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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
projectid99fcb211
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Sechstes Kapitel.

Immerbesser, – mehr Recht und mehr Gerechtigkeit, – Schweife und Köpfe, – die Wichtigkeit, jeden am Ort zu haben.

Noah wurde alsbald auf den Richtplatz geführt, wo ich ihn zu treffen versprach, um noch seinen Abschiedsseufzer aufzunehmen. Die Neugier trieb mich, den Ausgang der Apellation zu hören. Der Brigadier sagte mir auf dem Weg nach der Halle im Vertrauen, die Sache erhalte jetzt großes Interesse; bis jetzt sei Alles nur Kinderspiel gewesen, aber es würde künftig einen Beirath von großer Belesenheit und Forschung brauchen, um die Beweisgründe vorzubringen; er schmeichle sich, es werde wahrscheinlich für ihn eine gute Gelegenheit abgeben, um zu zeigen, was Monikin-Vernunft wirklich wäre.

Alle Zwölfe trugen Schweiffutterale, und alle zeigten furchterweckende intellektuelle Ausbildung in denselben. Da Noah's Sache als von mehr als gewöhnlicher Dringendheit anerkannt ward, wurde nach nur drei oder vier andern kurzen Rechtshändeln von Seiten der Krone, (diese hat immer den Vortritt bei solchen Gelegenheiten) der königliche Staatsanwalt aufgefordert, die Sache zu eröffnen.

Der gelehrte Rechtsbeistand sprach im Voraus von den Einwürfen seiner beiden Gegner und begann mit denen meines Geradaus. Alsbald , behauptete er, könne nach der jedesmaligen Zeit, wo es gebraucht würde, jeder Augenblick der vierundzwanzig Stunden sein. So würde alsbald am Morgen heißen: am Morgen, alsbald am Mittag: am Mittag, u.s.w. bis zum Schluß des gesetzlichen Tags. So müsse auch im legalen Sinne alsbald zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeuten, indem das Statut verlange, alle Hinrichtungen sollten bei Tage Statt finden. Folglich bestätigten und bestärkten beide Ausdrücke einander, statt einen Widerspruch zu enthalten oder sich aufzuheben, wie sehr wahrscheinlich vom gegenseitigen Rechtsbeistand behauptet werden würde.

Zu all diesem sagte unser Geradaus, wie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich, so ziemlich das Gegentheil. Er behauptete, alles Licht käme von der Sonne, und daher könnte das Statut nur meinen, es sollten keine Hinrichtungen während der Sonnenfinsterniß geschehen, wo alle Monikins mit Anbetung beschäftigt sein müßten. Alsbald ferner bedeutete nicht nothwendig alsbald, denn alsbald bedeutete sogleich; und zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeutete: zwischen Sonnenaufgang und Untergang; was sogleich sein konnte oder auch nicht.

Ueber diesen Punkt entschieden die Zwölfe: erstlich, daß alsbald nicht alsbald bedeutete; zweitens, daß alsbald alsbald bedeutete; drittens, daß alsbald zwei legale Bedeutungen hätte; viertens, es sei ungesetzlich, eine dieser gesetzlichen Bedeutungen zu unrechtem gesetzlichen Zweck anzuwenden, und fünftens, der Einwand sei, so weit er Nro. 1. Meergrün betreffe von keinem Belang. Beschluß daher, daß der Kriminal-Gefangene alsbald seinen Schweif verliere.

Der Einwurf gegen die zweite Sentenz hatte kein bessres Schicksal; Menschen und Monikins unterschieden sich nicht mehr, als einige Menschen von andern, oder einige Monikins von andern. Beschluß: daß die Sentenz bestätigt werde, nebst Kosten. Ich hielt diesen Beschluß für den vernünftigeren; denn, ich hatte oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß sehr erstaunende Aehnlichkeiten zwischen Affen und unserm Geschlecht sich finden.

