Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Das Auf und Nieder, Hoffnungen und Befürchtungen, das Schwärmen der Liebe, einige Ansichten von Tod und eine Nachricht von einer Erbschaft.

Von meinem zwanzigsten bis drei und zwanzigsten Jahr trug sich nichts von einigem Belang mit mir zu. Vom Tag meiner Volljährigkeit an, warf mir mein Vater regelmäßig tausend Pfund jährlich aus, und ich zweifle nicht, ich würde meine Zeit so ziemlich wie andre junge Leute zugebracht haben, wäre nicht der besondre Umstand meiner Geburt gewesen, welcher, wie ich nun einsah, einige von den nothwendigen Erfordernissen abgingen, um mich mit Erfolg durch Ringen nach einer Stellung unter dem, was man große Welt nennt, durchzubringen. Während die meisten nichts eifriger zu thun wußten, als sich zur Dunkelheit hinaufzuführen, fühlte ich ein besondres Widerstreben, dieß auf die klare und bestimmte Art zu thun, wie es doch in meiner Macht war. Daraus und aus andern Zeugnissen bin ich daher geneigt zu schließen, daß die Dosis von Mystification, die zum Glück der Menschen nöthig ist, mit einer erfahrnen und zarten Hand gemischt werden muß. Unsre Organe sind physisch und moralisch so seltsam beschaffen, daß sie vor allem vor der Wirklichkeit geschützt zu werden verlangen. Wie das physische Auge eines dunklen Glases bedarf, um standhaft in die Sonne zu sehen, so scheint's, muß auch das geistige Auge etwas nebliges haben, um standhaft auf die Wahrheit zu blicken.

Aber während ich vermied, das Geheimniß meines Herzens Annen zu eröffnen, suchte ich häufig Gelegenheit, mit Dr. Etherington und meinem Vater über jene Punkte zu sprechen, die mich am meisten beschäftigten. Von dem erstern hörte ich Sätze, welche zeigen sollten, daß die Gesellschaft nothwendiger Weise in gewisse Classen zerfalle, daß es nicht allein unklug, sondern selbst verbrecherisch sei, die Schranken zu schwächen, durch welche sie abgemarkt worden; der Himmel habe seine Seraphim und Cherubim, seine Erzengel und Engel, seine Heiligen und bloß Seligen, und nach einer in die Augen fallenden Induktion müsse auch diese Welt ihre Könige, Lords und Gemeinen haben. Der gewöhnliche Schluß aller Untersuchungen des Pfarrers war eine Klage über die Verwirrung der Klassen, die England wie eine Strafe Gottes heimsuche. Mein Vorfahr anderer Seits kümmerte sich wenig um gesellschaftliche Classifikation, oder um sonst ein andres conservatives Mittel, die Gewalt ausgenommen. Darüber konnte er den ganzen Tag sprechen, und Regimenter und Bayonette glitzerten in allen seinen Reden. Wenn er am beredtesten darüber war, pflegte er, wie Manners Sutton zu rufen: Ordnung! Ordnung! Auch erinnere ich mich keiner seiner Betrachtungen, die nicht damit endete: »Ach! Jack, das Eigenthum ist in Gefahr!« Ich will nicht behaupten, daß mein Geist ganz unverwirrt aus diesen widerstrebenden Ansichten herauskam, jedoch erlangte ich glücklicher Weise ein Glimmern von einer wichtigen Wahrheit; denn die beiden Commentatoren stimmten herzlich in der Furcht und folglich auch in dem Haß gegen die Masse ihrer Mitmenschen überein. Meine eigne natürliche Neigung trieb mich zur Menschenliebe, und da ich nicht gerne die Wahrheit von Lehren zugab, die mich in offene Feindseligkeit gegen einen so großen Theil der Menschen brachten, entschloß ich mich bald eine eigne aufzustellen, welche, während sie die Fehler vermiede, das Vortreffliche der beiden andern in sich fassen sollte. Es war freilich nichts grosses, nur solch einen Entschluß zu fassen, aber ich werde später Gelegenheit haben, ein Wort über die Weise zu sagen, wie ich sie in Ausführung zu bringen versuchte.

Die Zeit rückte voran, und Anna ward jeden Tag schöner. Ich dachte zwar, sie hätte nach ihrer Unterredung mit ihrem Vater etwas von ihrer Freimüthigkeit und mädchenhaftem Frohsinn verloren, aber dieß schrieb ich der Rückhaltung und Besonnenheit zu, wie sie für den mehr entwickelten Verstand, das größre Schicklichkeitsgefühl, welches junge Weiblichkeit schmückt, sich paßten. Mit mir war sie immer offen und einfach, und sollte ich tausend Jahre leben, die engelgleiche Heitre des Antlitzes, womit sie unwandelbar auf die Theorien meines geschäftigen Gehirns hörte, würden meinem Andenken nicht entfallen.

