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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Neuntes Kapitel.

Ankunft, – Wahl, – Architektur, – Welgerholz und Patriotismus vom reinsten Wasser.

Zu rechter Zeit erschien die Küste von Springniedrig, gerade links vom Steuer. So plötzlich war unsre Ankunft in dieses neue und außerordentliche Land, daß wir fast auf es angerannt wären, bevor wir noch seine Küsten zu Gesicht bekommen. Die Seekunde Kapitän Poke's jedoch hielt uns noch bei Zeit, und vermittelst eines sehr geschickten Lootsen lagen wir bald sicher im Hafen von Bivouac vor Anker. In diesem glücklichen Land gab es kein Registriren, keine Pässe, »kein Garnichts,« wie H. Poke es sehr treffend ausdrückte. Die Förmlichkeiten waren bald vorüber; wiewohl ich bemerken konnte, wie viel leichter man mit Schlechtigkeit in dieser Welt durchkommt, als mit Tugend. Ein einem Zollbeamten angebotenes Trinkgeld ward zurückgewiesen, und so entstand die einzige Mühe, die ich dabei hatte, aus dem unzeitigen sich Aufdringen einer Gewissenhaftigkeit. Doch kamen wir durch, wie wohl nicht so bald und so leicht, als wenn Douceurs Mode gewesen, und durften mit all unsern nöthigen Effekten landen.

Die Stadt Bivouac stellte einen seltsamen Anblick dar, als ich zuerst meinen Fuß in ihre heiligen Straßen setzte. Die Häuser waren all mit großen Zetteln bedeckt, die ich Anfangs für Waarenlisten des Verkaufs hielt, denn der Ort treibt bekanntlich Handel; aber bei näherer Betrachtung waren es nur Wahlaufrüfe. Der Leser wird sich mein Vergnügen und Staunen denken, als ich den ersten las, der so lautete:

»Horizontale Ernennung.«

»Horizontale, Systematische, Doktrinäre, Republikaner, merkt auf!«

»Eure heiligen Rechte sind in Gefahr; Eure theuersten Freiheiten sind bedroht. Eure Weiber und Kinder sind am Rand des Verderbens; die schändliche, unkonstitutionelle Ansicht, daß die Sonne bei Tag, der Mond bei Nacht leuchtet, wird offen und ohne Scham verbreitet, und jetzt ist die einzige Gelegenheit, die sich vielleicht je darbietet, einen Irrthum aufzuhalten, der von Täuschung und häuslichen Uebeln so voll ist. Wir stellen Eurer Aufmerksamkeit einen gehörigen Vertheidiger dieser nahen und theuern Interessen in der Person des John Goldenkalb vor, einen bekannten Patrioten, erprobten Gesetzgeber, tiefen Philosophen, unbestechlichen Staatsmann. Unsern adoptirten Mitbürgern brauchen wir ihn nicht zu empfehlen, denn er ist in der That einer von ihnen; den Eingebornen sagen wir nur: »Erprobt ihn, und Ihr werdet mehr als zufrieden sein.«

Ich fand diesen Anschlag sehr nützlich, denn er gab mir die erste Nachricht von den Pflichten, deren Erfüllung man von mir erwartete; ich sollte nur in der kommenden Sitzung beweisen, der Mond scheine bei Tag, und die Sonne bei Nacht. Folglich suchte ich sogleich in mir geeignete Beweisgründe auf.

Der nächste Zettel war zu Gunsten – »Noah Poke's, des erfahrnen Seglers, der das Schiff des Staats in den Hafen des Glücks führen wird, des praktischen Astronomen, der durch häufige Beobachtungen weiß, daß Mondsüchtige nicht im Dunkeln zu finden sind. Perpendikuläre, seid stark, werft Eure Feinde nieder!«

Nach diesem kam ich auf den: »hochachtbaren Bob Schmutz, im Vertrauen empfohlen allen ihren Mitbürgern durch die Ernennungskommittee der Politik-Tangenten als ein wahrer Ehrenmann, ein reifer Gelehrter (so nennt man in Springniedrig allgemein jeden Herrn, der eine Brille trägt), ein erleuchteter Staatsmann und gesunder Demokrat.«

Aber ich würde nur hievon zu schreiben haben, wollte ich eine Fluth von Empfehlungen und Lügen erwähnen, die in Hinsicht unsrer von einer Gemeinde ergingen, der wir noch ganz fremd waren. Nur noch ein Beispiel vom Letztern:

Protokoll. »Erschien persönlich vor mir, John Aequitas, Friedensrichter; Peter Verax, u.s.w., der nach gehöriger Beeidigung auf die heiligen Evangelisten hinterlegt und sagt: daß er mit einem gewissen John Goldenkalb in seinem Vaterland vertraut bekannt gewesen, und persönlich weiß, wie der besagte John Goldenkalb drei Weiber und sieben uneheliche Kinder hat; ferner bankbrüchig und ohne Charakter ist, und durch Schafsdiebstahl auszuwandern gezwungen worden.«