Der Streit begann nun ernstlich zwischen den zwei Generalprokuratoren, und da der zu entscheidende Punkt eine blose Rangstreitigkeit war, erregte er ein lebhaftes, ja Alles verschlingendes Interesse bei den Zuhörern. Er ward jedoch nach einer lebhaften Diskussion zu Gunsten des Königs entschieden, dessen königlicher Würde, die zwölf Richter einmüthig der Meinung waren, der Vorrang über die Königin gebühre. Zu meinem größten Erstaunen brachte Geradaus einen Beweisgrund bei diesem verwickelten Punkt vor, und hielt, wie alle, die sie hörten, zugaben, eine außerordentlich geschickte Rede zu Gunsten der königlichen Würde. Alles beruhte hauptsächlich darauf, daß die Asche des Schweifs nach dem Spruch dem Sünder in's Gesicht geworfen werden sollte; zwar könnte dies physisch nach der Enthauptung geschehen, aber nicht moralisch. Dieser Theil der Strafe hätte einen moralischen Zweck, und ihn zu erreichen, wäre Bewußtsein und Scham beides sehr nöthig. So könnte denn der moralische Akt, daß die Asche dem Schuldigen in's Gesicht geworfen würde, nur so lange er lebte und beschämt werden könnte, vor sich gehen.

Meditation, der Oberrichter, sprach die Ansicht des Gerichtshofs aus. Sie enthielt die gewöhnliche Portion legalen Scharfsinns und Logik, wurde für sehr beredt in dem Theil gehalten, der den geheiligten und unverletzlichen Charakter der königlichen Prärogative berührte, und war so klar in der Darstellung des geringeren Rangs der Königin, daß ich froh war, daß Ihre Majestät nicht zugegen war, um sich und ihr Geschlecht so herabwürdigen zu sehen. Wie zu erwarten stand, legte man großes Gewicht auf die von dem Brigadier gemachte Distinktion; der Beschluß war wie folgt: »König und Königin gegen Nro. 1. Meergrün. Wird zu Recht erkannt: Die Diener der Gerechtigkeit sollen alsbald zum Schweifabschneiden bei dem Beklagten schreiten, ehe sie ihn enthaupten; vorausgesetzt, daß er nicht alsbald enthauptet worden, ehe er entschweift werden kann.«

Sobald dies Mandat dem geeigneten Beamten eingehändigt worden, zupfte mich Brigadier Geradaus am Knie und führte mich aus dem Justizpalast, als wenn unser beider Leben von unsrer Eile abhinge. Ich wollte ihm eben Vorwürfe machen, daß er zu Gunsten des königlichen Staatsprokurators gesprochen, als er mich bei der Wurzel des Schweifs ergriff (denn es war kein Knopfloch da) und mit augenscheinlicher Freude sagte:

»Die Sachen gehen sehr gut, mein lieber Sir John; ich erinnere mich nicht, seit vielen Jahren einen interessantern Proceß gehabt zu haben. Jetzt hat die Sache, die Ihr ohne Zweifel ihrem Ende nahe glaubt, gerade ihren Höhepunkt erreicht, und ich habe alle Aussicht, unsren Schützling, mir sehr zur Ehre, freizubringen.«

»Wie, mein guter Geradaus,« fiel ich ein; »der Angeklagte ist ja in letzter Instanz verurtheilt, wenn nicht schon hingerichtet!«

»Nicht so schnell, mein lieber Sir John, – noch gar nicht. Nichts ist im Gesetz völlig beendet, so lange noch ein Heller für Proceßkosten da ist oder der Angeklagte noch aufschnaufen kann. Ich glaube unsern Proceß herrlich im Gang, viel besser, als je, seit der Anklage.«

Erstaunen ließ mir nur so viel Kraft, um eine Erklärung zu erbitten.

