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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Eilftes Kapitel.

Wie man Gesetze erläßt; – Beredtsamkeit, Logik und Rhetorik, Alles in seiner alltäglichen Gestalt betrachtet.

Politische Eide sind so ziemlich dieselben überall, und ich sage nichts weiter von unsrer Einweisung in den Rath, als daß sie, wie gewöhnlich, vor sich ging. Die beiden Häuser waren gehörig constituirt und wir schritten ohne Weitres zur Behandlung der Geschäfte. Ich muß hier sagen, daß ich zu meiner größten Freude den Brigadier Geradaus unter den Stümpfen fand; der Kapitän flüsterte mir zu, er sei wahrscheinlich für ein Seekalb gehalten und demgemäß gewählt worden.

Es dauerte nicht lange, da sandte uns der große Sachem eine Mittheilung, die einen compte rendu über den Zustand der Nation enthielt; gleich andern Rechnungen, die ich zu erhalten das Glück habe, schien dieser mir außerordentlich lang. Nach den Ansichten dieses Dokuments war das Volk von Springniedrig bei weitem das glücklichste von der Welt, sie waren auch beträchtlich mehr geachtet, geschätzt, geliebt, geehrt und gehörig gewürdigt, als jede andre Monikins-Gemeinde; kurz, sie waren die Bewunderung und der Ruhm des Weltalls. Es freute mich außerordentlich, das zu vernehmen; denn Vieles war mir ganz neu, woraus man sieht, daß man nie richtige Begriffe von einer Nation, als durch sie selbst, erlangen kann.

Nachdem wir diese wichtige Punkte gehörig uns angeeignet, machten wir uns alle an unsre verschiedne Geschäfte, mit einem Eifer, der von unsrer Emsigkeit und Ehrlichkeit zeugte. Alles fing gut an, und bald sandten uns die Rathsherrn zur Eröffnung des Balls eine Streitsache. Sie war: »Wird beschlossen, daß die bisher für schwarz gehaltene Farbe eigentlich weiß ist.«

Da dies die erste Sache war, über deren Grund wir abzustimmen hatten, stellte ich Noah vor, wie nützlich es sei, wenn wir zum Brigadier gingen und ihn befragten, wie es wohl mit einem so seltsamen Beschluß ergehen würde.

Unser Kollege beantwortete die Frage sehr gutmüthig und gab uns zu verstehen, die Perpendikulären und Horizontalen seien lange in Streit über die blose Farbe verschiedener wichtigen Fragen gewesen, und so sei der wirkliche Grund des Beschlusses nicht sehr ersichtlich. Die Erstern hätten immer (unter immer meinte er die Zeit, seit sie das Gegentheil behaupteten) die Lehre dieses Beschlusses festgehalten, so wie die Andern das Gegentheil. Eine Mehrheit der Rathsherrn sind gerade jetzt Perpendikuläre, und wie's jetzt schien, hatten sie es dahin gebracht, über ihren Lieblingsgrundsatz abstimmen zu lassen.

»Nach diesem Bericht von der Sache, Sir John,« bemerkte der Kapitän, »werde ich behaupten müssen, daß schwarz weiß ist, da ich ja zur Perpendikulär-Partei gehöre.«

Ich dachte wie der Kapitän, und war froh, daß mein legislatives Debüt nicht durch ein meiner Denkart so widerstrebendes Votum bezeichnet werden sollte. Doch aus Neugier, seine Meinung zu erfahren, fragte ich den Kapitän, wie er selbst die Sache ansähe.

»Ich bin von den Tangenten gewählt,« sagte er, »und so viel ich gehört, wollen meine Freunde einen Mittelweg einschlagen, und einer unsrer Häupter ist schon gewählt, der zu rechter Zeit ein Amendement vorschlagen soll.«

»Hat etwas mit der großen National-Allegorie Verbundenes hierauf Bezug?«

Der Brigadier legte seinen Finger auf die fragliche Klausel, und ich las: »Art. IV. Klausel b. der große National-Rath soll nie in keinem Fall ein Gesetz oder einen Beschluß erlassen, daß weiß schwarz sei.«

Ich fand nach reiflicher Ueberlegung diesen Beschluß der horizontalen Lehre eher günstig als ungünstig, und hielt ihn für eine gute Gelegenheit für ein neues Mitglied, seine Antrittsrede damit zu wagen, und wartete also dazu die rechte Gelegenheit ab.

Bald rapportirte der Präsident der Kommittee darüber; er war ein Tangente, der aber sehr Rathsherr zu werden wünschte, obgleich sich unser Haus entschieden zu den Horizontalen hinneigte. Er ergriff also hiebei die Partei der Rathsherrn. Der Rapport selbst nahm sieben Stunden durch sein Verlesen weg. Er nahm den Gegenstand von der Zeit her auf, wo seine Verhandlung durch das Bersten der Erdrinde sine die verschoben worden, noch vor der Theilung der großen Monikins-Familie in verschiedene Gemeinden, und schloß dann mit dem jetzigen Beschluß. Der Berichterstatter wandte seine Palette mit der größten Sorgfalt an, und bedeckte die Sache ganz mit neutralen Tinten, worauf er Alles mit Ultramarin überfuhr, so daß das Auge durch eine erdichtete Atmosphäre blickte. Zuletzt wiederholte er den Beschluß wörtlich, wie er vom andern Hause kam.

