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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
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Zweites Kapitel.

Von mir und zehen Tausend Pfund.

Obgleich mein Vorfahr viel zu weise war, um nicht manchmal in weltlicher Rücksicht auf seinen Ursprung zurückzuschauen, so warf er doch diese Rückblicke nie so weit, daß sie das hohe Geheimniß seines moralischen Zustandes hätten erreichen können, und während seine Gedanken, wie man hätte sagen mögen, immer auf der Jagd waren, Blicke in die Zukunft zu thun, waren sie doch viel zu irdisch, um sich über einen andern Abrechnungstag zu verbreiten, als den, der durch die Stockbörse regulirt ward. Bei ihm war geboren worden, nur der Anfang einer Speculation und sterben das Abschließen der allgemeinen Bilanz zwischen Gewinn und Verlust. Ein Mann also, der so selten über die wichtigen Wechsel des Lebens nachgedacht hatte, war um so weniger vorbereitet, auf die sichtliche Erhabenheit des Sterbebettes zu blicken. Obgleich er nie meine Mutter wahrhaft geliebt hatte, denn Liebe war ein viel zu reines und erhabenes Gefühl für einen Mann, dessen Einbildung gewöhnlich über den Schönheiten des Rentenbuchs verweilte, war er doch immer gütig gegen sie gewesen, und zuletzt war er selbst, wie schon gesagt, sogar ziemlich geneigt, zu ihren zeitlichen Bequemlichkeiten soviel beizutragen, als nur immer mit seinen Bestrebungen und Gewohnheiten verträglich war. Andrerseits verlangte das ruhige Gemüth meiner Mutter eine mehr erregende Ursache, als dieß bei der Zuneigung ihres Mannes der Fall war, um diese Keime tiefer, ruhiger, weiblicher Liebe zu beleben, die gewiß in ihrem Herzen versteckt waren, wie der Saame, den des Winters unerfreuliche Kälte drückt. Das letzte Zusammentreffen eines solchen Paars konnte nicht wohl von heftigen Ergüssen des Schmerzes begleitet sein. Doch war mein Vorfahr tief von den körperlichen Veränderungen im Aeußern seiner Frau betroffen. »Du bist sehr mager geworden, Betsey,« sagte er, und nahm nach einer langen feierlichen Pause ihre Hand; »vielmehr als ich geglaubt hatte, oder hätte denken können. Gibt die Wärterin Dir stärkende Suppe und Nahrung?« Meine Mutter lächelte das geisterhafte Lächeln des Todes, aber wieß bei dieser Aeußerung voll Ueberdruß mit der Hand zurück. »Dieß all ist jetzt zu spät«, antwortete sie, und sprach mit einer Deutlichkeit und Stärke, wozu sie lange ihre Kraft zurückgehalten. »Nahrung und Kleidung stehen nicht ferner unter meinen Bedürfnissen.«

»Gut, gut Betsey, fehlt es einem weder an Nahrung noch Kleidung, so kann man doch gerade nicht in großer Noth sein, und ich freue mich, daß es dir in soweit wohl ergeht. Doch sagt mir Dr. Ethrington, körperlich stehe es nicht so gut, und ich bin ganz besonders hierher gekommen, um zu sehen, ob ich etwas anordnen kann, was beitragen mag, deine Lage leichter zu machen.«

»Das kannst du, mein Gemahl; meine Bedürfnisse für dieses Leben sind fast vorüber, eine kurze Stunde oder zwei werden mich über diese Welt hinausbringen, über ihre Sorgen, ihre Eitelkeiten, ihre – –« Meine arme Mutter gedachte wahrscheinlich hinzuzufügen, ihre Herzlosigkeit oder ihren Eigennutz; aber sie strafte sich und machte eine Pause. »Durch die Gnade unsres gebenedeiten Erlösers und die gütige Bemühung dieses vortrefflichen Mannes,« begann sie wieder und warf ihr Auge erst nach oben voll heiliger Ehrfurcht, und dann nach dem Geistlichen mit ruhiger Dankbarkeit, »verlasse ich dich ohne Beängstigung und wäre eins nicht, auch ohne Sorge.«