»Alles hängt von dem einzigen Umstand ab, ob der Kopf noch an dem Rumpf des Angeklagten ist oder nicht. Geht Ihr so schnell, wie möglich, auf den Richtplatz; und sollte unser Klient seinen Kopf noch haben, dann haltet seine Geister durch geeignete religiöse Reden aufrecht, ihn stets auf's Schlimmste vorbereitend, denn das ist das Klügste; aber sobald sein Schweif abgetrennt ist, eilt, so schnell Ihr könnt, mit der Nachricht davon hieher zu mir. Ich verlange nur zweierlei von Euch: Eile mit der Nachricht, und vollkommne Gewißheit, daß der Schweif mit dem übrigen Körper auch nicht mehr durch ein Haar zusammenhängt. Ein Haar bringt oft die Wagschalen der Gerechtigkeit zum Sinken.«

»Der Fall scheint verzweifelt; wäre es nicht eben so gut, gleich in den Palast zu eilen, eine Audienz von Ihren Majestäten zu begehren, mich vor dem königlichen Paar auf die Kniee zu werfen und Verzeihung zu erstehen?«

»Euer Vorhaben ist unthunlich aus drei hinreichenden Gründen; erstlich: es ist nicht mehr Zeit; zweitens: Ihr würdet nicht ohne besondre Erlaubniß vorgelassen; drittens: in Springhoch gibt es keinen König und keine Königin.«

»Kein König in Springhoch!«

»So sag' ich.«

»Erklärt Euch, mein Geradaus, oder ich muß Eure Aussage durch meine eignen Augen widerlegen.«

»Eure Augen werden dann falsche Zeugen sein; früher gab es einen König in Springhoch, einer, der sowohl verwaltete, als regierte. Aber der Adel und die Großen des Landes hielten es für unschicklich, Seine Majestät länger mit Staatssachen zu bemühen, und nahmen alle Last der Verwaltung auf sich, dem Fürsten nur die Pflicht des Regierens überlassend. Dies geschah unter dem Vorwand, seine Gefühle zu schonen, und eine Schranke gegen die physische Gewalt und die Mißbräuche der Menge zu errichten. Nach einiger Zeit hielt man es für unbequem und kostspielig, die königliche Familie zu ernähren und sonst zu unterhalten, und alle ihre Glieder wurden insgeheim in eine ferne Gegend geschifft, die noch nicht so weit in der Civilisation fortgeschritten, um zu wissen, wie man eine Monarchie ohne einen Monarchen aufrecht erhält?«

»Und gelingt Springhoch dieses Wunder?«

»Sehr gut. Durch Enthauptungen und Schweifabhauen können selbst noch größre Dinge ausgeführt werden.«

»Aber sagt Ihr wirklich, es sei gar kein Monarch in diesem Land?«

»Ganz eigentlich gesprochen.«

»Und das Vorstellen bei ihnen.«

»Geschieht wie ihre Processe, die Monarchie aufrecht zu erhalten.«

»Und die Purpurvorhänge?«

»Verbergen leere Stühle.«

»Warum dann nicht so kostbare Vorstellungen ganz aufgeben?«

»Wie könnten die Großen schreien, der Thron ist in Gefahr, wenn gar keiner da ist. Es ist was andres, keinen König – und keinen Thron haben. Aber indeß schwebt unser Klient immer in Gefahr; eilt und habt Acht, daß Ihr nach meinen Vorschriften verfahrt!«

Ich stand, aber erfuhr nichts mehr, und flog im nächsten Augenblick nach dem öffentlichen Platz. Man bemerkte leicht den Schweif meines Freundes, wie er über dem Haufen hervorragte; aber Gram und Furcht hatten sein Antlitz schon so düster gemacht, daß auf den ersten Blick ich sein Gesicht nicht erkannte. Er war jedoch noch im Fleische; denn zum Glück für ihn, und noch mehr für den Erfolg seines Hauptbeistands, hatte die Schwere der Verbrechen ungewöhnliche Vorkehrungen für die Hinrichtung nöthig gemacht. Da das Mandat des Hofs noch nicht angelangt war, – die Gerechtigkeit ist in Springhoch eben so schnell, als ihre Diener langsam, – waren zwei Blöcke zugerichtet worden, und der Sünder sollte auf allen Vieren zwischen sie, gerade als ich mich durch den Haufen an seine Seite drängte, sich hinbeugen.

