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Die Monikins

James Fenimore Cooper: Die Monikins - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Monikins
year1835
publisherJ. D. Sauerländer
translatorCarl Friedrich Meurer
seriesCooper's sämmtliche Werke
addressFrankfurt
senderwww.gasl.org,www.gaga.net
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20050816
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Viertes Kapitel.

Ueber die Demuth der professionellen Heiligen. – Eine Reihenfolge von Schweifen. – Eine Braut und ein Bräutigam und andre himmlische Dinge, – Diplomatie mit einbegriffen.

Da ich bemerkte, daß Brigadier Geradaus einen beobachtenden Geist hatte und ganz erhaben über den Sektengeist war, welcher so leicht eine besondre Klasse allen andern feindselig macht, bat ich ihn um Erlaubniß, von seiner Bekanntschaft Nutzen ziehen zu dürfen, und ersuchte ihn zu gleicher Zeit, mich mit einigen Bemerkungen zu erfreuen, wie sie eben seine höhere Weisheit und großen Reisen ihm eingeben würden, besonders in Hinsicht der Gewohnheiten und Ansichten, die unsre gegenwärtige Lage uns natürlich vorbringen mußte. Der Brigadier nahm das Verlangen gut auf, und wir gingen zusammen durch die Gemächer. Da der Erzbischof von Aggregation, der die Verlobungsfeierlichkeiten begehen sollte, in Kurzem erwartet wurde, bewegte sich natürlicher Weise die Unterhaltung um den allgemeinen Zustand der Religion im Monikins-Land.

Es freute mich, daß die geistlichen Dogmen dieses abgeschiednen Theils der Welt ganz und gar auf Grundsätzen basirt waren, die mit denen der ganzen Christenheit im Einklang standen. Die Monikins glauben, daß sie eine erbärmliche, verlorne Art Wichte sind, die von Natur so erniedrigt worden, so ganz aufgezehrt von Neid, Unbarmherzigkeit und allen andern bösen Leidenschaften sind, daß es ganz unmöglich für sie ist, etwas Gutes durch sich selbst zu thun, daß ihre einzige Hülfe die moralische Dazwischenkunft jener großen höheren Macht der Schöpfung sein muß, und daß der erste nöthige Schritt von ihnen selbst der ist, sich gänzlich dieser Macht mit einem gehörigen Sinn der Abhängigkeit und Demuth zur Unterstützung hinzugeben. Als Folgesatz dieser Gemüthsstimmung legen sie die äußerste Mißachtung der Eitelkeiten der Welt an den Tag, eine gehörige Bezähmung der Lüste des Fleisches und ein gänzliches Entsagen der Pracht und Ruhmredigkeit, der Eitelkeit, des Reichthums, der Macht und geistiger Fähigkeiten. Kurz, das Einzige, was Noth thut, ist Demuth – Demuth – Demuth. Sind sie ein Mal gedemüthigt bis zu einem Grade, der sie der Gefahr des Rückfalls überhebt, dann erhalten sie Blicke und Ahnungen der Sicherheit und erheben sich allmählig zu den Hoffnungen und Stufen der Gerechten.

Der Brigadier ließ sich noch beredt über diese interessante Materie aus, als eine ferne Thür sich öffnete und ein goldner Stock oder sonst ein Stock den ehrwürdigen Vater in Gott, seine Gnade den erhabnen und seligen Prälaten, den mächtigen und drei Mal gebenedeiten und glorreichen Heiligen, den Primaten von ganz Springhoch verkündete.

