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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
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Sechstes Kapitel.

Eine Theorie von handgreiflicher Erhabenheit. – Einige praktische Ideen. – Anfang der Abentheuer.

Die Rückerinnerung an die tiefen Gefühle dieser wichtigen Periode meines Lebens hat gewisser Maßen den Zusammenhang der Erzählung gestört, und kann möglicher Weise einiges Dunkel in dem Gemüth des Lesers in Hinsicht der neuen Quellen von Glückseligkeit zurückgelassen haben, die über meinen Verstand hereingebrochen. Daher mag ein Wort hier zur Erläuterung nicht unnütz sein; wiewohl es mein Zweck ist, mich, um zu einem gehörigen Verständniß meiner Absichten zu führen, mehr auf meine Handlungen und die wunderbaren Vorfälle zu beziehen, die ich jetzt bald der Welt werde darlegen müssen, als auf wörtliche Erklärungen.

Glückseligkeit, Glückseligkeit, hier und jenseits war mein Ziel. Ich strebte nach einem Leben nützlichen, thätigen Wohlwollens, einem Sterbebett voll Freude und Hoffnung, und einer Ewigkeit der Vergeltung. Mit solch einem Plan vor mir, hatten meine Gedanken vom Augenblick an, wo ich den Kummer meines Vaters auf dem Sterbebett mit angehört, sich eifrigst mit den Mitteln seiner Erreichung beschäftigt. So wunderbar als es ohne Zweifel auch gewöhnlichen Gemüthern scheinen mag, ich kam auf die Spur dieses hohen Geheimnisses bei der letzten Wahl für den Burgflecken Householder und zwar durch Lord Pledge. Gleich andern wichtigen Entdeckungen ist es ganz einfach, wenn man es schon weiß, da es leicht dem schwerfälligsten Geiste verständlich gemacht werden kann, und so sollte es ja eigentlich mit jedem Grundsatz sein, der mit der Wohlfahrt des Menschen so nahe verbunden ist.

Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, daß Glückseligkeit der einzige wirkliche Zweck aller menschlichen Verbindungen ist. Die Beherrschten treten für die Wohlthaten des Friedens, der Sicherheit und Ordnung einen gewissen Theil ihrer natürlichen Rechte unter der wohlverstandnen Bedingung ab, daß sie den übrigen Theil als ihren unveräusserlichen Besitz genießen dürfen. Freilich bestehen unter den verschiednen Nationen auch sehr materiell verschiedne Ansichten über die Mengen des abzutretenden und zurück zu behaltenden Theils, aber diese Abirrungen von der rechten Mitte sind nur eben so viele Launen des menschlichen Geistes, und berühren keineswegs den Grundsatz selbst. Ich fand auch, daß gerade die weisesten und besten, oder was dasselbe ist, die verantwortlichsten allgemein behaupten, daß wer den größten Haltpunkt in der Gesellschaft besitzt, nach der Natur der Dinge auch am geeignetsten ist, ihre Geschäfte zu führen. Unter einem Haltpunkte der Staatsgesellschaft meint man, nach allgemeinem Uebereinkommen, eine Vervielfältigung jener Interessen, die uns in unserm täglichen Verkehr beschäftigen, oder was man gemeiniglich Eigenthum nennt. Dieser Grundsatz wirkt, indem er uns zum Rechtthun reizt, eben durch jenes schwere Pfand unsers Besitzes, das unvermeidlich leiden würde, wollten wir unrecht thun. Der Satz ist jetzt klar, auch kann, was wir vorausgeschickt, nicht mißverstanden werden. Glückseligkeit ist der Zweck der Staatsgesellschaft und Besitz, oder ein festes Interesse an dieser Gesellschaft das beste Pfand unsrer Uneigennützigkeit und Gerechtigkeit, und die beste Befähigung zu ihrer gehörigen Lenkung. Es folgt, als ein nothwendiger Folgesatz, daß eine Vermehrung jener Interessen das Pfand erhöhen wird, und uns mehr und mehr des Vertrauens würdig macht, indem sie uns, so nah als nur möglich, zu dem reinen und ätherischen Zustand der Engel erhebt. Einer jener glücklichen Zufälle, die manchmal die Menschen zu Kaiser und Könige machen, hatte mich vielleicht zum reichsten Unterthan von Europa gemacht. Mit diesem Polarstern der Theorie vor meinen Augen scheinend, und mit so reichen praktischen Mitteln, wäre es offenbar meine Schuld gewesen, hätte ich meine Barke nicht in den rechten Hafen gesteuert. Wenn der, der die größten Pfänder gegeben, auch wohl am meisten seine Mitmenschen liebte, so konnte für einen in meiner Lage sich wohl keine große Schwierigkeit finden, sich an die Spitze der Philanthropie zu stellen. Zwar bei oberflächlicher Betrachtung hätte man den Fall mit meinem eignen unmittelbaren Vorfahren für eine Ausnahme oder vielmehr einen Einwurf gegen die Theorie ansehen können; aber weit entfernt, beweist er gerade das Gegentheil. Mein Vater hatte größtentheils alle seine Pfänder in der National-Schuld concentrirt; nun liebte er ohne allen Scherz die Fonds außerordentlich, ward heftig, wenn sie angegriffen wurden, schrie nach Bayonetten, wenn die Massen gegen Taxen sprachen, hielt dem Galgen eine Lobrede, wenn man mit Empörung drohte, und zeigte auf hundert andere Arten, daß wo der Schatz ist, auch das Herz sein wird; der Fall mit meinem Vater also, wie alle Ausnahmen, bestärkte nur die Vortrefflichkeit der Regel. Er war nur in den Irrthum des Zusammenziehens verfallen, wo der einzige Weg der der größtmöglichen Eröffnung gewesen. Ich beschloß, mich zu öffnen, wozu sich vielleicht noch nie ein politischer Oekonom entschlossen; – kurz die Theorie vom socialen Anhaltspunkt auf eine Weise auszuführen, daß ich alles lieben müsse, und dadurch würdig würde, mit der Obhut von allem beauftragt zu werden.

Als ich in die Stadt kam, war mein erster Besuch der der Danksagung bei Lord Pledge. Erst hatte ich einige Zweifel verspürt, ob die Baronie das System der Philantropie unterstützen würde oder nicht; denn dadurch, daß sie mich über einen großen Theil meiner Mitmenschen erhob, war es in so weit wenigstens ein Entfernen von philantropischem Mitgefühl, aber als das Patent kam und die Kosten bezahlt waren, fand ich, daß sie wohl als ein Pfand in Geld betrachtet werden könnte, und folglich in den Bereich der Regel gehörte, die ich mir für mein eignes Regime vorgeschrieben.

Das nächste war, gehörige Agenten zu bekommen, um mich bei den Ankäufen zu unterstützen, die nöthig geworden, um mich an die Menschheit zu ketten. Ein Monat verging mit dieser eifrigen Beschäftigung. Da baares Geld nicht fehlte, und ich nicht sehr genau im Preis war, fing ich am Ende jener Zeit an, gewisse, sich regende Gefühle in mir zu verspüren, welche von dem triumphirenden Erfolg des Experiments zeugten. Mit andern Worten, ich erwarb viel, und fing an ein lebhaftes Interesse in allem dem zu nehmen, was ich erworben.