»Ah, Sir John, das ist eine schreckliche Procedur.« rief der zerknirschte Noah; »eine wirklich schreckliche Lage für einen Christen-Menschen, seine Feinde quer vor und hinter sich liegen zu sehen!«

»So lange Leben, so lange Hoffnung! Aber es ist immer das Beßte, auf's Schrecklichste gefaßt zu sein; wer so vorbereitet ist, kann nie unangenehm überrascht werden. Meine Herrn Scharfrichter,« (es waren deren zwei, für den König und die Königin, einer an jedem Ende des unglücklichen Verurtheilten) »ich bitte Sie, dem Sünder einen Augenblick zu gestatten, um seine Gedanken zu sammeln und mir seine Wünsche für seine ferne Familie und Freunde mitzutheilen.«

Gegen diese vernünftige Bitte hatte keiner der hohen Diener der Gerechtigkeit etwas einzuwenden, obwohl beide versicherten, daß, wenn sie nicht alsbald den Sünder zu dem Letzten vorbereiteten, sie ihre Plätze verlieren könnten. Sie sahen jedoch ein, man könne wünschen, einen Augenblick am Rande des Grabes stille zu halten. Es schien eine kleine Zwistigkeit zwischen den Vollstreckern selbst in Hinsicht des Vorrangs obzuwalten, die eine Ursache der Verzögerung gewesen, und dadurch weggeräumt worden, daß Beide zugleich operiren sollten. Noah lag nun auf Händen und Knieen, »vor Anker hinten und vornen,« wie der gefühllose Schelm Bob, der unter dem Haufen war, es ausdrückte, – zwischen zwei Blöcken, sein Nacken auf dem einen, sein Schweif auf dem andern; in dieser erbaulichen Lage durfte ich mit ihm sprechen.

»Ihr werdet wohl thun, Eurer Seele zu gedenken, mein lieber Kapitän,« sagte ich; »denn in Wahrheit, diese Beile haben einen sehr expeditiven und blutgierigen Anschein.«

»Ich weiß, Sir John, ich weiß; und Euch die Wahrheit zu gestehn, ich habe immer seit dem ersten Spruch tiefe Reue gefühlt. Die Sache mit dem Lord Oberadmiral besonders hat mir viel Kummer gemacht, und ich bitte Euch jetzt um Verzeihung, durch solch elenden Betrug irre geführt worden zu sein; an Allem ist das niedrige Geschöpf Doktor Raisono schuld, der einst noch seinen Lohn erhalten wird. Ich vergebe jedermann, und hoffe, jedermann wird mir vergeben. Für Mad. Poke wird's ein schwerer Fall sein; denn sie ist schon ganz darüber hinaus, einen andern Gemahl hoffen zu können, und muß eine Wittwe bleiben.«

»Reue, Reue, mein theurer Noah, Reue ist das Einzige, was in Eurer Lage Noth thut!«

»Die hab' ich, Sir John, mit Leib und Seel', ich bereue aus dem Grunde meines Herzens, je diese Reise gemacht zu haben; ja, ich bereue selbst, je über Montauk-Point hinausgekommen zu sein. Ich könnte jetzt ein Schulmeister oder Gastwirth in Stonington sein, und das sind beide gute, gesunde Stellen, besonders die letztere. Gott segne Euch, Sir John! Wäre Reue zu etwas gut, mir würde auf der Stelle vergeben.«

Hier sah Noah, wie Bob in dem Haufen der Umstehenden grinzte, und bat die Vollstrecker, als eine letzte Gunst, daß sie den Jungen herbeibrächten, um zärtlich für immer Abschied von ihm zu nehmen. Diesem vernünftigen Verlangen wurde willfahrt, trotz des armen Bob's Widerstreben, und der Junge hatte eben so gut Ursache zur herzlichen Reue, als der Verurteilte selbst. Gerade in diesem wichtigen Augenblick langte die Bestimmung in Hinsicht der Ordnung der Vollstreckungen an, und die Diener erklärten ernst, der Verurteilte müsse sich anschicken, die Strafe zu erleiden.

