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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Zehntes Kapitel.

Ein Grundprincip, ein Grundgesetz und ein Grundirrthum.

Das Volk von Springniedrig zeichnet sich durch die Ueberlegtheit seiner Handlungen, die Mäßigung seiner Ansichten und die Masse seiner Weisheit aus. Ein solches Volk ist natürlich nie in einer unschicklichen Eile. Obwohl ich jetzt gesetzlich naturalisirt und seit schon vollen vier und zwanzig Stunden nach der Regel in großen Rath gewählt worden, ließ man mir doch drei ganze Tage zum Studium der Verfassung und zum Bekanntwerden mit dem Geist einer Nation, die nach ihrer eignen Ansicht von der Sache ihres Gleichen nicht hat im Himmel noch auf Erden, noch im Wasser und unter der Erde, und dann erst berief man mich zur Ausübung meiner neuen und wichtigen Funktionen. Ich benutzte die Zeit und werde einen günstigen Augenblick ergreifen, um den Leser mit einigen meiner Forschungen über diesen interessanten Gegenstand bekannt zu machen.

Die Institutionen von Springniedrig zerfallen in zwei große moralische Kategorien: in die legalen und substituirten. Die erstern umfassen die Vorkehrungen des großen Elementar- und die letztern die des großen Alimentar-Prinzips. Die Einen sind folglich durch die Konstitution oder die große National-Allegorie bestimmt, während die Andern nur durch die Praxis beschränkt werden. Die Einen sind die Sätze, die Andern die Folgerungen daraus; die Einen Hypothesen, die Andern Korollarien. Die zwei großen politischen Landmarken, die zwei öffentlichen Meinungen, die Stümpf-auf-Stumpf, die rotirende Aktion und das große und kleine Lotterie-Rad sind nur Folgerungen, und so werd' ich in meiner jetzigen Abhandlung nichts darüber sagen, da diese sich nur einzig auf das Fundamental-Gesetz des Landes, die große und heilige National-Allegorie bezieht. Es ist schon erwähnt worden, daß Springniedrig ursprünglich ein Ableger von Springhoch war. Die politische Trennung hatte seit dem letzten Jahrhundert Statt, wo die Springniedriger öffentlich dem Springhoch und Alles, was es enthielt, absagten, ganz wie ein Katechumen dem Teufel und allen seinen Werken entsagen muß. Diese Renunciation, die auch manch Mal Denunciation genannt wird, war weit mehr nach dem Willen von Springniedrig, als von Springhoch, und ein langer, blutiger Krieg war die Folge. Die Springniedriger jedoch, nach einem heftigen Kampf, setzten ihren festen Entschluß durch, nichts mehr mit Springhoch zu thun zu haben. Das Folgende wird zeigen, in wie fern sie Recht hatten.

Selbst noch vor dem Kampf war das Gefühl des Patriotismus und der Unabhängigkeit so stark, daß die Bürger von Springniedrig, obwohl von ihrer eignen Industrie schlecht mit Produkten versorgt, doch stolz zu der Selbstentsagung schritten und sogar keine Stecknadel vom Mutterland einführen wollten, wirklich Nacktheit der Unterwerfung vorziehend. Sie stimmten sogar feierlich ab: ihre ehrwürdige Mutter, statt eine liebende, schützende und nachsichtige zu sein, wie sie offenbar hätte sein sollen, sei in der That nur eine raubsüchtige, rachgierige, tyrannische Stiefmutter gewesen. Dies war die Ansicht, muß man sich erinnern, als die zwei Gemeinden noch gesetzlich vereint waren, nur ein Haupt hatten, Kleider trugen und nothwendig eine Menge Interessen gemeinschaftlich verfolgten.