»Geschworen u.s.w.«
Unterzeichnet
»Peter Verax.«

Ich fühlte natürlich einigen Unwillen über diese unverschämte Behauptung und wollte mich eben bei'm nächsten Vorübergehenden nach der Adresse des Herrn Verax erkundigen, als mich einer von der horizontalen Ernennungskommittee am Saume meines Fells faßte und mit Glückwünschen über meine glückliche Wahl überhäufte. Erfolg ist ein herrliches Pflaster für alle Wunden, und ich vergaß wirklich, die Sache mit dem Schaf und den sieben unehelichen Kindern zu untersuchen, obwohl ich jetzt noch versichre, wäre mir das Glück weniger günstig gewesen, der Schelm, der diese Verläumdung verbreitete, hätte mir für seine Verwegenheit büßen sollen. In weniger als fünf Minuten kam Kapitän Poke an die Reihe; auch ihm wurde in gehöriger Form Glück gewünscht, denn wie Noah sich ausdrückt, »das Robbeninteresse hatte wirklich einen Bewerber durchgesetzt«. So weit ging Alles gut; denn nachdem ich so lange mit ihm zu Tisch gesessen, hatte ich nichts im geringsten dagegen, mit dem würdigen Robbenjäger im Springniedriger Parlament zu sitzen. Aber unser gegenseitiges Staunen und, ich darf wohl hinzufügen, unser Unwille wurde gehörig erregt, als wir kurz darauf eine Nachricht lasen über die bei'm »Empfang des hochachtbaren Bob Schmutz« zu beobachtenden Feierlichkeiten.

Es schien, die Horizontalen und Perpendikularen hatten so viele falsche Stimmzettel verfertigt, um sich die Tangenten günstig zu machen und einander zu täuschen, daß dieser junge Schelm wirklich an die Spitze kam, ein politisches Phänomen, das, wie ich später erfuhr, ganz und gar nicht selten in der Geschichte der Springhocher Wahlen vorkommt.

Es muß natürlich das Interesse steigern, wenn man bei'm Eintritt in ein fremdes Land sich an allen Straßenecken der Hauptstadt getadelt und gepriesen findet, und an demselben Tag in sein Parlament gewählt wird. Doch ließ ich mich weder so sehr dadurch erheben, noch erniedrigen, um mich nicht umzusehen und so genau und so schnell, als möglich, eine Einsicht in Charakter, Geschmack, Sitten, Wünsche und Bedürfnisse meiner Constituenten zu erhalten. Ich habe schon erklärt, daß ich mich hauptsächlich über die moralischen Vortrefflichkeiten und Besonderheiten des Volks der Monikinwelt verbreiten will; doch konnte ich durch die Straßen von Bivouac nicht gehen, ohne einige physische Gebräuche zu bemerken, die ich erwähnen will, weil sie mit dem Gesellschaftszustand offenbar zusammenhängen, so wie auch mit den historischen Rückerinnerungen dieses interessanten Theils der Polargegend.

Erstlich bemerkte ich, daß alle Arten vierfüßiger Thiere ganz eben so zu Haus in den Spaziergängen der Stadt sind, als die Einwohner selbst; was offenbar mit dem Princip gleicher Rechte, worauf die Institutionen des Landes ruhen, sehr nahe zusammenhängt. Zweitens mußte ich sehen, daß ihre Wohnungen auf der kleinstmöglichen Basis errichtet sind und einander stützen, als Zeichen der durch das republikanische System erlangten Hülfe; sie suchen ihre Entwicklung, aus Mangel an Breite, hoch in der Luft, was ich auf die noch nicht ferne Epoche bezog, wo man auf Bäumen lebte. Drittens fand ich, daß, statt nahe am Boden, wie die Menschen, in ihre Wohnungen zu gehen, oder, wie fast alle ungeflügelte Thiere, sie vermittelst äußrer Stufen fast halbwegs zwischen Dach und Boden in eine Oeffnung steigen, wo, ein Mal eingelassen, sie auf und niedersteigen, je nach Gelegenheit. Dieser Gebrauch rührte ohne Zweifel von einer noch nicht fernen Periode her, wo die wilde Lage des Landes sie nöthigte, gegen die Verwüstungen wilder Thiere Schutz zu suchen, indem sie zu Leitern ihre Zuflucht nahmen, welche der Familie nach hoch auf die Bäume gezogen wurden, sobald die Sonne unter den Horizont sank. Diese Stufen oder Leitern sind gewöhnlich aus einem weißen Material gemacht, damit sie selbst jetzt noch in drängender Gefahr im Dunkeln gefunden werden möchten, obwohl jetzt Bivouac, so viel ich weiß, gerade keine unordentlichere oder unsichrere Stadt ist, als jede andere gegenwärtig. Alle Gewohnheiten bleiben in den Sitten eines Volks und zögern darin selbst dann noch als Moden, nachdem der Grund ihres Entstehens aufgehört hat und vergessen worden. Als Beweis hievon haben noch viele Häuser in Bivouac, nahe den steinernen Leitern, ungeheure eiserne spanische Reuter vor der Thüre, ein Gebrauch, offenbar aus den ursprünglichen unsophistischen häuslichen Vertheidigungen dieser kriegerischen und unternehmenden Raçe herrührend. Unter vielen spanischen Reutern bemerkte ich gewisse eiserne Bilder, die den Königen der Kassenleute glichen, und die ich anfangs für Symbole der berechnenden Eigenschaften der Eigenthümer, für eine Art republikanischer Heraldik hielt; aber der Brigadier sagte mir, es sei nur eine Mode, die von der Sitte übrig geblieben, in den frühsten Tagen der Niederlassung ausgestopfte Bilder vor den Thüren zu haben, um bei Nacht die wilden Thiere wegzuschrecken, ganz wie wir Popanze in die Kornfelder stellen. Zwei dieser wohlausstafftirten Schildwachen, auf einem Stock wie eine Flinte angelegt, versicherte er mir, hätten oft Wochen lang eine Belagerung gegen eine Wölfin und ihre zahlreiche Familie in alten Zeiten ausgehalten; und jetzt, da die Gefahr vorüber, glaube er, die Familien, die diese eisernen Monumente hätten errichten lassen, wollten nur das Andenken an die Gefahren dieser Art erhalten, denen ihre Vorväter durch ein so scharfsinniges Mittel entgangen.