Die unerschrockne Art, wie Kapitän Poke dem tödtlichen Proceß des Schweifabhauens sich hingab, entlockte jedem anwesenden Monikin Beifall und erregte Theilnahme. Nachdem ich mich überzeugt, daß der Schweif wirklich vom Körper getrennt worden, lief ich so schnell, als meine Beine mich tragen konnten, nach der Halle der zwölf Richter. Mein edler Geradaus, der ungeduldig mein Erscheinen erwartete, erhob sich alsbald, und verlangte vom Gericht, es solle ein Mandat zum Aufschub der Exekution in der Sache »Königin gegen Noah Poke oder Nr. 1. Meergrün,« ergehen lassen. »Nach dem Statut vom zweiten Jahr der Regierung Longevity's und Flirtilla's ist vorgesehen, Mylords,« fuhr der Brigadier fort, »daß in keinem Fall ein verutheilter Majestätsverbrecher Verlust an Leib oder Leben erleiden soll, wenn bewiesen ist, daß er non compos mentis (geistesschwach) ist. Das ist auch eine Regel des gemeinen Gesetzes, Mylords, aber da es gesunde Monikins-Vernunft ist, hat man für gut gehalten, es noch durch ein besonderes Gesetz einzuschärfen. Ich hoffe, Herr Staatsanwalt, die Königin wird kaum in diesem Fall das Gesetz bestreiten –«

»Gewiß nicht, wiewohl ich die Thatsache noch bezweifle; die Thatsache muß festgestellt werden,« antwortete dieser, und schnupfte.

»Die Sache ist gewiß und wird keinen Zweifel zulassen. In der Sache »König gegen Noah Poke« bestimmte der Hof, die Strafe des Schweifabhauens sollte der Enthauptung in der Sache »Königin gegen denselben« vorgehen. Der Befehl war so ergangen, der Sünder hat also seinen Schweif verloren, mit ihm die Vernunft, ein Wesen ohne Vernunft ist immer für non compos mentis gehalten worden, und daher nach den Landesgesetzen nicht befähigt, an Leib oder Leben Strafe zu leiden.«

»Eure Einrede hat was für sich,« bemerkte der Oberrichter, »aber dem Gerichtshof müssen erst die Thatsachen vorgelegt werden. Bei der nächsten Sitzung werdet Ihr vielleicht besser vorbereitet sein.«

»Ich bitte, Mylord, zu bedenken, daß das ein Fall ist, der einen Aufschub von drei Monaten nicht wird zulassen können.«

»Wir können das Princip in einem Jahr so gut wie heute entscheiden, und wir haben heut' länger gesessen,« er sah nach der Uhr, »als weder gewöhnlich, angenehm, noch nützlich ist.«

»Aber, Mylords, der Beweis ist bei der Hand; hier ist ein Zeuge, um festzustellen, daß der Schweif Noah Poke's, des Angeklagten, wirklich vom Rumpf getrennt ist.«

»Ei, mein lieber Geradaus, ein Gesetzkundiger von Eurer Erfahrung muß wissen, daß die Zwölfe nur nach beschwornem Protokoll sprechen können. Wenn Ihr ein solches bereit hättet, könnten wir vielleicht vor der Vertagung es noch hören, – wie's nun steht, müssen wir es einer andern Sitzung aufsparen.«

Ich war nun in kaltem Schweiß, ich konnte genau den besondern Geruch des brennenden Schweifs riechen, und nachdem die Asche davon gehörig in Noah's Antlitz geworfen worden, blieb kein weiteres Hinderniß für die Vornahme der Enthauptung übrig; der Spruch hatte ja nur, wie man sich erinnern wird, gerade zu diesem Zweck sein Antlitz auf seinen Schultern gelassen. Mein Geradaus jedoch war kein Gesetzesmann, der sich durch einen so einfachen Fallstrick zu Boden werfen ließ. Er ergriff ein Papier, das schon von einer gehörigen Advokatenhand zu einem andern Zweck beschrieben worden und zufällig vor ihm lag, und las es ohne Pause oder Anstoß, wie folgt:

»Königin gegen Noah Poke.