»Und was macht dich so besonders besorgt, Betsey?« fragte mein Vater, und schneuzte sich, sprach aber mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit; »wenn es in meiner Macht steht, dein Herz darüber oder über sonst etwas zu beruhigen, nenne es, und ich will Befehle geben, es sogleich auszuführen. Du bist ein gutes frommes Weib gewesen, und kannst dir wenig vorzuwerfen haben.«

Meine Mutter sah ernst und nachdenkend auf ihren Gemahl. Nie vorher hatte er so große Theilnahme an ihrem Glück gezeigt; und wäre es, ach! nicht zu spät gewesen, dieses Aufglimmen von Güte hätte die eheliche Fackel zu einer glänzenderen Flamme anfachen mögen, als sie je früher geglüht hatte.

»Mein Gemahl, wir haben einen einzigen Sohn –«

»Ja, Betsey, und es wird dich erfreuen zu vernehmen, daß der Arzt glaubt, der Junge möge eher am Leben bleiben, als einer seiner armen Brüder und Schwestern.«

Ich kann mir die heilige, geheimnißvolle Urquelle der Mutterliebe nicht erklären, die bewirkte, daß meine Mutter die Hände faltete, ihre Augen zum Himmel erhob und während ein Freudestrahl über die gebrochenen Augen und welken Wangen glitt, Gott für das theure Pfand ihren Dank stammelte. Sie selbst eilte schon weg zum ewigen Glück derer, die reinen Herzens sind, der Erlösten, und ihre Phantasie, ruhig und einfach, hatte ihr schon Bilder vorgezaubert, worin sie und ihre Abgeschiednen vor dem Throne des Höchsten standen, seinen Ruhm sangen und unter den Sternen glänzten,– und doch freute sie sich jetzt, daß das letzte und geliebteste von all ihrer Nachkommenschaft ausgesetzt seyn sollte all den Uebeln und Lastern, – ja all dem Greuel eines Zustandes, den sie selbst so gerne verließ.

»Von unserm Knaben möcht' ich jetzt sprechen,« begann meine Mutter wieder, als ihr Gebet geendet; »das Kind wird Belehrung und Sorgfalt nöthig haben, kurz, Vater und Mutter brauchen.«

»Betsey, du vergißt, daß er immer noch den erstern haben wird.«

»Du bist zu sehr in deine Geschäfte vertieft und außerdem nicht geeignet, ein Kind zu erziehen, das zum Unglück und zur Verführung großer Reichthümer geboren ward.«

Mein herrlicher Ahn sah auf, als dächte er, seine sterbende Gefährtin habe in Wahrheit für immer von ihrer Besinnung Abschied genommen.

»Es gibt öffentliche Schulen, Betsey, ich verspreche dir, das Kind soll nicht vergessen werden, ich will ihn wohl unterrichten lassen, sollte es mich Tausende jährlich kosten.«

Sein Weib streckte die Hand nach der Seinigen aus, und drückte mit der abgemagerten so hart, als eine sterbende Mutter konnte; für einen schnellen Augenblick schien sie selbst von ihrer letzten Sorge befreit zu sein. Aber ihre Kenntniß von ihres Mannes Charakter, die sie durch dreißigjährige harte Erfahrung gewonnen, konnte durch die Dankbarkeit eines Augenblicks nicht umgestoßen werden.

»Ich wünsche«, begann sie wieder ängstlich, »dein feierliches Versprechen zu erhalten, die Erziehung unseres Knaben dem Herrn Etherington zu übertragen, du kennst seinen Werth und mußt volles Vertrauen in ihn haben.«

»Nichts würde mir größre Freude machen, meine liebe Betsey, und wenn Herr Etherington ihn aufnehmen will, will ich Jack noch diesen Abend in sein Haus schicken, denn die Wahrheit zu sagen, ich bin nur wenig dazu geschaffen, die Aufsicht über ein Kind unter einem Jahr zu übernehmen. Ein Hundert des Jahrs mehr oder weniger soll einen so guten Handel nicht zerschlagen.«

Der Geistliche war ein Mann von Ehre und sah ernst bei dieser Rede; jedoch als er den ängstlichen Augen meiner Mutter begegnete, verloren seine ihren Unwillen in einem Blick von Ruhe und Mitleid.