Alles trägt in Bivouac den Stempel des hohen Princips seiner Einrichtungen. Die Häuser der Privatleute z.B. überragen die Dächer der Staatsgebäude, zum Zeichen, daß der Staat nur Diener des Bürgers ist. Selbst die Kirchen haben das Besondre, zum Zeichen, daß der Weg zum Himmel vom Volkswillen nicht unabhängig ist. Die große Justizhalle, ein Gebäude, worauf die Bivouaker außerordentlich stolz sind, ist in demselben niedrigen Styl ausgeführt; der Baumeister, dem Verdacht zu entgehen, er glaube, das Firmament sei im Bereich seiner Hand, hatte, die Vorsicht gebraucht, einen hölzernen Wegweiser mitten auf das Gebäude zu stellen, der nach dem Platze zeigt, wo, nach der Ansicht aller andren Leute, der Gipfel des Gebäudes selbst sein sollte. So auffallend wäre diese Besonderheit, bemerkte Noah, daß es ihm schiene, als wäre die ganze Erde durch ein großes politisches Welgerholz gewalzt worden, um dem Lande seine endliche Gestalt zu geben. Während ich diese Bemerkungen machte, kam Jemand im schnellen Trott herbei, der, wie Geradaus behauptete, unsere Bekanntschaft zu machen wünschte. Ich war erstaunt, daß er ohne vorherige Mittheilung dieß wisse, und fragte ihn daher, warum er glaube, wir wären das Ziel von des Andern Eile.

»Blos weil ihr Neuangekommene seid. Dieser ist einer von einer sehr zahlreichen Klasse unter uns, die, von kleinlichem Ehrgeiz verzehrt, bekannt zu werden wünschen; – was sie, beiläufig gesagt, oft in mehrerer Rücksicht erlangen, als sie wohl selbst wünschen; deßwegen drängen sie sich an jeden Fremden, der unsre Küsten berührt. Es ist nicht eine edle, freimüthige Gastfreundschaft, die gern Andern dienen möchte, sondern eine reizbare Eitelkeit, die sich berühmt machen möchte. Der freigebige und erleuchtete Monikin ist leicht von dieser Clique zu unterscheiden; er schämt sich weder, noch verliebt er sich in Gebräuche, blos weil sie die heimischen sind, bei ihm sind die Zeichen der Würdigkeit, Schicklichkeit, Geschmack, Thunlichkeit, Angemessenheit; er unterscheidet, während diese zusammenwerfen; er verwirft sie weder, noch lebt er gänzlich nach Nachahmung, sondern urtheilt für sich, und gebraucht seine Erfahrung als eine zu verehrende nützliche Führerin; während jene denken, alles, was sie über den Bereich ihrer Nachbarn erlangen können, sei eben dadurch der einzige Zweck ihres Lebens. Fremde suchen sie auf, weil sie schon seit Langem beschlossen, dieses Land mit seinen Gebräuchen, seinem Volke und allem, was es enthält, sei dadurch, daß es auf Volksrechte gegründet, so herabgewürdigt und gemein, als nur möglich, sie selbst und einige ihrer besondern Freunde ausgenommen; und sie sind nie so glücklich, als wenn sie an den sekundären Verfeinerungen dessen, was wir das alte Land nennen, hängen und sich daran erfreun. Da ihre eignen Vorzüge jedoch meist nur zufällig sind, so, wie wir sie alle in unserer täglichen Unterhaltung auffangen, so verstehen sie nichts von einem fremden Land, außer etwa von Springhoch, dessen Sprache wir zufällig sprechen; und da auch Springhoch gerade das schönste Ideal der Ausschließlichkeit in seinen Gebräuchen, Ansichten und Gesetzen ist, halten sie alle, die daher kommen, als noch viel mehr berechtigt zu ihrer tiefsten Huldigung, als andre Fremdlinge.«

Hier verließ uns Richter Volksfreund, der die Ernennungskommission in Hinsicht der Chancen des kleinen Rads kräftig ausgeforscht hatte, plötzlich mit einer verlegnen, verschämten Miene, und mit der Nase auf dem Boden, gleich einem Hund, der eben erst eine frische Fährte aufgespürt hat.