Der Leser wird sich die eifrige Neugierde denken, mit der ich vorschritt, um einen Blick von einem Heiligen unter einem so sublimirten System, als das der Monikin-Familie ist, zu erhalten. Da die Civilisation so große Fortschritte gemacht, daß sie Jedermann, selbst bis zum König und zur Königin, gänzlich jeder besondern Kleidung beraubte, konnte ich mir nicht recht denken, unter welchen neuen Mantel der Einfachheit die Häupter der Kirche sich geflüchtet haben könnten. Vielleicht rasirten sie alle Haare von ihren Körpern, zum Zeichen ausserordentlicher Selbsterniedrigung, und machten sich nackt bis auf die Haut, um durch das blose Ansehn schon zu zeigen, welch eine arme, ungewinnende Art Wichte sie fleischlich betrachtet wären, oder vielleicht gingen sie auf allen Vieren zum Himmel, zum Zeichen ihrer Unvermögenheit, zur Gegenwart derer, die reinen Herzens sind, in einer geraderen und vertrauenderen Stellung vorzudringen. Nun, diese meine Einbildungen zeigten nur, wie falsch und irrig die Schlüsse eines Wesens sind, dessen Fähigkeiten noch nicht erhöht und verkettet worden durch den Scharfsinn einer sehr verfeinerten Bildung. Seine Gnade der ehrwürdige Vater in Gott trug einen Mantel von besondrer Feinheit und Schöne, dessen Stoff aus jedem zehnten Haar von allen Bürgern von Springhoch bestand, die sich sehr gerne scheeren ließen, damit nur die Bedürfnisse seiner erhabensten Demuth gehörig befriedigt würden. Der von solchem Stoff und solchem Beitrag gewobene Mantel war natürlich sehr weit und groß, und es schien mir wirklich, der Prälat wisse nicht recht, was mit dem so Vielen anfangen, besonders da zu den Beiträgen auch noch ein neues Kleid jährlich gehört. Es verlangte mich nun, seinen Schweif zu sehen; denn da ich wußte, daß die Springhocher auf die Länge und Schönheit dieses Anhängsels viel halten, setzte ich natürlich voraus, daß ein Heiliger, der aus lauter Demuth ein so schönes und herrliches Gewand trüge, zu irgend einem neuen Mittel seine Zuflucht nehmen müsse, um sich wenigstens in diesem fühlbaren Punkt zu kasteien. Ich fand: der weite Umfang des Mantels verbarg nicht allein die Person, sondern auch die meisten Bewegungen des Erzbischofs, und mit vielen Zweifeln am Erfolg führte ich den Brigadier hinter den bischöflichen Zug, um zu rekognosciren. Der Erfolg täuschte wieder alle Erwartung. Statt eines Schweifs zu ermangeln oder den, womit die Natur ihn versehen, unter dem Mantel zu bergen, trug der gnädige Würdenträger nicht weniger, als sechs, seinen eignen nämlich und noch fünf andre, die er sich durch seine Mittel klerikalischen Scharfsinns, die ich nicht weiter erklären will, beigelegt hatte. Der eine war, wie der Kapitän es später in einer Unterhaltung darüber beschrieb, auf den andern geneigt. Diese außerordentliche Schleppe ließ er den Boden berühren, – das einzige Zeichen von Demuth nach meinen ungebildeten Begriffen, das ich an der Person und dem Aeußern dieses hohen Vorbilds klerikalischer Abtödtung und Demuth entdecken konnte.

Doch der Brigadier belehrte mich bald eines Bessern. Erstlich zeigte er mir, wie die Hierarchie von Springhoch durch die Ordnung ihrer Schweife verherrlicht werde; so trüge ein Dechant einen und einen halben, ein Pfarrer, wenn er wirklich im Amt, einen und zwei Drittel, und ein Rektor zwei, ein Dekan zwei und einen halben, ein Archidekan drei, ein Bischof vier, der Primat von Springhoch fünf und der Primat von ganz Springhoch sechs. Der Ursprung der Sitte, die sehr alt und folglich sehr geachtet wäre, würde der Lehre eines Heiligen von großem Ruf zugeschrieben, der genügend dargethan, daß, da der Schweif der intellektuelle und geistige Theil eines Monikin wäre, er, je weiter von der materiellen Masse oder dem Körper entfernt, auch offenbar unabhängiger, konsequenter, logischer und geistiger sein müsse. Die Idee hatte sich zuerst erstaunend verbreitet; aber die Zeit, die selbst einen Schweif abnutzt, hatte ein Schisma in der Kirche über diesen interessanten Punkt erzeugt, indem die eine Partei behauptete, zwei Anhängsel mehr müßten zur Stütze der Kirche dem Schmuck des Erzbischofs hinzugefügt werden, und die andre der Meinung war, im Wege der Reform sollte man zwei ohne Aufschub abschneiden.