»Königreich Springhoch, Nüssezeit, am vierten des Monds:

»Erschien persönlich vor mir, Meditation, Lord Oberrichter des Gerichtshofs Königs-Bank: John Goldenkalb, Baronet, aus dem Königreich Großbritanien, der, nachdem er gehörig beeidigt worden, erklärt und sagt, nämlich: Daß er, der besagte Deponent, zugegen und Zeuge gewesen von der Entschweifung des in dieser Sache Beklagten, und daß der Schweif des besagten Noah Poke oder Nr. 1, Meergrün wahrhaft und physisch von seinem Leibe getrennt worden. – Und weiter sagt dieser Deponent nichts. Unterzeichnet u.s.w.«

Nachdem mein Geradaus sehr fließend das vorstehende Protokoll verlesen, das nur in seinem Kopf existirte, verlangte er, der Hof solle meine Erklärung zu Wahrheit annehmen.

»John Goldenkalb, Baronet,« sagte der Oberrichter, »Ihr habt gehört, was eben vorgelesen worden; beschwört Ihr dessen Wahrheit?« – »Ja!«

Nun wurde das Protokoll vom Lord Oberrichter und mir unterzeichnet, und gehörig einregistrirt. Ich erfuhr später, das von Geradaus bei dieser merkwürdigen Gelegenheit gebrauchte Papier sei kein andres gewesen, als die Noten selbst, die der Oberrichter über einen der Beweise in dem fraglichen Fall sich aufgesetzt hatte, und als er die Namen und die Aufschrift des Processes gefunden, und da er überhaupt seine eigne Hand nicht gut lesen konnte, habe dieser oberste Beamte der Krone sehr natürlich vorausgesetzt, Alles sei recht. Die Übrigen der Gerichtsbank waren in zu großer Eile nach ihrem Mittagessen, um sich aufzuhalten und Protokolle zu lesen, und so ward die Sache sogleich durch folgenden Beschluß entschieden:

»Königin gegen Noah Poke u.s.w. Zu Recht erkannt: daß der Schuldige als non compos mentis betrachtet und entlassen werde, unter Aufstellung von Bürgschaft, für's Uebrige seines natürlichen Lebens Friede zu halten.«

Ein Diener ward sogleich auf den Platz mit dieser Lossprechung geschickt, und der Hof erhob sich. Ich zögerte noch ein wenig, um für Noah die nöthigen Anerkennungen zu machen und zugleich die am vorigen Tag für sein Erscheinen vor Gericht geleistete Bürgschaft zurückzunehmen. Nachdem diese Formalitäten gehörig durchgemacht waren, eilten Geradaus und ich auf den Richtplatz, um unserm Schützling Glück zu wünschen, wo denn Geradaus sich nicht wenig auf seinen Erfolg einbildete, der, wie er versicherte, seiner Erziehung nicht wenig Ehre machte.