»Der Lohn für seine Erziehung wird sich leicht bestimmen,« fügte meine Mutter hinzu, »aber der Doctor hat nur ungern die Verantwortlichkeit wegen meines armen Jungens übernommen, und zwar nur unter zwei Bedingungen.«

Der Papierspeculant bat mit den Augen um Aufschluß.

»Die eine ist, daß das Kind von seinem vierten Jahr an allein seiner Sorge überlassen werden soll, und die andere, daß du ein Vermächtniß machst zur Unterhaltung zweier armen Schüler an einer der Hauptschulen.«

Als meine Mutter die letzten Worte herausgebracht, fiel sie zurück auf ihr Kissen, von wo ihre Theilnahme an dem Gegenstand sie vermochte, ihr Haupt ein wenig aufzurichten; sie rang leise nach Athem in der Ueberfülle ihrer Angst die Antwort zu vernehmen. Mein Vorfahr zog die Stirne zusammen, wie einer, der einsah, es sei eine Sache, die Nachdenken forderte.

»Du weißt vielleicht nicht, Betsey, daß dergleichen Stiftungen viel Geld wegnehmen, viel Geld, und oft unnützer Weise.«

»Zehn Tausend Pfund ist die Summe, über die Madame und ich übereingekommen,« bemerkte fest der Geistliche, der nach meiner Vermuthung gehofft hatte, seine Bedingung werde zurückgewiesen werden, da er mehr den dringenden Bitten eines sterbenden Weibes als seiner eignen Ansicht von dem, was wünschenswerth oder nützlich sein möchte, gefolgt war.

»Zehen Tausend Pfund!«

Meine Mutter konnte nicht sprechen, doch gelang ihr ein bittendes Zeichen der Bejahung.

»Zehen Tausend Pfund ist viel Geld, meine liebe Betsey, viel, sehr viel.«

Meine Mutter wechselte die Farbe zur Blässe des Todes und nach ihrem Athmen zu urtheilen, schien sie in den letzten Zügen.

»Nun, nun, Betsey,« sagte mein Vater ein wenig hastig, denn er ward erschreckt bei ihrem blassen Antlitz und großer Betrübniß; »mag es so sein, das Geld, – ja, ja, es soll bezahlt werden, wie Du wünschest; nun gib Dein treues Herz zur Ruhe.«

Diese Spannung des Gefühls war zu stark für die Schwäche meiner Mutter, die eine Stunde zuvor kaum, so schien es, hätte sprechen können. Sie reckte ihre Hand nach ihrem Gemahl aus, lächelte freundlich in sein Gesicht, und lispelte das Wort Dank; dann, da ihr Körper alle Kräfte verlor, sank sie in den letzten Schlaf, so ruhig, wie das Kind sein Haupt neigt auf dem Busen der Amme. Dieß war, bei allem dem, ein plötzlicher und gewissermaßen unerwarteter Tod; alle Anwesenden waren von Ehrfurcht erfüllt. Mein Vater staunte für eine ganze Minute auf die ruhigen Züge seines Weibes und verließ schweigend das Zimmer. Ihm folgte Dr. Etherington, welcher ihn zu seinem geheimen Kabinette begleitete, wo sie diesen Abend zum ersten Mal zusammengekommen, und keiner sprach eine Sylbe, bis sie sich gesetzt.

»Sie war eine gute Frau, Dr. Etherington,« sagte der Verwittwete, und schüttelte voll Bewegung sein Knie.