Ich machte Ankäufe in Gütern in England, Schottland, Irland und Wales; diese Zersplitterung des Eigenthums sollte meine Mitgefühle gerade zwischen den verschiednen Theilen meines Vaterlands vertheilen. Doch damit nicht zufrieden, dehnte ich das System auf die Kolonien aus; ich hatte Ostindische Actien, ein Schiff auf der See, Land in Canada, eine Plantage in Jamaica, Schafe auf dem Kap und zu Neu-Süd-Wallis, ein Indigo-Geschäft in Bengalen, ein Comptoir für Sammlung von Alterthümern auf den Ionischen Inseln, und stand in Verbindung mit einem Schiffseigenthümer zur allgemeinen Verproviantirung unsrer verschiednen Besitzungen mit Bier, Schinken, Käse, groben Tüchern und Eisenwerk. Vom Brittischen Reich dehnten sich meine Interessen bald auf andre Länder aus. An der Garonne und in Xeres kaufte ich Weinberge. In Deutschland nahm ich einige Actien in verschiednen Salinen und Kohlenbergwerken, ebenso in Südamerika in den edlen Metallen; in Rußland ließ ich mich tief in Talg ein; in der Schweiz errichtete ich eine ausgedehnte Uhrenfabrik, und kaufte alle nöthige Pferde zu einem Vetturin in großem Maßstab. Ich hatte Seidenwürmer in der Lombardei, Oliven und Hüte in Toskana, ein Bad in Lucca und eine Macaroni-Fabrik zu Neapel. Nach Sicilien schickte ich Fonds zum Ankauf von Waitzen, und in Rom unterhielt ich einen Kenner an der Spitze eines großen Geschäfts von englischen Artikeln, als: Senf, Porter, Bückinge und Hornvieh; sowie einen andern, um die Liebhaber der Künste und Virtuosität mit Gemälden und Statuen zu versehen.

Bis dieß alles durchgesetzt war, hatte ich die Hände voll zu thun. Jedoch die Methode, gehörige Agenten, und der feste Entschluß es zu Stande zu bringen, ebneten den Weg, und ich fing an um mich zu schauen und Athem zu schöpfen. Mich zu erholen, ging ich nun ins Einzelne; und einige Tage lang besuchte ich nun die Versammlungen der sogenannten »Frommen«, um zu sehen, ob etwas durch sie zur Erreichung meines Zwecks geschehen könnte. Ich kann nicht sagen, daß dieser Versuch mit allem Erfolg begleitet war, den ich erwartete. Ich hörte viel eitel Gerede, fand, daß die äußre Art von größrer Wichtigkeit als die Sache war, und sah meinen Beutel sehr unbescheiden und unaufhörlich in Anspruch genommen. Eine so zu nahe Ansicht von christlicher Barmherzigkeit mußte auch ihr tadelhaftes zeigen, wie bekanntlich der Glanz der Sonne Mängel auf dem Gesicht der Schönheit entdeckt, die dem Auge entgehen, wenn sie durch das künstliche Licht gesehen werden, das besser für sie paßt. Ich begnügte mich bald meine Beiträge in gehörigen Zwischenräumen einzusenden und hielt mich mit meiner Person fern. Dieser Versuch ließ mich bemerken, daß menschliche Tugenden wie kleine Lichter am besten im Dunklen scheinen und ihren Glanz hauptsächlich der Atmossphäre einer nichtigen Welt verdanken; jedoch vom Spekuliren kehrte ich zu Handlungen zurück.

Die Frage über Sklaverei hatte seit vielen Jahren die Wohlthätigen in Bewegung gesetzt, und da ich eine ganz besondre Theilnahmslosigkeit in dieser Hinsicht in mir fühlte, kaufte ich 500 von jedem Geschlecht, mein Mitgefühl zu erregen. Dieß führte mich den Vereinten Staaten von Amerika näher, ein Land, das ich aus meinem Sinn auszutilgen versucht hatte; denn während ich so eine Liebe für meine Mitmenschen hervorzubringen suchte, hatte ich kaum für nöthig gehalten, so weit von Haus wegzugehen. Da keine Regel ohne Ausnahme ist, gesteh' ich, war ich fast zu glauben geneigt, ein YankeeDie gewöhnliche, scherzende Beziehung für Nordamerikaner, so wie John Bull für Engländer. d. Ü. möge wohl in eines Engländers allgemeiner Menschenliebe ausgelassen werden. Aber, »läßt man sich für einen Penny ein, läßt man sich für ein Pfund ein.« Die Neger führten mich zu den Ufern des Mississipi, wo ich bald Eigenthümer von einer Zucker- und einer Baumwollen-Plantage war. Außer diesen Ankäufen nahm ich Actien in verschiedenen Süd-See-Schiffen, erwarb für mich allein eine Korallen- und Perlenfischerei, und schickte einen Agenten mit einem Vorschlag zu König Tamamaah, um zu unsrer beiden Besten ein Monopol von Sandelholz zu errichten.