Diese Mittheilungen wurden durch die Erscheinung der Braut und des Bräutigams an verschiednen Thüren unterbrochen. Die reizende Chatterissa trat mit viel einnehmender Bescheidenheit vor; ihr folgte ein glorreicher Zug von Edeldamen, alle, nach einer strengen Ordnung der Hochzeits-Gesetze, die Augen auf die Füße der Königin gerichtet. Von der andern Seite schritt Mylord Chatterino, von jenem Pinsel Hochschweif und andern seines Gelichters begleitet, mit hohem Vertrauen, wie es dieselbe Etikette vom Bräutigam erheischte, gegen den Altar vor. Die beiderseitigen Theile waren nicht so bald an ihren Stellen, als der Prälat begann.

Die Vermählungs-Feierlichkeit ist nach der Formel der bestehenden Kirche von Springhoch eine sehr feierliche und ergreifende Handlung. Der Bräutigam muß schwören, daß er die Braut liebt und nur die Braut, daß er sie nur gewählt hat ihrer hohen Eigenschaften wegen, ohne selbst von ihrer Schönheit gerührt worden zu sein; daß er in soweit seine Neigungen beherrschen will, daß er zu keiner Zeit eine andre auch nur ein wenig liebe. Die Braut ihrerseits ruft Himmel und Erde zu Zeugen an, daß sie Alles thue, was der Bräutigam von ihr verlangt, daß sie seine Leibeigne, seine Sklavin, sein Trost, sein Entzücken sein will; daß sie ganz gewiß ist, kein andrer Monikin könne sie glücklich machen, daß sie vielmehr weiß, jeder andre werde sie elend machen. Als diese Pfänder, Eide und Versicherungen gehörig geleistet und angenommen worden, verband der Erzbischof das glückliche Paar, indem er sie mit seinem episkopalischen Schweif umringelte, und dann wurden sie als Monikin und Monikina ausgerufen. Ich gehe über die Glückwünsche hinaus, die ganz nach der Regel waren, um eine kurze Unterredung, die ich mit dem Brigadier hatte, zu erzählen.

»Sir,« sagte ich zu ihm, sobald der Prälat Amen gesprochen hatte, »wie ist das? Ich habe selbst ein Certifikat gesehen, woraus erhellt, daß ein gehöriges Anpassen dieser Vereinigung nach ganz andern Rücksichten, als hier erwähnt, vorausging.«

»Dies Certifikat hängt mit der jetzigen Handlung nicht zusammen.«

»Und doch verwirft diese Handlung alle im Certifikat aufgezählte Rücksichten.«

»Diese Handlung hängt mit jenem Certifikat nicht zusammen.«

»So scheint es; und doch beziehen sich Beide auf dieselbe feierliche Verpflichtung!«

»Euch die Wahrheit zu sagen, Sir John Goldenkalb, so haben wir Monikins (denn hierin ist Springhoch Springniedrig) zwei verschiedne leitende Principien in Allem, was wir sagen und thun, ein theoretisches und ein praktisches (ein moralisches und ein unmoralisches könnte man es auch nicht übel benennen); nach dem erstern ordnen wir alle unsre Interessen, bis es zur Handlung kommt, wo wir uns dann alsbald nach dem letztern richten. Es mag vielleicht in solch einer Anordnung etwas Inkonsequentes liegen; aber dennoch sagen die Geschicktesten unter uns, daß es gut wirke. Bei den Menschen, ohne Zweifel, findet sich nicht so viel Widerspruch und Verlegenheit.«

Ich trat nun vor, der Gräfin Chatterino meine Ehrfurcht zu bezeugen; sie stand gelehnt auf die Gräfin-Wittwe, eine Dame von vieler Würde und Anstand im Benehmen. Sobald ich erschien, verschwand der erzwungene Anschein von Blödigkeit von dem Antlitz der Braut, ihr Blick verrieth ein natürliches Vergnügen, als sie, zu ihrer neuen Mutter gewandt, mich ihr als einen Menschen darstellte. Die höfliche alte Wittwe empfing mich sehr gütig, und fragte, ob ich genug gute Sachen zu essen hätte, ob ich nicht sehr erstaunt über die Menge der fremdartigen Dinge wäre, die ich in Springhoch sähe, sagte, ich müsse ihrem Sohn sehr dankbar sein, daß er mich habe mit herüber nehmen wollen, und lud mich ein, sie an einem schönen Morgen zu besuchen. Ich verbeugte mich voll Dank und kehrte dann wieder zum Brigadier zurück, um vielleicht bei'm Erzbischof eingeführt zu werden. Ehe ich jedoch meine Zusammenkunft mit diesem frommen Prälaten beschreibe, muß ich erwähnen, daß dieses das letzte Mal war, daß ich etwas von den Chatterinos sah; da sie sich sogleich nach beendigtem Glückwunsch zurückzogen. Ich hörte jedoch, kurz bevor ich das Land verließ, was etwa einen Monat nach der Vermählung geschah, daß das edle Paar getrennt lebte, entweder wegen einer Unverträglichkeit des Charakters, oder wegen eines Gardeoffiziers; ich erfuhr nie recht, welches von beiden; indeß da die Besitztümer für jeden von beiden so gut paßten, leidet es im Ganzen keinen Zweifel, daß die Vermählung so glücklich war, als nur immer erwartet werden konnte.

