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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
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»Und du, du kanntest sie,« sprach dann der Ritter.

»O nein,« erwiederte der Knapp', »doch er, der mir die Geschichte erzählte, sagte mir, sie sei so wahr und gewiß, daß wenn ich sie etwa wieder erzählte, ich eidlich versichern könnte, ich hätte es mit eignen Augen gesehen.«

Don Quixote

Einleitung.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß manche, die dies lesen, wünschen mögen zu erfahren, wie ich in Besitz des Manuscripts gekommen. Ein solch' Verlangen ist zu billig und natürlich, um ihm nicht zu willfahren, und die Sache soll so kurz als möglich erzählt werden.

Im Sommer 1828 auf einer Reise in jenen Schweizerthälern, die zwischen den zwei großen Alpenreihen liegen, und in welchen, beide, die Rhone und der Rhein ihren Ursprung nehmen, war ich von den Quellen des letzteren zu denen jenes Flusses fortgegangen, und hatte das Becken in den Gebirgen erreicht, das so berühmt ist, weil es den Gletscher der Rhone enthält, als der Zufall mir einen jener seltnen Augenblicke von Erhabenheit und Stille verschaffte, welche in dieser Halbkugel wegen ihres nicht häufigen Vorkommens nur um so köstlicher sind. Auf jeder Seite war die Aussicht durch hohe, zerrissene Berge begrenzt, deren Gipfel nahe an der Sonne erglänzten, während unmittelbar vor mir und auf gleicher Linie mit dem Auge jener wunderbare gefrorene See lag, aus dessen Ueberfluß die Rhone hervorstürzt, um, ein schäumender Strom, weg nach dem fernen Mittelländischen Meer zu enteilen. Zum ersten Mal, auf einer Pilgerfahrt von vielen Jahren, fühlte ich mich in Europa allein mit der Natur. Ach, der Genuß, wie nothwendiger Weise alle solche Genüsse im Drängen der alten Welt, war kurz und trügerisch. Ein Trupp kam um die Ecke eines Felsens herum, auf dem engen Maulthierpfad, in einzelnen Reihen; zwei Damen beritten, ebenso viel Herren zu Fuß, und voran der gewöhnliche Führer. Es war nichts weiter als Höflichkeit, aufzustehen und die Taubenaugen zu begrüßen, die blühenden Wangen der ersteren, als sie vorüberzogen. Sie waren Engländer und die Herren schienen mich für ihren Landsmann zu erkennen. Einer der letztern blieb stehen, und erkundigte sich höflich, ob der Uebergang über die Furka nicht durch Schnee gesperrt sei. Die Antwort war Nein, und für diese Belehrung sagte er mir, ich würde den Grimsel etwas schwierig finden, »aber,« fügte er lächelnd hinzu, »den Damen gelang der Uebergang, und Sie werden sich kaum bedenken.« Ich dachte, ich möchte wohl Schwierigkeiten überwinden, über die seine schönen Gefährtinnen hinausgekommen; er sagte mir dann, Sir Herbert Taylor sei Generaladjutant geworden, und wünschte mir guten Morgen.

Ich saß, sinnend über Charakter, Hoffnungen, Erstrebungen und Interessen der Menschen, eine Stunde lang, und schloß dann, daß der Fremde Soldat sein müsse, der selbst in dieser kurzen und zufälligen Zusammenkunft einiges von dem gewöhnlichen Arbeiten seiner Gedanken über sein Gemüth hatte überfließen lassen. Meine einsame Wanderung über die Rhone wieder aufzunehmen und mich den Weg der steilen Seite des Grimsel hinaufzuarbeiten, kostete zwei weitere Stunden, und froh war ich, als ich die kleine kaltblickende Wasserfläche auf seinem Gipfel zu Gesicht bekam, die der todte See heißt. Der Pfad war an einer sehr kritischen Stelle mit Schnee erfüllt, wo in der That ein fehlgesetzter Tritt den Unvorsichtigen in's Verderben verlocken mochte. Eine große Gesellschaft erschien auf der andern Seite und erkannte vollkommen das Schwierige, denn sie hatte Halt gemacht, und war in ernster Berathschlagung mit dem Führer über die Möglichkeit des Durchgangs. Man beschloß es zu versuchen. Zuerst kam eine Dame mit dem lieblichsten, heitersten Antlitz, wie ich es nur je gesehen. Sie war auch eine Engländerin, und obwohl sie zitterte und erröthete und über sich selbst lachte, schritt sie vor mit Muth, und würde sicher meine Seite erreicht haben, hätte nicht ein unglücklicher Stein sich unter einem Fuße gedreht, der viel zu niedlich war für diese wilden Berge. Ich sprang vor und war so glücklich, sie vom Untergang zu retten. Sie fühlte die ganze Fülle ihrer Schuld, und bezeigte ihren Dank bescheiden aber mit Wärme. In einem Augenblick war ihr Gemahl bei uns; er ergriff meine Hand mit der Bewegung, die der empfinden mußte, der Zeuge gewesen war, wie er Gefahr gelaufen, einen Engel zu verlieren. Die Dame schien froh, uns zusammen allein zu lassen.