Der Sprecher rief nun die Herren auf, ihre Meinungen darüber zu sagen. Zu meinem größten Erstaunen erhob sich Kapitän Poke, that seinen Taback wieder in seine Büchse und eröffnete die Debatte ohne weitere Einleitung.

Der ehrbare Kapitän sagte, er sehe diese Frage als die Freiheiten eines Jeden betheiligend an. Er verstand die Sache wörtlich, wie sie in der Allegorie vorgeschlagen und zum Beschluß erhoben worden; als solche wolle er sie nun mit vorurtheilslosen Augen betrachten. Das Wesen der Frage betreffe gänzlich die Farbe; was sei aber eigentlich Farbe? Man nehme das Größte, und in der vortheilhaftesten Lage, was vielleicht die Wange einer lieblichen jungen Frau sei, und die Farbe sei immer nur hauttief. Er erinnere sich der Zeit, wo eine gewisse Frau in einem andern Theil der Welt, welche gemeiniglich Mad. Poke genannt werde, die beßte Rose überall in Stonington ausgestochen haben würde, und was wäre das all gewesen? Er wolle aus nahe liegenden Gründen nicht Mad. Poke selbst fragen, aber jeden der Nachbarn, wie sie jetzt aussähe. Von weiblicher Natur wolle er zur menschlichen überhaupt übergehen. Er hätte oft bemerkt, das das Seewasser blau gewesen, und häufig Kübel hinunterfahren lassen und das Wasser auf's Verdeck gebracht, um zu sehen, ob er zu dieser blau machenden Materie kommen könnte, – denn der Indigo sei in seinem Lande selten und theuer; aber das Experiment sei ihm nie gelungen, woraus er dann schloß, daß es im Ganzen vielleicht gar nichts so gäbe, wie Farbe.

Der Beschluß vor dem Hause aber beruhe gänzlich auf dem Sinn der Worte. Was sei aber ein Wort? Ei, die Worte Mancher seien gut, die Andrer gar nichts werth. Er liebe die Instrumente des Robbenfangs, – vielleicht weil er ein Robbenfänger wäre, aber aus blosen Worten mache er sich nur wenig. Ein Mal habe er einem Manne wegen seines Sohnes sein Wort abgenommen, und die Folge davon sei gewesen, daß er sein Geld verloren. Er kenne tausend Fälle, wo Worte von keinem Werth gewesen, und er sehe nicht, warum einige Herren ihnen so große Wichtigkeit beilegen wollten. Er sei dafür, nichts, auch selbst nicht ein Wort oder eine Farbe, über Verdienst zu erheben. Das Volk scheine einen Wechsel in der Farbe der Dinge zu verlangen, und er erinnere die Herren, daß dies ein freies Land sei, worin die Gesetze regierten; und deßwegen vertraue er, sie würden sich geneigt zeigen, die Gesetze den Bedürfnissen des Volks anzupassen. Was hätte das Volk hierin vom Hause verlangt. So viel, als er sähe, hätten sie eigentlich gar nichts in Worten verlangt; aber er merke, es herrsche große Unzufriedenheit in Hinsicht der alten Farben, und ihr Stillschweigen lege er als Verachtung gegen Worte im Allgemeinen aus. Er sei ein Partikulare, und werde immer Partikular-Grundsätze vertheidigen. Die Herren möchten vielleicht ihm nicht beistimmen, aber ein Mal für alle Mal, er wolle nicht die Freiheiten seiner Constituenten in Gefahr bringen, und deßwegen gäbe er den Beschluß, ganz wie er von den Rathsherrn gekommen, ohne einen Buchstaben zu ändern; an der Orthographie des Beschlusses habe er Einiges auszusetzen, aber, er wolle gern seine Ansichten in diesem Punkt dem Beßten des Landes aufopfern, und deßhalb halte er es mit den Rathsherrn selbst bis auf ihre Schreibfehler. Er hoffe, der Beschluß werde mit gänzlicher Einmüthigkeit, wie sie ein so wichtiger Gegenstand erforderte, durchgehen.