Die Erde und was sie enthielt bekam neue Glorie in meinen Augen. Ich hatte die wesentliche Bedingung der Staatsökonomen, der Juristen, der Verfassungskünstler und aller die Talent und Anstand besaßen, erfüllt, und in der Hälfte der Staatsgesellschaften der ganzen Welt Anhaltspunkte erworben. Ich war im Stande zu regieren, Rath zu geben, den meisten Völkern der Christenheit zu gebieten, denn ich hatte direktes Interesse an ihrer Wohlfahrt genommen, indem ich sie zu meiner eignen machte. Zwanzig Mal wollte ich in eine Postchaise springen, und zum Pfarrhaus eilen, um meine neugeborne Verbindung mit den Menschenarten und alle sie begleitende Glückseligkeit zu den Füßen Annens niederzulegen, aber der schreckliche Gedanke der Monogamie und ihrer alles andre Gefühl vernichtenden Folgen hielt mich eben so oft wieder ab. Ich schrieb ihr jedoch wöchentlich, und machte sie zur Teilnehmerin meines Glücks, obgleich ich nie die Freude hatte, eine einzige Zeile als Antwort zu erhalten.

Gänzlich von Selbstsucht befreit, und meinen Mitmenschen verpfändet, verließ ich nun England, eine philanthropische Inspectionsreise zu machen. Ich werde den Leser nicht mit einer Beschreibung meiner Reise über die ausgetretenen Striche auf dem Continent ermüden, sondern ihn und mich mit einem Male nach Paris versetzen, in welcher Stadt ich am 17. Mai, im Jahr des Herrn 1819 ankam. Ich hatte viel gesehen, hielt mich für besser und durch beständiges Brüten über meinem System sah ich seine Vortrefflichkeit so klar, als Napoleon den berühmten Stern sah, der dem stumpferen Gesicht des Cardinals, seines Onkels, entging. Zu gleicher Zeit, wie dies gewöhnlich bei solchen geschieht, die alle ihre Kräfte auf einen gegebenen Punkt richten, erlitten die ursprünglich gewonnenen Ansichten von gewissen Theilen meiner Theorie mancherlei Aenderungen, je nachdem nähere und praktischere Blicke Folgewiedrigkeiten darlegten und Mängel mir zeigten. Was besonders Anna betrifft, so hatte dieß ruhige, liebliche, sich nicht aufdringende und doch klare Bild weiblicher Liebenswürdigkeit, das selten von meiner Seele abwesend war, seit dem vergangnen Jahre mit einer Beständigkeit von Beweiskraft mich umschwebt, die selbst die Newton'sche Philosophie hätte umstürzen mögen. Ich stellte schon wirklich mehr als in Frage, ob die von dem Beistand einer so Zugeneigten und Wahren zu erlangenden Hilfe nicht wohl vollständig den Mißstand einer zu großen Concentrierung in Hinsicht des weiblichen Geschlechts aufhebe. Diese entstehende Ansicht war sehr nahe daran zur Ueberzeugung zu werden, als ich eines Tages auf den Boulevards einem alten Nachbar des Pfarrhauses begegnete, der mir die beste Nachricht von der Familie gab, und hinzufügte, nachdem er Annens Schönheit und Vortrefflichkeit gepriesen, daß das theure Mädchen ganz kürzlich wirklich einen Pair abgewiesen, der all die anerkannten Vorzüge besessen: Jugend, Reichthum, Geburt, Rang und einen guten Namen, und sie aus tiefer Ueberzeugung von ihrem Werth und ihrer Tüchtigkeit ausersehen hatte, einen Mann von Gefühl glücklich zu machen. Wegen meiner Macht über Annens Herz hegte ich nie einen Zweifel. Sie hatte auf tausend Weisen und bei hundert Gelegenheiten es verrathen; auch war ich gar nicht zurückgeblieben, ihr verstehen zu geben, wie sehr ich die Theure schätzte, obwohl sich noch nie mein Entschluß so befestigt, daß ich um ihre Hand angehalten. Aber alle meine schwankenden Gedanken concentrirten sich, als ich diese willkommne Nachricht hörte; ich nahm schnell von meinem alten Bekannten Abschied, eilte nach Haus und schrieb folgenden Brief:

Theure, sehr theure, – ja theuerste Anna.