Der Erzbischof empfing mich mit viel professionellem Wohlwollen, und die Rede kam natürlich auf eine Vergleichung zwischen den gegenseitigen religiösen Systemen von Großbritanien und Springhoch. Er freute sich, als er hörte, wir hätten eine Staatskirche, und ich glaube, dieser Nachricht verdanke ich es, daß er mich mehr wie seines Gleichen behandelte, als er sonst wohl in Betracht der Verschiedenheit unserer Gattungen gethan haben würde. Dadurch ward ich sehr aufgemuntert; denn bei'm Beginn der Unterredung hatte er mich ein wenig über die Lehre ausgefragt, worin ich gar nicht bewandert bin, da ich nie vielen Antheil an der Kirche genommen, und so schien er mir zornig über einige meiner Antworten auszusehen. Aber als er hörte, daß wir wirklich eine National-Kirche hätten, schien ihm Alles geborgen; auch fragte er hernach nicht ein Mal, ob wir Heiden wären oder Presbyterianer. Aber als ich ihm sagte, wir hätten auch eine Hierarchie, glaubte ich, der gute Prälat wollte mir die Hand abschütteln und mich auf der Stelle selig preisen.

»Wir werden uns eines Tags im Himmel treffen,« rief er voll heiligen Entzückens aus, »Menschen und Monikins, es kann bei dem allen keinen großen Unterschied machen; wir werden uns im Himmel treffen, und zwar in den obern Behausungen.«

Der Leser kann sich denken, daß als Fremder und sonst Unbekannter ich sehr stolz auf die Auszeichnung war. In den Himmel zu kommen in Gesellschaft des Erzbischofs von Springhoch war an und für sich keine geringe Begünstigung; aber auch am Hof so von ihm ausgezeichnet zu werden, war gewiß genug, die Philosophie eines Fremdlings zu übertäuben. Ich war indeß die ganze Zeit über sehr in Angst, er möge in's Einzelne gehen und einige wesentliche Punkte der Unterscheidung zwischen uns finden, die denn seine Bewunderung geschwächt hätte. Hätte er mich z.B. gefragt, wie viele Schweife unsre Bischöfe trügen, wäre ich vernichtet gewesen; denn, so weit ich wußte, beruhte ihre Größe auf etwas Anderm. Der ehrwürdige Prälat gab mir indeß bald seinen Segen, drang arg in mich, in seinen Palast zu kommen, bevor ich absegelte, und versprach, einige Abhandlungen durch mich nach England zu schicken; worauf er schnell wegeilte, um, wie er sagte, einen Bannspruch gegen einen unordentlichen Presbyter zu unterzeichnen, der vor Kurzem sehr die Eintracht der Kirche durch einen Versuch gestört hatte, ein Schisma einzuführen, das er Pietät nannte.

Der Brigadier und ich besprachen uns über Religion etwas ausführlich, als der hohe Prälat sich entfernt hatte. Er sagte mir, die Monikins-Welt sei so ziemlich in zwei gleiche Theile getheilt, in die alte und neue. Die letztere sei unbewohnt geblieben, bis nach vielen Menschenaltern gewisse Monikins, die sich für zu gut gehalten, um in der alten Welt zu leben, in Haufen ausgewandert und sich für sich in der neuen niedergelassen. Dies, gestand der Brigadier zu, war die Springniedriger Erzählung von der Sache; die Einwohner der alten Länder dagegen behaupteten einstimmig, sie hätten die neuen Gegenden durch Ausscheidung aller derer bevölkert, die für ihre Heimath nicht paßten. Diese kleine Dunkelheit in der Geschichte der neuen Welt hält er von nicht großem Belang, da solche kleine Verschiedenheiten immer aus dem verschiedenen Charakter der Geschichtschreiber folgen. Springhoch sei gar nicht das einzige Land in den ältern Monikin'schen Gegenden; es gäbe z. B. noch Springauf und Springab, Springüber und Springdurch, Springlang und Springkurz, Springrund und Springunter.

