser wundervollen Stimme dürfen Sie nicht auf dem Lande bleiben. Es wäre sündhaft. Sie haben entschieden Talent. Hören Sie? Sie müssen zur Bühne gehen.

Nina: Oh, das ist mein Traum! Seufzt. Aber er wird nie in Erfüllung gehen.

Arkadina: Wer weiß? Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache: Trigorin, Boris Alexejewitsch.

Nina: Ach, welche Freude … Verwirrt. Ich lese alles, was Sie schreiben …

Arkadina läßt sie neben sich Platz nehmen: Nicht so verlegen, mein Kind! Er ist zwar ein berühmter Mann, aber dabei ein schlichtes Gemüt. Sehen Sie doch, er ist selbst verlegen geworden.

Dorn: Ich denke, jetzt kann man den Vorhang aufziehen –es ist so unheimlich.

Schamrajew laut: Jakow! Zieh mal den Vorhang auf!

Der Vorhang geht auf.

Nina zu Trigorin: Ein seltsames Stück, nicht wahr?

Trigorin: Ich habe nichts davon verstanden. Übrigens habe ich mit Vergnügen zugesehen. Es lag so viel Aufrichtigkeit in Ihrem Spiel. Auch die Dekoration war wundervoll. Pause. Es gibt wohl viele Fische hier im See?

Nina: Ja.

Trigorin: Ich angle sehr gern. Ich kenne keinen größeren Genuß, als gegen Abend am Ufer zu sitzen und nach dem Angelkork zu schauen.

Nina: Ich sollte meinen, daß für jemand, der den Genuß des künstlerischen Schaffens kennt, alle anderen Genüsse überhaupt nicht mehr existieren.

Arkadina laut: Reden Sie nicht so. Wenn man ihm mit schönen Worten kommt, gerät er vollends außer Fassung.

Schamrajew: Ich erinnere mich, wie mal in der Oper in Moskau der berühmte Silwa das tiefe C sang. Auf der Galerie saß zufällig ein Bassist von unserem Kirchenchor, und mit einemmal erdröhnte, eine ganze Oktave tiefer, von oben her der Ruf: »Bravo, Silva!« – so etwa: In tiefem Bass. »Bravo, Silva!« Sie können sich vorstellen, wie verblüfft alles war – das Publikum war einfach starr!

Pause.

Dorn: Ein Engel schwebt vorüber.

Nina: Und ich muß fort. Leben Sie wohl!

Arkadina: Wohin? Wohin so früh? Wir lassen Sie nicht fort.

Nina: Papa erwartet mich.

Arkadina: Wie unrecht von ihm, daß er … Küßt sie. Nun, was ist da zu tun? Schade, daß sie schon gehen.

Nina: Wenn sie wüßten, wie schwer es mir fällt!

Arkadina: Vielleicht könnte Sie jemand begleiten, mein Kindchen?

Nina erschrocken: O, nein, nein!

Ssorin bittend: Bleiben sie doch!

Nina: Unmöglich, Pjotr Nikolajewitsch!

Ssorin: Nur auf ein Stündchen, wie?

Nina sinnt ein Weilchen nach, unter Tränen: Es geht wirklich nicht. Drückt seine Hand, dann rasch ab.

Arkadina: Ein unglückliches Mädchen eigentlich. Ihre verstorbene Mutter soll alles dem Gatten vermacht haben, das ganze große Vermögen, bis auf die letzte Kopeke. Der hat nun wieder zugunsten seiner zweiten Frau verfügt, so daß das arme Kind jetzt ganz mittellos dasteht. Empörend!

Dorn: Ein ganz gehöriges Rindvieh, ihr Vater – das muß ihm der Neid lassen.

Ssorin sich die kalten Hände reibend: Wir wollen hineingehen, meine Herrschaften – es wird feucht. Ich spür's in den Beinen.

Arkadina: Sie sind schon ganz steif. Du gehst ja kaum. Na, komm, alter Unglücksmensch! Faßt ihn unter den Arm.

Schamrajew reicht seiner Frau den Arm: Madame?

Ssorin: Ich höre den Hund wieder heulen. Zu Schamrajew. Lassen Sie ihn von er Kette, Ilja Afanassjewitsch, seien Sie so freundlich!

Schamrajew: Das kann ich nicht, Pjotr Nikolajewitsch, ich fürchte, die Diebe brechen in den Speicher ein. Ich hab' jetzt die Hirse aufgeschüttet. Zu Medwjedenko, der neben ihm hergeht. Ja, um eine ganze Oktave tiefer: »Bravo Silwa!« Und das war kein berühmter Sänger, sondern einfach einer vom Kirchenchor.

Medwjedenko: Wieviel Gehalt mag wohl solch ein Chorsänger bekommen?