Ich begegnete diesen Morgen unserm alten Nachbar auf den Boulevards, und während einer Stunde sprachen wir nur von dir. Obwohl es mein feurigster und vorherrschendster Wunsch gewesen, mein Herz der ganzen Menschheit zu öffnen, fürcht' ich doch, Anna, habe ich nur dich allein geliebt; Abwesenheit, weit entfernt meine Gefühle zu erweitern, scheint sie zu beengen, und zu viele vereinen sich in deiner lieblichen Gestalt, deinen herrlichen Tugenden. Das vorgenommene Mittel ist unzureichend; und ich fange an zu denken, die Ehe allein könne mir hinlängliche Freiheit des Denkens und Handelns lassen, um die schuldige Aufmerksamkeit der übrigen Menschheit zuzuwenden. Du bist im Geiste bei mir gewesen an den vier Enden der Welt, zu Land und See; in Gefahren und Sicherheit, in allen Zeiten, Ländern und Lagen, und es ist kein eigentlicher Grund vorhanden, warum die, so im Geiste beisammen sind, materiell getrennt sein sollten. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, eine Hoffnung zu lispeln, einen Wunsch anzudeuten, und ich werfe mich, ein zerknirschter Reuiger, zu deinen Füßen nieder, und flehe an dein Mitleid. Sind wir erst verbunden, dann wollen wir uns nicht in den schmutzigen und engen Pfaden der Selbstsucht verlieren, sondern vereint hinschreiten, einen neuen und noch mächtigeren Haltpunkt in dieser schönen Schöpfung zu erhalten, für deren göttlichstes Glied ich dich hiedurch anerkenne.

Theuerste, theuerste Anna,
dein und der Menschheit für immer
John Goldenkalb.

Wenn es je einen glücklichen Burschen auf der Erde gab, war ich's, als dieser Brief geschrieben, gesiegelt und gehörig abgeschickt war. Der Würfel war gefallen; und ich wanderte in freier Luft, ein wiedergebornes, elastisches Wesen; mochte geschehen, was wollte, ich war Annens sicher; ihre Lieblichkeit mußte meine Reizbarkeit beruhigen, ihre Klugheit meine Thatkraft mäßigen, ihre freundliche aber ausdauernde Liebe meine Seele sänftigen. Ich fand mich, mich selbst inbegriffen, in Frieden mit allem um mich, ich fühlte eine süße Sicherheit in Hinsicht der Weisheit des Schrittes, den ich eben in Erweiterung des Mitgefühls gethan. Wenn dieß meine Gesinnungen waren, nun, da jeder Gedanke in Anna sich concentrirte, was würden sie nicht erst werden, wenn diese persönlichen Entzückungen durch Gewöhnung abgekühlt, und die Natur der Einwirkung gewöhnlicher Antriebe überlassen worden. Ich begann an der Unfehlbarkeit dieses Theils meines Systems zu zweiflen, der mir doch so viele Mühe gemacht, und mich zu der neuen Lehre hinzuneigen, daß durch Concentrirung auf besondre Punkte wir am meisten zur Liebe des Ganzen gelangen. Bei näherer Untersuchung konnte man selbst fragen, ob es nicht gerade dieser Grundsatz wäre, der mir als besondrer Landeigenthümer so großes Interesse an meine vaterländische Insel beibrachte; denn während ich offenbar nicht ganz Großbritanien besaß, fühlte ich doch ein tiefes Interesse für alles darin, was nur in irgend einer Weise, selbst der entferntesten, mit meinen eignen Besitzungen verbunden war.