Wir sprachen von all diesen Dingen eines Morgens ganz allein. Anna hörte mich mit Vergnügen, wenn ich am ruhigsten war, und lächelte schmerzlich, wenn der Faden meiner Beweisgründe durch ein Schwärmen der Phantasie sich verwickelte. Ich fühlte in meines Herzens Innerstem, welch ein Glück solch ein Mentor sein würde, und wie neidenswerth mein Loos wäre, wenn ich sie mir für's Leben sichern könnte. Doch faßte ich nicht Muth (konnte es auch nicht), ihr meine innersten Gedanken darzulegen, und um ein Pfand zu bitten, das in diesen Augenblicken vorübergehender Demuth ich fürchtete, nie würdig zu sein zu besitzen.

»Ich habe selbst daran gedacht, mich zu verheirathen;« fuhr ich fort, zu sehr mit meinen Theorie'n beschäftigt, um den vollen Inhalt meiner Worte mit der Zartheit zu erwägen, wie sie der Offenheit und den überwiegenden Vorrechten zukommt, die der Mann über das schwächere Geschlecht besitzt; »könnte ich eine finden, Anna, so lieblich, so gut, so schön und so verständig wie Ihr, die die Meine sein wollte, ich würde nicht einen Augenblick anstehen; aber leider, fürchte ich, ist dieß nicht mein glückliches Loos. Ich bin nicht der Enkel eines Baronet, und Euer Vater gedenkt, Euch mit einem Manne zu vereinen, der wenigstens zeigen kann, daß die »blutige Hand« ein Mal auf seinem Schild getragen worden, und andrer Seits spricht mein Vater nur von Millionen.«

Während des ersten Theils dieser Rede sah das liebliche Kind gütig zu mir auf, offenbar mit dem Verlangen, mich zu beruhigen, aber gegen das Ende fielen ihre Augen auf ihre Arbeit und sie blieb schweigend.

»Euer Vater sagt, jeder, der ein Interesse am Staat nimmt, sollte ihm Garantie'n geben.« Hier lächelte Anna, aber so versteckt, daß ihr süßer Mund kaum eine Spur verrieth; »und daß niemand anders ihn mit Glück regieren kann. Ich habe daran gedacht, meinen Vater zu bitten, einen Burgflecken und eine Baronie zu kaufen, denn mit dem erstern und dem Einfluß, den sein Geld gibt, braucht er nicht lange auf das andere zu warten, aber ich öffne nie meine Lippe über etwas der Art, daß er nicht antwortet: »Follolderoll, Jack, mit deiner Ritterschaft und socialen Ordnung, und Bischofthümern und Burgflecken, – das Eigenthum ist in Gefahr, – Anlehen und Regimenter, wenn du willst, – gib uns mehr Ordnung! Ordnung! Ordnung! Bayonette brauchen wir, Junge, und gute, heilsame Taxen, die Nation zu gewöhnen, zu den Bedürfnissen des Staats beizutragen und seinen Credit zu erhalten. Ei, junger Mann, wenn die Interessen von der Schuld vier und zwanzig Stunden unbezahlt blieben, dann würde eure Corporation, wie ihr sie nennt, eines natürlichen Todes sterben, und was würde aus euren Rittern und Baronen werden, barWortspiel im Original mit baron und barren (wüst, leer). Der Uebers. und ohne würden genug von ihnen sein durch ihre Verschwendung und Ausschweifungen. Verheirathe dich, Jack, etablire dich vernünftig; da ist der Nachbar Silberpfennig, hat eine einzige Tochter von gehörigem Alter, und ein gutes Weibsbild ist sie noch dazu. Die einzige Tochter von Oliver Silberpfennig wird ein passendes Weib abgeben für den einzigen Sohn von Thomas Goldenkalb; jedoch sag' ich dir, Junge, wirst du mit einer Competenz abgefunden werden; also halte deinen Kopf rein von ausschweifenden Luftschlössern, lerne Oekonomie bei Zeiten, und vor allem, mach keine Schulden.«

Anna lachte, als ich gut gelaunt die wohlbekannte Intonation des Sprechers Sutton nachmachte, aber eine Wolke verdunkelte ihre klaren Züge, als ich schloß.