Diese Rede machte großen Eindruck. Bisher hatten die Hauptredner des Hauses so ziemlich die Gewohnheit gehabt, spitzfindig in der großen Allegorie Härchen zu spalten, aber Noah hatte mit der Einfachheit eines wahrhaft großen Geistes den Nagel auf den Kopf getroffen, um sich fahrend mit der Einfalt des berühmten von La Mancha, als er seine Lanze gegen die Windmühlen einlegte. Gab man diese Punkte zu, daß es keine Farben gäbe und Worte von keiner Bedeutung wären, so konnte dieser und in der That jeder andre Beschluß leicht durchgehen. Die Perpendikulären im Haus waren außerordentlich erfreut; denn, die Wahrheit zu sagen, ihre Beweisführung war bis jetzt etwas schwach gewesen. Ausserhalb war der Erfolg noch größer; denn eine gänzliche Abänderung wurde dadurch in der ganzen Streitführung der Perpendikulären bewirkt. Monikins, die den Tag vorher heftig behauptet hatten, ihre Stärke läge in der Phraseologie der großen Allegorie, öffneten nun plötzlich ihre Augen und sahen deutlich, daß die Worte keinen wahren Werth hätten. Die Beweisgründe hatten freilich einige Veränderung erlitten, aber zum Glück war die Folgerung daraus ungefährdet. Der Brigadier bemerkte diese anscheinende Anomalie, sagte jedoch, sie sei in Springniedrig ganz gewöhnlich, besonders in der Politik; die Menschen freilich würden consequenter sein.

Die Horizontalen waren durch Kapitän Poke so sehr überrascht und geschlagen worden, daß keiner von allen ihren Rednern ein Wort für sich zu sagen wußte. Ja, sie erlaubten sogar einem ihrer Gegner, sich zu erheben und den Schlag noch zu unterstützen; ein ziemlich gewisses Zeichen, daß sie darnieder lagen.

Der neue Sprecher war ein Hauptanführer der Perpendikulären; er war einer von den Politikern, die nur um so gewandter sind, weil sie allen Parteien gedient haben. Sie kennen die schwachen und starken Seiten einer jeden durch Erfahrung, und sind mit jeder Unterabtheilung politischer Gefühle vertraut, welche sich je im Lande vorgefunden haben. Dieser geistreiche Redner nahm den Gegenstand mit Feuer auf, und behandelte ihn ganz nach den Grundsätzen des Mitglieds, das zuletzt gesprochen. Nach seiner Ansicht von der Sache müsse man die eigentliche Verordnung, das Gesetz in den Sachen und nicht in den Worten suchen. Worte seien falsche Lichter zum Irreführen, und er brauche nicht erst zu sagen, was all seinen Zuhörern schon bekannt wäre, daß nämlich Worte täglich geformt würden und geformt wären, nur um der Bequemlichkeit aller Arten Leute zu dienen. Es sei ein Hauptfehler im politischen Leben, mit Worten verschwendrisch zu sein; denn die Zeit würde kommen, wo die Schwatzhaften und Schnellzüngigen es bereuen würden. Er fragte das Haus, ob das Vorgeschlagene nöthig, ob das Staatsinteresse fordre, ob die öffentliche Meinung darauf vorbereitet wäre. Wäre das, dann bitte er die Herren, ihre Pflicht zu thun, und zwar eben so wohl gegen sich selbst als gegen ihren Charakter, ihr Gewissen, ihre Religion, ihr Eigenthum und endlich ihre Konstituenten.

Dieser Redner suchte Worte durch Worte zu vernichten, und das Haus schien mir seine Bemühung günstig aufzunehmen. Ich beschloß nun einen Versuch zu Gunsten des Fundamentalgesetzes zu machen, das offenbar bis jetzt in der Verhandlung nur wenig beachtet worden. Ich fesselte daher des Sprechers Auge, und stand alsbald da.

Ich begann damit den Talenten und Beweggründen meiner Vorgänger durchdrehte Komplimente zu machen, und spielte auf den anerkannten Verstand und Patriotismus, die Tugend und Fähigkeiten des Hauses an. All dieß ward wohl aufgenommen, daß Muth fassend ich beschloß, mit einem Male, den Text des geschriebenen Gesetzes in der Hand, über meine Gegner herzufallen. Ich leitete diesen Schlag mit einer Lobrede auf die wunderbare Beschaffenheit jener Institutionen ein, die allgemein als das Wunder der Welt angesehen und gemeiniglich die zweite Vervollkommnung der Monikins-Vernunft genannt würden; die von Springhoch nämlich würden immer als die erste angesehen. Ich machte dann einige zweckmäßige Bemerkungen über die Nothwendigkeit, die vitalen Verordnungen des politischen Staatskörpers zu achten, und erbat mir der Zuhörer Aufmerksamkeit, während ich ihnen eine besondre Klausel vorläse, die ich, zu meinem Verwundern, auf die gegenwärtige Verhandlung sich beziehend erfunden. Nachdem ich mir so den Weg frei gemacht, beging ich nicht die Thorheit, dem Gegenstand so vielen Nachdenkens durch unbesonnene Eile zu schaden. Vielmehr wartete ich, bevor ich die Stelle aus der Konstitution las, bis die Aufmerksamkeit jedes Gegenwärtigen durch die Würde, Vorsicht und Wichtigkeit meiner Art und Weise noch mehr, als durch den Inhalt des schon Gesagten aufgeregt worden. Mitten in dieser tiefen Stille und Erwartung las ich mit einer Stimme, die Alles erfüllte, laut die Klausel vor: »Der große Rath soll in keinem Falle ein Gesetz, einen Beschluß erlassen, der weiß für schwarz erklärt.«