Eine Woche flog in entzückenden Ahnungen vorüber; das Glück dieser kurzen aber himmlischen Zeit ward so aufregend, so ausgesucht, daß ich auf dem Punkt stand, meiner Theorie (oder vielmehr der Theorie der Staats-Oekonomen und Verfassungskünstler, denn es war in der That ihre und nicht meine) eine Verbesserung hinzuzufügen, als ich Annens Antwort erhielt. Wenn Ahnen ein Zustand so vielen Glücks ist, – Glück aber das ganze Streben des Menschen, warum nicht einen blos vermuthenden Zustand der Staatsgesellschaft erfinden? Warum nicht seine Grundzüge vom Positiven zu blos ahnenden Interessen abändern, die dem Leben mehr Reiz geben, und eine Glückseligkeit, nicht beeinträchtigt von dem Tand der Wirklichkeit, herstellen würden. Ich war schon entschlossen, diesen Grundsatz durch ein Experiment praktisch zu versuchen, und verließ das Hotel, um einem Agenten Auftrag zu geben, einen oder zwei Aufträge bekannt zu machen, und in Unterhandlungen darüber zu treten (ohne daß ich jedoch die geringste Absicht hatte, sie abzuschließen), als der Portier mir den heiß-ersehnten Brief überlieferte. Ich erfuhr daher nie die Wirkung von einem Anhaltspunkt in der Staatsgesellschaft, den man nur in Erwartung ahnend genommen, da der Inhalt von Annens Schreiben alles, was nicht mit der theuren Schreiberin und den traurigen Wirklichkeiten zusammenhing, vollständig mir aus dem Sinn trieb. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sich die neue Lehre als falsch erwiesen hätte, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, zu bemerken; daß Erben (Erben, die leer ausgegangen z. B.) viel eher eine feindselige Gesinnung gegen das Eigenthum zeigen, indem sie den Grundsatz des Vorausgenusses in Ausführung bringen, als sonst eine jener klugen Rücksichten auf gesellschaftliche Folgen, worauf der Gesetzgeber doch so ängstlich sieht.

Annens Brief lautete so:

»Guter, – ja theurer John!

Dein Brief kam mir gestern zu Hand. Dies ist die fünfte Antwort, die ich begonnen, und du wirst also sehen, daß ich nicht ohne Ueberlegung schreibe. Ich kenne dein vortreffliches Herz, John, besser als du selbst. Es hat dich entweder zur Entdeckung eines Geheimnisses von der höchsten Wichtigkeit für deine Mitmenschen geführt, oder dich grausam mißleitet. Ein so edles, so preiswürdiges Experiment darf wegen einiger augenblicklichen Zweifel an seinem Erfolg nicht sogleich aufgegeben werden. Halt nicht ein den Adlerflug im Augenblick, wo du so nahe der Sonne streichst! Sollten wir beide es unserm gegenseitigen Glück zuträglich halten, kann ich wohl noch künftig dein Weib werden. Wir sind noch jung, und unmittelbare Vereinigung drängt nicht. Indeß will ich versuchen, mich vorzubereiten, die Gefährtin eines Philantropen zu werden, indem ich deine Theorie in Ausführung bringe, und meine eignen Gefühle mehr und mehr ausdehne, so zum würdigen Weibe eines Mannes mich machend, der einen so weiten Anhaltpunkt in der menschlichen Gesellschaft hat, und so viele und so wahr liebt.

Deine Nachahmerin und Freundin ohne Wechsel
Anna Etherington.