»Gestern erwähnte ich die Sache bei Eurem Vater,« fuhr ich fort, »und er meinte mit mir, die Idee von dem Burgflecken und der Baronie sei gut. Ihr würdet der zweite Eures Geschlechts sein, Jack,« sagte er, »und das ist immer besser, als der erste; denn es gibt keine Sicherheit, daß jemand ein gutes Glied des Staats sei, die mit der zu vergleichen ist, wenn er vor seinen Augen die Beispiele jener hat, die ihm vorausgegangen, und durch ihre Dienste und Tugenden ausgezeichnet gewesen sind. Wollte Euer Vater ins Parlament kommen, und die Regierung in diesem kritischen Augenblick unterstützen, dann würde seine Geburt übersehen werden, und Ihr stolz auf seine Handlungen zurücksehen können. Wie's jetzt ist, fürcht' ich, ist seine ganze Seele mit der unwürdigen und erniedrigenden Leidenschaft der blosen Gewinnsucht beschäftigt. Geld ist ein nothwendiges Hülfsmittel zum Rang, und ohne Rang kann keine Ordnung sein, und ohne Ordnung keine Freiheit; aber wenn die Liebe zum Geld die Stelle der Achtung vor der Abstammung und den vergangnen Thaten einnimmt, verliert eine Gemeinde eben dadurch sogar das Gefühl, worauf alle ihre Großthaten sich stützen. So seht Ihr, liebe Anna, halten unsre Eltern zu sehr verschiedene Ansichten über einen sehr wichtigen Punkt; und zwischen natürlicher Hinneigung und erworbener Verehrung weiß ich kaum, welche ich annehmen soll. Wenn ich jemand finden könnte, sanft, verständig, schön wie du, die sich meiner erbarmen wollte, würde ich morgen heirathen, und die ganze Zukunft auf das Glück bauen, das mit solch einer Gefährtin zu finden ist.«

Wie gewöhnlich hörte mich Anna stille an. Daß sie jedoch die Ehe nicht ganz so wie ich ansah, zeigte sich deutlich schon den nächsten Tag. Der junge Sir Harry Griffin (der Vater war todt) hielt in aller Form um sie an, und ward entschieden abgewiesen.

Obgleich ich immer im Pfarrhaus glücklich war, konnte ich doch nicht anders als fühlen (noch mehr als sehen), daß, wie der Franzose sagt, ich eine falsche Stellung in der Gesellschaft einnahm. Als der vermuthliche Erbe großer Reichthümer bekannt, konnte ich nicht leicht gänzlich in einem Lande übersehen werden, dessen Regierung auf eine Repräsentation des Eigenthums basirt ist, und wo Burgflecken öffentlich feil sind; doch suchten die, welche zufällig den Vortheil für sich hatten, daß ihr Reichthum durch ihre Vorfahren zusammengebracht worden, mir immer zu beweisen, daß meiner, so ungeheuer er auch sei, nur von meinem Vater herrühre. Zehen tausend Mal wünschte ich, (wie es seitdem durch den großen Feldherrn des Jahrhunderts ausgedrückt worden) daß ich mein eigner Urenkel gewesen; denn trotz der größren Wahrscheinlichkeit, daß wer am nächsten bei'm Gründer eines Vermögens, auch gewiß den größeren Theil von dem zusammengeraften erhält, sowie wer am nächsten in der Abstammung bei dem Urahnen, der sein Geschlecht berühmt gemacht, auch gewiß am meisten noch von dem Einfluß von dessen Charakter in sich verspürt – trotz allem diesem bemerkte ich bald, daß in hochgebildeten und verständigen Staatsgesellschaften, die allgemeine Meinung, insofern sie mit Ansehn und Einfluß zusammenhängt, was die Hauptsache ist, geradezu alle diese vernünftigen Vermuthungen in der Hinsicht verwirft. Ich war nicht an meinem rechten Platze, unruhig, beschämt, stolz und empfindlich, – kurz ich nahm eine falsche Stellung ein; und unglücklicher Weise eine, aus der ich keinen möglichen Ausweg sah, ausgenommen ich fiele nach Lombardstreet zurück, oder schnitte mir die Kehle ab. Anna allein, gütig, lieb, mit den heitern Augen, sie allein fand sich in alle meine Freuden, nahm Theil an allen meinen Bekümmernissen, und schien mich zu sehen, wie ich war, nicht bezaubert durch meinen Reichthum, nicht zurückgestoßen durch meine Geburt. Den Tag, wo sie den jungen Harry Griffin abwieß, hätte ich vor ihr niederknie'n und sie Heilige nennen mögen.