Durch die glückliche Beendigung des Kriegs änderte sich dies alles von Grund aus. Springniedrig machte Springhoch eine Faust und erklärte seine Absicht, künftig seine Angelegenheiten in seiner Weise zu führen. Dies um so wirksamer zu thun und zugleich seiner frühern Stiefmutter Schmutz in's Antlitz zu werfen, wollte es, daß seine Verfassung so parallel mit der von Springhoch laufen und doch so offenbar, wie möglich, eine Verbesserung davon sein sollte, um die Unvollkommenheiten derselben auch dem oberflächlichsten Beobachter zu zeigen. Daß dieser patriotische Entschluß getreu ausgeführt wurde, will ich jetzt darlegen.

In Springhoch hatte der alte menschliche Grundsatz lange gegolten, alle politische Macht komme von Gott; wiewohl ich nicht einsehe, wie eine solche Theorie je irgendwo habe aufkommen können, da, wie Herr Geradaus sich ein Mal ausdrückte, der Teufel offenbar eine größre Macht in ihrer Ausübung hatte, als sonst ein andrer Einfluß oder Geist. Indeß das jus divinum war der Regulator des Springhocher Gesellschafts-Vertrags, bis der Adel sich das Bessere, das jus zuwandte, wo dann das divinum sich selbst überlassen ward. Zu dieser Zeit entstand die gegenwärtige Verfassung. Jeder hat bemerkt, daß ein auf das eine Ende gestellter Stock fällt, bis er in dem Boden Wurzel gefaßt. Mit zwei Stöcken geht's nicht besser, selbst wenn ihre Spitzen vereint sind; aber drei Stöcke bilden eine Standarte. Aus dieser einfachen und schönen Idee entstand die Staatsverfassung von Springniedrig. Drei moralische Stützen wurden mitten in der Gemeinde errichtet, am Fuß der einen stand der König, um sie zu verhindern, auszugleiten; denn alle Gefahr bei einem solchen System lag darin, daß die Basis nachgab. Am Fuß der zweiten stand der Adel; an dem der dritten das Volk. Auf dem Gipfel dieses Dreifußes erhob sich die Staatsmaschine. Dies ward als eine Haupterfindung in der Theorie angesehen, obwohl die Praxis, wie sie das sehr leicht thut, das Ganze einigen Modifikationen unterwarf. Der König, der für sich allein seinen Stock hatte, machte den beiden andern Stockhaltern viele Unruhe, und der Adel, um die Theorie nicht zu stören, denn die ward für unwiderruflich fest und heilig erklärt, dachte auf Mittel (er bezahlte schon seines eigenen Vortheils wegen die Hauptwerkleute an der Basis des Volksstocks, daß sie fest standen), um auch des Königs Stock in einer mehr gleichförmigen und dienlichen Stellung zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit, und als sie bemerkten, daß der König nie das Ende seines Stocks in der Stelle halten konnte, wo er es zu halten geschworen, erklärten sie feierlichst, er müsse vergessen haben, welches der konstitutionelle Standpunkt sei, und hätte unwiederbringlich sein Gedächtniß verloren, – ein Umstand, der die entfernte Ursache von Kapitän Poke's kürzlicher Noth war. Der König war nicht so bald durch die Konstitution seines Gedächtnisses beraubt, als man ihn leicht auch aller seiner andern Geistesfähigkeiten entledigen konnte; worauf man denn sehr human beschloß, wie es denn in einer so verlassenen Lage auch nicht anders sein konnte, daß er nicht Unrecht thun könnte. Um diese Idee nach einem humanen und christlichen Grundsatz zu verfolgen und einen Theil des Gebrauchs dem andern gleich zu machen, beschloß man bald nachher, er solle gar nichts thun, und sein erster ältester Vetter ward gesetzlich zu seinem Stellvertreter ausgerufen. Endlich zog sich der Purpur-Vorhang vor den Thron; da indeß dieser Vetter seinerseits den Stock erschüttern und das Gleichgewicht des Dreifußes stören konnte, beschlossen die beiden andern Stockhalter zunächst, daß, wenn auch Se. Maj. ein unleugbares konstitutionelles Recht hätte, zu bestimmen, wer sein erster ältester Vetter sein sollte, sie doch auch ein unbezweifelbares konstitutionelles Recht besäßen, zu sagen, wer er nicht sein sollte. Die Folge von allem diesem war ein Vertrag; Se. Maj., die die Süßigkeiten der Macht schmackhafter fanden, als das Bittre, ganz so wie andre Leute, ließen es sich gefallen, an der Spitze des Dreifußes zu erscheinen, wo sie als auf der Staatsmaschine sitzend erschienen, die Begrüssungen entgegennahmen, in Frieden aßen und tranken und den Andern überließen, unter sich auszumachen, so gut sie konnten, wer am Boden die Arbeit thun sollte. Kurz, dies ist die Geschichte, dies war die Politik von Springhoch, als ich dies Land zu besuchen die Ehre hatte.