Alle ab, außer Dorn.

Dorn allein: Ich weiß nicht – vielleicht versteh' ich nichts davon oder ich bin schwachsinnig geworden – aber das Stück hat mir gefallen. Es liegt was drin. Als dieses Mädchen von der Einsamkeit sprach, und dann, als die roten Teufelsaugen erschienen – da zitterten mir die Hände vor Erregung … So frisch, so naiv … Dort scheint er zu kommen. Ich will ihm recht viel Angenehmes sagen …

Treplew erscheint: Alles fort …

Dorn: : Ich bin noch da.

Treplew: Maschenka läuft im Park herum und sucht mich. Ein unausstehliches Geschöpf.

Dorn: Ihr Stück hat mir außerordentlich gefallen, Konstantin Gawrilowitsch. Es ist so seltsam. Den Schluß hab' ich nicht gehört – und doch hat's einen starken Eindruck auf mich gemacht. Sie sind begabt, Sie müssen weiterschreiben. Treplew drückt ihm kräftig die Hand und umarmt ihn hastig.

Dorn: Wie nervös Sie sind! Pfui doch! Und Tränen in den Augen … Was ich noch sagen wollte: Sie haben ein abstraktes Sujet gewählt. Recht so! Ein Kunstwerk muß unbedingt irgendeinen großen Gedanken zum Ausdruck bringen. Schön kann nur sein, was ernst ist … Wie bleich Sie sind!

Treplew: Sie meinen also, ich soll fortfahren?

Dorn: Ja. Aber schildern Sie nur das Bedeutungsvolle, nur das Ewige. Sie wissen, ich habe mein Leben abwechslungsreich

und geschmackvoll verbracht; aber wenn ich jenen Zustand geistiger Erhebung kennenlernen sollte, in dem der Künstler zur Zeit des Schaffens sich befindet – ich glaube, ich würde meine materielle Hilfe nebst allem, was ihr eigen ist, verachten und immer weiter vom Irdischen fort zur Höhe aufstreben.

Treplew: Verzeihen sie, wo ist die Sarjetschnaja?

Dorn: Und dann noch eins: Ein dichterisches Werk muß eine klare, bestimmte Grundidee haben. Sie müssen wissen, warum sie schreiben; wenn Sie auf diesem malerischen Wege ohne bestimmtes Ziel fortfahren, werden Sie sich verirren und an Ihrem eigenen Talent zugrunde gehen.

Treplew ungeduldig: Wo ist die Sarjetschnaja?

Dorn: Sie ist nach Hause gefahren.

Treplew verzweifelt: Was soll ich tun? Ich will sie sehen … Ich muß sie notwendig sehen … Ich will hinfahren …

Mascha tritt auf.

Dorn zu Treplew: Beruhigen sie sich, mein Freund!

Treplew: Ich fahre aber trotzdem. Ich muß hinfahren.

Mascha: Gehen Sie ins Haus, Konstantin Gawrilowitsch. Ihre Mama erwartet Sie. Sie beunruhigt sich.

Treplew: Sagen Sie ihr, daß ich weggefahren bin. Und ich bitte euch alle: laßt mich in Ruhe! Laßt mich! Lauft mir nicht immer nach!

Dorn: Na, na, na, mein Lieber … so geht das nicht … Das ist nicht gut so …

Treplew unter Tränen: Leben sie wohl, Doktor. Ich danke Ihnen. Ab

Dorn mit einem Seufzer: Die Jugend, die Jugend!

Mascha: Wenn man sonst nichts zu sagen hat, sagt man: »Die Jugend, die Jugend!« Nimmt eine Prise.

Dorn nimmt ihr die Schnupftabakdose fort und wirft sie ins Gebüsch: Scheußlich!

Pause.

Drinnen spielen sie schon, wie es scheint. Gehen wir!

Mascha: : Einen Augenblick ...

Dorn: Was?

Mascha: Ich möchte Ihnen was sagen … Erregt. Meinen Vater liebe ich nicht ...Sie aber sind meinem Herzen nahe. Ich fühle mit meiner ganzen Seele, daß Sie mir nahestehen … Helfen Sie mir doch ... helfen Sie mir, sonst begeh' ich irgendeinen dummen Streich … Ich zertrete mein Leben … verpfusche es für immer … Ich halt's nicht länger aus …

Dorn: Was? Worin soll ich Ihnen helfen?

Mascha: Ich leide. Niemand, niemand weiß, wie schwer ich leide. Lehnt ihren Kopf an seine Brust, leise. Ich liebe Konstantin.

Dorn: Wie nervös sie alle sind! Wie nervös! Und wie verliebt … Oh, dieser verhexte See! Zärtlich. Aber was kann ich dagegen tun, mein Kind? Was? Was?

Der Vorhang fällt.

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