Wenn ich ruhig bei Darlegung dieser Autorität gewesen, beherrschte ich mich eben so sehr bei Erwartung der Wirkung. Um mich blickend sah ich Staunen, Verlegenheit, Zweifel, Verwundrung und Ungewißheit in jedem Antlitz, wenn ich auch nicht Ueberzeugung fand. Eins brachte selbst mich in Verlegenheit; unsre Freunde die Horizontalen hatten ganz eben so Unrecht als unsre Opponenten die Perpendikulären, da sie gar nicht, wie ich doch Ursache zu hoffen hatte, außer sich geriethen, als sie ihre Sache durch eine so gewichtige Autorität unterstützt sahen.

»Will das verehrliche Mitglied gefälligst erklären, welchen Schriftsteller es angeführt hat?« wagte endlich einer der Hauptperpendikulären zu fragen.

»Die Sprache, die Ihr eben gehört,« begann ich wieder und glaubte, der Augenblick sei jetzt gekommen, die Sache zu betreiben, »ist eine Sprache, die einen Wiederhall finden muß in Aller Herzen, es ist eine Sprache, die nie vergeblich in dieser hohen Halle geführt werden kann, eine Sprache, die mit sich führt Ueberzeugung und Befehl!« Ich bemerkte, daß jetzt die Glieder verwundert einander anschauten. »Meine Herren, ich soll den Autor nennen, aus dem ich diese sententiöse Worte genommen? Meine Herren, was Sie eben gehört, ist zu finden im IV. Art. in der 6. Klausel der großen National-Allegorie.«

»Zur Ordnung! Zur Ordnung!« riefen hundert Rabenkehlen.

Ich stand staunend, selbst noch mehr staunend, als das Haus einen Augenblick vorher mir geschienen hatte. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« fuhr es fort zu schreien, als wenn Millionen Dämonen in der Halle hausten.

»Das verehrliche Mitglied wird sich erinnern,« sagte der süße und ex officio unparteiische Sprecher, der, beiläufig gesagt, ein Perpendikular war, der hinterlistig gewählt worden; »es ist gegen die Ordnung, sich Persönlichkeiten zu erlauben.«

»Persönlichkeiten? Ich verstehe nicht, Sir.«

»Das Dokument, worauf das verehrliche Mitglied hingewiesen, ist nicht, wie ihm sein eigner Verstand sagen wird, von sich selbst geschrieben worden, vielmehr sind grade die, durch welche es aufgesetzt worden, jetzt Mitglieder des Hauses, und die Meisten unterstützen den Beschluß, der ihm jetzt vorliegt; und so würde es persönlich scheinen, wenn man ihnen auf diese unerhörte Art ihre früheren Amtsgeschäfte vorwerfen wollte. Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß das verehrte Mitglied gänzlich alle Ordnung überschritten.«

»Aber, Sir, die heilige National – –«

»Heilig, Sir – freilich, aber in einem andern Sinn, als Sie meinen; viel zu heilig, um hier erwähnt zu werden. Da sind die Werke der Kommentatoren, die Bücher über die Auslegungen, und besonders die Schriften verschiedener ausländischen und vollkommen uninteressirten Staatsmänner; brauche ich besonders Ekrub zu nennen? – diese haben Autorität bei den Mitgliedern, aber so lange ich diesen Stuhl einnehme, werd' ich mich peremptorisch gegen alle Persönlichkeiten erheben.«

Ich war wie angedonnert. Der Gedanke, daß die Autorität selbst verworfen werden könnte, war mir nie in den Sinn gekommen, obwohl ich einen hartnäckigen Kampf in Hinsicht der Auslegung erwartet hatte. Die Konstitution verlangte nur, daß kein Gesetz ergehen sollte, das schwarz für weiß erklärte, während der Beschluß verordnete, daß künftig weiß schwarz sein sollte. Hier lag Stoff zur Verhandlung, und ich hatte gar keine große Hoffnungen wegen des Erfolgs; aber so bei'm Anfang auf's Haupt mit einer Keule niedergeschlagen zu werden, war zuviel für die Bescheidenheit meiner jungfräulichen Rede. Ich setzte mich verwirrt nieder, und ich sah deutlich an ihren spöttischen Mienen, daß die Perpendikularen jetzt Alles triumphirend nach ihrem Willen durchzusetzen vermeinten. Dies wäre auch sehr wahrscheinlich der Fall gewesen, wenn nicht alsbald einer von den Tangenten mit einem Amendement sich erhoben hätte.