Als wir dem Exambassadeur wieder begegneten, war er in Trauer wegen eines politischen Sturzes, den ich nie begriff. Er hatte sich einer neuen Schweifabkürzung unterworfen, und so gänzlich den Sitz der Vernunft gedemüthigt, daß selbst der Neidischste und Bösartigste nie auf den Glauben hätte kommen können, es sei ihm noch ein Stückchen Gehirn übrig gelassen. Er hatte sich ferner jedes Haar vom Leibe scheeren lassen, der jetzt so nackt wie eine Hand war und durchaus ein erbauliches Gemälde der Reue und Selbstdemüthigung darstellte. Ich erfuhr später, diese Reinigung sei für vollkommen genügend betrachtet und er wieder als innerhalb des Kreises der patriotischsten Patrioten angesehen worden.

Indeß war der Bivouaker zu mir gekommen und als Herr Gildet Wriggle eingeführt worden.

»Graf Poke von Stonington, Sir,« sagte der Brigadier, der bei dieser Gelegenheit Ceremonienmeister war, »und der Mogul Goldenkalb, – beides Edelleute von alter Linie, merkwürdigen Privilegien und vom reinsten Wasser, – Edelleute, die zu Hause sechs Mittagessen täglich haben, immer auf Diamanten schlafen, und deren Schlösser keines weniger, als sechs Meilen in der Länge hat.«

»Mein Freund, General Geradaus, hat sich zu viele Mühe gegeben,« fiel unser neuer Bekannter ein; »Ihr Rang und Herkommen ist von selbst einleuchtend. Willkommen in Springniedrig! Ich bitte, über mein Haus, meinen Hund, meine Katze, mein Pferd, über mich selbst nach Gefallen zu verfügen. Ich bitte besonders, Ihr erster, letzter und alle zwischenliegenden Besuche mögen mir gehören. Nun, Mogul, was denken Sie in Wahrheit von uns? Sie sind nun lang genug am Lande gewesen, um sich einen ziemlich genauen Begriff von unsern Institutionen und Gewohnheiten machen zu können. Ich bitte, Sie wollen nicht von uns allen nach dem, was Sie auf den Straßen sehen, urtheilen.«

»Das ist nicht meine Absicht, Sir.«

»Sie sind vorsichtig, merk' ich. Wir sind, ich gestehe es, in einer schrecklichen Lage, vom gemeinen Volk niedergetreten und weit, – sehr weit von dem Volk, was Sie zu finden erwarteten. Ich könnte nicht Schultheisen-Adjunkt werden, wenn ich's auch wollte; zu viel Jakobinismus. Die Leute sind Narren, Sir, wissen nichts, Sir, sind nicht im Stande, sich zu regieren, Sir, geschweige Bessere, als sie. Da haben einige von uns, einige Hunderte eben in dieser Stadt, ihnen gesagt, welche Narren sie sind, wie unfähig, ihre eigene Angelegenheit zu führen, und wie schnell sie schon seit diesen zwanzig Jahren zum Teufel fahren, und dennoch haben wir sie noch nicht überzeugt, einem von uns Macht anzuvertrauen. Die Wahrheit zu gestehen, wir sind in einer sehr elenden Lage, und wenn etwas dieses Land verderben könnte, schon seit 35 Jahren hätte die Volksherrschaft es ruinirt.«

Hier wurden die Klagen des Herrn Wriggle durch den Grafen von Poke de Stonington unterbrochen. Dieser hatte, während er voll Bewunderung auf den Sprecher schaute, seine Zehe gegen eine der 43760 Ungleichheiten auf dem Pflaster angestoßen (Alles ist nämlich in Springniedrig vollkommen gleich, nur nicht das Pflaster und die Landstraßen) und war vorwärts auf die Nase gefallen. Ich habe schon auf des Robbenfängers Geneigtheit angespielt, beleidigende Beiwörter zu gebrauchen. Dieser Zwischenfall trug sich in der Hauptstraße von Bivouac oder dem sogenannten Weitpfad zu, einer Straße, mehr als eine Meile lang, aber trotz ihrer Länge begann Noah an dem einen Ende und schalt sie bis an das andre mit einer Genauigkeit, Treue, Schnelle und Treffendheit durch, die allgemeine Bewunderung erregten. Es wäre die schmutzigste, schlechtgepflastertste, gemeinste, elendeste Straße, die er je gesehen, und wenn sie sie zu Stonington hätten, würden sie sie, statt sie überhaupt als Straße zu gebrauchen, am einen Ende zumachen und in einen Schweinstall umwandeln.