»Sie war eine gute Frau, Herr Goldenkalb.«

»Und ein gutes Weib.«

»Ich habe sie immer für ein gutes Weib gehalten, Sir.«

»Treu, gehorsam und sparsam.«

»Drei Eigenschaften, die von großem praktischen Nutzen in den Geschäften dieser Welt sind.«

»Ich werde nie wieder heirathen, Sir.«

Der Geistliche machte eine Verbeugung.

»Nein, ich könnte nie so eine zweite finden.«

Wieder verbeugte der Geistliche sein Haupt, jedoch war die Beistimmung von einem leichten Lächeln begleitet.

»Nun sie hat mir einen Erben gelassen.«

»Und etwas mitgebracht, was er erben könnte,« bemerkte der Doctor trocken.

Mein Ahn blickte forschend zu seinem Gefährten auf, aber offenbar war viel von seinem Sarkasmus weggeworfen.

»Ich übergebe dem letzten Verlangen meiner geliebten Betsey gemäß das Kind Eurer Sorgfalt, Doctor Etherington.«

»Ich nehme den Auftrag an, Herr Goldenkalb, nach dem der Verstorbenen gegebenen Versprechen, aber ihr werdet Euch erinnern, daß eine Bedingung an dieß Versprechen geknüpft war, welche getreu und schnell erfüllt werden muß.«

Mein Vorfahr war zu sehr an Beobachtung der Verbindlichkeiten des Handels gewöhnt, dessen Gesetzbuch nur für gewisse Fälle Betrügereien zuläßt, die indeß in seinen allgemein angenommenen Regeln der Ehre gehörig bestimmt sind. Es ist eine Art besondrer Moral, mehr auf Convenienz unter seinen Bekennern gegründet, als auf die allgemeinen Rechtssätze. Er achtete den Buchstaben des Versprechens, während es ihm in seiner Seele verlangte, den eigentlichen Sinn desselben zu vermeiden; und seine List suchte schon emsig nach den Mitteln, was er so sehr wünschte; zu vollbringen.

»Ich leistete freilich der armen Betsey ein Versprechen,« antwortete er sinnend, »und es war sogar ein Versprechen unter sehr feierlichen Umständen.«

»Versprechen an Sterbende sind doppelt bindend, da durch ihr Abscheiden in die Welt der Geister sie die Erfüllung derselben, so zu sagen, der ausschließlichen Oberaufsicht des Wesens überlassen, das nicht lügen kann.«

Mein Vorfahr seufzte; sein ganzes Wesen erzitterte und sein Vorsatz wurde erschüttert.

»Doch ließ Euch die arme Betsey als ihren Stellvertreter in diesem Fall,« bemerkte er nach einem Zögern von mehr als einer Minute, und warf seine Augen forschend auf den Geistlichen.

»Gewisser Maßen, freilich, Herr.«

»Und ein Stellvertreter mit voller Macht ist gesetzlich wie ein Eigenthümer, nur unter einem andern Namen; ich denke die Sache kann zu unsrer gegenseitigen Zufriedenheit abgemacht, und die Absicht der armen Betsey dennoch vollkommen erreicht werden. Sie, das arme Weib, verstand wenig von Geschäften, wie es auch für ihr Geschlecht am besten war; und wenn Weiber Sachen von Wichtigkeit unternehmen, machen sie gewöhnlich seltsame Arbeit.«

»Wird nur die Absicht der Verstorbenen vollständig erfüllt, so werdet Ihr mich nicht begehrlich finden.«

»Ich dacht' es auch; ich wußte, zwischen zwei verständigen Leuten könne keine Schwierigkeit sich zeigen, wenn sie, so etwas in Ordnung zu bringen, mit ehrlichen Absichten zusammenkommen. Die Absicht der armen Betsey war, ihr Kind unter Eure Obhut zu bringen, in der Erwartung (und ich lasse ihr hierin alle Gerechtigkeit widerfahren), der Knabe werde von Euren Kenntnissen mehr Nutzen ziehen, als möglicher Weise von meinen.«

Dr. Etherington war zu ehrlich, diesen Vordersätzen zu widersprechen, und zu höflich, sie ohne eine Verbeugung der Anerkennung anzunehmen.