Alle diese Länder hätten eine Staatskirche; aber Springniedrig, nach neuen Staatsgrundsätzen gegründet, habe keine. Der Brigadier selbst jedoch meinte, im Ganzen seien die Hauptfolgen der zwei Systeme, daß die Länder mit einer Staatskirche einen großen religiösen Ruf, und die ohne dieselbe zwar wohl die Sache selbst, aber einen sehr mittelmäßigen Ruf in der Beziehung hätten.

Ich fragte den Brigadier, ob er nicht glaube, eine Staatskirche habe die wohlthätige Wirkung, die Wahrheit aufrecht zu erhalten dadurch, daß sie Ketzerei unterdrücke, hervorsprudelnde theologische Phantasieen einschränke und abschneide, und sonst den Neuerungen Schranken setze. Mein Freund stimmte in all diesem nicht ganz mit mir überein, obwohl er freimüthig zugab, daß es zwei Wahrheiten nicht aufkommen ließe, da es sie trennte. So habe Springauf andere religiöse Dogmen in seiner Kirche, und Springab behaupte das Gegentheil davon. Durch das Getrennthalten dieser beiden Wahrheiten werde freilich die religiöse Harmonie befördert, und die einzelnen Diener des Evangeliums könnten alle ihre Aufmerksamkeit auf die Sünden der Gemeinde richten, statt sie auf die gegenseitigen Sünden ablenken zu lassen, was sehr leicht der Fall wäre, wenn sich ihnen ein gegenkämpfendes Interesse gegenüberstellte.

Kurz nachher entließ der König und die Königin uns alle. Noah und ich kamen durch den Haufen ohne Gefährdung unsres Schlepps, und trennten uns im Vorhof des Palastes, er, um sich zu Bett zu begeben und von seinem Prozeß am folgenden Morgen zu träumen, und ich, um mit dem Richter Volksfreund und dem Brigadier nach Hause zu gehen, da sie mich zu einem Nachtessen bei sich eingeladen hatten. Man ließ mich schwatzen mit dem Letztern, da der Andre in sein Kabinet sich zurückzog, um über die Begebenheiten des Abends einen Bericht an seine Regierung zu entwerfen.

Der Brigadier war etwas sarkastisch in seinen Bemerkungen über die Vorfälle des Kabinets. Er, als Republikaner, gab freilich gerne dem Königthume und Adel manch Mal gelegentliche Seitenhiebe, obwohl ich diesem würdigen, aufrichtigen Monikin die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß er weit erhaben über die gemeine Feindseligkeit war, die nur zu Viele seiner Kaste auszeichnet und auf einem einfachen Grunde beruht, nämlich weil sie selbst nicht Könige und Adlige werden können.

Während wir sehr angenehm, ganz nach unserer Bequemlichkeit und, so zu sagen, im Negligée plauderten, der Brigadier mit seinem Stumpf und ich mit Beiseitlegung meines Schweifs, kam Richter Volksfreund mit seiner offenen Depesche in der Hand zu uns zurück. Er las zu meinem großen Erstaunen, was er geschrieben, laut vor. Ich hatte mich gewöhnt, diplomatische Mittheilungen immer für heilig zu halten. Aber der Richter bemerkte, in diesem Fall sei es aus zwei sehr guten Gründen unnöthig, das Geheimniß zu bewahren. Erstlich sei er genöthigt gewesen, einen gewöhnlichen Springhocher Schreiber zum Kopiren zu gebrauchen, denn seine Regierung beobachte eine edle republikanische Sparsamkeit, welche ihr begreiflich mache, daß, wenn sie durch das Verrathen ihrer Korrespondenz in Schwierigkeiten käme, sie doch immer noch das Geld hätte, das ein Schreiber gekostet haben würde, und das ihr wohl aus der Verlegenheit helfe. Zweitens aber wisse er auch, die Regierung selbst würde sie drucken lassen, sobald sie angekommen. Er seiner Seits liebe, seine Werke gedruckt zu sehen, und so ward mir selbst vergönnt, eine Abschrift vom Brief zu nehmen, welcher hier folgt.