Die Springniedriger waren entschlossen, zu beweisen, daß alles dies durch und durch unrecht sei. Sie beschlossen: erstlich, es solle nur ein socialer Balken sein; und damit er vollkommen feststehe, machten sie es jedem Bürger zur Pflicht, ihn zu stützeln. Ihnen gefiel die Idee von einem Dreifuß ziemlich; aber statt einen nach der Springhocher Art aufzustellen, drehten sie gerade seine Gestalt um, und steckten ihn, die Schenkel zu oberst, an ihren Balken, während sie besondre Agenten an jedes der Beine stellten, um ihre Staatsmaschine in Gang zu bringen, und auch sonst Sorge trugen, von Zeit zu Zeit einen neuen obenhin zu senden. Sie schlossen so: Wenn einer der Springhocher Balken weicht, – und sie werden bei nassem Wetter sehr leicht weichen, da König, Adel und Volk gegen einander schüttelt und rüttelt, – so wird die ganze Staatsmaschine herunterkommen, oder sie wird wenigstens so aus einander gehen, daß sie nie mehr recht arbeiten wird; deßwegen wollen wir nichts von allem dem haben. Wenn dagegen einer unsrer Agenten einen Fehler macht und fällt, ei, dann wird er nur seinen eignen Hals brechen; er wird ferner mitten unter uns fallen, und kommt er mit dem Leben davon, können wir ihn entweder auffangen und wieder zurückwerfen, oder einen bessern an seine Stelle setzen, um uns die übrige Zeit zu dienen. Sie behaupten auch, daß ein von allen Bürgern gehaltener Balken weit weniger im Fall zu schlüpfen ist, als drei Balken, von drei sehr ungewissen, nicht zu sagen, ungleichen Gewalten getragen.

Dies sind also die gegenseitigen National-Allegorien von Springhoch und Springniedrig. Ich sage Allegorien, denn beide Regierungen gebrauchen diese sinnreichen Bilder, um ihre großen, unterscheidenden Nationalgesinnungen klar zu machen. Es wäre in der That eine Verbesserung, wenn man künftig alle Verfassungen auf diese Weise versinnlichte, da sie dadurch nothwendig deutlicher, verständlicher und heiliger würden, als sie es jetzt durch ihre buchstäbliche Auslegung sind.

Nach Darlegung der leitenden Grundsätze dieser beiden wichtigen Staaten bitte ich nun für einen Augenblick um des Lesers Aufmerksamkeit, während ich ein wenig in's Einzelne über den modus operandi in beiden eingehe.