Hier zeigte Brigadier Geradaus unzweideutig einige Besorgniß. Er zog uns auf die Seite und fragte heftig den Kapitän, ob er toll wäre, auf diese unerhörte Weise den Probirstein des Bivouak'schen Gefühls, Geschmacks und Schönheitssinns anzutasten. Von dieser Straße spräche man nie, außer in Superlativen, welchen Gebrauch übrigens Noah gar nicht übertreten hatte; man halte sie für die längste und kürzeste, die breitste und engste, die am beßt- und schlechtest gebaute in der ganzen Welt. »Was Ihr immer sagt oder thut,« fuhr er fort, »was Ihr auch denkt und glaubt, nie verwerft die Superlative bei dem Weitpfad. Fragt man Euch, ob Ihr je eine so belebte Straße saht, obgleich für ein Regiment zum Schwenken Raum genug ist, so schwört, sie sei vollgepfropft; fordert man von Euch, einen andern von Unterbrechung so freien Spaziergang zu nennen, so versichert bei Eurer Seele, der Ort sei eine Wüste. Sagt, was Ihr wollt, von den Institutionen des Landes ––«

»Wie?« rief ich, »von den heiligen Rechten der Monikins!«

»Bewerft sie und die ganze Masse der Monikins dazu mit so viel Schmutz, als Euch gefällt; ja, wenn Ihr frei in guter Gesellschaft verkehren wollt, würde ich Euch selbst rathen, häufig die Wörter: Jakobiner, gemeiner Haufe, Hefe des Volks, Agrarier, Canaille, Demokraten zu gebrauchen, denn sie machen Viele bekannt, die sonst nichts für sich haben. In unserm glücklichen, unabhängigen Land ist es ein sichres Zeichen von hohen Gesinnungen, vollkommner Erziehung, geregeltem Verstand und feinem Benehmen, jenen ganzen Theil Eurer Mitgeschöpfe zu verspotten, die in einem einstöckigen Hause wohnen.«

»Ich finde alles dieß seltsam, da Eure Regierung anerkannter Maßen eine Regierung der Massen ist.«

»Sie haben ganz die Ursache getroffen! Ist es nicht überall Mode, über die Regierung zu schimpfen? Was Ihr immer im vornehmen Leben thut, muß auf liberale und hohe Grundsätze sich stützen, und so tadelt denn alles Belebte in Springniedrig, die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren Verwandten und Vierfüßlern ausgenommen; aber erhebt Eure Lästerzunge nie gegen etwas Unbelebtes. Achtet, ich bitt' Euch, die Häuser, die Bäume, die Flüsse, die Berge, vor Allem in Bivouac achtet den Weitpfad. Wir sind Leute von großer Reizbarkeit und sind empfindlich für den Ruf selbst unsrer Stöcke und Steine; selbst die Springniedrig-Philosophen sind in dieser Hinsicht alle einmüthig,«

»Könnt Ihr diese Eigenthümlichkeit erklären, Brigadier?«

»Sicher müßt Ihr wissen, daß alles Eigenthum heilig ist. Wir haben große Achtung dafür, Sir, und lieben unsre Waaren nicht heruntergesetzt zu sehen; aber legt Euch um so härter mit Eurem Tadel auf die Masse, und man wird Euch darum nur für einen geistreichern und gebildeteren Kopf halten.«

Hier wandten wir uns wieder zu Herrn Wriggle, der vor Verlangen starb, noch ein Mal bemerkt zu werden.

»Ah, Ihr Herren, Ihr kommt eben von Springhoch,« er hatte einen unsrer Begleiter gefragt; »wie geht's mit diesem großen und consequenten Volke?«

»Wie gewöhnlich, Sir, – groß und consequent.«

»Ich glaube jedoch, wir stehen ihnen gleich, eh? Säulen aus denselben Blöcken?

»Nein, Sir, Blöcke aus denselben Säulen.«

Herr Wriggle lachte, und schien über das Kompliment erfreut; und ich wünschte, ich hätte es selbst noch ärger gemacht.