Zum größten Mißfallen Kapitän Poke's und gewisser Maßen zu meiner eignen Aergerniß, ward dies dem verehrlichen Bob Schmutz anvertraut. Herr Schmutz begann mit der Bitte an die Mitglieder, sich nicht durch die Sophistik des ersten Redners irreführen zu lassen. Dieß verehrliche Mitglied fühlte sich ohne Zweifel berufen, die von seinen Freunden eingenommene Stellung zu vertheidigen; aber die, welche ihn wohl kännten, wie er ihn zu kennen das Schicksal gehabt, müßten überzeugt sein, daß seine Ansichten wenigstens eine plötzliche und wunderbare Aenderung erlitten hätten. Das verehrliche Mitglied läugne das Dasein der Farbe überhaupt; er wolle ihn fragen, ob er nicht selbst bisweilen beigetragen, was man »blau und schwarz« nenne, hervorzubringen. Er möchte wissen, ob das verehrliche Mitglied jetzt eben so wenig Werth auf Schläge, als er auf Worte zu setzen schiene; er bitte das Haus um Verzeihung, aber dies sei eine Sache von großem Interesse für ihn selbst: er wisse, es habe nie einen größern Fabrikanten von »Blau und Schwarz« [Lektorat: wäre hier nicht eine Anmerkung zum Wortspiel "black and blue"<-> "black and white" angezeigt, das so im Deutschen {"grün und blau" <-> "schwarz und weiß"}nicht wiederzugeben ist?] gegeben, als jenes verehrliche Mitglied selbst, und er wundre sich über sein jetziges Läugnen aller Farbe und seinen Wunsch, deren Werth herabzuwürdigen. Er seinerseits kenne die Wichtigkeit der Worte und den Werth der Farben, und während er nicht so gerade die Nothwendigkeit einsähe, schwarz für so unverletzlich zu halten, wie einige Herren, sei er doch gar nicht darauf vorbereitet, so weit wie die zu gehen, die den Beschluß eingebracht. Er glaube nicht, daß die öffentliche Meinung befriedigt wäre durch die Behauptung, daß schwarz schwarz sei; aber er halte sie doch auch noch für weit genug vorgerückt, zu behaupten, schwarz wäre weiß. Er sage nicht, solch eine Zeit werde nicht kommen, er behaupte nur, sie sei noch nicht gekommen, und in der Absicht, dem, was er für die öffentliche Meinung halte, entgegen zu kommen, schlage er als Amendement vor, das Ganze des Beschlusses nach dem Worte »wirklich« auszustreichen, und etwas einzufügen, daß dann der ganze Beschluß so lauten würde:

»Wird beschlossen, daß die bis jetzt für schwarz gehaltene Farbe wirklich bleifarben ist.«

Hierauf nahm der verehrliche Herr Schmutz seinen Sitz wieder ein, und überließ das Haus seinem eignen Nachdenken. Die Häupter der Perpendikularen, in der Voraussetzung, daß, wenn sie in dieser Session halbwegs kämen, sie das Uebrige in der nächsten durchsetzen könnten, beschlossen, den Vergleich anzunehmen, und der Beschluß, so verbessert, ging mit großer Mehrheit durch. So war dieser wichtige Punkt für den Augenblick entschieden, und ließ den Perpendikularen große Hoffnung, die Horizontalen noch flacher auf den Boden zu legen, als sie es jetzt schon wären.

Die nächste Frage war von weit geringerem Interesse und erregte nicht so große Aufmerksamkeit; um sie jedoch zu verstehen, müssen wir ein wenig auf die Geschichte zurückgehen. Die Regierung von Springdurch hatte vor 63 Jahren 126 Springniedriger Schiffe auf der hohen See verbrennen und sonst zerstören lassen. Der Vorwand war, sie belästigten Springdurch. Springniedrig war eine viel zu große Nation, um sich eine solche Bedingung gefallen zu lassen, während sie zugleich viel zu großmüthig und weise war, sie auf eine alltägliche und gemeine Weise zu rügen. Statt in Leidenschaft zu gerathen und ihre Kanonen zu laden, bot sie alle ihre Logik auf und begann zu philosophiren. Nachdem sie die Sache mit Springdurch 52 Jahre besprochen, bis alle beleidigte Theile todt waren und nicht länger von ihrer Logik Nutzen ziehen konnten, beschloß sie, zwei Drittel ihrer Ansprüche an Geld und ihre ganzen Ansprüche in Hinsicht des Ehrenpunktes nachzulassen und, um die Sache zu beenden, eine gewisse unbedeutende Summe als ein Pflaster für den ganzen Schaden anzunehmen. Springdurch versprach auf die feierlichste und genügendste Art, diese Summe zu bezahlen, und Jeder war erfreut über die friedliche Beendigung einer sehr schwierigen und dem Anschein nach nie zu Ende gehenden Verhandlung. Springdurch war eben so froh, mit der Sache fertig zu werden, als Springniedrig und dachte natürlich, Alles sei schon geschehen, wenn es nur verspräche, das Geld zu bezahlen; der große Sachem von Springniedrig hatte aber zum Unglück einen »eisernen Willen« oder, mit andern Worten, er meinte, das Geld müsse eben so bezahlt werden, wie versprochen worden, es zu bezahlen. Diese despotische Auslegung des Handels hatte unerhörten Unwillen in Springniedrig erregt, wie zu erwarten stand; aber, seltsam genug, ward sie sogar in Springniedrig mit einiger Hitze verworfen, wo einige feste Logiker streng behaupteten, der einzige Weg, einen Vertrag zur Geldzahlung in's Reine zu bringen, wäre, einen neuen für eine niedrigere Summe einzugehen, so oft die Zahlung fällig wäre; ein Plan, der mit einiger Mäßigung und Geduld gewiß mit der Zeit die Abtragung der ganzen Schuld herbeiführen müsse.