»Sie sind ein Engländer,« sagte der Fremde.

»Ein Amerikaner.«

»Ein Amerikaner! Das ist seltsam. – Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? – Sie haben mehr als mein Leben gerettet, Sie haben mir wahrscheinlich die Vernunft erhalten. Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? Kann Geld Ihnen dienen?«

Ich lächelte, und sagte ihm, daß, so närrisch es ihm auch scheinen möge, ich, obgleich ein Amerikaner, doch ein Mann von Ehre wäre. Er schien verlegen, und sein schönes Gesicht arbeitete sich ab, bis ich anfing ihn zu bemitleiden; es war augenscheinlich, er wollte mir irgendwie zeigen, wie sehr er sich für meinen Schuldner halte, und doch wußte er nicht genau, was er vorschlagen sollte.

»Wir können uns wieder treffen,« sagte ich, seine Hand drückend.

»Wollen Sie meine Karte hinnehmen?«

»Sehr gerne.«

Er legte »Viscount Householder« in meine Hand, und dafür gab ich ihm meinen unbedeutenden Namen.

Er sah von der Karte auf mich und von mir auf die Karte, und ein angenehmer Gedanke schien über seinen Geist hinzublitzen.

»Werden Sie Genf diesen Sommer besuchen?« fragte er ernst.

»In einem Monat.«

»Ihre Adresse –

»Hotel de l'Ecu.«

»Sie sollen von mir hören. – Adieu.«

Wir schieden; er, seine liebliche Frau, seine Führer stiegen zur Rhone herab, während ich meinen Weg zum Grimsel-Hospiz fortsetzte. Nach einem Monat erhielt ich ein dickes Paquet im Ecu; es enthielt einen werthvollen Diamantring, mit der Bitte, ich möchte ihn als ein Andenken der Lady Householder tragen, und außerdem ein schön geschriebenes Manuscript. Das folgende kurze Schreiben erklärte das Weitere:

»Die Vorsehung brachte uns zu mehr Zwecken, als zuerst ersichtlich, zusammen. Ich habe lange gezögert, anliegende Erzählung herauszugeben, denn in England herrscht die Neigung vor, über außerordentliche Thatsachen zu spotten, aber die Entfernung Amerika's von meinem Wohnort wird mich hinlänglich vor dem Lächerlichen schützen. Die Welt muß die Wahrheit haben, und ich sehe dazu kein besseres Mittel, als zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Alles, was ich erbitte, ist, daß Sie das Buch schön drucken lassen, und ein Exemplar an meine Adresse, Householder-Hall, Dorshetshire, England, und ein andres an Capitain Noah Poke, Stonington, Connecticut, in Ihrem Vaterland, schicken wollen. Meine Anna betet für Sie, und ist für immer Ihre Freundin. Vergessen Sie uns nicht.

Ihr ergebenster
Householder.

Ich bin genau dieser Bitte nachgekommen, und nachdem ich die beiden Exemplare, wie mir geboten, abgesendet habe, ist der übrige Theil der Auflage zur Verfügung eines jeden, der sich geneigt fühlen mag dafür zu bezahlen. Für das nach Stonington gesandte Exemplar erhielt ich folgenden Brief:

»An Bord des Debby und Dolly.
Stonington, 1. April 1835.

Dem Verfasser des Spion, Esq.

Sir,

Ihr Geehrtes ist mir zugekommen, und fand mich in guter Gesundheit, so wie ich hoffe, daß es mit diesen Zeilen bei Ihnen der Fall sein wird. Ich habe das Buch gelesen und muß sagen, es ist einiges Wahre darin, was, die Bibel, den Kalender und die Staatsgesetze ausgenommen, überhaupt alles ist, was man von einem Buch sagen kann. Ich erinnere mich des Sir John wohl, und werde dem, was er versichert, nichts entgegensagen, schon aus dem Grund, weil Freunde einander nicht widersprechen sollen. Ich war auch mit den vier Monikins bekannt, wovon er spricht, wiewohl ich sie anders nennen hörte. Meine Frau sagt, sie wundre sich, daß alles wahr sein sollte, und ich lasse sie dabei, da etwas Ungewißheit eine Frau vernünftig macht. Was mein Segeln ohne Geometrie betrifft, so war das kaum nöthig zu drucken, denn es ist nichts seltnes in diesen Breitegraden, wenn man nur ein oder zwei Mal des Tags einen Blick auf den Compaß wirft. Und so nehme ich Abschied von Ihnen, und erbiete mich, jeden Auftrag für Sie bei den Inseln zu besorgen, nach denen ich morgen, wenn es Wind und Wetter erlaubt, absegle. Ihr

Noah Poke.

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