Man sagt, kein moralisches Uebelbefinden werde je durch sein Ergründen besser. Ich war ein lebendiges Beispiel von der Ansicht, daß Hinbrüten über sein Weh und seine Leiden nur das Uebel ärger macht. Ich fürchte sehr, es liegt in der Natur des Menschen, die Vortheile, die er wirklich genießt, gering zu schätzen, und die, welche ihm verweigert worden, zu übertreiben. Fünfzig Mal, während der sechs Monate, die auf die Abweisung des jungen Baronet folgten, entschloß ich mich Herz zu fassen, und zu Annens Füßen zu fallen; und ebenso oft ward ich durch die Besorgniß zurückgeschreckt, daß ich nichts hatte, mich würdig zu machen einer so herrlichen, die noch dazu die Enkelin des siebenten Englischen Baronets war.

Ich will mir nicht herausnehmen, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu erklären, ich bin weder Arzt noch Metaphysiker, aber die Geistesunruhe, die aus so vielen Zweifeln, Hoffnungen, Befürchtungen, Entschlüssen und Aufgaben von Entschlüssen hervorging, fing an meine Gesundheit anzugreifen; und ich wollte eben den Rath meiner Freunde, unter denen Anna die ernsteste und bekümmertste war, nachgeben, und reisen, als ich unerwartet vor das Sterbebette meines Vaters beschieden ward. Ich riß mich vom Pfarrhaus los, und eilte zur Stadt mit der Eile und dem Eifer eines einzigen Sohns und Erben, der bei einer so feierlichen Gelegenheit herbeigerufen wird.

Ich fand meinen Vater noch im Besitz seiner Sinne, obwohl von den Aerzten schon aufgegeben, ein Umstand, der von ihrer Seite eine Uneigennützigkeit und Seltsamkeit bewieß, die man kaum gegen einen Patienten, der nach der allgemeinen Meinung mehr als eine Million reich war, hätte erwarten sollen. Mein Empfang bei dem Gesinde und zwei oder drei Freunden, die bei dieser traurigen Gelegenheit sich versammelt hatten, war voll Mitgefühl und warm, und zeugte von ihrer Besorgniß und Vorsicht.

Meine Aufnahme bei dem Kranken war weniger ausgezeichnet. Das gänzliche Versenken seiner Geisteskräfte in das eine große Streben seines Lebens, eine gewisse Hartnäckigkeit, welche leicht die Oberherrschaft bei denen gewinnt, die entschlossen sind zu erwerben, und welche sich gewöhnlich ihren Manieren mittheilt, ferner der Mangel jener zarteren Bande, die nur durch die Uebung der vertrauteren Liebeserweisungen während unsres Daseins sich ausbilden, – alles dieß hatte einen Bruch zwischen uns hervorgebracht, der durch das einfache, nicht unterstützte Faktum der Verwandtschaft nicht ausgefüllt werden konnte. Ich sage Verwandtschaft, denn trotz der Zweifel, die ihre Schatten auf jenen Zweig des Stammbaumes warfen, durch den ich mit meinem Großvater von mütterlicher Seite zusammenhing, ist offenbar das Recht des Königs auf seine Krone nicht offenbarer, als meine direkte Abkunft von meinem Vater. Ich hielt ihn immer für meinen Vorfahr de jure und de facto und hätte ihn wohl als solchen lieben und ehren mögen, wenn die Stimme der Natur auf meiner Seite zärtere Erwiederungen von ihm gefunden hätte.

Trotz der langen, und unnatürlichen Entfremdung, die so zwischen Vater und Sohn bestanden hatte, war das Zusammentreffen bei dieser Gelegenheit nicht ganz ohne einige Zeichen des Gefühls.

»Du bist endlich gekommen, Jack,« sagte mein Vorfahr, »ich fürchtete, Junge, du möchtest zu spät kommen.« Das schwere Aufathmen, der geisterhafte Blick und die gebrochene Sprache meines Vaters erfüllte mich mit Schrecken; es war das erste Sterbebett, an dem ich je gestanden und das mahnende Gemälde der zur Ewigkeit schreitenden Zeit ward unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Es war nicht nur eine Sterbescene, es war eine Familien-Sterbescene. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir schien, mein Vorfahr gliche mehr einem Goldenkalb als je zuvor.

»Endlich bist du gekommen, Jack,« wiederholte er, »und das freut mich; du bist der einzige, der mir nun noch Sorge macht. Es wäre vielleicht besser gewesen, hätte ich mehr mit meiner Familie gelebt, – aber du wirst den Vortheil davon haben; ach, Jack, wir sind bei dem allem armselige Sterbliche; abgerufen zu werden so plötzlich und noch so jung.«

Mein Vorfahr hatte seinen siebzigsten Geburtstag erlebt, aber leider! hatte er noch nicht seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen, obwohl er dem Arzt seinen letzten Sold gegeben, und den Pfarrer mit einem Geschenk für die Armen des Sprengels fortgeschickt hatte, das selbst einen Bettler für sein ganzes Leben würde froh gemacht haben.