Verschiedene sehr scharfsichtige Patrioten hatten die Sache angegriffen, und sie sollte nun dem Haus unter vier verschiednen Kategorien vorgetragen werden. Kategorie Nro. 1. hatte den Vorzug der Einfachheit und Genauheit. Sie schlug blos vor, Springniedrig solle das Geld selbst bezahlen und mit eignen Fonds die Verschreibung einlösen. Nro. 2. enthielt eine Empfehlung an den Großsachem, daß Springniedrig selbst bezahle, jedoch gewisse Fonds von Springdurch dabei gebrauch. Nro. 3. war ein Vorschlag, Springdurch zehn Millionen anzubieten, um dann nichts mehr von der ganzen Verhandlung zu sprechen. Nro. 4. wollte das unterhandelnde und nachlassende System, das schon erwähnt worden, ohne Verzug anwenden, um so bald wie möglich, die Ansprüche zu vernichten.

Man berieth die Frage unter diesen vier Gesichtspunkten. Meine Erzählung erlaubt mir keine in's Einzelne gehende Geschichte davon, ich kann nur eine Skizze von der Logik geben, welche bei diesen verschiedenen Vorschlägen sich hören ließ, von dem legislativen Scharfsinn, den sie veranlaßten, und der Menge tüchtiger Schlüsse, die so natürlich daraus folgten.

Zu Gunsten von Kategorie Nro. 1. führte man an, daß durch Annahme ihrer leitenden Idee man die Sache gänzlich in die Hand bekomme und sie folglich mit größrer Berücksichtigung reiner Springniedrig-Interessen abmachen könnte; weitrer Aufschub könne nur aus unsrer eignen Nachlässigkeit hervorgeh'n; auf keine andre Weise könne man so leicht mit dieser langwierigen Verhandlung in kurzer Zeit fertig werden; die Schuld mit Springniedriger Fonds zu bezahlen, würde uns Sicherheit geben, den Betrag in guter Kurrent-Münze der Republik zu erhalten, es würde außerordentlich ökonomisch sein, da der Agent, welcher auszahlte, auch beauftragt werden könnte, in Empfang zu nehmen, wodurch man Salair ersparte, endlich könne dadurch Alles, so sehr vereinfacht, in einer Nuß dargestellt und jedem Verstand klar gemacht werden.

Zu Gunsten von Kategorie Nro. 2. konnten nur sehr unbestimmte Sophismen beigebracht werden, die noch dazu sehr nach Gemein-Plätz-Ansichten schmeckten. Es ward z. B. vorgegeben, der, welcher einen Wechsel unterschreibe, sei auch verpflichtet, ihn zu bezahlen; wenn er sich weigre, habe der andre Theil das natürliche und gesetzliche Mittel des Zwangs; es möge nicht immer für einen Gläubiger bequem sein, alle Obligationen andrer Leute zu bezahlen, die er vielleicht in Händen hatte; wenn seine Geschäfte ausgedehnt wären, möchte es ihm an Geld fehlen, ein solch Princip immer auszuführen, und als ein Beispiel für's Künftige vertrüge es sich weit besser mit Springniedriger Klugheit und Besonnenheit, die alten und erprobten Begriffe von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, als sich auf den unbekannten Ocean der Ungewißheit einzulassen, der mit den neuen Ansichten zusammenhinge; denn ließen wir es zu, könnten wir nie wissen, wenn wir wahrhaft schuldenfrei wären. Kategorie 3. wurde nach einem ganz neuen logischen System besprochen, das bei den Mitgliedern sehr in Gunst zu stehen schien, die aus der verfeinerten ethischen Schule waren. Diese Redner führten das Ganze auf das Ehrgefühl zurück. Sie begannen mit der Entwerfung eines lebendigen Gemäldes von den Beleidigungen, als das ursprüngliche Unrecht geschehen. Sie sprachen von zu Grunde gerichteten Familien, geplünderten Seeleuten und vernichteten Hoffnungen. Sie stellten genaue Berechnungen an, um zu zeigen, daß gerade vierzig Mal so großes Unrecht gethan worden, als dieser Wechsel annähme, und wie die Sache jetzt stünde, müßte Springniedrig nach strengem Recht gerade vierzig Mal so viel Geld empfangen, als das Dokument besage. Von diesen interessanten Einzelheiten wandten sie sich dann zum Ehrenpunkt. Springdurch translation error fixed, changed from "Springhoch" [Leaphigh] to "Springdurch" [Leapthrough] - Original: "Leapthrough, by attacking the Leaplow flag" hätte es durch seinen Angriff auf die Springniedriger Flagge und durch die Eingriffe in dessen Rechte ganz besonders zu einer Ehrenfrage gemacht, und bei Betrachtung der Sache dürfe man daher nie den Gesichtspunkt der Ehre aus dem Auge verlieren. Es sei ehrenvoll, seine Schulden zu bezahlen, das könne Niemand leugnen; aber es sei noch gar nicht so klar, daß es auch ehrenvoll sei, das, was einem gebühre, in Empfang zu nehmen. Die National-Ehre sei dabei betheiligt, und sie riefen die Mitglieder auf, sofern sie diese heilige Gefühle werth hielten, es durch ihre Stimmen aufrecht zu erhalten. Wie die Sache stehe, habe Springniedrig den bessern Theil; im Vertrag mit seinem Gläubiger, wie er vorliege, verliere Springdurch einige Ehre, durch Zahlungverweigrung verliere es noch mehr, und nun, wenn wir ihm die zehn vorgeschlagenen Millionen schickten, und es die Schwachheit hätte, sie anzunehmen, setzten wir ihm recht den Fuß auf den Nacken, und es könnte uns nie wieder in's Gesicht sehen.