»Sir!

»Der Unterzeichnete, außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister der Nordwestlich-Springniedrig-Konföderation hat die Ehre, den Staatsekretär zu benachrichtigen, daß unsere Interessen in diesem Theil der Erde im Allgemeinen auf dem besten Fuß stehen, unser Nationalcharakter wird täglich mehr und mehr erhaben, unsre Rechte mehr und mehr geachtet, unsre Flagge mehr und mehr bekannt auf jeder See. Nach diesem schmeichelhaften und ruhmvollen Bericht über den Stand unsrer allgemeinen Angelegenheiten, beeile ich mich, folgende interessante Einzelnheiten mitzutheilen.

»Der Vertrag zwischen unsrer geliebten Nordwest-Conföderation und Springhoch ist in allen seinen Artikeln nicht geachtet worden, neunzehn Springniedrig-Matrosen sind in ein Springdurch-Kriegsschiff gepreßt worden, der Springauf-König hat mit einem sehr ungeeigneten Theil seiner Person eine unzweideutige Demonstration gegen uns gemacht, und der König von Springüber sieben unserer Schiffe wegnehmen, verkaufen und den Werth davon seiner Maitresse geben lassen.

»Sir, ich wünsche Ihnen Glück zu dieser sehr schmeichelhaften Lage unserer auswärtigen Angelegenheiten, die nur der glorreichen Konstitution zugeschrieben werden kann, deren gemeinsame Diener wir sind, und der gerechten Furcht, die der Springniedrig-Name so allgemein andern Nationen einstößt.

»Der König hat so eben ein Lever gehalten, bei welchem ich Sorge trug, daß unserm geliebten Lande die gehörige Ehre erwiesen wurde. Mein Schweif war wenigstens drei Zoll länger, als der des Gesandten von Springauf, des in diesem wichtigen Stück am meisten von der Natur begünstigte Ministers, und ich füge mit Vergnügen hinzu, daß Ihre Majestät die Königin mich eines gnädigen Lächelns würdigte. An der Aufrichtigkeit desselben kann nicht gezweifelt werden, Sir; denn, wenn es auch gehörig nachgewiesen ist, daß sie vor Kurzem gewisse ungeziemende Worte gegen unser heißgeliebtes Land sich erlaubte, würde es doch über alle Regeln diplomatischer Höflichkeit hinaussein und unbewiesen bleiben, wollten wir ihre königliche Aufrichtigkeit bei gegenwärtiger Gelegenheit in Zweifel ziehen. In der That, Sir, bei allen neuern Levers habe ich Lächeln von der aufrichtigsten und ermuthigendsten Art erhalten, und nicht allein vom König, sondern auch von seinen Ministern, besonders seinem erstgebornen Vetter; und ich hoffe, sie werden den wohlthätigsten Einfluß auf die zwischen dem Königreich Springhoch und unserm geliebten Lande noch obschwebenden Fragen haben. Wenn sie uns jetzt nur in der wichtigen Angelegenheit der schon so lange anhängigen und so lange vernachlässigten Entschädigung Recht widerfahren lassen wollten, die wir doch schon seit den letzten zweiundsiebzig Jahren so oft vergeblich bei ihnen erbeten haben, könnte ich sagen, unsere Verbindungen stünden mit ihnen auf dem besten Fuß.

»Sir, ich wünsche Ihnen Glück über die tiefe Ehrfurcht, mit der der Springniedrig-Name in den entferntesten Theilen der Erde ausgesprochen wird, über den wohlthätigen Einfluß, den dieser glückliche Umstand über alle unsere wichtigen Interessen ausüben muß.

»Ich sehe nur wenig Wahrscheinlichkeit, den Zweck meiner besondern Mission zu erreichen; indeß muß großes Gewicht auf die Aufrichtigkeit des Lächelns des Königs und der Königin und der ganzen königlichen Familie gelegt werden.