Springhoch erkannte im Anfang einen Grundsatz an, den Springniedrig gänzlich verwarf, nämlich den der Erstgeburt. Da ich selbst ein einziges Kind bin, und also nie nöthig hatte, über diesen interessanten Punkt Untersuchungen anzustellen, erfuhr ich nie den Grund dieses seltsamen Rechts, bis ich den großen Springhocher Kommentator Weißenfels über die leitenden Regeln des Gesellschafts-Vertrags las. Ich fand da, daß der Erstgeborne, moralisch betrachtet, als besser berechtigt zu den Ehren des Stammbaums von väterlicher Seite angesehen wird, als die Sprößlinge aus einer spätern Zeit des ehelichen Lebens. Nach diesem in die Augen fallenden und sehr scharfsinnigen Grundsatz wird die Krone, werden die Rechte des Adels und überhaupt alle andern Rechte von Vater auf Sohn vererbt, und zwar in gerader männlicher Linie nach der Erstgeburt.

Davon findet sich nichts in Springniedrig. Dort ist die Rechtmäßigkeit so gut für den jüngsten als den ältesten, und danach verfährt man auch. Da kein erbliches Haupt auf einem der Schenkel des Dreifußes abzuwägen ist, wählt das Volk am Fuße des Balkons zu gewissen Zeiten einen aus sich selbst, der der große Sachem genannt wird. Dasselbe Volk wählt noch eine andre Art, wenig an Zahl, die einen gemeinsamen Sitz am andern Schenkel einnehmen; diese nennen sie die Rathsherrn; und noch eine andre Art, noch zahlreicher und populärer dem Anschein nach, wenn auch nicht in der That, füllt einen weiten Sitz am dritten Schenkel. Diese letztern, weil man sie für außerordentlich populär und uninteressirt hält, sind gemeiniglich als die Legion bekannt. Sie werden auch scherzweise die Gestümpften zubenannt, weil die meisten sich einer zweiten Stümpfung unterworfen und wirklich fast alle Spur von einem Schweif ausgemerzt haben. Ich war zum Glück in das Haus der Gestümpften gewählt worden, wozu ich mich in dieser Hinsicht wenigstens wohl befähigt glaubte; denn alles von Noah und mir selbst während unsrer Reise und unserm Aufenthalt in Springhoch vorgenommene Salben und Zwingen hatte bei keinem auch nur ein Sprößlein hervorgebracht.

Der große Sachem, die Rathsherrn und die Legion hatten in manchen Stücken vereinte, im andern besondre Pflichten zu erfüllen. Alle drei, wie sie dem Volke ihre Erhebung verdanken, so hingen sie auch vom Volk am Fuße des großen socialen Stocks in Hinsicht der Belobung und Belohnung ab, das heißt, in Hinsicht all der Belohnungen, die sich selbst zu verleihen nicht in ihrer Macht steht. Es gab noch eine Autorität, noch einen Agent des Gemeinwesens, der ebenfalls mit dem socialen Balken zusammenhängt, obwohl er nicht so abhängig von der Hauptstütze des Volks ist, als die drei eben genannten, da er durch eine mechanische Vorkehrung vom Dreifuß selbst gestützt wird. Diese heißen die obersten Schiedsrichter, und ihr Amt ist, die Handlungen der drei andern Agenten des Volks durchzusehn und zu entscheiden, ob sie mit den anerkannten Grundsätzen der heiligen Allegorie im Einklang stehen oder nicht.

Ich freute mich sehr über meine Fortschritte im Studium der Springniedriger Institutionen. Erstens entdeckte ich bald, daß die Hauptsache war, die politische Erkenntniß, die ich in Springhoch erlangt, umzukehren, so wie jemand ein Faß umkehrt, wenn er seinen Inhalt an einem frischen Ende herausziehen will, und dann war ich ganz gewiß, wenigstens den Geist des Springniedriger Gesetzes erfaßt zu haben. Alles schien einfach; denn Alles hing von der gemeinsamen Stütze an der Basis des großen socialen Balkens ab.

Nachdem ich selbst eine gründliche Einsicht in die leitenden Principien des Systems erlangt, unter dem ich gewählt worden, sah ich mich nach meinem Kollegen, dem Kapitän Poke um, um mich zu vergewissern, wie er das große Springniedriger Allegorie-System verstünde.