»Du bist endlich gekommen, Jack, nun gut, mein Unglück wird dein Gewinn sein. Junge! Schick die Wärterin aus dem Zimmer.«

Ich that, wie er befohlen und wir waren allein.

»Nimm diesen Schlüssel;« er gab mir ihn unter seinem Kissen hervor, »und öffne die obere Schublade meines Sekretairs. Bring mir das Packet mit deiner Adresse.«

Ich gehorchte schweigend; worauf denn mein Vorfahr erst mit einer Trauer darauf blickte, die ich nicht gut beschreiben kann, denn sie war weder weltlich, noch ganz von einem ätherischen Charakter, sondern eine seltsame fürchterliche Zusammensetzung von beiden, worauf er dann die Papiere in meine Hand gab, langsam und mit Widerstreben sie loslassend.

»Du wirst warten, bis mich dein Auge nicht mehr sieht, Jack.«

Eine Thräne brach daraus hervor und fiel auf die abgemagerte Hand meines Vaters; er sah gedankenvoll auf mich und ich fühlte ein leises Drücken, das seine Rührung bezeugte.

»Es wäre wohl besser gewesen, Jack, hätten wir uns mehr gekannt. Aber die Vorsehung ließ mich den Vater nicht kennen und kinderlos lebte ich durch meine Thorheit. Deine Mutter war eine Heilige, glaub' ich, aber ich fürchte, ich erfuhr es zu spät. Nun, ein Segen kommt oft erst um Mitternacht.«

Da mein Vorfahr jetzt den Wunsch zu erkennen gab, ungestört zu bleiben, rief ich die Wärterin und verließ das Zimmer; in meine eigne bescheidne Stube zog ich mich zurück, wo der Pack Papiere, versiegelt und von der eignen Hand meines Vaters an mich adressirt, sorgfältig unter ein gutes Schloß gelegt ward. Ich traf mit meinem Vater nur noch ein Mal unter Umständen zusammen, die eine verständliche Mittheilung zuließen. Von der Zeit unsrer ersten Zusammenkunft an ward er allmählich schlimmer, seine Vernunft wankte und gleich Shakspeare's sündhaftem Cardinal, »starb er und gab kein Zeichen von sich.«

Drei Tage nach meiner Ankunft jedoch ward ich allein mit ihm gelassen, und plötzlich erwachte er aus einem an Ohnmacht grenzenden Zustand. Es war das einzige Mal seit der ersten Zusammenkunft, wo er mich auch nur zu erkennen schien.

»Endlich bist du gekommen,« sagte er in einem Ton, der schon aus dem Grabe zu kommen schien. »Kannst du mir sagen. Junge, warum sie goldne Ruthen hatten, die Stadt auszumessen? (seine Wärterin hatte ihm ein Kapitel aus der Offenbarung gelesen, das er sich selbst ausgewählt). Du siehst, Junge, die Mauer selbst war von Jaspis und die Stadt von eitel Gold. Ich werd' kein Gold nöthig haben in meiner neuen Wohnung, ha! man wird dort keins brauchen! Ich bin nicht geizig, Jack; wollte Gott, ich hätte das Gold weniger geliebt, und meine Familie mehr! Die Stadt selbst ist von eitel Gold und die Mauern von Jaspis, herrliche Wohnung! ha! Jack; du hörst's, Junge, – ich bin glücklich, zu glücklich! Gold! Gold!«

Die letzten Worte wurden mit einem Schrei ausgestoßen, sie waren die letzten, die je von den Lippen Thomas Goldenkalb's kamen. Der Lärm brachte die Wärter herein, sie fanden ihn todt. Ich ließ sie das Zimmer verlassen, sobald die traurige Wahrheit gehörig feststand und blieb mehrere Augenblicke allein mit der Leiche. Das Gesicht lag im Tod, die Augen, noch offen, hatten den abstoßenden Glanz des wahnsinnigen Entzückens, womit der Geist abgeschieden, und das ganze Antlitz zeigte das furchtbare Bild eines hoffnungslosen Endes. Ich kniete nieder und betete, obwohl Protestant, inbrünstig für die Seele des Verstorbenen. Ich schied dann von dem ersten und letzten all meiner Vorfahren.