Kategorie Nro. 4 vertheidigte ein Mitglied, das Staatsökonomie zu seinem Hauptstudium gemacht. Dieser stellte folgenden Satz auf: Nach seinen Berechnungen sei die Beleidigung gerade vor 63 Jahren und 26 2/3 Tagen geschehen. Während dieser ganzen Zeit sei Springniedrig durch diese schwierige Frage beunruhigt worden, die wie ein Gewölk über der sonst ungestörten Helle seines politischen Horizonts gehangen. Es sei Zeit, sie los zu werden. Die festgesetzte Summe sei gerade 25 Millionen, zahlbar in 25 jährlichen Parcellen von einer Million. Nun schlage er vor, die Parcellen auf die Hälfte herabzusetzen, aber keineswegs etwas an der Summe zu ändern. Der Punkt müsse als unwiderruflich feststehend angesehen werden. Dies werde die Schuld um die Hälfte verringern. Ehe das erste Quantum fällig werde, werde er einen Aufschub zu Stande bringen, dadurch, daß er die Quota wieder auf sechs verringere und die Zahlung auf die letzte Periode, die in dem letzten Vertrag bestimmt worden, zurückführe, aber immer gewissenhaft die Summen ganz dieselben lasse. Vor Ablauf der ersten sieben Jahre könne eine neue Vorkehrung die Quota auf zwei oder selbst eins zurückführen, immer mit Beibehaltung der Summen; und endlich, im rechten Augenblick, könne ein Vertrag geschlossen werden, daß gar kein Quotum sein solle, oder wenn eins gewesen, habe Springniedrig es nie unter eine Million herabsetzen können. Der Erfolg werde sein, daß in ungefähr 25 Jahren das Land gänzlich frei von der Sache seie, und der Nationalcharakter, der, wie Jedermann zugestehe, jetzt schon so hoch, als er nur sein könne, wahrscheinlich noch um viele Grade höher steige. Die Verhandlung habe mit Verträgen begonnen, und unsere Consequenz verlange, daß sie auch ferner unser Betragen leiteten, bis kein Heller mehr unbezahlt sei.

Dieser Gedanke ergriff wunderbar, und ich glaube, er wäre mit großer Mehrheit durchgegangen, wäre nicht ein neuer Vorschlag von einem Redner mit seltsam pathetischer Kraft gemacht worden.

Der neue Redner widersetzte sich allen vier Kategorieen. Er sagte, alle würden zum Krieg führen: Springdurch sei ein ritterliches und hochherziges Volk, wie man aus der jetzigen Lage der Dinge ersähe. Wollten wir den Wechsel mit unsern Fonds auslösen, werde es tödtlich seinen Stolz verletzen, und es mit uns kriegen; lösten wir den Wechsel mit seinen Fonds aus, so würde das sein Finanzsystem beleidigen, und es mit uns kriegen; wollten wir ihm zehn Millionen bieten, daß es der Sache nicht weiter erwähne, so würde das durch die Voraussetzung, man könne ihm seine Rechte abkaufen, seine Würde beleidigen und es mit uns kriegen; wollten wir das System neuer Unterhandlungen befolgen, so würde das tödtlich seine Ehre angreifen, weil wir zu verstehen gäben, es achte seine alten Unterhandlungen nicht, und es daher mit uns kriegen. Er sehe Krieg in allen vier Kategorieen; er sei für eine Friedens-Kategorie, und er habe, denke er, einen Vorschlag, wodurch bei gehöriger Einfädlung und den zartesten Rücksichten, und wenn man sonst die hohen Gefühle der verehrten fraglichen Nation achte, wir möglicher Weise aus dieser schwierigen Alternative kommen könnten, ohne daß wir handgemein würden, – er wünsche nämlich immer die verehrlichen Mitglieder an die Schrecken des Kriegs zu erinnern; sie möchten bedenken, welch eine ernsthafte Sache der Zusammenstoß zweier großer Nationen wäre. Wenn Springdurch ein kleines Volk wäre, dann wär' es was anders, und der Streit könnte in einem Winkel vor sich gehen; unsere Ehre sei aber eng mit allem verbunden, was wir mit großen Nationen zu schaffen hätten. Was sei der Krieg? Wüßten es die Herren? Er wolle es ihnen sagen!