»In einer neulichen Unterhaltung mit Sr. Majestät erkundigte sie sich auf die gütigste Art nach der Gesundheit des Groß-Sachem (dies ist der Titel des Ober-Haupts von Springniedrig) und bemerkte, daß unser Wachsthum und Glück alle andere Nationen beschämte, und wir bei jeder Gelegenheit uns auf die tiefste Achtung und beständige Freundschaft von ihrer Seite verlassen könnten. Kurz, Sir! alle Nationen, nah und fern, verlangen nach unserm Bündniß, sind begierig, neue Handelsquellen zu eröffnen, und haben für uns die tiefste Ehrfurcht und unverletzlichste Achtung. Ihr könnt dem Groß-Sachem sagen, daß dies Gefühl unter seiner Verwaltung sich außerordentlich erhöht und sich wenigstens vervierfacht hat während der Dauer meiner Sendung. Wenn Springhoch nur seine Verträge halten und Springdurch aufhören wollte, unsre Seeleute wegzunehmen, wenn Springauf größere Achtung vor den Gebräuchen guter Gesellschaft hätte, und der König von Springüber nicht mehr unsre Schiffe wegnehmen wollte, um seine Maitresse mit Taschengeld zu versehen, dann könnten unsre ausländischen Verhältnisse als völlig tadellos angesehen werden. Wie's nun ist, Sir, sind sie weit besser, als ich hätte erwarten können oder in der That sie zu finden hoffte; und einer Sache können Sie diplomatisch gewiß sein, daß wir allgemein geachtet sind, und der Springniedrig-Name nie erwähnt wird, ohne daß alle zusammen sich erheben und mit ihren Schweifen wedeln.

(Unterzeichnet) Judas Volksfreund.

»Theurer Herr! Wenn Sie diese Depeschen veröffentlichen, so lassen Sie die Stelle weg, wo die Schwierigkeiten wiederholt erwähnt werden. Ich bitte Sie, zu bemerken, daß mein Name mit denen der andern Patrioten gegen die periodische Rotation des kleinen Rads ist, da ich gewiß genöthigt sein werde, bald nach Hause zurückzukehren, nachdem ich alle meine Mittel verzehrt habe. In der That, die Ausgabe für Unterhaltung eines Schweifs, wovon unsre Leute keinen Begriff haben, ist so groß, daß ich meine, keine unsrer Missionen sollte über eine Woche dauern.

»Ich würde besonders rathen, daß die Botschaft sich sehr über den hohen Standpunkt des Springniedrig-Charakters bei fremden Nationen verbreite; denn, um frei mit Ihnen zu sprechen, die Thatsachen verlangen, daß dies so oft wie möglich erwähnt werde.«

Als dies Schreiben gelesen war, kehrte die Unterhaltung zur Religion zurück; der Brigadier erklärte, daß das Gesetz von Springhoch verschiedene Eigenthümlichkeiten in dieser Hinsicht habe, die ich mich nicht erinnere früher gehört zu haben. So konnte kein Monikin geboren werden, ohne etwas an die Kirche zu bezahlen, – eine Uebung, die ihn frühe in seine Pflichten gegen jenen wichtigen Zweig der allgemeinen Wohlfahrt einweihte, und selbst wenn er starb, ließ er eine Zahlung für den Pfarrer zurück als eine Ermahnung für die, welche noch im Fleisch blieben, ihre Verpflichtung nicht zu vergessen. Er fügte hinzu, dieses heilige Interesse werde auch wirklich so streng gewahrt, daß, wenn ein Monikin sich weigerte, sich für einen neuen klerikalischen. oder episkopalischen Mantel plündern zu lassen, es eine Methode, ihn mit roth glühenden Eisenruthen zu schlagen, gebe, die gewöhnlich so sehr seine Haut versengten, daß er gemeiniglich gern die Haar einsammeln, nach Belieben abreißen und wählen ließe.

Ich gestehe, ich war unwillig über dies Gemälde, und zögerte nicht, den Gebrauch als barbarisch zu brandmarken.

»Ihr Unwille, Sir John, ist sehr natürlich, und ganz so, wie ein Fremdling ihn fühlen muß, wenn er Gnade und christliche Liebe und Bruderthum und Tugend, vor Allem aber die Demuth zum Paradepferd gemacht sieht des Stolzes, des Eigennutzes und des Geizes. Aber so ist's mit uns Monikins; die Menschen machen es zweifelsohne besser.«

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