Diesem Auftritt folgte die gewöhnliche Zeit äußrer Trauer, das Begräbniß und dann die getäuschten Erwartungen der Überlebenden. Ich sah das Haus sehr besucht von vielen, die selten oder nie beim Leben seines früheren Eigenthümers seine Schwelle betreten hatten. Viel Munkeln und Blispern begann, man sah mich bedeutungsvoll an, ohne daß ich von dem allen etwas verstand; nach und nach mehrte sich die Zahl des regelmäßigen Besuchs, und belief sich zuletzt auf zwanzig. Unter ihnen war der Pfarrer des Sprengels, die Vorsteher einiger berühmten Wohlthätigkeitsanstalten, drei Procuratoren, vier oder fünf wohl bekannte Börsenmänner, unter ihnen der Vorderste Sir Joseph Job, und drei von den gewöhnlichen Barmherzigen, deren einzige Beschäftigung zu sein scheint, den versteckten Wohlthätigkeitssinn ihrer Nachbarn hervorzurufen und zu beleben.

Den Tag, nachdem mein Vorfahr für immer unsern Blicken entzogen worden, war das Haus mehr als gewöhnlich angefüllt. Die geheimen Verhandlungen nahmen zu an Ernst und Häufigkeit, und endlich ward ich aufgefordert, mit diesen lästigen Gästen in das Zimmer, das das sanctum sanctorum des früheren Hauseigenthümers gewesen, zusammenzukommen. Als ich unter zwanzig fremde Gesichter trat, voll Verwunderung, wie ich, der bisher so wenig bemerkt, durch's Leben gegangen, so unzeitiger Weise belästigt werden sollte, stellte sich mir Sir Joseph Job als den Sprecher der Versammlung dar.

»Wir haben nach Ihnen geschickt, Herr Goldenkalb,« begann der Herr, sich gebührend die Augen wischend, »weil wir dafür halten, daß Achtung für unsern verstorbenen sehr geehrten, vortrefflichen und ehrbaren Freund es verlangt, nicht länger seinen letzten Willen hintanzusetzen, sondern ohne weitres zur Eröffnung seines Testaments zu schreiten, und dann die gehörigen Maaßregeln zu dessen Vollstreckung zu treffen. Es würde mehr in der Ordnung gewesen sein, wenn wir dies vor seiner Beerdigung gethan, denn wir könnten seinen Willen in Hinsicht seiner verehrten Ueberreste nicht so gerade errathen haben. Indeß ist es mein fester Vorsatz, alles so angeordnet zu wissen, wie er gewollt, sollten wir selbst genöthigt sein, die Leiche wieder auszugraben.«

Ich bin von Natur ruhig und vielleicht leichtgläubig, aber nicht ganz ohne die gehörige Empfindsamkeit. Was Sir Joseph Job oder sonst Jemand ausser mir mit dem Testament meines Vorfahrens zu thun hatte, wollte mir zuerst nicht einleuchten, und ich unterließ nicht, so etwas in Ausdrücken zu erkennen zu geben, die nicht leicht mißverstanden werden konnten.

»Als einziges Kind und noch dazu einzige Verwandte des Verstorbenen,« sagte ich, »sehe ich nicht recht ein, meine Herren, in wie fern diese Sache auf so lebhafte Art so viele Fremde interessiren kann.«

»Sehr scharfsinnig und passend, freilich Sir,« entgegnete Sir Joseph lächelnd, »aber sie sollten wissen, junger Mann, daß wenn es Leute giebt wie Erben, es auch solche wie Testamentsvollstrecker giebt.«

Das wußte ich schon, und ich hatte schon irgendwo die Ansicht gewonnen, daß der letztre gemeiniglich als der profitlichere Stand sich zeige.

»Haben Sie einigen Grund anzunehmen, Sir Joseph, daß mein verstorbener Vater Sie zum Vollstrecker bestellte?«

»Das wird sich besser am Ende zeigen, junger Herr! Ihr verstorbener Vater soll reich gestorben sein, sehr reich, – nicht daß er gegen eine halbe Million so viel hinterlassen, als das Gerücht behauptet, aber es ist ganz bedeutend, und es wäre unvernünftig anzunehmen, ein Mann von seiner großen Vorsicht und Klugheit sollte sein Geld an den gesetzlichen Erben übergehen lassen, dieser Erbe, ein junger Mann von nur 23 Jahren, unerfahren in Geschäften, nicht zu sehr mit Klugheit begabt, und mit all den Neigungen derer von seinen Jahren in dieser übelberathenen und ausschweifenden Zeit; – er hätte es ihm überlassen ohne gewisse Vorkehrungen und Sicherheiten, die sein hart Erworbenes für noch einige Zeit unter die Sorgfalt von Männern stellen, die wie er den vollen Werth des Goldes kennen?«

»Nein, niemals, es ist ganz unmöglich, es ist mehr als unmöglich!« riefen kopfschüttelnd die Beistehenden.