»Nun, Mogul, was machen unsre Vorväter? Immer noch in Stücke zerschlagend das feine Gebäude einer Verfassung, das so lange das Wunder der Welt und meine besondere Bewunderung gewesen?«

»Sie sprechen von Veränderungen, Sir; wiewohl sie vielleicht nicht viel durchgesetzt haben. Der Primat von ganz Springhoch hat immer noch, wie ich sah, sieben Anhängsel zu seinem Schweif.«

»Ach, sie sind ein wundervolles Volk, Sir,« sagte Wriggle, und sah bedauernd nach seinem eignen Stumpf, welcher, wie ich später erfuhr, eine blose natürliche Mißgeburt war. »Ich verabscheue den Wechsel, Sir! Wär' ich ein Springhocher, ich wollte mit meinem Schweif sterben.«

»Einem, für den die Natur so viel gethan, muß man einigen Enthusiasmus zu Gute halten.« »Ein sehr wunderbares Volk, Sir, das Wunder der Welt, und seine Institutionen sind das größte Staunen aller Zeiten.«

»Das ist wohl bemerkt, Wriggle,« fiel der Brigadier ein; »denn sie haben sie umgeschmolzen und geändert schon seit 550 Jahren, und doch bleiben sie dieselben.«

»Sehr wahr, Brigadier, das Wunder unsrer Zeiten. Aber, Ihr Herren, was denkt Ihr eigentlich von uns? Ich werde Euch nicht mit Allgemeinheiten durchlassen. Ihr seid jetzt lang genug an der Küste gewesen, um Euch gehörige Begriffe von uns zu machen; und ich gestehe, ich möchte sie hören. Redet die Wahrheit aufrichtig. Sind wir nicht bei allem dem die erbärmlichsten, verlassensten, verschmähtesten Teufel?«

»Ich wies die Möglichkeit von mir, nach einer so kurzen Bekanntschaft über die Staatsverfassung eines Volks zu urtheilen; aber darauf wollte Herr Wriggle nicht hören. Er bestand darauf, ich müßte ganz besonders von der Rohheit und Bildungslosigkeit des gemeinen Haufens abgestoßen worden sein. Er meinte damit die Masse des Volks, die mir, beiläufig gesagt, schon als der vergleichungsweise bessere Theil der Bevölkerung aufgefallen war, in so weit, als ich etwas Sittsameres, Ruhigeres und Artigeres, als gewöhnlich, gesehen hatte. Herr Wriggle bat auch sehr ernstlich und inständig, ich möchte das Ganze nicht nach solchen Beispielen beurtheilen, wie ich sie auf den Landstraßen treffen würde.

»Ich hoffe, Mogul, Sie werden christliche Liebe genug besitzen, um versichert zu sein, daß wir nicht alle ganz so schlecht sind, wie der Anschein uns macht. Diese rohen Wesen sind durch unsre jakobinische Gesetze verdorben; aber wir haben auch noch eine andre Klasse. Doch wenn Ihr nicht vom Volk reden wollt, wie findet Ihr die Stadt, Sir? Ein armseliger Ort, gewiß, gegen Eure eignen alten Hauptstädte?«

»Die Zeit wird das schon machen, Herr Wriggle.«

»Meint Ihr denn wirklich, wir brauchten Zeit? – Ei, das Haus an der Ecke dort, nach meinem Geschmack paßte es für einen Herrn in jedem Land; nicht?«

»Freilich, Sir, für Einen.«

»Dieser Weitpfad da ist, ich weiß es, nur eine ärmliche Straße in den Augen von Euch Reisenden; doch halten wir ihn für etwas Erhabnes.«

»Ihr thut Euch selbst Unrecht, Herr Wriggle; wenn er auch Vielen nicht gleich – – –«

»Wie, Sir, der Weitpfad nicht gleich Allem auf der Welt? Ich kenne Mehrere, die in der alten Welt gewesen, (so nennen die Springniedriger Springhoch, Springauf u.s.w.) und sie schwören, es gebe nirgends eine so schöne Straße. Ich bin nicht so glücklich gewesen, zu reisen, Sir; aber, Sir, erlauben Sie mir, Sir, zu sagen, Sir, daß einige von denen, Sir, die gereist sind, Sir, glauben, Sir, der Weitpfad, Sir, sei die prächtigste öffentliche Straße, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir, – ja, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir.« »Ich hab' bis jetzt noch so wenig davon gesehen, Herr Wriggle, daß Sie mir verzeihen werden, wenn ich zu hastig gesprochen.«

»O, keine Beleidigung! Ich verachte den Monikin, der nicht über Lokaleitelkeiten und Provinzbewundrung hinaus ist. Sie mußten das sehen, Sir; denn ich gebe freimüthig zu, Sir, daß kein Pöbel schlechter sein kann, als unsrer, und daß wir alle so schnell, wie nur möglich, zum Teufel fahren. Nein, Sir, ein nichtswürdiger Pöbel, Sir, aber unser Weitpfad, unsre Häuser, unsre Katzen und Hunde, und gewisse Ausnahmen, Ihr versteht mich, Sir, – das ist etwas Andres. Bitte, Mogul, wer ist jetzt in Eurem Volk der größte Mann?«

»Vielleicht sollte ich den Herzog von Wellington nennen, Sir.«

»Nun, Sir, darf ich fragen, ob er in einem bessern Hause, als das vor uns, wohnt? Ich sehe, Ihr seid entzückt, nicht? Wir sind eine arme, neue Nation niedriger Krämer, Sir, halb wild, wie Jedermann weiß, aber wir schmeicheln uns, daß wir wissen, wie man ein Haus baut. Wollt Ihr nur eben hineintreten und ein neues Sopha betrachten, das sein Eigentümer erst gestern kaufte? Ich kenne ihn genau, und nichts macht ihm so viel Freude, als sein neues Sopha zu zeigen.«