Nachschrift. Du kannst sehen, daß ich immer weiter in meiner Besserung komme; denn ich schlug des Lords Mac Dee's Hand aus, weil ich fand, daß ich alle seine Nachbarn ganz eben so liebte als den jungen Pair selbst.«

Zehntausend Furien nahmen Besitz von meiner Seele in Gestalt eben so vieler Teufel der Eifersucht. Anna ihre Gefühle mehr und mehr ausdehnen! Anna einen andern Haltpunkt in der Staatsgesellschaft annehmen, als den, wie ich sicher glaubte, durch mich! Anna sich bestreben mehr als Einen zu lieben, und dieser Eine ich selbst! Der Gedanke war zum rasend werden. Ich glaubte nicht an ihre aufrichtige Abweisung des Lords Dee. Ich eilte, ein Exemplar des Pairverzeichnisses zu bekommen (denn seit meiner eignen Erhebung kaufte ich regelmäßig sowohl dies als das andere über die Baronen) und schlug die Seite auf, wo sein Name stand. Er war ein Schottischer Vicomte, der eben Baron des Reichs geworden, und sein Alter gerade wie mein eignes. Das war ein Nebenbuhler, Mißtrauen zu erregen! Durch einen seltsamen Widerspruch, setzte ich, je mehr ich seine Macht, mir zu schaden, fürchtete, um so mehr seine Mittel herunter. Während ich mir dachte, Anna spiele nur mit mir, und wolle in's Geheim die Gemahlin eines Pair werden, zweifelte ich nicht, der Gegenstand ihrer Wahl sei übel gebildet und linkisch und habe Backenknochen wie ein Tartar. Während ich vom großen Alter seiner Familie las, die das Dunkel erst mit dem dreizehnten Jahrhundert erreichte, setzte ich als ausgemacht fest, daß der erste seiner unbekannten Vorfahren ein barbeiniger Dieb gewesen, und im Augenblick, wo ich mir Anna ihn anlächelnd dachte, indem sie ihre koquettische Weigerung zurücknähme, hätte ich schwören mögen, er spräche mit einem unverständlichen Grenzlandaccent, und hätte rothes Haar!

Die Folter solcher Bilder ward unerträglich, und ich eilte in freie Luft zur Erholung. Wie lange und wohin ich wanderte, ich weiß es nicht, aber am Morgen des folgenden Tags fand ich mich in einer Schenke am Fuße des Montmartre eifrigst ein Brödchen verzehrend und mich mit saurem Wein erfrischend. Als ich mich ein wenig von dem Schlag erholt, mich in einer so seltsamen Gesellschaft zu finden, (denn da ich keine Actien in Schenken genommen, nahm ich auch nicht den gehörigen Antheil an diesen Volks-Instituten, um sie auch nur je vorher zu betreten) hatte ich Muße, um mich zu blicken und mir die Gesellschaft zu betrachten. Gegen fünfzig Franzosen der arbeitenden Klasse tranken überall und sprachen mit einer Heftigkeit der Gestikulation und einem Geschrei, das jeden Gedanken geradezu vernichtete. Das ist also, dachte ich, eine Scene der Volksbelustigung. Diese Leute sind herrliche Bursche, sie erquicken sich an Getränken, die die Stadtaccise nicht bezahlt haben, vielleicht kann ich irgend etwas erhaschen, das mein System begünstigt, besonders unter so freimüthigen und schreienden Geistern. Sicher, besitzt einer von ihnen ein wichtiges Geheimniß über Staatsverfassung, so wird es ihm hier entfahren. Von Gedanken dieser philosophischen Art ward ich plötzlich durch einen heftigen Schlag vor mir aufgeschreckt. Er war in sehr erträglichem Englisch von dem Ausruf des Wortes »König« begleitet.