»Besonders da der verstorbene Herr Goldenkalb mit den meisten soliden Namen an der Börse, z. B. Herrn Joseph Job sehr vertraut war;« fügte ein anderer hinzu.

Sir Joseph nickte, lächelte, strich sich das Kinn und wartete auf die Antwort.

»Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph!« sagte ich ironisch, »aber es thut nichts! Wenn ein Testament da ist, liegt es ebensowohl in meinem Interesse, als möglicher Weise in dem Ihrigen, seinen Inhalt zu kennen, und ich gebe gerne zu, daß auf der Stelle darnach gesucht werde.«

Sir Joseph blickte Dolche nach mir; aber als Geschäftsmann nahm er mich beim Wort, und nach Empfang der dargebotenen Schlüssel, ward sogleich eine geeignete Person in Thätigkeit gesetzt, die Schubladen zu öffnen. Das Suchen ging ohne Erfolg vier Stunden lang vor sich. Jede geheime Schublade wurde durchwühlt, jedes Papier geöffnet, und manch neugieriger Blick auf den Inhalt der letztern geworfen, um einige Winke über den wahrscheinlichen Belauf der ausstehenden Capitalien des Verstorbenen zu erhalten. Bestürzung und Unruhe stiegen sehr augenscheinlich unter den meisten der Zuschauer, während die fruchtlose Nachforschung vor sich ging und als der Notar mit der Erklärung endete, daß kein Testament zu finden sei, noch sonst ein Zeichen von Ausständen, heftete sich jedes Auge auf mich, als wenn ich im Verdacht stände, weggestohlen zu haben, was nach dem natürlichen Gange mein werden mußte, ohne die Notwendigkeit eines Verbrechens.

»Es muß irgendwo ein geheimes Fach für die Papiere sein,« sagte Sir Joseph Job, als wenn er mehr argwöhnte, als er für jetzt sagen wollte. »Herr Goldenkalb ist mit einer bedeutenden Summe in den Staatsschuldbüchern interessirt, und doch findet sich hier nicht ein Papierstreifen von einem Pfd. Sterling!«

Ich verließ das Zimmer und kehrte bald mit dem Bündel zurück, das mir von meinem Vater übergeben worden.

»Hier, Ihr Herren,« sagte ich, »ist ein großes Packet Papiere, das mir von dem Verstorbenen eigenhändig auf seinem Sterbebett eingehändigt ward. Es ist, wie Sie sehen, unter seinem Siegel und unter meiner Adresse, von seiner eignen Hand, und es ist wohl für keine Anmaßung anzunehmen, daß der Inhalt mich ganz allein betrifft. Doch da Sie sich für des Verstorbenen Angelegenheiten so sehr interessiren, soll es jetzt geöffnet werden, und der Inhalt, so weit Sie einiges Recht haben können, ihn zu erfahren, Ihnen nicht verborgen bleiben.«

Mir schien's, Sir Joseph sah ernsthaft aus beim Anblick des Packs und nachdem er die Handschrift auf der Decke untersucht hatte. Alle jedoch bezeugten ihre Zufriedenheit, daß die Nachsuchung nun wahrscheinlich beendet sei. Ich zerbrach das Siegel, und legte den Inhalt des Couverts dar. Darin befanden sich verschiedene Packete, jedes unter dem Siegel des Verstorbenen und an mich, wie die äußere Decke von seiner eignen Hand adressirt. Jedes dieser kleineren Packete hatte auch eine besondere Aufschrift über seinen Inhalt. Ich nahm sie, wie sie lagen, und las die Aufschrift eines jeden, ehe ich zum nächsten überging. Sie waren auch numerirt.

»Nro. 1.,« fing ich an, »Scheine auf die Staatsschuld von Th. Goldenkalb. 12. Juni 1815.« Wir hatten damals den zwanzigsten desselben Monats und Jahrs. Als ich dieses Packet bei Seite legte, sah ich, daß die aufgeschriebene Summe weit eine Million überstieg.

»Nro. 2. Scheine der Bank von England.« Die Summe war mehrere hundert Tausende. »Nro. 3. Süd-See-Annuitäten,« fast 300,000 Pf. »Nro. 4. Schuldscheine und Verschreibungen.« 430,000 Pf. »Nro. 5. Verschreibung von Sir Peter Job, 63,000 Pf.«

Ich legte das Papier hin, und rief unwillkührlich aus: »Das Eigenthum ist in Gefahr!« Sir Joseph ward blaß, aber er winkte mir fortzufahren und sagte: »Wir werden bald an das Testament kommen, Sir.«

»Nr. 6.« Ich zögerte, denn es war eine Verschreibung an mich selbst, die, wie ich eben daraus sah, ein verunglückter Versuch war, die Zahlung der Erbschaftstaxe zu umgehen.