Ich schlug die Einladung wegen Ermüdung aus, und ward dadurch eine so lästige Bekanntschaft los. Doch bat er bei'm Abschied, ich möchte nicht verfehlen, sein Haus zu meiner Heimath zu machen, fluchte schrecklich gegen den Pöbel, und lud mich ein, eine sehr gewöhnliche Aussicht zu bewundern, die man hätte, wenn man in einer besondern Richtung den Weitpfad hinaufsehe, und dadurch seine eigne Wohnung zu Gesicht bekäme. Als mich Herr Wriggle nicht mehr hören konnte, fragte ich den Brigadier, ob Bivouac oder Springniedrig viele solcher Wunder enthielte.

»Genug, um sich sehr lästig und eben so lächerlich zu machen,« entgegnete Gradaus. »Wir sind eine junge Nation, Sir John, die eine große Fläche mit einer vergleichungsweise kleinen Bevölkerung bedeckt, und, wie Ihr seht, von den ältern Theilen des Monikinlands durch das Meer getrennt. In gewisser Hinsicht sind wir wie Leute auf dem Land, und haben ihr Gutes und Schlimmes. Vielleicht hat keine Nation mehr nachdenkende und wesentlich ehrbare Einwohner, als Springniedrig; aber nicht zufrieden mit dem, wozu günstige Umstände sie machten, befindet sich eine Clique unter uns, die unter dem Einfluß des größern Ansehens älterer Nationen nach dem verlangen, was gerade jetzt weder Natur, noch Erziehung, noch Sitten und Fähigkeiten sie wollen werden lassen. Kurz, Sir, wir sind mit der bösen Sünde einer jungen Gemeine, – der Nachahmung behaftet. In unserm Fall ist auch die Nachahmung nicht ein Mal glücklich, da sie nothwendig auf Beschreibungen beruht. Wäre das Uebel auf blose sociale Thorheiten beschränkt, so könnte man darüber lachen; aber das angeborne Verlangen der Auszeichnung, welches, leider!, am heftigsten und reizbarsten bei denen ist, welche am wenigsten geschickt sind, etwas mehr, als gemeines Bekanntwerden zu erlangen, ist gerade hier so thätig, als wo anders, und Einige, die Reichthum erlangt, und nie mehr erlangen können, als was gerade vom Reichthum abhängt, stellen sich, als verachteten sie die, die in diesem besondern Stück nicht so glücklich sind, als sie. In ihrem Verlangen nach Vorrang wenden sie sich zu andern Staaten, – besonders nach Springhoch, das das Ideal aller Nationen und Völker ist, die eine Kaste dem Despotismus entgegen zu setzen wünschen, – und schreien gegen eben jene Masse, die doch der Grund ihres Glücks ist, indem sie hartnäckig eine wesentliche Neuerung in den gemeinen Rechten verweigern. Außerdem haben wir noch unsre politischen Doktrinärs.«

»Doktrinärs! Wollt Ihr den Ausdruck erklären?«

»Sir, die doktrinäre ist die politische Schule, die auf die Stärke gewisser Theorieen viel hält, welche nur aufgestellt worden, um eine Reihe zufälliger Thatsachen zu rechtfertigen; dies ist besonders in unserm Musterbild Springhoch der Fall. – Wir sind hier in einer besondern Lage; hier sind, der Regel nach, Thatsachen, politische und sociale, weit über alle Theorie, eben weil sie in ihrer Wirkung gänzlich frei gelassen sind, die letztere aber wird nothwendig durch Gewohnheit und Vorurtheil beschränkt. Im alten Land dagegen steht Theorie als Regel und als leitende und bessere Theorie weit über den Thatsachen, weil dort diese durch Gebrauch und persönliche Interessen beschränkt sind, die Theorie aber durch Studium und die Nothwendigkeit des Wechsels begünstigt wird.«

»Ich muß Euch sagen, Brigadier, ich finde Eure jetzigen Institutionen ein seltsames Resultat für Befolgung eines solchen Systems.«