Ich fand des Robbenfängers Geist, nach einer in dieser Erzählung öfters vorgekommenen Redensart, »ziemlich geübt« in Hinsicht der verschiedenen Gegenstände, die sich einem Manne seines Standes so natürlich darstellten. Erstlich war er in einer Alles überwältigenden Leidenschaft über Bob's Unverschämtheit, daß er sich als Bewerber für den Großen Rath aufgeworfen, und nachdem er das gethan, war des Kapitäns Wuth keineswegs besänftigt durch den Umstand, daß der junge Schurke wirklich an der Spitze des Volks stand. Er schwur ohne allen Rückhalt: kein ihm Untergebener solle je in derselben gesetzgebenden Versammlung mit ihm sitzen, er sei von Geburt ein Republikaner und kenne die Gebräuche der republikanischen Verfassungen so gut, als die patriotischsten unter ihnen; und wenn er auch zugab, daß aller Arten Kreaturen in seinem Lande in den Kongreß geschickt würden, so wisse doch Niemand von einem Fall, daß ein Schiffsjunge hingesandt worden. Sie möchten wählen, welchen sie wollten; aber an's Land gehen und den Staatsmann spielen sei doch ganz verschieden vom Stiefelputzen, Kaffeemachen und Grogmischen. Dem Kapitän hatte eben eine Kommittee der Perpendikulären aufgewartet (die Hälfte der Springniedriger Gemeinde gehört zu einer oder der andern Kommittee), durch die er auch gewählt worden, und sie hatten ihm mitgetheilt, alle ihre Repräsentanten würden ohne Weitres Instruktionen erhalten, so bald, wie möglich, nach Versammlung des Raths Gyration Nr. 3. auszuführen. Er sei aber kein Springer und hätte nach einem Lehrer des politischen Tanzes geschickt, der eben mit ihm seine Uebungen angestellt. Nach Noah's eigner Aeußerung waren seine Fortschritte nichts weniger, als schmeichelhaft. »Wenn sie noch Raum gestatteten, Sir John,« sagte er in kläglichem Tone, »dann ginge es noch; aber man erwartet, daß man steht Schulter an Schulter, Segelstange an Segelstange, und dann soll man einen Purzelbaum machen, wie etwa ein altes Weib einen Kuchen herumwirft, 's ist unvernünftig, zu verlangen, man solle ein Schiff ohne Platz gehörig wahren; aber laßt mir Raum, und ich will's herumbringen und wieder in die Linie kommen, trotz dem beßten Kreuzer, wenn auch nicht ganz so schnell. Sie gehen verächtlich mit uns um, das ist gewiß!«

Auch hatten die großen National-Allegorieen ihre Schwierigkeiten. Noah verstand die Bilder der beiden Dreifüße, obwohl er zum Glauben geneigt war, keiner sei gehörig gesichert. Ein Mast würde nur schlecht Wetter bringen, behauptete er, wäre er auch noch so gut mit Segel behängt und im Gleichgewicht, wenn er nicht gehörig eingefügt worden. Er sehe nicht recht, wie man die Enden der Balken Jemanden anvertrauen konnte. Gute Klammern brauchte man, und dann könnte das Volk sich um seine Privatangelegenheiten kümmern und brauchte nicht zu fürchten, sein Werk würde fallen. Daß der König von Springhoch kein Gedächtniß hätte, könne er aus bittrer Erfahrung bezeugen; auch glaube er nicht, daß er ein Gewissen besäße, und besonders wünsche er zu wissen, ob wir, wenn wir jetzt unsre Stelle an den Spitzen der drei sich zugekehrten Balken erhielten, nebst den andern Stümpfen den großen Sachem und die Rathsherrn bekriegen sollten, oder ob wir das Ganze gut aufzunehmen hätten, und am beßten wäre, überall das Wetter gut zu lassen.