»Nun, Sir, Nro. 6?« fragte Sir Joseph mit tremulanter Freude.

»Ist ein Papier, das mich selbst betrifft, womit Sie nichts zu schaffen haben, Sir.«

»Wir werden sehen, Herr, wir werden sehen; wenn Sie, sich weigern, gibt's Gesetze, Sie zu zwingen.«

»Zu was, Sir Joseph Job? Meines Vaters Schuldnern Papiere zu zeigen, die ausschließlich an mich adressirt sind, und mich nur betreffen können? Aber hier ist das Papier, meine Herren, das Sie so sehr zu sehen wünschen. Nro. 7. Letzter Wille und Testament des Th. Goldenkalb, 17. Juni 18l5.« (Er starb den 24. desselben Jahrs.)

»Ah, das köstliche Papier!« rief Sir Joseph Job aus, seine Hand eifrig darnach streckend, als erwarte er, er werde es erhalten.

»Dies Papier, wie Sie sehen, meine Herren,« sagte ich, und hielt's in die Höhe, daß alle Anwesende es sehen möchten, »ist besonders an mich adressirt, und ich werd's nicht aus der Hand lassen, bis ich ersehe, daß jemand anders ein besser Recht darauf hat.«

Ich gestehe, der Muth gebrach mir, als ich es eröffnete, denn ich hatte nur wenig meinen Vater gekannt, und wußte, daß er ein Mann von eben so besondern Ansichten als Gewohnheiten gewesen. Das Testament war ganz von seiner Hand und sehr kurz. Ich faßte Herz und laß laut folgendes vor:

»Im Namen Gottes, Amen. – Ich, Th. Goldenkalb aus dem Kirchsprengel Bow, in der Stadt London, verkünde und erkläre dieß Instrument als meinen letzten Willen und Testament. Nämlich:

»Ich vermache meinem einzigen Kind und sehr geliebten Sohn, John Goldenkalb, all mein Besitzthum in dem vorbesagten Sprengel Bow und der Stadt London, daß er es besitze als einfaches Besitzthum für sich, seine Erben und Stellvertreter für immer.«

»Ich vermache meinem einzigen Kind und vielgeliebten Sohn, dem besagten John Goldenkalb, all mein persönliches Eigenthum, von welcher Art und Beschaffenheit es immer sei, in dessen Besitz ich mich bei meinem Tode befinde, einschließlich Verschreibungen und Schuldscheine bei der Staatsschuld, Banknoten, einfache Scheine, Gut und Vieh, und alle andre Effekte, ihm, seinen Erben und Stellvertretern.«

»Ich ernenne und bestelle meinen genannten vielgeliebten Sohn, John Goldenkalb, zum alleinigen Vollzieher dieses meines letzten Willens und Testaments, und rathe ihm, keinem von denen, die sich für meine Freunde ausgeben mögen, zu vertrauen, besonders allen Ansprüchen und Bitten Sir Joseph Jobs ein taubes Ohr zu leihen. Zum Zeugniß von welchem u.s.w. u.s.w.«

Dieses Testament war gehörig ausgefertigt, und Zeugen waren die Wärterin, der Hauptcommis und das Hausmädchen.

»Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph,« bemerkte ich trocken, als ich die Papiere, sie aufzuheben, zusammennahm.

»Dieß Testament kann umgestoßen werden, meine Herren,« schrie der Mann in Wuth, »es ist eine Schmähschrift.«

»Und wem zu Nutz, Sir Joseph?« fragte ich ruhig. »Mit und ohne dieß Testament, möchten meine Ansprüche auf meines Vaters Capitalien gleich triftig sein.«

Dieß war so augenscheinlich wahr, daß sich die Klügeren schweigend entfernten, und selbst Sir Joseph ging nach kurzem Zögern, während welchem er seltsam bewegt schien, weg. Die Woche darauf ward sein Bankrot, in Folge einiger übertrieben gewagten Spekulationen an der Börse, bekannt gemacht, und so erhielt ich für meine Verschreibung von 63000 Pf. nur 3 Shilling, 4 Pence vom Pfund.

Als mir das Geld ausbezahlt wurde, konnte ich mich nicht enthalten, bei mir auszurufen: »das Eigenthum ist in Gefahr!«

Am folgenden Tag schloß Sir Joseph Job seine Rechnung dadurch mit der Welt ab, daß er sich die Kehle abschnitt.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.