»Sie sind Ursache mehr, als Folge. Ansichten sind im Ganzen überall voran, und auch hier mehr, als anderswo. Der Zufall hat die Gründung eines Gesellschaftsvertrags begünstigt, und als er ein Mal gegründet war, sind die Thatsachen schneller zu ihrer Vollendung geeilt, als daß der Monikin-Geist ihnen hätte folgen können. Dies ist der merkwürdige, aber wahre Zustand des ganzen Landes. In andern Monikin-Ländern seht Ihr die öffentliche Meinung nach eingewurzelten Gewohnheiten spüren und verzweifelte Anstrengungen machen, um sie aus ihrem Bett feststehender Interessen loszureißen; während Ihr hier die Thatsachen die öffentliche Meinung wie einen Schweif nach sich ziehen seht.Man sollte meinen, der Brigadier hätte kürzlich unser eignes glückliches und erleuchtetes Land besucht. Vor fünfzig Jahren war der Neger Sklave zu Neu-York und unfähig, sich mit einer Weißen zu verheirathen; doch sind die Thatsachen vorgeschritten, und von einem Recht zum andern hat er zuletzt das erlangt, seinen eignen Geschmack hierin berathen zu dürfen und, so weit es an ihm liegt, nach Eigenwillen zu verfahren. Dies ist Thatsache; aber wer sie aussprechen wollte, sieht sich für seine Mühe durch die öffentliche Meinung die Fenster eingeworfen.
Anm. des Herausgebers.
Unsre rein socialen Nachahmungen und Thorheiten aber, da sie absurd sind, sind nothwendig auf eine kleine und immaterielle Klasse beschränkt; der doktrinäre Geist ist aber etwas viel Ernsthafteres. Der erschüttert das Vertrauen, macht oft unschuldig und unbewußt Neuerungen in den Rechten, und bewirkt, daß das Schiff des Staats dahin segelt, als sei es gestaucht in seinem Lauf.«

»Das ist in der That eine seltsame Lage für eine erleuchtete Monikin-Nation.«

»Freilich, die Menschen machen's besser; aber von allem diesem werdet Ihr mehr im großen Rath erfahren. Ihr mögt es vielleicht für seltsam halten, daß bei uns die Thatsachen im Gegensatz gegen einen so mächtigen Feind, als die öffentliche Meinung, das Uebergewicht behaupten; aber Ihr müßt bedenken, daß eine große Mehrheit unsers Volks, wenn auch nicht gänzlich auf gleicher Höhe mit den Umständen, da sie rein praktisch ist, doch dieser Höhe näher kommt, als die sogenannten Doktrinärs. Die letzern sind mehr lästig und trügerisch, als obsiegend.«

»Zu Herrn Wriggle zurückzukommen, – ist seine Sekte zahlreich?«

»Seines Gleichen finden sich am meisten in den Städten; in Springniedrig fehlt es uns sehr an einer Hauptstadt, wo die Gebildeten und Wohlgesitteten sich versammeln können und, durch ihre Gewöhnung und ihren Geschmack über die gemeinen Gefühle und Beweggründe der weniger Aufgeklärten erhaben, eine gesundere, unabhängigere, angemessenere und männlichere öffentliche Meinung bilden mögten, als die ist, die jetzt das Land durchdringt. Wie's jetzt steht, ist die wahre Elite dieser Gemeinde so zerstreut, daß sie von der Gesellschaft eher einen Eindruck empfängt, als ihn ihr gibt. Die Springniedriger Wriggles, wie Ihr eben bemerkt, sind selbstisch und anmaßend in Hinsicht ihrer persönlichen Anforderungen, reizbar, vertrauend auf die Verdienste eines besondern Vorzugs, der ihre Erfahrung einengt, und wüthend verfolgerisch gegen solche, die sie für weniger glücklich als sich halten.«

»Guter Gott, Brigadier! wie ist dies Alles auch so außerordentlich menschlich!«

»Wie, wirklich? Nun, so ist's wenigstens mit uns Monikins; unsre Wriggles schämen sich gerade des Theils der Nation, worauf sie am meisten stolz sein sollten, nämlich der Masse, und sind stolz auf die, derer sie sich schämen sollten, nämlich ihrer selbst. Aber es wird sich genug Gelegenheit bieten, dies weiter zu untersuchen, und wir wollen jetzt zum Wirthshaus eilen.«

Da der Brigadier der Sache müde schien, schwieg ich und folgte ihm, so schnell ich konnte, aber mit offnen Augen, wie der Leser sich denken kann. Eine Besonderheit mußte ich nothwendig in dieser seltsamen Stadt bemerken, nämlich, daß alle Häuser mit einer farbigen Erde bedeckt waren, und daß man dann nach dieser Mühe einen Künstler genommen, um weiße Linien um jedes besondre Theilchen des Baues zu machen (deren Millionen waren). Dies gab dann den Wohnungen einen sehr angenehmen Anstrich des Einzelnen und verschaffte der Architektur im Allgemeinen eine Erhabenheit, die auf das Multiplikations-Täfelchen basirt war. Fügt man dazu das Schwarze der spanischen Reiter, das Weiße der Eingangsleitern und eine Art stehender Colliers gleich unter der Dachbrüstung von einer sehr auffallenden Farbe, so war der Effekt nicht unähnlich dem von einem Peloton Trommler in ihren Scharlach-Wämsern, Baumwollen-Schnüren und weißen Aufschlägen und Krägen. Was die Aehnlichkeit noch auffallender macht, ist, daß nicht zwei von demselben Peloton genau von einer Größe erscheinen, wie sehr häufig auch bei unsern Künstlern in Militär-Musik der Fall ist.

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