»Da wir, mein lieber Herr, in Hinsicht der Präliminarien ganz einstimmig sind,« fuhr mein Vorfahr fort, »wollen wir ein wenig mehr ins Einzelne gehen. Es scheint mir nicht mehr als billig, daß, wer die Arbeit thut, auch den Lohn empfange; in diesem Grundsatz bin ich erzogen worden; darin möchte ich meinen Sohn erzogen haben, und nach ihm hoffe ich immer zu verfahren.«

Eine zweite Verbeugung bezeugte die schweigende Beistimmung des Geistlichen.

»Nun, die arme Betsey, – der Himmel segne sie, sie war eine sanfte, ruhige Lebensgefährtin, und verdient reichlich dafür belohnt zu werden in einem künftigen Zustand; aber die arme Betsey hatte wenig Kenntniß von Geschäften; sie bildete sich ein, wenn sie 10,000 Pfund für milde Zwecke vermache, handle sie recht, während sie in der That eine Ungerechtigkeit beging. Wenn Ihr die Mühe und Sorge der Erziehung des kleinen Jack übernehmt, wer anders als Ihr sollte die Belohnung erhalten?«

»Ich erwarte, Herr Goldenkalb, daß Ihr die Mittel zur Unterhaltung des Kindes herbeischaffet.«

»Davon ist nicht nöthig zu sprechen, Sir,« unterbrach ihn mein Vorfahr schnell und stolz; »ich bin ein vorsichtiger und ein kluger Mann, ein Mann, der den Werth des Geldes kennt, glaub ich, aber kein Geizhals, mein eigen Fleisch und Blut verkümmern zu lassen. Jack soll nie an etwas Mangel leiden, so lange es in meiner Macht steht, es herbeizuschaffen. Ich bin lange nicht so reich, als die Nachbarn annehmen, Herr, aber dann bin ich auch kein Bettler. Ich darf sagen, wenn all meine Ausstände gehörig berechnet werden, ich 100,000 Pfund besitze.«

»Man sagt, Ihr hättet eine weit größere Summe mit der verstorbenen Mad. Goldenkalb erhalten,« bemerkte der Geistliche nicht ohne Tadel in seiner Stimme.

»Ach, mein Herr, ich brauch' Euch nicht zu sagen, was allgemeine Gerüchte sind, aber ich will meinen eignen Credit nicht untergraben. Sprechen wir von etwas anderm. Ich wollte nur gerecht sein, Herr Pfarrer. Die arme Betsey verlangte, zehen tausend Pfund sollten zu einem Stipendium oder für zwei Studirende verwandt werden; nun, was haben diese Studierende für mich und die meinigen gethan, oder was werden sie noch thun? Anders ist es mit Euch, Ihr werdet Mühe haben, viel Mühe, ich zweifle nicht daran; und Euch gebührt eine hinlängliche Belohnung. Ich wollte Euch daher vorschlagen, meine Unterschrift auf drei – vier – oder auch fünf tausend Pfund anzunehmen,« fuhr mein Vorfahr fort und stieg mit dem Gebot, je mehr er den Unwillen auf des Geistlichen Stirn sich erhöhen sah. »Ja, Herr, ich will die letzte Summe annehmen, die wohl nicht zu viel für Eure Mühe und Sorge ist, und wir wollen den kindischen Plan der armen Betsey mit den zwei Stipendien und der Stiftung vergessen. Fünf tausend Pfund, Topp, Doktor, für Euch, und die Stiftung sei für immer vergessen.«

Als mein Vater seinen Vorschlag so bestimmt ausgesprochen, wartete er auf den Erfolg mit dem Vertrauen eines Mannes, der lange mit der Begehrlichkeit der Menschen umgegangen. Ihm etwas ganz Neues, schlug seine Berechnung fehl. Das Gesicht des Doktor Etherington erröthete, ward blaß und nahm zuletzt den Ausdruck des bemitleidenden Tadels an. Er stand auf und schritt mehrere Augenblicke schweigend im Zimmer auf und ab; indeß glaubte der andre, er überlege bei sich die Möglichkeit, ein höheres Gebot für seine Zustimmung zu erhalten, als er plötzlich stille stand, und meinen Vorfahren in einem milden aber festen Ton anredete.