Auf alle diese Bemerkungen und Fragen antwortete ich, wie es nur meine beschränkte Erfahrung gestatten wollte, und gab meinem Freunde zu verstehen, daß er wohl die Sache etwas zu buchstäblich genommen, da alles, was er von dem großen politischen Balken, den Dreifüßen und den gesetzgebenden Büchsen gelesen, nur eine Allegorie gewesen wäre.

»Und bitte, Sir John, was mag denn das sein, eine Allegorie?«

»In diesem Fall, mein Guter, ist es eine Konstitution.«

»Und was ist eine Konstitution?«

»Es ist manch Mal, wie Ihr seht, eine Allegorie.«

»Und sollen wir denn nicht oben an den Mast kommen, nach dem Buch?«

»Nur figürlich.«

»Und es gibt doch solche Dinger wie der große Sachem, die Rathsherrn und besonders – die Stümpfe! Wir sind bone fiddle di di (bona fide) erwählt?«

»Bone fiddle di-di

»Und darf ich fragen, was unsers Amtes ist?«

»Wir müssen praktisch, nach dem Buchstaben der legalen, mitverstandnen, bildlichen, allegorischen Bedeutungen des großen Nationalvertrags mit gehöriger Auslegung handeln.«

»Ich fürchte, wir haben doppelt zu arbeiten, Sir John, wenn wir so viel in so kurzer Zeit thun wollen. Meint Ihr wirklich im Ernst, daß es gar keinen Balken gibt?«.

»Es gibt einen und auch nicht.«

»Kein Vorder-, Haupt- und Besam-Mast, wie hier geschrieben steht?«

»Es gibt deren und auch nicht.«

»Sir John, um Gottes Willen, sprecht Euch aus! Ist das mit den acht Thalern des Tags nichts weiter, als ein Pfifferling?«

»Das halte ich für ganz buchstäblich.«

Da Noah jetzt ein wenig besänftigt schien, ergriff ich die Gelegenheit, ihm zu sagen, er müsse sich wohl hüten, Bob vom Eintritt in den Rath abzuhalten. Die Glieder seien auf ihrem Hin- und Herweg privilegirt, und wenn er nicht auf sein Benehmen Acht habe, könne er mit dem Ceremonienmeister unangenehme Händel bekommen. Außerdem schicke es sich nicht für die Würde eines Gesetzgebers, sich an Kleinigkeiten zu stoßen; er, dem die großen Angelegenheiten eines Staats anvertraut, müsse die höchste Wichtigkeit auf ein ernstes Aeußre legen, was bei seinen Konstituenten oft größres Gewicht, als jede andre Eigenschaft hätte. Jeder könne sagen, ob er ernst sei oder nicht; aber es sei nicht so leicht zu entscheiden, ob er oder seine Konstituenten am meisten Ursache hätten, so zu erscheinen. Noah versprach Besonnenheit, und wir trennten uns, um nicht mehr, als bis zur Eidesleistung, uns zu sehen.

Ehe ich die Erzählung fortsetze, will ich nur erwähnen, daß wir an jenem Morgen unsre Waare absetzten. Alle Springhocher Ansichten gingen zu gutem Preis, und ich hatte Gelegenheit, zu bemerken, besonders an dem Eifer, womit die Ansichten über den Gesellschaftszustand in Springniedrig weggekauft wurden, wie sehr gut der Brigadier den Markt verstand. Aber durch einen jener unerwarteten Zufälle, die so viele von den Erwählten der Erde zu hohen Stellen erheben, war der Koch glücklicher, als wir alle. Man wird sich erinnern, daß er einen verachteten Ballen von Besondern Springniedrigern Ansichten eingehandelt, die in Springhoch gar keinen Abgang fanden; da sie jedoch von Außen kamen, bekamen diese Artikel, als eine Neuheit, in Bivouac Schwung, und er verkaufte sie alle vor Nacht zu ungeheuren Preisen, da allgemein das Gerücht ging, etwas Neues und Außerordentliches sei zu Markt gekommen.

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