Wir fanden Noah nicht wenig erleichtert durch seine Befreiung aus den Händen der Philister, auch blieb er gar nicht in Darlegung seiner Freude über die unerwartete Wendung zurück, die die Dinge genommen. Nach seiner eignen Darstellung der Sache setzte er keinen höheren Werth auf sein Haupt, als jeder Andre; doch sei's bequem, eins zu haben; hätte er sich nothwendig davon trennen müssen, so zweifle er nicht, er hätte es männlich gethan, und bezog sich dabei auf die Geistesstärke, womit er das Abhauen seines Schweifs erlitten; er werde sich nun wohl in Acht nehmen, künftig jemand als im Besitz eines Gedächtnisses oder sonst etwas anzuklagen, und er sähe jetzt die Vortrefflichkeit der weisen Gesetzbestimmungen ein, die einen Verbrecher ausmerzten, um eine Wiederholung seiner Vergehen zu verhindern; er beabsichtige nicht, länger am Ufer zu bleiben, und glaube an Bord des Wallrosses weniger der Versuchung ausgesetzt zu sein, als unter den Monikins, und seine eignen Leute wolle er bald wieder im Schiff haben, da sie jetzt schon vierundzwanzig Stunden ohne ihr Pökelfleisch gewesen, Nüsse aber nur eine ärmliche Kost für Vordermast-Leute seien. Philosophen möchten von Staatsverfassung sagen, was sie wollten, nach seiner Meinung sei der einzige wirkliche Tyrann auf der Erde der Magen; er erinnere sich nicht, je einen Streit mit seinem Magen gehabt zu haben, – und er hätte deren tausend gehabt, – wo dieser nicht den Sieg davon getragen; es wäre seltsam, den Titel Lord Oberadmiral abzulegen, aber es sei leichter, diesen abzulegen, als das Haupt; was den Schweif betreffe (sei es auch angenehm, mit der Mode fortzugehen), den könne er gut entbehren, und käme er nach Stonington, so wolle er im schlimmsten Fall von einem Sattler dort sich mit einem eben so guten Muster versehen lassen, als er verloren; aber Madam Poke würde gewiß großen Anstand genommen haben, wenn er nach seiner Enthauptung nach Haus gekommen; es wäre vielleicht gut, so bald, wie möglich, nach Springniedrig zu segeln, denn in jenem Land, höre er, seien die Stümpfe Mode; er wolle aber nicht lange in Springhoch herumschlendern, er könne dann wie andre Leute sich tragen; er trage niemanden etwas nach, er vergebe aufrichtig jedem, nur nicht Bob, von welchem er mit Gottes Hülfe volle Genugthuung haben wolle, ehe das Schiff vierundzwanzig Stunden in See sein würde.«

Dahin gingen die gewöhnlichen Bemerkungen Kapitän Poke's, während wir nach dem Hafen schritten, wo er sich einschiffte und an Bord des Wallrosses ziemlich eilig ging, da er vernahm, daß unsre Unteradmirale und Kapitäne wirklich dem Zug der Natur gefolgt und alle zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren, schwörend, sie wollten lieber Theerjakobs in einem gut proviantirten Schiff, als König von Springhoch mit Nüssen sein.

Der Kapitän hatte nicht sobald im Besitz seines Hauptes das Boot betreten, als ich meinem Geradaus für die geschickte Art meinen Dank sagte, in der er meinen Mitmenschen vertheidigt hatte, und zugleich den scharfsinnigen und wahrhaft philosophischen Unterscheidungen des juristischen Systems von Springhoch einige wohlverdiente Lobsprüche machte.

»Spart Euern Dank und Eure Lobsprüche, ich bitte, Sir John!« erwiederte der Brigadier, als wir in meine Wohnung zurückgingen. »Wir machten es so gut, als die Umstände erlauben wollten; indeß wäre unsre ganze Vertheidigung zu Schanden geworden, hätte der oberste Richter nicht glücklicher Weise seine eigne Handschrift nicht lesen können. In Hinsicht der Grundsätze und Formen der Monikin'schen Gesetze, – denn darin ist Springniedrig Springhoch sehr ähnlich, – die seht Ihr in diesen zwei Processen ganz so, wie wir sie haben. Ich gebe sie nicht für fehlerfrei aus, im Gegentheil, ich könnte selbst Verbesserungen andeuten, aber wir machen's mit ihnen, so gut wir können; ohne Zweifel habt Ihr Menschen Gesetzbücher, die besser Probe halten.«

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