Hier entwarf der Redner ein Bild vom Krieg, das die leidende Monikinschaft zum Schaudern brachte. Er sah in ihm vier Hauptpunkte, seine religiösen, pekuniären, politischen und häuslichen Schrecken; er beschrieb ihn als den Dämon-Zustand des Monikin'schen Geistes, als entgegengesetzt der Gottesverehrung, der Bruderliebe, der Barmherzigkeit und allen Tugenden. Bei den pekuniären Schrecken zeigte er einen Preiscourant. Knöpfe, die sechs Groschen das Schock kosteten, versicherte er, würden bald sieben kosten. Hier erinnerte man ihn, daß die Monikins keine Knöpfe mehr trügen. »Thut nichts; sie kaufen und verkaufen Knöpfe, und die Wirkungen auf den Handel sind dieselben.« Das politische Ungemach zeigte er als ganz erschrecklich; aber als er von den häuslichen Unannehmlichkeiten sprach, blieb kein Auge im Rath trocken. Kapitän Poke stöhnte so laut, daß ich in der entsetzlichsten Angst war, er werde zur Ordnung gerufen werden.

»Sehet jenen reinen Geist,« rief er, »zermalmt im Wirbel des Kriegs. Betrachtet sie, wie sie sich über den Hügel hinneigt, der den Helden seines Landes, den Gemahl ihrer jugendlichen Neigung, deckt. Vergebens wirft die Waise ihr zur Seite die Augen aufwärts und fragt nach dem Helmbusch, der eben noch ihre kindliche Phantasie vergnügte; vergebens fragt ihre liebliche Stimme, wann er zurückkommen werde, wann er ihre Herzen erfreuen wolle durch seine Gegenwart!« Aber ich kann nicht mehr schreiben; Seufzer unterbrachen den Redner, und er nahm seinen Sitz wieder ein in einer Entzückung von göttlichem Frieden und Wohlwollen.

Ich eilte durch's Haus, den Brigadier zu bitten, mich ohne Aufschub bei diesem gerechten Monikin einzuführen. Ich fühlte, als könnt' ich ihn ohne weitres umarmen und ewige Freundschaft einem so gütigen Geiste schwören. Der Brigadier war zuerst zu bewegt, um auf mich zu achten; aber nachdem er seine Augen wenigstens hundert Mal abgewischt, gelang es ihm, den Thränenstrom zu hemmen und zu mir aufzublicken mit einem lieblichen Lächeln.

»Ist es nicht ein wunderbarer Monikin?«

»Wunderbar, in der That. Wie sehr beschämt er uns alle! Solch ein Monikin wird blos von der reinsten Liebe zu seinem Geschlecht getrieben.«

»Ja, er ist von einer Klasse, die wir die dritte Monikinschaft nennen. Nichts rührt uns so, wie die Grundsätze dieser Klasse.«

»Wie, habt Ihr mehr, als eine Klasse von Gefühlvollen?«

»Freilich, die Originalen, die Repräsentativen und die Spekulativen.«

»Ich brenne vor Verlangen, diese Unterscheidungen zu verstehen.«

»Die Originalen sind eine alltägliche Klasse; sie fühlen natürlich. Die Repräsentativen sind schon intellektueller, sie fühlen hauptsächlich durch Stellvertretung; die Spekulativen sind die, deren Sympathieen durch positive Interessen erregt werden, wie bei dem letzten Redner. Dieser hat kürzlich einen Meyerhof nach Morgen gekauft, den er wieder nach Dorfloosen fußweis verkaufen will; ein Krieg würde aber das Ganze zu Nichte machen. Dies treibt sein Wohlwollen so lebhaft an.«

»Ei, das ist nichts weiter, als eine Entwicklung des gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems – –«

Ich wurde von dem Sprecher unterbrochen, der das Haus zur Ordnung rief. Die Abstimmung über den Vorschlag des letzten Redners sollte geschehen. Er lautete so: »Beschlossen, daß es ganz und gar der Würde und dem Charakter von Springdurch unangemessen ist, daß Springniedrig wegen einer so geringen Sache, als ein kleinlicher Vertrag zwischen den beiden Ländern ist, ein Gesetz erlassen sollte.«

»Einmüthig angenommen!« riefen fünfzig Stimmen, und Einmüthigkeit war auch da, worauf sich das ganze Haus in höchster Freude über den Erfolg die Hände drückte und schüttelte; denn es hatte ja auf eine sehr ehrenvolle und scharfsinnige Art diese verwirrende und unangenehme Sache erledigt.

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