Auf der Mitte des Bretts, das als Tisch diente, und gerade vor meinen Augen lag eine geballte Faust von furchtbaren Dimensionen, die in Farbe und Auswüchsen eine ziemliche Aehnlichkeit mit einer frisch ausgegrabnen Jerusalem-Artischocke hatte. Ihre Sehnen schienen vor Spannung zu krachen, und der ganze Knollen war so angefüllt von gieriger Kampflust, daß unwillkührlich mein Auge das Gesicht ihres Eigenthümers suchte. Ich hatte, mir unbewußt, meinen Sitz gerade einem Mann gegenüber eingenommen, dessen Natur fast das doppelte von den gedrängten, geschäftigen, sich spreizenden und schwabbelnden kleinen Burschen betrug, die überall um uns sich bewegten, und deren dicke Lippen, statt in dem Lärm mitzumachen, so fest zusammengepreßt waren, daß die Spalte des Mundes nur bemerklich ward, wie eine Falte in der Stirn eines Sechszigers. Sein Gesicht war von Natur schön aber der Sonne ausgesetzt, war seine Haut von ihr gegerbt worden bis zur Farbe der krachenden Kruste eines gebratenen Spanferkels, und jene Theile, die ein Maler vielleicht die Höhen nennen würde, wurden bezeichnet durch Lagen von Roth, fast so dunkel als viermal rectificirter Brandwein. Seine Augen waren klein, fest, feurig und sehr grau; gerade im Augenblick, wo sie auf meinen verwunderten Blick trafen, glichen sie zwei zerstreuten Kohlen, die, irgend wie, von der Masse der anliegenden Hitze im Gesicht getrennt worden. Er hatte eine vorragende, wohlgebildete Nase, über welche sich die Haut ausbreitete wie ein auf dem Postillonsitz abgeriebenes Leder, und sein schwarzes hanfenes Haar war sorgfältig über Schläfe und Stirne gezogen, was zeigte, daß er eine Feiertags-Excursion vorhatte.

Als unsere Augen sich begegneten, warf mir dieß seltsam blickende Wesen einen Wink freundlichen Wiedererkennens zu, offenbar aus keiner andern Ursache, wie ich mir dachte, als weil ich kein Franzose zu sein schien.

»Hörte je ein Sterblicher solche Narren, Kapitain,« bemerkte er, gleichsam meiner Beistimmung gewiß.

»In der That, ich hörte nicht, was gesagt ward; es ist gewiß viel Lärm.«

»Ich will auch nicht behaupten, ein Wort von dem zu verstehen, was sie sagen; aber es klingt ganz wie Unsinn!«

»Mein Ohr ist noch nicht scharf genug, Sinn von Unsinn durch den bloßen Ton zu unterscheiden; aber Ihr sprecht, scheint es, nur Englisch.«

»Darin irrt Ihr Euch; denn als großer Reisender war ich genöthigt, um mich zu blicken, und als natürliche Folge spreche ich etwas von allen Sprachen. Ich will nicht sagen, daß ich die fremden Wörter immer so ganz recht gebrauche, aber dann arbeite ich mich durch den Gedanken durch, daß ich ihn doch leserlich und brauchbar mache, besonders was Essen und Trinken betrifft. Im Französischen z. B. kann ich sagen: donnez me some van und donnez vous some pan so gut als der Beste von ihnen, aber wenn ein Dutzend Kehlen auf ein Mal plärren, wie diese Kerls hier, ei, da könnte man eben so gut auf den Gipfel des Affenbergs gehen, und eine Unterredung mit dem Volk dort halten, als hier vernünftig reden und diskutiren. Ich für meinen Theil, wenn wo eine Unterredung ist, will, daß an jeden die Reihe komme, und im Sprechen einer den andern ablöse, wie auf der Wache; aber bei den Franzosen ist es, als wenn ihre Ideen im Käfig gesessen, und bei plötzlicher Eröffnung der Thür haufenweis herausflögen, und zwitscherten, blos um zu zeigen, sie seien frei.«

Ich bemerkte jetzt, daß mein Kumpan ein reflektirendes Wesen sei, da seine Schlüsse durch regelmäßige Glieder sich verketteten; daß er nicht philosophirte mit den bloßen Springstangen des Ungefährs, wie die meisten, die in allen Ecken der Schenke mit unermüdeten Lungen plapperten und schlossen und zankten. Ich schlug daher freimüthig vor, diesen Ort zu verlassen und auf der Straße herumzugehn, wo unsre Unterhaltung weniger gestört und folglich befriedigender sein würde. Der Vorschlag wurde gut aufgenommen, wir verließen die Schreier und gingen auf den äußern Boulevards nach meinem Hotel in der Straße Rivoli über die Champs Elisées.

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