»Ich halte es für meine Pflicht, Herr Goldenkalb,« sagte er, »Euch vor dem Abgrund zu warnen, über dem ihr hängt. Die Liebe zum Geld, welches die Wurzel alles Uebels ist, welches Judas vermochte selbst seinen Erlöser und Gott zu verrathen, hat tiefe Wurzel in Eurem Herzen gefaßt. Ihr seid nicht mehr jung, und obwohl noch stolz in Eurer Stärke und Glückseligkeit, näher dem großen Rechnungstag, als Ihr vielleicht selbst glauben mögt. Es ist noch keine Stunde, seit Ihr Zeuge von dem Abscheiden einer reuigen Seele wart, um vor ihren Gott zu treten; seit Ihr die sterbende Bitte von ihren Lippen hörtet und in solcher Umgebung, bei solch einem Auftritt das Versprechen gabt, ihre Wünsche zu ehren, und jetzt, unter der Herrschaft des verfluchten Geistes des Gewinnes wolltet Ihr mit diesen heiligsten Verpflichtungen Euer Spiel treiben, um ein wenig werthloses Gold mehr in der Hand zu behalten, die schon voll ist bis zum Ueberfließen? Denkt Euch, der reine Geist Eures vertrauenden einfachen Weibes wäre zugegen bei dieser Unterredung, denkt ihn Euch trauernd über Eure Schwäche und gebrochene Treue; – ja ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, denn es ist kein Grund vorhanden zu glauben, die seligen Geister dürften nicht über uns wachen und trauern, bis wir erlößt sind von dieser Masse von Sünde und Verworfenheit, worin wir wohnen, und dann bedenkt, welches ihr Kummer sein muß, wenn sie ihr scheidendes Verlangen so bald vergessen sieht, wenn sie bemerkt, wie nutzlos das Beispiel ihres heiligen Endes gewesen, wie eingewurzelt und fürchterlich Eure eignen Schwachheiten sind!« Mein Vater war mehr von der Art als von den Worten des Geistlichen zerknirscht; er fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er den Anblick von seines Weibes Geist da auswischen, er wandte sich um, zog sein Schreibzeug herbei, schrieb einen Wechsel auf zehen tausend Pfund und händigte ihn dem Geistlichen mit der demüthigen Weise eines gestraften Knaben ein.

»Jack steht zu Eurer Verfügung, mein lieber Herr,« sagte er, als das Papier eingehändigt war, »sobald Ihr nach ihm schicken wollt.«

Sie gingen schweigend weg, der Geistliche zu unzufrieden, und mein Vorfahr zu betrübt, um ceremonielle Worte zu machen.

Als mein Vater sich allein befand, blickte er erst verstohlen in der Stube herum, um sich zu versichern, daß der strafende Geist seines Weibes nicht etwa eine weniger in Frage zustellende Gestalt, als die der Luft angenommen, und dachte dann wenigstens eine Stunde lang über alle die Hauptvorfallenheiten des Abends voll Schmerz nach. Man sagt, Beschäftigung sei ein sicherer Trost im Kummer, und so zeigte es sich jetzt; denn glücklicher Weise hatte mein Vater grade an jenem Tag seine Privatrechnung über die ganze Summe seines Vermögens abgeschlossen. So machte er sich denn an die angenehme Arbeit, zog ganz einfach den Betrag des ebenausgestellten Wechsels davon ab, und da er fand, daß er noch über 782311 Pf. verschiedene Schilling und selbst Pence gebiete, ergab sich für ihn ein sehr natürlicher Trost für die Größe der eben weggegebenen Summe durch die Vergleichung mit dem, was ihm noch blieb.

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